Dezember 2004                              www.hermann-mensing.de                                  

mensing literatur

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Mi 1.12.04   10:49

Sein Vater ist 91. Wenn der Sohn mit ihm über Land fährt, und sie passieren ein Asylantenheim, sagt der Vater: Gib mir eine Fackel, ich werf sie da rein. Der Sohn leidet. Seit er denken kann, leidet er an diesem Vater, der während des Krieges in Holland war und KZ's bewacht hat und immer noch alles richtig findet, was war.
Der Sohn sagt, dass Typen wie sein Vater nichts, überhaupt nichts gelernt hätten. Dass sie in Kneipen säßen, so sie noch in Kneipen gingen, und dort ihre alten Geschichten widerkäuten.
Was man mit so einem Vater denn machen solle, fragt er, und ich antworte, dass man ihm nur verzeihen könne, sonst nichts. Nein, sagt er, verzeihen kann ich dem nicht. Nie. Niemals. Nie. Dann, sage ich, musst du warten, er stirbt bald. Es werden immer weniger. Ach, sagt er, und wenn schon, es kommen immer welche nach, immer, überall. Schau dich doch um....

17:30

Habe aus meinem Fundus einen Text gezaubert, mit dem ich mich an einem Kurzgeschichtenwettbewerb des Mitteldeutschen Rundfunks beteiligen werde. Da es keine thematischen Vorgaben gibt, habe ich einen Text ausgewählt, der nicht auf den ersten Blick als Kurzgeschichte erkenntlich ist.
Kunst muss sein, sprach das Schwein... schließlich geht es um Geld und Ehre.

Heute Abend werde ich zum ersten Mal nach überstandener Krankheit trommeln, was die Stöcke hergeben. Und natürlich werde ich berichten, wie's war. Ob (wie zu vermuten ist) wieder alle außer mir alles falsch gemacht haben, ob die beiden Saxophonisten da waren, ob Onkel Tobi wieder den Mehldau gab oder Udo, der in Arnheim studiert hat und immer einen etwas niedergeschlagenen Eindruck macht, wieder zu spät kam und deshalb nicht mehr trommeln konnte.


Do 2.12.04   9:42

Die beiden Saxophonisten waren da. Der eine fand, ich hätte gut gespielt. Onkel Tobi ließ den Mehldau nicht zu häufig raus. Udo kam diesmal gar nicht. Ich spielte den letzten Mist, was aber vom Publikum niemand gemerkt hat. Ich schließe das aus dem, was man mir nachher im Brustton der Überzeugung sagte. So ist und bleibt die Welt verwirrend und unglaubwürdig, nicht wahr?

10:53

Hach Gottchen, Botho Strauß (den ich nie gelesen- oder besser- dessen Theaterstücke ich nie gesehen habe, der mir aber trotzdem immer unsymphatisch war) kennt das Problem: Ohne die Idee eines ganz Anderen - Gott oder Natur - wird der Mensch ortlos, sagt er. - Junge Junge Botho, dafür hast du 60 Jahre gebraucht?

14:35

Ständig muss man in einem Verein sein. Sogar der Schriftsteller muss das. Er muss zu Vereinstreffen fahren, und wenn er da hinfährt, muss er sich anhören, was für ein Mist dort geredet wird. Da mir das alles sehr unangenehm ist, glaube ich, dass ich gar kein Schriftsteller bin. Wahrscheinlich bin ich nicht einmal ein Mensch. Ich habe das schon oft gedacht. Es könnte doch sein, dass mich ein Alien beim überstürzten Abflug von Schünnemanns Wiese vergessen hat, so wie sie ET damals vergessen haben. Auf die Schnelle haben sie mir noch menschliche Gene verpasst, damit es nicht ganz so auffällt. Naja, was will ich machen. Nun sitze ich hier und kriege ständig diese Briefe vom Schriftstellerverein. Einmal haben sie mich sogar gefragt, ob ich nicht der Ortshäuptling werden wolle, aber ich

wolle nicht. Ich wolle nicht ich wolle nicht ich wolle nicht, nein, meine Suppe woll ich nich.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Ich hoffe, Sie haben mein Problem erkannt.
Es wäre schön, wenn Sie's mir dann mitteilen könnten, dann wüsste ichs auch.

 

Fr 3.12.04   11:11

Ich glaube nicht, dass alle Menschen gleich sind. Ich habe nicht einen getroffen, der dem anderen glich. Schöpfung ist Vielfalt, nicht Einfalt. Es gibt starke und schwache, kluge und dumme, fröhliche und traurige Menschen. Ich weiß, dass es gutwillige und gemeine Menschen gibt. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die Gutes wollen und Schlechtes erreichen, und Menschen, die sich einen Dreck darum scheren, was Gut und was Böse ist. Ich weiß auch, dass all diese Menschen ein Recht auf ihr Leben haben.
Wer sein Leben leben will, braucht Grenzen, um es zu definieren. Jeder Mensch hat solch unantastbare Grenzen.
In Zeiten pauschaler Fremdenfeindlichkeit ist niemandem mit pauschaler Fremdenfreundlichkeit geholfen. Rassismus zu verabscheuen bedeutet nicht, jeden gleich zu mögen. Die Dinge lassen sich regeln, wenn wir erkennen, was Fremdsein heißt. Wir müssen die Grenzen fremder Menschen akzeptieren. Und sie müssen unsere kennen. Erst dann wird es Normalität geben. Normalität heißt, den einen zu mögen, und den anderen nicht. Nationalität spielt dabei keine Rolle. Ich glaube an die Unverletzbarkeit meiner Grenzen. Und wenn meine unverletzbar sind, sind es die der anderen auch. (Text von 1993, den ich gestern fand)

