April 2001                                       www.hermann-mensing.de          

mensing literatur

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So 1.04.01  00:10  (2.04.1973 monte gordo/portugal)

Herr Mensing ist tot und möchte  nicht gestört werden. Zu seiner Einäscherung sind Sie nicht eingeladen. Sie auch nicht. 

21:45

April April. 

 

Mo 2.04.01    9:05  (2.04.1973 monte gordo/portugal)

Westfälische Nachrichten 2.04.2001
"Ist ja wie wie in der Oper hier"   Hermann Mensing las aus "Sackgasse 13"

Das ist mal ein Fototermin: Keine ernst dreinschauenden Künstler oder zahnpastalächelnden Repräsentanten. Gleich eine Hand voll kleiner "Stars" badete aufgekratzt im Blitzlichtgewitter: "Boah, das macht voll Bock da reinzugucken!" und "Mehr! Mehr! Mehr!" Die wenig kamerascheuen Fünftklässler der Geistschule hatten sich ihren Medienauftritt am Freitag durchaus verdient. In zweiwöchiger Bastelarbeit hatten sie den kleinen Raum in der Kinderbücherei gestaltet. Höhepunkt: das übermannshohe Spinnennetz, hinter dem vor Beginn der Lesung der Autor Hermann Mensing in einem weißen Kokon hockte.

Nachdem die Blitzlichter verebbt waren, wurde es düster in dem nachtblauen Raum. Hie und da lugten große schwarze oder freundlich-bunte Spinnen aus der Dunkelheit. Aber die Konzentration versammelte sich auf den Mann, der im Kegel einer Leselampe saß und von der unheimlichen neuen Wohnung in der "Sackgasse 13" zu lesen begann, wo Tim mit seiner Familie gerade eingezogen war.

Man merkt dem Autor an, dass er jahrzehntlange Hörspielerfahrung hat. "Sackgasse 13", sein erstes Kinderbuch seit 1984, ist ein ideales Vorlesebuch, geradlinig, ohne Schnörkel und Albernheiten. Die Kinder und Erwachsenen quatschen so wie Kinder und Erwachsene eben quatschen. Und dem Helden kann es schon mal passieren, dass er schlaftrunken an den Gummibaum pinkelt. Kein Wunder, wenn man eine eichhörnchengroße Monsterspinne gesehen hat. Und nachts ist es "so still, dass man die Mäuse furzen hört..."

Wer hören will, muss lesen: "Sackgasse 13 (Ueberreuter Verlag, 19,80).
Mit seinem jungen Publikum steht der Schriftsteller auch auf bestem Fuß.
Den langanhaltenden Husten einer jungen Zuhörerin quittierte er mit: "Ist ja wie in der Oper hier."
Einer, der ihre Sprache spricht:
"So, viertes Kapitel, Handys ausschalten und mit dem Husten aufhören." (Uwe Rasch)



16:17

 

Wir eröffnen die Saison. Wir trinken Kaffee im Garten, schauen den Nachbarskindern zu und werden in Frieden älter. Manchmal schlabbern wir und lachen über unser Missgeschick. Wir entdecken ein neues graues Haar. Wir können mit  Zähnen wackeln. Ja. Das Leben ist schön und man darf sagen, es wird jeden Tag schöner. Auch anderen geht es so. Auch andere haben Gelenkschmerzen und lustige kleine Wehwehchen. Dabei ist die Saison noch so jung. Sie ist doch erst 52. Wie soll sie erst werden, wenn die Ressourcen verknappen? Und das Klima kippt? Ach was! Wir machen uns keine Sorgen. Wir eröffnen die Saison. Über uns das Ozonloch. Es lacht auf uns herab und wünscht uns Gutes. Gutes Loch, du gehst so stille, sagen wir...



Di 3.04.01   11:43 (3.04.1973 monte gordo/portugal)

flashback: monte gordo. aufgeregt folgte mir einer der strandhunde zu meinem schlafplatz, eine wand aufgestapelter sprudelkisten, hinter der  ich verschwand. noch lange lief er aufgeregt bellend auf und ab. heute bot mir der besitzer eines strandcafés an,  ich könne in den umkleidekabinen schlafen und gab mir den schlüssel. 

flashback: reisekosten 1972/1973 in US Dollar:

Frankfurt - New York 105.--
New York - San Diego  - San Francisco - getrampt
San Francisco - Tokyo  - Honolulu - San Francisco 405,--
San Francisco - San Diego - getrampt
Tijuana - Mexicali - Bus 2,--
Mexicali - Mexico City - 24,--
Mexico City - Acapulco Bus 5,--
Acapulco - Puerto Escondido - Bus/Fähre  7,--
Puerto Escondido - Oaxaca - Bus  3,--
Oaxaca - Guatemala - Bus  8,--
Grenze Guatemala - Grenze El Salvador - Bus 4,--
El Salvador - Nicaragua  Bus - Boot 12,--
Nicaragua - Managua - Bus 2,--
Managua - San Jose/Costa Rica  Bus 6,50
San Jose - Panama City Bus 12,50
Panama City - Medellin/Columbien  - Flugzeug  31,50  
Medellin - Cali - Bus 2,40
Cali - Piedamo - Bus 0,50
Piedamo - Silvia - Bus 0,60
Piedamo - Popayan - Bus 0,20
Popayan - Pasto - Bus 1,50
Pasto - Ipales/Grenze Ecuador - Bus 0,60
Tulcan/Ecuador - Ibarra - Bus 0,80
Ibarra - St. Pablo - Bus 0,20
St. Pablo - Quito - Bus 0,70
Quito -. Guayaquil - Bus 2,--
Guayaquil Peru/Grenze - Bus 1,40
Tumbes - Tarilla - Bus 0,60
Tarilla - Piura - Bus 0,30
Piura - Trujillo - Bus 2,10
Trujillo - Chimbote - Bus 0,60
Chimbote - Lima - Bus 1,60
Lima - Huancayo - Zug 1,10
Huancayo - Cuzco - Bus 5,--
Cuzco - Puno - Zug 3,--
Puno - Copacabana/Bolivien - Bus 1,--
Copacabana - La Paz - Bus 1,--
La Paz - Cochabamba - Bus 2,50
Cochabamba - Santa Cruz - Bus 2,75
Santa Cruz - Yacuiba/Argentinien - Zug 2,25
Yacuiba/Pocitos - Embarkation - Zug 1,--
Embarkation - Formosa - Zug 3,--
Formosa - Asuncion/Paraguay - Bus/Boot  1,50
Asuncion - Encarnacion - Zug 2,40
Encarnacion - Posadas/Argentinien - Fähre 0,50
Posada - Iguazu - getrampt
Iguazu - Cascavel/Brasilien - getrampt
Cascavel - Sao Paulo - Bus 8,--
Sao Paulo - Guaratinguatu - Bus 1,60
Guaratinguatu - Parati - Bus 1,70
Parati - Marangatiba - Boot 0,90
Marangatiba - Rio de Janeiro - Bus 0,90
Rio de Janeiro - Cadiz/Spanien - Schiff (11 Tage)  200,--
Cadiz - Sevilla - getrampt
Sevilla - Huelva - getrampt
Huelva - Albufeira/Portugal - Bus 3,--
Alubfeira - Malaga/Spanien  - getrampt
Malaga - Nerja - Bus 0,50
Nerja - Genua/Italien - Zug / Genua - Gronau - getrampt


