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Sa 1.08.09   12:51

Ich hatte in den zweiten heruntergeschaltet. Man muss in die Pedale, wenn man durch's Aa-Tal will. Ich atmete also durch und rotzte die Bronchien frei, als mich ein Radfahrer überholte. Entschuldigung, sagte ich. Nichts passiert, sagte er.

Ich war unterwegs, um mir das Morgentraining von Hertha BSC anzuschauen, die heute abend gegen die Preussen im Pokal antritt, aber als ich gegen halb elf zum Sportplatz kam, fuhr der Mannschaftsbus ab, Männer jeden Alters auf Rädern und in Autos fuhren auch, jemand sagte, es sei vorbei. Das war ja ein kurzes Vergnügen, sagte ich. Ja, gerade mal zwanzig Minuten, sagte jemand.


21:26

Zu viele Menschen im Stadion.



Ging vor Ende der ersten Halbzeit.


23:39

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

56

man schreit sich froh
trägt grünweiße schals, t-shirts
man weiß, wofür

ich neide ihnen ihr geschrei
ihr verschüttetes bier
ihre geröteten gesichter
ihr glück

das schlimmste
dachte ich, sei vorbei
aber als ich unterwegs
den ort sah
den ich nie wieder sehen wollte
wusste ich, dass es nicht stimmt

ein loch ist ins leben gefallen
und wird größer und größer

beim bäcker
auf dem balkon
am telefon
nachts
überall
und du sagst nichts

manchmal hasse ich dich dafür,
aber ich liebe dich ja
und was soll ich jetzt tun?


file under: selbstmitleid/peinlich/selbstentblössung/


So 2.08.09   10:12

Geduld




11:20

Es ist Sonntag. Ab in die Hörbar.

17:07

Ich glaube, ich weiß, was mich nach meiner Trauer über deinen Tod am traurigsten macht: das Entdecken meiner Sterblichkeit. Deshalb muss ich in den Augenblick zurück, das wird helfen, so wie ich im Augenblick war, als ich dir beistand, und wie ich im Augenblick bin, wenn ich schreibe.

Ich muss an die Arbeit.

Dies ist auch Arbeit, natürlich, Erkenntnisarbeit, aber die Erkenntnis in eine Geschichte gebettet wirkt viel mächtiger. Die Frage ist: welche Geschichte? Im Augenblick gibt es nur eine, die mich interessiert, aber die kann ich noch nicht erzählen.

17:34

Das Ende kann gleich sein oder in 30 Jahren, das ist egal.
Der Augenblick sagt: darum musst du dich nicht sorgen.


Mo 3.08.09   11:04

Ich hatte ja schon erzählt, dass ich bei der Suche nach einem Geschenk als erstes ein paar Schuhe in der Hand hatte. Schuhe für dich. Aber ich war nicht auf der Suche nach einem Geschenk für dich. Ich musste für eine andere Frau eines suchen. So etwas hattest du sonst immer getan. Ich hatte ihren Mann gefragt, er hatte "ein Glas" gesagt, ich hatte eines gefunden und die Gastgeberin fand es schön.

Test bestanden, dachte ich. Sie trug ein Kleid mit Dekolleté, und es war nicht ganz einfach, mit ihr zu sprechen, ohne dorthin zu schauen. Sie ist groß und sehr weiblich. Ihre Vorfahren sind Italiener. Und obwohl das Urgroßeltern waren, kann man es immer noch sehen. In einem italienischen Café würde sie niemand für eine Deutsche halten.

Der Abend verlief ruhig und mit vielen Gesprächen. Gute Gespräche. Eines vor allem, mit einer Frau Mitte 30, sportlich, eine Joggerin, handfest, Sozialarbeiterin, ein Kind mit der Option auf ein zweites. Ihr erzählte ich deine Geschichte. Darauf erzählte sie mir die Geschichte ihres Vaters: gleiche Krankheit. Diagnose im Januar, Tod im November vor vier Jahren. Noch immer trauernd.

Bis zum letzten Tag habe ihr Vater geglaubt, dass er es schaffen könne.

Das beruhigte meine durch eine Diskussion mit M. geschürten Zweifel, ich hätte wissen müssen, in welchem Zustand du warst. Jetzt, in der Rückschau, kommt es mir vor, als hätte ich es tatsächlich wissen können. Aber ich habe es nicht gewusst. Ich habe mich an die Hoffnung geklammert, das natürlichste, was der Mensch tut.

Der Mann der Gastgeberin und ich hatten uns vorgenommen, uns zu berauschen.
Gegen drei Uhr war ich in beschwingtem Zustand, bisschen Rotwein, zwei, drei Joints, und beschloss, den Nachtbus nach Hause zu nehmen.

Man läuft eine Viertelstunde zum Bahnhof. Auf dem Weg dorthin begegnete mir niemand.
Da ich nicht regelmäßig Bus fahre, brauchte ich einen Moment, herauszufinden, wann der nächste Nachtbus führe. 3:33 Uhr stand auf dem Plan, aber davor stand Prinzipalmarkt.
Fährt denn der Nachtbus gar nicht vom Bahnof, dachte ich?
Komisch.

Es war 3:20 Uhr, seit Jahren war ich nicht mehr so spät/früh in der Stadt.

Ich machte mich auf den Weg zum Prinzipalmarkt.
In zehn Minuten war das zu schaffen.

Bis auf einen LKW in der Windhorststraße, der einen Bio-Markt belieferte, keine Bewegung weit und breit.

Auf dem Prinzipalmarkt schließlich die Erkenntnis, dass meine Eile überflüssig war, denn der Bus fuhr erst um 3:41 Uhr. Um 3:50 Uh ging mir auf, dass nicht mehr Sonntag war, und daher kein Bus mehr führe.

Taxen waren weit und breit nicht zu sehen.
Einmal kam ein Fahrrad den Prinzipalmarkt herauf.
Darauf ein kleiner Mann mit einem weißen Schutzhelm mit Schirm, obenauf eine blau leuchtende Lampe, ein seitwärts an den Gepackträger angebautes weißes Gestell, das hoch aufragt.
Ich konnte nicht feststellen, wofür es war. Der Mann war Chinese.

Auf der Suche nach einem Taxi kam ich zur Atelier Bar, trank einen Mojito und fuhr nach Hause.


Di 4.08.09   16:51

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

57

auch blumen
haben dich geliebt
wie alle und ich  

ein telefonat
hat dich besiegelt

mir gab man einen schein
einen eimer für tränen
dir wünschten wir gute reise

pass auf dich auf,
pass bloß auf dich auf,
sagte jemand zu mir

seitdem
trage ich liebe herum
tränen
und sehnsucht

wenn ich dich umarme, spüre ich nichts
wenn ich mit dir spreche, antwortest du nicht
worauf soll ich bauen
wenn deine antworten fehlen

wen soll ich lieben und wie

wo alles möglich war
ist alles unmöglich
obwohl es unmöglich ist
will ich dich zurück

bitte
komm einmal in meine träume
und sag, es ist gut
dann will ich es glauben
eher nicht


Mi 5.08.09 16:34

Das Kind wollte dies nicht und das und dann jenes, aber sofort, so dass der Vater Gas geben musste, denn das Kind drohte zu verhungern, es könne nicht mehr, sind wir bald da, rief es, und als man sich dann dieser speziellen Pommesbude näherte, fragte es tatsächlich, wo man denn nun hinfahre und man antwortete, genau dahin, wo du hinwolltest, weil du doch solchen Hunger hattest.

Ach ja, da fiel es ihm wieder ein, und es war eine Weile still. Aber als dann das Essen kam, war der Ketchup nicht der gewünschte Ketchup, den Vorschlag, hinein zu gehen und darum zu bitten, man möge ihm einen anderen Ketchup geben, wurde in den Wind geschlagen. Überhaupt schien das Kind nun gar nicht mehr hungrig, sondern hatte plötzlich Angst vorm Verdursten.



