April 2019                      www.hermann-mensing.de      

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Di 2.04.19 21:51

Am zweiten April läuft man nicht mehr Gefahr, sich in Aprilscherzen zu verzetteln. Also bin ich Kutsche gefahren, und habe immer, wenn ich vorm Marktcafé auf Kunden wartete, in meinem Manuskript für die morgige Premiere gelesen. Ab morgen nämlich bin ich Museumsführer im Rüschhaus, dem Wohnort der gerühmten Annette von Droste Hülshoff. Niederer Adel, musste nie arbeiten, nie für etwas bezahlen, die Aristokratie zahlte ungern. Nennt mich Frollein, und Kokette, aber nennt mich bloß nicht Nette. Frühgeburt, immer kränkelnd, hat einen beachtliches Werk hinterlassen, hatte nie einen Mann, wenngleich keiner so recht weiß, ob sie's nicht doch mit Levin Schückling hatte. Ich habe Text, ich habe Daten, ich habe Erklärungen, das meiste aber werde ich aus der Situation hinzu improvisieren. So.

Zudem habe ich die Saison in der Eisdiele Cortina an der Engelenschanze eröffnet. Das ist eine der letzten, von aus Cortina d'Ampezzo stammenden, inhabergeführten Eisdielen der Stadt. Ich trinke dort gern einen Espresso, esse eine Kugel Eis und runde die Sache mit einem Grappa ab. Der Grappa, das weiß ich aus dem letzten Jahr, stammt von einem Nachbarn des Inhabers. Letztes Jahr hat er mir zu Ende der Saison eine Flasche davon verkauft. Heute abend habe ich mit ihm abgemacht, dass er zum Ende dieser Saison mindestens zwei Flaschen für mich abfüllt. Ja, hat er gesagt. Ich trinke dort zu Sonderkonditionen, was mich ehrt, und worüber ich mich sehr freue. Der Inhaber freut sich offenbar auch über mich. Man nennt das eine Win-Win-Situation. Soviel zu heute.


Mi 3.04.19 19:37

Liebe Annette,

dein Hammerklavier ist verstimmt. Nicht, dass ich es ausprobiert hätte, natürlich nicht, es ist ja, wie alles auf Rüschhaus, denkmalgeschützt, aber man sieht ihm einfach an, wie jämmerlich es klänge, wie es klagte, säßest du daran und spieltest ein Lied, eines, dass du selbst komponiert hättest. Während du spieltest, säße Levin auf deinem Canapé und machte ein enzücktes Gesicht, aber glaub ihm nicht, zum Schluss wird er dich verraten, wie alle Schriftsteller,.Vielleicht solltest du dem alten Philosphen Schlüter vorspielen, der ist blind, weil er als Junge Karbid hochgejagt hat, der würde den Kopf wiegen wie Stevie Wonder. Ich würde raten, lass das Klavier stimmen. Ansonsten hatte ein gutes Gefühl in deiner Nähe und freue mich auf die Gäste der nächsten Woche, denen ich von dir erzählen kann, schließlich sind wir Kollegen, ich weiß, wie du tickst. Bis dahin, Hexe, Kokette, nicht Nette.


Do 4.04.19 11:43 feucht, frisch

Liebes Nettchen,

gestern hatte ich keine Gäste, dein Rüschhaus gehörte mir allein. Ich schaute mich um und glich das, was ich über das Haus, seine Architektur und seine Bewohner, Schlaun und dich, gelesen hatte, mit dem ab, was ich sah. Langsam setzte sich eine Geschichte zusammen, denn das ist, was ich will, eine Geschichte mit Hand und Fuß, eine, die fesselt und informiert. Gegen 23 Uhr, ich saß auf dem Sofa, Bremen hatte Schalke besiegt, und diese verfluchten n Bayern hatten wieder dieses Bayernglück, begann ich, die Geschichte, die ich erzählen will, auf Holländisch zu improvisieren. Ich weiß nicht, wieso, es fiel mir leichter, Niederländisch ist mir oft näher als Deutsch, aber es ging mir auch so, wie einem Freund aus Jugendtagen, der Stotterer war, aber ohne jegliches Stottern Niederländisch sprechen konnte. Ich kam bis ins Schneckenhäuschen, dann wurde ich müde, aber die daraus gewonnene Erkenntnis bleibt: ich bin der Geschichte auf der Spur.

