April 2013                         www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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Mo 1.04.13 13:02

Schon wieder April. Man kann es nicht ändern. Immerhin aber Sonnenschein bei knapp 6 Grad. Vielleicht ist das der Scherz, auf den alle warten. Vielleicht ist es 16 Grad und ich sitze auf dem Balkon.

22:01

Er stürzt sich von der Bank zu mir. Ich sitze auf der Nachbarbank, die etwas tiefer ist und fange ihn auf. Er quietscht vor Freude. Ich hebe ihn hoch. Ich kommentiere: der Torwart, sage ich, hat den Ball gefangen. Ich stelle ihn auf die Beine und trete ihm in den Hintern. Jetzt schlägt der Torwart den Ball weit ins Feld, sage ich, und er rennt einen kleinen Kreis, klettert wieder auf die Bank und dann geht das Torwartspiel von vorn los. Auf dem Feld spielen zwei Mannschaft der Kreisliga. Ein Spitzenspiel. In einer Mannschaft spielt Onkel Max. Deshalb sind wir hier. Er soll mal sehen, wie das ist, wenn der Onkel Max (den er besonders mag) und einundzwanzig weitere Spieler sich um den Ball bemühen. Ich bin ganz stolz. Denn dass er sich in meine Arme stürzt, von einer Bank zur nächsten, kann nur bedeuten, dass er mir vertraut.


Mi 3.04.13 13:07

Da hocke ich, martere mein Hirn, wie in meinem Gewerbe Geld zu verdienen wäre, dann kommt eine Mail und mit einem Schlag sind alle Sorgen fort. Aber lesen Sie selbst:

Lieber Freund,

verzeihen Sie mein Eindringen, mein Name ist Lieutenant Andrew Ferrara, derzeit ich im aktiven Dienst in Afghanistan bin. Bitte, ich habe einen verdunkelten Business-Vorschlag, die von gegenseitigem Nutzen für uns beide sein wird. Vor wenigen Tagen fing meine Kollegen und ich einen radikalen Taliban Kurierdienst für den Transport der riesigen Menge von Mitteln und auf diesem unglücklichen Vorfall, abgerundete wir ein Gesamtvolumen von US $ 11,5 Millionen US-Dollar.

Nach eingehender Diskussion mit meinem Zug, kamen wir zu dem Schluss, dass, wenn die Mittel an die afghanische Polizei übergeben, besteht die Möglichkeit, dass die Mittel für ihren eigenen Verbrauch wird konfisziert, deshalb es war meine Pflicht, einen Partner zu denen dieser Fonds zum Wohle von uns allen erhalten finden.


Mit aller gebührenden Bescheidenheit, ich möchte Sie zu unserem Partner in Erhalt dieser Fonds.
Die Mittel werden aus diesem Land bewegt werden durch eine Luftfracht Mittel und alle sind Sie verpflichtet, zu tun ist, erhalten die Mittel und ein Konto zur Verfügung gestellt werden, die Sie bei der Übertragung unserer Aktien zu verwenden.

Unser Wort ist unser Leben, ich persönlich Ihnen versichern, dass dieser Fonds wurde sorgföltig enthalten und es gibt keine Notwendigkeit, über die Quelle Sorgen da wir nicht alles tun, die Probleme zu Ihnen zu bringen oder verfolgt zu uns zurück.

Für Ihre ehrliche Teilnahme an diesem Deal, sind wir bereit, die Mittel in drei gleiche Teile zu teilen, wird ein Drittel für Sie sein ein Drittel meiner verstorbenen Bruders junge Familie geschickt werden, werden die Details zur Verfügung gestellt werden, wie die Zeit vergeht.

Siehe Link unten, um mehr zu erfahren über meine Familie. Wenn Sie bereit sind, zögern Sie bitte nicht, mich mit Ihren Kontaktdaten.


Do 4.04.13 21:15

Kaum ist es
einen Tag über fünf Grad, muss meine Katze raus, unbedingt muss sie übern Balkon und das schräge Brett hinunter, das ich an der Brüstung angebracht habe, einfach aber effektiv. Wenn sie dann draußen ist, will sie auch bald wieder herein. Sitzt vor der Balkontür und maunzt, in der Regel sitzt sie da, heute wahrscheinlich auch, aber ich habe sie weder gesehen noch gehört. Sie setzt sich dann vor die Haustür und wartet, bis ein Nachbar nach Hause kommt. Der lässt sie in den Flur und schellt bei mir, obwohl ich allen Nachbarn gesagt habe, sie sollen sie nicht herein lassen. Wenn ich nämlich das Schellen nicht höre, kann es sein, dass sie neben den Blumentopf auf halber Treppe kackt, weil sie eine ordentliche Katze ist und zum Kacken ins Haus kommt, und wenn dann niemand öffnet, scheint die Stelle neben dem Blumentopf offenbar gerade richtig.


