Dezember 2010                                       www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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Mi 1.12.10 12:17


Damit das gleich vom Tisch ist, hier das ultimative Weihnachsgedicht zum kostenlosen Abgreifen.

Weihnachts ABC

Adventskalenderklappen öffnen
Bratäpfel mit Zucker löffeln
Christbaumschmuck und mildes Licht
Der erste Schnee weht ins Gesicht
Engelshaar ganz fein und weich
Frost zieht übern Gartenteich
Ganz, ganz viele Heimlichkeiten
Hundert Sachen vorbereiten
Im Schlafanzug das Haus durchstreifen
Jauchzen, Lachen, Pläne reifen
Kommt das Christkind, kommt Papa
Lauter Fragen an Mama
Marzipan zu Nikolaus
Nüsse und ein Knusperhaus
Oma strickt schon seit zwei Wochen
Papa bunte Weihnachtssocken
Qualm quillt dick aus den Kaminen
Rund orange sind Apfelsinen
Spannend ist es jeden Tag
Träumen darf man, was man mag
Unterm Bett versteckt man dies und das
Vieles macht am Heiligabend größten Spass
Wenn wir Lieder singen
um die Tanne springen
Heiligabend wird es nett
X und Y und Zett

Christmas ABC

Angels, watching
Better not disturb
Candles, flickering
Dancing shadows, get prepared
Every wish
Fulfilled - maybe
Glimpses
Hurry - secretly
Is There .....?
Joy, there is, indeed
Keep the secret
Love is all you need
Make it simple
Nearer to Noel
Oh what good times
Please be still
Question no more
Ring the jingle bell
Sing for Santa, sense the sweetest smell
Trees are decorated - what delight
U and I and all smile bright
Visitors on CHRISTMAS EVE
Wishes for heavenly peace
X for X-mas, Y for Yule and Zed
Dancing, singing, never go to bed....

23:17

Es wurde mit jedem Wort kälter.
Der November war davon. Ich wusste wohin.
Über der Anstalt kreisten Vögel.
Heuchler schrien sie.
Wie gut sie artikulieren, dachte ich.
Heile-Welt-Kein-Makel-Opfern.
Wie? Wovon wird da gesprochen?
Frage nicht, sagte die, die so lange mein war.
Frage besser nicht.


Do 2.12.10 12:22

Die Studiokatze mag, dass man sie krault.

19:19

Ruhiges Gleiten bei Schneematsch, während andere fahren, als führen sie auf trockenen Sommerstraßen. Verstehe das nicht. Den ganzen Tag im Studio. Die ersten 100 Seiten von Pop Life sind aufgenommen.


Fr 3.12.10 20:39

2ter Studiotag.
Weitere 100 Seiten. Morgen werden wir fertig sein.



Sprecher Wolfgang Tischer und ich.


Sa. 4.12.10
19:30

305 Seiten Text, 12 Stunden Audiomaterial, das jetzt geschnitten werden muss.
Viel Arbeit, aber Herr M. hat ja Zeit, und in einem Telefonat hat der Verleger ihm heute noch einmal versichert, dass er davon ausgehen kann, dass sein Roman "Der Weltuntergang - eine Romance" veröffentlicht wird.

Also.
Das Leben ist schön. Das Wochenende bedeckt sich mit Schnee, ich fahre gleich auf eine Party und trinke so viele Mojitos ich kann.


So 5.12.10
2:07

Im Studio

Der Autor liest mit ...



Carsten Hölscher, Meister an den Knöpfen, ebenfalls ....


15:22

Für Freunde der gepflegten Unterhaltung unterm Kopfhörer

schnitt durch silbernen nebel
legte mond auf eis
hockte mich in den schnee
bodenfrost kroch mich an
schlaf mich ein
dachte ich
da begann ein vogel zu singen
ich bin eine nachtigall sagte er
und kraft meines amtes
muss ich dir sagen
dass du
ganz gleich
was geschehen ist
leben wirst
wirst schon sehen
wie fragte ich
wie auch immer sagte er
immer und alles
von anfang bis ende
aha sagte ich
rieb mir frost aus den händen
und schickte eine sms
daumen tanzten über die tasten
immer und alles
und alles und immer
so lange es geht
wie dumm es auch sein mag
siehst du sagte die nachtigall
ja ja sagte ich
ich hatte vergessen
gut sagte die nachtigall
gab mir eine karte und flog davon
ich hielt die karte ins mondlicht
ihr name stand drauf
und ich wusste jetzt wieder
dass alles kommt wie es kommt

Mo 6.12.10 17:59

Audiomaterial für mein Pop Life Hörbuch geschnitten. Das ist eine anstrengende Arbeit. Es ist eine Arbeit, die nur Verrückte tun können, denn die Aussicht auf finanziellen Erfolg ist gering, das wissen alle Beteiligten. Aber zum Glück gibt es Verrückte. Es gibt Menschen, die Herzblut haben. Das ist eine gute Nachricht, finden Sie nicht?


