April 2018                      www.hermann-mensing.de      

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zum letzten eintrag



So 1.04.18 21:50

Kann man ohne Worte denken? Gedankenlos Worte nutzen funktioniert, aber ohne Worte denken? Hmm.... Als ich gestern gegen elf mit der Kutsche auf den Prinzipalmarkt rollte, stiegen, kaum hatte ich meine Parkposition erreicht, die ersten Gäste zu. Bis etwa 17:00 ging es Schlag auf Schlag, als hätte es jemand geplant. Die einen stiegen aus, die anderen ein. Es war ein Trubel. Ich sprach Englisch, Niederländisch und Deutsch. Im Deutschen habe ich ständig Worte genutzt, ohne zu denken. Die Geschichte, die ich zu meinen Touren erzählte, machte sich selbständig, ich hörte mir zu und dachte, nicht schlecht. Ich fuhr, ich redete, ich achtete auf den Verkehr, ich machte mir einen Spaß daraus, die Balgenhupe zu drücken, denn die Menschen, die den Prinzipalmarkt schwärzten, hörten mich nicht, ich bin ein Elektromobil. Also hupte ich. Die Kinder liebten das. Sie lachten. Die Erwachsenen sprangen zur Seite. Trotz allem aber, und trotz dieses merkwürdigen Zustandes zu Ostern, bei dem - fast wie zu Weihnachten - die Erinnerungen Purzelbäume schlagen und die Sehnsucht unmenschlich groß wird und schmerzt, bleibt die Frage, ob man ohne Worte denken kann? Wahrscheinlich kann man. Es gibt so vieles, was einem im Kopf herumgeht, wofür man keine Worte findet. Es geht ohne Bilder und ohne Worte, dennoch ist es da und hinterlässt Spuren.

Mo 2.04.18 12:29 milchig, gegen 12 Grad, vielleicht kommt noch die Sonne

14:00

Manchmal sieht man Menschen, die nie eine Chance haben werden. Sie sind nachlässig und schlecht gekleidet, oft zu dick, und man fragt sich, ob das seit Generationen so geht, Generationen, die nie auf den grünen Zweig gekommen sind und nie kommen werden, ganz gleich, was sie tun. Man lässt sie nicht, man grenzt sie aus, und selbst, wenn man sie ließe, sie hätten keine Chance, weil sie nicht wissen, wie man es anstellen könnte, und weil sie aussehen, wie beschrieben, und das auch noch gut finden. Sie kennen es nicht anders, für sie ist das normal. So eine Gruppe sah ich vorm Rathaus, und jeder im Umkreis von hundert Metern wusste sofort, oh Gott, was sind das für welche. Was tun die, wenn die abends auf dem Sofa sitzen. Was stopfen die in sich hinein, was denken die sich, so herumzulaufen, finden die sich attraktiv, finden die, dass jeder sich so kleiden sollte, was tun die in dieser Stadt, das sind doch Touristen, oder, jedenfalls stehen sie herum, wie Touristen, was wollen die von einem Beamtenarsch wie Münster, was erwarten sie, dass jeder sie herzt und applaudiert, dass jeder sagt, willkommen, ihr heruntergekommenen, entrechteten Asozialen.


Di 3.04.18 18:56 16 Grad

Bis auf einen Schauer gegen zwei war es sonnig und mild. Ich hatte am Wochenende jemanden getroffen, der mir erklärte, dass das Grundbrummen, das sich einstellt, wenn ich meinen Plattenspieler anstelle, wahrscheinlich mit einem schlecht ummantelten, vielleicht sogar schon in sich gebrochenen Kabel zu tun hat, und dass man dieses Kabel, ebenso wie das Massekabel, austauschen könne, um das Problem zu erledigen. Das war eine gute Nachricht, denn ich höre gern Schallplatten.

Mein Plattenspieler, ein Pioneer, ist uralt. Da ich momentan auf finanziell soliden Füßen stehen, dachte ich, ich könnte mir vielleicht einen neuen gönnen. Allerdings sind Neue nicht billig, ich hatte aber einen im Visier, der unter 200 Euro kostete, von dem ich glaubte (Lenco L308), er könne der Schlechteste nicht sein, und besser als mein alter müsse er analoge Signale allemal verarbeiten.