22:03

es ist sehr feucht
die nacht geht hin
die katzen schleichen schlau
was leuchtet
was vom licht gestreift
ist zart und blau und grau
von unerhörter leichtigkeit
man möchte singen fliegen weit
man tanzt
schenkt sich ein lachen noch
ruft frühling ruft
erwache doch


So 7.04.19 16:08 sonnig und warm

In der letzten Nacht habe ich noch spät auf dem Balkon gesessen und Ukulele gespielt. Was für ein schönes, kleines Instrument ist das, immer zur Hand, wenn ich es brauche, ein wundervoller Begleiter für Lieder, mit einfachsten Akkorden zum Klingen zu bringen, saß also da, die Nacht ging hin, löste die Akkorde von 8 days a week und Girl in Single Notes auf und versuchte, drumherum zu improvisieren. Heute bin ich faul. Sehr faul. Sehr sehr faul.


Mo 8.04.19 10:41 sonnig

Die Faulheit und der Bruder Schlaf sind früh miteinander in Kontakt getreten, gegen 22:00 lag ich im Bett. Ich hatte ein Buch mitgenommen, aber nach wenigen Seiten zur Seite gelegt. Heute soll wieder Roman geschrieben werden.


Di 9.04.19 13:42 sonnig 13 Grad, die japanische Kirsche blüht auf

ich schenke mir den tag zum dichten,
ich atme, kann von glück berichten,
das sich zu mir aufs sofa setzt,
und dort mit mir die klinge wetzt,
die missmut schneidet,
falsche töne meidet,
im licht sich stolz mit blitzen schmückt und mich verzückt.

20:36

Den Tag über an Moderationskarten für morgen gearbeitet. Ein dreiviertelstündiger Rundgang mit Stichworten auf acht Karteikarten. Das wird gehen. Fragen Sie nur nicht zu viel.


Do 11.04.19 13:12 leicht bewölkt, frisch, die japanische Kirsche blüht

Sie trug eine beigen Pullover und eine geblümte Hose, ist mittelgroß, untersetzt, hat blondes, glattes Haar mit Mittelscheitel, eine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen, und einen Gesichtsausdruck, bei dem man nicht recht weiß, ist sie naiv, ist sie dreist, oder nur eine Landfrau, die sich aufgebrummt hat, weil sie mit der katholischen Frauenbewegung unterwegs ist. Ich schätze, sie ist etwas jünger als ich. Kaum bin ich mit ihr und den anderen Landfrauen in der Küche des Rüschhauses, hat sie schon einen Teller aus dem Schrank genommen, und schaut darunter. Ich weise sie nicht ohne ironischen Unterton darauf hin, was ich alles tun werde, wenn sie nicht aufhört, Gegenstände anzufassen. Kaum fünf Minuten später öffnet sie die Tür der auf der Diele stehenden Kutsche. Ich sehe es, ich sage, normalerweise stünde die Kutsche unter Starkstrom, sie habe Glück gehabt. Sie lächelt entschuldigend, was sie aber nicht davon abhhält, sich im italienischen Zimmer auf einen historischen Stuhl zu setzen.

Liebe Annette,

ich hatte viel Freude bei meinen ersten, allein verantworteten Führungen durch das Rüschhaus gestern, ich musste nicht einmal auf meine Moderationskarten schauen, nur der Safe im Keller, den ich morgens öffnen muss, um die Wechselkasse herauszuholen, hat mir einigen Widerstand geleistet, und die Registrierkasse im Kavaliershäuschen hat jede Eingabe mit dem Hinweis auf "Eingabefehler" verweigert. Und dann war da noch diese Frau, weißt du, Annette, die hatte Karen Duves Roman über dich mitgebracht, in dem lauter Merkzettel steckten. Sie wollte mit mir darüber reden, was ein Schriftsteller darf und was nicht. Sie war empört, was sie da alles über dich gelesen hätte, das stimme doch nicht. Ich sagte, ich hätte den Roman nicht gelesen, wäre mir aber sicher, dass ein Schriftsteller durchaus eine historische Figur in einem Roman so bearbeiten darf, wie es ihm gefällt. Das krauste ihre Stirn.