Das Kind hatte den
Gasometer nicht sehr gewaltig gefunden, den Mond darin auch nicht, und es machte überhaupt den Eindruck, dass es gewohnt sei, dass man seinen Befehlen Folge leiste, zumindest aber alles so einrichte, dass sich Befehle erübrigen, weil sowieso alles schon so war, wie es sein sollte. Dass es andere Menschen mit eigenen Interessen gäbe, darüber schien das Kind noch nicht nachgedacht zu haben, nun ja, es ist eben ein Kind und das Zentrum seines Universums, dachte ich, kam man es ihm verübeln?

Der Vorschlag, noch einen Kaffee miteinander zu trinken, wurde dann auch in vorauseilendem Gehorsam der Vorschlagshoheit des in jeder Sekunde über ein Vetorecht verfügenden Kindes geopfert, so dass man sich überhaupt nicht mehr wundern muss, falls sich überhaupt noch jemand wundert.

Ansonsten aber war es ein schöner Ausflug, der noch viel schöner hätte sein können, vor allem, wenn man bedenkt, dass man auf dem Mond war.



21:51

Auch die Reise dorthin war höchst interessant. Moscheen am Weg, großflächige, chemische Industrieanlagen, Abraumhalden und hohe Schlote, immer am Nordrand des Ruhrgebietes entlang, das neben den englischen Midlands um Manchester und Leeds das größte zusammenhängende Industriegebiet des Kontinents ist. Ohne die Schächte, die hier in die Erde getrieben wurden, ohne die davon ausgehenden Stollen, ohne das im nahen Sauer- und Siegerland gefundene Erz keine Republik, wie wir sie kennen, vielleicht nicht einmal die Kriege der letzten hundertundfünfzig Jahre.

Das alles eine knappe dreiviertel Stunde vor meiner Haustür, und mit diesem spritzigen kleinen Fahrzeug, mit dem wir heute fuhren, ein Klacks. So ein Golf, kleine Katgorie, daher nur mit einem 1,4 Liter Motor ausgestattet, fährt ohne Radau zu machen einhundertundachtzig KmH, zweihundert wären drin, und man merkt es nicht einmal.


Do 6.08.09   8:43

Jetzt, wo die meisten langsam vergessen, wird es kompliziert. Die Welle des Mitleids ebbt ab. Das Leben geht weiter, das hatte man mir von Anfang an zugeraunt. Sogar der schwarze Taxifahrer, der mich damals nach Hause fuhr und dessen Meinung ich als letzte hätten hören wollen, schaute irritiert über seine Schulter, als er mich da zusammengesunken sitzen und weinen sah und sagte, so ist das, das Leben geht weiter, Männer weinen nicht. Arschloch! Fahr' Taxi und lass mich in Frieden.

Ich könnte mich für den Rest meiner Tage behandeln lassen, das ist modern, man hat Traumata für jede Gelegenheit, und ich wette, da wären abzugreifende Gelder, aber ich therapiere mich lieber selbst, ich wüte sogar gegen dich, schließlich habe ich immer gesagt, du sollst mit dem Rauchen aufhören, immer wieder habe ich dir damit in den Ohren gelegen, und als dein Vater damals in diesem erbärmlichen Zustand war, habe ich dir Ähnliches prophezeit.

Schade ist, dass mir das Jenseits Prinzip nicht aufgeht, dieses kindliche "wir sehen uns im Himmel wieder", auf das sich alle berufen, wenn es ernst wird. Ich glaubte's schon gern, es wäre wundervoll, dich wiederzusehen, aber ich kann's mir nicht vorstellen, ich krieg dich nicht einmal in meine Träume, ich schlafe wie ein Bär, was, wie mein Nachbar sagt, erstaunlich sei, viele Hinterbliebene litten unter Schlafstörungen.

Eine Bekannte meint, ich sei ein glücklich Trauernder, denn im Gegensatz zu ihr hätte ich keine Leichen im Keller. Das ist immerhin etwas. Aber das Vergessen der anderen macht jeder Tag deutlicher, wie sehr du mir fehlst. So wird das weitergehen und weitergehen, bis die ersten deinen Namen vergessen haben, das alles ist ganz normal.

12:58

Mein Block wurde in den sechzigern gebaut. Damals zogen britische Offiziere mit ihren Familien ein. Danach kamen niedere Dienstgrade. Dann kamen wir. Und andere. Der Block befindet sich seitdem im Besitz verschiedener Eigentümer, die, wie es Eigentümern eigen ist, ihr Hauptaugenmerk darauf richteten, so viel Profit wie nur möglich aus ihrem Mieteigentum zu schlagen.

Dazu gehört, dass man Kosten niedrig hält (natürlich nicht vor der Steuer).

So kommt es, dass mein Block über die Jahre immer renovierungsbedürftiger geworden ist.
Die Heizkörper sind uralt, die Elektrik, das Dach, die Schornsteine, das Mauerwerk, vieles liegt im Argen.

Wenn in so einen Block nun jemand einzieht, von dem man aus sicherer Quelle weiß, dass er aus einem noch billigeren Block als dem unseren stammt, und einen Audi R8 davor parkt (Grundpreis 108.000 Euro), fragt man sich natürlich, wie kann das sein?

Hat dieser junge Mann, der Basekaps mit goldfarben besticktem Schirm trägt, im Lotto gewonnen?
Ist er ein erfolgreicher Gangsterrapper? Ist er Dopedealer?
Was ist er, dass er sich so ein Auto vor die Tür stellt?

Wäre es nicht vernünftiger, sich, statt mit so einem Auto eine Identität vorzutäuschen, die man nicht ausfüllen kann, eine Wohnung zu nehmen, die in besserem Zustand ist, als die, in der er nun wohnt (Schimmel, aber darüber sprechen die Vermieter nie, das halten sie unterm Tisch, bis der Mieter es bemerkt, dann wiegeln sie ab und sagen, man hätte eben die Fenster öffnen müssen).

Sie sehen, die Welt ist bunt, voller Fallstricke und Frohsinn, der nicht zu ergründen ist.
Und wir (besser ich, denn ich bin ja kein wir) wir glauben, dass es die beste aller Welt ist, also die, die weggesprengt gehört, aber flott ...


Fr. 7.08.09 9:04

Unsere Sicht der Dinge ist notwendigerweise subjektiv, und so ist es kein Wunder, wenn der eine dem anderen vorwirft, er habe den Verlauf eines Ergeignisses falsch, oder sagen wir besser: fehlerhaft geschildert. Fehler kann man korrigieren, man löscht einfach den betreffenden Text, in dem ein Kind Marienkäfer totschlägt. (So etwas würde mein Kind nie tun!! Es liebt Käfer!)

Die subjektive Sicht jedoch lässt sich nicht korrigieren.

So kommt es, dass jeder auf seine Sicht beharrt und kaum in der Lage sein wird, die Dinge objektiv zu betrachten. Eine objektive Sicht der Dinge ist unmöglich. Nicht einmal der Naturwissenschaftler kriegte so etwas hin und er weiß es.

Man könnte sich also ausruhen und daraus schließen, dass man - in diesem Falle ging es um Erziehung - die Dinge eben macht, wie man sie macht, und sich damit beruhigt.

Man darf natürlich auch schließen, dass man - wie jeder Vater - alle Fehler dieser Welt machen wird, und zwar in beliebiger Reihenfolge. Und man sollte sich frühzeitig gewahr werden, dass die Schatten der Väter, die man bekämpft wie Don Quijote die Windmühlen bekämpfte, mächtiger sind als man glaubt.

Das gilt für mich wie für jeden anderen.

Diese Weltsicht ist weder düster noch hell, weder optimistisch noch pessimistisch, weder gut noch böse, weil das Leben - die Physik/Chemie der täglichen atomaren, molekularen Bewegungen - diese von uns in die Diskussion gebrachten Zustände gar nicht kennt.

file under: Klugscheißen

9:59




Heute im Interview mit der der Dorfzeitung.
Verbogen, verdreht, schlecht recherchiert, nicht einmal den Vigoleis können sie richtig schreiben.

11:58

1. Beispiel:

90% meiner bisherigen Werke seien Kinder- und Jugendbücher, ich betrachte Pop Life aber als
Buch für Leser. Was soll das denn heißen? Dass Kinder keine Leser sind. Und um dem die Krone aufzusetzen, daraus die Schlussfolgerung: Literatur, die fundiert sei, spräche nicht nur bestimmte Leute an.