Mi 4.04.01  9:26  (4.04.1973 alburfeira/portugal)

Um Ostern in Demut begegnen zu können, strich ich gestern unsere Küche. Heute bin ich gebeugt und erwarte, was immer mich erwarten mag. So einfach ist das also, das hätte ich nicht gedacht. Auch Erleuchtungen kommen durch Renovierungsarbeiten, nämlich: Hermann, die Türen müssten lackiert werden! Tja, bräuchte da einen Schwingschleifer mit Absaugautomatik,  wie ich ihn ständig im Fernsehen sehe. Hat einer einen? Schwingschleifer, bitte melde dich!

14:25
Nicht, dass wir bitter würden. Nein, wir sind bester Laune. Wir sind auch nicht zynisch. Wir versuchen nur klar zu sehen. Was wir sehen, erheitert uns /nicht/. Aber: heute ist ein milder Regentag. Und: wir haben Lesungen für eine Woche im September so gut wie gebucht. Und: wir bleiben hier, während andere davon fliegen. An alle Flieger daher unser ermunterndes Wort: fliegen Sie, aber denken Sie daran, einer bleibt immer zu Hause und vergisst  nicht. 

15:22
menschen: tiere: sensationen:  sie trägt weite mäntel, lange kleider, liebt kopftücher, ihr haar ist rot, schulterlang und gelockt. sie geht die straße entlang, jeden morgen zur gleichen zeit, stockt, dreht sich um, scheint etwas zu sehen, das andere nicht sehen, geht weiter, wackelt eher, denn sie geht mit nach außen gestellten füßen, unsicher oft, als wüsste sie nicht so recht, grüßt mich,  riecht immer nach rauch und alkohol. manchmal fahren sie und ihr mann in einem bonbonfarbenen porsche herum. hintendrin liegt ein schalke04 schal. ihr haus ist bis unter die decke mit puppen und messing,  kissen und tüddelkram dekoriert. wir nennen sie winnie das hexchen. 

tiere:
??? herr bozzi, ein in die jahre gekommener, kräftiger boxer, der manchmal allein spazieren geht. einmal sprach ich ihn an. er blieb stehen. er schaut immer ein wenig mürrisch drein, aber als er da so stand und mich musterte, dachte ich, dass ich meine bekanntschaft mit ihm gern vertiefen würde, bat ihn, einen augenblick zu warten (was er auch tat), ging ins haus, holte eine frikadelle und gab sie ihm. er aß sie, schaute mich nach wie vor mürrisch an, ließ sich den breiten schädel streicheln und ging seiner wege. ein paar wochen später tauchte er wieder auf. wieder rief ich ihn. wieder blieb er stehen, sah mich an und schien sich zu erinnern. ich bat ihn ins haus. er folgte ohne zögern. in der küche sagte ich ihm, er solle sich setzen, was er auch tat. ich gab ihm schinken und fleischwurst. ich glaube, seitdem sind wir freunde.


Do 5.04.01   9:53  (5.04.1973 albufeira/portugal)

flashback:
Er ist über sechzig, sitzt in einem Elektro-Rollstuhl und blickt von der Brücke auf den Kanal.  Als er uns die Böschung hinauf radeln sieht, wird er unruhig. Als wir etwa in gleicher Höhe mit ihm sind, wirft er uns einen boshaften Blick zu und startet seinen Rollstuhl. Es scheint offensichtlich. Er will ein Rennen. Er fordert uns geradezu heraus. Immer wieder wirft er diese blöd bösen Blicke über die Schulter. Wir bleiben dicht hinter ihm, wir wissen längst, dass es für ihn wichtig ist, vorn zu sein. Wir spielen sein Spiel, allerdings gestatten wir uns eine kleine Abweichung. Als er Höchstgeschwindigkeit fährt, überholen wir ihn.  Er blickt uns gehässig an. Wir lassen ihn hinter uns. Wir hören das Surren des Elektromotors. Wir beschließen, uns zurückfallen zu lassen. Er kommt wieder näher und überholt uns. Die nächste Weggabelung trennt  uns. Er ist verrückt, sagt sie. Hmm, ich glaube auch, antworte ich. Wir nähern uns einem Atomkraftwerk. Hohe Zäune, unnatürliche Stille, keine Menschen. Die Sonne brennt. (roermond 2000)

