April 2014                           www.hermann-mensing.de          

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Mi 2.04.14

ich bin von einer traurigkeit, seit 65 jahren,
und fröhlich bin ich außerdem,
was ist bloß damals eingefahren,
in mein westfälisches system?


Fr 4.04.14

War gestern abend auf dem Schöppinger Berg, um mir die dort seit der Skulpturen Biennale 2005 stehende Installation von Jan Philip Scheibe anzuschauen. In direkter Nähe eines der dort zahlreichen Windräder hat er ein Gerüst gebaut. Oben ist eine Schrift angebracht, die man durch Knopfdruck zum Leuchten bringt. Er macht seine Engel zu Winden, steht darauf, das bezieht sich auf Psalm 104 aus dem alten Testament.

Wort/Lichtinstallation nahe einem Windrad, Schöppinger Berg D 2005
1600 x 1265 x 350 cm, Aluminium, Lack, Glas, Neon, Kunststoffe, Stahl, Beton, Kabel.

Mehr Information zum Künstler finden Sie unter: www.jan-philip-scheibe.de

Ich war nicht allein, wir machten ein kleines Picknick, warteten auf die einfallende Dunkelheit und knipsten das Licht an und aus, immer in der Hoffnung, dass einer der dort vorbeirasenden Autofahrer irritiert links oder rechts in die Rabatten abschmiert, was jedoch nicht geschah.

 

Sa 5.04.14 12:31

Man kann Luft schöpfen, so feucht ist sie, die japanische Kirsche vorm Küchenfenster ist in voller Blüte, mehr ist nicht zu sagen. Herr M. und ich leisten sich stille Kontemplation. Wir haben Segel gestrichen und beschlossen, nur noch mit Hochleistungsmotoren zu fahren. Das, was wir Alltag zu nennen pflegten, rückt in den Hintergrund. Politik interessiert uns nicht mehr, obwohl wir brennend daran interessiert bin. Die Liebe ist zu komplex für unsere einfachen Primatenhirne, woraus wir schließen, dass da etwas nicht stimmen kann. Geld hatten wir nie, und gestört hat das nicht. Was also bleibt? Unser positiver Geist. Unser überbordender Optimismus. Alles andere dürfen sich die Akteure der großen Bühnen in die Arschritze schmieren. Die gierig-geizigen Profiteure des Untergangs sollen in der Hölle brennen.


So 6.04.14 13:17

Nach fünfundsechzig Jahren bin ich nun in der Lage, mich meiner Kunst kompromisslos zu widmen. Darauf freue ich mich diebisch. Und wenn gerade mal keine Kunst in der Nähe ist, werfe einen Blick auf die Kirsche vorm Haus ....

... schwing mich auf's Rad und fahr über Land.

Und wenn ich dann nach drei Stunden wieder zuhause bin, lege ich mich auf's Sofa und schlummere...


Mo 7.04.14 17:31

Im Augenblick fällt mir nichts ein. Gar nichts, nada, niente. Weder zum Leben noch zu sonst irgendetwas. Vielleicht gibt's ja heute noch ein Gewitter, dann geh ich raus und lass mich vom Blitz erschlagen.


Di 8.04.14 17:36

Meine Literatour ist fertig, vorhin habe ich mit dem Fotografen abgesprochen, dass wir in der ersten Maiwoche unterwegs sein werden.

19:45

Sie fröstelt ein wenig ....



22:39

Hätte um ein Haar meinen Rechner vom Tisch gefegt, als Mkhitaryan nur den Pfosten traf. Schade, aber schön anzuschauen dieses Spiel.

Noch lesen jetzt, Kafka am Strand, das letzte Mal vor zehn Jahren gelesen, ein paar Seiten, dann bin ich durch. Seltsames Buch, eine Mischung aus Fantasy und Esoterik. Gegen fünf stand die Sonne am Ende der Könermannstraße so um 40 Grad hoch am Horizont, der Asphalt glänzte vom letzten Regen, ich musste die Augen zusammenkneifen, Sonne, Wind, der Wolken heran schob, Drama, Baby, herrlich. Ich bin allein, mittendrin, manchmal gefällt es mir, dann wieder nicht. Ich werde warten, wie sich die Dinge entwickeln, einfach nur warten, vielleicht kommt die Einsicht von selbst, auch möglich, dass sie sich nie einstellt.