Ich erinnere mich, dass wir über Qualität von Literatur sprachen und darüber, dass Kinder- und Jugendbücher auch von Erwachsenen gelesen werden könnten und Erwachsenenbücher von Kindern, und darüber, dass dezidierte Literatur für Kinder noch gar nicht so alt sei (ca. Mitte des 19.Jhdt.).

2. Beispiel, gleich danach:

Pop Life wäre als kluges Männerbuch bezeichnet worden. Das ist ein Zitat, aber es wird nicht zuende geführt. Die MZ Schreiberin sagt, ich würde den Roman lieber als die Geschichte dreier Männer über mehr als drei Jahrzehnte betrachten.

Das ist nicht ganz falsch, aber eben auch nicht richtig, denn ich hatte gesagt, dass Pop Life ein Roman sei, dem man mit der Zuordnung Männer-Frauen-Roman nicht beikommt, weil das literarische Niveau, auf dem er angesiedelt ist
, solche Zuordnungen überflüssig macht.

3. Beispiel:

nie habe ich auf die Frage, ob meine Bücher autobiografisch seien, geantwortet, das seien sie immer, sie würden ja auch nicht von einem Automaten geschrieben. Sonst wären sie Automaten-Biografien.

Bullshit. Ich habe gesagt: Alle Romane sind autobiografisch. Alle.

Na ja, undsoweiter undsoweiter ... Sommerloch eben.

15:07

PS.
Und dann auch noch das:
Nicht einmal Pop Life können sie richtig schreiben.
Ich hatte's wohl automatisch richtig gelesen .... Jesus fucking christ

23:33

In der Wohnung des Audi R8 Fahrers geht es ein und aus, man telefoniert, Freunde kommen, die einmal um den Block gefahren werden wollen, geil, sagen alle, das Auto kann vom Balkon per Fernsteuerung geöffnet werden, es blinkt dann.

Sein Besitzer hat mittlerweile Kontakt zu mir aufgenommen. Meine Vermieterin hat ihm gesteckt, dass ich hier seit 30 Jahren quasi zum Inventar gehöre, und nun will er wissen, wie ich das denn mache, mit dem Fernsehen, er habe alles, HDTV Ready, aber keinen Empfang, er könne nur DVD's schauen, und die Vermieterin habe gesagt, eine Schüssel auf dem Balkon wolle sie nicht, ich glaube, sagt er, das findet sie asozial.

Nun, sage ich, schön sieht's wirklich nicht aus, wenn jeder so eine Schüssel an der Balkonbrüstung hätte und kläre ihn darüber auf, dass es im Keller einen Unitiy Media Kabelanschluss gäbe, oder war's Ish, oder früher Ish und jetzt Unitiy Media?

Man weiß es nicht.

Jedenfalls sprechen die Kinder (die jungen Leute, denn älter als 25 ist keiner von ihnen) respektvoll mit mir, sie Siezen mich höflich, und ich denke, es ist nur eine Frage von Tagen, bis ich sie frage, wie das denn mit ihrem 108.000 Euro Auto zustande gekommen ist.

Ich tippe auf Lottogewinn.

In der Zwischenzeit werden sie ratlos auf ihrem Balkon stehen, Freunde werden kommen und gehen, man wird Bier trinken und laut sein, man wird telefonieren, wo man gerade ist und was man als nächstes zu tun gedenkt, und hin und wieder werden sie ihren Rennwagen ums Eck bewegen, um neues Bier zu kaufen.

Hübsche junge Frauen in knappster Bekleidung gehen ein und aus, die, da wette ich meinen Arsch drauf, nur ein- und ausgehen, weil dieses Auto vor der Tür steht. Da ist die gemeine Frau höchst pragmatisch, da denkt sie, nun gut, intelligent ist er nicht, aber das bin ich auch nicht, Schulabschluss habe ich keinen, er auch nicht, aber vielleicht hat er ja genug, um mich durch's Leben zu zahlen.

So sieht das hier aus, Frau Mensing.
Grüße von Nazmir und Emine, sie sind aus Pristina zurück.
Viele denken an dich, aber ich habe schon Stunden, in denen ich nicht an dich denke.
Gute Nacht, Süße. Ich glaube nicht, dass ich nochmal eine andere will.


Sa 8.08.09   9:02

Die deutschen Steuerzahler müssen dem Kinder- u. Jugendbuchschriftsteller Mensing noch mindestens drei Jahre unter die Arme greifen. "Ich rechne weiter mit hohen Ergebnisbelastungen, die zu einer anhaltenden Verlustsituation führen werden", erklärte Mensing gestern in einer Mitteilung. Im ersten Halbjahr 2009 fiel ein Verlust von 1,132 Milliarden Euro an. Im Vorjahreszeitraum hatte Mensing noch 160 Millionen Euro verdient.

14:03

Wir ziehen um.

Nicht von einer Wohnung in die andere, sondern von einem Zimmer in ein, bzw. zwei andere. Ich werde demnächst Nutznießer zweier kleiner Zimmer, Max des bisher von Chris und mir bewohnten größeren Schlaf- u. Arbeitszimmers.

Überall steht alles voll.

Mein Versuch, ein schwarzes Metallbett gelb zu sprayen, ist kläglich gescheitert, aber statt mich zu schämen, deklariere ich es als Design, und dann soll mal jemand kommen und meckern.

20:09

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

58

hier
ein foto von dir
da eins und dort
ich schaue sie an
weiß noch
wie es war
und denke
ich räume sie fort

ich packe sie in einen karton
worum soll ich sie tag für tag sehen
wenn du mich nicht siehst
warum soll ich mit ihnen sprechen
wenn du nicht mit mir sprichst
wir hatten unsere zeit
jetzt hat jeder die eigene

als wäre alles nur traum

weißt du noch
wie wir träumten
bestimmt weißt du's noch

weißt du noch
wie wir liebten
bestimmt weißt du's noch

weißt du
ich räume sie fort
schau sie ein letztes mal an
weine, und räum' dich nicht fort

22:38




So 9.08.09   12:36

Ihr Rock ist kaum mehr als eine Hand breit. Darüber Haut, die wenig überm Venushügel beginnt, auf den mit zwei hinterm Bund des Rockes verschwindenden Tatoos hingewiesen wird. Bis zu den unteren Rippenbögen liegt dann alles frei, die Brüste, groß wie Pampelmusen und fest, sind in pushup-BH's unter einer farbigen Bolerobluse verpackt.

Wenn sie, wie gestern, mit dem Rücken zur Balkonbrüstung steht, umringt von drei bis fünf jungen Männern, die nichts anderes wollen, als Pampelmusen auspacken und den Tatoos folgen, aber, um über die Unerfüllbarkeit ihrer Begierde nicht zu tilten, eine Zigarette nach der anderen rauchen, wirken ihre Bewegungen inszeniert, hölzern, alles in allem zutiefst verunsichert. Möglich, dass sie schon ahnt, dass die Männer nicht sie, sondern ihren Körper bewundern.

Vielleicht ahnt sie auch, dass das nicht ewig so gehen wird, und dass sie, um eine Auswahl zu treffen, größte Schwierigkeiten haben wird, die Gaffer von den Liebhabern ihrer selbst zu trennen.

Das ist das Dilemma von Frauen mit körperlichen Vorzügen, wie man sie sonst nur aus Filmen kennt. Plötzlich stehen sie auf einem Balkon und die sie umringenden Männer werden kopflos. Das schmeichelt. Das verzerrt die Wahrnehmung und führt zunehmend dazu, dass Frauen versuchen, ihre körperlichen Vorzüge mit Chirurgie über die Zeit zu retten, was, wie man weiß, nur deformiert. Klugheit könnte ihnen helfen, aber wer ist schon schön und klug zugleich.

So kommt es, dass schöne Frauen oft allein bleiben.

