August 2015                        www.hermann-mensing.de      

    

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Sa 1.08.2015 14:24

Für mich, Mitte des letzten Jahrhunderts im letzten Jahrtausend geboren, sind Computer und Smart Phones Science Fiction, Navigationssysteme, Scanner an Supermarktkassen und emanzipierte Frauen sind mir ein Buch mit sieben Siegeln, nur die elektrische Gitarre habe ich von Beginn an geliebt und (fast) verstanden.

Sie können sich vielleicht vorstellen, wie erschrocken ich war, als ich gestern früh zum ersten Mal mit einem Tempomat auf die Reise ging und kurzzeitig das Gefühl in mir aufstieg, das Auto fahre mit mir davon, ohne dass ich die Gelegenheit bekäme, einzugreifen. Aber dann hatte ich mich gewöhnt und stellte fest, dass manche Dinge der Gegenwart einfach wunderbar entspannend sein können. Das hatte ich nicht erwartet, wenngleich die Einschränkung gilt, dass der rechte Fuß, durch die Evolution seit Menschengedenken darauf vorbereitet, vom Gaspedal in Windeseile auf die Bremse zu wechseln, beim Fahren mit dem Tempomat mehr oder minder unnütz herumsteht, aber wie gesagt, ich bin alt, mein Ablaufdatum steht bevor, ich habe hier eigentlich nichts mehr zu suchen, sieht man einmal davon auf, dass ich mir noch immer vergeblich Mühe gebe, die Frauen zu verstehen.

23:27

Leider wuchsen rund um den Baum, den ich schon seit Wochen als Ort für ein Picknick mit den Enkeln im Auge gehabt hatte, hohe Brennesseln. Ein wenig flussab, wo die Aa renaturiert und kaum zwei Hände tief ist, war es zwar wunderbar zum Plantschen und Herumtapsen, der Boden aber war aus glitschigem Lehm und nirgendwo fand sich Schatten. Die Jungs fanden's gut, aber nach ner Weile sind wir weiter zum Spielplatz am Aasee.


So 2.08.15 10:14

Ring um den Supermarkt ist ein Marktplatz, ein realer, dennoch virtueller Ort, denn hier promeniert nur, wer Ferien hat und auch das nur bei gutem Wetter. Es gibt ein Restaurant, einen Ijspalais, eine Frittenbude und einen Fischimbiss, es gibt einen Grillplatz und wer weiß, was es sonst alles noch gibt, ich war ja nur vorübergehend dort, ich hatte mich nach zweieinhalbstündiger Reise von Münster hierher erst einmal dorthin gesetzt, um auszuspannen und Cappuccino zu trinken, und nun saß ich dort und ringsum spielten alle Ferien. Sie hatten eine harte Woche hinter sich, sie hatten den Sturm überstanden, den Regen und die kühle Witterung, heute aber schien die Sonne, wenngleich man spüren konnte, dass schon ein Fitzelchen Herbst in der Luft lag und stach.

Aber so etwas beeindruckt den Camper nicht. Er feiert den Tag. Die Männer feiern ihn in kurzen Hosen und Flipflops, die Frauen feiern ihn ein wenig differenzierter, sie haben natürlich Kleider mitgebracht, Sommerkleider von zu Hause, vielleicht sogar Sommerkleider, die sie an Regentagen auf einem Ausflug nach Haarlem oder Alkmaar gekauft haben, und die zeigen sie jetzt her. Die Kinder feiern es auf ihre Weise, denn der Zeltplatz hat viele Möglichkeiten für sie, Spielplätze, Fußballplätze, sie können gefahrlos auf ihren Fietsen herumsausen oder auf Ponys reiten, sie können sich animieren lassen oder auf ihre Smartphones starren, alles geht.

Die meisten Urlauber auf diesem Zeltplatz sind weiße Niederländer, ich sah aber auch zwei Schwarze und ein paar Muslime. Aber irgendwie hatte ich dennoch das Gefühl, dass der weiße Niederländer hier unter sich ist und gern auch sein will. Ich will das nicht übertreiben, dennoch bleibt festzustellen, dass sowohl auf dem Zeltplatz als auch am Meer überwiegend weiße Niederländer in der Sonne lagen, um so braun zu werden, wie der Migrant von Natur aus ist. So ein Campingurlaub ist nicht billig, man braucht gute Ausrüstung, um Regentage zu überstehen, in einem Supermarkzelt ist man nach zwei, drei Regentagen erledigt. Das Zelt meines Sohnes etwa hat neu ca. 1500 Euro gekostet, er hat es als Vorführmodell für die Hälfte bekommen, und das ist sein Geld wert.