Fr 12.04.19 20:06 bewölkt, sehr frisch, sogar n paar Flocken heute

Das schwarze Shetlandpony hatte ein rotweiß geringeltes Horn wie Zuckerstangen auf Jahrmärkten in Grennalund. Daneben ein weißes Pony, sein Freund, ohne Horn. Ich war mit der Kutsche auf dem Weg zur Glasuritstraße 1, fuhr über ausgeschlagene Feldwege, und wusste nicht recht, wie ich zur besagten Adresse kommen sollte. Die Shetlands sprangen in den Kanal, der eine enge Linkskurve zog, darin Badende mit Gummitieren und großem Geschrei. Drei oder vier Hausboote rasten durch die Kurve. Ich machte kehrt. Ich hatte einen Auftrag, ich musste am Tor der BASF einen Mann treffen, der die Kutsche für eine Stunde gebucht hatte, um einem Kollegen, der in den Ruhestand ging, eine Überraschung zu bereiten, stattdessen stand ich auf der Böschung einer mehr als zehnspurigen Autobahn. Es herrschte kein Verkehr, bis eine Kolonne sehr schnell fahrender SUVs mit johlenden und fahnenschwenkenden BASF-Angestellten vorbei kam. Ich versuchte, hinterher zu fahren, was nicht gelang. Also entschloss ich mich, aufzustehen und Pipi zu machen. Punkt Elf war ich am vereinbarten Firmentor, musste meinen Ausweis zeigen, mich scannen lassen, bekam einen Besucherpass von einem mir japanischstämmig scheinenden Portier, der mir erzählte, dass er demnächst nach Berlin führe, um Rammstein zu sehen. Als die Passierscheine fertiggestellt waren, durfte ich mit der Kutsche aufs Gelände. Wir holten den zukünftigen Renter ab, der von allem nichts wusste, luden ihn unter Jubelschreien und Hurrahrufen seiner baldigen Exkollegen, die ihn Lord S. nennen, in die Kutsche, und fuhren drei Runden über das Werksgelände.


Sa. 13.04.1922:54

Hundekalt heute. Herrliche Heimatgefühle, hochzufrieden, heiter im Heim, hervorragende Speisen, Himmel, jetzt hurtig in heimelige Bett.


Mo 15.04.19 19:31

Liebe Annette, als du in deinem Schneckenhäuschen Gedichte schriebst, gab es Quadrillen und Polka, aber ich weiß nicht, ob du mit deiner schwachen Lunge und all den anderen Malessen, die dich beeinträchtigt haben, je getanzt hast, hättest du aber gesehen, wie ich gestern Tango getanzt habe, ich glaube, es hätte dir gefallen, aber natürlich war die Nähe, die sich der Tango erlaubt, damals noch gar nicht denkbar. Oder war da doch was mit Schücking?


Di 16.04.19 9:55

Auf die Kutsche gleich, das Wetter spielt mit, ich freue mich.


Mi 17.04.19 20:20

Das Geschäft schleppt. Man fährt vier Stunden herum, drei davon auf der Suche nach Kunden. Das verloren geglaubte Portemonnaie lag in der Frontkiste meiner Kutsche. Angeblich hatten alle danach gesucht, ich fand es, als ich auf der Suche nach einem Dreizehnerschlüssel war, um den Spiegel zu befestigen. Der Abend ist ruhig. Vorhin schien es eine Weile, als würde ein Gewitter aufziehen.


Do 18.04.19 11:52

Im Technologiepark suche ich die Hausnummer 16. Die meisten Gebäude haben sie versteckt, oder nur auf der Klappe des Briefkastens. Ich fahre die Straße hoch und runter, mache die 18 aus, aha, denke ich, aber das nächste Gebäude hat 39. Schräg gegenüber scheint die 36, dann kann 16 so weit nicht weg sein, denke ich und gehe hinüber.