Aber da steht ja noch der R8, und der macht einiges her. Horden männlicher Teenager fallen vor Begeisterung fast vom Rad, wenn sie den Wagen unter meinem Balkon stehen sehen. Sie geraten ins Schwärmen über Mittelmotoren und Bang&Olufsen Stereoanlagen, über Schaltpaddel und den Sound des Motors, und sie, die Umschwärmte, dreht sich um und ruft nach unten, nicht anfassen.

Meinst du dich oder das Auto, antwortet ein Fünfzehnjähriger und schießt nach: Du bist sowieso cooler.

18:18

War auf dem Fußballplatz und habe dir Tränen geschenkt.

21:51

Habe dir Sonnenblumen gepflückt.


Mo 10.08.09   17:34

Ich glaube, Brecht war's, der - sinngemäß - gesagt hat, ein Großteil der literarischen Produktion hätte vermieden werden können, wenn die Urheber Sport getrieben, im Garten gearbeitet oder sonst einer Arbeit nachgegangen wären.

Ich kann das bestätigen, denn heute sind hier zwei Zimmer, die gestern und vorgestern ausgeräumt worden waren, und deren Mobiliar seitdem überall lagert, gestrichen worden, gerade werden Regale zusammengesteckt, und dann wird eingeräumt.

Also keine literarische Produktion heute. Nachher nur noch Duschen, Essen, Schlafen.

By the way, habe einen Meter angelsächsischer Science Fiction (Penguin Paperbacks aus den Siebzigern von Asimov über Bradbury bis Kurt Vonnegut Jr.) in gute Hände abzugeben.


Di 11.08.09 10:32

Schönes Bild, knapp eine Woche alt, der Enkel hat Bauchweh ...

15:20

Lagen in bequemsten Kippliegen untem freien Himmel. Irgendwann begannen dicke Tropfen zu fallen, aber das Haus des Bekannten ist ein übers Eck gebauter Bungalow mit vorgezogener Traufe, so dass wir drei Stufen höher ins Trockene zogen. Der Bekannte könnte sich Weine leisten, die weit über meinem Niveau liegen, aber sein Merlot kommt von Aldi, und da gleicht er der Millionärin in London, die wir vor Jahren besuchten. Sie hat einen Konzern geerbt, ihr Haus in Kensington ist von oben bis unten voll ist mit zeitgenössischer Kunst, aber wenn sie alle halbe Jahre übern Kanal in ihre alte Stadt kommt, kauft sie auf Vorrat bei Aldi.

Ich erbe nichts, aber da mein Merlot auch von Aldi stammt, könnte es sein, dass sich über die Jahre doch noch ansehnliche Beträge auf der Habenseite meines Kontos summieren: Durch Saufen Sparen: DSS, das wäre doch mal ein Produkt für die Deutsche Bank, das jeder auf der Stelle verstünde, sogar die Manager.

Der Bekannte ist einer der Männer, die Chris insgeheim liebten, zumindest aber bewunderten. Er hatte mich eingeladen, um zu erfahren, wie alles gekommen ist. Die Nacht kroch immer tiefer ins All, ich trank noch Whisky und lag gegen Mitternacht in meinem neuen Zimmer im neuen Bett. Als ich gegen vier erwachte, hörte ich den R8 Fahrer und seine Adepten auf dem Balkon.

Offenbar feiern sie, solange noch etwas zu feiern ist, denn ich wette, dass sie, sollte er tatsächlich im Lotto gewonnen haben, das Geld sehr schnell durchbringen werden. Ein interessantes soziales Experiment direkt nebenan, was will der Mensch mehr.

Erschreckend, wie viele Bücher ich über die Jahre angesammelt habe. Wohin bloß damit?
Und wohin mit all dem übrigen Krims und Krams? Und dann auch noch die Bilder? Fotos. Originale. Und der riesige, noch nicht ausgepackte Karton.

18:50

Immer, wenn ich denke, heute geht's, kommt mir jemand entgegen, oder, wie gerade, jemand folgt mir von den Tomaten im Supermarkt bis zur Milchtheke, stellt mich und sagt, Herr Mensing, ich kannte ihre Frau ja kaum, aber das ist schrecklich, was soll man bloß sagen ...? Nichts kann man da sagen, sage ich und spüre, dass mir Tränen in die Augen schießen. Sofort beginnt auch sie zu schlucken, und so stehen wir da, ich kenne sie kaum und sie kennt mich kaum, und dass schon seit über zwanzig Jahren, aber sie hatte den Mut, mich anzusprechen.

Danke.
Wir weinen um dich und gehen dann unserer Wege.

Ich habe noch an der Kasse zu kämpfen, aber kaum aus dem Supermarkt gebe ich auf, senke den Kopf, damit's nicht gleich jeder sieht, schleiche nach Hause und denke, was tun wir bloß ohne dich, wie soll das bloß alles gehen, dabei tun wir ja, wir sind mittendrin ohne dich, wir treffen Entscheidungen, wir halten die alte Bräuche hoch, wir halten die Wohnung sauber, ich koche deine Gerichte nach, wir tun vieles, wie du es getan hast und überall fehlst du.

Du würdest dich wundern, wie viele Menschen dich betrauern.


Mi 12.08.09   9:04

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

59

kein schreck kann groß genug sein
keine träne kann helfen
kein tag ohne lüge
kein leben ohne tod
kein tod ohne leben

nichts ist normaler
nichts schrecklicher
nichts wünschenswerter
als da zu sein
wo die glücklichen sind

dort schlägt kein herz mehr

9:24

Alles redet von Woodstock, wie schön es gewesen wäre und wie es die Welt verändert hätte, dabei war es verkauft wie alles andere, nur dass es niemand gemerkt hat. Ich auch nicht.



(Summer of Love 1967)

13:52

Langsam geht es voran.
Ein neuer Platz muss erorbert werden, das dauert.



19:54

Hatte eine Idee, notierte sie und fand sie schon beim zweiten Satz nicht mehr realisierbar.


Do 14.08.09  10:58

Ich habe Nägel in die frisch geweißten Wände getrieben, Bilder daran gehängt, nur um später festzustellen, dass sie falsch hingen. Mein Arbeitszimmer ist schmal und lang, das ist problematisch. Ich werde sparsam hängen.

Ich fuhr ohne Ziel, genoß den Stadtrand, hier Weizen auf dem Halm, dort schon Stoppelfeld, kühl-feuchte Luft, wenn ich an Mais vorüber fahre, Gänse und Hühner in Gärten, Kühe auf Weiden, offene Scheunentore, der Geruch von frischem Stroh, das alles in Hörweite der Autobahn hinter einem mehr als haushohen Deich, die Stadt fast mit den Händen zu greifen, wie gern ich in diesem Zwischenraum lebe.

Ins Aa-Tal jagte ich ohne zu bremsen, so wie ich es als Junge am Gildehauser Berg tat, dachte, wenn's soll, wird's sein, mein Instinkt für den kapitalen Rausch leitete mich zu den Schottlandfahrern, direkt in deren Küche, ran an den Speck, Laphroaig von der Isle of Islay und Knaster, bis ich gegen Mitternacht von einem Augenblick auf den nächsten große und dringlichste Sehnsucht nach der Horizontalen verspürte.

Zum Glück war ein Gästebett in der Nähe, nach Hause hätte ich es nicht geschafft, zum Gästebett nur mit Mühe. Meine Gastgeber schienen ein bisschen besorgt, denn normalerweise stehe ich meinen Mann, aber ich hatte wohl das Glas zuviel oder war's der letzte Zug aus der Pfeife?

Randzone mit Schwindel. Im Liegen erträglich. Dachte, du könntest mir heiße Milch mit Honig bringen, weinte ein bisschen, schlief ein, schlief tief, erwachte gegen sieben, fuhr durch frühen Dunst nach Hause, schlummerte ein wenig, stand auf, bekämpfte den Kater mit handelsüblichen Mitteln, frühstückte deftig, und mache mich jetzt an die Arbeit.

