Oktober 2004                             www.hermann-mensing.de                                

mensing literatur

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Fr 1.10.04   10:32

Ob Jaki träumte? - Er wusste nicht recht. Es fühlte sich jedenfalls anders an. Es fühlte sich an, als träume er, dass er träumt. Aber was war das denn dann für ein Zustand? Wach sein nannte man nicht. Schlaf schon gar nicht. Schlaf war etwas anderes. Schlaf war etwas, von dem man nichts wusste. Also doch Traum? Oder noch mehr als ein Traum? - War er vielleicht zwischen Wachen und Schlafen durch eine verbotene Tür gegangen und in geheimes Zwischenreich gelangt? -
Aufwachen, Jaki! flüsterte er. Schnell, schnell nach Hause.
Ganz nah bei ihm und doch so weit entfernt, dass es fast nur noch eine Ahnung war, hörte er ein feines hohes Rauschen, so als rieben sich tausend und noch einmal tausend Handschuhe aneinander, er roch modriges Wasser, er spürte die Kälte, die davon aufstieg, und dann hörte er diesen Schrei.

Vielleicht der Beginn eines Romans über eine Flussfahrt. Sie wüssten Bescheid, oder, Herr Jan?

 

Sa 2.10.04   16:15

Nach dem Pisa-Schock ereilte die Teutsche Bundesrepublik gestern der Demokratie-Gau in Form der Eingangsfrage zum begehrten "Wer wird Millionär" Quiz. Zehn Kandidaten wurden aufgefordert, die folgenden vier Tätigkeiten in die richtige Reihenfolge zu bringen. Neun mussten passen, nur ein 41jähriger Steuerberater war der schweren Aufgabe gewachen. Hier die vier Tätigkeiten.

A: Wahlkabine betreten
B: Stimmzettel entgegen nehmen
C: Stimmzettel ausfüllen
D: Stimmzettel in die Urne werfen

In Heavy Rotation laufen seit gestern Schubert-Lieder, die ich C. eigentlich zu Weihnachten schenken wollte. Aber wie es so geht, vor lauter Vorfreude musste ich's gestern schon wegschenken.
Beim Zuhören verstehe ich - falls überhaupt - seltsame Dinge: Bei "Gretchen am Spinnrade" z. B.: Mein Aftershave ist mir verrückt statt: mein armer Sinn ist mir zerstückt. Endlich weiß ich, wofür man die deutsche Romantik in aller Welt so liebt.

 

