Dezember 01                             www.hermann-mensing.de           

mensing literatur

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Sa 1.12.01    11:38

Habe es getan. Werde es wieder tun. Wenngleich es mich aller Rechte beraubt. Verlagsverträge kommen einem Verstoß gegen die guten Sitten nah. Aber da ich sie will, darf ich mich nicht beklagen. All die Jahre vorher habe ich mich ja nach nichts anderem gesehnt. Neuerdings kriege ich sie schon, eh etwas fertig ist. Komische Welt.  

14:23

Der Weihnachtskrimi hat einen Namen. Man findet ihn als neue Version genau hier.

 

So 2.12.01    18:04

Schlief bis halb zwölf. So lang habe ich seit zwanzig Jahren nicht mehr geschlafen. Ich glaube, es liegt dran, dass ich mir seit vier, fünf Wochen den Lärm dieser Welt mit Ohrstöpseln erträglich zu machen versuche. Jedenfalls hören ihn meine Ohren nicht mehr. Von meinem Körper weiß ich es nicht, aber auch der fühlt sich besser an, seit ich ihnen den Eintritt erschwere. 

21:30

Das ist ja ein großer menschlicher Aberglaube, dass man in jeder Situation etwas machen kann, und großartige Devise: Wo ein Wille, da auch ein Weg, es gibt keinen Zufall, und was da sonst noch so herumgeistert an Überlegungen. Das ist sehr optimistisch gedacht, und will ich auch bestimmt niemandem die Freude verderben, was wäre das für eine Jugend ohne ein bisschen Aberglaube. Aber Wahrheit natürlich oft ein bisschen bitterer. Da gibt es sehr viele Sätze für die positiven Überlegungen, und für die Wahrheit interessanterweise nur einen Satz, ich glaube, ursprünglich stammt der sogar aus der österreichischen Bundeshymne: "Da kann man nichts machen." Man soll nicht überheblich sein, aber unter uns kann man es ja offen aussprechen, dass wir beim "Nichts machen" einen kleinen Vorsprung gegenüber der Welt haben. (1)

 

Mo 3.12.01   17:13

Angeblich schien die Sonne heute von 8:05 bis 16:25. Aber nicht hier. Hier wurde bei Kerzenlicht still geackert. Ob es gut ausgeht? Wir hoffen doch. 

 

Di 4.12.01    11:40

Verkünde, dass ich ALLES,  was ich sonst will, heute nicht will. Heute will ich faul sein. Heute will ich versuchen, den feuchten Glanz der braunroten Dachziegel des tristen Blocks gegenüber zu genießen. Heute werde ich das Zischen der unzähligen Räder auf Autobahnasphalt in wohl-frequentes Singen verwandeln: mein Meer. Mein Regen heute: mein Nektar. Meine Faulheit heute: mein Kapital. Und die ganze Welt singt nur für mich, hat sich feucht gemacht, nur für mich, wärmt mit Mausgrau, nur für mich. Das alles erschaffe ich diesen Augenblick. Ich kann auch das Gegenteil sehen. Angenommen, ich wollte das. Aber nicht heute.  

 

Mi 5.12.01    17:40

Es ist inkontenent, es riecht nach Stuhl, es lebt noch, es ist schon gestorben, es läuft nicht, es sagt nie, was es will, es ist eine Tante. Es ist meine Tante. Da liegt sie. So hell und schon schlafen, sagt sie. Es ist noch nicht Abend, sage ich. Und so geht das jetzt und hört dann mit einem Mal auf. Ein Mal, das ich fürchte, ein Mal, nach dem ich mich sehne. Es ist so, es ist aber auch nicht so. Es ist dies und das.  

 

Do 6.12.01   21:07

Du kriegst dies, du das. Alles heute gekauft. Und gestern Abend auf einer Session getrommelt. Eine Band rückt näher. All zu lang wird es nicht mehr dauern, dann habe ich eine.

 

Fr 7.12.01   10:23

Nach Veröffentlichung der PISA Studie erhöhen deutsche Schulen ihr Niveau. Hier ein erstes Ergebnis. 

Aufgabe für Schüler der Jahrgangsstufe 10: 

PDS   SPD  

Vergleiche die Buchstabengruppen und ordne Sie. 

 

15:06

Alle Fallstricke sind gelegt, falsche Fährten gibt es die Menge, alles, was ein Detektiv wissen müsste, könnte er erfahren, wenn er nur aufmerksam genug liest, kurz gesagt: der Plot steht vor der Tür, das dramatische Finale lässt nicht mehr lang auf sich warten. 