Fr. 5.04.13 10:47

Eine Narzisse im Schatten der Büsche vorm Haus hat zu blühen begonnen. Die anderen stehen ratlos herum. Die Gärtner verzweifeln. Die Landwirte formulieren Anträge, um zu erwartende Ernteausfälle bei der EU geltend machen zu können. Auch ich habe Ansprüche, aber ich kann sie nirgendwo geltend machen. Romane schreibt man auf eigenes Risiko. Meiner nähert sich Seite 190 und wird mit jedem Tag komplexer. Seit November sitze ich vor meiner Maschine und frage mich, wie es weiter geht. Los, sage ich, los Mensing, beweg deinen Arsch. Und dann fange ich an.




Der unvollendete Roman

In Demut nimmt der Dichter einen Scheck entgegen,
die Höhe unerhört, die Steigerung zum letzten 6 Prozent,
da sag noch jemand, dass wir uns nicht mehr bewegen,
in and'rem Licht erscheinen die Prozente dem, der die dahinter stehn'de Summe kennt.

Der könnte schon in tiefe Depression verfallen,
dem hülfe nur noch delirierend' Lallen,
der fickte sich am Besten selbst ins Knie,
und sagte nur noch nie!!!

Nie mehr will ich Romane schreiben,
nie mehr die Eitelkeit zur höchsten Blüte treiben,
nie mehr will ich mich quälen,
will lieber Schäfchenwolken zählen.

So voller Vorsatz schreitet man sodann,
zum Rechner, wirft ihn murrend an,
lädt seinen letzten, unvollendeten Roman,
und fängt von vorne an.


Sa 6.04.13 22:38

Zweistellige Temperaturen heute, sogar Sonnenschein war dabei, aber ich war faul, ich habe mich nicht bewegt, ich habe nicht geschrieben, ich habe auf dem Sofa gelegen und Hörspiele gehört. Sehr zu empfehlen ist der Hörspielpool von Bayern 2. Höre dort gerade die dritte Folge von Robert Musil Der Mann ohne Eigenschaften. Wunderbar ist das, wenn man zuhören kann.
Aber morgen, morgen setze ich mich aufs Rad.

So 7.04.13 11:43

Blauer Himmel, noch ist das Thermometer einstellig, aber in einer Stunde wird das anders aussehen, dann mache ich mich auf den Weg. Bis dahin höre ich Shearwater, eine amerikanische Band, Seitenprojekt der Band Okkerville River, auf die ich vor einem Jahr aufmerksam wurde. Merkwürdig schmachtender Gesang, ja, das schon, aber gerade das gefällt mir.

17:30

Geht doch, denkt man, schau, drei Entenküken auf dem Kanal, Mädchen in T-Shirts, ein Motorboot mit Mann, Frau und zwei Kindern, die nicht recht wissen, was sie sollen an Bord, schauen, die ganze Zeit schauen, wie auf der Kanalpromenade nichts passiert oder etwas passiert, was sie nicht interessiert? Da legt sich der Vater ins Zeug, schiebt den Gashebel vor, das Boot hebt den Bug und zieht einen breiten Fächer Wellenschlag hinter sich her, der ans Ufer schwappt, den Küken ein wenig zusetzt und einen Kormoran veranlasst, fortzufliegen. Und da, schau, der zweite Zitronenfalter des Jahres, das alles wie prognostiziert, zweistellig an einem einstelligen Apriltag, auf den 80 Millionen Deutsche seit etwa einem halben Jahr sehnlichst gewartet haben. Und dann, als man sich der Stadt nähert, ständig Sprengstoffattentäter in mittelhoher Geschwindigkeit unterwegs, jedenfalls sehen sie so aus, diese Jogger jeden Alters, die sich Sprenggürtel umgeschnallt haben, als ginge es gleich in den Basar oder sonstwohin, vier bis sechs Flaschen haben sie um den Bauch, weiß der Teufel, was darin ist, was so wichtig ist, dass sie nicht ohne rennen können. Ja, man hat den Tag genutzt und viele haben ihn übertrieben, denn so warm ist es ja nun auch wieder nicht, jeder Schatten erinnert sofort daran, dass die Welt noch eine Weile einstellig bleiben wird. Trotzdem war es schön, und nach etwa vierzig Kilometern ist man rechtschaffen müde.