Im Foyer sitzt eine junge Rezeptionistin, die öffnet mir die Tür, und ich frage, ob sie wisse, wo die Gewerkschaft sei, 16 müsse das sein, hier wäre doch 36, oder? Oh, das wisse sie gar nicht, sagt sie. Auf ihrem Smartphone ist das Foto eines jungen Mannes. Vielleicht dated sie bei Parship. Ich frage Studenten. Da hinten könnte das sein, sagt einer, und da ist es auch, endlich, um die Ecke, im Hinterhof, eigentlich an einer anderen Straße, dennoch aber der Straße zugehörig, die ich auf- und abgesucht hatte. Ich gehe rein.

Ein Endfünfziger mit Bauch im karierten Baumwollhemd sagt, oh, ich finde Sie gar nicht im System. Dann findet er mich doch, ich erkläre, dass ich Rechtsauskunft brauche, dass ein Vorgang schon seit einer Woche angelegt sei und man mir versprochen habe, sich innerhalb von drei Tagen zu melden. Das sei nicht geschehen, ich hätte aber eine Abmahnung zu einenTermin Dienstag nächster Woche, bis dahin müsse etwas passieren. Moment, sagt er, setzen sie sich dort draußen mal hin, Frau B. holt sie dann ab, die macht Recht.

Überall stehen Türen offen, es ist sehr ruhig. Frau B. kommt. Sie weiß alles, kann aber nicht mehr tun, als mir zu sagen, dass man mich anrufen werde. Ich sage, ich würde nicht eher gehen, bis ich einen Juristen, auch, wenn er kein Spezialist in Urheberrecht sei, sprechen könne.

Frau B., Mittel 50, sitzt unter einem etwa zwei Meter breiten und einem Meter hohen Foto des Leuchtturmes der Insel Ameland, aber da war sie noch nie, sie war gerade eine Woche auf Gran Canaria und eine Woche Aida. Sie trägt ein oranges T-Shirt mit Dreiviertelarm, eine knappe weiße, aufgekrempelte Jeans, Sneaker, Söckchen. Als sie merkt, dass ich nicht gehen werde, sagt sie, ich solle doch bitte draußen warten, sie wolle mal sehen.

Ich warte. Ein Anzugträger kommt vorbei, ein bärtiger Enddreißiger in schwarzen Jeans, der sich sehr um mich besorgt zeigt, eine mit Strassjeans und Espandrillas, schließlich einer in Jeans und schwarzem Pulli. Der Jurist. Die Fachanwältin säße heute in Bonn, sagt er, er habe ihre Telefonnummer, hier, er reicht mir einen Zettel, da solle ich nach Mittag anrufen, er könne nur sagen, dass ich wahrscheinlich zahlen müsse. Darüber, was Literatur mit Fotos, deren Rechte sie nicht besitzt, tun oder nicht tun darf, weiß er nichts, oder will er nichts wissen. Soviel zur Gewerkschaft, wo man mich Kollege nennt.


So 21.04.19 8:39 sonnig, zu trocken

Die Stadt ist schwarz vor Menschen. Man muss einkaufen, zwei Tage werden die Geschäfte geschlossen sein, es droht eine Versorgungskatastrophe. Die Dienstleister der Straßenkunst stehen an ihren Plätzen. Das Roma-Swing-Orchester, der Ukrainische Tenor mit Knopfakkordion, der Balaleikaspieler und der Bassist, die einsame Fiedlerin, der verstörendste Sänger der Stadt, schwarz wie ein Aboriginal, der wütend zwei Maracas schüttelt und dabei Oh my Darling schreit. Die zweite Zeile kann er noch immer nicht. Neu sind drei Afrikaner, die vor der Lambertikirche stehen und genau das tun, was man von Afrikanern erwartet. SDer Prinzipalmarkt hallt wieder von drei großen Trommeln. Nicht verwunderlich, weiß man doch, dass es in Afrika noch kaum Kommunikationsmittel gibt, man muss also trommeln. Ostersamstag. Mitten in diesem Gewühl fällt ein Paar auf. Es ist Anfang fünfzig, und bestimmt ist es bei ihnen zuhause sehr aufgeräumt. Für den Tag in der Metropole hat er, denkbar als Angsteller oder Handwerker, sich eine Kutte angezogen. Sons of Anarchy steht hinten drauf, eine Lederkappe trägt er auch, ein Halstuch, auf den Armen seiner Jacke ist das Arnarchy-Zeichen, alles ist sorgfältig ausgesucht und passt zueinander. An den Fingern Totenkopfringe und Eiserne Kreuze. Die Frau trägt zurückhaltenderes Leder. Man entscheidet sich für ein Fischbrötchen. Oder doch lieber Reibeplätzchen?

