August 2012                                        www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Mi 1.08.12 9:14




die apparate funktionieren,
ich lerne, les mich ein, kann reparieren,
information fließt hin und her, ich staune,
und lausche dem geraune.

den montag kenne ich noch nicht,
der rest der woche liegt im dunkel,
vielleicht, dass mir die welt wegbricht,
und still verglüht im taggefunkel.

ich habe keine lust und keinen plan,
will nichts und folge keiner absicht,
bin unterwegs auf dieser achterbahn,
und hoffe, dass kein rad bricht.

ich bin wie immer voller zweifel,
wie immer voller lebenslust,
ich liebe gott und alle teufel,
und nehm sie mir zur brust.

beim glockenläuten denke ich an sie,
und an das leben, das wir hatten,
trinke kaffee, und hätte nie
gedacht, noch eine andere zu begatten.

jetzt sind die dinge wie sie sind,
das einz'ge hindernis bin ich,
verworren klar, im herz ein kind,
und in den rippen dann und wann ein stich.

fäkal stets modisch elegant,
mental ein eingefleischter reaktant,
im porzellanladen ein elefant,
als tänzer explosiv galant.

das reicht, ich hab den tag gerettet,
ich darf jetzt wieder liegen,
ich habe meine sehnsucht abgekettet,
und werd' am ende fliegen.


12:43

Kreibschise.


Do 2.08.12 11:21

Saßen bis in die Nacht auf dem Balkon, besprachen die großen Fragen und hatten sie fast gelöst, als ein letzter Schnaps alles wieder in Frage stellte. Daraufhin schnell ins Bett und tief geschlafen. Heute früh nun die vage Hoffnung, dass alles kommt wie es kommt. Als hätte ich das nicht vorher gewusst. Dennoch, so ein trautes Beisammensein mit bestem Freund, Wein vom bekannten Winzer und Gras vom befreundeten Gitarristen versöhnt mit der Welt. Es sollte natürlich nicht jeden Tag stattfinden, aber das tut es auch nicht, es findet alle Jubeljahre statt, Major Truth ist selbstverständlich, die Ergebnisse des Diskurses bleiben auf alle Tage geheim und so kann niemand wissen, dass ich Rumpelstilzchen heiß.

Vorher war ich tausend Meter geschwommen, ich hatte das letzte Woche schon einmal getan und mich gewundert, wie einfach das war, aber dass es so einfach war, hat damit zu tun, dass die Bahn des Schwimmbades 50 Meter lang ist, ich also in Ruhe den Takt finden konnte und mich im Gegensatz zum meinen Versuchen, tausend Meter auf 25 Meter Bahnen zu schwimmen, nicht spätestens nach zehn, zwölf Bahnen verzählte.

Die Kreibschise darf mir den Buckel runterrutschen. Alle, denen ich davon erzählt habe, mahnen mich zur Ruhe, alle scheinen mehr über meinen Gemütszustand und was ich tun kann, ihn zu verändern, zu wissen, als ich selbst, also staune ich und mache ich mich bereit, übers Wochenende nach Unterfranken zu reisen, um dort Musik zu machen.

Vielleicht will ich ja sogar schon heute damit beginnen, über meine Reise in die Südpfalz zu berichten, denn da gibt es einiges zu erzählen, aber man soll die Dinge nicht übers Knie brechen, der letzte Pflaumenbrand weht noch durchs System, bestimmte Reinigungsrituale innerer Organe müssen erst vollzogen sein, danach wird man weitersehen.

Abschließend jedenfalls darf gesagt werden, dass so ein Abend katharsisch wirkt.


Mo 6.08.12
12:06

Damals, als ich mit Chris in einer Orangerie in Kassel saß, um Joseph Beuys zuzuhören, der neben oder vor seiner Honigpumpe darüber schwadronierte, dass jeder ein Künstler sei, war ich fast bereit, diesen Unsinn zu glauben. Nicht verwunderlich, dass er sich ausgebreitet hat. Überall gibt es jetzt Künstler, und sie schrecken vor kaum etwas zurück. In Oberotterbach zum Beispiel, Oberotterbach, südliche Weinstraße, Pfalz, direkt hinterm oder wenn man will vor dem Westwall, gibt es einen Holzbildhauer, der so gut wie jeden in den Wald hinein oder hinausführenden Weg mit seinen aus alten Stämmen gesägt- und gehackten Waldgeistern dekoriert hat, so dass man zum Schluss gar nicht mehr weiß, wo man hinschauen soll.

Daran dachte ich, als ich gestern Kassel passierte, wo gerade wieder eine documenta stattfindet, die mich jedoch nicht im Geringsten interessiert. Es geht, wenn ich die Artikel recht verstanden habe, ums Weibliche und um die Natur als Kunst. Da führe ich doch lieber ans Meer, da liefe ich lieber in Wellen und ließe mich umhauen, statt mir vorführen zu lassen, was konzeptionell Kunst alles sein kann oder soll.

Ja, so steht es im Augenblick. Jedes Wort ist mir zuwider, jedes nicht geschriebene Wort tut weh, jede Minute ist Langeweile und dennoch wertvoll, denn morgen, übermorgen oder Gott weiß wann kann es sein, dass mir dieses eine Wort unterkommt, das dafür sorgt, dass ich auch die anderen wieder aufschreiben kann. Bis dahin jedoch bitte ich um Nachsicht.

Schließlich gibt es Bücher von mir, die man lesen kann. Da steht alles drin. Und was nicht drin steht (falls es nicht drin steht) haben bestimmt andere aufgeschrieben. Leider nutzt dieses Aufschreiben nichts. Das Einzige, was nutzen könnte, wäre Aufruhr. Gewalttätiger Aufruhr, aber die gewalttätigen Aufrührer würden ihrerseits natürlich sofort eine neue Misere beginnen. Das Leben ist und bleibt fatal.

Ich wünsche Ihnen also noch schöne Ferien.

16:45

Gerade kommt Nachricht aus dem Norden. Man rät mir, alles kaputt zu schlagen. Ich werde drüber nachdenken. Dekonstruktion, sagt Karl in Herr Lehmann immer.


Di 7.08.12 12:22

Nicht, dass es auf Fippes Festivalgelände nicht auch ein Toilettenhäuschen gegeben hätte, eines mit Kerzen darin und rotem Interieur, mit Blumen und Raumspray und der Verheißung auf tiefen tiefen Fall, aber mir war nicht danach, mir war nach Toilette mit Wasserspülung und anschließendem Cappuccino, und ich vermutete, dass ich in Bamberg beides fände. Also fuhr ich über Landstraßen, folgte dem Main, der hier durch Schleusen gezähmt eher ein breiter, träger Kanal ist, der sich durch sanftes, hügliges Frankenland zieht, mit Weinbergen an den Südhängen.