Ich sitze da, sehe den Menschen zu und wünsche mir, meine Frau wäre bei, wir hätten unser Zelt aufgebaut und würden bleiben, würden durch die Dünen zum Strand gehen, würden sehen, wie unsere Enkel sich dem Meer nähern, vorsichtig, sehr vorsichtig, wir würden sie verwöhnen, die Eltern könnten abends auf ein Bier irgendwohin und wir, die Oma und der Opa, würde auf die Enkel achtgeben, das denke ich an diesem sehr realen, virtuellen Ort, der bei Regen leergefegt und für mehr als dreiviertel des Jahres ein gottverlassener Ort ist, das denke ich, und dann wird es mir weh ums Herz, wie es nur einem Mann weh ums Herz werden kann, der vierzig Jahr mit einer Frau gelebt hat, die am Krebs starb.

16:50

Ich liege auf einer Bank. Hinter mir ein kleiner Buchenwald. Hinterm Buchenwald der Zoo. Hin und wieder geraten die Affen aneinander und es gibt wildes Geschrei. Ansonsten ist es sehr ruhig. Ich lese. Dann und wann kommen Radfahrer um die Kurve. Nach einer Weile wird es plötzlich laut. Irgendetwas in der Luft sirrt und nervt. Es könnten Drohnen sein. Männer lassen so etwas an Sonntagen ja gern fliegen. Es hört nicht auf, also packe ich meine Sachen. Ich will gerade aufs Rad steigen, als ein Mann mit hohem Tempo um die Kurve kommt und mich anflucht. Ich sage: kommt her, du Arsch, ich hau dir eine auf's Maul. Auf meinem T-Shirt steht: Herr M., Dichter.


Mo 3.08.15 11:54

Die Schleusen sind etwa zwei Kilometer entfernt. Wenn geschleust wird, strömt der Kanal in die eine oder andere Richtung, je nachdem. Das sind Bewegungen, die einem Schwimmer Mühe bereiten. Wenn man am Ufer sitzt, sieht man, wie die Überreste des Vorabends (Menschen schmeißen ja alles weg) hin und her treiben. Gestern ein totes Tier. Von den jungen Männern, die ihr Boot an der Spundwand vertäut hatten, als Kaninchen identifiziert. Immerhin, keine Ratte. Gleich darauf treten zwei junge Frauen an die Spundwand. Sie tragen Bikinis. Jungen, strahlende Frauen, noch keine Kinder, womöglich Studenten. Sie sind drauf und dran, ins Wasser zu springen, als sie das Kaninchen sehen. Die Blonde nimmt die Hände vor den Mund. Die Brünette ruft: Alter, was ist daaas? Beide lachen laut.


Di 4.08.15 9:45

Ob das bessere Zeiten waren, als Kassierer die Zähne kaum auseinanderkriegten, wenn man zahlte, weiß ich nicht, aber dass einem heute ständig "schönen Tag noch" nachgebrüllt wird, ist auch nicht witzig. Zumal, wenn Schweinegesicht es tut, die früher meine Nachbarin war und ihre Kinder fast täglich zusammenschiss. Sie sitzt seit Jahren hinter der Kasse. Sie füllt diesen kleinen Rraum, der für normalgewichtige Menschen schon viel zu eng ist, bis auf den letzten Zentimeter, sie hat Brüste, die sie mit Eimern nicht halten kann, alles ist Fett, und dann eben noch dieses Schweinegesicht, daher ihr Name. Wenn man das vorm ersten Kaffee sieht, möchte man nie wieder Menschen treffen und schleicht beschämt fort.

10:29



ich treibe kopflos durch den tag,
hab' ein bleibe und ein leben, das ich mag,
ich meide jeden plan und pass mich meiner katze an,
die alles, was ich wünsche, besser kann.


13:00



goethe rät
komm, flieh die trübe kammer,
mensing weiß, dass draußen selbst der größte jammer
gründlich sich in nichts auflöst,
während er sich dem, der drinnen weiter döst,
unüberwindbar und als schreck aufbaut,
und dir ständig auf die fresse haut.

hat man aber dann die welt gesehen,
und bemerkt, ihr zustand ist nicht gut,
will man lieber wieder in die trübe kammer fliehen,
und dort saufen, bis es nicht mehr weh tut.


