August 2018                      www.hermann-mensing.de      

mensing literatur 

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Mi 1.08.18 12:01 Hochsommer

Der Alltag, das, was die Jüngeren Blog nennen, wird zu Ende des Monats volljährig. Als ich ihn 2000 begann, gab es noch keine Blogs. Zehn Jahre später habe ich den Alltag in Blog umbenannt, weil ich dachte, Leser anlocken zu können, aber nicht lang, dann war es wieder der Alltag. Also. Nehmen Sie sich Zeit. Noch immer ist alles, wie es am Anfang war. Jederzeit taucht etwas auf- oder ab. Nichts bleibt, wie es ist, auch das Versprechen ist ungebrochen: Sie erleben Literatur, die es sich leisten kann, zu existieren, ohne sich vor irgendjemand verbeugen zu müssen. Die einzige Verbeugung, die stattfindet, ist die vor der eigenen Schere im Kopf, aber was will man dem Alltag schon vorwerfen, er wird doch erst achtzehn. Er wird bald den Führerschein machen, er hat eine Freundin, mit der es hoch her geht, er hat Affairen, die im Ungefähren verwirbeln, er hat nichts außer Hirngespinsten, lebt von der Illusion und weiß sich in bester Gesellschaft mit den Natur- und den Geisteswissenschaften.

14:38

Einem zermürbt er den ruhigen Schlaf, dem anderen den Darm, noch einem macht er den Kopf duhn. Mir sagt er, ich solle mehr Text machen, Text, sagt er, wäre das Brot der armen Seelen, ohne Text, sagten die, kein next, was soviel bedeutet, dass ein Tag ohne Text unvorstellbar ist. Gut, sage ich, also bitte, wenn es sein muss, bitte. Text über Darmschleifen und Nachtschlaf, der um drei vor dem Spiegel steht und nicht wieder zurückfindet, Text, der seine Wege von A nach B nur nach vorheriger Vergewisserung über den Zugang zu den Toiletten am Weg abhängig macht, Text über nichts und immer wieder über Text, Text als Spiel und Zeitvertreib, weil der Produzent, der sich Mensing nennt, Hermann Mensing, Dichter, jetzt im siebzigsten Jahr, von Tag zu Tag glücklicher wird. Was, wenn man's vergleicht mit Kindheit und Jugend, die nicht glücklich war, doch erstaunt. Jetzt, wo das Leben sich neigt und der Dichter sich mit neigen muss, taucht also das Glück auf, das schon immer an seiner Seite war, was er nicht erkannte, bis er es verlor. Jetzt ist es da. Fühlt es sich gut an, das Glück? Ja. Es fühlt sich gut an, denn der, der sich Mensing nennt, aber auch Steinmetz hätte heißen können, oder Bron, wären die Würfel anders gerollt, weiß ja, dass das Glück sich verhält wie eine Seifenblase.


Fr 3.08.18 20:20 Hochsommer

Krähen und Dohlen stehen mit weit geöffneten Schnäbeln auf abgeernteten Feldern. Ich kühle mich mit Campari und literweise Zitronenwasser. Das Leben ist angenehm, ich schwitze zwar, aber die Abende und Nächte sind wundervoll, so dass ich meist spät ins Bett gehe. Heute saß ich auf der Kutsche. Meine Freundin hat mir einen Wickelrock geschneidert, den trage ich seit gestern. Er ist schön und ich trage ihn mit solcher Selbstverständlichkeit, dass er niemandem auffällt. Mir kühlt er (weshalb ich überhaupt einen Rock haben wollte) auf angenehme Art und Weise die private parts. Gestern habe ich mir einen Wunsch erfüllt, mit dem ich seit Wochen schwanger ging und mir eine neue Kamera gekauft. Das PDF zur Bedienung ist 406 Seiten lang.