Bei den Enkeln heute schien alles in Butter. Julius gefiel, dass ich mich für die Weintrauben, die er mir gab, mit vor der Brust aneinandergelegten Händen und einer leichten Verbeugung bedankte. Drei Enkel, manchmal begreife ich's nicht, aber drei Enkel sind drei Enkel, und wieviel Mut man braucht, so ein Wagnis einzugehen, unglaublich, darauf bin ich stolz, stolz auf mein Leben, stolz auf meine Kinder, stolz dass ich nicht aufgesteckt habe und immer noch schreibe und immer noch gar nichts sicher ist, aber wenn man sich auf der sicheren Seite wähnt, ist man tot.

 

Mi 9.04.14 17:27

Herr M. steht neben sich.
Guten Tag, Herr M., sagt er.
Guten Tag, sagt Herr M. Wo stehen Sie denn?
Neben mir, antwortet Herr M.
Dann is ja gut, sagt Herr M.
Gut? sagt Herr M. Gar nichts ist gut.
Ach tun Sie doch nicht so, sagt Herr M.


Do 10.04.14 11:48

Was soll das denn heißen? sagt Herr M.
Na Sie tun eben so, sagt Herr M.
Ich tu so?
Ja. Sie tun so, sagt Herr M. Und ich steh daneben.
Stellen Sie sich doch woanders hin, sagt Herr M.
Ich kann stehen, wo ich will, sagt Herr M. Das geht Sie einen Scheiß an.
Da wäre ich mir mal nicht so sicher, sagt Herr M. Weil...
Weil was? sagt Herr M.
Weil - wenn Sie da so neben sich stehen, geht mich das schon etwas an.
Nein, sagt Herr M, was mich angeht, geht Sie nichts an.
Das sehe ich anders, sagt Herr M.
Wie Sie wollen, sagt Herr M. Jedenfalls, wenn da einer neben mir steht, geht mich das was an.
Gut, sagt Herr M., wenn Sie darauf bestehen, stelle ich ich mich woanders hin.
Und ich? sagt Herr M. Was ist mit mir? .
Sie bleiben, wo Sie sind, sagt Herr M. Und ich stehe ab sofort da drüben.
Das hilft mir auch nicht weiter, sagt Herr M. Wenn Sie da drüben stehen, stehen Sie immer noch neben mir.
Irgenwo muss ich ja stehen, wenn ich neben mir stehe, oder? sagt Herr M.
Sie sollen gar nicht neben sich stehen, da stehe ich schon, sagt Herr M.
Dann sind wir zu zweit, sagt Herr M.
Zu zweit?
Scheint alles darauf hinzudeuten, sagt Herr M.
Ooooh, sagt Herr M. Das wird kompliziert. Warten Sie mal.
Was haben Sie denn vor? sagt Herr M.
Das werden Sie gleich sehen, sagt Herr M. Passen Sie mal auf. Sie werden sich wundern.
Da bin ich gespannt, sagt Herr M.
Ich stelle Sie nämlich jetzt in den Wandschrank, sagt Herr M. So. Und da bleiben Sie drin.
Da bleib ich nicht drin, sagt Herr M. Das wäre ja noch schöner.
Hilft nichts, sagt Herr M. Habe schon abgeschlossen.
So einfach werden Sie mich nicht los, sagt Herr M. Sehen Sie, ich stehe schon wieder neben mir.
Verdammt, sagt Herr M.
Und was nun? sagt Herr M.
Vielleicht könnten wir uns irgendwie arrangieren?
Sie sind mir sehr fremd, sagt Herr M.
Fremd? sagt Herr M. Mir - fremd?
Stellen Sie sich doch zu mir in den Schrank, sagt Herr M. Dann lernen wir uns vielleicht kennen.
Auf keinen Fall, sagt Herr M. Ich bin klaustrophob.
Ja, dann bringt's ja nix, sagt Herr M.
Wissen Sie was, sagt Herr M. Ich chille jetzt in Berlin.
Weiß ich was besseres, sagt Herr M. Ich schaue Britta bei der Modenschau zu.
Britta? sagt Herr M. Ich kenne keine Britta.

Wunderbar, hat es also doch noch gekplappt, sagt Herr M.
Was geklappt? sagt Herr M.
Dass es geklappt hat, sagt Herr M.
Ach das, sagt Herr M. Ja. Und Britta?
Kenne ich auch nicht, sagt Herr M.
Sie steht aber doch neben ihnen, sagt Herr M.