Do 6.08.15 10:16

Gehe in kurzen Hosen herum, schwimme im Kanal, sitze in Cafés, schaue.

11:32

Gestern abend sah ich den tätowierten Mann am Kanal. Er ist Ende 20, kaum ein Fleck seiner Haut ist nicht tätowiert. Über die Motive kann ich nichts sagen, ich wollte nicht neugierig sein. Er hat eine Freundin, blond, bisschen jünger als er, die Haare bis zum Scheitel kurz ausrasiert, der Rest reckt sich. Sie hatten Bier dabei und saßen nur da, schwimmen sah ich sie nicht. Irgendwann fragte ich ihn, ob er Ray Bradbury kenne. Nein, sagte er, wieso? Nun, sagte ich, Bradbury war ein Science Fiction Schreiber und hat ein Buch geschrieben, das "Der tätowierte Mann" heißt. Dieser Mann hat ein Tatoo auf dem Rücken, auf das man nicht schauen darf, weil man dort seine Zukunft sieht. Hast du sie gesehen? fragte der tätowierte Mann. Nein, ich hab ja nicht hingeschaut, sage ich, und wir lachen.

16:28

Andere tätowierte Männer sickern langsam ins Dorf ein. Ich sehe sie Kinderwagen schieben. Ich habe auch Kinderwagen geschoben, trotzdem belustigt es mich, dass jetzt die Generation der für's Leben Gezeichneten nachrückt. Die Hippies haben sich nach und nach die Haare schneiden lassen, die Punks sind bis auf Restpopulationen verschwunden, danach hatten sie außer gegelten Haaren, merkwürdigen Hosen, Bässen, Speed, Love&Peace und karnvevalesken Paraden eh keine überdauernden Kennzeichen, aber diese tätowierten Menschen, die werden noch in fünfzig Jahren tätowiert sein, und wie das dann alles aussieht, das wüsste ich gern, bin dann aber leider woanders.


Fr 7.08.15 10:30

Die Briefumschläge sehen aus, als wäre ein internationaler Scheck drin, man macht sie auf und sieht sofort, ach, die wieder, Who is Who. Jedes Jahr versuchen die Herausgeber des "Who is Who in Germany" die Eitlen mit dem Angebot zu ködern, sie für 297 Euro aufzunehmen in das Buch der Eitelkeiten, Foto: kostenlos. Großartig, Freunde vom Who is Who, aber entweder komme ich da umsonst rein oder gar nicht, was denkt ihr, wer ich bin, ihr Pissflitschen.

14:22

Einst gab es den verbreiteten Brauch, vorm Abbiegen nach links oder rechts seine Absicht zu bekunden. Das ist lange her. Heute biegt jeder ab, wie er will, die anderen müssen das antizipieren. Das haben sie zum Glück beim Bundesligagucken gelernt, also antizipieren sie sich durch den urbanen Raum. Wehe, man kann gar nicht antizipieren, oder kennt nicht einmal das Wort. Schlimm sind Radfahrer, die gegen jede Regel auf jeder Straßenseite zur jeder Tages- und Nachtzeit unterwegs sind, brutal die Automobilisten, hilfreich ist das Gebet, aber nicht immer.

17:27

Der junge Vater könnte ein Türke sein, auf jeden Fall aber ein südlicher Mittelmeeranrainer, Teilzeit arbeitend bei der IS oder der Israelischen Armee, was häufig fast aufs Gleiche hinausläuft, jetzt aber ist er hier, er hat einen akkurat gestutzten Bart um das Kinn, die Wangen im Drei-Tage-Rhythmus verschattet. Das aufrecht zu erhalten macht viel Arbeit, aber er sieht nicht so aus, als müsse er darben, er lässt rasieren, er hat entzückende Kinder, ein etwa dreijähriges Mädchen in Jeans und rosa T-Shirt mit der Aufschrift: Calvin Klein Jeans und einen Jungen (ca 5), der schüchtern eine Porsche-Flagge schwenkt.