Sa 4.08.18 15:49 Hochsommer

Im Bus saß eine kopftuchverhüllte Afrikanerin mit einem sehr kleinen Kind im Arm. Ihr Mann hielt im Bereich für Kinderwagen und Rollstühle einen Doppelkinderwagen, in einem schlief ein etwa dreijähriges Kind. Der Bus hielt. Ein Mann, groß, blond, etwa 40 Jahre, stieg ein und bat den Afrikaner, er möge Platz machen für seinen Freund, der im Rollstuhl säße. Der Afrikaner sagte, das ginge nicht. Der Mann sagte, Rollstuhlfahrer hätten Priorität vor Kinderwagen. Der Busfahrer bat ebenfalls, Platz zu machen. Der Afrikaner weigerte sich. Seine Frau sprach leise mit ihrem Mann. Sie biss sich auf die Unterlippe. Der blonde Mann sagte, dass er das Verhalten des Afrikaners unverschämt fände. Der Bus stand noch immer, der Eingangsbereich war blockiert. Schließlich stellte der Afrikaner den Doppelkinderwagen quer. Der Mann im Rollstuhl, ein massiver, großer Mensch, passte jetzt gerade daneben. Dafür war aber der Durchgang von vorn versperrt. Der blonde Mann sagte, man sähe sich immer zweimal im Leben. Der Afrikaner sagte nichts. Seine Frau wirkt in sich gekehrt, gejagt, unglücklich.


So.5.08.18 9:57 Hochsommer

Kommentare zum vorigen Beitrag:

Wolf S.:

Wieder so ein Armleuchter....

Hermann Mensing:

Wer jetzt? Ich fand den Afrikaner bescheuert.

Helmut B.:

Unklar.
Wer weiss, wie oft der Afrikaner schon mies angemacht wurde?
Und wenn da kein Platz ist, was soll er denn machen?

Hermann Mensing:

Beiseite rücken.

Ulrike L.:

Wieso musstest du erwähnen, dass die Afrikanerin kopftuchverhüllt und der Hinzugestiegene blond war?

Claus Michael C.:

Ulrike L. Weil die Situation nun einmal so war ...
Unterschwellige "Rassismuskeule" für Hermann ??

Ulrike L.:

Wer keult denn hier?
Das war eine Verständnisfrage. Vielleicht ja ein rhetorisches Mittel?

Hermann Mensing:

Dann ist die Frage ja geklärt.
Der blonde Mann hatte zudem einen Bauch, den Rollstuhlfahrer kannte ich als Draussen-Verkäufer, die Kopftuch tragende Frau kenne ich vom Sehen aus Roxel.

Claus Michael C.:

Ulrike, ich sollte es nicht vertiefen ...
Aber, das war keine Verständnisfrage !
... "kopftuchverhüllt" und "blond" muss nicht hinterfragt werden ...
War genau die Bemerkungen, die ich benannte ...


Mo. 6.08.18 00:09 Sommernacht

Sie sagen, dass es morgen noch heißer wird. Ich werde ja sehen. Erst einmal aber gehe ich ins Bett. Schlafe bei offenen Fenstern unter einem Laken. Damals in Varanasi musste ich mich nachts ins feuchte Laken wickeln, sonst wäre es nicht auszuhalten gewesen. Nach einer Stunde waren sie getrocknet, aber neben meinem Bett stand ein Eimer Wasser. Ab halb fünf, wenn die Sonne überm Fluss hoch kam, war nicht mehr an Schlaf zu denken. Man musste sich verkriechen. Zum Glück waren die Gassen schmal und schattig.

Gestern war ich zum ersten Mal mit der neuen Kamera in der Stadt. Ich habe geschaut, überall Menschen. Sie zu fotografieren macht Spaß, aber sie nicht bloßzustellen, ist nicht einfach, also habe ich alle Menschen gelöscht. Geblieben ist ein Foto von Richters foucaultschen Pendel in der Dominikaner Kirche. Die Lumix gleicht in ihrer Programmführung meiner Leica, die im Grunde ja eine Lumix als Leica war. Die vier Monate, die ich benötigte, eh ich alle Automatikfunktionen der Leica abstellen konnte, kann ich mir daher sparen, ich fotografiere schon jetzt ohne Automatik. Zu meiner Lumix gehört eine 406 Seite lange Bedienungsanleistung, die ich nicht lese, weil ich so etwas nicht lesen kann. Einiges wird daher wohl doch noch Zeit benötigen, eh ich es entdecke. Ein bisschen Wehmut hab ich noch, weil die Leica so handlich ist, aber ich besitze sie ja noch. Wer will, kann sie von mir kaufen. Die Lumix ist größer, nicht viel, aber doch ein bisschen. Und es steht nicht Leica drauf, sondern Lumix, und Sie glauben nicht, wie die Leute die Hacken zusammenschlagen, wenn sie Leica hören. Gute Nacht.