15:42

Das Loch war schon vorgestern spürbar. Gestern hätte ich vom Sofa hinein springen können, sah stattdessen bis in die tiefe Nacht fern und ekelte mich still. Heute nun bin ich als Christkind unterwegs. In tiefer Verzweiflung gestartet, beginne ich aufzuheitern. Ich habe eine Idee. Im Übrigen aber ist das Loch das übliche Loch nach Beenden einer längeren Arbeit. Gegen 14:00, keine zwei Stunden nach meiner mutigen Entscheidung, dem Weihnachtsgetümmel zu trotzen, hat mir der Kellner eines italienischen Restaurants, das auch Weine, italienische Spezialitäten und Mode verkauft, eine Zigarette angeboten, ohne dass ich ihn gefragt hätte. Ich lehnte dankend ab, genoss aber, dass er glaubte, mir etwas Gutes tun zu müssen.
Im nächsten Geschäft, dessen Identität ich nicht preisgeben kann, es sei, ich wollte das Geschenkgeheimnis lüften, attestierte man mir eine feine Farbwahl. Auch das hob, und die darauf folgende Unterhaltung über die Wunder der EC-Kartenzahlung versöhnte mich zusehends mit meinem Ekel, der, wie der aufmerksame Leser weiß, grundsätzlich ist, aber dank raffinierter Verdrängungstechniken nur sporadisch so virulent wird, wie gestern Abend.
Ich schob mich und meine Geschenk-Idee für meine Frau, die wie alle Frauen einen ausgeprägten, schwer zu verstehenden Sinn fürs Herausputzen hat, hinaus ins Gewühl, fragte mich durch zwei, drei Geschäfte und landete dann den Treffer, von dem ich heute früh noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte.
Fazit: mein erster Geschenkgang hat sich erledigt, ich bin nun offen für Abenteuer.
Pfiff doch gerade neben mir eine junge Frau ein Lied. Nicht schlecht, sage ich im Vorübergehen, was ist das?
Ach, Ohrwurm, sagt sie, kennen Sie sicher nicht, ist ein Rapper.
Was wissen Sie, was ich kenne und nicht, dachte ich noch, aber da war sie schon weiter und mir blieb nichts, als den vorletzten Satz unter kleine Demütigungen des Alters abzuheften.

 

Sa 4.12.04   13:45

Lügen, die helfen, die Vorweihnachtszeit zu genießen.

1: Das Leben ist schön.
2: Die Menschen sind gut.
3: Die Liebe ist unbesiegbar.

Denkbar wäre auch die Negation der genannten Drei.
Viel Spaß also mit dem Entweder oder dem Oder.
Der Autor (ich) hat sich (natürlich wussten Sie das) längst für die ersten drei entschieden.
Natürlich. Unerschütterlich gut gelaunt wie er immer ist und unerschrocken den Schrecken ins Auge blickend.

14:50

Der Tierarzt, um den es in dieser Geschichte geht, lebt im Westmünsterland. Er liebt seinen Beruf. Sein Hobby ist Kunst. Er kauft sie und lebt mit ihr. Als er anlässlich einer Ausstellungseröffnung Bilder des canadischen Malers D. sieht, ist er begeistert und fragt den Galeristen, ob D. nicht bereit wäre, ein Portrait von ihm zu malen. Frag ihn doch selbst, sagt der Galerist und das tut der Tierarzt. D. sagt zu, lebt vierzehn Tage im Hause des Tierarztes und malt ein großes Bild. Es zeigt den Tierarzt während der Operation eines Pferdes. Der Tierarzt hebt gerade etwas aus dem geöffneten Leib des Tieres: ein Auto. Der Tierarzt hatte, als D. in seinem Hause wohnte, einen Herpes auf der Oberlippe. D. hatte ihn mit gemalt. Der Tierarzt, der das Bild hervorragend fand, sich aber nicht traute, D. zu bitten, den Herpes auf seiner Oberlippe einfach zu übermalen, weil er das als unzulässigen Eingriff in die Arbeit eines Künstlers begriff, zahlte zwar für die Bild, hängte es aber nie auf.

 

So 5.12.04   11:39

Eigentlich hatten wir in der Guten Quelle nur ein Bier trinken wollen. Aber dann stand Adolf E. plötzlich an unserem Tisch. Er ist Kassierer bei der Sparkasse und natürlich kenne ich ihn als Kassierer. Nun aber schien er bereit, sich auf anderer Ebene vorzustellen. Er lächelte. Er stützte beide Arme auf unserem Tisch auf und schaute uns an. Zweifelsohne war er betrunken. Ich lächelte zurück.
Sie sind doch Künstler, nicht? begann er.
Ich schreibe Kinderbücher, ja, sagte ich vorsichtig, denn bei so einer Eröffnung muss man vorsichtig sein.
Ja, ja, sagte er schwärmerisch, "Der Mohr von Roxel", aber ich habe den nicht gelesen.
Eh ich noch sagen konnte, dass er ihn ja auch höchsten im Radio hätte hören können, trat er lächelnd ab und verschwand in der Toilette.
Ich hoffte, damit hätte es sich.
Als er sich wieder an seinen Tisch setzte, den Stammtisch, hatte ich das Gefühl, er beobachte mich.
Lass uns weg, sagte ich zu meiner Frau, aber da war es schon zu spät. Er kam zu uns und setzte sich. Die Kellnerin brachte uns zwei Aquavit. Adolf E. gab einen aus. Wir prosteten uns zu.
Ihm wäre wieder eingefallen, was er vorhin hätte sagen wollen, sagte er, er wäre doch ein frei denkender Mensch, und die Feuerwehr hätte 100jähriges Bestehen und ob mir dazu nicht etwas einfallen würde, ich wäre doch Künstler.
Da hatte ich den Salat.
Nach einigem Hin und Her fiel mir ein, dass die Freiwillige Feuerwehr etwas hoch modernes sei, eine Bürgerinitiative.
Ja, ja, sagte er. Er wolle aber ein ganz besonderes Jubiliäum. Nicht nur historische Uniformen und Spritzen und so etwas.
Mir fiel nichts ein, ich schlug vor, er solle mich doch einfach einmal einladen, wenn sie über das Jubiläum sprächen.
Ja, sagte er, das könne er wohl. Und dann machen wir einen Atemschutzgang.
Ich verstand Artenschutz und fragte, was das sei.
Nein, nein, Atemschutz verbesserte er.
Ich sagte, dass ich noch nie eine Sauerstoffmaske getragen hätte, es mir aber wohl zutrauen würde. Fit wäre ich. Ja, sagte er, fit bist du.
Während er an unserem Tisch saß, kam es immer wieder zu Gesprächspausen, die er mit freundlichem Lächeln überbrückte. Er sagte dann, jetzt habe ich vergessen, was ich sagen wollte, oder, jetzt habe ich den Faden verloren und ähnliches. Er wollte wissen, wie lange ich schon in Roxel lebe.
Ich sagte, über zwanzig Jahre.
Dann bist du ja ein Roxeler, sagte er.
Ich verneinte. Ich sagte, dass ich in Wirklichkeit immer noch ein Gronauer sei, obwohl ich schon seit über 30 Jahren nicht mehr dort lebe.
Er sagte, es wäre auch gar nicht so einfach, Roxeler zu werden.
Allerdings, bestätigte ich, vor allem, wenn man nicht auf Vereine steht.
Ja, ja, lachte er, aber die Tatsache, dass ich den Roman (das Hörspiel, verbesserte ich, der Roman erschiene erst im nächsten Jahr) über Roxel geschrieben habe, mache mich doch zum Roxeler.
Da saß ich also mit hochrotem Kopf, umworben vom Vorsitzenden der Freiwilligen Feuerwehr, über dessen Vornamen ich schon die ein oder andere Spekulation angestellt hatte.
Adolf E., meinte meine Frau später, sei sicher ein guter Kerl, einer, der immer von etwas anderem geträumt habe, als Kassierer zu sein.
Warten wir ab, ob er sich erinnert, wenn er wieder nüchtern ist, sagte ich.
Ich jedenfalls versprach, dass ich kommen würde, wenn sie sich über das 100jährige Feuerwehr-Jubiläum unterhielten. Wer weiß, vielleicht schreibe ich ja demnächst einen atemberaubenden Roman über die Feuerwehr. Skrupel hätte ich nicht. Mir ist nur das Umarmen ein wenig unheimlich. Ich weiß nicht, ob ich das will oder nicht.