Mo 8.04.13 10:22

Da hat mir das Torwartspiel mit dem Enkel letzten Sonntag gehörig das Kreuz verrissen, so dass im Augenblick nur beschränkte Mobilität möglich ist. Man lindert mit Wärmflaschen. Die Woche beginnt, das nächste Kapitel will geschrieben werden, aber noch fehlt das erste Wort. Woher es diesmal kommen könnte, weiß man nicht, man weiß nur, dass man die Ruhe bewahren muss.

16:35

Gerade denkt man, gut, das Konto ist ausgeglichen, da beginnt ein neues Vierteljahr und alle wollen Geld, die Rundfunkanstalten, die Versicherungen, die Versicherungen, die Künstlersozialkasse, es ist nicht zum Aushalten, und schon ist das, was noch zu erwarten ist, schon wieder ausgegeben. So kommt man nie auf einen grünen Zweig.

21:52

Da stehen seit Dezember die beiden Balkonstühle, die ich abgeschliffen habe. Ich habe auch morsche Stellen gespachelt, aber als ich sie mir heute ansah, dachte ich, die gehören eigentlich auf den Müll. Oder ich müsste sie abbeizen, aber ich beize nicht, beizen ist eine stinkende Prozedur, die ich mir nicht antun will. Nun werden Max und ich am Freitag mal sehn, ob sie zu retten sind, oder nicht. Ich bin heute nicht mehr zu retten.


Di 9.04.13 10:01

Da muss erst Kaffee ins System, dann könnte man anfangen, könnte das, was man gestern noch kurz vor Mitternacht ausgespuckt hat, gegenlesen und sich verwundert fragen, wo das nun wieder hergekommen ist, und angenommen, es hätte heute noch den gleichen Wert, den es gestern Abend hatte, dann würde man weiter machen.

Aber erst muss man zwei Dinge tun, die auch wichtig sind. Man muss eine Schreibwerkstatt am Geschwister Scholl Gymnasium in Pulheim und eine Lesung in der Stadtbibliothek Gronau in sein System einpflegen, denn das muss ja seine Ordnung haben, man muss ja wissen, wo die bescheidene Penunse herkommt, die man noch zu erwirtschaften hofft, eh man im nächsten Jahr seine Rente abgreift, das muss man natürlich im Blick behalten, denn jeder Euro tut gut, und jeder Euro wird, wie Sie vielleicht aus der Presse erfahren haben, sofort beiseite geschafft.

Wir haben Konten auf den Bahamas, in der Südsee und natürlich auch in Panama, wo wir uns hin und wieder mit den örtlichen Drogenbaronen treffen, um kleine Geschäfte zu tätigen. Das alles also muss getan werden, und wenn das getan ist, dann geht es los.

Jetzt geht's lohooooos, ruft man und motiviert sich mit Schlägen an den Hinterkopf, während der Frühling Fahrt aufnimmt und man bedauernd feststellt, dass man trotz fortgeschrittenen Alters das Sein nur genießen konnte, wenn man etwas tat, statt draußen herum zu gehen und tief durchzuatmen.

Im nächsten Leben wird das anders, das verspricht man sich, nimmt einen schweren Gegenstand, zertrümmert ihn am Kopf, schüttelt sich und dann geht es los.


20:57

Hab mich gequält heute, es sprudelt nicht jeden Tag, und wenn es sprudelt, dann nur, wenn man sich in den Arsch tritt. Dabei ist herausgekommen, dass ich eine wichtige Szene streiche, um der Geschichte ein Geheimnis hinzuzufügen. Morgen wird mein Held versuchen, sein Haus zu verkaufen.


Mi 10.04.13 20:38

Zwei Balkonstühle abgeschliffen und vorgestrichen. Jetzt Sofa und Fußball. Danach unter Umständen Tanzen.

