August/September 2000                www.hermann-mensing.de

zum Ende 

 

Di 29.8.00   (29.8.72 hiroshima/japan)

Tauben gurren, eine Maschine rauscht, ein Flugzeug startet, ein Kind ist schlecht gelaunt. Wer  weiß, wie das ausgeht heute. Denkbar wäre ein prachtvoller Suizid mit literweise verspritztem Blut, ein Besuch bei der greisen Mutter, eine weitere Seite im Roman, aber besonderen Reiz hat das alles nicht. Reizvoll wäre, befreit von allem einfach zu sein, zu genießen, keinem Geiz zu folgen, dem Alltag mit totaler Verweigerung zu begegnen, das wäre ehrenvoll und mutig. Stattdessen...

 

Di 29.8.00 

Stimmen im Wohnzimmer. Der ältere Sohn hat seine Freunde zum  fern-sehn geladen. Frisch vom Gymnasium gefallen sind sie noch grün hinter den Ohren, dass man kaum glauben mag, daß man selbst einmal so ahnungslos war . Sitzen da, trinken Dosenbier, knabbern Chips.  Söhne die ihre Väter um Haupteslänge überragen,  Söhne, die keinen Schritt ohne handy tun, seltsame Söhne, äußerst seltsam, aber dafür sind Söhne da. 

 

Mi 30.08.00   (30.8.72 hiroshima/japan)

Setze Duftmarken. Schleiche mich in die Gästebücher der Städte Hamburg, Frankfurt, Berlin, München, Wien, Zürich, Bern, London, Amsterdam, New York, Sydney, Melbourne und Rio de Janeiro. Lade jeden ein, der das Netz nutznießt, meine home-page zu besuchen. Der Gedanke virtueller Freiheit ist groß, wirkliche Freiheit ist beschnitten und klein. 

 

Mi 30.8.00 

Früher Morgen. 

Der jüngere Sohn feiert Geburtstag.  Der Küchentisch ist zu seinen Ehren gedeckt. Seit sechs Uhr sitzen Mutter und Vater und wundern sich, wo die Zeit hin ist. Verschwunden wohl, denken sie. Verschwunden, denn gestern saß er auf ihrem Schoß, gestern hatte er alle noch lieb, heute ist er cool wie nur was. Ja, sagt der Vater, wir haben versagt, auf der ganzen Linie versagt. Wie? sagt die Mutter. Ach! sagt der Vater. 

 

Do 31.08.00  (31.8.72 hiroshima/japan)

Sagt, das Schönste, was sie je gesehen habe, sei  ein Rhabarberfeld. Ein Rharbarberfeld? Ja. Im Maastal. Du warst fünfzig Meter voraus. Ach? Und die Ebene hinter Maastricht?  Siehst du  noch, wie sich der Wind auf die Gerste legte und der Blick über gewölbtes Land bis nach Belgien ging?  

 

September 2000

Fr 1.09.00   1:29   (1.09.72 taisha/japan)

Die Kühe standen nicht mit dem Arsch zu Nordost,  als ich gestern nach Gronau fuhr. Sie  fraßen sich in den Morgen. Ihre Ärsche verdampften Nordwest. 

 

Fr 1.09.00 

Wenn gleich alles vorbei wäre, wenn nur  ein kleines Stück Himmel bliebe, wenn  kein Anfang sich mehr von seinem Ende unterschiede, wenn du und ich nie gewesen wären, was dann? Hätten wir nicht lieber große Schritte getan, an großen Tischen gesessen und große Worte gesagt? Bleib und sag  kleine Worte. Bleib und hilf ihnen,  groß zu werden. Bleib und lass sie nicht gehn, oder besser noch, folgen wir, schleunigst, gehn wir hinaus in die Welt, etwa von Gronau nach Amsterdam, Kopenhagen, Göteborg, Oslo, Stockholm, Helsinki, London, Brüssel, Paris, München, Mailand, Ancona, Patras, Athen, Limassol, Haifa, Tel-Aviv, Beer-Sheba, Jerusalem, Eliat, Berlin, Frankfurt, Basel, Konstanz, New York, Chicago, Omaha, Colorado, Albuquerque, San Diego, Los Angeles, San Francisco, Tokio, Yokohama, Osaka, Nagasaki, Kita-Kyushu, Hiroshima, Kyoto, Waikiki, Tijuana, Nogales, Mazatlan,  Guadalajara, Mexico, Acapulco, Oaxaca, Tehuantepec, Salvador, Chinandega, Managua, St. Jose, Panama, Medellin, Cali, Quito, Guayaquil, Lima, Cuzco, La Paz, Santa Cruz, Asuncion, Sao Paulo, Rio de Janeiro, Recife, Kapverden, Cadiz, Sevilla, Lissabon, Barcelona, Marseille, Genua, Zürich, Gronau, Nottuln, Kairo, Luxor, Karnak, Alexandria, Athen, Dshidda, Bombay, Mangalore, Mysore, Bangalore, Ootacamund, Trivandrum, Cochin, Alleppey, Rameshvaran, Jaffna, Colombo, Hikkaduwa, Katmandu, Neu Dehli, Moskau, Gronau, Toronto, Calgary, Vancouver, Seattle, New York, Arcen, Antwerpen, Gent, Wissant, Penzance, Lands End, Wallendorf, Bregenz, Vendig, Lugano, Mailand, Korinth, Ithaka, Patras, Faro, Lissabon, Rom, Neapel, Palermo, Brindisi, Hollum...und zu jedem Ort erfinden wir, was wir wollen.

 

Sa 2.09.00  (2.09.72 hinomysaki/japan)

Vielleicht war Februar, kann sein, auch schon März, jedenfalls war es kalt.  Zu fünft in meinem Käfer, gleich hinterm Amsterdamer Bahnhof geparkt, hatten eingekauft, Tüten gebaut und uns in Lachsack-Stimmung gekifft. Eng war es,  wunderbar eng. Wußten die Eltern davon? Natürlich nicht. Eltern sind dazu da, nichts zu wissen. Wann war das? Oh, das muß gestern gewesen sein, oder? Ja, gestern, vorgestern oder vielleicht vor zweiundreißig Jahren.  

 

Sa 2.09.00  15:21 

Nie würde er sich verzeihen, nie würde er sagen können, er hätte es zumindest probiert. Nie hätte er den Schmerz gespürt oder die Freude, nie das eine, das zum anderen gehört. Aber vielleicht gelänge es diesmal, vielleicht wäre es auszuhalten und dann wären die Grenzen gefallen und man könnte zu reisen beginnen. Man könnte die fremden Genüsse  einatmen. Man könnte hocherhobenen Hauptes den nächsten Tag fordern und noch einen und noch einen und nie wieder, nie, würde man nie sagen wollen, denn einmal genossen ist für alle Male genossen. Ja. So wäre das, wenn man mutig wäre. Will man also ein Feigling bleiben? Nein, nie.