Also fuhr ich in die Stadt, wurde aber in einem nach einem beringten Planeten benannten, großen Markt nicht fündig. Selbst in dessen Schwesterbetrieb am Stadtrand gab es Plattenspieler erst ab 400 Euro aufwärts. Von Beratung konnte nicht die Rede sein. Ein Großteil des Personals war arabischen-türkischen Ursprungs, und die beiden Mitarbeiter, mit denen ich schließlich sprach (man hatte sie von irgendwo holen müssen), wussten auch nicht mehr, als ich.

Also fuhr ich unverrichteter Dinge wieder heim und freute mich, dass ich Geld gespart hatte. Der Tag war, wie gesagt, mild, heute nachmittag schien die Sonne ins Wohnzimmer, ich lag bei geöffneter Balkontür auf dem Sofa und dachte, hier ziehe ich nicht weg, ganz gleich, was man mir anbietet, egal, wovon Frauen träumen, ich bleibe hier, das Einzige, was ich in nächster Zeit unbedingt erledigen muss, ist ein Hausputz, aber ein gründlicher.


Mi 4.04.18 11:33 bewölkt, 13 Grad

als kind
wollte ich starfighterpilot werden
erfuhr aber
dass man mit amalgam im zahn
keine chance habe
das flöge raus
sagte man und dann hätte man den salat
traurig schaute ich fortan
den vom himmel fallenden jägern nach
und wurde dichter
so bin ich dem himmel auch nah

23:44

Schon gegen Mittag, ich half dem Jüngsten beim Streichen der neuen Wohnung, war mir so seltsam. Hatte ich vielleicht doch Reste Schimmel gegessen, obwohl ich doch alles vom Brot geschnitten hatte? Waren da Reste geblieben, und jetzt war ich vergiftet? Ich trank viel. Ich trank noch mehr, und dann gab es Kaffee und Süßigkeiten aus der Schweiz, da ging es schon ein bisschen besser. Wir waren fertig mit Streichen, ich zog mich um und fuhr heim. An der frischen Luft wurde mir gut. Ich hatte ein Roggenbrot gekauft, das so dunkel wie Schwarzbrot ist, geröstete Sonnenblumenkerne sind darin, es schmeckt sehr lecker und macht satt, davon aß ich, aber als ich auf dem Sofa war, kam dieses seltsame Gefühl zurück. Ich würde ein Bad nehmen, dachte ich, den Verdacht abwägend, ob mich nun, wo der Frühling im Anmarsch ist, doch noch die Grippe ansprä
nge. Aber in der Wanne hielt ich es nicht lange aus. Ich aß noch ein Brot, machte einen Früchtetee; eine Wärmflasche, und sichtete Fotos, die ich kurz vorm in die Wanne gehen gemacht hatte. Ich hatte das Abendspektakel des Himmels gesehen, den Fotoapparat geschnappt, aufs Stativ geschraubt, war auf den Dachboden gerannt, und hatte aus der Dachluke fotografiert. Ich war glücklich. Das seltsame Gefühl war fort, aber ich schätze, erst morgen weiß ich mehr.


Do 5.04.18 15:25 bewölkt, etwa 10 Grad

Vorgestern war mir aufgefallen, dass einer der beiden mit Solarpaneelen bestückten, mobilen Hühnerställe auf der Wiese im Aatal fort war. Ich dachte mir meinen Teil. Heute stand der Hühnerstall blitzblank geputzt auf dem Hof. An der Tür zum Hofladen war ein Schild: Suppenhühner zu verkaufen. Ich kaufte eines, habe es schon zu Suppe verarbeitet und davon gegessen. Den Rest friere ich ein. Morgen kommen die Neuen, sagte der Bauer, aber mit den Eiern wird es in nächster Zeit erst einmal weniger. Verstehe, sagte ich, die müssen sich erst an's Legen gewöhnen. Wir lachten.