Bamberg also, an einem Samstagmorgen.

Ich hatte schlecht geschlafen. Der Vorabend des großen Fippes Sommerfestes in Westheim ist ein Abend für gemeinsames Trinken, und da hatte ich mich beteiligt. Reinen Wodka hatte ich mir eingeschankt, nicht sehr viel, vielleicht zweihundert Gramm, aber dann hatte ich auch noch Gras geraucht, und als ich mich in dem für Senioren reservierten Wohnwagen hinlegte, begannen diese Drogen miteinander zu streiten. Die eine wollte, dass ich schlafe, die andere nicht.

Alle hatten gesagt, Bamberg sei eine hübsche Stadt, eine unterfränkische, bayerische Stadt, also erwartete ich Mittelalter, Barock, Idylle am Fluss. Um so erstaunter war ich, dass die ersten Kilometer, die ich mich dem Zentrum näherte, von einem sehr lebendigen Hafen gesäumt waren.

Ich parkte in der Königstraße, ich merkte mir, wo ich war und begann loszulaufen. An der ersten Kreuzung bog ich links ab, stellte schnell fest, dass es zum Bahnhof ging, und das war nicht das, was ich sehen wollte. Also drehte ich um und folgte Japanern, die einem Stadtplan auf der Spur waren, überquerte eine Brücke, bog rechts ab und landete in einem Café an einem kleinen Markt, bestellte, um gleich darauf das Restaurantklo zu besuchen. Dazu musste ich ums Gebäude, und bemerkte, dass dort die Idylle begann.

Ich frühstückte und schlenderte herum. Stellte in einer barocken Kirche eine Kerze für meine Leute auf, trank hier einen Kaffee, schaute dort den Kanuten beim Wildwasserfahren zu, sah vieles, was ich nicht kannte, dachte, hübsche Stadt, wirklich, eine hübsche Stadt, fand Graffiti, die den ausufendernden Finanzkapitalismus anprangerten, war Tourist unter vielen anderen Touristen und fuhr zurück.

Ein schöner Morgen, fand ich.
Jetzt habe ich Bamberg gesehen, dachte ich.
Und dann ging ich Schwimmen im Badesee.

13:33

Am Abend spielten wir. Da Albert Early Bird & The Working Worms eine reaktante Band ist, vermeiden wir, uns gegenseitig über das nächste Stück zu informieren. Das hebt die Spannung. So entstehen teils aberwitzige Improvisationen, die Professor Eiermann, unser keyboarder, dann und wann mit Zitaten aus der Welt der Klassik und des Schlagers spickt.

Eineinhalb Stunden kamen so zusammen, die ich mit meinem Yamaha Pocketrak CX, das kaum größer als eine Zigarettenschachtel ist, aufnahm. Diese Aufnahmen habe ich jetzt ein wenig bearbeitet und auf zwei CDs gebrannt. Das ist die erste Dokumentation dieser Band. Zwar gibt es Studioaufnahmen, die aber hat nie jemand gehört, noch weiß jemand, wo sie sich befinden.

17:43

Auf vielfältigen Wunsch (Andre und Ana): Sunshine of your love, mit einem Edvard Grieg Zitat bei 4:04.



 

Mi 8.08.12 14:47

Kaum ist die Gerste vom Halm, wird gepflügt, kaum ist der Pflug auf dem Acker, sind die Vögel da. Unüberschaubar die Anzahl der Dohlen, Krähen und Möwen, dazu zweiundzwanzig Störche und ein Fischreiher.

Da Landleben ist schön, liebe Städter, ich würde nie mit euch tauschen. Ich würde das ja alles verpassen, ich kriegte gar nicht mit, wie der Sommer sich langsam wegschleicht und am Abend schon ein Herbstwind ums Eck weht, alles wäre nur Licht, Lärm und Gestank, hier aber riecht es.

15:15

Ain't so sunshine when she's gone in einer dubversion


18:37

übern fuß geht
ein leichtes wehen
übern kopf schlagen wellen
drinnen sind räte ratlos
haben sich gereckt
gestreckt und beschlossen
aber nicht einer geht furchtlos
nicht einer hat tassen im schrank

nicht einer hat soviel zu tun
wie ich täglich zu tun habe
mit diesen wundern von damals
und den wundern von jetzt
nicht einer kann raten

ach räte

hättet ihr doch nur einen hinweis
brächtet meine noch immer
schwelende trauer zur ruhe
gäbt mir ein rezept
das mich versöhnte
eine wie sie fehlt mir
eine wie sie


Do 9.08.12 10:15




Was für ein hässliches Bauwerk, dachten wir, als wir das Deutsche Weintor erreichten, man müsste nur die in den Arkadengängen angebrachten Weinfässer entfernen, durch Adler und germanische Recken ersetzen, schon wäre man da, wo man lieber nicht wäre. Wir wussten ja noch nicht, dass es tatsächlich aus jener Zeit stammt.

Links und rechts in den Arkaden sind Vinotheken und Andenkenläden, man hat einen prächtigen Blick auf das Rheintal und den Schwarzwald. Geht man hindurch, kommt man nach zwei Kilometern nach Frankreich, der ein oder andere wird sich erinnern, der Erzfeind.

Wir kamen von der anderen Seite, wir waren über Weinberge gewandert, keine große Sache, eher ein Spaziergang von etwas über einer Stunde, wir tranken eine Weinschorle, die in der Südpfalz sehr großzügig ausfällt: 05 Liter, davon 0,4 Liter Wein und der Rest Mineralwasser. An einem Tisch saß ein Mann meines Alters, ein Motorradfahrer in Kutte, und ich dachte, bei allem, was man seit einiger Zeit über Motorradfahrer in Kutten liest, ist es sicher nicht einfach, so herum zu fahren, ohne sich skeptische Blicke einzufangen. Der Mann trank Weinschorle. Die anderen Besucher waren überwiegend Pensionisten, die hin und her liefen, und offenbar, das stellten wir wenig später fest, auf eine gelbe, von einem als Lokomotive getarnten Trecker gezogenen Bimmelbahn warteten, die sie über schmale Landwirtschaftswege nach Wissembourg/Frankreich brachte, wo wir sie eine Stunde später wiedersahen.


Fr 10.08.12
10:24

Dass mich noch mal der Ehrgeiz anspringt, hätte ich nicht erwartet, aber letzte Woche dachte ich, wenn ich tausend Meter schwimmen kann, bekomme ich sicher auch zweitausend hin, denn nach tausend Metern fühlte ich mich gut. Gestern versuchte ich mich an eintausendfünfhundert. Ich schwamm ohne Gebiss, denn beim letzten Mal hatte ich beim Kraulen acht geben müssen, es nicht zu verlieren. Einziges handycap: die Zehen am linken Fuß neigen dazu, sich zu verkrampfen.

