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Hermann Mensing

Illustrationen: Luise Schniggendiller

 

Gustav Klimperbein



 

Groß ist er nicht.
Klein ist er nicht.
Dumm ist er nicht, und blöd ist er schon gar nicht.
Aber dick, dick ist er! Fast so dick wie ein Bär.

Sein Name ist Gustav Klimperbein!

 

 

Er wohnt in einem Haus in einer sehr großen Stadt.
Das Haus
sieht aus wie ein Zwerg unter Riesen.

Die Türen sind blau wie das Meer,
die Fenster gelb wie Sonnenblumen,
und das Dach ist rot, wie die Sonne am Abend.

 

Auf der Straße ist um ihn herum alles groß.
Groß und schlank. Die Häuser, die Autos, die Menschen, sogar die Hunde, die ausgeführt werden.
Und alle sind schwer beschäftigt.



Gustav findet dicke Bäume schön, an die man sich schmiegen kann, dicke Autos, in denen viel Platz ist, dicke Hunde, mit denen man rumtollen kann und dicke Sparbücher, damit man nie arm ist.
Er liebt er dicke Flugzeuge, dicke Schiffe, dicke Butterbrote, dicke Dicke und dicke Bettdecken.







Am allerliebsten liebt er seine dicke Mama,
seinen dicken Papa, seinen dicken Papagei und seine drei dicken Goldfische.



Das alles wäre in Ordnung,
gäbe es da nicht ein Problem: die Dünnen verspotten ihn!









Gustav Wackelbauch
rufen sie, wenn er den Schulhoff betritt!
Gustav Klimperschwein auch.
Gustav Klimperbauch manchmal.
Gustav Wackelbein ab und an.
Aber am liebsten rufen sie Gustav Wackelbauch!



Sein Bauch wackelt tatsächlich beim Laufen, aber das macht Gustav nichts. Gustav liebt ihn.
Wenn er mit der Hand draufhaut, macht es Bumm.
Wenn er mit zwei Händen draufhaut, Bumm Bumm (Klar??!!),
aber wenn er ganz schnell draufhaut,
klingt es, wie ein wildes Gewitter.

 

Das ist Gustav Klimperbeins bester Trick.
Wenn er den vorführt, verstummen die Spötter!

 

 

Aber immer nur kurz.
Dann geht das wieder los!
Da macht es auch nichts,
daß Gustav Klimperbein schwimmt wie ein Fisch im Wasser.




Klar! sagen die Dünnen. Fett schwimmt oben!

Und noch weniger macht es, daß Gustav freundlich ist.
Freundliche Dicke lassen sich nämlich viel besser verspotten.

Wackelbauch!
Klimperschwein!
Alles muß versteckt sein!

So klingt das, wenn Gustav den Schulhof betritt.

Und wenn der Lehrer nicht aufpaßt,
kommt es auch vor, daß man Gustav
von hinten eins mit dem Lineal auf den Kopf knallt.


Laßt das doch, bitte! sagt Gustav
Gustav Klimperbein! ruft der Lehrer. Halt endlich den Mund!

Wenn es schellt,
packt Gustav seine Siebensachen zusammen,
und sieht zu, daß er Land gewinnt.


Es fällt ihm schwer, den Spott zu ertragen.
Aber erzählen will er niemand davon.
Nicht mal Mama und Papa.
Er will eine Lösung finden, aber für sich ganz allein.

Er grübelt und grübelt.
Es stimmt, denkt er, ich bin dick!
Aber was wäre, wenn alle dick wären?
Würde man dann die Dünnen verspotten?

Am nächsten Tag probiert er das aus.
Hans Lange, Bohnenstange! ruft er,
als Hans auf den Schulhof kommt.
Christa Nagel, Stangenspargel!
ruft er, als er Christa sieht.
Willi Mürrer ist ein Dürrer!
ruft er, als Willi mal wieder zu spät kommt.



Hans, Christa und Willi
starren Gustav entgeistert an.
Was hast du gesagt? sagt Hans.
Meinst du mich? sagt Christa.
Sag das nicht noch mal! droht Willi.
Aha! denkt Gustav.
Jetzt wissen sie, wie das ist.
Aber in der großen Pause
haben sie es schon wieder vergessen.

Gustav Klimperbein
steht allein in einer Ecke des Schulhofs.
Ich muß mir etwas anderes einfallen lassen! denkt er

Aber was?



Ignorieren! ruft da eine Stimme in ihm.
Igno - was?
Rieren! ruft die Stimme erneut.
Ig - no - rie - ren!
Nicht hinhören!
Weghören?
Den Buckel runterrutschen lassen!
Finito!
Vielleicht wäre das einen Versuch wert ...