13:29

Heute früh ein Gebührenbescheid der Feuerwehr. Adressiert an Frau Christiane Mensing. Natürlich können diese Deppen nicht alles wissen, aber angenehmer wär's schon. Sie wollen 10 Euro für den Krankentransport. Ich schluckte und dachte, wie lange du wohl noch Post kriegst, Kataloge auf deinen Namen, all das unverlangte Zeugs, das einem in den Briefkasten flattert, als das Telefon schellte und eine Frau vom Orthopädiehandel sagte, die Dreimonatsfrist für dein Pflegebett sei abgelaufen, was denn nun wäre. Frau Mensing ist tot, sagte ich, und das Bett schon seit acht Wochen nicht mehr hier. Oh .... aber sie habe es nicht im Computer, wie es denn weggekommen sei? Abgeholt, von einem jungen Mann ihrer Firma. Nun, das müsse sie recherchieren. Bitte. Tun Sie das, sagte ich.


18:17

Julius lag im Kinderwagen und bestaunte die Welt. Ich beugte ich mich über ihn, summte liebevoll sinnlos beruhigendes Zeug, fixierte seinen Blick, strich seinen Nasenrücken, seine Stirn, sein Kinn, und er fuhr drauf ab, er singsangte seinerseits, wenn auch leiser, hauchte kleine Seufzer und dann und wann flog ihn ein Lächeln an, oh Leute, das ist schön, wie gern ich mich an diese Zeit mit unseren Kinder erinnere, aber jetzt darf ich's erleben, ohne die mühsamen, schlaflosen Nächte und das Drumherum, das kleine Menschen verursachen, eh sie zu Bewusstsein kommen, um einem noch schlaflosere Nächte zu schenken.

23:45

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

60

weißt du
er hatte dich bei karstadt gesehen
und ich dich im rüschenfeld
beim haus mit
den findlingen den geschmiedeten kandelabern
und der schaufensterpuppe im fenster
da kamst du mir entgegen
vorn rechts in einem ford mondeo

dann saß ich wieder auf dem balkon
mit ihm in der gegenwart
und weil er dich und ich dich gesehen hatte
begann ich zu weinen

er stand auf, trat vor
legte seine unterarme auf meine schultern
drückte meinen kopf und beugte sich vor
so dass ich in seinem schutz weinen konnte
aber das weißt du ja längst

als es gut war
tippte ich ihm in den bauch
er löste sich sagte noch einen schnaps
ja einen dann fahre ich sagte ich
dankbar


Fr 14.08.09   10:55

14 Diogenes Krimis von George Simenon und 8 von Patricia Highsmith in gute Hände abzugeben.

16:15

Was den Audi R8 angeht, gibt es neue Erkenntnisse. Es handelt sich nicht um die Basisversion zu 108.000,-- sondern zu 148.000,--. Der Besitzer, ich nenne ihn A., ist aber nicht der Besitzer. Der Wagen gehört der jungen Frau, deren physische Präsenz ich schon geschildert habe. Ich nenne sie B. Sie hat ihn geschenkt bekommen.

Allerdings hat sie keinen Führerschein.
Nun fragen Sie sich, wer verschenkt so ein Auto? -

C. ist etwa 10 Jahre älter als B. Hin und wieder holt er B. ab oder bringt sie. C. hat auch die Wohnung gemietet, in der B. mit A. wohnt, dem ich anfangs mangels plausibler Erklärung einen Lottogewinn zuschrieb.

A., der angeblich demnächst eine Ausbildung beginnt (welcher Art wissen wir nicht) bewegt den fast 500 PS starken Wagen hin und wieder zu seinen zwei Straßen entfernt lebenden Eltern, um sich eine Flasche Wasser oder Milch zu borgen. B. telefoniert viel.

A. und B. haben wohl ein Verhältnis. Welcher Art weiß ich nicht. B. aber hat von C. einen einjährigen Sohn,
der mangels Interesse der Kindseltern bei Großeltern lebt. Das hört sich kompliziert an, findet der Dichter M. und muss zugeben, dass er sich so eine Geschichte nie hätte ausdenken können.

Um sie weiter schreiben zu können, hilft nur Recherche.
Natürlich muß so etwas unter größtmöglicher Diskretion erfolgen.
Ich werde mich also melden, wenn der Dichter M. Neues erfahren hat.

17:40

PS. Ich vergaß zu erwähnen, dass B. ausser der Mutterschaft und dem geschenkten Audi R 8 eine auf der Werteskala der Höhepunkte im Leben eines Menschen bisher unerreichte Position errungen hat. Sie stand Modell für ein Roller-Magazin. Sagt man. Allerding nur im Bikini. Das ist schade. Ich hätte sie lieber nackt gesehen, aber mich hat niemand gefragt.


Sa 15.08.09 14:20

Menü: marinierte Hähnchenunterschenkel, Reis, dazu geschmorte Möhren, mit Pepperoni und Zitrone abgeschmeckt. Aber erst nachher.

Vorher dies:

B., ruft das Dorf, sei eine Nutte.
C. nämlich habe B. - statt Alimente zu zahlen - dieses Auto geschenkt.
Stimmen im Haus fordern, man solle die Vermieterin drängen, das Mietverhältnis zu lösen.
Ich hingegen würde lieber wissen, wie und wohin sich das alles entwickelt, ob geschossen wird, verzweifelt geschrien etc. pp., schließlich bin ich Schriftsteller, und sollte, statt Wertungen abzugeben (was ich leider viel zu oft tue), nur schreiben, was tatsächlich geschieht.

Und? Geschieht was? Nö, nix.

18:45

Hermann Mensing
16. Juni 1910 - 15.08.1997

Hätte dich fast vergessen, Vatti, hab so viel mit Tod zu tun im Augenblick, sorry ...


So. 16.08.09   10:15

Jedem sein Woodstock. Hier ist meines. 

Es ist der 28. Juni 1970. Heiner und ich trampen nach Rotterdam zum Stamping Ground Festival. Wir haben keine Karten und können uns auch keine kaufen. Sie sind zu teuer. Das Festivalgelände ist weiträumig eingezäunt und wird von einem vorgelagerten Golfplatz zusätzlich abgeschirmt.

Wir wollen trotzdem hinein, übersteigen den Zaun und gelangen auf den Golfplatz. Die Security sieht uns, ruft gestikulierend und beginnt zu rennen. Wir rennen auch. Wir überqueren das Green, kommen an ein kleines Wäldchen, durchqueren es und gelangen an eine Gracht.

Sie ist nicht sehr breit. Also ziehen wir uns aus, rollen unsere Kleider zu Bündeln und steigen ins Wasser. Die Leute von der Security krachen schon durch das Wäldchen. Mitte der Gracht wird es tief, wir knoten unsere Kleidung fest und werfen sie unter Beifall der uns Beobachtenden ans Ufer. Dann müssen wir schwimmen. Drüben angekommen, stelle ich fest, dass ich meine Schuhe vergessen habe. Zurück will ich nicht. So kommt es, dass ich das Festival barfuß erlebe und barfuß nach Hause trampen muss.

11:11

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

61

ich flüchte vor mir
ich ertrage mich nicht ohne dich
ich ertappe mich zornig
du hast mich allein gelassen
sage ich
ach komm sagst du lächelnd
ja gern aber wie


Mo 17.08.09   9:57

Aus dem Zyklus: Ich weiß nicht, was es bedeutet

62

soll dich grüßen
vom dicken addi
traf ihn gestern am see
sitzt schon seit jahren im rollstuhl
ein schlaganfall hat ihn weggehauen
rechte seite
kann aber noch stehen
sich anziehen sich ausziehen sich duschen
wohnt wieder hier
raucht
hat 30 kilo abgenommen
und weiß
dass er endlich ist

ich erzähl ihm von dir
wir rauchen eine

scheiße hermann scheiße scheiße sagt er
und ich sage scheiße addi scheiße scheiße
und er sagt kann man nichts machen hermann
und ich sage kann mich nichts machen addi
machs gut hermann sagt er
ich ruf dich an
ja addi sage ich ruf mich an

und seh ihn noch
vorm odeon damals
wie er aus spaß auf unsere motorhaube stieg
dieser riesige mann mit seehundschnauzer

ich seh uns in seinem restaurant
fünfzehn jahre später
silvester weißt du noch
als wir das erste mal in der neujahrsnacht
von münster nach hause liefen

ich sehe uns
überall sehe ich uns
überall höre ich uns
überall rieche ich uns

wenn das telefon schellt
denke ich du bist dran
ich träume

ich weiß
dass du tot bist
aber ich wache gleich auf
und du bist nicht tot

scheiße hermann scheiße scheiße

ich bin wütend
es macht keinen spaß ohne dich
ich verstehe es nicht

22:37

Der Abend ist schön, wir haben Zukunft, wenngleich wir nicht wissen, wohin sie führt, daher, noch einmal, dies...