Schade ist, dass ich mich erst ins Auto setzen muss, um zum Freibad zu gelangen. Die Coburg hat eine wunderbare 50 Meter Bahn, das Wasser ist überall gleich tief, und die Ausdauerschwimmer halten es wie auf einem Rundkurs. Immer rechts bleiben, hin und wieder wird man von Kraulern überholt, im Prinzip aber läuft das sehr gesittet.

Im September findet ein Schwimm-Marathon im Hafen statt. Man kann sich für 1000, 2000 und 4000 Meter melden. Vielleicht melde ich mich für 2000. Allerdings könnte es sein, dass das Wasser im Hafen kühl ist, sodass ich einen Schwimmanzug benötigte, und den habe ich nicht. Aber ich habe mich ja auch noch nicht angemeldet.


Sa 11.08.12
9:47

Seit gestern abend ist meine Katze verschwunden und der gesamte Inhalt meiner Webseite hat sich über Nacht wie durch Geisterhand umformatiert. Das soll einer verstehen. Was die Katze anlangt, da könnte ein Kater im Spiel sein, wenngleich Mopsi so etwas in all den Jahren noch nie getan hat. Habe das Viertel abgesucht. Keine tote Katze, immerhin.

18:10

Die Katze ist noch nicht zurück. Aber ich höre, dass auch sterilisierte Katzen liebestoll werden. Die Zeit dafür wäre richtig. Jetzt werden Herbstkatzen gezeugt. Auf meinen Einwurf, das habe sie aber noch nie getan, sagte man mir, vielleicht war der Richtige nie dabei.

Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Also tröste ich mich. Denke, vielleicht war der Richtige unterwegs, und jetzt tobt sie mit ihm durch die Gärten. Schade wäre, wenn sie nicht zurück käme. Aber sie ist eines Tages ja auch einfach hier aufgetaucht. Katzen kann man nicht halten. Sollte sie also abtauchen, werde ich es akzeptieren müssen.

Das Font Problem meines Comupters habe ich gelöst.

Ich hatte mir vorletzte Woche Spotify auf den Rechner geladen, ein interessantes Programm, um neue Musik hören zu können. Ich hatte mir interessante CDs gehört, u. a. Regina Spektor, aber Spotify lud sich, wenn ich den Computer hochfuhr, eigenständig. Spotify initialisiert sich, las ich, während ich darauf wartete, mit dem Computer arbeiten zu können. Diese Warterei war mir zuviel. Also ging ich in die Systemsteuerung und entfernte die Spotify Software.

Direkt darunter fand ich einen Sprachtrainer Fonts, selten benutzt, von Ernst Klett. Was ist das denn? dachte ich. Hab ich nie auf den Rechner geladen, kenne ich nicht. Selten genutzt? Weg damit.

Das fiel mir vorhin ein, also habe die Systemwiederherstellung genutzt. Jetzt ist alles wie vorher, aber es steht eine neue Frage im Raum. Ich kann sie zwar beantworten, aber sie hinterlässt mich dennoch ratlos.

Bis heute hatte ich nämlich geglaubt, dass ein einmal gelöschtes Programm fort ist. Als ich das System wiederhergestellt hatte, war es aber wieder da. Die Sprachtrainer Fonts auch. Das kann also nur heißen, dass sie im Hintergrund weiter bestanden. Wie kann ich das beeinflussen? Ich will nicht, dass auf irgendeiner Partitionierung meiner Festplatte Programme liegen, die ich gelöscht hatte. Falls jemand die Lösung kennt (und ich wette, es gibt eine - ist Defragmentierung eine???) wäre ich dankbar für einen Tipp.

Ich mag immer noch nicht schreiben. Nur mit großer Mühe, fast Überwindung, führe ich dieses Tagebuch fort. Ich mache das schon so lange, denke ich, ich kann doch nicht einfach aufhören. Das würde mir doch fehlen, denke ich, aber es nervt.

Ich habe das gespürt, als ich in der Südpfalz war. Da war kein Computer. Da musste ich mich nicht äußern. Ich muss mich nicht äußern, denke ich seitdem jeden Tag und schwanke hin und her und zurück. Ich muss überhaupt nichts, denke ich, und dann fehlt es mir schon, weil ich daran denke, wie viele Texte in diesem Medium entstanden sind, Texte, die nur entstanden sind, weil es dieses Medium gibt, also muss ich mich ihm doch dankbar zeigen, denke ich, all die Texte, Gedichte, Geschichten, all diese Notate, die so viel von der Welt erzählen, die ich kenne, damit kann ich doch nicht einfach aufhören. Scheiße.

Ich höre auf.
Ich höre nicht auf. Auch in diesem, zugeben noch viel komplizierteren Fall als es die Abgründe meiner Festplatte je sein könnten, wäre ich für einen Tipp dankbar.

Irgendein freundliches, vor allem aber überzeugendes Wort. Das fehlt mir.
Ich höre vieles, aber nichts überzeugt mich. Im Augenblick kann ich mich nicht einmal selbst überzeugen. Das fiel mir früher nicht schwer.


So 12.08.12
17:07

Der Himmel war trotz des Stadtlichts klar. Ich konnte die Milchstraße sehen und natürlich den großen Wagen, mehr kenne ich nicht von den Sternen, aber ich wusste, dass die Perseiden unterwegs waren. Ich erinnerte mich, dass ich mit Chris einmal nachts unterwegs war, um sie zu sehen, dass wir uns die Hälse verrenkten, aber den erwarteten Meteoritenschwarm hatten wir nicht gesehen.

Also verrenkte ich mir wieder den Hals, während die Angler am See, die schon am Morgen vor ihren olivgrünen Zelten saßen, noch immer beieinander hockten. Drei Männer wie Statuen, Marathonangler, ihre Angeln am Ufer in Gestellen befestigt, die Schwimmer illuminiert. Wahrscheinlich sitzen sie auch heute noch dort und trinken Bier. Ich weiß nicht, was sie mit den Fischen machen oder ob sie überhaupt je welche angeln, denn im Aasee herrscht Badeverbot, der See ist wegen der durch die Aa einfließenden Pestizide eher eine Kloake. Kaum hatte ich den Wald hinterm Zoo passiert, schaute ich den Himmel und radelte rechts in die Rabatten. Wenn ich zum Himmel schaue, verliere ich leicht das Gleichgewicht und die Orientierung. Ich rappelte mich auf. Einen oder zwei Kilometer weiter landete ich links im Feldrain, aber die Perseiden sichtete ich nicht.