Sa 8.08.15 11:44

Wie vernünftig es ist, beim Einkauf nicht auf den Preis, sondern auf Qualität zu achten, erwies sich letzte Woche. Vor bestimmt zehn Jahren hatte mir mein Sohn Max einen silbernen Lamy Kugelschreiber geschenkt, weil er dachte, Papa ist Schriftsteller, da braucht er sowas. Irgendwann war er kaputt, die Mine fuhr nicht heraus beim Drehen, ich konnte den Schreiber zwar öffnen, kriegte aber die Mine nicht raus. So kam es, dass er herum lag und lag, bis ich ihn letzte Woche zum Fachhandel brachte. Dort wurde mir erklärt, man werde das Schreibgerät einsenden, "auf Kulanz" betonte man, und mich benachrichtigen, wenn er repariert sei. Heute war es soweit. Ist das nicht schön? Spricht das nicht für den Standort Deutschland und gegen die in zeitgenössische Kommunikations- und sonstige Geräte eingearbeiteten Vernichterchips, die das Gerät nach zwei Jahren stilllegen, damit der Umsatz blüht. Und wäre das nicht eine Gelegenheit, endlich die Revolution auszurufen, die Revolution gegen Billiglöhne, gegen Ramsch, gegen diesen ganzen verfickten Scheißdreck, den niemand braucht? - Also, wer macht mit? First we take Manhattan, then we take Berlin. <


So 9.08.15 13:39

Früher war es eine kleine, schmutzige Straße im Schatten der Bahngleise. Es gab es dort mehrere Bars, möglich, dass es sie immer noch gibt. Die Straße heißt Bremer Platz, ist keine hundert Meter lang, und am Ende, da, wo sie sich zu dem wirklich Bremer Platz öffnet, ist sie heute fest in türkischer Hand. Es gibt eine kleine Moschee, ein Gemeindezentrum, und vereint in einem Geschäftslokal von Naki & Hizmetleri, Mamülleri und Acentasi ein Bestattungsinstitut mit Spezialisierung auf internationale Überführungen, eine Buchhandlung und einen Versicherungsmakler, daneben ist noch ein Reisebüro, ebenfalls von den Hizmetleris geführt. Tüchtige Geschäftsleute mit Blick für die Realitäten.


15:26

Zwei Frauen, unterwegs in der Stadt, die eine Ende Dreißig, die andere etwa zehn Jahre jünger. Beide tragen T-Shirts, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Ältere eines mit goldenem Aufdruck: This Lady is adventure. Die Jüngere ein schlichtes, graublaues: I am the boss. Sie hat einen Retriever an der Leine. Die andere geht an der Seite eines Mannes. Über die Motive, sich solche T-Shirt anzuziehen, weiß ich nichts.


Mo 10.08.15 9:54

hausputz
auf knien in die gutzwutz
für selten starke putzwutz

18:00

Erstes, kurzes Erwachen nach Fünf, danach unruhiges Träumen, vorm Aufstehen gegen halb neun verwirrtes Herumirren in England, lauter seltsame Gestalten, manche kostümiert, und keine wusste, wo ich war und wohin ich gehen wollte. Zum Glück fand ich mich in der wirklichen Welt sofort zurecht, injizierte Kaffee, kam aber den Tag über bis auf kurzes Kücheputzen und Wäschewaschen zu keiner Aktion, geschweige denn zu klaren Gedanken.


Mi 12.08.15 20:10

Jemand ist gestorben. Mitten in der Nacht, allein.


Do 13.08.15 8:23

Gleich wird der große Enkel eingeschult. Das erinnert mich daran, wie sein Vater eingeschult wurde. Und auch daran, wie man mich einschulte. Wie wir in den Holzbänken saßen, in deren Schreibflächen am oberen Rand Tintenfässer eingelassen waren, die man mit einer kleinen Metallklappe verschloss. Eh der Ernst des Lebens begänne, sagte man uns, dürften wir noch einmal soviel Radau machen, wie wir wollten. Wir klapperten los. Danach klapperten wir nie mehr.


Fr 14.08.15 9:38

Da mit der Schriftstellerei nichts mehr zu verdienen ist, habe ich mich entschlossen, einen Fleckendienst aufzumachen. Es gibt kein zertifiziertes Unternehmen in Deutschland, das so zielgenau und nachhaltig Flecken appliziert. Egal, zu welcher Tageszeit, unabhängig von Material und fleckauslösender Substanz, immer im Mittelpunkt mit dem Fleck auf der richtigen Stelle ist meine Devise. Diese modisch hochaktuelle, dem Trend weit voraus eilende Akzentuierung, die ihrer Persönlichkeit Stil und Souveränität verleiht, kostet nicht viel. Rufen Sie an, lassen Sie sich beraten.