 

Mo 6.12.04   11:37

Ich hatte gehofft, dass der Lesewettbewerb des Börsenvereins vor großem Publikum stattfände, hatte auf fiebernde Mütter und Großeltern gesetzt, die mit Pauken und Trompeten anfeuernd auf ihren Stühlen turnten, stattdessen war es eine sehr intime Veranstaltung vor ca. 10 Schülern. Fünf von ihnen war die Vorlesenden. Hinzu kamen die Jury-Mitglieder, noch einmal sechs Personen.
Jedes Kind las zunächst aus einem von ihm favorisierten Buch.
Danach las ich aus dem Heiligen Bimbam. Anschließend musste jedes Kind aus dem Bimbam lesen.
Ein Mädchen, das aus einem Zicken-Roman gelesen hatte (so nannte eine Buchhändlerin, mit der ich im Anschluß sprach, diese Art Bücher), nicht zufällig, wie ich fand, gewann die Qualifikation für die nächste Stufe der Leseausscheidung. Ich nehme an, man steigt wie beim Fußball höher und höher, bis man die Bundes-Krone erringt. Bis dahin wird sicher viel Schweiß fließen.
Meine Hoffnung, all den unterstützenden Müttern und Großeltern partienweise Romane verkaufen zu können, hat sich also nicht erfüllt. Mein Weihnachtsgeschäft hat einen abrupten Einbruch erfahren, was gravierende Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft haben wird.
Dieser sensible Organismus reagiert ja selbst auf schlechte Verdauung, Neurodermitis und was es sonst an Unregelmäßigkeiten geben mag. Ich rief daher sofort an der Börse in Frankfurt an, um Stützkäufe zu tätigen, denn Börsianer wie ich lassen sich natürlich durch Einbrüche nicht entmutigen. Im Gegenteil. Geübt in haarsträubender Spekulation tun wir immer das Richtige zur falschen Zeit bzw. Vice Versa, was auch wichtig ist und unserer Leitkultur Dynamik verleiht.
Von meiner bescheidenen kleinen Vorstellung aber einmal abgesehen sind an anderer Stelle (in Düsseldorf, um präzis zu sein) heute andere Selbstdarsteller intensivst damit beschäftigt, klarzustellen, wer Deutschland retten kann und wer nicht, daher graust es mich nicht, denn ich weiß, diese leuchtenden Patrioten sorgen sich sowohl um meinen DAX als auch um den Mufti, der sich partout nicht an unsere Regeln halten will.
Wie kam ich drauf? -
Ach ja, ich las heute früh und musste feststellen, dass die Umsätze einbrachen.

15:52

Ein Portrait des Johann Junkerdink ist aufgetaucht.
Der Verlag, der Mein Prinz im März nächsten Jahres publiziert, hat heute auf der Burg Hülshoff Fotos davon gemacht. Wir werden das Portrait für den Buchumschlag nutzen. Nun bin ich gespannt, wie er aussah, mein Mohr. Vielleicht fahre ich morgen selbst einmal hin, wenngleich ich im Frühjahr, als ich zum letzten Mal dort war, kein Portrait des Mohren gesehen habe.

Morgen 2 Lesungen in einer Grundschule ganz in der Nähe.
Übermorgen das Gleiche.
Ich schwimme im Geld.

 

Di 7.12.04   13:03

Lieber Herr Mensing,
leider müssen wir Ihnen heute mitteilen, dass wir aufgrund sinkender Verkaufszahlen und hoher Lagerkosten den Ladenpreis für den o.g. Titel im 1. Halbjahr 2005 aufheben müssen. Gerne möchten wir Ihnen die Restauflage oder eine Teilmenge davon zum verbilligten Preis (Herstellkosten) anbieten: ca. ...Ex. à 1,29 EURzzgl. MWST und Versandspesen. Bitte geben Sie mir bis spätestens 15. Dezember Nachricht, ob Sie von unserem Angebot Gebrauch machen möchten. Mit freundlichen Grüßen...