Di 14.08.12
13:15

Als ich Kind war, wohnten die Mühseligen und Beladenen um die Ecke. Wenn wir sie auf der Straße trafen, hänselten wir sie. Mongos wurden mit Steinen beworfen, bis sie vor Wut rot anliefen und uns hinterher rannten, Wasserköpfen gaben wir Namen geben, Spastiker hielten wir für Wesen von anderen Sternen, und die Männer ohne Arme und Beine galten uns als bestaunenswerte Opfer einer Zeit, von der niemand erzählen konnte und wollte, einer Zeit, die, das ahnten wir, schrecklich genug gewesen sein musste, dass man Arme und Beine verlieren konnte.

Dann starben diese Männer, und die Behinderten verschwanden in Heimen. Wir sagten Beklopptenheime. Wir sagten auch Anstalt und tauschten hinter vorgehaltener Hand Informationen aus. Wie es dort aussähe, erzählten wir uns, dass es dort welche gäbe, die an Betten festgebunden seien. Welche, die Tag und Nacht schrieen, und dann fuhren wir los, näherten uns dem Beklopptenheim, das Annaheim hieß, waren aufgeregt, weil wir hofften, Schreie zu hören oder vielleicht sogar den ein oder anderen Idioten zu Gesicht zu bekommen.

Idioten waren Wesen, von denen wir nichts wussten. Idioten waren welche, die man in der Zeit, als die Männer ihre Gliedmaßen verloren, weggeschafft hatte. Vom Hörensagen wusste ich, dass man das nicht für verkehrt hielt. Wozu wären die denn gut, hieß es. Die kosteten nur, die könnten nichts, überhaupt, das wäre kein Leben wert. Das war das Klima meiner frühen Jugend.

Ich sang im Schulchor, und einmal, um die Weihnachtszeit, traten wir im Annaheim auf. Das war ein Spaß. Wir standen da, als Engel oder Boten aus dem Morgenland verkleidet, sangen die einschlägigen Lieder und schauten uns die Idioten im Publikum an. Fragende, sabbernde Münder, Augen, deren Blicke uns nichts sagten, ängstigten oder zum Lachen reizten, die ohne Kontrolle zuckenden Gliedmaßen, die aus dem Rahmen fallenden Mienen, das Lachen, ja, das erstaunte mich vor allem anderen, diese Idioten freuten sich offenbar, wahrscheinlich hielten sie uns für zur Erde gekommene Engel und tatsächliche Boten, Verkünder von Nachrichten, deren Inhalt sie, glaubte ich, sowieso nicht verstanden.

Jetzt leben die, von denen die Rede ist, schräg gegenüber. Man nennt das nicht mehr Anstalt, Mongos sagt keiner mehr, und ich weiß, was sich hinter verrenkten Gliedmaßen und schüttelnden Köpfen verbirgt. Ich treffe und grüße sie und sie grüßen mich, ich spreche mit ihnen, so weit das möglich ist, spreche mit dem immer laut diskutierenden Paar, das morgens zum Bus geht. Er gebeugt, verbraucht, mit düsterem Blick und Kette rauchend, sie immer ein paar Schritt hinter ihm, klein, dick, humpelnd, ich grüße den kleinen dicken jungen Mann, der eine hohe Stimme hat, dem es Freude macht, mich immer wieder zu fragen, wie es mir geht, der mir einen schönen Tag wünscht, und von dem ich mutmaße, dass er außer diesem kindlichen Gemüt homosexuell ist und versuche mir vorzustellen, wie das denn nun wieder gehen soll, ob es denn nicht schon gemein genug ist vom Schicksal, einen in so eine mir nicht vorstellbare Existenz zu entlassen.

Die junge Frau, ein Mongo, oder, wie man heute sagt, die junge Frau mit Downsyndrom, treffe ich meist im Supermarkt, wo sie Chips, Schokoriegel und Wendy-Magazine kauft, aufs Laufband legt und mit kindlich hoher, vor Freude manchmal überschlagener Stimme mit der Kassiererin redet.

Und dann spreche ich noch mit dem großen, etwa Vierzigjährigen, der mir, als ich ihn einmal fragte, was er denn eigentlich habe, antwortete, das wisse er auch nicht, er nehme Tabletten. Seinen Namen sowie die Namen der andere kenne ich nicht. Von ihm ist zu sagen, dass er vielleicht an einer Form der Logorrhoe leidet. Wir stehen oft beieinander und er erzählt, wann er zu Bett müsse, wo er jetzt hinfahre, solche Dinge erzählt er, oft schwer verständlich, weil er Endsilben verschluckt und sich manchmal wie durch ein Echo überwältig wiederholt. Wenn ich dann weiter gehe, hört er nicht auf zu reden. Er redet noch, wenn ich schon zwanzig Meter fort bin, und er beginnt zu reden, sobald ich auf dem Rückweg um die Ecke komme. Er schreit mir über die Straße etwas zu und wird nicht böse, wenn ich mich nicht auf ihn einlasse.

Mir gefällt, dass diese Leute meine Nachbarn sind.


Mi 15.08.12
12:05

Das Einsteigen ist nicht unkompliziert. Am Besten, man lässt es sich zeigen. Das rechte Bein gestreckt voraus in den schmalen, tief nach vorn reichenden Raum, an dessen Ende eng nebeneinander Gas, Bremse und Kupplungspedal sind. Reinfallen, das linke Bein nachziehen und die Tür schließen. Eine klapprige Tür. Man sitzt tief. Man schaut auf Mahagonni oder Walnuss, auf das hölzerne Lenkrad, auf die kleinen Armaturen. Die Kippschalter an der Lenksäule wirken zerbrechlich. Dies ist kein Auto, sagt F., du musst es dir als einen Achzylinder mit Notsitzen vorstellen. Aha. Kann man sich anschnallen? Ja, sagt F., aber es ist besser, das nicht zu tun, dann fliegt man raus.

Ich starte die Maschine. Die Kupplung kommt auf den Punkt, sagt F. Ich nicke, lege den ersten Gang ein und lasse die Kupplung kommen. Das Auto macht einen Satz, bockt, ich kupple aus und vorsichtig wieder ein, gebe Gas und die acht Zylinder schießen mit mir davon. Die Lenkung geht leichter, als ich erwartet hatte, wenngleich ich jede Bodenunebenheit spüre. Ich bin im dritten Gang. Ringsum pfeift der Wind und alles rappelt. Die minimale Windschutzscheibe hat drei kaum messerlange Wischblätter. Ich mag mir nicht vorstellen, was bei Regen noch zu sehen wäre. Gar nichts, denke ich. Ich bin jetzt im vierten Gang, ich fahre etwa einhundert, mehr traue ich mir nicht zu.