 

So 3.09.00  14:32   (3.09.72 kyoto/japan)

Ein Sonntag ist ohne Regen nicht denkbar. Lachhaft wären Männer in Bermudashorts und Frauen in Tops. Ein Septembersonntag hat sich Grau zu kleiden, soll müde machen und auch Nichtchristen daran erinnern, dass jederzeit alles vorbei sein kann. Nur dann kann man sich frei fühlen, alle Verantwortung abgeben und in Frieden darüber lachen, wie boshaft wir miteinander sind, wie bodenlos unsere Verachtung ist und wie sehr es Not täte, die Erde von uns zu räumen. Sagen wir, mit dem letzten Schiff himmelwärts, aber schleunigst, schnell, damit endlich Ruhe einkehrt auf dieser Welt voller Wunder. So sehr sehnen sich alle danach, daß es mit uns aus und vorbei wäre, aber wir planen schon wieder die nächsten Schritte, damit alles noch schöner und größer wird.

 

Mo 4.09.00  8:58  (4.09.72 kyoto/japan)

Täuschend ähnlich gelang Herrn M. die Darstellung eines spanischen Kampfstieres. Kaum hatte er die Straße betreten, begannen junge Männer, Jacketts vor seiner Nase zu schwingen, rote Handtücher auch, und während er sich verwundert eine Zigarette anzündete, rannten Passanten schreiend davon. Manche erkletterten  Straßenlaternen und Fenstersimse,  um außer Reichweite seiner gefährlichen Hörner zu gelangen. Aber ich bin es doch! rief Herr M. , dem diese Aufregung bald zu bunt wurde, erkennt ihr mich denn nicht, ich bin's, der Schriftsteller und Täuscher, aber die Menschen schrien nur noch mehr und so blieb ihm nichts anderes übrig, als diesen Tag als Stier zu verbringen. Wenn mich nur niemand tötet, dachte er....

 

Mo 4.09.00  14:58

Unglaublich: in einer am 21.8.00 verfassten Nachricht an den Schriftsteller M. teilte man diesem mit, daß für den Verkauf einer von ihm stammenden Geschichte nach Tschechien DM 58. -- anteilige Lizenzhonorare überwiesen würden. Falls er gegen diese Abrechnung innerhalb von vier Wochen keinen Einspruch erhöbe, gälte sie als anerkannt.  

Schriftsteller M. war überwältigt, kaufte sich das lang erträumte Peugeot 504 Cabrio, fuhr hunderte von Kilometern mit geöffnetem Verdeck bei strömendem Regen und wurde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Dort wartet er auf den Geldregen, der ihn zum Millionär machen soll.

 

Di 5.09.00  9:27  (5.09.72 kyoto/japan)

Ist es nicht so, dass der, der sich etwas leiht, in der Schuld steht? Dass man ihn nicht erinnern muss, sondern erwarten kann, dass er von selbst kommt, um seine Schuld zu tilgen, möglichst am vereinbarten Tag,  zur vereinbarten Stunde? - Und - falls das nicht geht - dass er sich zumindest entschuldigt? Was geht in jemandem vor, der sich nicht an solche Vereinbarungen hält? - Oder ist es überholt, im Zeichen der globalen Verschuldung auf Ehre zu pochen, muss man jedem Schuldner von vornherein alle Schulden erlassen? - Dann werde ich aufhören, Gläubiger zu sein. 

 

Di 5.09.00  11:10

Er fuhr über die Sierra. Korkeichenwälder und Pinien, die gänzliche Abwesenheit von Menschen, der Himmel, der sich bis zum Atlantik bog. Der Speisewagen der Portugiesischen Eisenbahnen war bis auf die rechts durchlaufende Theke unmöbliert, dahinter ein kettenrauchender Mann, der Kaffee, Getränke und Sandwiches verkauft. Geöffnete Fenster links und rechts, und die brüllende Diesellok zwei Waggons weiter vorn. Fahrtwind streicht herein, ein rhythmisches Schlagen und Hämmern lässt ihn Lieder summen, dazu trinkt er schwarzen Kaffee und träumt von Lisboa. Dann senken sich die Gleise zum Fluß Sado, das Rostrot der Sierra wechselt mit kräftigem Grün der Reisfelder, in denen Störche stehen und weiße, schneeweiße Vögel, halb so groß wie Flamingos. "Sim, um café mais. Obrigado." 

 

Mi 6.09.00   8:53   (6.09.72 gifu/japan)

Und, wie haben Majestät geruht? - Beschissen? - Nun, so etwas kommt vor. - Die Träume waren's - so, kamen zu nah, waren lebendig und voller Geister? - Aha. - Majestät träumte vom Vater. Sah ihn, saß mit ihm zusammen, trank Kaffee mit ihm, auch die Schwester war anwesend, aber als Majestät seinem Vater ein neues Oberhemd holen wollte, weil er gekleckert hatte, wie er das auch zu Lebzeiten immer getan hatte, fand er dessen Zimmer nicht, irrte durch eine Stadt grauer, klassizistischer Gebäude, die dringend der Renovierung bedurften, traf auf dem Weg Hinkelmann, jenen fetten, rotblonden Schützenfesttrinker, fragte ihn, sag, Hinkelmann, wo könnte denn dieses Haus sein, das ich suche? Hinkelmann verwies ihn in einen Teil der Stadt, den er noch nie betreten hatte, und je weiter er suchte, desto fremder wurde ihm dieser Ort, und als er schließlich an die Kaffeetafel zurückkehren wollte, gab es auch diesen Ort nicht mehr, und als er sich danach erkundigte, lachte man ihn aus. Er erwachte. Er stand auf und ging in den Flur. Der gelbe Kleiderschrank war fort. Die Bilder waren fort. Der Flur war ein anderer Flur.  Als dann auch die Toilette fort war, begann er sich Sorgen zu machen. Er ging ans Telefon und fragte die Auskunft, in welchem Land er sich befände? - Bundesrepublik Deutschland, war die Antwort. Beunruhigt suchte er sich passende Kleidung aus fremden Schränken und verließ die Wohnung. 

 

Mi 6.09.00  10:49

Als Vorschuss zahlt der Verlag Majestät DM 2.000.000.-- zahlbar zur Hälfte bei Vertragsabschluß und zur Hälfte bei Manuskriptablieferung. Dieser Vorschuss gilt nicht als Mindestgarantie und ist auf alle Ansprüche seiner Majestät gegen den Verlag anrechenbar und von seiner Majestät an den Verlag zurückzuzahlen, wenn die seiner Majestät nach diesem Vertrag zustehenden Ansprüche den Vorschuss nicht decken.