Mo 4.10.04   9:10

Als ich vor etwa eineinhalb Wochen bei strömendem Regen durch die Beerlage fuhr, eine meiner Lieblingslandschaften im Münsterland, eine gewellte Hochebene (falls man bei fünfzig bis achtzig Meter über Normal Null von Hochebene sprechen darf), sah ich auf der Straße, die sich durch die Felder schlängelt und deren Kurven ich mangels dort sich bewegenden Gegenverkehrs meist in Ideallinie fahre, einen in Panik mitten auf der Fahrbahn rennenden Hund. Als ich heran war, lief er auf aufs rechte Bankett und duckte sich flach an den Boden.
Ich hielt, stieg aus und ging zu ihm.
Er lag da, klatschnass, schwer atmend, und es war klar, dass mit ihm etwas nicht stimmte.
Ich sprach ihn an. Er zitterte. Ich näherte mich ihm vorsichtig, fasste ihn aber nicht an, so wenig, wie ich von ihm wusste. Er schlug die Augen nieder. Er war außer sich vor Furcht.
Ich schlug ihm vor, mit mir zu kommen.
Ich öffnete die rechte Wagentür, ich sagte, komm, steig ein, aber er rührte sich nicht.
Ein Auto näherte sich. Am Steuer eine ältere Frau. Ich winkte. Die Frau stoppte zögernd. Vorsichtig ließ sie ein Fenster ein wenig herab. Ich fragte sie, ob sie aus der Gegend stamme. Sie nickte. Und ob sie diesen Hund schon einmal gesehen habe. Sie verneinte. Ich bedankte mich. Sie fuhr weiter.
Ich wiederholte mein Angebot, aber der Hund blieb, wo er war. Also stieg ich wieder in mein Auto. Im gleichen Augenblick stand er auf und rannte wie von Teufeln gejagt davon. Ich schaute ihm eine Weile nach, dann ließ ich den Motor an und fuhr ihm hinterher.
Als wir auf gleicher Höhe waren, lief er links an der Straßenrand und setzte sich.
Ich hielt, öffnete die Fahrertür und sagte, na dann komm, steig ein.
Er schaute mich an, zögerte, überquerte die Straße, stieg tatsächlich ein und setzte sich auf den Beifahrersitz. Ich sagte ihm, er solle sich keine Sorgen machen, wir fänden schon eine Lösung. Er schaute mich an. Ich streichelte ihn. Er zitterte. Wenn ich aufhörte, ihn zu streicheln, legte er mir seine rechte Pfote auf den Unterarm.
Ich fuhr zum nächsten Bauernhof und fragte dort, ob man den Hund kenne. Man verneinte.
Also nahm ich ihn mit nach Hause.
Nun war uns ja erst vor vier Wochen eine Katze zugelaufen, die seitdem bei uns lebt, ich hatte also Zweifel, wie das gehen könnte, aber der Gedanke, einen Hund bei uns aufzunehmen, erschien mir ausgesprochen reizvoll, zumal ich ihn hübsch und klug fand. Ich frottierte ihn, weil er so nass war, wir sprachen mit ihm, unsere Katze kam und schaute ihn sich an, ein Terrier-Mix, etwa kniehoch, wir überlegten hin und her, wir riefen das Tierheim an und beschlossen, ihn dorthin zu bringen.
Mittlerweile hatte ich Gewissensbisse bekommen. Ich fragte mich, ob es nicht besser gewesen wäre, den Hund einfach laufen zu lassen. Die Mitarbeiter des Tierheims aber bestätigten, was ich gedacht und gefühlt hatte, als ich den Hund zum ersten Mal sah.
Er war in Panik. Er hatte etwas zutiefst Beunruhigendes erlebt. Möglich, dass man ihn ausgesetzt hatte.
Nun haben wir in den letzten zwanzig Jahren Katzen, Mäuse, ein Meerschweinchen, ein Kaninchen, einen Vogel und sogar Schnecken beherbergt, seit November letzten Jahres leben wir ohne Haustier, und dann mache ich innerhalb von vierzehn Tagen die Bekanntschaft von zwei äußerst intelligenten und freundlichen Tieren, und jedes Mal zerreißt es mir das Herz. - Seltsam.
Die Katze lebt nun bei uns, dem Hund geht es gut, er hat im Tierheim schon einen Freund gefunden, und man ist zuversichtlich, ihn zu vermitteln. Uns aber rät man ab, denn da er ein Terrier-Mix ist, sind die Chancen, dass er sich mit einer Katze verträgt, eher gering.
Das war die Geschichte von Gismo. So hätten wir ihn genannt, hätten wir ihn behalten.

14:50

Warum mache ich denn die Zeit nehmende Arbeit des Tagebuchschreibens? Weil auch dies zu meiner "eigentlichen" Arbeit gehört. Weil es eine Art ist, mit Menschen zu sprechen und zu leben. Weil ich in der Tagebuchform unmittelbar mit ihnen kommunizieren kann. Weil die Leser gerade der Tagebücher mir in Tausenden von Briefen sagen, was sie denken über das, was ich denke. Weil ich aus ihren Briefen erfahre, wie man heute lebt als Student, als Strafgefangener, als Hausfrau, als Bundestagsabgeordneter, als Fließbandarbeiterin, als Bundewehrsoldat, als Schüler, als Theologe, als DDR-Bürger, kurzum; als Mensch von heute. Kommunikation, das ist mein Leben. Was kümmerts mich, was später aus meinen Büchern wird, ob noch einer sie liest, falls noch einer lebt. Auf Ruhm und Nachruhm pfeife ich. Hier und jetzt will ich leben und gelesen werden. Hier und jetzt will ich mich verschwenden. Ich werfe mit meinen Einfällen um mich, ich verstreue sie auf dem Marktplatz. Was wert ist, gefunden zu werden, wird gefunden werden. Was keiner brauchen kann, das wird der Zeitenwind verwehen. (Luise Rinser: Winterfrühling. 1979-1982, S. 9)

 

Di 5.10.04 13:13

Erste Reaktion auf Das Vampir Programm

"Spannende Horrorzutaten pfeffert Mensing mit einer kräftigen Prise authentischen Kinderalltags. In den knappen, pointierten Sätzen voller Witz und Empathie steckt die besondere Qualität der Geschichte."
(Esther Kochte, Bulletin Jugend & Literatur)