Die Prinzessin

Autor, Sprecher, Produzent: Hermann Mensing
Musik: Marc Brenken, (Piano), Sven Otte (Kontrabass) und Bernd Gremm (Schlagzeug)




Di 7.12.10 17:08

Ich bin wieder Zeitmillionär, der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann.
Meine Katze fordert vehement Abendessen, aber sie muss noch warten.
In der Nachbarschaft leuchtet es weihnachtlich, meine rechte Schulter schmerzt von der Schneidearbeit am Pop Life Audio-Projekt, ständig muss hin- und hergeschoben werden, Schnitte müssen gesetzt, Übergänge gefeilt werden, aber die ersten zweieinhalb Stunden (97 Seiten von 304) sind fertig.

Ein wenig ermattet freue ich mich auf den Abend. Ich werde jetzt einkaufen, ich werde etwas Leckeres kochen, dann lege ich mich aufs Sofa und schieße mich ins All.

Mal sehn, wie es da ist.

Für den Januar liegt ein interessantes Projekt vor.

Die Ereignisse der letzten vierzehn Tage haben mich das Fürchten gelehrt, aber die Erleichterung überwiegt. Endlich bin ich wieder bei mir. Das ist unbezahlbar. Die Zukunft kommt, wie sie kommt. Ich überlebe, oder nicht. Letztendlich nicht, aber das ist normal. Das Problem hat jeder.

In diesem Sinne.



22:33



ich trage den kopf hoch
sie waren drauf und dran
ihn mir abzuschlagen
aber nicht mit mir
ich trage den kopf so hoch
dass ich ihn morgens manchmal nicht finde
ich gehe herum und suche
und dann liegt er
wo ich ihn gestern hingelegt hatte
ich trage den kopf hoch
weil mir nichts anderes bleibt
ich trage ihn überall hin
und zeige ihn her
ich habe keine angst
dass sie spotten
ich bin kopflos der beste tänzer
kommt einer und will etwas rein tun
was ich nicht will
bocke ich
ruhig brauner rufen sie dann
aber das hilft nicht
was ich nicht will will ich nicht
was ich nicht kann kann ich nicht wollen
was andere können geht mir arsch vorbei
ich werde nicht klein weil die anderen klein sind
ich mache mich auch nicht größer
ich bin so geboren
ich gefalle mir
ich kenne schrecken
ich habe sie überlebt
ich weiß dass noch viele kommen
aber sie können mir nichts
ich bin groß ich bin mutig
ich pfeife im wald
aber ihr kriegt mich nie


Mi 8.12.10 22:52

Fuhr gegen 11 in die Stadt, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Wie schön das war, früher, mit Chris. Ich nahm mir vor, den Tag zu feiern, für sie und für mich. Ich frühstückte, wo wir immer gefrühstückt hatten, beobachtete Menschen, die meisten in Gesellschaft, ich fühlte mich weit von ihnen und doch nah, schließlich Menschen, dachte ich, aber keiner, der mit mir spricht.

Es schneite. Dünner spitzer Schnee, der nicht liegen blieb, alle waren eingemummelt.
Ich hatte am Morgen gesehen, wie die Wellen an den sonnigen Strand von Cala Tarida schlugen und mich ein wenig an meiner Sehnsucht gerieben, dieser Sehnsucht nach Sonne und Wärme, die ich früher nicht kannte. Früher fuhr ich mit ihr an die Nordsee. Es regnete, es schneite, die Sonne schien, egal wie es war, wir waren glücklich und wenn wir hier waren, war die Webcam der Nordsee meine kleine Flucht.