Vorm Studio steigt F. aus. Jetzt habe ich das Auto für mich allein. Ich hatte überlegt, ob ich damit ans Meer fahren sollte, in Style, hatte ich gedacht, aber ich lasse das besser. Ich besitze ja nicht einmal einen Lederkoffer, um ihn auf die Heckklappe zu schnallen, denn es gibt keinen Kofferraum.

Ich fahre über Landwirtschaftswege, ich beschleunige, weil da so ein mächtiges Gebrüll entsteht und es mich in die Sitze presst, aber ich fahre nie schneller als achtzig. Auf der Hauptstraße werden es hundertzwanzig. Der Tacho reicht bis 260.



Fr 17.08.12 12:08

wenn das schweigen schleicht
hebt das arme tier den kopf
cocktails werden nicht gereicht
alles hängt am tropf

eine frau, ein mann
treibt die welle fort
wind und ozean
ohne festen ort.

nirgendwo verstecke
ratlos steht der traum
und in einer ecke
glaube ich es kaum.


Sa 18.08.12


Wann mein Gedichtband erscheint, ist noch nicht fixiert, aber es gibt einen Vertrag. Pacta sunt servanda, pflegte ein polternder, machtgeiler Bayer zu sagen, pacta sunt servanda. Ich könnte mich freuen, aber ich bin kein begabter Freuer, ich erschrecke, wenn man mich zu sehr liebt, ich mag nicht, wenn man es mir leicht macht, ich muss Widerstand spüren, dann laufe ich warm. Wer von mir etwas erwartet, erwartet zuviel, wer mich sein lässt, bekommt alles. Also hebe ich still mein Glas auf die in Berlin auf ihre Veröffentlichung wartenden Gedichte. Ein Solitär, dieser Herr M., einer, der ein schönes Leben hat, ein Leben voller Erinnerungen und Wärme, sollen Türen aufgehen und zufallen, er fürchtet sich nicht, denn er ist ein Glückskind.

16:59




hatten wir ein wort zu viel,
oder keins zur hand,
hatten wir ein fernes ziel,
oder blieben wir an land?

machten wir es uns bequem,
waren wir zu schnell,
konnten wir das dunkel sehn,
oder war's zu hell?

gaben wir, was uns gehört,
teilten wir das bett,
hatten wir nicht zugehört,
oder waren wir zu nett?

sprechen wir noch bände,
oder lallen schon,
waschen unsere hände,
sind uns selbst ein hohn?



So 19.08.12 16:31

der welt wirkt wunder
wasser bleibt ein anderes geschlecht
ich liege flach wie ein flunder
bei 40 gerade recht


Mo 20.08.12 15:05

Anfang letzter Woche, unsere Katze war seit Freitag auf und davon, hatten wir Plakate geklebt. Keine Elogen, einfach: Vermisst, Foto, Eigenschaften: freundlich, auffallend großes Gesäuge, Belohnung: Telefonnummer. Mein Sohn fuhr herum und hängte sie an strategisch wichtigen Orten auf: Supermärkte, Bushaltestellen.

Letzten Freitag schellte das Telefon. Ein Herr von einem Sportgerätehersteller, der unter anderem Fußballtore produziert, die weltweit erfolgreich sind, knapp einen Kilometer von unserer Wohnung entfernt. Man habe da seit ein paar Tagen eine schwarzweiße Katze, sie wohne im Lager, man füttere sie, ob das nicht unsere sein könne.

Ich fuhr los, ging mit dem Herrn aufs Lager, rief sie, hörte ein Maunzen und wusste sofort, dass das nicht unsere Katze sein konnte. Und dann kam sie, ein junges Ding, im Frühjahr geboren, eine hübsche, schwarzweiße wie unsere, die mir sofort um die Beine strich. Schade, dachte ich, aber eine junge Katze würde ich nicht mehr haben wollen.

Heute früh blinkte mein Anrufbeantwortet. Man habe eine schwarzweiße Katze an der Marienschule gesehen. Ich eilte. Ich lief durchs Viertel. Ich rief sie. Ich sprach mit Nachbarn und hinterließ meine Karte, falls sie wieder auftauchen sollte.

Zwei Stunden später rief mich jemand vom örtlichen Lotto- und Tabakgeschäft an. Da säßen drei Kinder im Schatten der Kirche, die auf eine schwarzweiße Katze aufmerksam geworden seien, jetzt passten sie auf, dass sie nicht wieder wegliefe. Ich komme, sagte ich.

Katzen sind unabhängig, ich weiß das, deshalb mag ich sie ja, aber ich hätte mich schon über ein wenig mehr Entgegenkommen ihrerseits gefreut. Sie schaute nur müde zu mir auf, maunzte einmal und legte sich wieder hin. Ich verabredete mit den Kindern eine Belohnung, nahm unsere Katze auf den Arm und fuhr mit ihr heim. Sie tat so, als wäre sie nie fort gewesen. Sie sieht auch nicht mitgenommen aus. Nur müde scheint sie zu sein, sehr müde.

Wo sie sich rumgetrieben hat in den letzten zehn Tagen, wird ein Rätsel bleiben.
Schade, dass sie keine Webcam dabei hatte.


Di 21.08.12
12:33

Die größte Hitze scheint vorbei. Vorgestern wusste ich mir zur Nacht nicht anders zu helfen, als zwei Handtücher auf die Matratze zu legen, eines als Unterlage, das andere darauf, unter fließendem Wasser gefeuchtet und ausgewrungen. Das fühlte sich himmlisch kühl an, hielt aber nicht lange vor.

Damals in Varanasi, als die knappen 40 Grad, die wir am Sonntag hatten, eher ein Witz waren, holte ich mir einen mit Wasser gefüllten Eimer ans Bett und feuchtete mein Betttuch, aber auch das hielt nie lange vor, keine dreiviertel Stunde, und es war wieder trocken. Ich schlief schlecht, verdammt, und ich habe auch in der letzten Nacht nicht besonders geschlafen, ich habe nichts gegen Sommer, aber als Westfale sind mir etwas kühlere Tage und vor allem Nächte lieber.

Übermorgen enden die Hundstage, die allerdings nichts mit schwitzenden Hunden zu tun haben, sondern mit dem Sternbild Der große Hund, das Jahr für Jahr vom 23. Juli bis zum 23. August am Himmel zu sehen ist. Ich habe es noch nie gesehen, ich kenne mich am Himmel nicht aus. Von der Erde weiß ich das ein oder andere, aber was ich weiß, weiß ich aus Erfahrung. Erfahrung ist etwas, was ich jedem ans Herz legen möchte.