So 16.08.15 16:42



allerhand ist aufgeschrieben
allerhand noch nicht gesagt
allerhand ist übertrieben
allerhand noch nicht gewagt

allerhand hat große güte
allerhand geht gerne klein
allerhand trägt hohe hüte
allerhand ist nicht allein

allerhand ist alldieweil
allaüber unter auch
allerhand läuft übers seil
allerhand spuckt rauch


17:40

Wer ist der Verrückteste? Mein Vater, der Bundesliga gespielt hätte, wäre er in eine andere Zeit geboren, stattdessen nach Polen musste, mit Rommel nach Afrika und schließlich in die Gefangenschaft? Dessen Vater, mein Opa, den ich nicht kennenlernen konnte, von dem sie sagten, er sei ein herzensguter Mann gewesen, hätte aber beim Trinken gern den Verstand verloren? Ich, die Heulsuse, jedenfalls nannten sie mich gern so, weil ich sensibel bin und viele Dinge nicht so verstehe, wie andere sie verstehen, mein jüngster Sohn, ein Herz, der beim Fußball gern laut wird (lesen Sie zu dazu: Nick Hornby "Fever Pitch"), mein ältester Sohn, auch von der sensiblen Sorte, durch seine Größe aber, im Gegensatz zu mir, zumindest vor körperlichen Anfeindungen geschützt, mein älterster Enkel, noch ein Sensibler, dem man es oft gar nicht recht machen kann, mein zweitältester Enkel, dem das Spektakel im Stadion zu gefallen schien, wer also, wer ist der Verrückteste, wer der Normalste, frage ich, während wir im Block A Reihe Drei den Preußen bei einem halbgaren Spiel gegen Würzburg zuschauen, das 0:0 endet? Meine Frau, die bestimmt eine Antwort hätte, lebt ja nicht mehr, und ich weiß es nicht, aber ich liebe sie, alle.


Mo 17.08.15 11:05

In den ersten autofreien Wochen seit Juni habe ich noch oft im Netz nachgeschaut, ab es nicht doch ein kleines Auto gäbe, das ich mir leisten könnte. Ein Twingo, dachte ich. Twingos sind klein und dennoch groß genug, um mein Schlagzeug unterzubringen. Dann aber habe ich nicht mehr über Autos nachgedacht, weil es sich gut anfühlte, auf dem Rad an jedem innerstädtischen Stau vorbei zu fahren. Hüftpolster und Männerbrüste sind seitdem geschrumpft, der Bauch ziert sich noch ein wenig, aber das wird schon. Gestern traf ich meinen Nachbarn N., der sich im Hof an dem Twingo seines Sohnes zu schaffen machte. Lass mich mal probesitzen, sagte ich zu ihm, denn ich hatte noch nie in einem Twingo gesessen. Bitte, sagte er. Ich stieg ein und fand sofort, dass es sich komfortabel sitzt, ganz anders als in dem Skoda Fabio, den ich im Juni Probe fuhr. Fahr ne Runde, sagte mein Nachbar, und ich drehte eine Runde ums Viertel. Das fühlte sich gut an. Jetzt schaue ich wieder im Netz nach Autos und habe eine Twingo auf dem Kieker. Zwei Jahre TÜV, 1.Hand, 88.000 Kilometer, 20 Jahre alt, 500 Euro. Kann das sein? Der Händler hat einen polnischen Namen. Mein Nachbar N., der Kosova-Albaner, rät mir bei jeder Gelegenheit, nicht bei Ausländern zu kaufen.