 

Do 7.09.00  6:26   (7.09.72 gifu/japan)

Keine Sorge, Freunde des virtuellen Verwirrspiels,  noch ist Nacht, jedenfalls für die, die sich gleich wieder auf die  Seite drehen, die Schreiber, Schauspieler, Künstler, Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger. Mich treibt die Jazz-Session in der Blechtrommel um.  Alles, was ich während des Sommer geübt habe, hat funktioniert. Oh - ich liebe Trommeln, ich vergesse dabei meinen Namen, den Roman, an dem ich  arbeite (Seite 55 - heute vielleicht bis 60???) und  die Welt zeigt mir ihre Wunder.  Musikmachen jagt mir Adrenalin durch die Adern, raubt mir den Schlaf, und dann bin ich plötzlich fort, fort in einer kleinen Straße im Norden Acapulcos auf einem Nachbarschaftsfest. Oktober 1972. Eine Band spielt Blues. Der Bassist fragt, ob ich ein Instrument spielen könne. Ich nicke, ja, Mundharmonika. Hätte ich Lust? Ja,  und dann spielen wir. Ich heule mir die Reise aus der Lunge, die kaputten Lieben zuhause, alle Bluesklischees dieser Welt, mein Heimweh. Zur Belohnung schenkt er mir eine handvoll Acapulco Gold. Ich bedanke mich, gehe zum Strand, drehe mir einen Joint und bleibe bis zum Sonnenaufgang. - Heute werde ich  von der Sonne kaum etwas zu sehen bekommen. 

 

Do 7.09.00  11:01

Höre ich heute früh frohe Botschaft. Höre, dass man mir die zugesicherten 4 Prozent und den Vorschuss von DM 2000.--  auf DM Einsfünf und 3 Prozent runterkürzt. Mögen ihnen die eingesparten DM  als Wiedergänger begegnen, und das  Prozent sie vom Arsch aufwärts durchschlagen. Hallellujah!

 

Do 7.09.00  13:20

Alles dreht sich, alles dreht sich.

 

Fr 8.09.00  10:32  (8.09.72 gifu/japan)

Ja, sagte Johann Wolfgang, ja, natürlich, schon lange vor meiner Weimarer Zeit genoss ich regelmäßig Fellatio mit Gretchen. Ich konnte gar nicht genug bekommen. Sehr inspirierend! Leider ist es ein wenig in Verruf geraten. Es scheint, dass den Menschen Mord und Totschlag wichtiger ist.  

 

Fr 8.09.00  14:21

Könnte sein, könnte nicht sein. An solchen Tagen bleibt einem nichts, als sich klein zu machen. Zunächst ist da nur dieser Wunsch, dann setzt Muskelschmerz ein, eine Kontraktion folgt, Mund und Arschloch reagieren, dann bilden sich Extremitäten zurück, schließlich könnte man sich unter einer Tasse verstecken oder im Pantoffel. Dennoch ist das Problem der Existenz nicht gelöst, noch ist man sichtbar, bietet Angriffsfläche, und so arbeitet man schon am nächsten Schritt: man will verschwinden, wälzt vergilbte Folianten und kommt schließlich darauf, dass es nur einen Weg gibt,  er führt von hier nach dort, und für jeden ist er unterschiedlich lang, unterschiedlich schwer, unterschiedlich glücklich oder auch nicht. Und man ist plötzlich geneigt, all das für einen ziemlich hinterhältigen Scherz zu halten.  

 

Sa 9.09.00  10:39  (9.09.72 tokio/japan)

Men-Sing Full Flavor

Die EG-Gesundheitsminister:

Romanschreiben gefährdet die Gesundheit. Wer das Romanschreiben aufgibt, verringert das Risiko schwerer Erkrankungen. 

Yessir!

 

Sa 9.09.00  15:38

Rumsitzen, sich langweilen, dreist behaupten, man denke nach und habe keine Zeit. Seine Frau arbeiten lassen und selbst zuschauen, das ist die hohe Kunst der Literaten. Und dann, plötzlich: aufspringen und seitenlang tippen. Und wieder in tiefes Nachdenken versinken. Jahre und Jahre. Die EG-Gesundheitsminister haben Recht. Romanschreiber sind nur halb so glücklich wie Gärtner. Allerdings können Gärtner nur selten Romane schreiben. Man hat also die Wahl. Wie sinnvoll dieses Leben doch eingerichtet ist. Man kann gar nicht genug davon bekommen. Man möchte jeden Tag preisen und die kleinen Einschusskanäle durch Herzkammer und Hirn mit Schildpatt auslegen, damit sie schöner ausschaun. Und wieder sitzen, nachdenken und zusehen.  Das Leben ist voller Wunder. Feinde grüßen, Freunde gibt es nicht, Liebe ist mit Füßen getreten. So fröhlich vergeht der Samstag.  

 

So 10.09.00  8:23  (10.09.72 tokio/japan)

Der Himmel: grau. Die Geräusche: Dohlen. Glocken. Die Musik: Every little thing she does, she does for me, yeah... Als nächstes folgt? Die Verdauung. Dann? Das Frühstück. Danach? Das Update. Na also! 

 

So 10.09.00  11:07

Kinder  spielen im Garten, Sonne scheint weich, Brad Mehldau spielt Klavier, Karl schreit und ich arbeite still.

Grosse Liebe Nummer 1 ... Eine Liebesgeschichte .... gegenwärtig Kapitel 11, Seite  58 ...

11

Ich war spät dran, das Hängen im Schacht und das Kaffeetrinken mit Doro (alles war wieder gut) hatten den Tag ausgebremst und ich war ein bißchen überdreht. Außerdem war ich pupsatt von einem Stück Buttercremetorte. Emil saß vorm Klavier und spielte nervöses Zeug, als ich reinkam. Zeug, wo ich nie sicher bin, ob es überhaupt eine Melodie hat. Das ist das Komische mit dem Jazz, statt in den Bauch geht er mir manchmal in den Kopf, und da will ich Musik nicht.

"Hi."

Emil merkte nichts. Ich setzte mich und hörte zu. Emil war drei, vier Jahre älter als ich, und man hörte, daß er schon lange Klavier spielte. Wie fast alle polnischen Jungs konnte er Noten lesen und vom Blatt spielen. Bei uns gab es mehr die Typen, die sich die Musik selbst beigebracht hatten, ältere auch, Thomas zum Beispiel, der hatte spät angefangen und immer nur zugehört und nachgespielt und war jetzt froh, jeden Tag etwas neues lernen zu können.