 

Mi 6.10.04   9:45

Höret also, vom unmenschlichen Druck des globalen Kapitalismus erniedrigte Brüder und Schwestern, Meister M. (ich), jenes eingebildete Wesen also, das nun seit 55 Jahren diesen Planeten durchstreift, das schon im Norden, im Süden, im Osten wie im Westen gewesen ist, das es schon mit diesem und jenem und dieser und jener versucht hat, dieses Ich also ist eingetreten ins Greisenalter.
Unumkehrbar ist dieser Schritt, wenn auch nicht auf den ersten Blick zu erkennen.
Seit gestern Abend ist es so weit, noch knödle ich ein wenig bei Lauten, die man hinten im Gaumen bildet.
Habe den Fachterminus vergessen, labial war es nicht, hätte besser aufpassen sollen, damals, als meine Englischprofessorin in einem Seminar mit uns über derartige Lautbildungsprozesse sprechen wollte, wir aber, wohl der Menschwerdung noch weit entrückt oder der Pubertät noch nicht ganz entkommen, beschlossen, dass Derartiges auf dem Wege zur Weltrevolution zweit- wenn nicht drittrangig wäre, wir die Dame also schlichtweg ignorierten, ihr Seminar verließen, um stattdessen am Aa-See und anderen Orten das zu tun, was man in diesem Alter lieber tut.
Das hat man dann davon. Dreißig Jahre später weiß man etwas nicht, was man eigentlich hätte wissen können. Nun ja. Lebenswichtig ist es nicht. Und die ersten 16 Seiten eines neuen Romans hat es auch nicht verhindert. Heute werden wir wieder zulangen, morgen und übermorgen wird gelesen, bis Ende nächster Woche hoffen wir, die magische 30 Seiten Grenze zu erreichen, nach der uns - einem geheimen, uns nicht näher bekannten Gesetz zufolge - meist eine tiefe Schreib-Aversion anfällt.
Natürlich wollen wir sie nicht herbeireden, aber bisher war das immer so.
Deshalb frisch ans Werk. Die Prothese sitzt, das Wetter ist erträglich, die Buchmesse hat begonnen, M. ist noch immer nicht berühmt.
Who cares.
Ab dafür. Die Herren in den Außenkreis, die Damen in den Innenkreis. Marschfox.
(Hörtipp dazu: Trio. Die erste Platte. Grandios.)

 

Do 7.10.04   8:30

In welch verzwickten Verhältnissen wir leben und überleben müssen (vom Wohlstand, der uns den Wanst füllt, uns krank macht und jammern lässt, einmal abgesehen) mögen Sie folgender Notiz entnehmen: Israel möchte deutsche Dingo Panzer kaufen. Sie wären wendig genug, um auch noch dem letzten Palästinenser die Hoden wegzuschießen, heißt es. Nun frage ich Sie, was sich Israel dabei denkt? Hat es noch nicht genug von unserer Effizienz? Oder bedeutet dieser Kauf, dass es stillschweigend doch glaubt, wir wären die Herrenrasse? Oh grausame Welt, die einem solche Fragen aufdrängt. Und dazu noch so früh. Wo ich doch auf dem Sprung bin, um in Krefeld viel harmlosere Dinge zu tun. Aber ich kann es nicht ändern. Oben ist unten, unten ist oben, und man braucht vollste Konzentration, um bei diesem Wahnsinn nicht den Verstand zu verlieren. Dennoch kann ich Trost spenden wie ein Pfaff: es war nie anders. Nur die Masken des Wahnsinns ändern sich. Der Wahnsinn bleibt immer gleich. Aloha also. Meister M. hat Seite 25 seines neuen Romans erreicht und hofft, spätestens Sonntag nach Seite 30 in ungebremste Schreibwut zu verfallen, um den Roman noch vor Ameland hinzuhauen, dass es eine Pracht wird. Möchte ihn sozusagen aus dem Ärmel schütteln mit Witz und Empathie. Ha, ha, ha.....