Es gelang mir, die Kellnerin aufzuheitern, ich sprach mit dem Kassierer bei Zara, der mir versicherte, noch habe er die Nerven nicht verloren, fachsimpelte mit einer berlinernden Verkäuferin bei NoraNora über Qualität und Preise, ich saß in Wilms Hütte auf dem Weihnachtsmarkt, in der er von früh bis spät unter Decken eingepackt hockt und Kerzenhäuschen verkauft, um seine schmalen Einkünfte aufzubessern, ich wurde von holländischen Schülern interviewt, die Fragen zur Deutschen Weihnacht stellten, ich wartete an der Bushaltestelle und sprach einen Raucher an, erklärte, ich wolle ihm eine Zigarette abkaufen, weil ich oft, wenn ich unterwegs sei, meinen Tabak zuhause lasse, um nicht zu rauchen, aber er wollte kein Geld, er schenkte sie mir, er kenne das Gefühl, sagte er, Solidarität unter Diskriminierten, ich rauchte, dann kam der Bus und gegen halb drei war ich zuhause. Seitdem sitze ich und schneide Pop Life. Die Hälfte ist geschafft. Alle, denen ich heute von meinem Rauswurf erzählte, waren entsetzt und meinten, ich müsse am Boden zerstört sein. Das bin ich aber nicht. Ich war erschrocken, das schon. Aber ich war auch und von Anfang an erleichtert. Seit der Schreck abgeklungen ist, seit zwei Tagen etwa, fühle ich nur noch Erleichterung. Ich habe mich lange nicht mehr so leicht gefühlt. Ich werde wieder fliegen. Etwas Schöneres gibt es nicht. Der Rest wird sich finden.


Donnerstag 9.12.10 11:26

Die Sonne sticht ins weiße Land, im Westen braut Schnee die Wolken, noch wäre Zeit, den Mantel anzuziehen und die Welt zu umrunden, aber ich habe zu tun. Ich, entlassener Sträfling des alternativen Sicherheitstraktes, wo man sich mit kategorischen Imperativen an der Praxis wund reibt, habe keine Zeit, habe keine Wochenenden, kein regelmäßiges Einkommen, keine bezahlten Ferien, ich bin wieder vogelfrei, muss mich strecken und sehen, dass hier etwas angeschoben und dort ein Traum in die Hirne versenkt wird, damit die Saat aufgeht, wenn der Frühling kommt.

Irgendwann wird sie schon aufgehen, schließlich säe ich seit dreißig Jahren und die Saat ist von hoher Qualität, aber so ist das mit Qualität, der Konsument bevorzugt das billige, leichter zu konsumierende Produkt.

Ich sitze am roten Tisch, ich schaue hoch, die Nachbarin schiebt Schnee von ihrem Bürgersteig, Busse kommen, halten und fahren an, der junge Mann, der vor Wochen spätabends mit einem Herzinfarkt zusammenbrach, geht wieder herum, als wäre nichts gewesen, ich habe ein wenig Klavier gespielt, ich sehe, wie der Wind vor den geschlossenen Fenstern die Welt bewegt und bewege mich mit.

Was für ein aufregendes Jahr.
Was für eine turbulente Welt, seit Chris tot ist.

Manchmal wundere ich mich, dass ich nicht längst die Nerven verloren habe, aber es scheint, dass sie zu mir stehen und mich nicht fallen lassen, wie andere mich haben fallen lassen, statt sich vor mich zu stellen und mich zu schützen.

Wie da eingeknickt, weggeduckt, wie aus Furcht gekuscht wurde ist erbärmlich und durch nichts zu entschuldigen. Systemzwänge! ruft es aus dem Sicherheitstrakt. Ich verstehe schon, musst nicht so laut schreien, Wärter, ich begreife schon, ich laste es dir auch nicht an, trotzdem bleibt es erbärmlich.

Die Schatten kommen. Das weiße Licht liegt gefroren am Boden, einzelne Flocken taumeln, gleich werden es mehr, es ist warm in der Stube, ich höre den Wind, das Taumeln wird dichter, ich mache mich an die Arbeit: Pop Life, Kapitel 21, Seite 157.

Kaffee? Später.

14:35

Mittagspause mit Musik (bitte mit Kopfhörer)



18:09

Seite 202.
Abendessen kochen.
Vielleicht später noch ein paar Seiten schneiden.

21:42

Fernsehen. Fotos machen. Katze streicheln.



23:31

Ich kannte das Wort Feierabend bis März letzten Jahres nur vom Hörensagen. Dann habe ich es schätzen gelernt. Jetzt verstaue ich es wieder in eine Kiste, trage sie in den Keller und bete, dass ich nie mehr Feierabend haben werde.


Fr 10.12.10 8:25

Die Welt ist ein weißes Loch, ich rolle aus dem Bett, gehe ins Wohnzimmer, schiebe Kayne West in den Player, die Wohnung ist voll von dir, du bist nirgendwo, ich rufe, überall hallen Echos, die Welt macht keinen Sinn, ein Wort von dir, alles wäre vergessen, vergeben, ohne dich fällt das schwer. Ich rette mich in Sätze. Ich versuch's mit Kaffee und Arbeit.