12:19
bruchstück1: Der Himmel? Ein Sommerhimmel. Ein blasses gespanntes Blau. Ein verwaschenes Tuch, leuchtend zum westlichen Rand. Ist die Sonne gerade untergegangen? Geht sie gerade auf? Der Himmel: ein zerfurchtes Wolkengesicht. Ein vergessener Ort über den Köpfen der Menschen. Der Himmel? Ein Ort der gekreuzten Rauchzeichen. Der Himmel? Vergessen und in Brand gesteckt. Unter ihm geht ein kleiner Mensch. He du da, schreit er. He, komm mal her. Weißt du, wie ich am Besten ans Meer komme? - Ans Meer? Das Meer ist noch weit. - Na und? Ich habe zwei Beine. - Bitte. Nur geradeaus. Irgendwann kommt immer das Meer. Erst geht man. Man setzt Schritt vor Schritt. Erst flucht man vielleicht, weil man es nicht gewohnt ist, so langsam zu sein. Aber dann übernimmt der Himmel. Er gibt den Takt. Er sagt: schau rechts und links, was siehst du? Ich sehe: Wiesen zunächst, weite Wiesen, die schon gemäht sind und jetzt nicht mehr saftig. Wiesen mit Ponyfrisuren gelber Gräser. Das sehe ich. Und hinter den Wiesen, da, wo das Land sanfte Falten wirft, sehe ich Buchen vielleicht. In anderen Breiten Tannen. Das Gestrichel von Tannen. Ihr grünschwarzes Fischgrätmuster. Und wieder woanders, du musst nur lang genug gehen, wirst du auf Birken treffen. Weiße Gestalten, die sich häuten wie von der Sonne verbrannt. Aber du willst ja ans Meer, stimmt's? Wie - du fliehst? - Du willst erst das Wasser riechen und hinterm Wasser vielleicht das andere Land? Die anderen Länder? - Warum? - Keine Antwort? - Nun gut, also wir haben gesagt, dass das Land Falten wirft, richtig? Ob  du nun fliehst oder nicht, du wirst sie vielleicht gegen Mittag erreichen. Oben am Fernsehturm, den du schon sehen kannst, gibt es ein Café. Dort wirst du rasten können. Man wird dich vielleicht fragen, woher du kommst und wohin du gehst. Man wird sich wundern. Man wird sagen, dass man das Meer doch nicht zu Fuß erreichen kann. Man wird behaupten, es sei doch um so vieles einfacher, sich in den nächsten Zug zu setzen. Oder noch einfacher: das Auto zu nehmen. Natürlich, sagst du. Natürlich. Und trinkst faden Kaffee. Und gehst weiter. Siehst schon tief im Tal diese enormen Kirchtürme. Dein nächstes Ziel auf dem Weg zum Meer.


flashback freitag  6.04.1973 albufeira/portugal
kroch aus der höhle. die wellen schlugen hoch. der mond hing hinter zerzausten wolken. ich hatte geträumt.  ich zog mich aus und warf mich ins wasser. 


Sa 7.04.01  15:32 (7.04.1973 albufeira/portugal)
Sollte der Tod sein gemeinstes Spiel mit dir treiben, dich halbseitig lähmen, dich verwirren, sollte er dich an den Rand des Abgrunds führen, aber nicht hinunter stoßen, verpflichte ich mich, dich zu töten. Gut, sagte er. Gehen wir zum Rechtsanwalt. Verpflichten wir uns dieses Liebesbeweises. Bleibt die Frage, wie wir es tun? 

20:12
Gestern vorm Auftritt beim Jubiläum des Freiherr vom Stein Gymnasiums. Spielte mit der Elternband Another Brick in the Wall, Still got the Blues, So lonely und When I'm 64. Konnte das nicht verhindern.



So 8.04.01  12:08   (8.04.1973 albufeira/portugal)

Tutto nel mondo è burla. (1)

17:02
Es genügt nicht, Erfolg zu haben. Es müssen auch noch alle Freunde und Zeitgenossen scheitern. So sind wir Schriftsteller, auch wenn wir alles daransetzen, nicht so zu sein. (2)


Mo 9.04.01    9:53 (9.04.1973 albufeira/portugal)

Letzten Samstag. 20:34.  Buslinie 20. Auf dem Weg in die Stadt. Wir sitzen bequem. Teenies auf dem Weg ins Vergnügen krakelen aufgeregt oder tippen SMS in ihre Mobiltelefone. An der Haltestelle Schelmenstiege steigt ein Mann unseres Alters zu. Er ist mittelgroß, hager, hat dunkles Haar, einen verwirrten Blick und ist sehr sehr anwesend. Er zahlt und setzt sich hinter uns. Chris sträuben sich die Haare. Ich spüre seinen Blick im Nacken. Er sitzt da zurückgelehnt, scheinbar teilnahmslos. Wir kennen den. Er hatte in unserer Vergangenheit zu tun. Möglich, dass er den Absprung aus der Szene nicht geschafft hat. Vielleicht glaubt er immer noch, was Hippies damals fröhlich verkündeten.  

18:09
"...Nationalismus, also nationale Selbstbespiegelung und Selbstanbetung, ist sicher überall eine gefährliche geistige Krankheit, fähig, die Züge einer Nation zu entstellen und hässlich zu machen, genau wie Eitelkeit und Egoismus die Züge eines Menschen entstellen und hässlich machen. Aber nirgends hat die Krankheit einen so bösartigen und zerstörerischen Charakter wie gerade in Deutschland, und zwar, weil gerade "Deutschlands" innerstes Wesen Weite, Offenheit, Allseitigkeit, ja, in einem bestimmten Sinne, Selbstlosigkeit ist. Bei anderen Völkern bleibt Nationalismus, wenn sie davon befallen werden, eine akzidentielle Schwäche, neben der ihre eigentlichen Qualitäten erhalten bleiben können: In Deutschland aber, wie es sich trifft, tötet gerade Nationalismus den Grundwert des nationalen Charakters. Dies erklärt, warum die Deutschen - in gesundem Zustand zweifellos ein feines, empfindungsfähiges und sehr menschliches Volk - in dem Augenblick, wo sie der nationalistischen Krankheit verfallen, schlechthin unmenschlich werden und eine bestialische Hässlichkeit entwickeln, deren kein anderes Volk fähig ist: Sie, und gerade und nur sie, verlieren durch Nationalismus alles, den Kern ihres menschlichen Wesens, ihrer Existenz, ihres Selbst. (Seite 210 ff.) (3)


Di 10.04.01       9:48  (10.04.1973 torremolinos/spanien)

    

Erschreckte zwei Damen zu Tode, störte die Aufführung von Puccinis  "Leben der Bohéme" nachhaltig und veranlasste einen Polizisten, in die Luft zu schießen. Allerdings war mir kalt. 