 

Fr 8.10.04   16:30

Erschöpft ist der Meister, der antrat, sein Leben lang Lehrling zu bleiben, erschöpft, denn die schöne kleine Welt,in der er seine Runden dreht, ist eben doch größer und grausamer, als er sich vorzustellen vermochte, das hat er vor allem in Krefeld erlebt, einer Stadt, in der die Migranten deutliche Spuren hinterlassen, einer Stadt, deren Einkaufsmeile zur Hälfte orientalisch ist, einer Stadt, in der die Hinterlassenschaften der niedergegangenen Industrien des letzten Jahrhunderts an jeder Ecke zu sehen sind. Sichtbare Armut, die der Beamtenarsch Münster in diesen Ausmaßen nicht kennt.
Gelesen hat M. in einer zum Kulturzentrum umgestalteten Tapetenfabrik, gelesen hat er vor Kindern ganz unterschiedlicher Herkunft, heterogen war die Gruppe, würde er sagen können, Kinder aus Übermittagsbetreuung, Kinder aus einem Hort, denen er aus dem Vampir Programm vorlas.
Zum ersten Mal mit totaler Prothese, was ihn im Vorfeld ein wenig beunruhigt hatte. Aber der GAU trat nicht ein, hier und da knödelte ein Konsonant, hier und da stieg momentane Panik auf, jetzt könne das Obere nach unten fallen und er fände sich globalem Spott ausgesetzt, aber alles ging gut, wie im Fernsehen. Dazu gab es Plätzchen und Kaffee und die Beteiligten waren zufrieden.
M., der Hin- und Rückreise im obersten Stock eines Bundesbahnzuges hinter sich gebracht hat, könnte von wunderschönen Industriebauten der Gründerzeit berichten, er könnte ins Schwärmen geraten von Schrebergärtenkolonien bei Rheinhausen, er könnte staunend über die Größe des Chemiegiganten Bayer in Krefeld Uerdingen erzählen, eine Stadt in der Stadt, er könnte vom großen Fluss erzählen, den er zweimal kreuzte und der jedesmal dafür sorgt, dass seine Stimmung steigt, denn er mag Flüsse, die das Land prägen, die viel gesehen haben und noch viel sehen werden, und als er schließlich wieder in Münster war, hatte er Blicke getauscht, hatte hier ein Lächeln und da ein Nicken eingefangen und war sich wieder einmal sicher, dass es nicht Besseres gibt, als Lehrling zu sein, denn jeder weiß etwas, was er nicht weiß und von jedem gibt es Geschichten im Vorübergehen, die er für sich nutzt.
Ist er also Vampir? - Ja, das ist er auch.
Heute hat er in Münster gelesen. Zweimal hat er in der Aula eines großem Gymnasiums gestanden, einmal hat er aus dem Vampir Programm, dann aus der Sackgasse 13 gelesen und beide Lesungen waren erfolgreich, so dass zu hoffen ist, dass es früher oder später zu einer Wiederholung kommen wird.
So weit, so gut? - Ja. So weit. So gut. Gleich wird er sein Drumset ins Auto wuchten, um auf der Jubiläumsfeier des ältesten CD-Ladens der Stadt (High Fidelity lässt grüßen) mit den Working Worms Musik zu machen. Auch da wird er ein bisschen verdienen, allerdings fällt sein Lohn nicht so großzügig aus, wie der seiner Lesungen.
So weit, so gut?
Ja. So weit, so gut. Ein wenig tut ihm die Schriftstellerin Jelinek leid, denn da hat sie nun ihr Leben lang gegen alles und jeden gewettert, humorlos, wie der Österreicher sein kann, wütend wie in bester Thomas Bernhard Nachfolge, und was geschieht: man verleiht ihr den Nobel Preis.
Sollte sie konsequent sein (was ihre Texte vermuten lassen, jedenfalls die, die ich gelesen habe) wird sie entweder auf der Stelle in noch tiefere Depressionen verfallen, oder sich gar selbst entleiben. Wir werden sehn. Bis dahin auf jeden Fall: herzlichen Glückwunsch.
Österreich ist tatsächlich ein Scheißland, dass zu großen Teil noch von der Erinnerung an das K&K Reich zehrt. Dass es uns mit dem kleinen Adolf aus Braunau einen menschenverachtenden Idioten untergejubelt hat, dem wir auch noch auf den Leim gingen, sollte man auch nicht so schnell vergessen.
Also, so weit, so gut? -
Nein. Mitnichten, nichts ist gut, gar nichts ist gut und schon überhaupt gar nichts wird besser. Es gibt nur eine Rettung, nur einen Weg, sich aus dieser Misere zu befreien, nämlich den der persönlichen Katharsis. Nur der geläuterte Einzelne wird stark genug sein, sich den globalen Vampiren zu widersetzen. Nicht wahr, Herr M.? Halleluja....