Soviel zu meinem Alltag. Ich fotografiere. Ich fotografiere gern Himmel. Ich schreibe gern kurze Texte. Manche nenne ich Gedichte. Ich lebe gern. Augenblicklich lebe ich ohne den sich häufig bei Männern aufhaltenden und/oder ihn bedrängenden weiblichen Antagonisten, was mir gefällt. Was mir nicht gefällt, ist die Einsamkeit und die Welt, aber mit solchen Binsenweisheiten muss ich Sie nicht belästigen, das wissen Sie selbst. Ich bewege mich heute nicht mehr. Ich liege ich auf dem Sofa und lese "Einmal auf der Welt. Und dann so", ein Roman von Arnold Stadler, ein deutscher Schriftsteller, der kein Hochstapler ist, wie so viele andere. Ob ich einer bin, müssen Sie entscheiden.


So. 8.04.18 10:23 es klart auf, 14 Grad

Um elf war ich in der Stadt. Um fünfzehn Uhr habe ich sie verlassen. Von der Kutsche nach Übergabe an meinen Kollegen zu Fuß zum Bäcker, fort vom Ort des Geschehens, dennoch keine fünfhundert Meter entfernt, denn die Stadt ist klein, von dort weiter zur Bushaltestelle am LWL Museum. Der Bus kam in etwa zu der Zeit, als der kranke Mann seinen Wagen am Kiepenkerl in die in der Sonne sitzenden Menschen lenkte, viele verletzte, zwei tötete, um sich dann selbst zu töten. Ein Feigling offenbar, der seinen Suizid spektakulär inszenieren musste.

In der Zeit zwischen elf und fünfzehn Uhr bin ich viermal am Kiepenkerl vorbeigefahren. Gegen vierzehn Uhr habe ich Gästen, die mich fragten, wo man gut essen könne, den Kleinen Kiepenkerl empfohlen, aber darauf hingewiesen, dass das Alte Gasthaus Lewe für das, was sie suchten, wahrscheinlich die bessere Wahl wäre, preiswerter sowieso, vielleicht sei aber ohne Vorbestellung dort kein Tisch zu bekommen.

Gegen 13 Uhr, ich fuhr die Rothenburg Richtung Prinzipalmarkt und machte mir einen Spaß daraus, meine Balgenhupe zu betätigen, weil die Menschen ein elektrisch betriebenes Fahrzeug nicht hören und die Straße zudem für eine Fußgängerzone halten, stellte ich in den Raum, dass man, wenn demnächst jeder ein E-Mobil führe, wahrscheinlich einen Autosound aus dem Internet downloaden könne, wie man früher Klingeltöne für sein Handy herunterlud. Ich stellte mir vor, man führe einen Kleinwagen, könne aber den Porschesound dafür downloaden.

Wir lachten. Menschen, überall Menschen. Trotz der Späße, die ich auf der Kutsche treibe, um meine Gäste nicht nur zu informieren, sondern auch zu unterhalten (was zu Trinkgeld führt), bin ich hoch konzentriert. Es macht mir Spaß, in diesem Gewusel herum zu fahren, und mitten auf dem Prinzipalmarkt dachte ich gegen 13:10, wie das wohl wäre, hier könne man doch mit einem PKW und entsprechend hoher Geschwindigkeit Fürchterliches anrichten.

Ich lag im Bett, als mich gegen 17 Uhr mein Telefon weckte. Mein jüngster Sohn wollte sich vergewissern, dass ich lebe. Wie? - Ja hast du nicht gehört? - Nein. Was? - Kurz darauf rief mein ältester Sohn an. Dann eine SMS von meiner Tanzpartnerin. Dann Nachrichten auf Facebook. Es hatte also einer getan.


Mo 9.04.18 20:19 es war mild heute, zwanzig Grad fast



Kaum hatte Jens R. getötet, zeigte der Apparat, was er kann. Polizisten, wohin das Auge reichte, Hubschrauber in der Luft und am Boden. Ich hatte meine Enkel gesittet und fuhr ins Zentrum, neugierig, wie wir alle sind, wenn ein Unglück die anderen trifft, wurde aber von einem Polizisten in der Ludgeristrasse daran gehindert. Es ging auf 24 Uhr. Was denn los sei? Der Beamte, Mittzwanziger, groß, dunkles Haar, Bart, schaute mich an. Haben Sie denn nichts mitbekommen? Ich spielte doof. Nein. Ich habe Enkel aufgepasst. - Ein Anschlagsszenario. - Terrorristen? - Nein, ein psychisch kranker Mann. - Aha. Danke.
Ich drehte um und fuhr heim. Am Aasee hatten Bürger Kerzen angezündet. Sie sind so herzig, wenn es ums Mitfühlen geht. Noch immer war ein Hubschrauber in der Luft.