 

So 10.09.00  17:10

Mein Leben im Netz:  Folge 1

am 14. Juni dieses Jahres betraten  M. und seine Frau den Elektromarkt Sch. in Mecklenbeck. Sie wollten einen Kühlschrank kaufen. Im Eingangsbereich stieß M. auf einen laptop, der sofort seine Aufmerksamkeit erregte. Er setzte sich, um das 10-Finger-Blind-System, eine bei laptop Benutzern in der Regel völlig unbekannte, dennoch äußerst praktische Handhabung, auszuprobieren. Ja. Genügend Platz  für  zehn Finger wäre vorhanden....

Fortsetzung folgt....

 

So 10.09.00  17:23

Mein Leben im Netz:  Folge 2 

M. schien beeindruckt, beantwortete aber die Frage eines herbeieilenden Verkäufers, ob er helfen könne, mit: nein, er fupple nur mal so rum, stand auf und folgte seiner Frau zur Haushaltsabteilung. Dort kauften sie einen Kühlschrank. Auf dem Rückweg setzte sich M. erneut vor den laptop. Das sei ein sehr robuster, vernünftiger kleiner Rechner, von Dreisechs auf Zweiacht runtergesetzt, soufflierte der Verkäufer. Wenn Sie wollen, können Sie ihn 10 Tage zur Ansicht mitnehmen. Bei Erstattung des vollen Kaufpreises - Des vollen Kaufpreises? - Natürlich. - Und ich kann damit machen, was ich will? - Ja, selbstredend.

Fortsetzung folgt...

 

So 10.09.00  22:30

Mein Leben im Netz: Folge 3

So gelangte ein 475 MHz Rechner in M.'s Hände. Mit ein wenig Wehmut verabschiedete er sich von seinem 386 laptop, verbrachte ein Wochenende damit, alte Dateien in neue Formate zu übersetzen, und ohne es zu bemerken, hatte die neue Maschine ihn schon für sich eingenommen. Am 14.06. um 13.33 sendete er mit ihr seine erste mail hinaus in die Welt. Seither folgten 97 Objekte. 65 kamen herein, davon . u. a. die beunruhigte Frage einer Else Buschheuer : Was sind Sie denn für einer? M. mailte zurück: Ein Schreiber, das sieht man doch. Darauf Else B.: Die Hühner von Münster. Stimmt.  Schreiber. Sieht man doch. Aha. Und worum ging's in dem vergriffenen Roman? - Um Illusionen, worum sonst? mailte M., gespannt, was noch folgen würde.

Fortsetzung folgt .... 

 

Mo 11.09.00  7:45   (11.09.72 tokio/japan)

Gestern wurde das Picasso Museum eröffnet. Roger Willemsen moderierte. Der ist aber fett geworden, flüsterte eine Frau ihrem Mann zu. Und dann noch dieser kackbrauneAnzug! 

 

Mo 11.09.00  9:32

Mein Leben im Netz: Folge 4

Allem Anschein nach ist Else B. eine Journalistin, die versucht, mit ihrem Buch Ruf mich an Sibylle Berg  zu übertrumpfen.  FickenBlasenLecken! ihr gemeinsames Motto. Auffällig, dass beide aus Leipzig stammen. Komisch, dass gerade Ossi-Tussen so auf die Kacke hauen. - Kompensation?  Man weiß es nicht. - Was die Sache für M. interessant macht,  ist, dass sie Der Würfler von Luke Rhinehart und  März von Heiner Kipphardt kennt. - Wie würde es nun weitergehen? - Würde sie M. in ihre Wetter-Show auf Pro7 einladen und als Hoch auftreten lassen? Würde M. auf ihrer home-Page www.else-buschheuer.de  auftauchen? Arm in Arm mit den Prominenten dieser Welt? - M. würde bestens dorthin passen! Allerdings müsste man sich dann fragen, wer ist der Prominenteste von allen? Ist es Else B., sind es die anderen, oder ist es ganz allein M.?  - Fragen über Fragen.  - Sollten sich Lösungen abzeichnen, melden wir uns.  Darum: schalten Sie ein, wenn es wieder heißt: Mein Leben im Netz: Folge 5. 

 

Mo 11.09.00  23:03

M. gerät ins Schwärmen, wenn er den Tag passieren lässt. Mit frühem Nebel, Tau in Spinnennetzen und dem Wunsch, nie mehr aufzuhören, spazieren zu gehen.

 

Di 12.09.00  9:11  (12.09.72 tokio/japan)

love letters 1

Do you know what, I should like to make love all of the time but only with you. Reason why it is always in my mind is that we can't do it right when we should like, it is very hard sometimes. But only few month more and then it will happen. (Tepa, Nuppulinna, Finnland, 12/68)

 

Di 12.09.00  13:34

mitgehört 12:23 - Ampel Nordplatz: 

...er so, hier rum muß ich kürzer, da muß einiges weg. Ich: aber nicht zu kurz, das sieht Scheisse aus. Er: Ja, aber um die Ohren rum! Ich: lassen Sie mal sehen. Um die Ohren rum, also, keinesfalls die Ohren zu kurz. Er so: nö, das machen wir schon. Und dann rasiert der los mit seinem Apparat und ich so, das wird aber kurz, das wird aber viel zu kurz, das wollte ich aber nicht so und er so: ach, das wächst ja wieder. Da geh ich nicht nochmal hin.  

 

Di 12.09.00 13. 40

love letters 2

I tell you, but please don't tell it anyones. - Even my little brother told me that he have smoked Marihuana (my parents don't know that, they wouldn't stand it) I haven't smoked it, but I think it is not so dangerous to smoke it,  more dangerous to tell it to other people. I love you Tepa (Nuppulinna, Finnland  11/68) 

 

Di 12.09.00  14:06

Mein Leben im Netz: Folge 5

Keine Nachricht. M. wartete. War also alles nur Schein? - Offenbar! Dennoch entschloss er sich zu handeln: Sie wollen mich doch wohl nicht so hängen lassen, oder? mailte er. Ein bisschen mehr sollte schon noch kommen, finde ich. Also sei Sie gegrüßt, Wetterfee. - Minuten später erreichte ihn folgende Nachricht: Was soll denn noch kommen? Ich fand ihre Adresse auf der Homepage von Frau Berg und dachte, ich kuck mal. - Nun, interessante Gespräche, Gedankenaustausch, mailte er zurück. Womit Mein Leben im Netz mit der 5. Folge ein Ende findet, es sei denn .....