 

Mo 11.10.04   10:04

Anwesend, aber nicht auskunftsbereit.

15:28

Auskunftsbereit, aber nicht anwesend. Sorry.

 

Di 12.10.04   10:40

Gegen Mitternacht, die kubanische Sängerin hatte beschlossen, Bessa me mucho zu singen, sagte der siebzehnjährige Pianist, Landes-Preisträger des Jugend-Jazz-Wettbewerbes, er könne nicht weiterspielen, er müsse nach Hause. Ein wenig beschämt packte er seine Noten in einen Rucksack, seine Eltern, die während der Session in einer der hinteren Ecken gesessen hatten, kamen zur Bühne und die drei verließen den Club.
Den ganzen Abend schon hatte ich mich gefragt, was ein 17jähriger Pianist mir, einem 55 jährigen Freizeit-Trommler, zu erzählen hätte, und als er nun fort war, dachte ich, gar nichts.
Höchstens, dass er seit mindesten 10 Jahren wöchentlichen Klavierunterricht bekommen hat. Dass er geübt, geübt und wieder geübt hat. Dass er also fleißig ist. Dass ihm das Klavierspielen über alles geht. Und dass er mir deshalb Leid tut.
Jazz ist seit etwa einem Jahrzehnt ein wie die klassische Musik zu erlerndes Genre. Zumindest will man uns das glauben machen, aber ich glaube es nicht. Viel zu oft höre ich höchst qualifizierte Musiker seelenlos, oft geradezu autistisch in sich versenkt aneinander vorbei spielen, immer dicht an den Arrangements auf dem Papier, häufig ohne jedes Risiko, daher langweilig.
Langeweile auf hohem Niveau.
Nun könnte man denken, besser man langweilt sich auf hohem, statt auf niedrigem Niveau, aber da hakt es bei mir. Ich finde, Langeweile sollte man am Besten mit sich selbst ausmachen. Sich von anderen langweilen zu lassen, macht die Sache nur schlimmer.
Was also macht man jetzt mit so einem jungen Pianisten, der - nach seiner Körperhaltung zu schließen - in dreißig Jahren (falls er dann noch Klavier spielt, was unausweichlich scheint) ohne orthopädische Korrektur als Glöckner von Notre Dame auftreten könnte? Klopft man ihm auf die Schulter, sagt, mein lieber Mann, du warst aber brav, du hast aber geübt, aus dir wird noch mal was? -
Ich nehme an, das weiß er. Er hat ja diesen Preis bekommen. Er spielt ja schon fast wie ein Großer. Aber ich fürchte, wenn er so fleißig weiter übt, wird er nie mehr zu erzählen haben, als das, was ich gestern gehört habe. Immer wird man hören können, dass es unendlicher Energie und Mühe bedarf, seine Finger auf so hohes Niveau zu bringen. Ob das aber den von Lebenserfahrung geprägten Stücken gerecht wird, die heute zum "klassischen" Real-Book-Repertoire gehören, bezweifle ich. Die meisten Jazzer waren nämlich nicht brav. Viele waren nicht einmal fleissig, sondern hin- und hergeworfene, oft gequälte Seelen.
Die Frage, die also hinter all meinen Zweifeln steht, ist: Wie geht man mit Talent um? Fördert man es so früh wie möglich und zwingt es damit in Konzepte, die es nicht abwehren kann, weil es noch nicht über genügend Erfahrung verfügt? - Überlässt man es sich selbst, in der Hoffnung, dass es, falls es wirkliches Talent ist, eines Tages ausbricht wie ein Vulkan? - Oder rät man ihm, erst einmal leben zu lernen? -
Na? - Ich weiß, ich klinge wie ein alter Sack, aber das macht nichts, ich bin es ja.
Ich hatte gestern nämlich eine Erleuchtung. Ich spielte Cymbals, deren Klang mich vom ersten bis zum letzten Anschlag überzeugte. Auf meine Frage, was zum Teufel denn das für Becken wären, sagte der Schlagzeuger, Specicino, ein italienischer Hersteller. Von Hand getrieben. Nun habe ich ein Problem. Ich würde gern so ein Becken besitzen. Es kostet 700 Euro. Zwei Lesungen also. Mal sehn, ob das machbar ist.