10:45

Pause auf Seite 226.

13:25

Pause auf Seite 246.

14:10

Kopfhörer auf....



16:34

Alle Weihnachtsgeschenke sind gekauft, die einen Auge in Auge mit einem/r realen Verkäufer/Verkäuferin, die anderen übers Net, Klick Einkaufskorb Konto Bestellung absenden, zwei Tage später vor Ort. Gerade dann übern Markt geschlittert, vor mir dieser junge Mann, Schlaganfall, linke Seite, dachte ich, als ich hinter ihm wartete, weil es zu eng war, zu überholen. Als Platz war, sah ich die Narbe, die rechtsseitig übern Kopf lief, ein gewaltiger Schlag muss das gewesen sein, "gefährlich das Laufen, was" sagte ich und er sagte "ja", ich war an ihm vorbei, Mitte zwanzig, schätzte ich und verfluchte das Schicksal.

Der Kartoffelbauer schlägt Geld auf, wenn er eine Kartoffel mehr in die Tüte tut, das ist ein Gewitzter, preislich immer über den anderen, ich mag ihn nicht und dann wieder doch, weil er so einen Westfalenschädel hat und - wie ich - von seiner Ware überzeugt ist oder zumindest so tut. Die hübsche Metzgerin packt mir etwas ein, der Buchhändler, der seit Jahr und Tag eine Schuhschnellreparatur betreibt, steht vor seiner großen Schleifmaschine, hat also keine Zeit für einen Plausch, die Käsefrau schneidet mir ein Stück, um mir Gutes zu tun, "will aber heute gar nichts kaufen", sage ich, "wollte nur sehen, ob Sie wieder gesund sind."

Die steht da Tag für Tag und ist freundlich, dass es eine Freude ist, während vorm anderen Käsestand kaum je jemand steht, denn da verkauft ein Mann, der abweisend wirkt. Da hilft es nicht, ob sein Käse der bessere Käse ist, das Produkt verkauft sich über den Mann und die Frau.

Ich schlittere weiter, ich kaufe Weihnachtspapier, und als ich's auf die Theke lege, fällt mir auf, dass ich wieder das Teuerste gekauft habe. Immer, wenn ich etwas in die Hand nehme, das mir gefällt, ist es das Teuerste, woraus ich folge, dass ich bald viel viel Geld einnehmen muss, um diesem Fallstrick nicht Tribut zu zollen.

Auf dem Heimweg stolpern ausgewilderte Behinderte vor mir durch den Schnee, unförmig dick der eine, schwer humpelnd der andere, ein Mongo. Laut sind sie, und sie lachen viel, sie meckern miteinander, und Badewannenjupp steht da, den Stumpen im Mund und macht den Hitlergruß, den er als Pimpf gelernt und nie vergessen hat.

Vor der Haustür durchsuche ich alle Taschen nach meinem Schlüssel. Ich finde ihn, ich finde ihn schließlich, stelle aber mit Schrecken fest, dass beide Taschen meines Mantels Löcher haben, Glück gehabt, denke ich, gehe ins Haus, und dann ist meine Brille nicht da. Scheiße. Die eine ist noch auf Ibiza und keiner schickt sie zurück, jetzt ist die andere auch noch weg. Ich mache mich schon bereit, den Weg durchs Dorf zu wiederholen und nach ihr zu fragen, dann fällt mir ein, dass ich sie in den Tasche des anderen Mantels gesteckt habe.

Ich packe die Lebensmittel aus und ein. Es gibt Viktoriabarsch, Sie wissen schon, dieser Fisch, der den Viktoriasee dominiert und alle einheimischen Arten mit System ausrottet. Das Leben ist jämmerlich, die Menschen machen alles verkehrt, sie siegen und siegen, bis nichts mehr übrig bleibt.Ich esse einen Berliner, dann geht es zurück an die Arbeit. Noch 40 Seiten. Das Leben ist schön.