Di 7.08.19 19:13 33 Grad im Schatten

Ein beliebtes Startup der Balkanstaaten scheint die Bettler-AG. Menschen am Rande der Gesellschaft versprechen anderen Menschen, die nicht einmal mehr am Rande der Gesellschaft leben, Unterkunft und ein bescheidenes Einkommen in den Ländern der EU. Gern auch in der Bundesrepublik. Nicht von Nachteil für diese Startups sind Bewerber mit körperlichen Gebrechen, Sieche, Lahme, Aussätzige. Heute sah ich zwei dieser Armutsdarsteller auf dem Prinzipalmarkt. Der eine saß links, der andere zwanzig Meter entfernt gegenüber. Beide waren junge, kräftige Männer, und beide hielten identische Pappschilder: Bitte Hilfe. Habe zwei Kinder ohne Brot. Mein Impuls: die Kutsche anhalten, absteigen, ihnen die Pappschilder um die Ohren hauen, und sie auffordern, auf der Stelle nach Hause zu fahren. Sie sind kräftig. Schämen Sie sich nicht, hier den Armutsdarsteller zu geben. So etwas tut man natürlich nicht, vor allem nicht in einer Gesellschaft, in der das politisch korrekte Verhalten mittlerweile vieles verschleiert, verdreht und absurd ins Undiskutable verzerrrt. Dennoch war ich wütend auf die beiden. Ich weiß, wo ihr Transporter steht, mit dem sie abends abgeholt werden. Er hat ein Dortmunder Kennzeichen. Kann man solche Startups nicht des Landes verweisen, bitte?


Do 9.08.18 10:09 um die 20 Grad, bewölkt

Unwetterwarnungen. Tornados. Starkregen. Bin gespannt, wie das ausgeht. Dummerweise haben wir heute abend Gäste in den Schrebergarten geladen. Ich schätze, daraus wird nichts. Aber vielleicht wird ja auch aus den Unwettern nichts. Gestern, nachdem die große Hitze des Dienstags vorüber war, habe ich mittags fast zwei Stunden geruht, ich glaube, ich habe sogar geschlafen. Am frühen Abend habe ich lange Klavier gespielt und mich dabei überwältigt. Ich war gerührt. Ob auch andere gerührt gewesen wären, ist mir egal, Hauptsache, mir hat es gefallen. Wenn ich aufstehe, kommt es vor, dass ich vom Schlafzimmer über den Flur direkt zum Klavier stolpere und zu spielen beginne. Nicht selten sind meine Ohren am frühen Morgen so aufnahmefähig, dass sie harmonische Verbindungen hören, die plötzlich einen Zusammenhang zu Liedern ergeben. Gestern war das Oye como va von Santana. Die Akkorde dazu spiele ich seit dreißig Jahren, ohne dass mir ihr Kontext zu diesem Lied aufgefallen wäre. Ich lerne das Klavierspielen nun seit über fünfundzwanzig Jahren, ich kann noch immer keine Noten lesen, und ich will das auch nicht, ich will, dass meine Ohren Ton für Ton des Klavier entdecken und meine Finger sich merken, was meine Ohren gehört haben. Wenn das einmal so weit ist, kann ich spielen, was ich will. Aber wie gesagt, das wird dauern.


So 12.08.18 16:21 sonnig, 33 Grad

ein leben
will ich dich und mich betrügen
auch deinen hund
und deinen schmetterling
ich will in vielen armen liegen
im mund mein ehering
ich will der wahrheit aus dem wege gehen
die wir nicht kennen
weil sie sich versteckt
ich will den hund erschlagen
und die schmetterlinge weinen sehen
bis mich die letzte stunde weckt


Mo 13.08.18 10:45 bewölkt, 16 Grad

Ich hatte ein Auto gemietet, und nun wurde es nicht gebraucht, um nach Polle zu fahren, denn unser Auftritt dort war abgesagt worden, der Veranstalter hatte kalte Füße bekommen, sein Mittelalterfest und unsere Musik, das würde nicht zueinander passen, also hatten wir entschieden, stattdessen eine Sommersession in Ostbevern zu spielen. Wir spielten bis weit nach Mitternacht für ein imaginiertes Publikum, und ich glaube, in nicht allzu ferner Zukunft werden die alten Männer doch noch einmal irgendwo auftreten. Gegen halb zwei trug ich eine Matratze vor die Scheune und legte mich hin. Wie der Wind in den Bäumen rauschte. Und dann, ich war an der Schwelle zum Schlaf, begann es zu regnen. Ich zog in die Scheune um. Am frühen Morgen fuhr ich heim, lud mein Schlagzeug in den Keller, frühstückte und lud meine Freundin zu einer Spritztour ein. Schließlich hatte ich ein Auto, und ein Auto, das weiß man, will bewegt werden, sonst ist es beleidigt. Wir kreuzten Westfalen. Wir besuchten den Merfelder Bruch, sahen die Wildpferde, und kreuzten in weitem Bogen über Gescher und Ahaus nach Enschede. Auf dem Heimweg sahen wir uns die apokalyptischen Reiter an, ein großes Wandmosaik von Hubertus Brauwer, das er 1953 im Foyer der Textilwerke Gebr. Laurenz verwirlicht hat, eingebunden in ein Ensemble aus weiter Halle, hoher Kuppel, einem riesigen Kristallleuchter und einer geschwungenen Treppe. Leider ist heute dort ein Restaurant untergebracht, so dass der Eindruck des Ensembles ein wenig getrübt wird. Schade, fanden wir. Unverständlich auch, dass die Denkmalschützer dem zustimmten.