Fr 11.04.14 14:39

Also sind wir jetzt Drei? sagt Herr M.
So lange Sie neben sich stehen, ja, sagt Herr M.
Dann stellen wir Britta doch in den Schrank, sagt Herr M.
Meinetwegen, sagt Herr M. Sie ist sowieso nicht mein Fall.
Was der Fall ist, haben Sie nicht zu beurteilen, sagt Herr M. Also Britta...
Fassen Sie Britta nicht an, sagt Herr M. Britta ist gefährlich.
Sie und ihre Ängste, sagt Herr M. Das ist ja nicht zum Aushalten.
Sie sind nicht zum Aushalten, sagt Herr M. Gehen Sie doch endlich weg.
Ich gehe nicht weg, sagt Herr M. Ich werde ja dafür bezahlt, neben Ihnen zu stehen.
Das ist mal ganz was Neues, sagt Herr M. Davon wusste ich nichts.
Da ist gut, sagt Herr M.
Nichts wissen ist gut? sagt Herr M.
Doppelplusgut, sagt Herr M.

19:08

Und Dreimalpulsgut? sagt Herr M.
Gibt es meines Wissens nicht, sagt Herr M.
Was würden Sie denn empfehlen? sagt Herr M.
Regelmäßigen Geschlechtsverkehr, sagt Herr M.
Igitt, sagt Herr M. Etwa mit Britta?
Zum Beispiel, sagt Herr M.
Dann gehe ich jetzt mal in den Schrank, sagt Herr M.
Besser, Sie lassen das, sagt Herr M.
Warum? sagt Herr M.
Weil man so etwas nie umsonst kriegt, sagt Herr M.
Ist sie denn eine Prostituierte, sagt Herr M.
Nein, das nicht. Aber Sie will natürlich ihr Herz, sagt Herr M.
Das kriegt sie nie, sagt Herr M. Ich hab nämlich keins.
Wieso? sagt Herr M.

Rausgerissen, sagt Herr M. Damals, noch vor dem Euro.
Dann haben Sie ja nichts zu befürchten, sagt Herr M.
Eben, sagt Herr M. Und jetzt gehen Sie mal weg.
Ich gehe nicht weg, sagt Herr M. Sie wissen doch, ich werde dafür bezahlt.
Wieviel? sagt Herr M.
Das können Sie gar nicht bezahlen, sagt Herr M.
So weit ich weiß, sind alle käuflich, sagt Herr M. Also, wieviel?


Sa 12.04.14 10:34

Habe heute nacht meine Katze gekocht. Sie saß ganz still im Topf, sah aus wie ein Hund, aber ich wusste, dass es meine Katze war. Irgendwann legte sich sich auf die Seite. Ans Essen kann ich mich nicht erinnern. Das ist wahrscheinlich ein Fall für Herrn Freud und seine Traumdeutung.


14:00

Viel Kultur letztens, da weiß man gar nicht, macht man selbst auch Kultur oder was macht man eigentlich, hockt rum, geht durch die Wohnung und fragt sich, wohin als Nächstes. Wieder los, tanzen, noch mehr Kultur? Angeln auswerfen. Wonach? Nach A? B? C? Manchmal denke ich, du hast doch eine solche Macht über mich, verwandle mich doch in einen Menschen, der des Selbstverständlichen fähig ist. Da ist nicht von mir. Das schrieb Kafka seiner Geliebten Felice. Armer Kerl, dieser Kafka. Bedauernswert, dieser Herr M. Hat er eigentlich alle Tassen im Schrank?

14:34

Ja. Alles normal. Alles selbst eingebrockt. Geen bezwaar.

15:17



kirschblüten wehen,
fast weiß aus der menge taumelnd,
alles still,
bis auf paar kinder draußen und kreissäge,
alles still, niemand hebt die stimme,
alles ist eingerichtet, gespült, gesaugt,
nichts ist bezahlt, oder nur in raten auf zukunft,
alles gut, während tausende anlanden in seelenverkäufern,
milliarden in bruchteilsekunden durchs netz jagen,
schwarmintelligente noch reicher machend.

alles ist gut, alle sind menschen,
jeder schießt, wenn er muss, alles gut, wie gesagt.
aber dann ist es auch schon geschichte,
und alles ist gut, und ratlos die stille, und alle warten
alles gut. alles bestens. ergebens.

ich kann es nicht ändern.
du er sie es können's nicht,
wir, ihr sie - auch nicht.
alles ist gut
und findet ein ende.
alles ist gut. wie tröstlich.