 

Sa 8.12.01   20:41

Ich hätte nichts dagegen. 

 

So 9.12.01    13:05

Alles deutet darauf hin, dass die Phase der senilen Bettflucht, die ich in den letzten zwei Jahrzehnten durchlitt,  vorüber ist. 

19:42

Ohne amerikanische Bombardements hätte es keine Regierungsvereinbarungen für Afghanistan auf dem Petersberg gegeben. Keinen Sturz der Taliban. Auch  nicht die Freude der Menschen darüber. 

Kein Land darf ein anderes bombardieren, weil es dort Terroristen vermutet, die Anschläge auf das eigene Land verübt haben. 

Der Angriff Amerikas auf Afghanistan bleibt was er ist: Gegenterror. 

Palästinenser werden seit dem Anschlag auf die Twin Towers in den Nachrichten immer häufiger mit Terroristen gleichgesetzt. 

Israel verbreitet Terror, so lange es sich nicht aus allen besetzten Gebieten zurückzieht. Die Staatsgründung Israels war abenteuerlicher Irrsinn. Dass Angehörige einer Religion aufgrund von wirren politischen Ideen (Th. Herzl) und Bibelzitaten Land für sich beanspruchen, um dort gegen den Willen der ursprünglichen Bewohner (Menschen muslimischen, jüdischen und christlichen Glaubens)  zu siedeln, ist das Idiotischste, was ich je gehört habe. 

 

Mo 10.12.01     17:13

Außer Bügeln nichts zustande gebracht. Fahre aber nach Dortmund nachher, und hoffe, dort meine Knoten zu lösen. Mathias Bergmann (Trompete, Flügelhorn) und Volker Winck, ein Saxophonist, werden spielen, die Rhythmusgruppe kenne ich nicht. Bin gespannt.  

18:20

Es gibt wenig Schlechtes, was ich vom Menschen wie der Menschheit nicht zu sagen hätte. Und doch ist mein Stolz auf sie noch immer so groß, dass ich nur eines wirklich hasse: ihren Feind, den Tod. (2)

 

Di 11.12.01    11:24

Schwieriges Terrain. Es ist immer so, wenn ich mich dem Ende eines Romans nähere. Auch möglich, dass es am Himmel liegt, der heute in voller Wucht auf das Land stürzt und die Menschen bedrückt. Aber ich kämpfe.

14:08

An einem solchen Tag hilft nur Mut. Hat man den nicht, wäre auch ein defekter Gashahn hilfreich, eine Kugel oder ein Strick. Aber dann bräuchte man letztlich doch Mut und so wäre man wieder am Anfang, und hätte man Mut, bräuchte man auch keinen defekten Gashahn, keine Kugel und keinen Strick. So hat man nichts von all dem und wundert sich. Vielleicht  zeigt uns der Rest des Tages ja noch Alternativen.

18:54

Er hat sich nicht lumpen lassen.    

 

Mi 12.12.01   12:12

Und heute?

13:58

Dies kam  mir gestern aus heiterem Netz auf die Platte. 

 

wäre ich der osterhase, hätte ich zwei lange ohrn
wäre ich der nikolaus, wär ich nicht im märz geborn
muss ich wohl das christkind sein, gibts nichts dran zu rütteln
werde heiligabend dann  weihnachtsbäume schütteln
und wer jetzt noch zweifel hat, nicht weiß, wer ich bin
dem vermach ich dies gedicht, es vermittelt sinn.

 

Do 13.12.01   15:18

Schickte folgende Mail an die Botschaft des Staates Israel:

Sehr geehrter Herr Botschafter,
in den frühen Siebzigern habe ich eine Weile in einem Kibbuz am See Genezareth gearbeitet und Land und Leute kennen gelernt.
Damals wusste ich wenig über die Gründung und Geschichte des Staates Israel. Heute weiß ich einiges mehr und bin entsetzt, wie Israel mit den ursprünglichen Bewohnern dieser Region umgeht. Nicht Palästina übt Terror, es ist Israel, das Terror ausübt, indem es Land, das historisch von muslimischen, christlichen und jüdischen Menschen bewohnt war, für sich beansprucht hat.
Ich bin weit davon entfernt, Israel das Existenzrecht abzusprechen, aber die Basis, auf der Ben Gurion Israel proklamiert hat, ist mehr als zweifelhaft, deshalb tut es weh, zu sehen, mit wie wenig Verständnis die israelische Regierung auf den Zorn der Palästinenser, die sich als Verfolgte im eigenen Land fühlen, reagiert.
Das, was ihre Regierung praktiziert, unterscheidet sich kaum noch von dem faschistischen Terror, den meine Vorfahren an Ihnen verübt haben.
Und die Spirale der Gewalt dreht sich immer schneller.
Mit der Hoffnung auf baldigen Frieden für alle Menschen verbleibe ich mit freundlichem Gruß
 
