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Hermann Mensing

Die Nachtwanderung

 

Die Lichtfinger des Leuchtturms kreisten über die nachtschwarze Insel und erhellten die kahlen Bäume, geprügelte, vom Wind zerzauste jämmerliche Gestalten. Für Augenblicke standen sie da wie Wesen aus düsteren Träumen, zäher als all ihre Verwandten auf dem Festland. Sie krallten sich in den sandigen Untergrund, sie kämpften mit den Stürmen, die jeden Herbst über die Insel jagten, sie gaben nicht auf. Dann wurden sie wieder vom Dunkel verschluckt. Manchmal kreuzten schreiende Nachtvögel das bleiche Licht, manchmal wehte fetzenweise Nebel hindurch.

Jan und Max kannten das. Sie wussten, dass einem unheimlich werden konnte, nachts in den Dünen, sie wussten das, weil die Insel ihr zweites Zuhause war, und weil sie mit ihren Eltern schon oft Nachtwanderungen gemacht hatten.

Sie wussten natürlich auch, dass dieser Grusel vorüberging und dass er ganz und gar ungefährlich war.

Aber sie wussten nicht, wie es sein würde, wenn sie allein unterwegs wären. Sie und ein paar Kinder aus anderen Ferienhäusern: Laura, Maike, Anna und Jogi.

Jedes Jahr trafen sie sich in den Herbstferien.

Dieses Jahr wollten sie zum ersten Mal allein auf eine Nachtwanderung gehen. Sie hatten lange gezögert, sich dann aber doch entschlossen. Schließlich waren sie groß.

Der Grund ihres Zögerns hieß Rixt van het Oerd, ein Spuk, der seit zweihundert Jahren die Insel heimsuchte. In windigen Nächten, in Nächten, in denen die Nebelbänke sich in Dünentäler hinabsenkten und alles Leben verschluckten, in Nächten genau wie dieser ging die alte Rixt um. Wahnsinnig sei sie, sagten die Leute, irre geworden an ihrem Verbrechen. Wehe dem, der sie sieht. Wehe dem, der ihr über den Weg läuft. Der Wahnsinn der alten Rixt stecke jeden an, hieß es. Noch niemand, der ihr begegnet ist, wäre unbeschadet zurückgekehrt.

Ja, ja, hatten die Kinder gesagt. Ja, ja, jaaaa.

Das könnt ihr uns nicht erzählen.

Dabei kannte jeder die Geschichte der alten Rixt.       Sie war eine alte Frau und hatte vor langer Zeit etwas getan, was Brauch war auf Nordseeinseln: sie hatte bei Sturm ein Irrlicht an den Strand gesetzt, damit sich die Schiffe verfuhren und in der mörderischen Brandung zerbrachen.

Am Morgen würde sie hingehen und sich am Strandgut bereichern. Rixt hatte das vorher schon oft getan, aber an jenem Morgen nach jener Nacht fand sie ihren ertrunkenen Sohn zwischen den Trümmern eines gestrandeten Schiffes.

Vor Jahren war er mit den Walfängern hinausgefahren, jetzt war er zurückgekehrt, und sie hatte ihn auf dem Gewissen.

Darüber hatte sie den Verstand verloren.

Sie war alt geworden, aber nie wieder hatten dieser furchtbare Schatten ihren Verstand verlassen. Seit ihrem Tod spukte sie in stürmischen Nächten über die Insel.

Und ihr wollt wirklich allein gehen?

Ja!!! hatten Jan und Max großspurig gesagt, das schaffen wir schon. Natürlich würden sie das schaffen, was sollte auch schon passieren auf einer Insel, die sie wie ihre Westentasche kannten.

Regen hing in der Luft, als sie sich mit den anderen Kindern am Spielplatz trafen. Die Lichtfinger des Leuchtturms tasteten sich durch Nebelbänke und schon auf dem Dünenweg hüllte der Nebel die Kinder in ein dichtes Gespinst, das alle Geräusche verschluckte.

Plötzlich war die Welt eng und klein geworden.

Wohin man auch schaute, alles war fort und man hätte glauben können, man befände sich in einem unguten Traum. Man läuft, ohne vom Fleck zu kommen. Etwas will einen greifen. Man spürt die kalte Hand, man kann die knochigen Finger sehen, die brüchigen langen Fingernägel, man hat immer gerade so viel Vorsprung, dass die Finger einen nicht greifen können, aber man weiß, dass man ihnen nicht entkommt.

Dazu das vorbeiwehende Irrlicht des Leuchtturms. 

Da diesmal kein Papa in der Nähe war, blieben die Kinder dichter beisammen als sonst. Keiner sagte, wie sehr er sich jetzt schon gruselte, alle waren noch lauter und ausgelassener als sonst. Sie wollten den alten Weg gehen: hinauf zur Engelsmandüne, durch das Vogelschutzgebiet an Pfahl Fünf vorbei auf den weiten Strand, von dort am Wasser entlang zum Westend und wieder nach Hause.

Hört ihr die Regenwürmer husten - ähää ähäää, wenn sie durchs dunkle Erdreich ziehn - zsssssst, wie sie sich winden und dann verschwinden auf Nimmer-nimmer-Wiedersehn...... sangen sie so laut sie konnten, lachten und schwenkten ihre Taschenlampen, als sie den mit Rindenmulche belegten Weg zur Engelsmandüne hochliefen. Sie waren ein wenig außer Atem, als sie oben anlangten, und jeder wusste, dass sie von dem Augenblick an, wo sie auf der anderen Seite hinabliefen, den Kontakt zur von Menschen bewohnten Welt verlieren würden....

den Rest der Geschichte findet ihr in:

Grauen, Grusel & Co. Ueberreuter Verlag Wien 2001.

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