Mo 14.04.14 11:09

Ständig wird gedroht, dann wird die Drohung zurückgezogen, neue Szenarien bauen sich auf, man wird nass und steht gleich darauf wieder in hellem Sonnenlicht. So ist es draußen wie in der Politik. Von der Liebe gar nicht zu reden, die ist allen Umfragen und Untersuchungen über die Jahrtausende zufolge zwar nicht unmöglich, aber sehr kompliziert. Besser, man wäre befreundet, aber das ist fad. Liebe ist nicht fad. Soviel kann man sagen.

19:02

Was man sonst sagen könnte, ist nicht viel. Alle haben es längst gesagt, und wozu man aufrufen würde, sagt man lieber nicht, weil es platt klingt, so als ginge das einfach so, und als wäre nichts leichter, aber das, wozu man aufrufen würde, haben andere längst ausprobiert und es ist ebenso schief gegangen wie die Gegenwart. Also hält man den Mund und macht genau das, was man schon eine ganze Weile macht: Nichts. Den Alltagswahnsinn mit Nichtstun konterkarrieren. In meinen Seminaren langweilen sich hochbezahlte Manager an ausgesuchten, öden Orten wochenlang, bis sie weinend zusammenbrechen. Das ist schön zu sehen. Wer weint, hat schon eine Menge kapiert. Ich verschicke sie dann oft noch eine Weile allein an noch ödere Orte. Wenn sie das überstehen, ohne sich aufzuhängen, dürfen Sie zurück in die Welt.


Di 15.04.14 12:39

Heute früh, schon verblasst, beim nächsten Wind wird sie sich verwandeln.





13:40

Schriftsteller sind, wenn ich das glauben darf, geradezu prädestiniert, ihren Fantasien auf den Leim zu gehen, und da ist es kein Wunder, dass auch Herr M. zu derart haarsträubendem Unsinn neigt. Man sollte ihn in einen Käfig setzen, sollte ihm regelmäßige Mahlzeiten zukommen lassen, hin und wieder sollte man mit ihm Gassi gehen, damit er Frauen schnuppern kann, aber Vorsicht, wenn sie ihm zu nahe kommen, neigt er zu überstürzter Flucht. Wenn man ihn jedoch in Frieden und in entsprechender Distanz schnuppern lässt, kann er sehr freundlich sein. Ja, geradezu herzallerliebst. Im Augenblick jedoch ist es besser, man hält ihn in seinem Käfig, vielleicht liegt's an der Zeitverschiebung, vielleicht am verfrühten Frühjahr, vielleicht an Fukushima oder sonstigem Unbill der Welt, niemand weiß das genau, nicht einmal Herr M. Alle seien also gewarnt. Er sieht harmlos aus, dieser Herr M., hat's aber faustdick hinter den Ohren.

18:38

Erste Reaktionen auf Wo das Gold liegt ....

...

vielen Dank für Ihren Text, den ich gerade "verschlungen" habe. Er gefällt mir ganz ausgezeichnet! Die persönlichen Momente bzw. Geschichten, die geschichtlichen Episoden, die schönen Naturbeschreibungen, Ihr Humor. Ein schönes Detail: die Musiktitel - wunderbare Idee. Sie haben auch genau verstanden, was wir wollten, der Tourcharakter ist da, die Strecke nachvollziehbar und nachfahrbar. Die letzte Strecke zum Meer haben Sie sehr gut gelöst, in der Rückschau aus der Kindersicht, das Laufen und Staunen über das Meer. Was den Kreis zum Anfang schließt: diese schöne Formulierung, wie Sie die Häuser mit "reichlich Gepolter" zur Seite schieben.

Hach, ich hatte das gehofft.


22:52

Sah heute drei Muslima Auto fahren. Meldete die Autonummern sofort dem Saudi Arabischen Geheimdienst, damit die sie entführen und dort ordentlichen steinigen können, wie sich das gehört.