Fuhr über verschlafenes Land, wo nur Möbelmärkte auf matschgrünen Wiesen über die Toppen beflaggt Optimismus verbreiten. Bog nach ein paar Kilometern in eines dieser Gewerbegebiete ab (jedes Kaff zwischen hier und Timbuktu hat so eines) und fand die Ludgerus Grundschule, in der ich lesen sollte:
Waschbeton. Gepflasterter Schulhof, unter dem kaum ein Strand zu vermuten war.
Kein Ansprechpartner weit und breit. Noch zwanzig Minuten.
Dann taucht aus der Tiefe des Raumes die Vorsitzende des Fördervereins auf.
Eilend, mit ausgebreiteten Armen.
Guten Tag. Guten Tag.
Sie zeigt mir, wo ich lesen soll.
Es ist der vordere Teil einer Turnhalle, durch einen grauen Raumteiler von der übrigen Fläche abgeteilt.
Hier riecht es, wie es in Turnhallen immer riecht. Auf einer Fläche von 10 x 20 Metern sind Matten verteilt. Mein Zuhörer werden also am Boden hocken, was, wie ich schon an anderem Ort erwähnt habe, für den Vorlesenden nicht von Vorteil ist.
Punkt Neun tauchen 90 Erstklässler auf.
90 Kinder, die gerade erst eingeschult worden sind, 90 Kinder, die zum ersten Mal eine Lesung besuchen.
Mir schaudert.
Eh ich zu Lesen beginne, tanzen wir den Indianertanz. Rufen hi-hi-hi- und ho-ho-ho, springen von einem Bein auf das andere und sind so laut wie nur möglich.
Meinen Hintergedanken werden Sie leicht errraten.
Dann zünde ich Stufe Zwei.
Ich bereite den Boden für die Geschichte. Requisiten sind keine da, aber das macht nichts, die Feder, den Indianer, das Lagerfeuer, das Tipi und das Pferd, das alles sind Dinge, die ich den Kindern hinterm Ohr hervorzaubern kann.
Ich arbeite mit Behauptungen.
Ich sage, "ach schau, da ist ja ein Pferd in deiner Tasche", bitte das Kind aufzustehen, stelle ihm das eingebildete Pferd auf die Handflächen seiner ausgestreckten Hände und bitte es, das Pferd/die Feder/das Feuer etc. an einem vereinbarten Ort abzustellen.
Das funktioniert. Aber noch hat die Geschichte nicht begonnen. Noch bin ich bei den Vorbereitungen.
Was steht da? frage ich und sie rufen begeistert im Chor: die Feder, das Feuer, das Pferd, das Tipi, der Indianer.
Ganz einfach, oder?
Ich glaube, wir sind so weit.
Ich beginne.
Jedoch schon nach zwei, drei Sätzen weiß ich, dass ich mit Lesen hier nicht weit kommen werde.
Zum ersten Mal in meiner Lese-Karriere entschließe ich mich, ein Buch von der ersten bis zur letzten Seite zu spielen. Das Spielen ist dabei nicht einmal das Schwerste. Das Schwerste ist, dass ich mich vom Text lösen muss. Dass ich all das, was mir lieb ist, das, wovon ich glaube, dass es Literatur ist, außen vor lasse, dass ich der Geschichte das Fleisch von den Knochen nage.
Aber es gibt keinen Ausweg.
90 Erstklässlern werde ich in einer Turnhalle, in der einen das Elend anspringt, wenn man sie betritt, nicht ein halbe Stunde vorlesen können. Das schaffen sie nicht. Das sind sie nicht gewohnt.
Ich lege das Buch weg und bin auf glattem Eis.
Eine dreiviertel Stunde später rufen sie Zugabe Zugabe Zugabe.
Ich verbeuge mich, wir tanzen noch einmal den Indianer Tanz, ich gebe Autogramme und weiß, dass es funktioniert hat.
Bin ich froh? Ja.  
Wie sagte Hans Albers in der Großen Freiheit:
Jeden Abend den Affen machen - es gibt auch noch was anneres.
Stimmt. Da hat er Recht. Aber Spaß macht das, Hans, oder? Sonst würdest du's ja nicht tun.

Der zweiten Gruppe (gleicher Ort, gleiches Wetter: trüb), 90 Kinder der dritten Klasse, lese ich aus der Sackgasse. Und da mir der Arsch von der Lesung vorher noch glüht, spiele ich auch diesmal so viel ich nur kann, spreche vorab grundlegende Kommunikationsregeln ab, und kann ab da eigentlich machen, was ich will, sie scheinen das Spiel zu akzeptieren. Lese höchsten zwei Drittel dessen, was ich während einer "normalen" Lesung schaffe, habe aber dennoch großen Spaß. Und bin nun fix und fertig.

Morgen werde ich an gleichem Ort vor zweiten und vierten Klassen lesen. Die Frage wird sein: was??? Was lese ich? Ich schätze, ich werde entscheiden, wenn ich die Kinder sehe.

17:04

das jahr, i. war ein hartes. diese seltsame stumme zurückhaltung zu anfang, das zögerliche herausrücken mit der sprache kurz nach unserem treffen in düsseldorf, das hat mich angepisst, und eine weile hatte ich das gefühl, wieder einmal genau das getan zu haben, was ich nie hatte tun wollen, nämlich geschäftsleuten mein vertrauen zu schenken, weil geschäftsleute immer geschäfte machen und lieber schlechte literatur gut, als gute schlecht verkaufen.
gut. jetzt also weiß ich es, und ich hoffe, i. dass ich mich in dir nicht täusche, dass du trotz deiner funktion als programm-chefin noch eine stille ecke pflegst, in der du autoren stützt, die gerade einmal nicht so verkaufen, wie sich der geschäftsmann das vorstellt.
ich habe lang überlegt, ob ich dich anrufen sollte, denn meine bitte um neue autogrammkarten hätte ja genauso gut einen endgültigen offenbarungseid heraufbeschwören können, nein, tut uns leid, mensing, sie nicht mehr.
das also wäre vom tisch, i., und ich hoffe, dass wir irgendwann in nicht allzu langer zeit einen gemeinsamen erfolg feiern können, einen, der heraus ragt.
bis dahin werde ich schreiben, dass die finger bluten (na ja, tun sie nicht, dumme metapher), ein neuer roman ist gerade fertig, er heißt "der fluss", ein gruselroman der das motiv des fliegenden holländers variiert, so dass er bei mir als untoter flusswanderer meinem held jaki, dessen vater und dessen freund, dem professor, das leben während einer ferienfahrt im kanu auf einem fluss sauer macht.
ich habe ihn noch niemandem angeboten, du weißt nun davon, aber du weißt auch, dass bei euch noch tilli, geige und die birkenbande liegt, den ich als nächsten veröffentlicht sehen möchte.
es gibt interesse hier und da, aber nichts genaues weiß man noch nicht.
ich finde, als nächste wäret ihr nun am zug.
als vertrauensbildende maßnahme könntet ihr verbindlich sagen, ja, dann und dann machen wir ihn, mit entsprechender konsequenz, sprich: vertrag.
bis dahin bin ich auf dem freien markt unterwegs. mal sehn, wohin das führt.
so, nun habe ich dir mein herz ausgeschüttet, und ich hoffe, dass du mir nicht hintenrum einen reinwürgst.
grüße alle, eine geruhsame zeit wünsche ich, bis bald
hermann

 

Mi 8.12.04   12:32

Der Arbeitsplatz des Dichters heute um 8:55 Uhr.