21:00

Es gibt schöne Tage und weniger schöne. Heute war weniger schön. Dafür waren die Tage vorher schön. Camparis, Sonne, Schwimmen im Kanal, leckeres Essen, Söhne, Enkel, Einschulung, Fahrradtouren. An solchen Tagen kann man sich nicht vorstellen, dass einem der Himmel über Nacht auf auf den Kopf fällt, dass alles grau und feucht ist, als wäre man Kiemenatmer. An solchen Tagen fällt einem noch weniger ein, als einem sonst einfällt, und dann weiß man, jetzt könnte man eine Depression vom Zaum brechen, aber das tut man nicht. Man ist klug geworden über die Jahre, ein mieser Scheißtag macht einen nicht fertig, schließlich lebt man in Zentraleuropa, man liest Zeitung, man weiß, was die Uhr geschlagen hat, und hat dennoch nie Selbstmord verübt. Das ist Heldentum. Man schlägt sich zum Ritter und sagt, gut, der Sommer macht vorübergehend Pause, Griechenland ist aus den Schlagzeilen und immer noch pleite, Deutschland und der Rest Europas verkommt zu einem Loch selbstsüchtiger Fremdenhasser, alle fürchten um ihr klein Häusken, die Russen drehen durch, die Amerikaner machen, was sie schon immer getan haben, was sie wollen, und statt sie rauszuwerfen, statt ihnen den Mittelfinger zu zeigen, verhandeln wir über eine Freihandelszone, von der niemand Genaueres wissen darf. Morgen wird es immer noch regnen, aber übermorgen nicht mehr, und dann ist alles wieder Heile Gänschen.


Di 18.08.15 11:29

Selbstversuch. Verhangener Himmel. Es soll Text entstehen, ich weiß nicht, worüber und noch nicht einmal warum, es gibt schon genügend andere. Ich finde eine Überschrift in der SZ von heute, Seite Drei: Rührt euch. -

Rührt euch.
Ihr habt schon zu lange still gestanden. Es wird Zeit, also ...

Soviel zum Text. Jetzt will ich Kaffee.


Mi 19.08.15
12:39

Man hat gegessen, hat einen Schluck Wein getrunken und Kraut geraucht, und zum ersten Mal seit Tagen dämmert der Abend nicht von Grau in noch tieferes Grau, sondern legt Licht auf, das in langen Wellen die Stadt flutet. Man beschließt, einen Spaziergang zu machen. Durchs Flussviertel hinunter zum Kanal, sagt man und geht los, um schon bald auf ein Gebäude zu stoßen, das dort seit über fünfzig Jahren steht. Man hat es schon häufig gesehen, aber noch nie betrachtet.

Es ist eine evangelische Kirche mit links davor frei stehendem Turm, mehreckig, Beton, bis zu zwei Dritteln mit Efeu bewachsen, so dass sich der Eindruck einstellt, hier übernimmt die Natur. Die Kirchenfront ist zur Mitte gespitzt wie der Bug eines Schiffes. An den Seiten der Front ziehen sich betonverglaste Fenster hoch zum Dach, zeichnen den Giebel nach, und umrunden den sakralen Bau. In der Kirche ist Licht, so dass diese Fenster wundervoll leuchten. Wir gehen hinein. Der Posaunenchor probt. Wir stellen uns vor, wie die Fenster den Innenraum tagsüber beleuchten. Architekt der Epiphanias Kirche ist Hanns Hoffmann. Wir finden, sie ist ein Juwel.




Do 20.08.15 9:58

Wäre fast mit einem Radrennfahrer zusammengestoßen, gestern, in der blauen Stunde, als ich - die Baumberge schon vor Augen - vor mich hin radelte. Diese Radrennfahrer tun mir immer ein bisschen leid. Sie müssen an so einem wundervollen Abend Kilometer machen, sind wie Papageien gekleidet und tragen futuristische Sonnenbrillen.
Während sie im Höchsttempo das Land kreuzen, hören sie nichts außer Fahrtwind, und sehen kaum mehr als die enge Perspektive eines vornübergebeugten, kurz atmenden Menschen zulässt, der sehnlichst darauf wartet, dass die Endorphine ihn fluten, damit er nicht mehr denken muss. Mit so einem jedenfalls war es knapp gestern, und eh ich irgendeine wüste Beleidigung in den Abend rufen konnte, war er auch schon davon. Andererseits, er hätte ebensogut mir etwas zurufen können.