Den ganzen Nachmittag
hockt Gustav auf den Treppenstufen
vor der blauen Vordertür und überlegt.
Ringsum summt und brummt die Stadt.
Eine Stadt, die unentwegt rennt und schafft,
rackert und ackert, macht und tut.

Als der Abend sich über die Stadt senkt,
schlüpft er durch die Hintertür in den Flur,
schleicht die Treppe hoch,
geht in sein Zimmer und sperrt innen zu.

Gustav! ruft seine Mutter.
Keine Antwort.
Gustav, was treibst du da oben?
Komm, wir wollen zu Abend essen.
Gustavs Magen
knurrt wie ein hungriger Löwe,
doch Gustav hat beschlossen,
in seinem Zimmer so lange weiter zu denken,
bis er weiß, was er tun muß.

Aber dann kommt sein Vater
und überredet ihn, die Tür aufzusperren.
Was ist denn los? fragt er.
Grrrrrrr! macht Gustav.
Ärger?
Grrrrrrr!
Großer Ärger?
Jau! sagt Gustav.

Und weil das so gut getan hat,
erzählt er seinen Eltern die ganze Geschichte.
Oi, oi, oi! sagt sein Vater und kratzt sich den Kopf.



Verdammt! sagt seine Mutter.
Blubb blubb blubb!
sagen die dicken Goldfische,
die in einem bauchigen Glas auf der Fensterbank stehen.
Ja bitte. Bei Klimperbein! kreischt der Papagei.


Plötzlich ertönt vor der Tür
ein furchterregendes Gebell.
Die Familie Klimperbein erstarrt.
So etwas Fürchterliches
hat sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gehört.
Die Goldfische schwimmen wie verrückt Kreise.
Der Papagei versteckt seinen Kopf zwischen den Flügeln.
Gustavs Vater sieht sich entgeistert um.
Gustavs Mutter kichert nervös.

Dann ist es einen Moment still!
So still, wie es in einem kleinen Haus
mit blauen Türen und gelben Fenstern in einer großen Stadt nur sein kann.

Sooooooooo still.
Die Goldfische vergessen zu atmen.
Der Papagei fällt vor Schreck von der Stange.
Die Welt hält den Atem an.

Ich seh' mal nach, was da los ist! sagt Gustav.
Er hat kein bißchen Angst.
Er geht einfach zur blauen Vordertür und öffnet sie.

Und dann sieht er ihn!
Den Dürren!
Den Spindeldürren!
Den Großen!
Den Riesengroßen!
Den Furchterregenden!
Den Allerfurchterregendsten Hund aller Zeiten.

Dieser Hund sitzt da.
Sitzt da wie bestellt und nicht abgeholt.

Gustav starrt ihn an.
Der Hund starrt zurück.

Gustav sagt: Guten Tag.
Wuff! sagt der Hund und beginnt freudig zu wedeln.

Keine Gefahr! ruft Gustav ins Haus.
Es ist ein Hund. Er ist freundlich.
Allerdings ist er ein bißchen sehr groß!

Komm! Sagt Gustav.
Der Hund drängt an Gustav vorbei
und marschiert in die Küche.

Da - da ist ja das Hundchen!
sagt Gustavs Mutter erschrocken.
Das Hundchen
stellt sich auf die Hinterbeine, legt seine Vorderpfoten auf ihre Schultern und schlappt ihr mit der Zunge einmal quer durch's Gesicht.
Iiiiiii! ruft Gustavs Mutter.
Gustavs Vater kriegt keinen Ton raus.

Der Hund hat Augen so groß wie Ostereier.
Und ein Maul so groß wie das eines Zwei-Meter-Hais.
Seine Ohren sind so groß wie Spültücher.
Sein Fell ist zerzaust,
und sein Schwanz so dünn wie ein Rattenschwanz.
Wuff! macht er, setzt sich und sieht alle freundlich an.

Gustavs Vater streckt vorsichtig eine Hand aus
und streicht ihm über den Kopf.
Der Hund beginnt vor Freude zu zittern.
Gustavs Mutter starrt ihn an.
Gustav schwebt auf der siebten Wolke.
Diesen Hund wird er nie wieder fortlassen!

Er ist so dünn! sagt Gustavs Mutter.
Sicher hat er Hunger.
Wuff! sagt der Hund.

Gustav gibt ihm sein Abendessen.
Einen Teller Spaghetti mit Hackfleisch.
Der Hund macht einen Happs und der Teller ist leer.
Siehste! sagt Gustavs Mutter. Ich hab's ja gewußt.

Vielleicht ist er ausgebüxt! sagt Gustavs Vater.
Ich ruf mal das Tierheim an.
Im Tierheim kennt man diesen Hund nicht.
Bei der Polizei weiß auch niemand Bescheid.
Na gut! sagt Gustavs Vater schließlich.
Eine Nacht kann er bleiben! Morgen sehen wir weiter.