13:28  
Beim Dolce Vita in Rom.


Vorher mit Pasolini in Ostia. Wollten nun bei Fellini weiter saufen. Würden Anita mitnehmen, die im Trevi Brunnen badete. 

17:32
Cut.


Mi 11.04.01    17:15  (11.04.1973 torremolinos/spanien)

Sie verreisen jetzt? -  Stellen Sie sich vor, wie sie ankommen und alle sind längst da. Wie schön für sie. Wie schön auch die Vorstellung, alle jeden Tag begrüßen zu dürfen. Beim Frühstück etwa. Oder am Strand.  Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest. Ein Fest, dessen Sinn mir längst entfallen ist. Führte man den Herrn nicht in die Gaskammer und ist diese nicht seither in jedem Gotteshaus an exponierter Stelle zu finden. Grau gestrichen, sechseckig, darin ein Stuhl, darauf der Herr kotzgrün vom Ersticken. Schöne Aussicht. INRI. 


Do 12.04.01  00:57   (12.04.1973 torremolinos/spanien)

Medea im kleinen Haus. Erst die klassische, dann die Müller Version. Die Bühne ganz kahl, der Boden mit Altglassplit belegt, der gleiche Split, den T. für manche Skulpturen braucht. Die Müller Version kam mir vor wie eine Improvisation über das Thema.Vor mir ein Mann, der nach Jahren,  Schweiß, Seife und schlechtem Parfüm roch. Neben mir zwei Frauen, die noch reden und tuscheln und reden, als Jason und Medea längst zu spielen begonnen haben. Auf den Beleuchterböden Kollegen von damals, als ich da rumkroch im Staub und mich vorbeugen musste, um vor der Vorstellung Scheinwerfer zu richten,  Farbscheiben einzusetzen, Kabel zu stecken und Strahler zu sichern.  
T.s  letzte Skulptur, 96 im Kunstverein E., war ein großer Stahltisch, auf dem Glassplit zu einem Damm getürmt war. An der Kopfseite des Raumes eines von seinen Bildern. Nichts als Gelb in sich schneidenden Schichten. T. ist ein Meister.   

10:15 
Meine Mutter wird 94.

11:50
Wer wissen will, wo er steht, muss weit gehen. 

21:13
Ein Kind haben, das ist keine geringe Sache. Erst durch ein Kind ist der Mensch unrettbar in die Welt verflochten, in die gnadenlose Kette der Verursachungen und Folgen. Man ist haftbar. Man gibt nicht nur das Leben weiter, sondern den Tod, die Lüge, den Schmerz, die Schuld. (aus: Franz Werfel "Eine blassblaue Frauenschrift")


Fr 13.04.01  9:05  (13.04.1973 nerja/spanien) 
vereinzelt vallen vneevlocken vom virmament.


Sa 14.04.01      14:10    (14.04. golgatha)
              

Hing nicht richtig. Irgendjemand hatte die Nägel falsch eingeklopft. Liege jetzt und werde wohl auferstehen. Was bliebe mir anderes übrig. Die Erwartungen sind groß und ich werde mich fügen. Weiß auch schon, wie       ich das mit dem Fels vor der Höhle hinkriege, damit keiner es merkt. Die werden staunen. 

21.24
Sie alle dürfen mich. 

22:47
Schnee hat seinen Atem in betrügerischer Absicht auf Narzissen gehaucht. Forsytien und Magnolien tuscheln aufgeregt. Neu ist das nicht. 


So 15.04.01  9:09  (15.04.1973 nerja/spanien)

This is my church. This is, where I heal my hurts. (4)


Das Glockenläuten fallenden Schnees bis tief in die Nacht. Heute früh das graue Dämmern eines geknebelten Frühlingstages.

18:21
Nun etwas Ernstes: Ernstes. 


16.04.01    9:47  (16.04.1973 nerja/spanien)

Frühstück.

10:22
bruchstück2: der himmel hat hinweise für dich. du sollst links abbiegen und dann geradeaus gehen. also folgst du einer landstraße. du hörst kühe, schweine, schafe und hunde. über dir lärchen. unter dir fadenscheinige schritte auf dem weg zu meer. es könnte ein traum sein. ein auto überholt dich. es reißt eine staubfahne hoch. hier, genau hier bist du schon einmal gewesen. einmal, als du ganz klein warst. und dann später wieder.  

16:18
1. Satz (Adagio): Langsames Verblöden auf dem Land. 


Di 17.04.01   9:16 (17.04.1973 barcelona/spanien)

Why don't you all f-f-f-fade away. (5) 

10:58
ein fröhliches gedicht/ ich soll ein fröhliches gedicht  entwerfen??? // wie??? // ein glückliches gesicht / ich soll sie glücklich machen und nicht nerven??? - // nie!!! // - es ist doch allgemein bekannt, dass ich in solchen dingen kaum erfahren bin / wie können sie so etwas verlangen??? // - wie!!! // - ich sage ihnen, was ich tun kann: ich schnalle ihnen fragen auf den leib. ich.   


Mi 18.04.01    8:40  (18.04.1973 abfahrt barcelona - genua)

Regnerisch: Vielfach Regen, örtlich Gewitter. Höchstwerte bis zehn Grad, Tiefstwerte zwischen fünf und null Grad. Weitere Aussichten: nasskaltes Schauerwetter. 
menschen: an manchen tagen erschrecke ich, wenn ich ihr zimmer betrete. das kopfteil ihres bettes steht in einem winkel von fast 45 grad, ihr kopf ist vorgesunken, ihr zahnloser mund wirkt wie der obere eingang zum unteren ausgang, ihre haut ist blättrig und leer. sie spricht nicht. auf ihr liegt tiefe müdigkeit, als wolle sie jeden augenblick sterben. am nächsten tag aber ist sie wieder lebendig. am nächsten tag will sie wissen, wie es da und da war, wann das nächste hörspiel kommt und wie es nun mit dem roman steht, von dem ich ihr erzählt habe. seit sieben jahren liegt sie nun so, seit sieben jahren und klagt nie. ich bewundere sie.