Mi 16.04.14 18:31

Schöne Geschichte. Da beamt mich eine Freundin an, die als Therapeutin mit Kindern arbeitet und bittet mich, ihr mehr Musik von Albert Early Bird zu schicken, ein Trio, in dem ich Schlagzeug spiele. Sie habe da einen autoagressiven Jungen, der immer in die Hände klatscht, wenn er uns hört, der lacht und dabei sogar vergisst, sich an den Kopf zu schlagen. Alle übrige Musik möge er nicht. In zehn Minuten hatte ich ihr die CD gebrannt, Live-Aufnahmen aus Westheim 2012, mit einem Pocket X-Rack aufgenommen, alles drauf, aber nicht von besonderer Qualität. Es ist also doch nicht alles sinnlos.

Damit auch Sie hören können, wovon ein autoagressiver Junge glücklich wird, hier zwei Links:
Sunshine of your love und Ain't no sunshine when you're gone.
Am Besten, Sie setzen Kopfhörer auf.

20:09

Noch ne Reaktion auf Wo das Gold liegt...

ich habe gerade alles gelesen.
Herrlich, was für ein toller Text, vielen Dank!
Es hat Spaß gemacht, so voller Gefühl. Schneewittchen und Zwerg Nase bei Aldi - wie witzig.
Gern noch mehr, falls sie noch auf etwas Besonderes stoßen ...


Do 17.04.14 18:22

Gestern auf der Tormin Brücke ... (werde mir das auf Leinwand drucken lassen)




22:06

Als Harald Funke und ich 2006 in Zusammenarbeit mit dem Jungen Theater Cactus die erste Theatersoap in Münster schrieben, er als Plotter, ich als Dialogschreiber, hatten die jungen Schauspieler, ambitionierte Amateure, zunächst die Aufgabe, ihre Rollenbiografie zu entwickeln. Zu diesem Zeitpunkt war noch alles offen, die Geschichten würden wir aus diesen Biografien entwickeln.

Marlena Keil nannte sich Agnes und sagte von sich:


Ich bin erzogen nach einem festen Bild.
Ich bin schüchtern.
Ich träume davon, wie meine Großmutter zu sein: sexy, verrucht.




Die Soap war sehr erfolgreich, und immer war es Marlena, die mich manchmal zu Tränen rührte. Dann war die erste Staffel mit sechs Folgen vorbei, es gab eine zweite, aber an der arbeitete ich nicht mehr mit. Dann und wann hörte ich noch etwas von den Theaterleuten, und irgendwann traf ich Marlena, die mir erzählte, dass sie am Max Reinhardt Seminar in Wien studieren würde. Sie hatte die Aufnahmeprüfung geschafft. Ich freute mich sehr, war aber irgendwie auch in Sorge, weil ich befürchtete, man könne ihr ihre Ausstrahlung, ihren Charme, ihre Schüchternheit austreiben und sie stattdessen mit schauspielerischen Manierismen vollstopfen.

Aber nichts davon, im Gegenteil.

Heute abend stand sie als Zerline auf der Bühne des Pumpenhauses, wo ich sie kennengelernt hatte. Ganz allein, als einzige Requisiten ein Überseekoffer und ein kleiner Handkoffer, dem man das Alter ansieht. Zerline, eine Figur aus Hermann Brochs Roman "Die Schuldlosen" war Magd eines Aristokraten, und erinnert sich, wie sie ihrer Dienstherrin den Geliebten ausgespannt hat, einen Baron. Sie erzählt in der Rückschau, eine alte Frau mit zögerndem Gang, aber während sie erzählt, wird sie wieder jung, ist voller Leben, eine selbstbewusste, raffinierte Verführerin, die den Baron mit einem Satz auf den Punkt bringt: wer nicht lieben kann, sagt sie von ihm, muss dienen.




Die Wiener Presse war nach der Uraufführung begeistert. Eine Kritikerin schwärmte: "Wer dem Zauber dieses Abends nicht vollends erliegt, der sollte in Zukunft das Theater per se meiden." Das stimmt. Eine starke Geschichte und eine wundervoll Schauspielerin.


Sa 19.04.14
12:15

Bissken erschöpft. Herr M hat die letzten drei Tage im Schrebergarten gewullacht, will sagen, hat das Gartenhaus rundum abgekarchert und neu gestrichen. Hat in guter Mensingscher Tradition (Hermann Senior hat's ihm vorgemacht) hier und da auch gepfuscht, aber gut gepfuscht, so dass die Gartennachbarn jetzt am Haus vorbeigehen und sagen, das ist aber hübsch. Es ist wirklich hübsch, und das Renovieren hat Spass gemacht.