Heute früh, noch im Halbschlaf, dachte ich, dass es lohnenswert wäre, etwas über Nachhausewege zu schreiben. Heimwege, die immer etwas abschließen. Man war irgendwo, meist bei einer Arbeit, manchmal auch bei Freunden, oder wie ich gestern abend, beim Salsa Tanzen am Coconut Beach, dann fährt oder geht man heim. Man lässt einen Ort hinter sich, hat vielleicht noch Auf Wiedersehen gesagt oder sich davon geschlichen, man geht zu einem Parkplatz, einer Bushaltestelle, einem Bahnhof, man besteigt das Transportmittel seiner Wahl, der Tag rundet sich und man freut sich.

Freut sich, dass man etwas überstanden hat, das aufregend oder langweilig war, das bald aufhören kann oder noch dreißig Jahre so weiter geht, man weiß das nicht, man ist aber auf jeden Fall froh, vielleicht wird man erwartet.

Nur keine Störung jetzt, man will mit niemandem sprechen, und wenn sich jemand neben einen setzt, senkt man den Blick. Aber der Nebenmann oder die Nebenfrau will sprechen. Sie oder er sitzt schon seit Ewigkeiten im Transportmittel neben einem, jetzt soll es sein.

In solchen Fällen (und eigentlich auch in allen anderen) ist das Fahrrad vorzuziehen. Ein Auto ist auch nicht schlecht, aber natürlich nicht so gesund, weder für einen selbst, noch für die anderen.

Der oder die neben einem palavert los, so wie gestern am Beach ein Trupp junger Männer unter Einfluss von viel Bier nicht umhin konnte, mir Sätze um die Ohren flattern zu lassen, die, jetzt weiß ich sie schon nicht mehr wörtlich, darauf hinausliefen, dass jeder, der sich heute abend nicht betrinken wolle, ein Idiot sein müsse.

An die Möglichkeit, dass sie die Idioten sein könnten, dachten sie nicht. Als sie später mit Bierflaschen auf der Tanzfläche standen und glaubten, sie könnten mit ihrem Gezappel bei den an komplizierte Choreographien gewöhnten Salseros Eindruck machten, erledigten sie sich quasi eigenhändig, zogen sich schnell zurück und verschwanden vollends.

I dance a bit while I commit my social suicide, nannte das Herr Zappa, der Jüngeren unter Ihnen vielleicht schon kein Begriff mehr sein wird, mir aber als einem dem Rentenalter zustrebenden Herrn als einer der Größten gilt.

Aber ich schweife ab, die einzige Kunst, die ich ernst nehme, seit ich Tristram Shandy gelesen habe, Laurence Stern, auch daran erinnern sich nur noch Ältere und Tote, denn die Gegenwart, dieses unerbittliche Zusammentreffen von Vergangenheit und Zukunft an einem Ort, dieser bittere, flüchtige, philosophisch kaum haltbare Ort, wird ja von Bildern geprägt, die irgendwo und nie ohne Absicht zusammengefügt, mit Text und Ton unterlegt, jederzeit und überall abrufbar sind, und wer nur lang genug unter der Diktatur dieser Bilder leidet, dem steigt bald kein eigenes Bild mehr auf, weil alle Bilder längst belegt und mit Copyright versehen sind.

Heimweg. Später mehr. Jetzt heißt es Bügeln.


Mi 22.08.12 10:30


Mein längster Heimweg hat ein Jahr gedauert. Er begann in Gronau, führte über Frankfurt nach New York, von dort quer durch die USA nach San Diego, L.A., San Francisco, weiter nach Tokio, einmal rund über die Südinseln des Landes, zurück über Hawai nach Frisco, von dort über Mexico City durch Central und Südamerika, bis ich in Rio anlangte und begriff, dass das Jahr, das hinter mir lag, nichts weiter als ein Heimweg war.

Aber mit den Heimwegen ist es so eine Sache. Überall hinterlässt man Spuren, überall gibt es Sensationen, die sich im Hirn einlagern und dort marodieren und irgendwann will man wieder los.

Mein zweitlängster Heimweg führte mich quer durch Asien.
Wenn Sie mehr wissen wollen, klicken Sie hier.


11:22

Ein anderer Heimweg




hock auf der gazelle
roll still über land
hinter auto-selle
leuchtet's rot verdammt

ach frau ampel, gute weise
bitte, dass ihr rot verschwände
bin in eile, denn ich reise
jetzt zum lebensende

gerne,
sagt frau ampel: grün
weiterziehn

danach doch zu faul zu fahr'n
statt ins tal und wieder rauf
mühsam über autobahn
stallgeruch kommt auf

da ist meine straße
30 jahre wohn ich dort
bin seit juni über alle maße
traurig, sehr, in einem fort

rad in'n hof
ums eck zur tür
und jetzt hier.


Do 23.08.12 8:56

Wo ich hinschaue, Notizen. Wo ich hinschaue, schreit es, anfangen, aber ich fange nicht an. Ich fange nicht eher an, bis ich irgendetwas fühle. Ganz egal, was, irgendein Gefühl für irgendeine Sache sollte spürbar sein, sonst kann ich es genauso gut den anderen überlassen, die ständig irgendetwas anfangen, den cleveren Schreibern, die alle Jahre einen Roman raushauen, den cleveren Autoren, die Pläne haben auf Jahre und Agenten und Verträge, die sollen das machen, die sollen ihre Rechner vollschreiben, ich nicht.

Als der Extremsportler Messner ohne Sauerstoffmaske den Mount Everest erklommen hatte, fühlte er nichts. Er stand da und fühlte nichts. Seltsam, oder?

Große Freude, großen Schmerz, großes Irgendetwas, fühlt man immer nur einmal. Alle Wiederholungen werden in Erinnerung an dieses erste Mal mehr oder weniger gut gespielt. Ich bin ein Lügner. Ich lüge von früh bis spät, um mir nicht eingestehen zu müssen, dass ich es so nicht wollte. Ich wollte doch fühlen, spüren, schmecken, mein gesamtes System ist darauf angelegt, durch Sensationen wach und bei Laune gehalten zu werden.

M
ein Alltag zeichnet sich dadurch aus, dass ich jeden Tag selbst herausfinden muss, was ich will und nicht will, was aber nicht heißt, dass ich nicht fremdbestimmt wäre, im Gegenteil, ich bin ein Hanswurst wie alle anderen, mit dem Unterschied, dass alle anderen Hanswürste tariflichen Urlaub und ein regelmäßiges Einkommen haben. Bei mir ist alles offen, seit ich denken kann ist alles offen, und ich lebe weit unter der Armutsgrenze, nur, dass ich es nicht so empfinde. Ich fühle mich gut. Ich langweile mich oft. Woody Allen sagt, der einzige Grund, weshalb er Filme macht, ist, um die Langeweile ertragen zu können.