Do 19.04.01   1:04

der himmel ist ein leerer, starrer raum, angefüllt mit einigen trillionen von verschiedenartigen sternsystemen. er ist die natur selbst, und wo zwischen den feuerbällen eine unermessliche leere gähnt, dort dürfte für eine sogenannte übernatur kein platz sein. auf einem unwichtigen trabanten eines der unwichtigsten sternsysteme vegetiert eine affenart, mensch genannt. die vorstellung, dass die männlichen tiere und sogar ein weibliches tier dieser kümmerlicher affenart die ebenbilder jener wesen sein sollen, die das weltall regieren (regieren, auch eine anthropomorphe ableitung), entspricht der denkart trauriger wilder, die sich zu der größten tat ihres stammes noch nicht durchgerungen haben, zum verzicht auf wunschgestalten. erst wenn die dolose, die absichtsvolle dummheit überwunden sein wird, die jedem illusionismus zugrunde liegt, erst wenn der mensch sich von der vorzeitlichen gefühlstäuschung losgesagt hat, dass seine erde mitsamt ihm selbst ein mittelpunkt sei und sein geist etwas anderes als eine durch ihre notdurft bedingte zweckmäßige funktion der materie, und wenn er sich dann endlich bescheidet, in seinem leben nichts größeres zu sehen als den physikalisch-chemisch-biologischen mechanismus, das es im wesentlichen ist, dann erst wird er anfangen, ein mensch zu sein, anstatt eines dämonengläubigen halbtiers. diese menschwerdung wird unmittelbar duldsamkeit hervorbringen, vernunftherrschaft und vernichtung aller dunklen, mörderischen triebe. (6)

14:12
flashback 19.04.1973: vom strahlenden tessiner frühling in tiefsten winter. der gotthardt-pass ist verschneit, wir frieren in südamerikanischen sandalen. gleich mit dem zug nach zürich. vielleicht von dort weiter nach basel. morgen früh an der autobahn, mit ein wenig glück bin ich dann abends wieder zu hause. 

19:15
Die Geister, die mich getrieben haben, werden von Stunde zu Stunde fadenscheiniger. Montag beginne ich mit der Arbeit. Bis dahin treibe und taumle ich noch nach Herzenslust. 


Fr 20.04.01  9:13 

flashback 20.04.1973 zürich: die nacht in einer telefonzelle der b-ebene verbracht. verfroren und unausgeschlafen. meine reise ist vorüber. andere reisen beginnen. anderen reisenden wünsche ich alles gute. man wird sie vermissen. man wird vielleicht froh sein. man beweint sie oder auch nicht. meine reise jedenfalls endet hier. wie die reisen der anderen ausgehen, steht in den sternen. 

11:39
mein leben im netz: als ich letzten monat in einem internet café am rande der vatikanstadt elektropost an unsere söhne sende, sitzt mir gegenüber ein mann mitte 30. sein dichtes blondes kraushaar ist zu einem pferdeschwanz gebunden. ich finde das @ zeichen nicht, weil die tastatur einen anderen standard hat, frage ihn auf englisch und er antwortet deutsch. wir wechseln ein paar sätze, ich jage meine mail hinaus in die welt und eh ich gehe, schreibe ich ihm meine domain auf einen zettel. zurück in deutschland erreicht mich folgende e-mail: 

Lieber Hermann Messing

Ich habe so eben mal deine Handschrift in den Browser |bertragen und versucht dein Alphabet zu entziffern. Diese Buchstaben sind ja deine Welt.
Sehr interessant dein Leben und dein Werk.
Ich werde des öfteren auf deine Page zur|ckkommen.
Hast du hier dein Tagebuch auf die schnelle ub-gedated ?
Da reicht es nach Dreckfehler:
14.03.01   13:34    (14.03.1973 an Bord der ancona auf dem weg nach Europa)
wenn ich was für dich tun kann lass es mich wissen ich bin täglich hier.
Ich melde mich auf jeden fall noch einmal bei dir .
Denn mal alles gute.
M.

Ich frage zurück, was er denn eigentlich treibe in Rom, ob er studiere oder auf Reisen sei. Darauf er:

At 12:21 PM 3/19/01 +0100, Hermann wrote:

Ciao M..
Was treibst du denn da eigentlich in Rom in diesem kleinen Internet Cafe.

Hallo Hermann.
Hab Dank für dein Interesse.
Was ich tue ? Alles mögliche.!! Ich putze das Scheisshaus, leere die
Mülleimer aus, räume auf, bringe jeden Morgen das Fahrrad mit dem nicht
genehmigten Reklameschild an die Ecke zur Via Concilliazione und riskiere
jedesmal eine Personen-Überprüfung.
Auch installiere ich Programme und die Systeme für die Betreiber, bediene
gelegentlich Kunden ( wenn ich nicht gerade zu sehr nach Schweiß stinke)
und repariere Computer. In bin, so zu sagen Mädchen für alles. Ich versuche
mich nützlich zu machen um dem Rausschmiß vorzubeugen.
Ich mach das alles ohne Entgelt um meiner Pilgerschaftsregeln treu bleiben
zu können. Als Gegenleistung habe ich eine Ecke mit Ersatzteilen die ich
meistens auf dem Flohmarkt Sonntags nach Feierabend finde und an sonsten
darf ich ans Internet wenn nicht gerade Kunden Schlange stehen.
Ich träume immer wieder davom irgend wann einmal wieder ein komplettes
System an die Missionare meiner Kirche verschenken zu können. Neulich habe
ich einen Afrikaner mit dem ersten in Italien gebauten Olivetti Computer,
dem M24, enttäuscht.
Aber ich glaube, daß man die ASCCI-Schreib-und-Lesemaschine im möglichen
Verbund mit Multimedia Computern noch schätzen lernen wird. Man kann ja
schließlich jede Web-page in TXT-Format abspeichern und wenn wirklich
wichtig die Bildchen ausdrucken. Und die ProgrammierWEBsprache des
Internets ist ja auch nur ausschließlich auf die Tasten auf dee Keyboards
beschraengt.
Ich war faste ein und ein halb Jahre Gast in einem Internet Restaurant und
habe dort  täglich mehr als 12 Stunden die kostenlosen Angebote im Internet


Lebst in Rom?
Ja ich lebe hier in der Nähe des Vatikans seit mehr als vier Jahren auf der
Straße.
Insgesamt sind es jetzt Sieben.