Sa 11.12.10
12:17

Heute habe ich nichts zu sagen. Nichts sagen gibt Sicherheit. Letztens habe ich zuviel gesagt, und das hat mich ein Monatsgehalt gekostet. Dabei hatte ich nur gesagt, was mir passiert war, mehr nicht. Aber Bbbrrring, bimmelte das Telefon und der Wärter sagte, so etwas dürfe ich nicht sagen, das verstoße gegen datenschutzrechtliche Bestimmungen. Aha, hatte ich geantwortet, aha aha, und, freundlich wie ich bin, das Gesagte vorübergehend an einen anderen Ort verbannt. Dort wartet es gespannt, ob es jemand besucht. Also sage ich heute nichts. Bleibe stumm, lasse die werdenden Mütter und Väter in diesem Kinderwarengroßhandel, in dem ich gerade einkaufte, Revue passieren, stelle fest, dass sie nach allen Regeln der Kunst über den Kindertisch gezogen werden, aber sie sind sediert, ihre Aussicht auf das bald die Weltbühne betretende Kind lässt sie ihre Brieftaschen zücken, denn sie wollen nicht nachstehen, sie wollen zeigen, dass sie sich einen Kinderwagen 1000 Euro kosten lassen können.

Ein paar Opas stehen herum. Opas sind die, die gern einmal einspringen mit Barem, schließlich sind sie alt und sterben demnächst, da juckt sie das nicht. Diejenigen, die Kinder haben und unterwegs waren, um aufzustocken, denn so ein Kind wächst ja in Nullkommanichts aus allem heraus, was man gestern gekauft hat, sprechen für meinen Geschmack viel zu wenig mit ihrem Nachwuchs.

Aber wie gesagt, das sage ich nicht, denn wenn ich es sage, beschwert sich vielleicht wieder jemand, und von Beschwerden habe ich die Nase voll. Also halte ich den Mund und mache es wie die drei Affen. So komme ich dem Rätsel der menschlichen Existenz am nächsten.

Fliegen! Wie lyrisch.
Gefeuert! Noch lyrischer.

Ich chatte mit dem Eierbauern, der gerade mit der Nachbarin flirtet (Multiktasking), ein rosiger, riesiger Mann, dick wie ein Stehaufmännchen, Herzinfarkt letztes Jahr, ich kaufe zwanzig Eier, er sagt, vor Weihnachten komme ich nochmal vorbei, ich sage, das ist gut, aber wenn ich's verpasse, lege ich mir selber 'n paar, übe schon jeden Morgen.

Vom Schnee sind nur noch flache Schneeinseln auf Gehsteigen geblieben, da muss der Mensch aufpassen, die sind glatt, zack, liegt er da und hat schon eine Schraube im Knochen. Der Samstag graut still, und ich habe, wie schon gesagt, nichts zu sagen, ich habe zu tun, ich muss anschaffen.

16:50

Verkünde stumm vor Stolz, seit Montag 12 Stunden Audio-Material geschnitten und in Form gebracht zu haben. Habe dabei einiges gelernt. Habe gelernt, dass der Sprecher zu Bäuerchen neigt, kleine, plötzlich aufsteigende Erruptionen. Die meisten konnte ich wegschneiden, manche aber hatten sich mitten unters Wort gebölkt, wie das gehen soll, wusste ich nicht, da wird der Spezialist mit seinen Unterdrückungsmaschinen eingreifen müssen.

Ich habe gelernt, dass der Sprecher "manchmal" wie "manschmal" ausspricht, meist jedenfalls, dann und wann aber richtig, und vermute dahinter Reste mundartlicher Prägung aus dem Schwäbischen. Ich habe gelernt, dass ein Tisch, auf dem ein Buch liegt, vor dem ein Sprecher sitzt, ein massives Möbel sein muss, das nie und unter keinen Umständen seufzt, und dass unter Druck stehende, mit Tee gefüllte Thermoskannen niemals in der Nähe eines Mikrofones stehen dürfen, Mikrofone sind hochsensibel.

Ich habe gelernt, dass manche Sätze in Pop Life Monster sind, lange Dinger, dabei schreibe ich in meinen Kinderbüchern meist sehr knapp und knackig.

Nun ist die Arbeit getan und ich denke darüber nach, mich in die Wanne zu legen. Allerdings wird mir in unserem Badezimmer schnell klaustrophob, es ist kaum größer als eine Abstellkammer und Fenster hat es auch nicht, deshalb wäre das Wannenliegen rausgeworfenes Geld. Sollte das Wasser besser in die Sahelzone verschicken oder in irgendeines dieser bettelarmen Länder, in denen Muslime ihre Gürtel umschnallen, damit sie uns Ungläubige wegsprengen können.

Feierabend, ruft das Wort aus der Kiste im Keller.
Heute abend feiere ich Geburtstag mit Spellboy, nicht zu verwechseln mit Hellboy, das ist jemand anderes.