Die erste Lesung aus Flanken, Fouls und fiese Tricks habe ich - nach meinem gestrigen Höhenflug - nach allen Regeln der Kunst versemmelt. Aber es hat niemand gemerkt. Sie haben trotzdem Zugabe Zugabe geschrieen.
Die zweite hingegen aus Der heilige Bimbam war besser, als die Beste gestern. Insofern bin ich zufrieden. Ich habe viel gelernt in diesen zwei Tagen. Und ich habe Bücher verkauft. Jede Menge Bücher. Jetzt noch viermal in Bochum lesen, dann ist Weihnachten. Mal sehen, was nächstes Jahr wird.

17:17

Glauben Sie, dass auf den irakischen Ministerpräsidenten Allawi ein Anschlag geplant war? Riecht das nicht sehr nach "seht her, wir haben das Problem im Griff?" - Ich glaube, dass da zur Beruhigung des Publikums ein wenig gemauschelt wurde. Ist es nicht äußerst seltsam, dass ein Zugriff auf islamische Terroristen erst wenige Stunden vor einem geplanten Anschlag stattfindet? Man wusste doch, wer wo wohnt, oder? Mit gesundem Menschenverstand kann man doch schließen, dass die Bewegungen dieser "Schläfer" schon länger bekannt waren. Warum also erst ein paar Stunden vorher?

Noch etwas zur inneren Sicherheit. Frau Merkel, die, wie Sie sich erinnern werden, dem amerikanischen Präsidenten Bush, einem der übelsten sich frei bewegenden Verbrecher, als eine der Ersten in den Arsch kroch, als es darum ging, den Irak anzugreifen, gibt nun folgende These aus:
Attacke gegen die Rot-Grüne Koaltion, Feuer einstellen in den eigenen Reihen.
Nun - Letzteres verstehe ich, denn wahrscheinlich hat Frau Merkel aus dem Irak-Krieg gelernt, dass unter friendly fire oft mehr Menschen ums Leben kommen, als unter dem Feuer des Feindes.
Was die Attacke gegen Rot-Grün angeht, die ja ausbaden, was die CDU-CSU in über 16 Jahren Nichtstun angerichtet hat, verstehe ich Frau Merkel nicht. Sie sollte sich eigentlich schämen, dass nicht ihre Fraktion den Mut gehabt hat, Weichen für das nächste Jahrtausend zu stellen.

So viel zum späten Nachmittag aus meiner Sicht.

Ich habe heute zum dritten Mal in meinem Leben Lotto gespielt und werde morgen 16 Millionen einsacken. Ich werde aber niemandem davon berichten. Ich werde mein einfaches Leben weiter leben und mich freuen. Also, wie heißt es doch in der Drei Groschen Oper: Heute abend sehen Sie mich Gläser abwaschen, und Sie wissen nicht.....weiter weiß ich nicht, aber ich schätze, Sie kennen das Lied, oder?

Aloha.


Do 9.12.04   16:45

dämliches aus dem hause men-sing

am lingam trägt der weihnachtsmann
ein licht, damit er sehen kann
ein glöckchen, dass man ihn gut hört
und einen schal, falls er mal frört...

 

Fr 10.12.04   10:10

Alle Weihnachtsgeschenke sind besorgt und eingepackt.
Während ringsum der Wahnsinn tobt, lehnen wir uns zurück und freuen uns still.

11:30

Was für ein schöner Tag war das gestern. Seit Jahren gehen wir diesen Trubel, den viele nur noch als Stress erleben, mit Ruhe und sorgfältiger Planung an. Übers Jahr führen wir geheime Listen, in denen Wünsche vermerkt werden. Mit diesen Listen treiben wir durch die Geschäfte und schauen, was machbar ist und was nicht. Vorher jedoch frühstücken wir, zwischendurch trinken wir hier und dort einen Kaffee, und wenn wir nach drei, vier Stunden alles erledigt haben, freuen wir uns.

Noch mehr Freude kam auf, als ich die Korrekturabzüge von Mein Prinz in Händen hielt.
Leider habe ich keinen Scanner, so dass ich den Titel gegen ein Fenster geklebt abfotografiert habe, aber für einen ersten Eindruck reicht das. Ich bin sehr zufrieden:

 


14:18

dämliches aus dem hause men-sing

Knittert ihre Jacke
zittert ihre Backe
geht ihr Arsch auf Grundeis
mangelt es an Grundfleiß?

Haben Sie kein Geld mehr
schießen Sie aus Notwehr
sollten Sie nicht klotzen
statt hier rumzumotzen?

Töten Sie doch wahllos
werden Sie im Schmerz groß
lassen Sie mal hängen
schön ist auch: mal sprengen!

Tun sie böse Taten
etwa: mal verraten
einen einfach schneiden
Blutspuren vermeiden!

Guter Rat vom Meister
kostet, Scheibenkleister
schicken Sie mir Bares
andernfalls dann wer es (das für Sie....)

 

So 12.12.04   16:40

Freilich ist es selstsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,
kaum erlente Gebräuche nicht mehr zu üben,
Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen
nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;
das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,
nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen
wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam,
alles, was sich bezog, so lose im Raume
flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam
und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig
Ewigkeit spürt. - Aber Lebendige machen
alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.
Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter
Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung
reißt durch beide Bereiche alle Alter
immer mit sich und übertönt sie in beiden. (1)

 

Mo 13.12.04   9:02

Die Lawine, die ich mit meinen letzten, frei um die geschriebene Geschichte improvisierten Lesungen losgetreten habe, ist gewaltig. Ich träume davon. Ich sehe, wie mir die Geschichte entgleitet, wie ich da stehe, den Faden verloren habe, und ihn nicht wieder aufnehmen kann.
Morgen stehen zwei Lesungen an.
Eine aus Der zehnte Mond, die andere aus Voll die Meise.
Bei beiden könnte ich sowohl lesen als auch improvisierend frei erzählen.
Für welche der Möglichkeiten ich mich entscheide, werde ich wohl erst wissen, wenn alle Kinder sich in der Aula versammelt haben.
Für die Improvisation spricht, dass ich den Kindern näher bin.
Gegen sie, dass der Witz mancher Sätze verloren geht.