Frohe Ostern allen.


Mo 23.04.19 8:05 sonnig, windig, trocken

Beide sind sehr gepflegt. Einer trägt eine eierschalenfarbene Hose und ein ebensolches Hemd. Er ist grauhaarig und hat einen dezenten Schnäuzer. Der andere trägt eine türkise kurze Hose und T-Shirt von bester Qualität, Armbänder, Ketten. Der erste spricht, der andere schaut nur. Erst zum Schluss unserer Rundfahrt wird er lebendig und bittet um ein Foto. Er möchte, dass ich mit darauf bin. Da er fragt, habe ich nichts dagegen. Zunehmend genervt reagiere ich auf all die, die ihre Smartphones hochreißen, wenn ich durch die Stadt rolle. Ich fahre dann so schnell wie möglich aus dem Bild.

14:07

ich kam mit großer trauer in den tag,
und immer noch bin ich mir fremd.
ich weiß nicht einmal, woran's lag
vielleicht blies falscher wind ins hemd.


Di 24.04.19 6:42 wolkig

Liebe Annette,

du musst wissen, dass ich unter Lampenfieber leide. Vor Lesungen kommt das vor, vor allem, wenn sie mit Reisen verbunden sind, längeren Reisen bei unterschiedlichster Witterung. Ich schlafe dann schlecht, und wenn ich am Morgen aufstehe, fühlt es sich an, als hätte ich kein Auge zugetan.

Dass meine Tätigkeit im Rüschhaus ähnliches bewirkt, hätte ich nicht gedacht, aber bei diesen durchs Haus führenden Erzählungen handelt es sich letztlich um einen Auftritt, dem Text zugrunde liegt, Literatur, die ich gelesen und in den Kontext der Zeit eingeabeitet habe. Auf dieser Basis improvisiere ich den Rest, weil es das einzige ist, was ich kann, ich mich nicht mit auswendig Gelerntem langweilen will, und zudem nie weiß, wer zu so einer Führung kommt. Das erste Gesicht, der erste Satz, ein Wind, der ums Haus geht oder ein wärmender Sonnenstrahl, eine Bemerkung, alles ist zu bedenken und bleibt nicht folgenlos, da wäre ein zu festes Konzept nur hinderlich. Aber das mit dem schlechten Schlaf muss besser werden. Bis nachher, Annette.


20:50

im gegenlicht flirrt glück
falter taumeln ins all
ich weiche scheu zurück
und alles ist der fall.

der augenblick geht drüber
und drunter ein gebet
ein nachtsaum legt sich nieder
die venus scheint zu spät.

der mond hängt seine schleifen
in feuchte, warme luft,
ich will den himmel greifen,
und lange in die gruft.

noch immer dieses flirren,
momente einer nacht,
ich will das all entwirren,
nichts steht in meiner macht.


(24.04.2014)

21:29

Liebe Annette,

heute habe ich dreißig Menschen im Rüschhaus von dir erzählt, niemand hat etwas angefasst oder umgeworfen, aber auf der Diele lag ein totes Eichhörnchen, über das eine Frau furchtbar erschrak. Vorher hatte ich eine geschlagene halbe Stunde vergeblich versucht, den Tresor zu öffnen, denn ohne die darin lagernde Kasse habe ich weder Wechselgeld, noch kann ich kassieren. In der Mittagspause habe ich es noch einmal versucht, noch einmal alle Zahlen der Kombination in der geforderten Reihefolge und Häufigkeit gedreht, aber auch das hat zu nichts geführt. Ich hielt den Tresor jetzt für meinen Feind. Nun aber weiß ich, warum ich ihn nicht öffnen konnte. Anfangs nämlich stellt man das Drehrad für die Eingabe der Zahlen auf Null. Von dort geht man zur ersten, geforderten Zahl, sagen wir Drei. Wenn diese Zahl viermal nach nach links zu drehen ist, gilt schon das erste Erreichen der Drei als 1x gedreht. Ich hatte das anders verstanden. Ich hatte von Null auf Drei gestellt, und ab dort viermal nach links gedreht, einmal zuviel also. Jetzt weiß ich es. Eine Kollegin, die zufällig vorbei kam, hat es mir erklärt.