Do.11.04.13 13:18

Ich hatte diesen Anzug gesehen, letzte Woche, als noch Winter war und tiefe Depression, aber da war mir das Anprobieren zu lästig, allein schon wegen der Schuhe und der Schuhbänder. Da aber heute verhaltener Frühling herrscht und ich leichter gekleidet daher kam, dachte ich, ich schaue mal, ob er noch da hängt. Hing er aber nicht. Stattdessen hing da ein leichtes Joop Jackett, und da der Textilienhändler meiner Wahl seit geraumer Zeit Oxfam heißt, konnte ich nicht wiederstehen. 16 Euro für ein Joop Jackett, da ist geschenkt quasi Hilfsausdruck. Mit dieser frohen Nachricht begebe ich nun an mein Tagwerk: Wäsche waschen, aufhängen, Wäsche bügeln, und heute abend Kino.


Fr 12.04.13 11:00

Rücken haben alle. Aber ich habe einen derartigen Rücken, dass ich nur mit Mühe vom Stuhl hochkomme. Nun könnte man sagen, gut, der Mann hat seine beste Zeit hinter sich, schlachten wir ihn einfach und mischen ihn unter die nächste Tranche Pferdefleisch, das merkt eh keine Sau, aber da bin ich nun doch strikt dagegen. Ich werde Maßnahmen ergreifen, vorausgesetzt, ich kann den Thron, den ich gleich aus Gründen besteige, die ich nicht näher erläutern will, jemals aus eigener Kraft wieder verlassen. Es ist ein bezaubernder Thron, das schon, aber natürlich will niemand dort länger als drei Minuten verharren. Also drücken Sie mir die Daumen. Sollten Sie nicht mehr von mir hören, achten Sie beim Einkauf industriell gefertigter Lasagne auf die Zusammensetzung. Sollte ich gegen meine Vorsätze darin vorkommen, wünsche ich guten Appetit.

13:32

So eine kurzzeitige Thronbesteigung kann heilend sein. Man sitzt da, sonnt sich im Ruhm, und da denkt der Restkörper wahrscheinlich, gut, wenn er jetzt König ist und auf die Untertanen scheißt, darf er nicht Rücken haben, da spendieren wir ihm mal schmerzfreies Aufstehen. Der König registriert es mit Freude, bleibt aber skeptisch, denn er ist längst wieder herabgestiegen vom Thron und hat dem banalen Alltag Tribut zollen müssen, hat gebügelt und ein wenig für Ordnung gesorgt in seinem kleinen Reich, mal sehn, wie das ausgeht, perspektivisch ist augenblicklich sogar wieder denkbar, dass er morgen abend auf dem Salsa Festival seine Runden dreht, andererseits, wenn er daran denkt, wie ihm die Salseros manchmal auf den Geist gehen, wenn er sie nur von fern sieht, dann bleibt auch das eine fragwürdige Option. Immerhin scheint die Sonne, das Thermometer meldet 17 Grad, man jubelt und freut sich des Lebens.


Sa 13.04.13 9:56

Ein Stehpult wäre jetzt gut, denn stehen kann ich. Sitzen kann ich auch, aber Aufstehen ist schwierig.

11:55

letztens noch im stoßverkehr,
heut' mit krummem kreuze ächzend,

schwere schmerzen und nun sehr
nach erlösung lechzend.

hexen aber, wie man weiß,
schießen und verweilen,
ihre schüsse brennen heiß,
langsam jetzt, nicht eilen.

besser liegen, lesen, essen,
später dann ein heißes bad,
sex und rock n' roll vergessen,
dieses wochenend wird fad.


So 14.04.13 11:12

herrlich, dieses liegen ohne frauen,
mollig warm das kreuz und keine fragen,
die einem den tag versauen,
und mit jedem blicke sagen,

was man für ein arschloch sei,
und verrückt wohl obendrein,
daher heut' da capo, bin so frei,
wieder springt die waagerechte ein.

dazu bücher, ausgewählte digitale medien,
wärmflaschen, laktritz und ruhe,
unterdrück mein stilles sehnien,
und verschließ mich in der männertruhe.


18:05

Werde morgen mal versuchen, an meinem Stehpult zu arbeiten.


Mo 15.04.13 10:05

Meine Nachbarin gab mir gestern Pferdebalsam, ein grünes Gel, das mich an Mars Attacks erinnert. Es ist ein kühlendes Gel, das ich nun hin und wieder auftrage. Vergleiche ich meinen heutigen Zustand mit dem vor drei Tagen, kann ich zufrieden sein. Ich kann aufstehen, ohne dass mir der Schmerz gleich wieder in die Knie zwingt. Heute mittag Radiointerview in Münster. Morgen eine Lesung in Gronau. Es scheint, dass ich den Status Quo meines Kontos noch eine Weile aufrecht erhalten kann.