11:58

Fanpost

Sehr geherter Herr Mensing

Ihr Vortrag war sehr Interessant erzählt worden...
Natürlich haben Sie das Buch spannend und lustig geschrieben!!!
Ich sehe in vielen Gruselbücher so etwas wie Fledermäuse und Ratten.
Aber das Gruselbuch war ganz anders!
Ihre Ideen waren einfach Klasse!
Sie haben auch sehr gute und passende Redewendungen und Gesten eingesetzt!
PS. Das Sie sich sooooooo viel Zeit für uns genommen haben fand ich
!!!SPITZE!!!

Ihr ... vom Freiherr-vom-stein-gymnasium

 

Mi 13.10.04  10:00

Guten Morgen,
seit Meister M. einen neuen Roman begonnen hat, seit etwa 10 Schreibtagen also, stellt sich die Welt mit all ihren Ereignissen plötzlich in seinen Dienst, präsentiert Geräusche, Wetter und Situationen, die so oder so in den vage abgesteckten Rahmen dieses Romans passen. Das war bisher immer so, Meister M. ist daher nicht über die Maßen erstaunt, aber es ist immer wieder ein Wunder, das zu erleben.

 

Do 14.10.04   10:15

Manchmal sind Menschen dreist. Sie verhandeln mit mir den Preis von vier Lesungen, wir werden uns einig, ich bestätige unsere Vereinbarungen schriftlich, und dann klingelt drei Tage später das Telefon und man fragt, wieso vier Lesungen denn soviel kosten würden, man habe doch die Hälfte vereinbart.
Die Hälfte? frage ich. Die Hälfte für vier Lesungen? Nein. Das ist ein Irrtum. Zwei Lesungen für diesen Preis, ja, aber vier - nein, niemals.
Man räuspert sich. Man sagt zu seiner Entschuldigung, man habe ja keine Vorstellung davon, was so etwas koste. Nun, sage ich, halb so schlimm, so etwas kann vorkommen, aber da ich recht ordentlich bin, bin ich mir fast sicher, dass der Versuch, den Preis für vier Lesungen zu halbieren mehr als nur ein Versehen ist. Vielleicht ein Freudsches Versehen, aber auch Freudsche Versehen (wie die Versprecher) lassen auf tiefer liegende Beweggründe schließen.
Nachdem also geklärt war, dass es vier Lesungen nicht zum Preis von zweien gäbe, sagte man, nun müsse man erneut mit dem Förderverein und der Schulleitung und dem Kultursekretariat sprechen.
Bitte, sagte ich und bin nun gespannt, was daraus wird.
Dieses Lesejahr jedenfalls war ein gutes. Ein gutes mit Unterstützung der Kultursekretariate. Wie das nächste Jahr wird, weiß nicht nicht. Für das nächste Jahr wünschte ich mir so viele verkaufte Bücher, dass ich auch mit weniger Lesungen auf meine Kosten käme.
Fromme Wünsche.
Statt aber auf deren Erfüllung zu warten, werde ich gleich meinen zu eigenem Erstaunen schon auf 40 Seiten gewachsenen Roman laden, der "Der Fluss" heißt, und im Untertitel: Eine Gruselgeschichte, und dann werde ich sehen, ob es weitergeht. Nach den aufregenden Ereignissen des letzten Kapitels würde ein wenig Entspannung gut tun, glaube ich.

16:00

Nicht, dass ich je an Horoskope geglaubt hätte, aber dieses hier, frisch auf den Tisch, hat mich überzeugt: Glückwünsche, die Sie diese Woche erhalten, sind durchweg ernsthaft gemeint. Ganz langsam kommt Ihnen zu Bewusstsein, dass Sie den Durchbruch geschafft haben. Wer hätte das gedacht?


Fr 15.10.04 10:00

Ich würde das Land schon sanieren. Ich würde Kosten mit radikalen Programmen senken. Bei mir hießen betriebsbedingte Kündigungen wie früher: Entlassungen. Ich würde Produktionen verlagern. Schließlich sind wir umlagert von ausgehungerten Ex-Kommunisten, die nur darauf warten, sich für das Kapital ins Zeug zu legen. Natürlich zu Hungerlöhnen, die ich: leistungsabhängige Bezahlung nenne. Nichts zählt mehr, nichts außer: Schnelligkeit, Mobilität und eisige Kälte. Es kann nicht warm sein für alle. Nur die Fleißigen dürfen heizen.