Studierst du?
Würde ich gern. Aber man hat mich fachmännisch zersetzt.
1982 hatte ich angefangen Human Medizin an der Freien Universität in Berlin
zu studieren. Nach einem langen schweren und entbehrlichen Weg auf dem
Zweiten Bildungsweg hatte ich mein neues Berufsziehl Arzt zu werden angehen
können. Aber die KohlLeute kamen an den Drücker und haben mich zwei Jahre
ausgehungert um mich dann vor Gericht endgültig betrügen zu können. Ich bin
Opfer einer Intrige. Man hat mich um die mit Gesetzeskraft versprochene
elternunabhängige Berufsausbildung Förderung gebracht.
Aber ich hatte dennoch nie aufgegeben. Ich war eingeschriebener Student und
habe immer irgend etwas studiert aber nicht mehr für Prüfungen gelernt. Wie
ein sturer Proletarier der seinen Lohn nicht bekommt hatte, habe ich
weitergestreikt. Es hat sich im Unterbewußtsein ein Protest ein geschliffen
den ich immer noch nicht aufgeben kann.
1992 habe ich dann angefangen an der Humboldt Universität noch zusätzlich
Zahnmedizin zu studieren aber auch da blieb mir letztendlich nur der
passive Widerstand. Dann bin ich nach Washington gegangen und habe gegen
Atomwaffen protestiert und landete dann auf dem Elektrischen Stuhl in einer
12 tätigen Abschiebefolterhaft.
Völlig ruiniert hat man mich in Frankfurt auf die Straße gesetzt. Mein
inneres Gleichgewicht wurde nachhaltig durch fortgesetzte Maßnahmen
zerstört. Ich wollte mich dann auf meine gut katholischen Wurzeln besinnen
und machte mich auf eine Pilgerschaft ans Grab des Apostel Peter.
Und weil ich fortgesetzt gestört werde bin ich immer noch hier. Eigentlich
waren nur zwei Wochen geplant, eine zum beten mit Worten und eine zum beten
ohne Worte
Oder machst du dir einfach einen schönen Tag?
Wenn ich nicht arbeiten kann fühle ich mich sehr mies. Hatte in den letzten
Jahren nur einen einzigen Tag mit Urlaubs Gefühlen.

Was den Eintrag vom 14.03. angeht.
Was jenen Eintrag angeht mußt du dir mal das komplette Datum in deiner Page
genauer betrachten.
Die Ancona war ein ziemlich heruntergekommenes Schiff, dass in der
brasilianischen Sommersaison den Amazonas befuhr, und dann auf dem Heimweg
nach Europa Reisende mitnahm. Ziemlich billig, aber eben auch entsprechend
mies.
Bin seit gestern wieder in Münster. Es schneit und es ist kalt.
Beneide euch Römer ein wenig.

Ja ich bin auch froh daß es jetzt frühlingshaft geworden ist. Die Feigen
bäume fangen an Blätter zu treiben. Diesen Winter hatte ich wenigsten eine
Schlafsack und mußte nicht alle 3 stunden aufwachen und mich warm laufen.
Ich weiß gar nicht wie all die Penner nördlich der Alpen über diese harten
Monate kommen.

Man kommt einfach besser drauf, wenn die Sonne scheint.
Ja das stimmt. Ich lebte zu lange in dunklen Berliner Hinter-Höfen ohne
Sonnenlicht. Aber hier scheint die Sonne und ich sitze in der hinteren Ecke über einem
alten Computer und zerbreche mir den Kopf waehrend draußen schon die
Touristen mit T-Shirts auf den Petersplatz stürmen.
Und schreibst taeglich ?
Hast du Reiseplaene ?
Hast du Verbindungen zum Filmverleih ? Ich suche ausgediehnte (kostenlose
oder billige) Filme mit religioesem vor allem Christlichen Innhalten aber
in Englischer Sprache.
Lass mal was von dir hoeren.
Alles Gute und Gruesse an deine Begleiterin.
M.

Verwundert schrieb ich:

Tag M.,
das ist ja eine seltsame Geschichte, die du mir da erzählst.
Ich weiß nicht recht, was ich darauf sagen soll.
Natürlich war Kohl eine Katastrophe, aber ich spüre, dass die Gründe für deinen Protest tiefer liegen. Eine Pfeife wie Kohl wird das allein nicht geschafft haben. Zudem ist die Welt ja nicht erst seit Kohl in einem erbarmungswürdigen Zustand. Ich überlege, was ich für dich tun könnte. Reich bin ich nicht, ich habe nach meinem Studium 1978 die Notbremse gezogen, bin kein Lehrer geworden, sondern habe mich ab da zögernd Schriftsteller genannt. Was auch zunächst ganz gut ging. 81 wurde unser erster Sohn geboren, C. hatte damals (und hat heute noch) einen Job als Bibliotheksangestellte bei den Erziehungswissenschaftlern der hiesigen Uni, ich versorgte das Kind (ab 85, nachdem unser zweiter Sohn geboren war- die Kinder), ich hatte 84 bei Rowohlt veröffentlicht und dachte, jetzt ginge die Post ab. Aber wie das so ist. Außer mir und ein paar anderen hatte niemand meine Arbeit bemerkt, und das ging so bis zu Anfang der 90er.
Ab da begann ich für Kinder zu arbeiten, und seitdem kommt unregelmäßig Geld ins Haus.Jetzt gibt es den ersten Roman, im Herbst den nächsten, mal sehn, was nun passiert.
Soviel zu mir.
Wir leben zu Viert hier bei Münster, uns fehlt nichts, ich spiele Schlagzeug, wenn ich nicht schreibe, ich schreibe und hoffe. Was dein Engagement für die Kirche angeht, kann ich nicht recht folgen. Es gibt keine größeren, heuchlerischen Ausbeuter als die Pfaffen. Das hat mir mein Rombesuch mal wieder bestätigt.
Dennoch - sag was du brauchst, vielleicht kann ich dir irgendetwas schicken? Irgendwelche Verbindungen knüpfen? -
Nein, zu Filmverleihen habe ich keine Kontakte.
Also - bis dann - mach's gut in Rom.
Hermann

Danach kam nichts mehr.