23:11

Das behalten wir jetzt aber für uns, Herr M., das sagen wir niemand, das wäre peinlich. Gut, wir könnten uns herausreden und sagen, wir hätten alles geresetted, wie man neudeutsch sagt, aber dass man so blöd sein kann, hätte wir nicht gedacht. Auch, wenn wir gestehen, dass wir das 406 Seiten lange Bedienungs-PDF nicht studiert haben, erklärt das nichts, denn wir glauben, dass es sowieso nur von Masochisten und Menschen, die über ein fotografisches Gedächtnis verfügen, gelesen werden kann. Wir vefügen nicht über solche und ähnliche Fertigkeiten. Wir verfügen über gar nichts. Alles wird über uns verfügt, jagt in Wirbeln durch uns hindurch, wobei es uns hin und wieder gelingt, dem ein oder anderen Ding Namen zu geben,. Etwa: Autofokus OFF. Das ist das Dümmste, was uns seit langem passiert ist, das behalte wir für uns, schließlich macht es die Arbeit der letzten Woche zunichte. Wir müssten alles wegschmeißen. Alles müsste neu gemacht und gedacht werden. Alles, alles, alles. Das tun wir aber nicht. Wir verraten das mit dem OFF niemand, dann merkt es auch niemand.


Di 14.08.18 10:47 bewölkt, frisch

Später wird die Sonne scheinen, ich kann schon den Himmel sehen. Aber noch ist es kühl. Die Hitzewelle hat Wälder, Wiesen und Äcker ausgedörrt und den Aasee so aufgeheizt, dass kein Sauerstoff für die Fische blieb. Tausende schwammen bäuchlings, letztes Wochenende. Ich überlege zum ersten Mal seit über 10 Wochen, ob ich eine lange Hose anziehen soll. Auch ein Gedicht käme in Betracht, aber ich wüsste nicht, was für eines. Eine Ballade? Etwas Surreales? Zutiefst Optimistisches? Reim? Kein Reim? Ach, kein Gedicht, nein, ich plaudere noch diese Zeile zuende, nehme mir ein Buch und lese. Sagte ich nicht, dass die Sonne kommt? Da ist sie.

17:08

Ich bin er und du bist ich und wir sind eins. Ich bin ein Walross.


Mi 15.08.18 22:37 schöner Tag, am Nachmittag wurde er schwül

Ich hatte das Vergnügen, sieben Menschen meiner kulturellen Herkunft ähnlich eine Stunde meine Stadt zeigen zu dürfen. Da Schotten an Bord waren, hatten wir uns auf Englisch geeinigt, was ich besonders gern spreche, und wenn ich spüre, dass man mir zuhört, wachse ich über mich hinaus und sage Dinge, von denen ich vorher selbst nichts wusste. Das hat Spaß gemacht, danach hatte ich eine Tour nach der anderen und war anschließend erschöpft, so dass ich jetzt, um halb elf, ins Bett gehe.


Do 16.08.18 11:44 wechselnd bewölkt, bisschen windig. mild

ich sprach
vom wunderbaren
das sich wegduckt
vom glück
das niemand halten kann
ich sprach vom schrecklichen
das lauthals aufmuckt
und spreche weiter
eh es mich bedrückt
ich fasse diese dummheit nicht
die sich global ins bild setzt
und sich nicht mal schämt
ich rufe halt
ich zerre sie vor's weltgericht
eh dieser wahnwitz uns vergrämt
es hilft nichts
und ich denke übers schießen nach
ich stell mir morde vor
ich hänge die despoten
ich weiß wenn alle tot sind
ist das erste was wir tun
ein aufguss von recycelten verboten
die welt soll aufhör'n
sie soll wieder schön sein
komm lass uns abhaun
und uns selbst betör'n
wir haben uns das eingebrockt
jetzt schreiben wir uns einen totenschein