13:30

Während das Proletariat, das sein Bewusstsein und seine Macht über die Jahrzehnte des wachsenden Wohlstandes gegen Einfamilienhäuser, Zweitwagen, Alkoholismus und zerfallende Familienstrukturen eingetauscht hat, knechtet, begibt sich der ruchlose Ausbeuter, ich also, der Retter und Sanierer, in wenigen Stunden (Abreise: 16.10. 2004 - 7:15) auf den Weg zu seiner Insel.
Er wird sich dort den Arsch pudern lassen und exquisite Mahlzeiten zu sich nehmen (Fritten, Matjesheringe etc.), er wird unterm weiten Himmel spazieren gehen und sich kaputt lachen über die Dummheit der Menschen, die ja auch seine eigene ist.
Also, auf Wiedersehen, liebes Proletariat. Schafft schön.
Auf den Gedanken, dass ihr eure Unterdrücker (also mich) innerhalb einer Woche zu Boden zwingen könntet, indem ihr zum Beispiel einen der Ökonomie nicht dienlichen Generalstreik anzetteltet, kommt ihr ja nicht. Ich profitiere also nicht nur von eurer Arbeit, sondern vielmehr von eurer Unentschlossenheit.
Eure Vorkämpfer verabschiedeten sich gern mit dem Ruf "Venceremos."
Den habe ich nun für mich reserviert. Ich habe ihn sogar urheberrechtlich schützen lassen. Angenommen, ihr wolltet ihn tatsächlich eines Tages zurück, weil ihr euch besonnen habt, müsstet ihr ihn von mir kaufen.
Ha, ha, ha, haaaaaaaaaa...................

 

So 24.10.04   11:14

Nicht ganz selbstverständlich, jetzt hier zu sitzen, auf das sich wegdrehende Festland zu schauen, grau sich im Nichts verlierend, während Silbermöwen das Heck der Fähre umkreisen, schreiend über ihm schwebend ....
So wird die Reise beginnen, wäre da nicht etwas nachzuholen, denn offenbar hatte ich das Proletariat unterschätzt. Also entschuldige ich mich. Spreche ihm ein Lob aus, denn kaum auf der Insel, erreichte mich die Nachricht vom Opel-Streik. Immerhin!
Der Text, auf den Sie sich freuen dürfen, wird heißen: Kropotkin hat Recht.

17:30

Luft, die den Kopf lähmt und die Glieder schwer macht. Muss wohl ein Reisekater sein, der mich lähmt.

17:35

Sauberfrau, Badewannen-Jupps Gattin, die immer den Dreck ihres Grundstückes in den Rinnstein fegt, damit er zu den Nachbarn herüber weht, fragte uns gestern, kaum angekommen und aus dem Auto gestiegen, ob das unsere Katze sei, die mit dem roten Halsband?
Ja, sagten wir.
Die, darauf sie, scheiße immer in die hintere Ecke ihres Blumenbeetes, da, wo Garage und Haus aneinanderstoßen, hinter den Rhodedendren, und sie greife jedesmal samstags beim Saubermachen hinein, sie sei ja sehr tierlieb, aber so etwas....
Wir schlugen vor, der Katze aufzulauern und sie mit einem Eimer Wasser zu vertreiben. Mehr könnten wir dazu nicht sagen, schließlich handele es sich nicht eigentlich um unsere Katze, sondern um ein sehr unabhängiges, uns zugelaufenes Tier, dem wir Asyl böten und den Auslauf nicht verweigern könnten.
Sauberfrau schien nicht überzeugt.
Dass wir nicht begreifen, wieso sie ständig fegt und putzt, erwähnten wir nicht. Schließlich ist das ihre Sache.

19.37

Dass Münster einen Award für beste Lebensqualität bekommen hat, wissen Sie vielleicht.
Dass ich Bürger dieser Stadt bin, vielleicht auch.
Aber Sie wissen nicht, was ich gerade in einer von Münsters zwei Zeitungen las:

Münster. Die "Musik im Museum für
Kackkunst" ist ganz der Kultur Japans
gewidmet. Am Dienstag, 26.Dezember,
gastiert das Shingetsu Japanese Ensemble
um 19 Uhr im Haus an der Windhorststraße.
Der Eintritt ist frei.