So 12.12.10
10:47

Mit ein wenig Phantasie ist im Augenblick Frühling. Ich weiß natürlich, dass der Augenblick trügt, aber ich habe mich entschlossen, ihn zu zu feiern. Die Balkontür ist geöffnet. Der Schnee ist bis auf unansehnliche Reste geschmolzen. Vorm Fenster singen Vögel. Ich könnte auf dem Balkon Kaffee trinken, vorausgesetzt, ich zöge mich warm an. Der kontinentale Augenblicksfrühling ist nichts für Luigis im T-Shirt. In spätestens einer halben Stunde wird er Vergangenheit sein.

Ich bin schmerzfrei, Herz, Leber, Nieren scheinen einwandfrei zu arbeiten.
Spellboys Fest endete gegen 3:40 in einem Taxi, nachdem ich, schon in Mantel, Mütze und Schal einer promovierenden Biologin, die mir Erschütterndes aus ihrer Arbeitswelt erzählt hatte (60-70 Wochenarbeitsstunden bei 1.100 Euro netto, dazu noch ein schlechtes Gewissen, nicht noch mehr gearbeitet zu haben) zwischen Tür und Angel die Grundschritte des Salsa nähergebracht hatte.

Über das seltsame Verhalten der Zeit werde ich später berichten. Ein junger Soziologe und ich haben nämlich einen interessanten Feldversuch durchgeführt, aber wie gesagt, später.

16:23

Jetzt (noch nicht)



19:49

Der Soziologe und ich hatten beraten, ob man den Eltern des Geburtstagskindes die Vorbereitung zur Verkostung des aus biologischem Anbaus stammenden Krautes zumuten könne, hatten bejaht, aber um den Feldversuch zu starten, mussten wir auf den Balkon. Unter uns die regenfeuchte Straße. Dann und wann ein Auto. Kaum Menschen:

Alle Gäste warteten auf Mitternacht. Wir feierten in den Geburtstag. Die Stimmung wird erst später steigen, wie so oft bei Feiern. Das Wochenende hat gerade begonnen. Fast alle Gäste stecken in Berufen und Ausbildungsgängen. Sie ernten kaum Lob, stehen unter hohem Leistungsdruck, müssen sich finanziell strecken und habe düstere Zukunftsaussichten.

Man könnte schließen, dass das Grund des eher zurückhaltenden Auftaktes des Festes war, und dass das Warten auf Mitternacht die Zeit zusätzlich in die Länge gezogen hat, aber das entspricht nicht den Tatsachen. Weder ich noch die anderen langweilten sich.

Kaum hatten wir das Kraut verkostet, als ich auf die Frage des Soziologen "wie spät isses" erstaunt feststellte, dass keine drei Minuten vergangen waren, wir aber trotz Kälte glaubten, wir stünden seit Stunden hier. Fröstelnd gingen wir hinein. Fröstlend und ein wenig verwirrt. Ich geriet in ein Gespäch über Datenadministration bei einem Dienstleister der Sparkassen. Das Gespräch nahm kein Ende. Es war interessant, ich begann, das ein oder andere zu begreifen, aber als wir ans Ende kamen, waren kaum fünf Minuten vergangen.

Der Soziologe saß auf dem Sofa. Ich erzählte ihm von der sich streckenden Zeit. Ihm gehe es genauso, sagte er, und dann verbrachten wir eine lange Weile mit fröhlichem, kaum zu bändigendem Lachen, das einfach nicht aufhören wollte. Niemand hätte sich gewundert, wenn wir uns totgelacht hätten. Als es abklang, sagten wir uns, wir achten jetzt gar nicht mehr auf die Zeit, aber als wir nach einer halben Stunde doch darüber sprachen, waren wieder nur zwei Minuten vergangen und das Lachen brach erneut aus.

Wir müssten versuchen, das rückggängig zu machen, dachten wir, vielleicht könnte eine weitere Zigarette bewirken, dass die Zeit rückwärts liefe, aber das gelang uns nicht. Die Zeit schritt weiter. Irgendwann standen alle auf, sangen "Happy birthday" und "Wie schön, dass du geboren bist." Dann tanzte auch mal einer. Und der Rest ist wie beschrieben, das Taxi nach Hause etc. pp.


Mo 13.12.10 12:06

Komme von der Agentur für Arbeit. Habe keine Ansprüche. Man muss 12 Monate versicherungspflichtige Arbeit in den letzten zwei Jahren nachweisen, ich aber bin nach knapp 9 Monaten gegangen, und da ich als bei der Künstlersozialkasse versicherter Schriftsteller zwar für meine horrende Rente und die Krankenversicherung gezahlt, den freiwilligen Beitrag zur Arbeitslosenversicherung aber nie entrichtet hatte, weil ich aus Unkenntnis der Sachlage davon ausgegangen war, so etwas sei sowieso klar, könnte ich allenfalls Hartz IV einstreichen. Das tu ich mir nicht an. Ich werde mich bewegen und werde bewegt, der Rest findet sich, keine Panik.