Zwei Lesungen morgen, zwei am Donnerstag - ich werde schlecht schlafen, mein Magen rumort, ich bete.

 

Di 14.12.04   16:45

Ein strahlender Tag, kalt, weiß & blau. Fand die Schule in B. nach nur 1maligem, kurzen Verfahren. Eine 2zügige Grundschule , der Englisch Raum ist mein Auftrittsort, es ist warm dort, sehr warm, ein überhitzter öffentlicher Raum. Ich habe schlecht geschlafen. Wahr ist auch, dass der Weltekel groß in Weihnachtsdekorationen baumelt, dennoch war ich voller Zuversicht heute früh.
Dann aber kamen drei Lehrerinnen mit so trüben Gesichtern, drei Abwehrende, drei Skekptische, im Gefolge ca. 40 Vor- und Grundschulkkinder, noch so klein, dass ich dachte, vielleicht haben sie mich als Kasper engagiert.
Ich begann mit den gelesenen Sätzen, erzählte dann frei, stieß auf viel Unruhe, hatte wenig Grund zur Freude und war, als es vorüber war, froh. Reif für die Insel.
Nach der zweiten Lesung rief mich die Buchhändlerin, die den Büchertisch im Musikzimmer machte, und die ich bei meinen Lesungen an einer anderen Schule in B. im letzten Jahr kennen und schätzen gelernt habe, zu sich, beugte sich verschwörerisch zu mir und sagte: Na, sind das Snobs hier?
Ich nickte, froh, so etwas zu hören, bestätigte es doch meinen Eindruck. Snobs, ja.
Donnerstag werde ich strikt nach Regel und Gesetz lesen, und dann ab dafür, weg, Feierabend.

 

Mi 15.12.04   17:10

dämliches aus dem hause men-sing

darnieder liegt der weihnachtsmann
weil er den stuhl nicht halten kann

 

Do 16.12.04   19:45

Gemäß den Gesetzen der Deduktion komme ich nach meiner heutigen Lesungen zu folgendem Fazit: "Das war gut, wie Sie da vorgelesen haben, Herr Mensing...."
"Danke Nils."
Nils ist Drittklässler und hat ein freundliches Mondgesicht mit blondem Haar.
Die Buchhändlerin war auch sehr zufrieden.
Allein von der Sackgasse 13 hat sie 60 Exemplare verkauft.
Folge ich oben genanntem Gesetz weiter, kostet die Anrichte Fiffikus, die ich auf dem Heimweg heute bei einem Möbeldiscounter, bei dem ich nie mehr kaufen werde, kaufte, und in drei Stunden, in denen ständig neue Probleme auftauchten, zusammenschraubte, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass eine Schriftstellerstunde 300 Euro kostet, 450 Euro.
Für diesen Preis hätte ich auch eine Anrichte aus einem hochwertigeren Sortiment erstehen und mir kostenfrei nach Hause liefern lassen können. So lernt man eben nie aus. Der Fiffikus steht nun in der Küche. Noch müssen die Handgriffe angebracht und die Türen justiert werden. Eine Aufgabe für morgen. Für heute bleibt nichts mehr als Gute Nacht zu sagen.

dämliches aus dem hause men-sing

hält der weihnachtsmann den stuhl
ist er cool.
darf dann ruhig darnieder liegen
und sich seine palme biegen

 

Fr 17.12.04 9:25

Der Preis der Anrichte Fiffikus betrüge natürlich 1050 Euro, nicht 450, wie oben fälschlich errechnet. Nun ja, kleine Rechenfehler machen die Welt symphathisch.

 

Sa 18.12.04   12:17

Weihnachten 2004

Dem Christkind wollen wir den Arm auskugeln
und dann mit Klebeband den Mund verschließen
wir wollen es mit heißem Öl begießen
und freudig dann der Reihe nach berudeln.

Wenn es geschändet nackt im Schein der Kerzen liegt
wolln wir uns neue Qual ausdenken
es könnte sein, dass einer ihm den Hals verbiegt
während die andern es mit Messerstich beschenken.

Hach, wie der Christbaum leuchtet, während ringsum Blut spritzt
und wie die Augen funkeln, weil es sich auf diesem Christkind gut sitzt
und wie wir lachen, während ihm Aterien reißen
und wie es schreit,
als wir es aus dem Fenster schmeißen.

Man könnte meinen, Himmelschöre sängen
als Gläubiger möcht man, dass Engel ihre Flügel schwängen
als Mensch jedoch erhofft man, dass es hart am Boden aufkommt
und dann so tot ist, dass es nicht mehr rauf kommt.

So geht der Abend und ich grüße Herrn Gsella
und dessen Weihnachtsvers im FR-Feuilleton
wir sind im Internet doch schnella
und haben einen schärf'ren Ton.

16:15

Max hat Besuch...


 

So 19.12.04   11:56

Zum Vergleich: Thomas Gsella

Zur Aktualität Wolfgang Borcherts

Advent, Advent
Der Globus brennt
Erst einer, dann zwei
Dann drei, dann vier
Dann steht das Christkind
Draußen vor der Tür ....

 

Mo 20.12.04   11:05

Klare Kälte. Ab morgen werden die Tage wieder länger. Ich grüße.

12:16

Kleines Anleitung für Führer oder: Über die Macht der Behauptung!

In den Büschen beim Spielplatz des Ursula Kindergartens stehen vier Kinder, eines ca. zwei Meter abseits von den übrigen drei. Das abseits stehende sagt: "Ihr müsst mir jetzt folgen!"
Darauf erwidert eines der drei: "Nein. Ich bin der Anführer!" und geht los.
Zwei Kinder folgen.
Das abseits stehende Kind braucht einen Moment, eh es seine Niederlage begreift und sagt dann: "Lili, du bist aber meine Freundin, komm!"
Lili löst sich auch der Dreiergruppe und folgt ihm.