 

Mi 13.09.00  14:34  (13.09.72 tokio/japan)

love letters 3

Ich kann einfach nicht glauben, dass du es heute Mittag wirklich nicht hättest schaffen können, nach A. zu kommen. Du glaubst wohl, du könntest mit mir machen, was du willst. Ich will jetzt nicht das übliche Zeug schreiben. Aber du hast mir noch vor einer Woche geschrieben, dass ich wahrscheinlich die einzigste wäre, die dich ernst nimmt. Leider ist es aber so, dass du mich nicht ernst nimmt. Was also Dienstag betrifft, glaube ich nicht, dass es sich für dich lohnt, nach A. zu kommen. Tschüss Renate (3/68) 

 

Grupsbzghzzzzi......(das war Italienisch)

 

Mi 13.09.00  15:07 (13.09.72 waikiki/honolulu/usa/datumsgrenze überflogen)

Das Land bei Tinge verdunstet. Wiesen, Hecken, vereinzelt fast schwarz wirkende Eichen. Prall volle Apfelbäume. Dülmener Rose darunter, der Baum im Garten meiner Eltern. Ein süß-saurer Apfel,  der, wenn er gerade richtig ist, rotwangig sein sollte. Im Gras der Weiden liegen Kälber schwarzbunt und rot, haben alle Viere von sich gestreckt und träumen den Kälbertraum. Schon hinter der nächsten Kurve verengt sich der Blick und ich bin zurück im Maiswald. Vereinzelt bricht weißes Licht grell durch den Dunst, dann wieder setzt er sich in Tröpfchen auf meine Windschutzscheibe. 

 

Buuaaaarrkkkszz..... (das war Serbo-Kroatisch)

 

Mi 13.09.00  21:57

love letters 4

again you remind me about that terrible day - you told that when your ship left from Helsinki you cried too. Try to guess what I did, when I read your letter??? Tepa (Nuppulinna, Finnland 9/68)

 

Do 14.09.00  7:53  (14.09.72 waikiki/usa)

Mein Leben im Netz:  Folge 6

Else B. will nicht, kann nicht oder hat schon. Else B. ist desillusioniert, dabei ist doch das Leben ohne Illusion eine Farce. Riesige Industrien sind mit nichts anderem beschäftigt, als täglich neue Illusionen zu schaffen. Zugegeben: so erfolgreich wie die Kirche war und wird keine je sein. 

 

Urgghskkksz  (das war Polnisch)

 

Do 14.09.00  9:01

flashback:donnerstag:14.september1972:waikiki beach:honolulu: ich hatte mir in kyoto einen kimono gekauft; den trug ich, als ich das flugzeug verließ. die amerikanischen zöllner  filzten mich bis auf den letzten saum. 

 

Do 14.09.00  10:51

Grosse Liebe Nr. 1 Seite 64 ....

herum, an Waldrändern oder auf Wiesen. Manchmal pflückte er aus Blumenbeeten unter Wegkreuzen, nickte Jesus zu und Jesus sagte, das wäre in Ordnung. Er kam oft mit dicken Sträussen für Mama wieder, in denen auch Gräser waren und Sachen, die andere Leute für Unkraut hielten.

Einmal hörte ich, daß er zu Mama sagte, andere Frauen würden tot umfallen vor Freude, wenn sie solche Sträusse kriegten. Mama lachte und sagte, er solle bloß nicht so auf die Kacke haun, in Wirklichkeit pflücke er die Blumen ja nur, weil er so gern Blumen pflücke, worauf Papa auch lachen mußte, dann umarmten sie sich und küssten. Dabei strich Papa Mama mit der rechten Hand über die Pobacken...

 

Fr 15.09.00  9:31   (15.09.72 waikiki/usa)

Andreas Gryphius (1616-1664) 

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden! Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein; wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein, auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden. Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden, was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein; nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein. Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden. Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn. Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn? Ach, was ist alles dies, das wir für köstlich achten, als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind, als eine Wiesenblum, die man nicht wiederfind't! Noch will, was ewig ist, kein einzig Mensch betrachten.

 

Sa 16.09.00  12:35

Die Küche geputzt. Das Bad geputzt. Die Toilette geputzt.  Heute abend ins Kasperl-Theater: die Punch & Judy Show. Und sonst? - Es schleppt! 

 

Sa 16.09.00  13:37

There ain't no life nowhere... (Jimi Hendrix)

Da kommen sie. Haben ihre  Anzüge aus Kleiderschränken geholt und  gebürstet. Sie riechen so frisch. Der Anlass ihrer Zusammenkunft? - Ein literarischer Abend. Ja bitte, atmen Sie doch. Das ist Kultur, das versteht sich von selbst. Die Begrüßung klingt wie versuchte Nötigung. "Das ist ein einsamer Beruf", sagt jemand, "Ziel dieses Abends ist es, die selbstgewählte Isolation des Schreibenden für kurze Zeit außer Kraft zu setzen...." (aus H. Mensing, Der radikale Träumer, Rowohlt 1984) Ach was!!!

 

Sa 16.09.00  15:43

Hilft Schlagzeugspielen?

 

So 17.09.00  11:22  (17.09.72 san francisco/usa)

Die Ägypter waren Meister in der Verwendung von Hühnerbrutöfen. Sie verlernten ihre Technik auch in neuerer Zeit nicht ganz. Im Nildelta gab es noch im 18 Jahrhundert ein Dorf, Berma, das von künstlicher Hühnerzucht lebte, deren Geheimnisse vom Vater an den Sohn weitergegeben wurden. 30.000 Hühner, so berichtet Réaumur, wurden auf einmal ausgebrütet und dann scheffelweise verkauft. (aus: Siegfried Giedion Die Herrschaft der Mechanisierung EVA1982)

Soviel zum Sonntag mit Spiegeleiern, Speck, Toast, Kaffee und der Lektüre der Zeitung. 

 

Mo 18.09.00  10:07   (18.09.72  stinson beach/usa)

aus Grosse Liebe Nr. 1 ....

12

Da saß ich, nichts passte, nichts machte Spaß, mir schlotterten vor lauter Aufregung die Knie und ich hätte mich am liebsten in ein tiefes Loch verkrochen. Der Splint in meinem rechten Zeigefinger tat höllisch weh, und ich hätte wetten können, daß mit der Zeit irgendetwas nicht stimmte. Wahrscheinlich hatte sie auf halbes Tempo geschaltet, um mich zu prüfen. Nachher triffst du sie, tickte sie, triffst du sie, triffst du sie.... 

Beginn Seite 67 

 

Mo 18.09.00  14:32

Viel Energie für ein Scharmützel mit Else B. vergeudet, die mich Bratkartoffelphilosoph, frustrierter, Hühnerstallheld, Björkwichser und Kritzel-Opi nennt. 

Grüß dich Else, ich bin's, dein Kritzel-Opi. 

Esse Bratkartoffeln und philosophiere. Da staunst du, wie, dass ich zwei so wichtige Sachen gleichzeitig hinkriege! 