Di 16.04.13 21:20


Rückenwirbel wurden in Stellung gebracht. Wärmecreme stark gekauft und aufgetragen. Inglorious Basterds geguckt. Jetzt noch DFB Pokal Wolfsburg - München, dann ins Bett. Ach ja, eh ich's vergesse, eine Lesung heute, trotz Rücken gar nicht so schlecht.


Mi 17.04.13 11:11

Vor 52 Jahren war ich zum letzten Mal im Stadtbad Mitte. Damals als Schwimmer einer Auswahl meiner Schule. Es ging um Kreis- oder Landesmeisterschaften. Ich wollte Hanne imponieren, die auch in der Auswahl schwamm. Hanne war umschwärmt, schwärmte aber für ältere Jungs, wenngleich es mir ein Jahr darauf gelang, den Abschlussball des Tanzkurses mit ihr zu feiern. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich startete über 50 Meter Kraulen, eigentlich keine Distanz, aber ich war voller Ehrgeiz und die ersten 25 Meter viel zu schnell angegangen, so dass ich auf den letzten Metern vorm Ziel fast absoff. Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas gewann. Ich weiß nur noch, dass ich mich sehr schämte, als sie mich prustend und spuckend aus dem Wasser zogen.

Heute war ich wieder dort. Ich mag die Luft in Hallenbädern nicht, ich mag das gechlorte Wasser nicht, ich mag auch nicht mit anderen Menschen duschen, aber man hatte mir Rückenschwimmen verordnet. Gegen zehn stand in einer der engen Umkleidekabinen, dachte, was man sich hier alles holen kann, in dieser aufgeheizten Luft und der Feuchtigkeit, von Fußpilz aufwärts ist alles möglich. Ich zog mich um, und als ich meine Kleidung in ein Fach schließen wollte, sah ich eine nackte junge Frau, die ein paar Meter entfernt in der Dusche stand. Ich senkte sofort den Blick. Irgendjemand hatte wohl die Tür nicht geschlossen.

Ich schwamm etwa eine halbe Stunde. Junge und alte Menschen waren unterwegs, Menschen mit Pickeln und Menschen mit dicken Bäuchen, ständig muss man acht geben, dass man nicht mit jemandem zustammen stößt, vor allem beim Rückenschwimmen ist das manchmal nicht zu vermeiden. Trotzdem, es tat gut, ich geh da jetzt häufiger bin.

16:06

horrido, ihr hochverwirrten,
wünsche einen guten Tag,
wär es möglich, dass wir irrten,
und dass gott uns gar nicht mag?

dass er denkt, ich habe mich vertan,

diese brut ist nicht in meinem sinn,
was sie treibt ist reiner wahn,
morgen mache ich sie hin.


Do 18.04.13 9:24

Oft fragt man sich, wozu Internet gut ist. Zum heimlich Pornos gucken? Zur Erweiterung des Horizonts? Zur Abschaffung der Printmedien oder zu gar nichts? Nun, ich nutze das Internet schon seit fünfzig Jahren nicht mehr, daher kann ich diese Fragen nicht beantworten, aber Herr M., der kürzlich unter schweren Verwerfungen seiner Wirbelsäule litt und heute wie durch ein Wunder geheilt scheint, sagte kürzlich, er habe von sogenannten "Freunden" (er besäße weit über 800 Freunde im Internet) von einer Salbe erfahren, die heißer brenne als die feinsten Brennfäden der gefährlichsten Südseequallen, mit der habe er die von den üblen Schmerzen der oben genannten Verwerfungen befallenen Stellen eingerieben und sei nun tatsächlich total schmerzfrei. Total und vollständig, sagte er, und das, fuhr er fort, habe er einzig und allein der Aufmerksamkeit seiner 800 oder mehr Freunde im Internet zu verdanken.

Ich bat ihn daraufhin, mir doch bitte einmal zu zeigen, wie dieses Internet funktioniert. Er wies mich in atemberaubender Schnelligkeit ein, und nun kann ich heimlich Pornos gucken, meinen Horizont erweitern, ich trage zur Abschaffung der Printmedien bei, und - was noch besser ist - ich liefere der im Hintergrund heimlich mitschreibenden Industrie täglich Tausende und Abertausende Daten, die sie weiterverkaufen, gegen mich verwenden und sonstwie zum Wohle einer zukünftigen Informationsgesellschaft verarbeiten kann, in der das Wort Privatsphäre ein Euphemismus ist.