Hermann Mensing

Fr 14.12.01   11:11

Schweres Motivationsgeschütz überall. Schießen aus allen Rohren. Schließlich weiß man jetzt, wer es war. Man kann es beweisen. Endlich ist man wieder der Retter der Welt. Und mir gelingt nicht einmal der erste Satz, mit dem ich meinen Kopf für heute aus der Schlinge ziehen könnte. Ich glaube, ich melde mich freiwillig. 

20:11
Was < Solidarität eigentlich genau heißt?! : "'Tis a greek invocation to call fools into a circle!" (3)

Sa 15.12.01  17:17

Wie bitte? 

Mo 17.12.01 
  10:58

Neblig trüb. Die Menschen stehen Schlange, um das neue Geld in der Hand zu halten. Ich kaufe vier Startsäckchen. Zu Hause packe ich eines aus. Die Münzen liegen fremd in der Hand und sind nichts als Metall. Bis jetzt verbinde ich mit ihnen nur den nicht ungefährlichen Gang zur Sparkasse, denn die Bürgersteige waren trügerisch. Mal ging man problemlos, dann war der Boden von spiegelglattem Schmier überzogen. Vielleicht passt das zum neuen Geld. Vielleicht ist das die Metapher zum Aufbruch. 
In den Augen der Menschen stand Neugier und Freude. Für viele, die ich sah, ist dies die dritte Währung. Für mich ist es die zweite. Und mir gefällt der Gedanke. Ich freue mich auf dieses Europa. Ich wünsche ihm Glück. Und ich hoffe, dass es Amerika die Stirn bietet.   

Mi 19.12.01
  14:32

Man muss die Augen offen halten. Unterm Deckmantel der Terroristenbekämpfung bereitet sich einiges vor. Greenpeace Aktivisten, die versuchen, japanische Walfischer daran zu hindern, Wale zu fischen, werden neuerdings auch Terroristen genannt. Und was man mit denen tun darf, weiß man ja. Amerika kotzt mich an. Diese Scheinheiligkeit protestantischer Frömmler schreit zum Himmel.  

Do 20.12.01
  10:13

Ich nehme: einen Morgen. Ich borge mir Sonne. Ich sage: Guten Morgen Sonne. Wie geht es? Die Sonne sagt: Ach, immer das Gleiche. Protuberanzen schleudern. Explodieren. Implodieren. Das hängt mir zum Halse raus. Ich sage: Aber schön warm ist es, oder? Ja, sagte sie, das schon. Eh ich's vergesse, sage ich, schöne Weihnachten. Danke, sagt sie und muss weiter. 
12:07

The hottest places in hell
are reserved for those who
in times of great moral crisis
maintain their neutrality.

Dante (1265-1321)

Fr 21.12.01 
  20:08

Stellen Sie sich also vor: da ist dieser Mann. Er ist 52 Jahre alt. Er hat zwei Kinder. Er schreibt. War er faul in den letzten Jahrzehnten? - Nein, war er nicht. - Er hat für den Rundfunk etwa 20 Hörspiele und Rundfunkerzählungen geschrieben, er hat mehrere Romane für Kinder veröffentlicht und vier weitere mit Verträgen auf die Zukunft unter Dach und Fach.  Kann so ein Mann eine Familie ernähren? - Nein. Kann er nicht. Er kommt noch nicht einmal auf den Mindestsatz der Sozialhilfe. Ist er also verrückt, dass nicht aufhört, zu schreiben? - Wahrscheinlich. Aber er kann nichts anderes. 

Sa 22.12.01
  

Ja: Scheiße.

Mo 24.12.01
  14:08

Sie haben geglaubt, sie kämen ungeschoren davon? - Lächerlich. - Niemand kommt ungeschoren davon. An anderen Tagen vielleicht, heute nicht. Heute steigen alle Lügen zum Himmel, heute wird jede Geste zur schlechten Parodie auf alle Gesten, mit denen Sie jemals versucht haben, vorzutäuschen, das Leben sei doch erträglich. Heute ist jeder Satz hohl. Heute steigert sich die Heuchelei in Höhen, die Schwindel erregen. Heute wäre ein Tag, den man aus dem Bewusstsein der Menschen radieren könnte und alle würden aufatmen. Frohe Weihnachten. 