(Westfälische Nachrichten Samstag 23.10.2004 Kultur in der Region)

 

Mo 25.10.04   9:50

Sie sehen, Münster hat seinen Award nicht umsonst bekommen. Nicht nur, dass man sich hier um Lebensqualität bemüht, nein, man stiftet selbst intimsten menschlichen Bedürfnissen ein Museum und musiziert auch noch dort. Wobei anzunehmen ist, dass das Shingetsu Ensemble eines der beschissenstens ganz Asiens ist.
So viel zum Auftakt.
Meister M. wird sich nun wieder dem Alltag widmen.
Zunächst aber ein Foto, das in etwa den Ort markiert, an dem er und seine Frau nach ihrem Ableben verstreut werden möchten.

etwa hier.     ja. da.

16:45

Und hier ist der Text....

 

Mi 27.10.04   10:00

Eine verwirrter Künstler aus Münster
spazierte flussab from Westminster
near Charing Cross stellt er fest
dass er die Kunst besser lässt
otherwise wird's für ihn rather finster.

14:40

Verkorkste Session im Hot Jazz gestern. Dafür war das Konzert der Eröffnungsband umwerfend gut.

 

Do 28.10.04   11:55

Ein älterer Herr mit Prothese
saß kiffend in Blankenese
die Elbe roch schlecht
dem ält'ren Herrn war es recht
denn seine Füße stanken nach Käse.

 

Fr 29.10.04   10:00

Liebe Gemeinde,
da ich augenblicklich mit beiden Ohren in meinem Roman stecke, werden Sie sich mit kurzen Beiträgen begnügen müssen.

10:05

Ein Stuhl stand einst vor Problemen
er konnte sich nicht benehmen
so verließ er den Darm
viel zu schnell mit Alarm

statt in Würde sich zu bequemen.

12:20

Ein Düsseldorfer Onanist
stand schwer beschämt vorm Herre Christ
doch der lächelte nur
nicht empört, keine Spur
wie das allgemein seine Art ist.

14:30

Ein Emanzipierter aus Düren
begann plötzlich zu menstruieren
seine Frau war erschüttert
er selbst schien erbittert
warum konnt' sie ihn nicht akzeptieren.

15:30

Ein einsamer Wallach aus Lingen
begann traurige Lieder zu singen
Der Refrain hieß: Au weia
so ganz ohne Eier
kann ich sie ja doch nicht bespringen.

16:10

Ein Penis aus Katalonien
begoss fröhlich seine Begonien
hüt' dich vor Angina
sprach da die Vagina
wie müssig, das zu betonien.

 

Sa 30.10.04   16:21

Er will nicht. Er will nicht, obwohl er kann, aber könnte er nicht, würde er wollen. Und wollte er, hätte er keine Chance, denn die Frage bleibt, ob er wirklich kann.

 

So 31.10.04  9:13

Wurde gestern Zeuge eines Jammernden. Er hatte sich gerade ein nagelneues Auto der 40.000 Euro Klasse gekauft, er bewohnt ein geerbtes Haus auf dem Land (mit Pool), er besitzt ein Ferienhäuschen an der Kinzig, drei, vier Mal Urlaub im Jahr brauche er, der Winter sei seine Reisezeit, da müsse er fort, meist nach Asien, nach Laos dieses Mal, ansonsten aber sähe es öde aus. Die Leute kauften nicht mehr.

Meister M. verlässt den Monat Oktober mit Optimismus. Schließlich hat er fast 80 Seiten seines nächsten Romans geschrieben und plant, diesen bis spätestens Ende des Jahres abzuschließen. Jawohl ja.

19:36

Hach, waren wir kretativ. Standen da mit unseren Laternen und sangen 30 Strophen Rabimmel rabammel rabumm, während das Kind heute - von Mutters Visagistenkünsten in eine möglichst aus Harry Potter Filmen bekannte, deckungsgleiche Hexe verwandelt - dreist vor unserer Tür auftaucht und fordert: Süßes oder Streiche. In den letzten eineinhalb Stunden dieses Jahres klingelte es dreimal. Das war letztes Jahr noch nicht so. Wenn jetzt noch jemand kommt, werde ich "Nieder mit dem US-Imperialismus" rufen und dem Kind einen solchen Schreck einjagen, dass es weinend nach Hause rennt.

 

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