 

So 22.04.01    17:03

Natürlich sind sie in ihrer Einfalt erfindungsreich. Wer hätte sich denn je vorstellen können, dass sie es cool finden, Hosen zu tragen, deren Schritt ihnen in den Kniekehlen hängt. Also kann man gespannt sein auf den nächsten Generationenwechsel. Was werden die, die jetzt nicht fortrennen können, wenn Gefahr droht, mit ihren Kindern erleben? Aufregend und bunt das.

  
Mo 23.04.01   9:32

Erhielt letzte Woche einen Computer-Ausdruck des Umschlag meines nächsten Romans. Ich nehme an, viele Leute waren an dem Entwurf beteiligt, Spezialisten haben gesagt, welche Farbe wie und warum auf wen wirkt, Vertriebsleute haben ihren Senf abgegeben, Fachleute das Problem analysiert, aber niemand hat mich gefragt, niemand hat gesagt, sagen Sie mal, Herr Mensing, wie finden Sie denn den Umschlag? - Ich? - Ich finde ihn eher altbacken.  


13:14
Natürlich könnte ich beginnen. Aber ich will nicht ins Blaue schreiben. Ich will mich zurücklehnen und glücklich sein. Zurücklehnen und sagen, ich habe das und das verdient, wie jeder normale Mensch am Ende des Monats. Und - reicht es vorerst? - Ja. Es reicht. Ich habe nachgerechnet. Wenn alles kommt wie geplant, reicht es. Es muss sich nicht Jahr für Jahr verdoppeln. Es reicht jetzt schon. Also darf ich nachdenken. Also muss ich mich nicht auspressen wie eine Zitrone. Wundervoll das.

 
Di 24.04.01     9:17

Was immer Sie wollen, ich habe es. Wie wäre es zum Beispiel mit einem hervorragenden Januar 81. Oder mit einem September 93. Sehr zu empfehlen ist auch der Mai 97. - Einen Februar 85 hätten sie gern? Gut. Bitte sehr. 
"Wir beginnen unsere Reise wie schon viele vorher. Eine große Tasche voll mit Broten, Obst und Süßigkeiten. J. brennt darauf, es sich auf der Rückbank des Wagens bequem zu machen und uns über die Rücklehne ab und an Essbares zu verkaufen. Wir fahren über Aulendorf Richtung Holland, passieren die Grenze bei Knallhütte und halten Richtung Amsterdam. Es fährt sich leicht. Wir genießen die Fahrt. Nach knapp zwei Stunden rasten wir. J. isst Fritten und verschwindet zwischendurch immer wieder in einem Spielhaus in einer Ecke der Raststätte. Dann weiter. Deventer kommt in Sicht. Überschwemmte Wiesen links und rechts der Ijssel, eine große Brücke über den Fluss. Auf der Mitte der Brücke plötzlich ein Knall. Ich trete die Kupplung, will runterschalten, aber der Schalthebel lässt sich bewegen wie ein Löffel in der Suppe. Wir rollen auf dem Sicherheitsstreifen aus. Ich steige aus, sichere den Wagen, schaue unter den Motorblock. Alles ist voller Öl. Ich gehe zur Notrufsäule am Ende der Brücke. Wir werden abgeschleppt. Wir übernachten in einem Hotel in Deventer. J. malt bis in den späten Abend explodierende Motoren..." 


14:13


Absage vom ... mit den üblichen Ausreden, etwa, dass der Hörer das Staunen der Kobolde über die veränderten Umstände nach ihrem Erwachen nicht miterleben könne etc. pp. Mir hängen diese Sprüche zum Hals heraus, denn sie passen auf jeden Text. Mit weniger Erfahrung würden sie mich für Tage arbeitsunfähig machen. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Ich weiß, was ich bin und kann. Also: Frühstück. Fensterputzen. Staubsaugen. Und los. Die Sonne scheint. Diesmal reise ich in der Gegenwart. Mit dem Rad nach Mecklenbeck. Links der Dill, rechts eine 50 Jahre ältere Siedlung: Die rote Erde. Der schwarze Kamp. Auf einer Terrasse sitzt jemand in einem alten Sessel und liest. *** Beim Duesberg Park fährt ein ca. 50jähriger Mann auf einem Dreirad. Er kommt mir vor, als sei er gerade fort von zu Hause, wo er doch nur im Weg ist. Nun, außer Sicht (und außer Gefahr),  hält er an, zieht einen Flachmann aus seiner Jackeninnentasche, dreht den Schraubverschluss ab und trinkt hastig.   ***  Über eine in Spiralen aufsteigende Fußgängerbrücke nach Berg Fidel. Über die Hammer Straße ins Industriegebiet. Will diesem Elektro-Discounter meinen Besuch abstatten, diesem "ich bin doch nicht blöd..." Markt, dessen Name mir erst einfällt, als ich schon fast davor stehe. Ein Paradies für kopfloses Einkaufen mehr oder minder entbehrlicher Waren. Bin schwer beeindruckt, meine um Bruchteile verzögerte Abbildung auf einem LCD Bildschirm bei den Digitalkameras zu sehen. Wende den Kopf, schaue hin: da wendet einer den Kopf, da schaut einer hin. Ich bin doch blöd, glaube ich, und fahre weiter. *** In diesem Viertel arbeitet die Stadt. LKW werden be-  und entladen. Zwischen Baumärkten, Keramik-Großhandlungen und Lagern steht ein kleines, einfaches Backsteinhaus, das dort einmal mutterseelenallein stand, jetzt aber eingekreist, wenn auch noch nicht aufgegeben ist. Auf dem Rasen davor ein Tisch, darauf frisch gewaschene Pullover, die in der Sonne trocknen. Auf einem Stuhl eine mit Rettungsringen reich gepolsterte Frau meine Alters. Sitzt da rund und runder, während ihr struppiger grau-weißer Mischlingshund LKW verbellt. *** Im Pierhaus am Hafen. Penner füllen Wasser in einen Eimer, um ihr Bier zu kühlen, ein Vierer mit Steuermann trainiert, der Schipper eines Schleppers aus Groningen putzt die Fenster seiner Kajüte und Geschäftsleute essen Salat. Der Tag vergeht mir, der Ärger über die immer gleichen Absagen ist längst verflogen, ich konzentriere mich auf Sichtbares und hoffe, dass so das Unsichtbare erscheint. *** 