 

Mi 26.12.01    13:12

Feierten ein fröhliches Fest... 


 

beim Trommeln von Blackbird..... 
und Lesen des Großen Gesangs  über Weihnachtsmänner

 


Außerdem traten auf: 
ein Nasenflötenorchester und Christian L. an der Gitarre. 

19:40 
Verehrte Leser!
Plötzlich und völlig unerwartet ereilte H. Mensing eine schwere post-weihnachtliche Depression. Um ihn aufzumuntern, schicken Sie ihm bitte eine mail mit wahlweise folgendem Text:
Ja, ihre Arbeiten sind großartig!
Ja, Sie sind ein wunderbarer Liebhaber!
Ja, beiliegend überweise ich Ihnen Euro .......,--

Sollten Sie dieser Bitte nicht nachkommen, wird H. Mensing sein Netztagebuch zum Jahresende schließen.  

 

Do 27.12.01   16:49

Bisher eingegangene Mails: 2.825. Tenor der meisten: schließen Sie's doch, Sie Idiot. 

Danke.

 

Fr 28.12.01        11:33

Plötzlicher Meinungsumschwung (wohl unter dem Eindruck der seit heute früh überall explodierenden Sprengkörper). Tenor: Lieber Herr Mensing. Wir würden Sie sehr vermissen. 

Ach ja? 

16:33

Es ist so weit. 

Die Wahnsinnigen des Jahres 2001 sind gewählt. 

Es sind (punktgleich): 

George W. Bush, Osama bin Laden und Ariel Sharon. 

Allen wünsche ich ein baldiges Ableben. 

19:33

Die dummen Fragen: Habe ich alles richtig gemacht? Bin ich ein guter Mensch? Sind Hämorrhoiden erblich? 

Die kluge Antwort: Ja.  

 

Sa 29.12.01  20:52

Essen, Trinken, Kiffen, Verdauen. Das muss man durchstehen. 

 

So 30.12.01    14:02

Schön wäre es, Müßiggang zu genießen. Wo ich doch Genießer bin. Stattdessen: na Sie wissen schon. 

15:12

Dies zum Jahresende:

Kein Geschriebenes ist geheim genug, dass ein Mensch sich darin wahrhaftig äußern dürfte. (4)

21:12

Dann kamen Gäste, dann wurde Kaffee getrunken, dann wurde Essen aufgetragen, dann kamen mehr Gäste, dann saß man und rauchte, dann gingen die einen, die anderen  blieben, Nacht strich übern Dezemberarsch und vereiste letzte Gedanken, dann wurde es leer, ich schreibe, dann werde ich lesen, dann schlafen, dann überlebe ich oder nicht. 

 

Mo 31.12.01   10:04

Gestern Abend beim Versuch, drei Kinder gleichzeitig zu tragen:

 

11:00

Liebes verdattertes Volk,

erhielt heute den Frühjahrkatalog des Ueberreuter Verlages. Darin die Ankündigung für meinen neuen Roman "Flanken, Fouls und fiese Tricks".  Wusstest du, dass ich "aktuelles (zum) Thema Fußball" liefere, "brandheißes (zum) Thema Fremdenfeindlichkeit, dass mein Roman "Problembewältigung lernen" verspricht, über ein "lustiges Fußball-Glossar" verfügt und an einer "großen Ueberreuter-Betz-Fußballaktion" teilnimmt? - Nein? - Ich auch nicht.  Ginge es nach mir, stünde dort: Der neue Mensing. Überragend. Mehr nicht. 

Also: Vorsatz für's nächste Jahr: höchste Weihen. Umsatzrekorde. Wahnsinnsweiber überall. Säckeweise Euro. 

Guten Rutsch.  

Wegen Größenwahns vorübergehend geschlossen. 
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1. Wolf Haas "Wie die Tiere" Rowohlt 2001 //  2. Elias Canetti "Die gerettete Zunge" Fischer Taschenbuch 2000 // 3. Arno Schmidt "Das steinerne Herz" Historischer Roman aus dem Jahre 1954 nach Christi Fischer Taschenbuch // 4. Michael Roes "Rub'al Khali - Leeres Viertel" Gatza bei Eichborn 1996 //

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