Am Sonntag fuhr ich über den Spiekerhof stadteinwärts. Immer noch überall Polizei. Neugierige. Horden Kameramänner. Der in ganz Europa bei Katastrophen tätige Mensch, der "Warum?" Schilder am Ort des Geschehens aufstellt, war auch aktiv. Hotte Seehofer war auch schon da gewesen.

Interessant, wie sich das Profil der Täters von den ersten Meldungen bis jetzt immer wieder veränderte. Anfangs sprach man von einem Kleinkriminellen und Drogensüchtigen. Ich hatte ein Foto seines VW-Bullis gesehen hatte, und mich gewundert. Mittlerweile ist er Industriedesigner, besitzt 4 Wohnungen, zwei in Münster, zwei in Ostdeutschland (Steuermodell Abschreibung Ost), woran man sieht, dass auch Reiche unglücklich sind. Schade, dass sie ihn nicht lebend gekriegt haben. Man hätte ihn und Frau von Storch für ein paar Tage in die Wiedertäuferkäfige sperren können.


Di 10.04.18 16:32 sonnig, um die 20 Grad

Aber man soll sich nicht täuschen. Kaum biegt man in eine schattige Straße, ist es doch kühl, schließlich ist erst April. Zudem bin ich in einem Alter, in dem man vorhersehen kann, wie es ausgeht. Die japanische Kirsche, letztes Jahr um diese Zeit schon in voller Blüte, wird, wenn das Wetter so bleibt (was nicht prognostiziert ist), ist ein paar Tagen aufblühen, und spätestens dann wird es auf der Stelle zu regnen anfangen. Das ist immer so.

Seit ich hier lebe ist alles immer so. Ich bin immer so, und es besteht auch keinerlei Aussicht, dass die Dinge sich oder ich mich je ändern werde. Ich war so. Ich werde mich trotz intellektueller Einsicht nicht ändern. Täte ich es, wäre ich falsch, und nicht mehr der, der im März 49 geboren wurde mit allem Jammer jener Jahre und den darauf folgenden.

Noch stehen Kerzen und Blumen vor Ort, aber die Stadt scheint ruhig und entspannt. Polizisten löschen einen in Brand gerateten Mülleimer mit Holunderlimonade. Vier kleine Flaschen gehen dafür drauf. Währenddessen sitzt man im Café und lässt die Welt Welt sein. Vernünftigeres kann man in solchen Fällen kaum tun, außer vielleicht den Verletzten die Daumen drücken. Aber wer zahlt dem Wirt den Verdienstausfall? Und wie ist das mit dem Versicherungsschutz? Juristen in Hinterzimmern werden Dinge ans Licht befördern, dass das Geld nur so fließt. Entschädigungssummen. Leben Jens R.s Eltern,noch, oder sind die tot. Falls nicht, werden sie sich tot schämen. Am Besten, sie ändern ihren Namen.

Münster. Stadt des Friedens. Dienstag, Tag des Herrn. Herr M. legt jetzt die Beine so hoch wie es geht, und versucht, zu levitieren. Sollte ihm das nicht gelingen, wäre er auch mit einem Mittagsschlummer zufrieden. Also los. Ich fliege schon.


Do 12.04.18 9:58 bewölkt, 12 Grad


Fr. 13.04.18 21:26

Ich werde älter, die Zeit vergeht schneller, überall stapelt sich unverkaufte Literatur und ich denke oft, leckt mich am Arsch, liebe Literaturvermarkter, ihr habt mich nicht bemerkt, ihr hattet eure Chance, jetzt lasst mich gefälligst in Ruhe. Aber das stimmt nicht. Ich lechze noch immer nach Ruhm.