Di 18.08.09   9:00

Stellen Sie sich einen Mann vor, der sechsunddreißig Jahre täglich einer Arbeit nachgegangen ist und nicht weiß, wie ein Haushalt funktioniert. Der wüsste nach dem Tod seiner Frau natürlich nicht, wie man bügelt, kocht, wäscht, wie man Fenster putzt und Staub saugt, der stünde da wie der Ochs vorm Berg, hätte weiter jeden Tag seine Arbeit und dazu noch den Haushalt.

Insofern habe ich Glück. Ich weiß, wie ein Haushalt funktioniert. Ich kann kochen, bügeln (sogar Hemden), ich weiß, wie ich Wäsche sortiere vorm Waschen und all die anderen kleinen Dinge, das alles habe ich in den letzten sechsunddreißig Jahren gelernt, aber ich gäbe alles, wenn ich es für dich tun könnte.

file under: Trauer am Morgen

PS.

Lieber Leser vom Fb6ew (18.08.09 7:17 Uhr 13,89 MB) und fb6ewbib2 (17.08.09 11:23 1,35 MB) der Uni Münster. Glaubt nicht, dass ich nicht wüsste, wann ihr euch einloggt. Schickt mir doch einfach mal einen Gruß, dann weiß ich, wer ihr seid.

23:09

Wie groß dein Herz ist, spüre ich jeden Tag. Ein Glück, dass ich dich habe.


Mi 19.08.09 8:26

1993 sendete die ARD eine meiner Radio-Arbeiten für Kinder, die drei vier Jahre später in einen Roman mündete, Lampe kommt, Licht aus. Ich fand einen Verlag, wir machten einen Vertrag, aber dann rutschte der Verlag in die Pleite.

Vor etwa zwei Wochen bot ich diesen Roman einem Verlag an, mit dem ich über Das schwarze Buch im Gespräch bin.

Ende letzter Woche signalisierte man mir großes Interesse.

Das schwarze Buch
muss umfangreich überarbeitet werden. Das habe ich mir in den letzten Monaten nicht zugetraut. Es machte keinen Sinn, wann immer ich begann, hörte ich gleich wieder auf.

Lampe kommt, Licht aus hingegen braucht kaum Überarbeitung, so dass ich mit dem Verlag vereinbarte, Das schwarze Buch zurückzustellen, und begonnen habe, Lampe kommt, Licht aus zu überarbeiten.

Das geht zügig, denn meine und die Vorstellungen des Verlages liegen dicht beieinander.
Was zu tun ist, weiß ich, und so habe ich endlich wieder eine realistische Perspektive für eine Veröffentlichung. Über die Arbeit kommt Zuversicht, so dass ich mich bald auch an Das schwarze Buch setzen kann.

Das Leben ist also nicht vorbei, wenngleich es grausam bleibt.
Ich ziehe mich an den Haaren aus dem Sumpf, der Schmerz vergeht davon nicht, aber es macht ihn erträglicher.

Heute sind es neun Wochen.

11:31

Ich dachte, ich wüsste, was Schmerz ist, ich hätte zumindest eine Ahnung, und dann erzählt mir jemand die Geschichte vom Tod ihres Mannes. Er ist beim Tauchen in Griechenland ertrunken. Sie war 32 damals, er 38. Die beiden hatten drei Kinder im Alter von 2, 5 und 8.

Danach hat sie allein gelebt, bis sie vor sieben Jahren auf Sizilien eine Frau traf, in die sie sich verliebte. Die beiden zogen zusammen. Anfang dieses Jahres ist diese Frau nach einjährigem Krebsleiden gestorben.

Seit du tot bist, höre ich ständig solche und ähnliche Geschichten.
Ich will sie nicht hören. Sie machen mich verrückt.
Dann schellt es und jemand bringt Post für dich.

Do. 20.08.09   14:02

Keine überflüssigen Atemzüge. Katatonische Starre bis sundown.


Fr. 21.08.09 00:49

Bettina, pack deine Brüste ein, Bettina, zieh dir bitte etwas an ....

9:35

Hier arbeitet der berühmte Dichter Mensing. Jedes Bild ist ein Original. In den Regalen stapelt er Geld, da er den Banken nicht traut. Das Zimmer ist sehr gelungen, und so hat er hin und wieder Freude am Leben. Dazu können wir nur gratulieren.

Wir gratulieren auch zu neuen Freunden, und zu all den Gesprächen, die er führt, wenngleich das ein oder andere manchmal durch physische Reize des Gegenüber zu kurzzeitigen Konzentrationstrübungen führt, aber das macht nichts, er genießt es als Geschenk, wenngleich sich weiteres Vorgehen in diese Richtung leider verbietet.


10:43

Neun Wochen danach: ein Requiem (nur mit Kopfhörer, bitte), hier....

11:32

Und hier die mönchische Schlafklause des Dichters, eine überarbeitete Daguerrotype aus den 70erJahren des 19. Jahrhunderts.



17:55

Sozialisationsbedingt pfusche ich, wenn es um Handwerk geht. Ich wollte Heizkörper streichen. Heute früh fuhr ich zu einem Baumarkt, um Farbe und Pinsel zu kaufen. Die Pinsel in Baumärkten sind in der Regel gar keine Pinsel, sondern lösen sich beim Streichen Borste für Borste auf.

Die Auswahl war riesig. Leicht angebogene, flache Pinsel zum Streichen rippenförmiger Heizkörperr kosteten um die drei Euro. Ich dachte, das kann nichts sein, aber bessere waren nicht da und so beschloss ich furchtlos, dass er für sieben Heizkörper reichen würde.

Ich hatte mich also entschieden, als eine Mitarbeiterin mich auf ein 10er Set Pinsel aller Größen und Formen hinwies, das 2,49 Euro kostete.

Wenn schon der leicht gebogene zu knapp 3,00 Euro nichts sein konnte, wie schlecht würden diese erst sein, dachte ich.

Mit echten chinesischen Borsten, stand jedoch drauf und ich dachte, gut, kaufe ich.

Und was soll ich sagen: ich pfuschte so für mich hin, Staub und was sonst alles auf Heizkörpern lagert, überstrich ich großzügig, das Motto von Karlson vom Dach immer im Hinterkopf: das stört keinen großen Geist und stellte zu meiner Überraschung fest, dass der Pinsel aus dem chinesischen Zehnerset nicht eine Borste verlor. .


Sa 22.08.09   11:11

Die Pinsel aber kommen aus Polen! Nur die Borsten sind chinesisch. Sie werden in Pinsel-Containern übers Meer geschafft, in Pinsel-Fabriken geliefert und dort verarbeitet. Verdammt.

PS. Wussten Sie, dass Borsten in Holland Brüste sind?


So 23.08.09  8:35



Tröste mich mit Schönheit.

9:13

Laten wij dansen, liefsde,
dansen aan zee,
afschijdswalz aan de waaterlijn,
dansen aan zee
een: voor je tranen,
twee: voor de mijne,
drij: voor de horizont ...

21:36

Reiste heute ins befreundete Ausland. Auf dem Weg fotografierte ich aus dem geöffneten Schiebedach und später aus den geöffneten Fenstern meines fahrenden Auto alles, was mir gefiel. Das war nicht ungefährlich, ich gebe es zu, a
ber manchmal muss man Risiken eingehen.

Hier ein Foto von etwa einhundert.