Da war ich natürlich ein bisschen erschrocken und beschloss, auf der Stelle zu protestieren.
Fick dich, Internet, rief ich mutig, und wurde sofort von FB gestrichen.

15:55

Da Geld nur einen imaginierten Wert hat, der jederzeit wachsen, schrumpfen, ja, sogar vollends verschwinden kann, habe ich für heute Abend ein Tauschgeschäft eingefädelt. Ich werde in einem münsteraner Kosmetiksalon aus "Mein Prinz" lesen, und erhalte dafür ein Salz-Öl Peeling (bin gespannt) plus Mani- und Pediküre.

Sollten Sie mir also demnächst begegnen und sich fragen, wie kann ein so alter Mann noch so schön sein, dann hätten sie eine Erklärung. Es kann aber auch sein, dass ich es gar nicht bin, wahrscheinlich bin ich es nicht, aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Falls Sie Münsteraner sind und mich noch vor meiner wundersamen Verwandlung sehen wollen, kommen Sie heute um 20:00 Uhr in die Mod's Hair Power Lounge auf der Hafenstraße 29-31, da lese ich Ihnen vor.


Fr 19.04.13 9:03

Ich hatte noch fünfzehn Minuten bis zum Beginn der Lesung und setzte mich abseits in einen der bequemen Sessel, als ich dieses Reißen hörte. Aber es war nicht mein Kreuz, es war meine Jeans. Ein Riss vom Steiß bis fast in den Schritt. Zum Glück trug ich ein Jackett, das ihn verdeckte, aber so konnte ich natürlich nicht den Gangnam Style tanzen, den ich als Kontrast zu dem danach folgenden literarischen Ernst immer tanze, um den Menschen die Furcht zu nehmen.

Dreizehn Zuhörer, die freiwillig in diesen Kosmetiksalon gekommen waren, um zu hören, wie sich ein afrikanischer Leibeigener Ende des 17 Jahrhunderts am Hof der Droste Hülshoff gefühlt haben mochte. Menschen zwischen dreißig und siebzig, die es zu überzeugen galt. Wenn ich vor hundert Kindern lese, habe ich keine Angst. Bei denen weiß ich, was ich tun muss. Bei dreizehn Erwachsenen ist das anders. Ich benötigte eine Viertelstunde, eh ich warm wurde, aber danach war ich warm und las fast zwei Stunden.

Es gelang mir, jedem meiner Zuhörer einen Roman zu verkaufen, das freut einen unbedeutender Schriftsteller. Heute bin ich müde und glücklich. Manchmal ist das Leben umwerfend schön.

16:19

Die düstere Zeit ist vorüber. Ich kann wieder spielen.




da hackt ein mann ein dickes ei,
der dotter fließt heraus,
er hat sehr großen spaß dabei,
doch nun ist alles aus.

das ei kaputt, der dotter fort,
das eiweiß in gibraltar,
jetzt hackt er anderes vor ort
und denkt nie mehr ans alter.


Sa 20.04.13 12:12

Es gibt in Lola Rennt eine wunderbare Sequenz. Lola ist unterwegs. Sie stößt mit jemandem zusammen. Und in vier oder fünf mit dem Verschlußgeräusch einer Spiegelreflexkamera unterlegten Stills rollt das Leben dieser Person ab. So geht mir das manchmal, wenn ich in der Stadt bin. Ich sehe jemanden und in Echtzeit läuft dessen Leben vor meinen Augen ab. So und so könnte es sein, denke ich, und dann bin ich erschrocken.

Die Sonne scheint, ich habe gut geschlafen, zum ersten Mal seit Wochen habe ich das Gefühl, dass mein neues System wieder rund und stabil läuft, will sagen, es dauert nicht mehr lang, und ich kann wieder unbeschwert arbeiten. Aber heute noch nicht. Auch morgen nicht. Irgendwann in der nächsten Woche wird es soweit sein. Das fühlt sich gut an.

15:09

letztens noch im stoßverkehr,
heut' mit krummem kreuze ächzend,

schwere schmerzen und nun sehr
nach erlösung lechzend.

hexen aber, wie man weiß,
schießen und verweilen,
ihre schüsse brennen heiß,
langsam jetzt, nicht eilen.

besser liegen, lesen, essen,
später dann ein heißes bad,
sex und rock n' roll vergessen,
dieses wochenend wird fad.