Diese Woche geschahen plötzlich Dinge, die ich mir oft gewünscht habe, nämlich, dass man mich anruft und etwas von mir will. Normalerweise ist es umgekehrt, und dann ist man immer in der schlechteren Ausgangsposition. Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal zu einem Verlag nach Hamburg fuhr, wo ich auf die Minute genau eintraf. Ich habe so eine Pünktlichkeit in den Genen, ganz gleich, was unterwegs oder sonstwo ist, ich bin pünktlich, und ich mag es auch, wenn andere pünktlich sind. Der Lektor, mit dem ich verabredet war, kam eine Dreiviertelstunde zu spät. Da war ich schon gar. Und dann hat er mich auf eine Art abgebügelt, dass mir die guten Antworten erst Tage später einfielen.

Jetzt aber hat man mich angerufen. Auf der Burg Hülshof wird ein Kulturelles Zentrum errichtet, große Sache, Geld von überall, und der Intendant, ein junger Mann, hat mich angerufen. Wir wollen etwas zusammen machen. Das Berliner Hörspielfestival hat auch angerufen. Ein von mir produziertes Hörspiel ist in die Endausscheidung gekommen, am 28. April wird es im Theaterdiscounter mit anderen gespielt und das Publikum entscheidet. Bringt Tröten und Geräusche mit, die ihr für mich einsetzen könnt. Ich fänd's geil, zum Lebensabend auch mal einen Preis einzuheimsen.


Sa 14.04.18 leicht bewölkt, immer mal wieder Sonne, aber frisch,

so war es den ganzen Tag. Vielleicht hielten sich die Menschen deshalb bedeckt, wer weiß denn, was Wetter mit ihnen macht. Sie hatten gedacht, aaah, Frühling, ja, Frühling, stattdessen kommt der Vielbesungene mit kalten Cousins um die Ecke. Mir haben sie sich auf die Stimmbänder gelegt, ich stelle ein leichtes Kratzen und eine Tonhöhenveränderung fest, aber ich sitze ja auch auf dem Kutschbock hoch oben, da ist immer mehr Wind. Wir holten E-On Mitarbeiter aus Gelsenkirchen, Bochum und Essen mit zwei Kutschen vom Hafen ab, und kutschierten sie durch die Stadt. Sie waren bester Laune, tranken Bier und rissen Witze. Der alte Chef ging in den Ruhestand, der neue gab einen aus. Zwei Kutschen, zehn Mann, vierzig Minuten informiert und unterhalten, Fahrpreis 100 Euro, und was rückt der Neue als Trinkgeld für zwei Fahrer raus? 5 Euro.


So 15.04.18 11:39 blauweißer Himmel, 14 Grad

Ich trödle im Bademantel. Heute früh war es feucht, jetzt kommt die Sonne. Ein Zimmer für Berlin ist gebucht, es liegt in einer kleinstädtisch anmutenden Straße ganz nahe bei Tempelhof. Mit der U-Bahn bin ich in zehn Minuten in der Klosterstraße, das war mir wichtig, denn ich hätte keine Lust, lange durchs nächtliche Berlin zu rumpeln, um nach dem Hörspielfestival zurück in meine Unterkunft zu kommen. Ein unfassbar preiswertes Auto habe ich auch, 58 Euro für drei Tage. Ich glaube, man muss nachts buchen. Ich hatte das schon einmal, und hatte es zunächst kaum glauben können. Als ich am Folgetag aus Neugier noch einmal mit den gleichen Reisedaten eincheckte, hätte das Auto doppelt soviel gekostet. Also nachts buchen, die Algorithmen tanzen da Niedrigstpreise.


Di 17.04.18 13:06 blauweiß, 18 Grad

Mein Vailant Boiler hat drei Drehregler. Der linke ist zum Auffüllen, der mittlere zum Ablassen, mit dem rechten kann ich erhitzen, oder nur den Kran öffnen. Nun sind der mittlere und der rechte Drehregler schon seit Monaten nicht mehr in Ordnung. Man muss sie sehr fest zudrehen und beim Aufdrehen über Gebühr nach links drehen, eh etwas passiert. Da kommt es dann schon mal vor, dass man in Eile nicht richtig zudreht. Soviel zur Vorgeschichte. Jetzt zum Frühling. In der letzten Woche hatte ich nach langem Hadern die Fenster geputzt. Als sie fertig waren, freute ich mich. Es ist einfach schön, wenn man hinausschaut und klare Sicht hat. Als nächstes haderte ich mit der Reinigung des Küchenfussbodens, eine Art blaues Linoleum mit diagonalen, weiße Streifen die leicht vertieft sind, damit sich der Dreck darin auch gut absetzen kann. Ich haderte und haderte, bis ich vorgestern in die Küche kam. Ich hatte den rechten Drehregler nicht fest genug zugedreht, der Stöpsel war noch in der Spüle, das Wasser hatte die Mitte der Küche erreicht. In solchen Fällen habe ich fünf oder sechs Aufnehmer, mit denen arbeitete ich, und so ist es gekommen, dass ich trotz verschärften Frühlingshaderns nun wieder einen sauberen Küchenfußboden vorweisen kann, falls mal Besuch kommt. Aber Besuch kommt ja nicht.