Fr 21.08.15 14:26

Niemand außer mir und ein Schwarm handtellergroßer Fische schwamm im Kanal heute früh, dann kam eine Ente. Sie
näherte sich und quakte laut, aber da ich nicht wusste, worum es geht, sagte ich nichts. Auf dem Heimweg bemerkte ich am Wegrand ein Frettchen. Halb aus einem Erdloch gereckt schaute es mich höchst interessiert an. Ich stieg ab, es verschwand, aber seine Neugier war größer, und so tauchte es mehrfach wieder auf. Keine hundert Meter weiter kreuzte ein Kaninchen meinen Weg. Es hatte das Maul, den Mund, die Schnauze, wie immer man das bei einem Kaninchen nennt, den Rachen bestimmt nicht, voller Heu, ich nehme an, um seine Höhle auszupolstern. Und dann war da auch noch das weite Feld im Aa-Tal. Vorletzte Woche war dort der Weizen vom Halm geschnitten worden, jetzt wurde geeggt, und wann immer die Bauern der Gegend ihre Felder bearbeiten, dauert es nicht lang, bis die Störche hinter den Treckern durch die frisch gezogenen Furchen staken. Bis zu fünfundzwanzig habe ich schon gezählt, heute waren es zwölf.


Sa 22.08.15
14:24

Ich bin jung, schön und erfolgreich, aber was sollen andere sagen, diese Frau etwa, mir gegenüber, bei der man nicht weiß, wo der Hals aufhört und die Schultern beginnen, wenngleich ein Kopf zu erkennen ist, eine alte, runzlige Kugel mit struppigem, rotbraunem Haar. Das Auffälligste neben einem räudigen Hund, von dem noch die Rede sein wird, sind ihre Warzen im Bereich von Schulter und Hals, wie ein Hexenring, manche klein wie Getreidekörner, andere groß wie Erbsen. Dick ist die Dame, und eh sie sich eine Latte bestellt, füttert sie ihren Hund, eine nicht indentifizierbare Mischling, dackelgroß jedenfalls, in die Jahre gekommen wie Frauchen, noch mit rötlichem Resthaar befellt und von Fettwülsten umspielt. Ein Glück, dass ich nicht frühstücke, sondern nur Kaffee trinke. Hat man denn nirgendwo Ruhe vor hässlichen Menschen und Tieren, oder liebt Gott die etwa auch?


So 23.08.15 13:47

Prächtigstes Wetter, Seewind, gestern abend im Kanal, heute nachmittag Salsa tanzen und später aufs Kreuzviertelfest, die Kapelle Petra hören und sehen.


Mo 24.08.15
10:01

Ich hatte der großen Tochter eine SMS geschickt, stehe vorm Rolinck Wagen, hatte ich geschrieben, und sie hatte zurück gesimst, und ich vorm Bassisten der Kapelle Petra. Das letzte Mal hatten wir uns vor knapp zwei Jahren gesehen. Sie ist nicht meine große Tochter, C. und ich haben sie so genannt, weil wir sie mochten und sie uns auch. Die Kapelle Petra ist neben Dziuk, Stoppok und Funny van Dannen eine ihrer Lieblingsbands. Sie spielte auf dem Kreuzviertelfest. Das Volk hüpfte und sang, es trug zur Erheiterung kleine spitze Papierhüte mit dem Logo der Kapelle, es machte sogar Polonaise. Die große Tochter und ich umarmten uns. Nach dem Konzert tranken wir etwas und tauschten Neuigkeiten aus.



Do 25.08.15
10:03

Herr M. hat gerade gefrühstückt, Sekt, die übliche Rentnerportion Kaviar, Fellatio aus dem Trentino, im Nikotinrauch gereift, nun ist er bereit, der Welt ins Auge zu sehen. Oder lieber doch nicht? Nein, lieber doch nicht, denn was er sieht, ist zum Kotzen. Der Mensch ist kein solidarisches Wesen. Alle Solidarität muss er lernen. Solange Wohlstand herrscht, gelingt ihm das halbwegs, in dem Augenblick aber, indem ihm sein Wohlstand gefährdet scheint, ist es damit vorbei und es zeigt sich, dass er kaum mehr als ein Affe ist.


Mi 26.08.15
14:28

Die beiden Mädchen sind etwa 10 Jahre alt, eines ist schwarz und ein bisschen pummelig, das andere weiß. Beide haben Pferdeschwänze, wobei das weiße Mädchen blondes glattes Haar hat, das schwarze Mädchen krauses. Das schwarze Mädchen hockt rittlings auf der Turnstange eines Spielplatzes, die es mit beiden Händen umfängt, um sich dann einmal, zweimal, dreimal um die eigene Achse zu schwingen. Das blonde Mädchen sitzt auf der Stange, wie man auf einem Stuhl säße, wirft plötzlich die Arme in die Luft und sich selbst zurück, bleibt in den Kniekehlen hängen und schwingt aus.