So 20.04.14 12:49

Es gibt kaum etwas Schöneres als einen Freund, ein gutes Essen, eine Flasche Williams Birne (0,5 Liter, 42 %), und dann hockt man sich gegenüber, trinkt bis 4 Uhr in der Früh Schluck für Schluck, jeden ganz langsam, spricht Klartext, hört Musik und dann legt man sich hin und die Welt ist wieder gut.


Mo 21.04.14 10:32

Österliche Regenstille,
müder Leib, geringer Wille,
heute eher keine Regung,
möglichst nichts tun, kaum Bewegung,
tropfenweise Lethargie,
schönes Treiben, c'est la vie.


Mi 23.04.14 12:54

Besuch ist schön, Besuch macht Freude, Besuch ist anstrengend. Vor allem, weil man abends nicht ins Bett kommt, und wenn man's doch geschafft hat, ruft jemand an, der offenbar sonst niemanden hat, mit der er sprechen kann, der Einschlafprozeß, der bei mir
immer schon länger gedauert hat, beginnt von vorn und dauert danach noch länger, weil neben mir jemand schnarcht.

Tatsächlich ist der Besuch nicht bei mir zu Besuch, sondern woanders, und da bin ich oft zu Besuch, was die Dinge zusätzlich kompliziert, denn plötzlich wird eine kleine Wohnung von fünf Menschen bevölkert, statt wie üblich von einer, bzw. zwei, aber der Besuch macht Freude, junge Menschen, denen es nichts ausmacht, mit Sechzigjährigen Wein zu trinken, zu diskutieren, Kultur zu genießen. Mit 22 hätte ich zu so etwas keine Lust gehabt. Jetzt ist der Besuch schon fast wieder fort, und ich bin müde, zumal ich nicht nachschlafen kann. Selbst, wenn ich um vier Uhr in der Früh ins Bett komme, bin ich um acht, halb neun auf den Beinen.


Do 24.04.14 00:15

im gegenlicht flirrt glück
falter taumeln ins all
ich weiche scheu
zurück
und alles ist der fall.

der augenblick geht drüber
und drunter ein gebet
ein nachtsaum legt sich nieder
die venus scheint zu spät.

der mond hängt seine schleifen
in feuchte, warme luft,
ich will den himmel greifen,
und lange in die gruft.

noch immer dieses flirren,
momente einer nacht,
ich will das all entwirren,
nichts steht in meiner macht.

20:05

erwachte farblos.
werde wohl zum arzt gehen.
hoffentlich ist es nichts schlimmes.



 

langsam kehrt die farbe zurück, dafür stimmt irgendwas nich mit den augen.
komischer tag.





21:48

klein häusken is fettich jetzt.
hab es auf die seite gelegt, war einfacher so, den giebel zu streichen.






Fr 25.04.14 15:41

Fotos lügen immer.

 

Sa. 26.04.14 11:45

Feine Sache das, gestern. Critical Mass zum ersten Male in Münster. Schon vor zwanzig Jahren trafen sich Radfahrer scheinbar sponan, nicht hierarchisch organisiert im Sinne des Veranstaltungsrechts mit ihren Rädern in San Francisco und eroberten sich für kurze Zeit den städtischen Verkehrsraum zurück. Münster ist immer ein bisschen später, so ganz ohne Absprachen geht es natürlich auch nicht, die Polizei weiß Bescheid, nimmt es aber mit äußerster Zurückhaltung, während 50 Radler mit Kind und Kegel eine große Runde um die Münsteraner Innenstadt drehen. Sogar rote Ampeln dürfen überfahren werden, wenn ein Teil der Gruppe noch bei Grün gefahren ist, denn der Verband gilt verkehrsrechtlich als ein Verband. Feine Sache also, auch bei Rot, es wird geklingelt und gebimmelt, mal ist man vorn, dann eher weiter hinten. Während zu meiner Zeit bei derart spontanem Versammeln gern Herren von der politischen Aufsicht Fotos machten, machten die Mitfahrer ihre Fotos und Filme selbst, um sie gleich darauf auf eigener Facebook Seite zu veröffentlichen. Das nenne ich enge Zusammenarbeit, da werden Kosten gespart, ansonsten aber friedlichste Stimmung, und vom hinterher schauenden Publikum eher erstaunt registriert, bis auf einmal auf dem Heimweg an der Hammer Straße, da rief jemand, warum macht ihr das? Weil es zuviele Autos gibt, kam die Antwort. Schöne Aktion, ab sofort immer am letzten Freitag des Monats. Diesmal waren es fünfzig. Wie wäre es mit 500 beim nächsten Mal?