 

Mo 18.09.09  20:35

Achten Sie auf Fragezeichen!

 

Di 19.09.00  9:54  

ich platz mit dir an einem sonntag wenn alle wecker schweigen ich seh die kinder schon nach unseren fetzen suchen nach hause gehen wir sind nicht mehr da war zu viel luft in unseren bäuchen wenn ja wer hat uns aufgepumpt

 

Di 19.09.00  13:15

flashback: san francisco: sept. 1972: sie sagt, es wäre okay, ich könne auf ihrem sofa übernachten, allerdings müsse sie morgen früh weg, sachen für's frühstück  wären im kühlschrank. gerade noch in der luft zwischen hawai und san francisco, jetzt mit ihr hier, im ersten stock eines  viktorianischen holzhauses  auf einem dieser hügel, die im kino so halsbrecherisch aussehen. okay, sage ich und denke, daß sie gut aussieht und was das wohl werden wird heute abend. 

 

Di 19.09.00  17:43

Grosse Liebe Nr. 1  (jetzt auf Seite 75) einen Konflikt Paulina-Kasia einarbeiten, gleich zu Anfang schon, als Steff weder die eine noch die andere kennt, aber durch Zufall (Anwesenheit???) davon erfährt, es etwa nebenbei hört, ohne weiter darüber nachzudenken. 

 

Mi 20.09.00  8:59  (20.09.72 stinson beach/usa)

Irre! Ist alles so virtuell hier...

 

Do 21.09.00   8:07  (21.09.72 stinson beach/usa)

Interviewer:

Would you say something about style, prose style, in relation to the novel? -

Mailer:

A really good style comes only when a man has become as good as he can be. A good style cannot come froma a bad undisciplined character.

 

Do 21.09.00  9:42

Kasia winkte mich zu sich, nahm meine Hand, Emil und Konrad kamen dazu und so standen wir da, für einen Augenblick Helden. Ich war wie berauscht. Ich wollte mehr davon, noch mehr, es sollte gar nicht mehr aufhören, nie mehr. Und als ich so auf meiner Wolke dahin schwebte, ich glaubte, es war nach der dritten Verbeugung, gab Kasia mir einen Kuss. Es ging ganz schnell, sonst wäre ich vor Schreck vielleicht weggezuckt, es war nur ein Hauch, ein gehauchter Kuss auf meine rechte Wange, aber er war so zart, dass mir die Haare zu Berge standen und ich wieder zu zittern begann, wie ich schon einmal gezittert hatte, damals aber aus anderen Gründen in einer anderen Geschichte.

Na Marie, weißt du noch? Ziege! Ziege! Ziege!

 

Do 21.09.00  11:27

the sleepless nights, the daily fights, the quick toboggan when you reach the heights, I miss the kisses and I miss the bites, I wish I were in love agian. the broken dates, the endless waits, the lovely loving and the hatefull hates, the conversations with the flying plates, I wish I was in love again. no more pain, no no more strain, now I'm sane, but I'd rather be punch drunk... (1) 

 

Do 21.09.00  14:39

flashback:  rua samora barros. edificio Arco Iris 44b: Albufeira: 05.07.00 : das blendende weiß der die bucht einkreisenden, zu den hügeln aufsteigenden häuser. das blaugrüne meer. die scheußlichkeiten quarteiras in der ferne. von unserem balkon. die kleine dicke senhora, die nicht mit sich handeln lässt.

 

Do 21.09.00  21:40

Mir kam der Gedanke, dass mein Körper nur eine provisorische Hülle sei, die durch Umordnen der Zeichen, die man Chromosomen nennt, für mein Bewusstsein angefertigt worden war. Eine weitere Umordnung der Zeichen, und ich würde mich in einem völlig anderen Körper wiederfinden. (2) 

 

Fr 22.09.00  13:17  (22.09.72 stinson beach/usa)

love letters 5

Ik heb je twee keer gezien. Je hebt toen weinig gezegt, ik zei ook weinig, hoewel ik meestal al gauw bij een kennismaking met iemand in een gespreek verwikeld zit. Ik heb die keren de indruk gekregen, vooral de eerste keer, dat jij iemand was, die zich nergens zorgen over maakte, weinig nadacht of discussierde, overal meisjes had zhitten en er de hele avond mee ging zitten vrijen....Love to you  Thea (Nijmegen 24.11.67)

 

Fr 22.09.00  18:16

flashback: London 21.09.67:Melody Makers Poll: Best British Mal Singer: Cliff Richard, Tom Jones, Cat Stevens, Scott Walker, Georgie Fame, Paul McCartney, Steve Windwood, Paul Jones, Mick Jagger, John Lennon: Best British Girl Singer: Dusty Springfield, Lulu, Cilla Black, Petula Clark, Sandie Shaw, P.P.Arnold, Kiki Dee: Best Group: Beatles, Rolling Stones, Jimi Hendrix Experience, Cream, Hollies, Who, Shadows, Small Faces, Procol Harum, Kinks: Best Musician: Eric Clapton, Jimi Hendrix, Hank Marvin, George Harrison, Georgie Fame, Stevie Winwood, Paul McCartney, John Lennon, Alan Price: Best Single Disc: Whiter Shade of Pale, Strawberry Fields Forever, Penny Lane, Hey Joe, Waterloo Sunset, Paper Sun.

 

Sa 23.09.00  9:36  (23.09.72  yosemite national park/usa)

Heute abend beim Dichter: wir essen. 

Die Gäste: meine Schwester, mein Neffe, seine Frau. Die Speisen: Bruchetta, Schinken-Melone, Oliven-Kartoffelsuppe, Hähnchen Sizilianisch, Pana Cotta. 

Ja Leute. So sieht das aus. 

 

Sa 23.09.00  11:01

re:flashback2:  Sie fand, ich hätte das nicht tun sollen, oder besser: wenn schon, dann länger. Also setzte sie mich vor die Tür und schlief im Park. San Francisco im Park. Das war eine unruhige Nacht. 