Do. 27.08.15
00:15

Der Himmel im Südwesten leuchtete orange. Lichtverschmutzung, dachte ich, aber im Südwesten ist nichts, also die Apokalypse. Die apokalyptischen Reiter überollen uns vereint mit den Entrechteten dieser Welt, und es geschieht uns recht. Wenig später dann Aufatmen. Es waren die Peitschenleuchten der Raststätte Münster Süd.


13:09

Die Enkel

 

Fr 28.08.15 10:10

Nach dem Babysitten gestern, das nicht mehr als bloße Anwesenheit war, denn die Babies, die längst keine Babies mehr sind, schliefen tief, bis auf den Großen, der einmal ins Zimmer geschlichen kam, ein bisschen kuschelte und dann wieder verschwand, stellte sich die Frage, will ich jetzt langsam bis auf die Haut nass werden, oder eher schnell. Ich hatte die Wahl, mein neues Rad gibt einiges her, ich hätte also rasen können, oder gemächlich radeln. Ich entschied mich für einen Wechsel der Geschwindigkeiten, was aufs Gleiche hinauslief, ich kam fast bis auf die Haut durchnässt in Roxel an. Der Sommer geht, ich werde also für Regenkleidung sorgen müssen, damit das Radfahren erträglich bleibt.

15:16

der mann ist dreißig jahre älter
als sie und hat schon einen kleinen bauch
er glaubt, er steht, in wahrheit fällt er
und wenn er aufschlägt, wacht er auf.


Sa 29.08.15 14:47

Ich möchte jetzt Kuchen, dreilagig mit Obst und Sahne, ich möchte besten Cappuccino,
und dann möchte ich, dass Vernunft einkehrt, dass die Menschen begreifen, dass es nur eine Welt gibt, und dass sie niemandem gehört, sondern allen, und dass alle ein Recht haben, auf ihr zu leben, und dass jeder verpflichtet ist, dem, der Not leidet, zu helfen. Im Grunde möchte ich nichts weiter, als dass sich alle an die 10 Gebote halten, das reichte schon, sie müssen ja nicht gleich Christen werden, Juden, Muslime, oder sonst irgendeiner radikalen Gruppierung beitreten, sie sollen einfach nur das tun, was Menschen auch tun können, ein Herz zeigen und sich vor diejenigen stellen, die geflohen sind. Wir sind mehr. Wir sind viel mehr als die Krakeler.


So 30.08.15
17:50

Als mein jüngster Sohn auf die Welt kam, saß ich mit meiner Frau gern am Ententeich im Park des Clemenshospitals. Das Wetter war gut damals und der Herbst schon spürbar. Vierundzwanzig Jahre darauf saßen wir wieder dort, tranken Kaffee, rauchten und schworen, wir würden aufhören, wenn die Krankheit besiegt wäre. Ich schnitt ihre Nägel. Wir hofften. Drei Stunden später war sie tot. Heute ist der jüngste Sohn dreißig geworden. Das haben wir in seinem Schrebergarten gefeiert. Ein schönes Fest war das. Eines mit Tequilla Sunrise und Glenfiddich, mit Schwedenfeuer, Frinkandel Speciaal und netten Gesprächen.


Mo 31.08.15
9:42

Wie ich so herumging, sah ich einen Hof mit platt getretenem Boden, und unter einer offenen Remise offene Feuer, Öfen, Töpfe, Männer mit hohen weißen Mützen. Am Dach der Remise hing eine Schild. Brockwuscheln stand darauf, und nun sah ich auch, dass auf dem Hof Tische standen und an den Tischen Menschen saßen, die auf Essen warteten. Mir war klar, dass ich in München unterwegs war. Ich sprach mit verschiedenen Menschen, ohne zu wissen, worüber wir sprachen. Ich erwachte und trank einen Schluck.

10:59

hinterm wald,
wo die kühle luft lauert,
und das gras feucht wird,
wartet der tag, von dem menschen sagen,
jetzt ist es soweit,
die ersten werden dann letzte sein,
und das geschwätz verstummt.

ich werde hinter mich blicken
und feststellen,
was falsch und dass selten etwas richtig war,
ich werde mir verzeihen,
und wenn ich sterbe,
was morgen sein wird oder in hundert jahren,
werde ich nichts verstanden haben.