Und? Bringt mich das weiter?

Ja. Es macht klar, dass ich großes Glück hatte bisher, dass ich Privilegien genieße, von denen andere nur träumen können, dass ich Gefahren ausgesetzt bin, die andere nicht einmal vierzehn Tage im Urlaub aushalten, dass ich, um es auf den Punkt zu bringen, ein erfolgreicher Dichter bin, den kaum jemand kennt, einer, der sich bis an die Grenze zur Selbstentblößung einen Dreck schert um das Gewese Literatur, um den Betrieb, weil er selbst viel zu eitel ist, um sich mit anderen Eitlen zusammenzutun, so einer bin ich, einer, der kein Rezept hat, der jede Suppe von Grund auf und ohne Kenntnis von ihrer Zusammensetzung neu ansetzt, der scheitert und scheitert und wieder scheitert, immer in der Hoffnung, etwas zu fühlen.

Gestern abend etwa, beim Tanzen: Freude.
Große Freude über gemeinsames Schwingen auf dem Beat, die gemeinsame Eins.
Vorgestern: das Schwimmen im Kanal und die plötzliche Feststellung, dass der Kanal strömt, das hatte er vorher nie getan.

Und jetzt: Notizen raus, arbeiten.


Fr 24.08.12 11:58



ja es tropft und schweiß fließt,
wenn es heiß wird im karton,
wer den fluss ins meer gießt,
hat auch was davon.

pflanzt er die standarte,
flattert sie im wind,
komm, steig ein, ich warte,
bis wir angekommen sind.

gerade war noch unheil,
jetzt ist gute sicht,
gestern drohte fallbeil,
heut ist weißes licht.

gottogott, wie turbulent
himmel, diese macht
wer das dunkel nicht kennt,
wird am tag verlacht.

ende, aus, auf reset,
schau, er fährt sich hoch,
komm, ganz schnell ins deckbett,
denn wir leben noch.


So 26.08.12 18:12



ich kann heut alles, jederzeit,
und bin im falle eines falles gern bereit,
ich weiß nicht, wie es kommt, dass es so ist,
ich weiß nur, dass es prima ist,
ich weiß, dass es mit einem fingerschnipp vorbei sein kann,
und ahne, dass ich dann von vorn anfang,
ich habe keinerlei gewissheit,
preise stattdessen einen honigblonden schatz,
ertrag des lebens stoische gemeinheit,
und räume meiner trauer einen platz,
ich warte auf erlösung und im traum hab ich es oft ersehnt,
sowas passiert, wenn man sich aus dem fenster lehnt.


Mo 27.08.12
11:56

Ich lebe seit über dreißig Jahren in dieser Gegend, aber erst in diesem Sommer habe ich das Kanalschwimmen für mich entdeckt und bin schon fast süchtig. Ich liebe die weite Sicht auf die schnurgerade Strecke, die ich schwimmen werde, vom Einstieg beim Bennohaus bis zur Schillerbrücke, zurück bis zur Brücke an der Wollbecker Straße und wieder zum Bennohaus.

Alles, was mich früher in unbekannten Gewässern schreckte, diese schwer zu beschreibende Furcht, ist auf wunderbare Art verschwunden, ich fühle mich sicher. Ich war immer ein guter Schwimmer, aber eben ein furchtsamer. Es wäre mir nie eingefallen, im Kanal Strecke zu schwimmen. In den letzten drei Wochen habe ich das zwar nicht täglich, aber fast täglich getan, nicht einmal vorbeifahrende Schiffe schrecken mich noch, und am kommenden Sonntag werde ich am Marathonschwimmen im Hafen teilnehmen. Eine kleine Strecke nur, nicht gepaart mit Ehrgeiz, sondern ein Sonntagsvergnügen, Teilnahme an etwas, das man heute Event nennt, ein Spaß für mich, einmal eine große Runde durch das Hafenbecken zu drehen. Anschließend, denke ich, Kaffee und Kuchen im Hot Jazz. Mal sehn, wie sich das Wetter entwickelt.


Di 28.08.12
10:25

Werte, darum ging es gestern in einer Debatte und heute geht es schon wieder darum. Selbstredend um unsere. Um die westlichen Werte, von denen offenbar alle annehmen, sie seien die verbindlichen Werte, denen sich der Rest der Welt unterwerfen, zumindest anpassen sollte.

Alles wird bunt durcheinander gewürfelt. Die Beschneidung von Juden und Muslimen taucht gleich neben der Behandlung von Journalisten in China auf und wechselt zum Umgang arabischer Staaten mit politisch Andersgesinnten.

Am ergiebigsten scheint im Augenblick die Debatte um den Islam und das Christentum, um das Morgen- und Abendland. Dabei erscheint der Muslim gern als gewaltbereiter Gihadist, der Christ aber als frommes Lamm. Dabei wird gern vergessen, dass die Werte, derer wir uns rühmen, so alt gar nicht sind, und dass zu Zeiten, als das Christentum gewalttägig gegen alle vorging, die keine Christen waren, die muslimische Welt eher für Kultur und humanistische Ideale stand.

Die Werte, denen ich mich verpflichtet fühle, sind der Respekt voreinander, die Toleranz, die Liebe, eigentlich basiert das auf den zehn Geboten, die, wie Sie wissen, auch nicht aus unserem Kulturkreis stammen, sondern auf dem Berg Sinai von Gott Mose direkt auf Tontafeln diktiert wurden. Oder hatte Gott sie ihm nur durchgereicht, ich bin mir da nicht mehr ganz sicher? Diktiert eher, glaube ich.

Jedenfalls ist das mit Gott und den Werten höchst komplex. Die Philosophen werden Ihnen schnell erklären können, dass Gott natürlich nur eine Erfindung des archaischen Menschen ist, der in einer ihm völlig unerklärbaren Welt nicht mehr ein noch aus wusste, und da war Gott ein probates Hilfsangebot. Es gab und gibt ihn in allen denkbaren Formen, er ist sozusagen ein multipler Gott, und immer fordert er Unterwerfung.

Was mich angeht, soll jeder nach seiner Fasson selig werden.

Wenn aber ein Muslim glaubt, ich sei ein Ungläubiger, dann soll er sich dahin begeben, wo keine Ungläubigen leben. Wenn ein Jude meint, er müsse kleinen Jungen die Vorhaut abschneiden, bitte, es ist nicht meine Vorhaut und meinen Söhne wird niemand die Vorhaut abschneiden. Und wenn wir glauben, wir hätten das Recht und die Pflicht, irgendwo zu intervenieren, ist das nicht mein Recht und nicht meine Pflicht.