So 21.04.13 15:10



mein sofa
reicht an einem tag wie heut
von hier bis tief nach feuerland,
wo ich mit dir das abc erfand,
nicht einen tag hat's mich gereut.

ich strecke mich bis tuvalu,
und hebe, was ich heben kann,
ich nehme deinen namen an,
und bleibe, was ich bin, dein mann


Do 25.04.13 23:01

Montag habe ich wieder begonnen zu schreiben. Dienstag bin ich nach Essen gefahren, weil ich mittwochfrüh an einer Schule vier Lesungen hatte, und ich mir die Reise quer durchs Revier an einem Morgen zwischen 6 und 8 Uhr nicht antun wollte. Ich übernachtete bei einer Freundin. Sie hat einen Tibeter, der lachen kann. In einem orangefarben gestrichenen Raum im Keller betreibt ein Freund von ihr eine kleine Massagepraxis. Ihren Mann hat sie vor zwei Jahren berechtigerweise hinausgeworfen. Seitdem verstehen sie sich wieder besser. Am Abend war ich mit ihr und drei weiteren Frauen in Kupferdreh. Dort gibt es einen sehr schönen, längst außer Dienst gestellten alten Bahnhof, in dem wir aßen. Die Frauen redeten viel von Männern und Partnerbörsen. Ich kam aus dem Staunen nicht raus.

Als ich zwischendurch zur Toilette ging, fiel mir ein Automat auf, der neben den Waschbecken hing. Für zwei Euro konnte man sich dort wahlweise einen Penisring mit Vibrator oder eine Travel Pussy ziehen. Ich konnte mich aber nicht recht entscheiden. Als ich später nochmal dort war, dachte ich an den schwulen Mann, der Chris und mir einmal am Strand in Bergen aan Zee entgegen gekommen war. Er war splitternackt und offenbar machte es ihm Freude, mit erstaunlich großem, eregierten Glied spazieren zu gehen. Um dessen Wurzel war ein Penisring. Chris und ich diskutierten lange darüber.

Ich entschloss mich, zwei Euro in investieren, aber die Lade vom Automaten ließ sich nicht öffnen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, der Automat sei ein Fake, der nur Geld schluckt und nie Ware herausgibt, denn wer hätte schon den Mumm, sich bei der jungen, vorwiegend weiblichen Thekenmannschaft darüber zu beschweren, dass entweder die Penisring-Schublade, geschweige die mit der Travel Pussy (unter der ich mir überhaupt nichts vorstellen kann) klemmt. Ich jedenfalls nicht.

Am Morgen wollte mein Navi mich auf die A-40 schicken, aber schon an der Auffahrt staute sich der Verkehr auf ziemliche Länge, so dass ich beschloss, meinem Sinn für Richtungen zu folgen. An der nächsten großen Straße, die wieder so verlief, wie ich es mir in etwa gedacht hatte, schlug das Navi plötzlich vor, links abzubiegen. Ich folgte ihm. Es hätte ja sein können. Es hatte aber offensichtlich andere Pläne, schickte mich einmal um ein Viereck, um mir dann vorzuschlagen, der großen Straße in entgegengesetzter Richtung zu folgen. Das verweigerte ich. Mit Erfolg. An der nächsten großen Kreuzung sah ich schon Schilder meines Bestimmungsortes.

In Kupferdreh verließ ich Hauptstraße, und durchquerte staunend in frischestem Frühlingsgrün leuchtendes, bergisches Land, geradezu idyllisch, wenn man weiß, wie Essen am andere Ende ausschaut. Punkt acht war ich vor Ort und las von Klasse 1 bis Klasse 4. Nach der zweiten Lesung fragte ich eine Lehrerin, ob sie Salbei Bonbons auftreiben könne. Sie kam mit einer Dose Pullmoll zurück. Die waren auch nicht schlecht.

Nach der Lesung saß ich eine Weile am Baldeney See, aß eine Kleinigkeit, fütterte einen schwarzen Schwan und beobachtete auf Düsseldorf anfliegende Flugzeuge. Eines war so groß, dass es über den Himmel zu schleichen schien und die Vorstellung, dass es nicht jeden Augenblick herunter fallen würde, abenteuerlich war. Auf dem nahe gelegenden Parkplatz um die Pommesbuden standen auffällig viele alte Männer in Lederbekleidung vor schweren und schwersten Motorrädern. In einer hinteren Ecke hatte sich Vespa Fahrer versammelt. Die hatten auch Frauen dabei.