Mo 28.04.14 15:31

nichtsnutz flitztrutz
hängrum tschingbum


Di 29.04.14 10:31

Lange wird es nicht mehr dauern, bis ich auf koffeinfreien Kaffee umsteige, der offenbar ebenso gesund oder ungesund ist wie alles übrige, das ich den Tag über zu mir nehme. Für das einzig Gesunde, das man mir bietet, die Liebe, bin ich zu dumm oder zu ehrlich, außerdem schreit immer noch alles Verrat Verrat, und ich weiß nicht, wie ich es zum Verstummen bringe. Ich tue Unrecht, also tue ich gar nichts, vertrödle mich und meine Zeit, behaupte, Müßiggang sei immerhin ein Anfang, ich fahre Rad, unter einer Trauerweide kommt es mir vor, als tippe mir jemand von oben auf den Hut, aber es ist kein göttlicher Hinweis, es ist Taubenscheiße, worüber ich mit zwei auf einer Bank sitzenden Menschen ins Gespräch komme, was die Chaostheorie eindringlich beweist, alles beeinflusst alles, es gibt kein Entkommen. Heute werde ich ebenfalls müßig gehen, heute abend jedoch werde ich nach Gronau fahren, um mir Snarky Puppy anzuhören, eine augenblicklich sehr populäre Jazz-Rock Kapelle aus Amerika, wo doch alle längst glaubten, Jazz-Rock sei tot. Ich bin gespannt. Ich bin gespannt, das Leben ist unbegreiflich aufregend, manchmal schlägt mir das Herz bis zum Hals, es ist unbegreiflich langweilig, und ich weiß nicht, was mein Herz schneller schlagen lässt, Müßiggang oder die Tat, in mir verwirbelt die Welt zu Unverstand und Unglück, Glück und Trauer, und jeder Atemzug ist voll davon. Daraus soll jemand schlau werden, ich nicht. Mein Konzentrationsphasen sind erschreckend kurz, aber wenn die Tat ruft, kann ich mich monatelang konzentrieren. Es ist nur so, dass im Augenblick keine Tat ruft, schlimmer noch, jede Option auf eine Tat zerfliegt augenblick wie die Fallschirme des Löwenzahns, also verordne ich mir Ruhe, die ich nicht habe.


Mi 30.04.14 10:06

Vor vierzehn Tagen hatte ich von Snarky Puppy noch nie etwas gehört. Dann erzählte mir C. von ihnen, sagte, dass sie gerade einen Grammy bekommen hatten, Fusion und Jazz Rock spielen, was mich nicht aus dem Sessel riss, denn sie Zeiten von Fusion und Jazz liegen weit hinter mir, sagte, dass sie gerade die angesagte Band wären und auf dem Jazz Festival in Gronau spielten. Also fuhr ich hin. Nach den ersten Takten war klar, dass ich Zeuge eines ungewöhnlichen Konzertes werden würde. Selbstredend, dass das ausgefuchste Musiker waren, aber ausgefuchste Musiker machen nicht unbedingt auch begeisternde Musik, sondern häufig nur ausgefuchste Musik, über die man staunen kann, mehr aber nicht. Ich habe schon viele ausgefuchste Bands gesehen, die mich nicht berührten, aber Snarky Pupy hatte ich mich vor ersten Ton an ihrem Haken. Sie zu beschreiben, fällt schwer. Hochkomplexe Arrangements, häufig gegenläufige Rhythmen, wüste Accelerandi, ein Schlagzeuger, der die Time umkreist, aber nie den Beat verliert, vir
tuose, krachende Fills, Interaktionen am laufenden Meter, viel Improvisation, ein dirigierender Bass, überbordende Spielfreude, schwere Riffs und Klezmer, Rock-Jazz und wuchtiger Funk, alles auf pulsende Art miteinander verwoben. Ich weiß nicht, wie sich das auf CD anhört, ich zweifle, ob man so etwas konservieren kann, aber die anderthalb Stunden gestern abend werde ich so schnell nicht vergessen. Die Band tourt, und wer Gelegenheit hat, sie zu sehen, sollte das tun.