PS.

Ich hatte dir ein Gedicht mitgebracht, konnte dich aber heute nirgendwo finden.


Do 25.04.19 9:29 bewölkt

Die beiden kräftigen Blitze kurz nach acht sahen dramatisch und schön aus, gegen zehn kam ein Nachtwind und verwehte die letzten Blüten der japanischen Kirsche, es hat ein wenig geregnet, aber zu mehr ist es in dieser Weltgegend nicht gekommen. Alle sagen, es sei schon jetzt zu trocken, und natürlich sagen alle Klimawandel. Ich bin nicht mehr so erschöpft wie am Tag vorher, aber ein wenig lustlos. Mein Klavier sagt mir im Augenblick nichts, die Ukulele spricht häufiger, die Literatur sagt, ich solle warten. Das will ich gern tun, schließlich begleitet sich mich schon viele Jahrzehnte. Anfang nächster Woche will ich mich mit H. zusammensetzen, der Posaune spielt und ein umfangreiches Soundequipment besitzt. Wir wollen sehen, ob das mit meinen Texten zusammengeht. Schon vor zwei Jahren haben wir einmal darüber gesprochen, aber so recht hat sich niemand den ersten Schritt zu tun getraut. Ich bin gespannt. Ein neuer Aspekt tritt ins Werk, das ist schön und aufregend.


Fr. 26.04.19 bewölkt, 10:29: augenblicke Regenpause, aber ich hoffe, es regnet weiter


Liebe Annette,

du als adeliges Fräulein musstest nicht arbeiten. Du konntest in deinem Schneckenhaus sitzen, dichten, deine Depressionen pflegen, und Briefe an deine nicht adeligen Mentoren schreiben, an Schlüter und Sprickman, an den guten Jungen Schücking, und ich wette, dass die sich trotz des Niedergangs der Aristokratie gebauchpinselt fühlten, mit dir über die Welt und die Literatur zu parlieren. Sie mussten dafür einige Mühen auf sich nehmen. Von Münster bis ins Rüschhaus, das war ein Stück, zwei Stunden schätze ich, bei den Wegen damals, und wenn man dann noch zwei Stunden für den Rückweg einplant, und, falls es Winter ist, an die Dunkelheit denkt, dann hattest du Verehrer. Plantonisch, versteht sich, wie auch anders, Mutter war ja immer in der Nähe. Ich wurde gestern gefragt, ob ich mich in dich verliebt hätte, weil ich dir Briefe schriebe. Nein, sagte ich, ich bin gern in diesem Haus, ich liebe den Job, ich staune jedes Mal, was mir jetzt wieder einfällt, und wie aus meinen Geschichten auch die historischen Hintergründe plastischer werden. Im nächsten Leben, denke ich dann, werde ich nicht nur Bassist, wie geplant, sondern auch Historiker. Ich gehe herum, ich lausche den Gespenstern und komme dir näher, mehr nicht. Sei also nicht böse, Annette, deine biedermeierliche Züchtigkeit macht mich nicht an. Auf dem Heimweg vorhin habe ich versucht, dich in die Gegenwart zu bringen, dir eine andere Frisur zu verpassen und andere Kleidung anzuziehen, etwas, das dich streckt, denn bis bist ja kaum mehr als einsfünfzig, aber auch dann, fürchte ich, wärst du nichts für mich. Mit vielen deiner Gedichte kann ich nichts anfangen, deine Prosa ist bildreich und kräftig, die Judenbuche vermittelt ein nachvollziehbares Bild der damaligen Gesellschaft: die Gutsherren mit ihren Förstern auf der Seite der Macht (du gehörtest zu ihnen), und die Dörfler mit ihrer Armut und Aussichtslosigkeit auf Besserung gegenüber. Hatten adlige Fräulein ein soziales Gewissen?