 

Di 21.12.04   19:37

Ich betrat gestern einen Matratzen-Discounter, um unsere alt gediente Familien-Matratze, auf der zwanzig Jahre alle Familienmitglieder ihre Spuren hinterlassen hatten, und die ich daher nur im Dunkeln entsorgen wollte, durch eine neue zu ersetzen.
"Was kann ich für Sie tun?" fragte mich eine Mittvierzigerin.
Was kann eine Matratzenverkäuferin schon für mich tun, außer mir eine Matratze zu verkaufen, dachte ich, lachte aber und sagte: "Tja, was wohl?"
Sie begriff und lachte auch.
Das Verkaufsgespräch begann.
Hinter ihr stand ein Mittdreißiger, groß, blond und fehl am Platze, der, das stellte ich gleich darauf fest, die gewünschten Matratzen holen und auflegen musste, damit ich sie anliegen konnte.
Man fühlt sich nicht sehr entspannt, wenn man im Wintermantel mit Mütze versucht, es sich unter den Blicken von zwei Verkäufern auf einer Matratze bequem zu machen. Ich testete zunächst eine Kaltschaummatratze, fand sie aber zu weich. Ich sagte, am Besten hätte ich immer auf der Erde geschlafen.
"Ah, dann weiß ich etwas", sagte die Verkäuferin. "Kommen Sie."
Wir wechselten den Standort.
Der Hilfsverkäufer legte eine Federkernmatratze auf den Rahmen.
Ich legte mich hin und hatte gleich ein besseres Gefühl. Die Federkernmatratze schien die richtige.
Ob man die allerdings in gewünschter Größe auf Lager habe, bezweifle Sie, sagte die Verkäuferin, während der Hilfsverkäufer herum stand und gute Miene machte.
Wir gingen zur Kasse. Die Verkäuferin schlug vor, in den Filialen nachzufragen.
"Gut", sagte ich, "tun Sie das", nutzte die Gelegenheit und ging zurück zur Federkernmatratze, um sie noch einmal in Ruhe auszuprobieren. Ich machte es mir bequem, probte Bauch- und Seitenlage, und dann stand dieser Hilfsverkäufer wieder verlegen lächend hinter mir. Ob er nun geglaubt hatte, ich wolle mir die Matratze unter den Mantel schieben und mich ohne zu zahlen davonmachen, weiß ich nicht, ich hatte auf der Zunge, ihn zu fragen, ließ es aber und konzentrierte mich aufs Liegen.
Von fern kam frohe Kunde.
Ja, hörte ich, die Matratzen (ich brauchte zwei, eine für mich, Härtegrad 3 und eine Partnermatratze Härtegrad 2 für meine Frau) seien in der Filiale an der Steinfurter Straße abholbereit.
Ich stand auf, ließ den Hilfsverkäufer stehen, ging zur Kasse, bedankte mich, sagte, sie solle mich in der Filiale ankünden, ich käme gleich.
Und so fuhr ich quer durch die Stadt zur Filiale Steinfurter Straße und kaufte zwei Matratzen.
Falls sie mir nicht gefielen, könne ich sie innerhalb drei Tagen zurück bringen, allerdings dürfte ich die Plastikumhüllung nicht entfernen, schließlich handle es sich um ein Hygiene-Produkt, sagte man mir.
"Natürlich", sagte ich, verbrachte die letzte Nacht auf knisterndem Plastik, hatte aber am Morgen zum ersten Mal seit langem keine Rückenschmerzen mehr, was mich auf der Stelle bewog, die Plastikumhüllung abzureißen.
So bin ich also in den Besitz neuer Matratzen gelangt, habe vom Preis fünf Prozent heruntergehandelt und mir versichern lassen, dass das Matratzengeschäft im Vergleich zum Vorjahr viel besser laufe.
Überall also Zeichen des Aufschwungs, als hätte ich es nicht gewusst!
Zu allem Überfluss erreichte mich heute der Frühjahrskatalag meines (Ex-)Verlages, in dem der Verlagsleiter P. vollmundig ankündigt, das abgelaufene Geschäftsjahr sei eines der besten seit Jahren gewesen, was mich sofort in tiefe Depression fallen ließ, kann das doch nur heißen, dass ich nicht dabei bin, oder?
Frohe Weihnachten, ihr Schweinepriester!!!

 

Mi 22.12.04   11:07

Graue Kälte. Bewegungsunlust.

18:02

Undenkbar ist es, dass die Ärgernisse nicht kommen; wehe aber dem, durch den sie kommen. Es wäre ihm besser, wenn ein Mühlstein um seinen Hals gelegt und er ins Meer geworfen würde, als dass er Ärgernis gibt einem von diesen Kleinen. (Lukas 17.1-2)

 

Do 23.12.04   12:52

Den Kindern der Regenbogenschule Krefeld gab ich dieses Interview.

1. Seit wann schreiben Sie Kinderbücher?

Die präzisere Frage müsste lauten: seit wann schreibe ich für Kinder, und die ist ziemlich genau zu beantworten. Etwa seit Anfang der 90er Jahre. Meine ersten Arbeiten für Kinder waren Erzählungen für die Radiosendung "Ohrenbär", die damals vom Sender Freies Berlin produziert und von fünf ARD Anstalten ausgestrahlt wurden. Eine sehr schöne Arbeit.


2. Wie viele Kinderbücher haben Sie schon veröffentlicht?

Die Frage lässt sich ganz leicht beantworten, aber ich beantworte sie nicht. Stattdessen fordere ich euch auf, meine Webseite anzuwählen: Unter www.hermann-mensing.de findet ihr unter Romane die gesuchte Antwort.
Unter Alle Arbeiten steht, was ich sonst so verbrochen habe.


3. Wie alt sind Sie?

Das ist eine blöde Frage. Auf Lesungen (vor allem in Grundschulen) antworte ich darauf gern mit einer kleinen Rechenaufgabe, das macht die Sache ein wenig spannender. Also, aufgepasst, so alt bin ich:
Ich bin 1949 geboren. Den Rest - die Wegstrecke von 1949 bis 2004 müsst ihr errechnen. Zur Not mit den Fingern. Viel Erfolg.

4.Wo wohnen Sie?

Ich wohne in Münster Roxel, ein Vorort, keine sechs Kilometer vom Zentrum, schon fast auf dem Land. Wenn ich mich auf mein Rad setze, und das tue ich oft, bin ich in einer knappen halben Stunden schon am Fuße der Baumberge.