Mo 24.08.09   11:53

Hier noch eines:



11:57

Der abgeschlossene Kurzroman

Es werden einem seltsame Vorschläge gemacht, dachte sie. Wo sie doch längst abgeschlossen hatte mit diesem Verwirrspiel, das nichts als Durcheinander brächte, ließe sie sich darauf ein, dachte sie, Durcheinander und schlaflose Nächte. Und dann aus dem Nichts so ein Vorschlag. Sie hatte gelacht. Sie hatte gesagt, sie glaube nicht, dass sie das wolle. Und hatte sich wieder in ihr Leben verkrochen.


Di 25.08.09  11:15

Die Kleidung klebt am Leib, Keane singt von Ängsten und Hoffnungen, M. hat gespült, Fußleisten gestrichen, gebügelt, zwischendurch war der Künstler zu Besuch, dessen Anruf M. nicht angenommen hatte, denn er hat genug zu tun mit sich, er muss nicht mit Menschen telefonieren, die nur zu Besuch kommen und ihm nichts sagen wollen, sondern dasitzen und Kaffeetassen daraufhin begutachten, ob sie sauber gespült sind, all das muss M. nicht mehr, er ist grausam frei, und da nimmt er sich das Recht, abzunehmen oder nicht abzunehmen.

Der Künstler hatte das ignoriert und war trotzdem gekommen.
Als er M. vor der Fußleiste hocken sah, sagte er, ach, du machst es dir schön, ich hatte schon gedacht, du würdest zusammenklappen, dabei hat er M. in den letzten 10 Wochen zweimal gesehen.

Was weißt du schon, dachte M., rede keinen Stuss.

Als M. und der Künstler auf dem Balkon Kaffee trinken, kommt eine Karte aus New York.
M. liest sie und Tränen schießen ihm in die Augen, denn die Schreiberin berichtet von Tränen, die sie um dich vergossen hat.

M. steht auf, denn das, was von Freunden erwartet werden kann, eine tröstende Hand auf der Schulter, kein dummes Zwischengerede, nur eine Hand, ein warmer Druck, bis man zuende geweint hat, ist vom Künstler nicht zu erwarten, also steht M. auf, geht in sein Zimmer und weint, bis es vorbei ist.

Als er zurückkehrt, sagt der Künstler, was war denn?
Weißt du, sagt M., was Gefühle angeht bist du ein ein Nilpferd, und der Künstler sagt, er hätte sich wohl gedacht, worum es ginge, aber er wäre gern ein Nilpferd.

So hat jeder Tag seine Tränenecke, und jeder Tag hat seine Lachecke, jeder Tag hat tausend Ecken und Kanten und mit jeder Ecke und Kante ist M. allein, aber es geht, er kann es ertragen, wenngleich er sich Schöneres vorstellt, er steht hier und dort, und alle anderen sind Amateure, nur ihn hat man gezwungen, Profi zu sein.

Die Ecke mit fehlender Zärtlichkeit ist die grausamste Ecke von allen, in dieser Ecke hilft nichts und niemand, nicht einmal die tröstende Hand eines Freundes, in dieser Ecke könntest nur du sein.

Um sich dennoch zu helfen, hat M. alle Fotos von dir in einem Ordner gesammelt.
Fast zehn Jahre digitaler Erinnerungen, aus den Jahren davor (36) liegen unzählige Fotoalben im Regal, und alle können angeschaut werden oder nicht. Und dann ist er glücklich.

16:29

Diese Jacke sprang mich an.
Die Verkäuferin meinte, ich solle nicht zögern, falls ich mich wohl darin fühle.
Ich fühlte mich wohl und mein jüngster Sohn hatte keine Einwände.



21:00



Als ich dir diese Tasche schenkte, warst du begeistert.
Ich war begeistert, weil ich sie dir schenken konnte.
Seit sie an meiner Wand hängt, ist sie keine Tasche mehr.
Sie ist Kunst.
Aber das wussten wir immer.


Mi 26.08.09  10:03

Toilettenheizkörper gestrichen.
Im Sitzen pinkeln hat doch etwas, aber ich lerne das in diesem Leben nicht mehr.
Sollte mehr Farbe kaufen. Der Großmarkt bietet 30 Prozent auf Alpina Lacke.
Jetzt Pause, dann Wohnzimmer.

PS. Ich bin immer noch glücklich.

Das Gefühl gestern Abend, als ich dich am Ruder des kretischen Fischkutters sah, war groß und schön. Wie stolz du warst und wie dieser Stolz auf mich übersprang, und wie dein Glück, das aus allen Poren schien, auf mich kam und sich ausbreitete und ich wusste, dass unsere Jahre schön waren und bleiben werden. Und dass ich mit diesem Gefühl sterben kann, jederzeit, ohne Reue, und dass ich alles noch einmal tun würde, alles und genau so, aber natürlich geht das nicht, man sagt das so, also sage ich es auch.

Ich liebe dich.

12:11

Pop Life auf You Tube, hier....


Do 27.08.09 8:54

Maskiert, Bart, in der rechten Hand ein Revolver. Sechs Schuss in der Trommel. So hing er am südwestlichen Abendhimmel, grimmig auf den ersten, verschmitzt auf den zweiten. Auf den dritten Blick war die Maskerade am Himmel verduftet und hinterließ ihn halbrund, nackt und gelb, ein Trabant, den Wölfe anheulen und Dichter besingen.

Ich war auf dem Weg durch leichte Nachtluft, die schon angenehm sticht und den Herbst fühlen lässt. Wohin wusste ich nicht, ich wollte nur unter Sternen radeln, vielleicht in die Stadt, dachte ich, vielleicht böge ich aber auch quer durch die Sentruper Höhe Richtung Gievenbeck, Aa-Tal, nach Hause.

Stattdessen geriet ich in eine kleine Wohnung unterm Dach. Dort lebt X., die ich dreißig Jahre kenne. In diesen dreißig Jahren ist sie 25 Mal umgezogen, hat ein Kind groß gezogen, wenngleich man das nicht großziehen nennen kann, vernachlässigt eher, denn oft zog sie nächtelang herum und das Kind war allein, und hätte es Y. nicht gegeben, der ihr damals verbundene Mann, wer weiß, wie das ausgegangen wäre. Einmal fanden wir das Kind (vielleicht 2 Jahre alt) allein in Y.'s vor unserer Wohnung geparkten Auto und holten es zu uns.

In ihrer Stube ein Computer. Der passte nicht zu meiner Erinnerung, aber da stand er und ich wunderte mich. Alles Übrige aber hatte sich nicht verändert. Noch immer ist alles ist fern von dem, was ich Alltag nenne, wenngleich das ihr Alltag ist, aber eben doch fern. Anthroposophische Pasellkreidemalerei. Asiatische Kinkerlitzchen. Tücher. Räucherwerk.

Eine wunderliche Alte.
Ich blieb eine Stunde und wunderte mich, dass ich mich wunderte, ich hätte's doch wissen können.

Zurück fand ich M. schlafend auf dem Sofa, der Fernseher lief, ich strich ihm über den Kopf, aber er schlief tief und fest, also stellte ich die Systeme ab, knipste das Licht aus und schloss die Tür.

Heute werden die Türen abgewaschen.

12:43

Der Rentenbescheid ist da.

Bittere Erkenntnis: ich wäre besser dran, wenn ich nichts verdiente, denn das Wenige, das hereinkommt, wird auf die Hinterbliebenenrente verrechnet. Hoffnungsschimmer: der Wohngeldrechner der Stadt Münster (den ich nicht in allen Fragen verstehe), gesteht mir in der ersten Version 412,00, in der zweiten 194,00 Euro Wohngeld zu. Um das zu erhärten, werde ich heute nachmittag dort auflaufen.

19:00

Langer Flur, viele Zimmer, viele Menschen, geschätzte vierzig Prozent Migranten, ein Apparat, der Nummern ausgibt, so dass keine Streitigkeiten aufkommen können. In gut eineinviertel Stunde war ich bedient und hoffe nun, dass mein Wohngeld sich irgendwo zwischen der ersten und zweiten Version einpendelt.


Fr 28.08.09   17:33

Heute rettet mich niemand mehr.