Um die ganze Sache abzuschließen, könnte ich im FB Jargon den Beziehungsstatus so definieren: es ist kompliziert. Es war kompliziert. Und es wird kompliziert bleiben. Und die Aussichten, dass wir uns eines Tages selbst erledigen, sind realistisch.

Bei solchen Aussichten springen übrigens gern jene in die Bresche, die entweder die Wiederkehr des Messias propagieren oder jene, die glauben, dass Außerirdische es schon richten werden. Ich kenne Menschen, die fest davon überzeugt sind, dass diese Außerirdischen längst unter uns weilen.

In diesem Sinne: es ist zum Heulen.

12:50

Dass beim Bügeln Freude aufkommt, hört man selten. Ich bügelte heute, und tatsächlich kam Freude auf. Allerdings erst zum Schluss. Ich hatte die gebügelte und gefaltete Wäsche in zwei kleinen Haufen auf dem Tisch liegen, und wollte noch schnell den Plastikbecher, mit dem ich Wasser ins Bügeleisen fülle, ausgießen. Ich mache das immer auf dem Balkon. Diesmal aber, vielleicht, weil ich zur gleichen Zeit telefonierte, schüttete ich den Becher nicht aus, sondern warf ihn vom Balkon. Kleines Versehen. Wutsch, weg war. Ich dachte, ich könnte gleich in die Büsche kriechen, um ihn wiederzuholen, aber die Büsche dort stehen dicht und haben sehr spitze Dornen, so dass er ab heute nicht mehr zur Verfügung steht. Schwund ist immer, sagt man in solchen Fällen.


Mi 29.08.12
9:33

Noch immer wehre ich mich mit Händen und Füßen gegen das Neue, weil ich das Alte verloren habe. Ich finde das Neue empörend. Wie kann so etwas sein, wo ich mich doch auf das Alte eingerichtet hatte und davon ausging, es bis ans Ende zu leben, bis ans Ende meiner Tage. Alles war abgesprochen. Nun ist das Neue da, schon seit einem halben Jahr ist es da, und es beginnt sich in mir auszubreiten. Ich mag das Neue. Es ist nicht so, dass es mich schreckt. Es ist nur so, dass ich dem Neuen manchmal gram bin, weil es das Alte relativiert.


Do 30.08.12 9:26

Wenn die Frachtschiffe kommen, die das mattgrüne Wasser des Kanals wegschieben mit ihren dicken Leibern, entsteht eine Strömung, gegen die man nicht anschwimmen kann. Sie treibt einen, aber kaum ist das Schiff vorüber, geht es weiter voran.

Gestern hing der fast volle Mond zwischen lichtgrauen Wolken hinterm Fernsehturm, Ruderer waren unterwegs, Vierer mit und ohne Steuermann, Zweier, Anfänger und Fortgeschrittene. Dann und wann fällt einer ins Wasser. Vor allem fallen sie aus dem Einer, der kaum breiter als eine Zigarrenkiste ist. Am Ufer Flaneure, Jogger, Radfahrer, Punks, die ihren Hunden Stöcke ins Wasser werfen, Enten.

Seit meiner Jugend war ich nicht mehr so häufig Schwimmen wie in diesen letzten Wochen. Einmal von Brücke zu Brücke, ruhig, ohne Hast, das ist wundervoll. Vor ein paar Tagen, wir hatten die Brücke an der Wolbecker Straße gerade erreicht, kam ein mit Yamaha Außerbordmotor hochgerüstetes Schlauchboot der Wasserschutzpolizei auf uns zu, darauf drei Beamte in Dunkelblau, Pistolen am Halfter. Sie fragten, ob alles in Ordnung sei, wir bejahten. Sie gaben uns den Rat, möglichst am Rand zu schwimmen, denn Schwimmer seien von Schiffen nur schwer zu erkennen.

Sonntag startet der Hafenmarathon. Ich wäre gern mit einer Haifischflosse gestartet, ich kenne Requisiteure, aber so eine Flosse war nicht aufzutreiben. Ein bisschen schade, denn ich schwimme den Kilometer ja nicht, um einen Rekord aufzustellen, ich schwimme ihn, weil ich die Furcht vor fremdem Wasser verloren habe und weil ich den Hafen einmal durchkreuzen möchte.

Ich erzählte meinem Sohn davon, der meinte nur abschätzig, ich solle mich doch als Clown verkleiden. Söhne sind manchmal dümmer als die Polizei erlaubt. Falls sie keinen Einwand finden, erfinden sie einen, um sagen zu können, sie hätten sich mal wieder behauptet. Ich war genauso, ich erinnere mich gut, deshalb lächle ich und sage nichts.


Fr 31.08.12
15:37

Rätsel sind dazu da, sie zu lösen. Das Rätsel um unsere Katze ist unlösbar. Nicht nur, dass wir von ihrem Vorleben nichts wussten, als sie damals auftauchte und bis heute nichts wissen, nein, sie hat diesem Rätsel noch eines hinzugefügt, als sie vor drei Wochen an einem Freitagabend verschwand und wir erst zehn Tage später Hinweise erhielten, wo sie sei. Ich holte sie ab, ein wenig beleidigt, denn eigentlich hätte ich erwartet, dass sie zu uns zurückkehrt.

Seit sie zurück ist, haben wir gravierende Veränderungen an ihr festgestellt. Die erste ist, dass sie uns nicht mehr ihr Hinterteil entgegenreckt, wenn wir sie an der Hüfte kraulen, dabei war das ein Spiel, das sie gern gespielt hat, vielleicht in der vagen Hoffnung, wir wären Kater. Freunde äußerten die Vermutung, möglicherweise sei sie jetzt in den Wechseljahren.

Als ich vor drei Wochen mit M. über ihr Verschwinden sprach und bemerkte, sie habe sich aber nie mit Katern herumgetrieben, warf M. ein, vielleicht sei in all den Jahren der Richtige nie dabei gewesen. Das, fand ich, war ein Argument. Aber natürlich wissen wir auch das nicht.

Die zweite Veränderung in führt zurück zu dem, was uns immer verwunderte. Sie hatte nie Mäuse gefangen und uns als Geschenk zu Füßen gelegt. Gestern nun, pünktlich zu Max Geburtstag, brachte sie eine prächtige Spitzmaus ins Haus. Korrekt getötet. Heute früh fand ich eine weitere auf unserem Balkon, und vor zehn Minuten eine im Rinnstein vorm Haus. Dass eine Katze einem solche Rätsel aufgibt. Was ist bloß mit ihr los?

Now to something completely different.

Ein Foto von Max Geburtstag, auf dem die wichtigste Person fehlt. Chris, wir lieben dich.





























































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