Gustav jubelt.
Der Hund hat sich eng an ihn gedrängt
und strahlt ihn mit seinen riesigen Augen an.

Klar, daß der Hund in Gustavs Zimmer schläft.
Klar, daß Gustav ihm am Abend alles von sich erzählt.
Klar, daß Gustav ihm einen Namen gibt.

Er nennt ihn Dünner!

Der Hund findet das gut.
Wenn Gustav Dünner ruft, wedelt er.
Wenn Gustav Dünner mach Platz! sagt, setzt er sich.
Wenn Gustav Dünner mach Hübsch! sagt, macht er Hübsch.

Als Gustav sich am Morgen für die Schule fertig macht,
will Dünner unbedingt mit.
Das geht nicht! sagt Gustav.
Dünner knurrt.
Wirklich! sagt Gustav.
Dünner zeigt sein gefährliches Gebiß.
Du mußt hierbleiben! sagt Gustav.
Ich bin doch schon bald wieder da.
Dünners Nackenhaar sträubt sich.
Gustav bleibt nichts anderes übrig:
er bindet Dünner an seinem Bettpfosten an.
Dünner jault, als Gustav geht.

In der Schule ist alles wie immer.
Wackelbauch!
Klimperschwein!
Alles muß versteckt sein!
rufen die Kinder.

Gustav probiert aus, was er sich vorgenommen hat:
Er hört gar nicht hin.
Er tut so, als ginge ihn das überhaupt nichts an.
Einfach ist das nicht!
Obwohl er seine Ohren auf Durchzug stellt,
bleibt doch das ein oder andere Schimpfwort darin hängen.

Aber in der großen Pause
funktioniert das Weghören schon besser.
Als Hans Lange
gerade Wackelbauch ruft,
rast ein Schatten
so grau wie die Morgendämmerung
über den Schulhof
und bleibt vor Hans stehen.

Der Schatten knurrt.
Hans Lange wird bleich.
Sein Gesicht ist ganz lang jetzt.
Der Schatten zeigt seine gefährlichen Zähne.
Hans Lange erstarrt.

Gustav hat den Schatten erkannt.
Dünner, mach Platz! ruft er.
Hans Lange setzt sich.
Nein, doch nicht du! ruft Gustav.
Hans Lange hockt auf dem Schulhof.
Dünner sitzt neben ihm.
Gustav kommt.
Dünner! sagt er. Wo kommst du denn her?

Dünner bibbert vor Freude und
reibt seine kühle Hundeschnauze an Gustavs Nase.

Hans Lange steht vorsichtig auf.
Ist das deiner, Gustav? fragt er.
Hab ich richtig gehört? denkt Gustav.
Hat er Gustav gesagt?
Ist das dein Hund? wiederholt Hans.
Nein! sagt Gustav.
Jaaaa!
Ich - ich - äh - ich weiß noch nicht!
Ja was denn nun, Klimperschwein?

Hans hat noch nicht zuende gesprochen,
als Dünner ihm schon wieder die Zähne zeigt.
Und nicht nur das!
Dünner greift sich Hans Hosenbein
und zerrt einmal kräftig daran.
So kräftig, daß Hans auf den Hintern fällt.

Guter Hund! sagt Hans flehend. Braver Hund!

Dünner, komm laß ihn! sagt Gustav.

Die Pause ist vorüber.
Dünner hockt am Schultor und wartet.
Gustav hat ihm das gesagt.
In Gustavs Klasse
dreht sich alles um Dünner.
Wo er herkommt! will man wissen.
Wie er heißt?
Wie alt er ist?
Ob er Menschen frißt undsoweiter...

Gustav erfindet Antworten:
Er kommt aus Afrika! sagt er.
Er heißt Ovambaro! sagt er.
Ovamabaro? sagen alle. Was heißt das?
Dünner! sagt Gustav.
Alle lachen.
Ja, sagt Gustav. Er kann Menschen fressen.
OGottogott! rufen alle.
Klimperschwein hat einen Menschenfresser!

Im gleichen Augenblick
ertönt von fern ein so wildes Gebell, daß alle erstarren.

Tja! sagt Gustav.
Dünner hat was dagegen, wenn ihr mich Klimperbein nennt!

Aber das ist doch nur Spaß! sagen alle.
Schöner Spaß! sagt Gustav.
Ich kann nicht drüber lachen!

Die Schule ist aus.
Dünner begrüßt Gustav.
Der dünnen Rattenschwanz peitscht hin und her.
Die großen Augen leuchten vor Freude.
Komm! sagt Gustav. Nach Hause.
Dünner bellt.
Dünner reibt seine Flanke an Gustavs Bauch.
Und dann gehen sie los.
Beide strahlen vor Glück.
Die Kinder schauen ihnen nach.
So einen Hund, den hätten sie auch gern.

 

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