 

Sa 23.09.00  17:19

und die zeit verrinnt und die zeit verrinnt und die zeit verrinnt stopp

 

So 24.09.00  17:27  (24.09.72 yosemite/usa)

Grosse Liebe Nr.1 

Erzählzeit/Erzählte Zeit. A - B 

A Seite 1-4 Kap. 1 - B Samstag Abschied - A Seite 5-8 Kap.2  B Fahrt nach Berlin - A Seite 9-12 Kap. 3 - B Ankunft in Berlin -  A Seite 13-17 Kap. 4 - B Busfahrt nach Polen und Ankunft. Vorschau auf den 3. Abend  - Sonntag - der Morgen danach.  A Seite 18-21 Kap. 5 - B Montag in Polen: der Brief. A Seite 22-25 Kap. 6 - B Freundschaft mit Doro. - A Seite 26-34 Kap. 7 - B Freitagabend. - A Seite 35-41 Kap. 8 - B Samstag. Steff erfährt ihren Namen. Die Session. Paulina im Wald. - A Seite 42 -50 Kap. 9 - B Doros Liebeskummer. - A Seite 51 - 57 Kap. 10. -  B noch Samstag -  Niemzcy - der Aufzug. - A Seite 58-66 Kap.11 - B Probe mit Kasia - Blumen. - A Seite 67-71 Kap. 12 - B Der Auftritt - die Blumen - alles wird gut. - A Seite 72 - 79 Kap. 13 - B - Samstagabend/Sonntag - nach dem Auftritt - Sonntagmorgen am See. 

 

Mo 25.09.00  8:48  (25.09.72 stinson beach/usa)

Regenasse Dächer, zwei Maschinen Wäsche, an die Arbeit. 

 

Mo 25.09.00  13:24

Grosse Liebe Nr. 1 

14

Die Kantine war so voll wie noch nie. Vielleicht lag es daran, daß Sonntag war und keiner Lust hatte, zu kochen, ich weiß nicht, jedenfalls waren Familien mit Kind und Kegel aufgetaucht, rausgeputzt wie zur heiligen Kommunion. Die Workshop-Teilnehmer saßen mehr oder weniger versprengt und passten nicht richtig ins Bild.

Ich saß mit Doro, Emil und Konrad an einem Tisch in der Ecke. Und als ich über meine Suppe gebeugt zuhörte, was Emil von Kattowice erzählte (er kam daher), kam Kasias Vater herein. Ihm folgten eine ziemlich blonde Frau und Kasia. Vater. Mutter? Tochter. Auf jeden Fall Vater und Tochter. Mein Herz schlug schneller und ich suchte Kasias Blick.

 

Mo 25.09.00  15:50

flashback5: in mir drehte sich alles, ich wusste, dass draußen new york war und betete, dass sich am anderen ende der leitung jemand melden würde. komisch, das freizeichen. yes, sagte jemand. ich sagte, hello, it's me, Hermann. I'm at the airport. - JFK? - yes. - good, then wait, we'll pick you up. where exactly are you and what do you look like? -  ein halbe stunde später saß ich in einem großen amerikanischen auto und fuhr richtung brooklyn. es dämmerte. ich sah die stadt, überirdisch die lichter, ich schaute auf meine uhr: für mich war längst nacht. das jahr: 1972. der monat: juni. der anfang der reise war geglückt. ich wollte die fenster öffnen, aber das sollte ich nicht, wegen der aircondition. 

 

Di 26.09.00  9:18  (26.09.72 stinson beach/usa)

Kommt, reden wir zusammen/ wer redet ist nicht tot, es züngeln doch die Flammen/ schon sehr um unsere Not. // Kommt, sagen wir: die Blauen, kommt, sagen wir: das Rot, wir hören, lauschen, schauen/wer redet, ist nicht tot.  // Allein in deiner Wüste, in deinem Gobigraun - du einsamst kleine Büste, kein Zwiespruch, keine Fraun,  // und schon so nah den Klippen, du kennst dein schwaches Boot - kommt, öffnet doch die Lippen, wer redet, ist nicht tot.  (3) 

 

Di 26.09.00  12:16

Fast einen Monat Netz-Tagebuch. Eineinhalb Monate homepage. Viel Liebesmüh für 174 anonyme Betrachter. Trotzdem: ab Oktober stelle ich neue Geschichten ins Netz.  

 

Di 26.09.00  16:45

Der Verfasser (ichichich) verpflichtet sich, dem Verlag (die) das vollständige und vervielfältigungsfähige Manuskript auf einer MS-Dos-Diskette mit einem Papierausdruck bis spätestens ...Ende Dezember 2000 ... zu übergeben. Ichichich stelle für mich eine Drittschrift oder eine Sicherheitskopie des Manuskriptes her. Im Verlustfall bestehen gegen die keine Regressansprüche. Wenn ich das Manuskript nicht fristgemäß abliefere, verpflichte ich mich, eventuell gezahlte Vorschüsse unverzüglich an die zurückzuzahlen. Die sind in diesem Fall berechtigt, vom Vertrag zurückzutreten.

 

Di 26.09.00  23:52

Ein wahres Wort dann und wann.... 

 

Mi 27.09.00  8:58  (27.09.72 stinson beach/usa)

Ich war es nicht,  er war es auch nicht, du kannst es nicht gewesen sein, aber ihm würde ich es zutrauen, zumal die Indizien gegen ihn sprechen, wenngleich er behauptet, er würde doch wissen, wenn er es getan hätte, erkläre sich aber bereit, die Spuren zu beseitigen, was jedoch keinem Schuldeingeständnis gleichkomme. 

 

Do 28.09.00  8:24   

flashback6:donnerstag 28.09.72: stinson beach: es wimmelt hier nur so von schwulen und  lesben. anne ist auch eine, aber immerhin, sie lässt mich in ihrem Bett schlafen. ich benehme mich gut, jedenfalls versuche ich es. gestern hat sie mich zu einer party geschleppt. ein stinkreicher anwalt aus san francisco hatte alle freaks aus dem umkreis in sein haus eingeladen. großes holzhaus am meer, kurz vor mill valley, pool. der typ hatte tüten voll gras. gegen mitternacht stellte sich raus, dass er dachte, jetzt, wo alle stoned wären,  könne er rudelficken veranstalten. wwwwuttttssssssch war ich weg, und musste mir am nächsten morgen von anne anhören, wieso ich so unfreundlich gewesen wäre. ich blicke hier nicht durch.  

 

Do 28.09.00  11:23

zertretener mann blues

ich kann die hand nicht heben hoch zum gruß. schau her: ich kann die hand nicht heben hoch zum gruß. wo ich doch weiß, wie schlimm das enden muß. //  da steht der braune mann vor mir und schlägt. schau nur: da steht der braune mann vor mir und schlägt. diesmal heb ich die hand, jedoch zu spät. //  ich krieche mit zerdroschenem gesicht. schau weg: ich krieche mit zerdroschenem gesicht vor meinem schlächter, doch ich bettel nicht. //  ein stiefelriese tanzt auf meinem bauch. hilf mir: ein stiefelriese tanzt auf meinem bauch. ich fresse feuer, und ich bettel auch. //  bald fällt ein knochensack ins massengrab. ho ruck: bald fällt ein knochensack ins massengrab. dann bin ich, wo ich meine freunde hab. (4)

 

Do 28.09.00   14:37

Grosse Liebe Nr. 1 

...ich wollte mit ihr in den Wald gehen, ich wollte ihre Hand halten und sie anschauen. Wir würden uns auf eine Bank setzen, die Vögel würden für uns singen und irgendwann könnten wir alles sagen. Alles, was wir uns in den letzten Jahren aufgespart hatten, all die Sachen, die man niemandem erzählen kann, die würden wir uns erzählen. 