5. Welches ist Ihr Lieblingsbuch, das Sie geschrieben haben?

Ich habe keine Lieblingsbücher. Lieblingsbücher sind immer die, an denen ich gerade arbeite. Im Augenblick schreibe ich einen Gruselroman. Mein Titel für dieses Roman lautet: Der Fluss. Es ist also eine Geschichte, die auf einem Fluss spielt.

6. Kann man vom Kinderbuchschreiben leben?

Ich kann diese Frage nur für mich beantworten. Ich kann es nicht.


7. Welchen Beruf haben Sie ursprünglich gelernt?

Es gibt mehrere Berufe. Zu Anfang war ich Speditionskaufmann. Dann war ich Zivildienstleistender in einem Krankenhaus in Duisburg und Gronau, wo ich sehr viel über die Menschen gelernt habe, danach war ich Weltreisender, dann Student, dann habe ich mein Referendariat als Lehrer absolviert, danach war
ich Schriftsteller und Hausmann, zwischendurch war ich Bühnenarbeiter und Zeitungsauslieferer, Gärtner und Bauarbeiter.


8. Welche Bücher haben Sie in der Kindheit gerne gelesen?

Ich habe als Kind kaum gelesen. Bei uns zu Hause gab es außer Wilhelm Busch nur noch Mecki-Bücher.

9. Welche Bücher lesen Sie zur Zeit?

Uwe Timm: "Rot"
Hans-Ulrich Treichel "Der Verlorene"
Hans-Ulrich Treichel "Der irdische Armor"
Jonathan Franzen "Die Korrekturen"

10.Was halten Sie von der neuen Rechtschreibung?

Ich bin weder dafür noch dagegen. Das mag komisch klingen, aber ich habe sowieso schon immer geschrieben, wie es mir passte. Es gibt allerdings Worte der neuen Rechtschreibung (Brennnessel z. B.), die mir überhaupt nicht gefallen. Andererseits finde ich, dass Sprache nicht Feststehendes ist, sondern sich ständig erneuert.


11. Haben Sie schon Preise gewonnen?

Kleine Preise ja. Aber Preise sind nicht das, worum es mir wirklich geht. Mir geht es um Leser. Ich würde gern Leser gewinnen. Bekäme ich einen Preis, würde ich mich bedanken und das Geld mit meiner Familie ausgeben.

12. Warum ist Lesen so wichtig?

Lesen ist wichtig, weil es das Hirn auf Trab bringt, so wie ein Dauerlauf den Kreislauf aktiviert. Lesen ist wichtig, weil es uns in Sekunden mit allen Gedanken, die je auf dieser Welt gedacht worden sind, in Verbindung
bringt. Lesen ist wichtig, weil es uns nichts aufzwingt, sondern die Freiheit gibt, abzuwägen. Lesen ist wichtig, weil es modern ist, moderner als jeder Computer, jeder Film, jede CD, denn man braucht weder Strom noch sonst irgendetwas. Man kann überall und zu jeder Zeit lesen, man kann sich an jedem Ort der Welt in jeden Ort der Welt bewegen, indem man ein Buch aufschlägt und zu lesen beginnt.

13. Warum wollten Sie Kinderbuchautor werden?

Ich wollte nicht Kinderbuchautor werden. Ich wollte nur schreiben. Dass ich nun für Kinder schreibe, hat wohl damit zu tun, dass ich derjenige war, der die Hausarbeit gemacht hat und von früh bis spät mit den Kindern zusammen war, will sagen, ich weiß eine ganze Menge über Kinder. Außerdem mag ich Kinder lieber als die meisten Erwachsenen.


14. Haben Sie auch schon einmal Bücher für Erwachsene geschrieben?

Habe ich, ja, zu finden auf meiner Webseite unter Alle Arbeiten. Ganz bis nach unten scrollen, auf Unveröffentlichtes klicken, da findet man die.


So. Ich glaube, das war's. Ich wünsche Euch viel Vergnügen beim Schreiben eurer Zeitung und würde mich
freuen, bei euch zu lesen. Und da ja bald Weihnachten ist, und ihr jetzt wisst, warum ich Lesen wichtig
finde, und ihr auch wisst, was mir lieber ist, als Preise gewinnen, geht los und kauft meine Bücher. Wenn nicht, komme ich vorbei und mache Radau.

 

Sa 25.12.04   17:54

Allemann breit. Schönstes Silvester seit Jahren.

 

Mo 27.12.04   14:37

From: "Hermann Mensing" <gnisnem@compuserve.de>
To: <info@hotel-nassau.nl>
Subject: Reservierung

Goeden avond,
ik will graag een 2 persons-kamer met zeezicht reservieren: aankomst Diensdag 28.12.04 - vertrek Donderdag 30.12.04.

Hermann Mensing
Dorffeldstraße 19
48161 Münster
Telefon 0049-2534-7880

Geachte heer Mensing,
Hierbij bevestigen wij uw onderstaande reservering
Kamer 22 €. 100,- zuidzijde met balkon
Include.ontbijt voor twee personen per nacht.

Met vriendelijke groet
HOTEL NASSAU-BERGEN
Marcus Compas


Fr 31.12.04   14:05

Flutlichter

Es trifft immer die anderen. Jeden Tag, irgendwo. Sie schauen zu, setzen Fett an und haben Freizeit. Sie sind entsetzt, aber dann sind Sie auch froh, dass es nicht Sie getroffen hat. Sie hocken da, wo es so gemütlich ist, Sie wissen nicht, was Sie tun könnten, doch dann haben Sie eine Idee.
Sie lassen sich ein Gedicht schreiben.
Sie nennen uns ihren Namen, ihre Adresse, Sie nennen ein Thema und garantieren auf Ehre und Gewissen, dass Sie mindestens 10 Euro für dieses Gedicht zahlen, 10 Euro, eingezahlt auf das Konto Aktion Deutschland hilft.
Wenn Sie uns das garantieren, erhalten Sie ein signiertes Gedicht, nur für Sie.

Diese Aktion, an der Sie unbedingt teilnehmen sollten, beginnt unter www.literaturcafe.de in den ersten Tagen des neuen Jahres.

16:20

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1. Rainer Maria Rilke, Duineser Elegien: Auszug aus: Die erste Elegie

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