Mi 18.04.18 mild

Sonnig warmer Tag. Ich war auf dem Markt, die Schwester kam, wir trafen den großen Sohn mit dem jüngsten Enkel, und ich, der den ganzen Tag hin und her überlegte, ob er hinsichtlich seiner fotografischen Ambitionen aufrüsten - (Panasonic Lumi FX1000) - oder bei seiner Leica bleiben solle, kämpfte mit der Versuchung. Es ist noch nichts entschieden. Für die Leica spricht, dass sie in jede Jackentasche passt. Für die Panasonic, dass sie ein lichtstarkes Leica-Objektiv mit 400er Tele und einen superschnellen Autofokus hat. Ich weiß einfach nicht, was ich da tun soll, ich lasse erst einmal Zeit verstreichen. Vielleicht gibt es nächste Woche schon das neueste, noch schnellere Modell, das geht zackzack heutzutage, kaum hat man etwas gekauft, ist es veraltet.


Do. 19.04.18 23:40


Fr. 20.04.18 blauer Himmel, warm

Zu warm, sagt das System, das jahrzehntelang der Meinung war, der AprilApril mache, was er will. So kommt es, dass nicht nur ich leichte Leistungsstörungen empfinde, die ich auf mein Alter zurückführen könnte, sondern Ähnliches auch von Jüngeren höre. G
estern war Tango und die neuen Schritte gingen mir flott ins System. Überhaupt war das eine feine Stunde. Lektionen benötigen immer eine gewisse Zeit, die sie im Verborgenen verbringen, um dann plötzlich aus dem Schatten zu treten. Gestern tanzte ich sie, als hätte ich nie etwas anderes getan. Heute Abend ist Milonga. Ich hoffe, dass S. da ist, mit der ich besonders gern tanze, aber auch U. könnte da sein, mit der beginne ich mich gerade einzutanzen, noch besser wäre natürlich, die Japanerin käme, die ist leicht wie eine Feder zu tanzen. Und morgen machen die alten Männer Musik. Und nächste Woche gewinne ich entweder den Berliner Hörspielpreis oder ich gewinne ihn nicht. Das Leben ist aufregend. Ich liebe es.




So 22.094.18 22:19 nach dem Gewitter

ich bin ein trauernder im neunten jahr
und jede wunde die sie mir schlug
blutet noch und alle liebe die sie mir gab
ist noch mein und jeder satz
der je gesprochen wurde klingt noch tief in mir
und wenn der tag für mich ans ende kommt
werde ich dankbar sein für meine süße braut


Mo 23.04.18 10:19 blau-weiß, kühler als gestern

So wenig Literatur in der Lage ist, die Welt abzubilden, ist es sonst eine Kunst. Kunst kann in der Nähe sein und darstellen, was ein Subjekt wahrnimmt, aber nie sollte man diese Darstellungen für bare Münze halten. Dennoch ist keine Disziplin näher an dem, was wir Wirklichkeit nennen. Was der Fall ist, sagt Wittgenstein, Gegenwart, sage ich, weil sich dort Vergangenheit und Zukunft treffen. Ein Widerspruch, denkt man zuerst, vielleicht ist das auch so, aber die Physik bestätigt, dass nichts so ist, wie wir es wahrnehmen mit unseren Sinnen. Kunst aber spannt den Bogen über diese Sinne hinaus und hat deshalb eine Chance, dem, was der Fall ist in der Gegenwart nahe zu kommen. Natürlich manipuliert sie, was das Zeug hält. Aber wenn sie gut ist, lügt sie nicht, und das macht den Unterschied.