Ja. So stellte ich mir das vor, während die Wagen der Strasz (Feuerwehr) über Kopfsteinpflaster ortsauswärts jagten, da, wo die großen Wälder lagen und jede weggeworfene Zigarettenkippe und jeder Blitz Unheil anrichten konnte.

Das Wetter wurde immer wütender und für eine Viertelstunde hatte ich das Gefühl, daß die Welt untergeht, aber dann war es ganz plötzlich vorüber.

Über den Hügeln am Stadtrand brachen die Wolken auf, unirdisches Licht flutete über die Stadt, die Vögel, die die ganze Zeit keinen Pieps gesagt hatten, piepsten wieder, die Schwalben jagten und eine halbe Stunde darauf war der polnische Sommer zurück.

Heute abend, Kasia, heute abend, ja? Bitte!  ...Seite 84

 

Do 28.09.00  18:13

Jubiläum. 183 Besucher. Erhöhter Herzschlag, wenn ich ein update ins Netz stelle. Suchtfördernd ist das. Das Berauschende ist die Vorstellung, rund um die Welt präsent zu sein.  

 

flashback: am 29.09.2000 stelle ich den   28.september der letzten zehn jahre ins netz. bitte sehr. und nun viel spass. - aaah, noch etwas: wer dies downloaded, dem soll die hand  verdörren, es sei denn, er überwiese mir dm 10.-- in briefmarken oder nemax-papieren. 

28.09.1999

Umschwung zum Herbst seit gut einer Woche. Dennoch recht mild, fast 20 Grad gestern. Jan ist seit letzten Freitag in Nizza. Am Samstag mit Chris bei Thomas, später bei Tobi. Dort nur zwei Züge an einem Joint und auf der Stelle wieder dieser Sturz ins Nichts. Genug davon. Sonntag Probe mit Peter dem Saxophonisten, Michael, einem Pianisten aus Moers und einem Bassisten aus Essen. Alle außer mir gelernte Musiker, fest auf dem Boden der Tradition. Ja. Moderne Traditionalisten. 

28.09.1998

Heute in der Wartburg Schule, mit Lee gearbeitet, die erst einwilligte, für mich Gedichte auf Band zu sprechen, nachdem ich zweimal gefragt hatte. Und dann hat sie es genauso gemacht, wie ich gedacht hatte. Ich werde sie also morgen noch einmal bitten, für mich zu sprechen. Zunächst: Achtung, jetzt kommt ein Gedicht! - Ach ja, Lee wird Ly geschrieben, darauf hat sie mich hingewiesen. Ich werden sie fragen, was Ly bedeutet. Kleiner Vollmond mit Mandelaugen?

 

28.09.1997

Heute nachmittag hat Jana, die bisher immer schüchtern und sprachlos war, ihre ersten Worte an mich gerichtet: Habt ihr zwei Sofas? -  Schade, dass sie, ihre Eltern und ihr gerade geborener Bruder Paul zum Jahresende wegziehen. 

 

28.09.1996

Mit Frau Likar telefoniert. Lüftchen ist nichts für sie, glaube ich. Mit Frau Frischer von Dressler telefoniert. Hat den zehnten Mond gelesen. Findet ihn sehr gelungen. Glaubt sicher, dass ich ihn unterbringe. Ist jetzt im Außenlektorat. Und jetzt kommt es: Frau Wenzel wird mein Manuskript in Zukunft betreuen. Frau Frischer kündigt nämlich. Scheiße das.

 

28.09.1995

Da sitzt nun der große Meister aller Klassen, langweilt sich und zählt in Gedanken das Geld, das er beiseite legen wird. Für später vielleicht, für den Lebensabend mit zeitweiligen Aussetzern des Kurzzeitgedächtnisses, besser noch, mit unerwartet auftretendem Verlust der Orientierung. Ja. Held sein ist schwer. Die Frau macht es ihm jedoch leicht. Sie lacht gern und viel über seine Scherze, aber tief im Herzen, weit weit vor jedem Gedanken, ist ihm noch alles, wie es von Anfang an war, fad und ohne erkennbaren Sinn. 

 

28.09.1994

Mittwoch zu einer Lesung ins Künstlerdorf Schöppingen. Anschließend VS-Sitzung mit neuem Vorsitz. Ein Herr B. aus Warendorf, unerträglicher Mensch. Am Abend mit den Stipendiaten Forellenessen in Eggerode. Nicht lecker. Freitag in der Geist-Schule gelesen. -  Als Unterhaltungsclown spiele ich eine untergeordnete Rolle, meine Prosa findet der/die ein oder andere zwar erstaunlich, aber nicht erstaunlich genug, sie zu veröffentlichen. Und da ich aus vielerlei Gründen kaum gesellschaftlichen Umgang pflege, wird es wohl schwerer & schwerer. 

 

28.09.1993

Gerade aus Gronau zurück. Neue Waschmaschine für meine Eltern gekauft. Mein Vater wollte unbedingt mit - der Name Mensing würde ihm Preisnachlass bringen. Habe ihn dann doch zu Hause gelassen und ihm stattdessen zwei Matjes mitgebracht. 

 

28.09.1992

Freitag WDRIII 20:15 Yellow Shark - Frank Zappa. - Mich interessieren nicht die Ergebnisse, mich interessiert der Weg. 

 

28.09.1991

Im Bett gestern. Ich schlage den Gong. Joseph Kappen steht aufrecht im Bett und sagt: bei Mensing wird wieder gegongt. Ich lade Chris zum Essen. Es gibt: Stangenspargel und Trockenpflaumen. Niemand außer uns würde über so etwas lachen. 

 

28.09.1990

Die Arbeit an Meier geht voran. Habe einen Computer-Schnelldruck hinter mir und arbeite jetzt die letzten Schnitzer heraus. Bis Ameland wird es nicht fertig sein, aber Mitte Oktober schicke ich das Manuskript auf die Reise. 

28.09.1972  Stinson Beach/USA

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Zitate: 1. Joni Mitchell "I wish I were in love again" aus: Both sides now // 2. Haruki Murakami "Mister Aufziehvogel" // 3. Gottfried Benn  1955 //  4. Ernst Jandl "ernst jandl für alle" darmstadt u. neuwied 1974, Luchterhand Verlag)

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