Heute übte ich schwereloses Treiben im Solebad Werne. Das war sehr angenehm, aber ermüdend.



Fr 26.04.13 13:52

Kaum hat der Frühling begonnen, trippeln fette Fliegen auf dem Rand meiner Kaffeetasse herum. Jetzt beginnt wieder das Töten. Die japanische Kirsche braucht noch einen, zwei Sonnentage, dann wird die Welt vorm Küchenfenster rosa und nimmt mir Tage den Atem. Ich hocke vorm Rechner und treibe mich an. Das ist nicht richtig, aber ich weiß im Augenblick keine andere Lösung. Den Tag auf dem Sofa zu vertrödeln ist nicht meine Sache. Also, Seite 205 noch, dann erst einmal Kaffee.


Sa 27.04.13 11:54




Die Sonne schwärmt, am nächsten Tag fegt Sturm,
die Vögel singen, Grün schlägt Funken,
der Regen lockt, aus dunkler Erde kriecht ein Wurm,
die ersten Blüten sind schon blass herab gesunken.

Man sitzt im Schatten, schleckt ein Eis
und übern Horizont treibt plötzlich Schnee,
es ist April und jeder weiß
schon bald tut er uns nicht mehr weh.

April, April, uns ist nach kleinen Scherzen,
wir werden still und schauen Wolken nach,
wir tragen Sehnsucht in den Herzen
und werden langsam für den Wonnemonat wach.


17:04

Gegen 19 Uhr betrat ich das Zimmer des großen Enkels. Er lag schon im Bett. Papa war auch da. Ich war gekommen, um auf ihn und seinen Bruder aufzupassen, die Eltern wollten ausgehen. Der Enkel schaute mich staunend an. Noch nie einen Opa gesehen? fragte ich. Er schüttelte den Kopf. Soll ich mich mal drehen? Er nickte. Ich drehte mich. Anders herum auch? Er nickte wieder und schaute interessiert. Soll ich mal das Bein heben? Der Enkel nickte und lächelte. Ich hob auch noch das linke Bein und die Arme. Der Enkel hatte Freude.


Mo 29.04.13 15:04

Beide sind weit über siebzig, leiden an Alzheimer und leben in einem Heim. Dass sie da eigentlich nicht hingehören, ahnen sie. Irgendetwas sagt ihnen, dass ihr Leben einmal ein anderes gewesen sein muss, wenngleich sie schon nicht mehr so recht wissen, woher sie gekommen sind und was sie erwartet.

Am Wochenende taten die beiden sich zusammen und machten sich auf den Weg. Sie wussten nicht, wohin sie wollten, aber die Beobachtung einer Pflegerin, die die beiden fortgehen sah, lässt darauf schließen, dass es einen Vorsatz gab. Sie nahmen nämlich den direkten Ausgang, nicht den, der durch den Garten in das kleine, nebenan liegende Wäldchen führt, in dem sie häufig spazieren gehen. Dennoch konnte sich die eine später nicht einmal mehr an den Namen der anderen erinnern, und ob es tatsächlich einen dezidierten Plan zur Flucht gab, entzieht sich meiner Kenntnis.

Ich weiß nur, dass man sie schließlich vermisste und Späher ausschickte, denn Menschen, die von dieser Krankheit betroffen sind, unternehmen früher oder später immer wieder Fluchtversuche, meist kommen sie nicht weit, irren umher und kommen nirgendwo an.

Die Späher fanden sie nicht.

Die beiden waren bis zu einer Bushaltestelle gekommen und wollten einsteigen. Sie hatten jedoch kein Geld. Ausweise hatten sie auch nicht. Der Busfahrer rief die Polizei, die Polizei nahm sie mit und rief das Heim an, in dem die beiden leben. Eine Pfegerin fuhr zur Polizei, um die beiden abzuholen.

Ach, Sie hier? sagte eine der Damen, als die Pflegerin auftauchte.

Die Polizisten berichteten, die Damen seien sehr zuvorkommend gewesen und hätten mit den Beamten regelrecht geflirtet. Als sie zurück waren in ihrem Heim, setzten sich die beiden vor ein großes Fenster. Sie schauten hinaus in den Garten und die eine sagte zu der anderen: die Freiheit ist doch schön, nicht?

 

 

 


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