19:37

Alles legt sich hin und wird weiß.


Die 14.12.10
10:28

Gut, dass man mich daran erinnert hat. Sokrates weilt natürlich noch auf der Insel. Die Videokonferenz mit dem Hohen Rat hat er hinter sich. Sie hat zu keinem Ergebnis geführt. Auf Sokrates Seite stand die Forderung nach klärender Öffentlichkeit, der Hohe Rat zog weitere Geheimhaltung vor, ein Kompromiss war nicht zu erreichen. Sokrates, der die Handzeichen der Athener, die ihre Reden täglich stützen und beflügeln, aus dem Effeff beherrscht, hat natürlich Handzeichen gemacht. Selbstredend hat er Handzeichen gemacht, aber er hat das außerhalb des von der Kamera gezeigten Ausschnittes getan. Vehement haben seine Finger sich zu diesem und jenem Kommentar gereckt, gestreckt, gekrümmt, mal waren es zwei, die miteinander kooperierten, dann drei, aber der Wichtigste war wohl der gereckte Eine, der manchem von Untersuchungen beim Urologen bekannt sein mag.

Das alles hat er getan und doch nichts erreicht, aber da er nun einmal Sokrates ist, der eines der berühmtesten Postulate der Philosophie formuliert hat, ist er nicht tief bekümmert, wie manche annehmen, die ihm bei seinen Spaziergängen hinunter zur Cala Carbo am Morgen begegnen, der Schuhmacher Manolo etwa, der Sokrates Geschichte mit einem "die haben doch total den Arsch auf" kontert, nein, Sokrates fühlt sich erleichtert und von großer Last befreit.

Nun Manolo, sagt er beschwichtigend, das mag sein, aber vergiss nicht, die Studenten zahlen für ihr philosphisches Rüstzeug, ihre Familien legen sich krumm, dem Hohen Rat sind gewissermaßen die Hände gebunden, man muss ihm verzeihen. Überhaupt muss man verzeihen, sonst käme man sehr schnell in Teufels Küche, und das will man doch nicht. Der Schuhmacher sah das immer noch anders und berichtete von einem Freund, der in seinen Musikseminaren niemals mehr ein Mangelhaft ausspräche, weil dann sofort Erziehungsberechtigte kämen und mit Vergeltung drohten. Tja, sagte Sokrates, so sieht das aus an antiken Hochschulen, und wohin das führt, das wissen wir. Ja, sagte der Schumacher, das wissen wir.

Ein Fischer winkte. Sokrates winkte zurück. Der Fischer fragte, ob er mit hinaus wolle auf See, der Tag verspreche einen guten Fang? Ja, sagte Sokrates, und so sehen wir ihn an diesem Morgen am Bug eines kleinen Bootes, es ist bewölkt, die Temperatur liegt bei 13 Grad, frisch für die Insel, aber gut für den zu erwartenden Fang.


14:49

Immer wenn es schneit, taucht er mit einer Maschine auf, die aussieht wie ein umgebauter Rasenmäher und räumt. Die Maschine stottert und knallt, aber seitdem ist unser Bürgersteig fünfzig Meter die Straße hinauf und hinab der bestgeräumte Bürgersteig weit und breit.

Letztes Jahr habe ich immer geräumt. Ich mache so etwas nicht gerne, zumal man in tiefem Schnee viel besser läuft als auf einer geräumten Fläche, denn unser Bürgersteig ist stark frequentiert und ergo bleiben immer festgetretene Schneereste, die eisglatt sind.


Wer ihn beautragt hat, weiß ich nicht.

Ich überarbeite einen Roman. Es geht um einen Jungen, der Gedanken lesen kann. Er erfährt vieles. Er führt ein Tagebuch darüber, das schwarze Buch. Da er zudem ein persönliches Geheimnis hütet, das ebenfalls in diesem Buch dokumentiert ist, wird er, als ihm das Buch abhanden kommt und in den Händen seines ärgsten Feindes landet, erpresst. Daraus entwickelt sich eine spannende Geschichte, die vor dem Hintergrund der letzten WM in Deutschland spielt.

Der Roman war schon einmal bei meinem Verlag. Man fand ihn gut, hielt aber das Motiv des Gedankenlesens für zu fantastisch. Nichts passend für das Programm. Ich hatte den Roman daraufhin zu anderen Romanen in die Schublade geschoben, Literatur wird ja nicht schlecht.