Sa 29.08.09   10:29

Wenn Weihnachten ist, sagt der lange Karl, also wenn Weihnachten ist, stellen die auf den Rührarm der Kläranlage da hinten einen beleuchteten Baum, und den kann ich sehen, das ist der einzige Weihnachtsbaum weit und breit, der sich im Kreis dreht.

Und als das mit Afghanistan anfing, sagt er auch, konnten wir die B52 Bomber sehen, hoch oben am Himmel, so groß diese Dinger und laut, denn über uns kreuzen sich Flugstraßen und da sind sie lang, von England kommend und wieder dahin zurück.

Wir saßen im Garten, Fackeln leuchteten, der Himmel war gefleckt, der Mond kroch langsam von links nach rechts übern Horizont, zwei Kinder der Gastgeber waren da, eines mit ihrem Freund, frisch urlaubsverliebt und den Abschied vor Augen, morgen muss er wieder weit fort, er lebt in Portugal, und da dachte ich an den Schmerz und sah, wie sie sich hielten, die Hoffnung auf Ewigkeit für den Augenblick haltend, schön und vergeblich, das andere Kind muss zurück nach Wien, wo es lebt und studiert, und der Maler war da, alt geworden, Arthrose, der Maler und seine Frau, der Maler rupft einen Löwenzahn und erklärt uns daran die Kunst.

Der lange Karl bringt mir Socken, denn der Herbst kriecht durch die Wiesen, gelb und schwarz sind sie und zur besseren Orientierung steht L auf der linken und R auf der rechten Socke. Wir essen Gegrilltes und trinken Rotwein. Die Alten rauchen, die Jungen nicht.

Es war so viel war zu tun in den letzten Monaten und jetzt, wo alles, was ein Mensch tun kann, erledigen, sagt man, erledigt ist, stehen die Schrecken auf, die Bilder kommen mit Schmerz, und wie immer und jeden Tag kommt die Zeit, wo ich mich verabschiede und wieder da bin, wo jeder ist, aber ich habe niemanden mehr, mit dem ich das teile.

Nicht schlimm, denke ich, tapse in den hinteren Teil des Gartens und pinkle ins Düstere, die Nacht wird fordernd frisch, wir gehen ins Haus, in das der lange Karl damals, nachdem sein Vater von einer Treppe gestürzt und sich nicht mehr erholt hatte, nach Scheitern der zweiten Ehe gezogen war. Es war heruntergekommen und er hat es wieder aufgebaut.

Ein großer, offener Raum, eine Treppe die hinaufführt zur zweiten Ebene. Unter dieser Treppe schlafe ich. Zum Frühstück kommen sie nach und nach, und überall in diesem lebendigen Haus sind Dinge, viele Dinge, sagt der lange Karl, hier sind so viele verschiedene Dinge. Ja, sage ich, und Zucker, Zucker für den Kaffee, wo ist der? Da, sagt der lange Karl und zeigt auf ein kleines Porzellanfass. Ich nehme mir einen Löffel voll, rühre um, greife ein Käsebrötchen und setze mich an den langen Tisch. Der Zucker war Salz.

Als ich heimfahre, weine ich still. Dazu lasse ich Daniel Bahrenboim Beethoven für mich spielen und die kleinen Wälder auffahren, die Wiesen mit Streuobst und die Ems hier und dann wieder da, ich cruise durch Münster, bin wieder zuhause, fahre den Rechner hoch, rufe E-Mails ab, lese von X. und treffe eine Entscheidung: weg damit, weg in den Papierkorb, da bleib ich lieber der, der ich bin.

11:36

Schönes Literaturportal, auf dem höchst übersichtlich meine Arbeiten präsentieren kann: hier

15:09

Ich habe einen Kuchen gebacken. Den ersten Kuchen meines Lebens. Mein Vater hat gern Buttercremetorten gebacken. Mit der Spritztüte durfte ich beim Verzieren helfen. Und Töpfe auslecken. Das habe ich vorhin auch getan. Heute Abend bin ich auf einer Geburtstagsfeier. Nur das Geschenk will mir noch nicht in den Kopf. Vielleicht bringt mich ein Mittagsschlaf auf eine Idee.


30.08.09   10:30

Ich saß unterm Fenster, die Morgensonne schien, ich trank Kaffee, du schautest vom Klavier herab zu. Ich erzählte, wie er aufgeräumt hat, wie pikobello alles am Platz steht, obwohl seine Gäste heute früh, als ich heim kam, mit mehr oder minder glasigen Blicken beieinander saßen.

Keine Spur mehr von dreißig jungen, wütenden, ratlosen Menschen, denen die Gier der Globalisierung die Zukunft vernagelt. Das also ist das Ergebnis unserer Mühen, dachte ich, unseres Vorlebens, denn Erziehen führt nirgendwohin, Ratschläge sind Schläge und nicht tolerierbar, Vorleben ist die einzig zu treffende, weil glaubhafte Maßnahme für Mütter und Väter.

Stolz war ich, stolz warst du, stolz sind wir auf unsere Söhne.

Ich prostete dir mit Kaffee zu und erzählte von gestern, vom Buffet, von gutem Wein und den Selbstverständlichkeiten einer Party bei Besserverdienenden, ihren Urlaubserzählungen, viermal war der weg, dieses Jahr. Noch Wein? Rum? 17 Jahre alten Flora de Cana? Gern, danke. Sie schicken ihre Kinder fort, Neuseeland ist angesagt, Australien sowieso, Bachelor hier, Master da.

Da können wir nicht mithalten, sagtest du.

Ich erstarrte von der Borniertheit deiner ehemals besten Freundin und deren Mann.
Dann wurde es aufgeräumter und immer aufgeräumter, die Nacht schritt fort, und wir waren nur noch ein kleiner Kreis auf dem Balkon.

Einen noch für die Fahrt? fragte der Gastgeber.
Ja, einen auf die Lebenden und die Toten, dann mache ich mich auf den Weg.

Im Gepäck drei Tuppa Dosen mit Resten des Buffets, sogar Hokaido-Kürbis-Suppe war dabei, die Gastgeberin hatte darauf bestanden, man verabschiedete mich herzlich und ich war auf dem Weg.

Die Sentruper Höhe heißt nicht umsonst Höhe. Der lange, kaum sichtbare Aufstieg beginnt beim Gericht und endet an der Waldeyer Straße, geschätzte zwei Kilometer. Man spürt das, nicht nur, wenn man so alt ist wie ich.

Bei der Abfahrt zum Zoo singt Fahrtwind in meinen Ohren und die Sterne zwitschern dazu.
Ich atme still und ruhig und denke, wie schön die Welt ist, unsagbar schön, und wie weh es tut, sie mit uns kontrastiert zu sehen, den Bonobos mit dem Extra-Gen für Liebe, Götter, Krieg und Zerstörung.

Der nächste Anstieg ist nicht so lang wie der vorherige, beim Zooparkplatz geht es schon wieder mit Schwung ins Aa-Tal, aber eben hinab, und wo es abwärts geht, geht es auch wieder hinauf.

Gegen drei war ich zuhause, eine Viertelstunde später im Bett, und vorhin waren da plötzlich diese Köpfe. Sie glänzten in der Sonne und kamen mir sehr bekannt vor.



Ich erschrak.
Aber dann tauchten sie auf und der hinten links sagte, ich solle mich nicht fürchten.



Ich fürchte mich nicht, sagte ich, ich bin nur traurig, unendlich traurig, und ich verstehe es nicht.
Das musst du auch nicht, sagtest du.
Ich umarmte dich und war dankbar, dass du bei mir bist.

Es ist Sonntag, unser jüngster Sohn hat Geburtstag, ich habe gewählt.


31.08.09   16:47

Scheiße! antworte ich auf die Frage, die ich nicht hören will, die aber fast jeder stellt.
Scheiße, das verstehen sie, von den Feinheiten aber macht niemand sich eine Vorstellung, die Leere ist nicht zu beschreiben und an Tagen wie diesem Grund genug, aufzugeben.

18:32

Da ich neuerdings anatomische Fotos mache (ich schneide kleine Löcher und führe eine Spezialkamera ein) hier ein Einblick in mein Herz.








































 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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