23:25


Schwerer Frühlingsregen krönt die Nacht mit lichtreflektierendem Film auf schwarzem Asphalt. Versunken vorm Bleigrau des Küchenfensters das gespenstische Rosa der erblühenden japanischen Kirsche. Müde am kreisrunden Tisch. Ich lese mich dumm. Nach Franz Werfel nun Phillip Roth: Sabbaths Theater. Ich mag das Buch nicht. 

(25.04. 01  23:13   Ich mag das Buch doch.)

 

Mi 25.04.01     13:51

Dämliches aus dem Hause Men-Sing:
furzt der vater froh triolen // flieht man stumm auf flinken sohlen. // furzt er aber cha-cha-cha // bleibt man gerne da. 
(mehr davon)

20:25

Der erste Donnerschlag des Jahres, Regen in Strömen und mein Interesse für Heinzelmänner ist heute Nachmittag auf vage Gegenliebe gestoßen.

22:55

Meru
Stahlumringt ist die Zivilisation, unter 
Regeln gebracht und scheinbaren Frieden
Durch vielerlei Täuschung; doch lebt der Mann im Denken.
Und kann, trotz seiner Angst, nicht anders
Als durch Jahrhundert um Jahrhundert rauben,
Rauben und rasen und Ruinen schaffen, auf dass er 
Das Elend der Wirklichkeit erkenne:
Ägypten, Griechenland, lebt wohl, leb wohl auch, Rom!
Ihr Einsiedler auf dem Meru oder Everest,
In nächtlichen Höhlen unterm tiefen Schnee
Oder wo der Schnee und Eiseswind des Winters
Auf ihre nackten Leiber niederpeitscht, wisset,
Dass der Tag die Nacht gebiert und eh es hell wird
Sein Ruhm und seine Monumente Staub geworden sind.

 (7)

Do 26.04.01     16:21

Wer hätte das gedacht. Gestern noch weit vor meinen Gedanken, heute schon mitten unter ihnen. Habe ein Hörspiel begonnen. Hocke seit heute früh vor den flirrenden Zeichen und versuche, eine dramatische Struktur für meine Geschichte zu finden. Mal sehn, wie das geht. Gestern Abend jedenfalls standen mir bei dem Gedanken daran noch die Haare zu Berge.

 

Fr 27.04.01    11:40

Alle Blüten ertrinken. Die japanischen Kirschen, die Magnolien, die Forsytien, die Tulpen, die Mandelbäume, die Zierpflaumen, alles alles. Für mich und für dich wird das jeden Tag neu in Szene gesetzt. Jemand gibt sich große Mühe. Und? Genießen wir es??? 

 

Sa 28.04.01   9:38

Was im Leben zählt, sind echte Freunde ... man lädt mich zum Ueberreuter Bücherbrunch am Dienstag , 29 Mai 2001 im Hotel Nikko in Düsseldorf. Man freut sich auf mein Kommen. Aha.

14:44

"...Wissen Sie, wie die Ägypter sich den Ursprung des Universums vorgestellt haben? Jedes Kind kann das in einem Lexikon nachlesen. Gott hat masturbiert. Und sein Sperma ist aufgeflogen und hat das All erschaffen.  (...) Gott als Wichser, das beängstigt Sie? Götter sind aber nun einmal beängstigend (...). Gott befiehlt einem, sich die Vorhaut abzuschneiden. Gott befiehlt einem, seinen Erstgeborenen zu opfern. Gott befiehlt einem, Vater und Mutter zu verlassen und in die Wildnis zu ziehen. Gott schickt einen in die Sklaverei. Gott kommt und zerstört - der Geist Gottes kommt herab und zerstört -, und dennoch spendet Gott auch das Leben. Gibt es in der ganzen Schöpfung etwas so Niederträchtiges und Machtvolles wie diesen Gott, der Leben spendet? (...) Lesen Sie nur einmal die Bibel, dort finden Sie alles: die abtrünnigen, götzendienerischen, blutrünstigen Juden und die Schizophrenie dieser alten Götter. Was ist die archetypische biblische Geschichte? Eine Geschichte des Verrats. Der Treulosigkeit. Immer ein Betrug nach dem anderen. (8)

 

So 29.04.01   17:46

Ich kann es. Ich kann es nicht.  Ich will es. Ich will es nicht. 

 

Mo 30.04.01   10:08

Fuhr nach H., um duftende Rosen zu kaufen. Die Blumenverkäuferin konnte mir nicht erklären, warum die Yacaranda-Rose duftet und all die anderen nicht. Fragen Sie mich nicht, sagte sie. Trotzdem habe ich Neues erfahren. Rosen sollten nie in der Sonne stehen. Sie mögen auch keine Zugluft. So sind sie nun mal. Die Stadt voller Autos. Menschen in T-Shirts. Innerhalb Stunden hatte sich eine zurückhaltende Stadt in eine sommerliche Stadt verwandelt. 

 

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Zitate: 1: Guiseppe Verdi // 2. Gore Vidal // 3. Sebastian Haffner "Geschichte eines Deutschen" // 4. Faithless  //  5. The Who "My Generation" // 5.Franz Werfel "Das Lied von Bernadette" // 7. William Buster Yeats // 8. Philip Roth "Sabbaths Theater"

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