So 28.04.19 22:36

Liebe Annette,

es war frisch heute, jedenfalls schien es mir so. Beweisen kann ich es nicht, weil ich nicht vor der Tür war. Eiskalte Regenschauer, auf jeden Fall. Und tief liegende Wolken. Und da fielst du mir ein. Sicher hast du bei so einem Wetter oft in deinem Schneckenhäuschen gesessen, und warst du allein mit dir, der Welt und deinen Versen. Draußen war Westfalen, und in diesem Westfalen ging einiges vor. Wälder wurden geschlagen. Dampfmaschinen ersetzten Weber. Die Franzosen kamen. Wo war Jenny? War deine Mutter mal wieder auf Reisen im Französichen Königreich Westphalie, in dem Napoleons Bruder König in Kassel war? Mochtest du die Franzosen? In Münster, sagt man, habe man ihnen applaudiert, als sie einmarschierten. Übrigens, dein Canapé sieht nicht gemütlich aus. Ich weiß noch nicht allzuviel über das Biedermeier, aber es hat keinen guten Ruf. Alles scheint so steif. Schrecklich finde ich. Du solltest mein Sofa mal sehen, da ist Platz für zwei, an meinen Wänden hängt Kunst und die Regale sind voller Bücher. Da kann man liegen und den Tag ohne Bewegung vertrödeln. Morgen komme ich dich besuchen. Hast du mein Gedicht gelesen? Wie findest du es?

 

Mo 29.04.19 18:30 es war wechselnd bewölkt heute und kühl, aber nicht kalt

Ich bin lust- und ideenlos. In so einem Fall setze ich mich aufs Rad. Wohin ich fahren würde, wusste ich nicht, als ich das Rad aus der Garage holte. Ich wusste nur, dass es mir gut tun würde, die Nase nach diesem vertrödelten Sonntag in den Wind zu strecken. Ich hatte den Fotosapparat in der Jackentasche. Meine erste Station war der Friedhof. Ich wollte sehen, ob Hugo B., der im Oktober beerdigt wurde, einen Grabstein hat. Hat er. Die Bösenseller Straße, von Linden gesäumt, habe ich mit geschlossener Blende und langer Belichtung fotografiert. Ich wollte den flirrenden Frühling.



Und das Leuchten der Rapsfelder. Ebenso flirrend. Als wäre ich Richter.





Ich kreuzte nach Hohenholte, fuhr über Altenberge Richtung Greven, landete über Landwirtschaftswege am Vosskotten und bog nach Münster ab. Sechzig Kilometer waren mein Ziel. Ich besuchte A., mit dem ich früher Musik gemacht habe, schellte bei Samuelson, der siech ist und kaum noch vor die Tür kommt, aber er war nicht zu Hause. In der Stadt kaufte ich mir ein Jackett, eine Sonnenbrille, und fuhr heim. Morgen bin ich wieder im Rüschhaus. Mein Roman wartet. Der Abmahnkanzlei habe ich diesen Brief geschrieben.

Münster, 29.04.2019

Betr. Aktenzeichen YV1910708

Sehr geehrter Herr Dr. R.,

Sie werden sicher verstehen, dass Sie, der Jurist, und ich, der Schriftsteller, verschieden denken und urteilen, daher lassen Sie mich erläutern, wieso das Foto Guttenbergs in meinem literarischen Tagebuch auftaucht.

Guttenberg war gerade Bundeswirtschaftsminister geworden und wähnte sich am Ziel seiner Eitelkeiten. Ich hatte das Foto gesehen und einen Text dazu geschrieben. (siehe 1). Der Alltag, in dem beides auftaucht, existiert seit fast 20 Jahren. Seine Intention war und ist eine literarische. Kommerzielle Absichten habe ich damit nie verfolgt. Es fällt mir daher schwer, einzusehen, dass seine Verwendung gegen das Urheberrecht verstößt, und schlage vor, dass wir uns, was die Höhe der Abmahnung angeht, bei 200 Euro begegnen. Wenn Sie einverstanden sind, würde mich das freuen, wenn nicht, werde ich in den sauren Apfel beißen, kann das aber - ganz gleich, wie Sie entscheiden - nur in Raten tun, denn meine Kunst ist nicht sehr einträglich.

Mal sehn, was passiert.