Vor ein paar Wochen kam mir die Idee, die Geschichte umzuarbeiten. Wie wäre es, fragte ich meinen Verleger, wenn ich es mit Lippenlesen versuchte? Das ist eine gute Idee, sagte der, aber funktioniert das auch? Das werden wir sehen, sagte ich. Jetzt, wo ich die Geschichte unter diesem Aspekt neu aufrolle, stellt sich heraus, dass es sehr gut funktioniert.

Eine schöne Arbeit, die mich in den nächsten Wochen begleiten wird.
Ich schätze, zum neuen Jahr werde ich fertig sein.



Mi 15.12.10 9:32

Männer haben mit Vorurteilen zu kämpfen. Die Diskussion ist aufgeheizt, man lastet ihnen alles mögliche an, vor allem aber stehen wir für Gewalt und sexuellen Mißbrauch. Gestern, es war spät, entschied ich mich zu einem Spaziergang. Ich habe so eine Runde. Ich biege am Ende meiner Straße rechts in einen Weg, der durch eine Grünanlage führt, ein paar Bänke stehen hier und da, es gibt einen kleinen Bolzplatz und Spielgeräte, die Wiese wird gern von Hunden zugeschissen. Alle fünfzig Meter stehen Lampen. Da die Welt im Augenblick weiß ist, ist der Weg nicht stockdunkel. Bei Regen ist das anders, da gibt es zwischen den Lampen Flecken, die einen Spaziergänger fast verschlucken. Etwa 30 Meter vor mir führte eine Frau ihren Hund aus. Natürlich bemerkte sie mich. Auf der Hälfte des Weges hielt die Frau plötzlich an. Der Hund schien erstaunt, die Runde war doch noch gar nicht zuende. Der Hund schnüffelte hier und da, dann drehte die Frau und kam mir entgegen. Sie war eine junge Frau, höchstens zwanzig. Auf gleicher Höhe senkte sie den Kopf und schien sehr verängstigt. Ich hätte gern Guten Abend gesagt, mir lag auf der Zunge, ihr zu versichern, dass nicht alle Männer, die abends ohne Hund spazieren gehen, böse Männer sind, aber sie duckte regelrecht weg und ich sagte nichts.


Do 16.12.10
13:00

Dieser Winter erinnert mich an meine Kindheit. Es ist der zweite in Folge, der mich daran erinnert. In meiner Kindheit war alles groß und schön. Die Sommer waren heiß und die Winter kalt. Die Sommer verbrachte ich im Freibad und die Winter auf Schlittschuhen.

Danach hat es lange keine Winter mehr gegeben, so dass ich schon befürchtete, meine Erinnerungen seien nichts als Hirngespinste, aber nun sehe ich, dass es so etwas gibt. Sie sagen, dass vom Westen eine Schneefront herankommt, bis zu zwanzig Zentimeter sagen sie voraus, was dazu führen wird, dass der Verkehr zusammenbricht etc., und ich mich sofort frage, wieso bricht der jetzt zusammen und damals nicht, und mir dann gleich die Antwort hinter die Ohren schreibe: damals gab es nicht so viel Verkehr. Damals konnte ich die Autos zählen, die vorüber fuhren, ich konnte mir ihre Nummernschilder notieren und nachschauen, woher sie kamen.

Soll er also meinetwegen kommen, der Winter. Ich sehe, wie er vorm Fenster tanzt, ich muss heute nirgendwohin, mir ist warm, die Arbeit geht gut von der Hand, und abends, wenn die Dunkelheit alles einhüllt, sitze ich und lese noch immer die Deutschstunde, ein so humorvolles, genau beobachtetes, gut geschriebenes, mit allen Tricks gearbeitetes Buch, dass ich mich jetzt schon freue, weiterzulesen. Und mich davor fürchte, dass es bald zuende ist.

15:18



20:55

wir nehmen einen schwamm
und dann schwamm drüber
sagte der hohe rat
gut sagte sokrates
nahm einen schwamm
und schwamm drüber
er schwamm und schwamm
schließlich
auf hoher see
ließ er alles unter sich
den ärger die einsicht das bessere wissen
er schwamm drüber
am horizont tauchte land auf
als er's erreichte
war es das land
in dem er vorher gelebt hatte
und das er nie hätte verlassen dürfen
aber es war noch nicht zu spät
er drückte den schwamm aus
spülte den dreck fort und die enttäuschungen
nahm den schwamm
und schwamm drüber

21:46



die welt ist still, sie hat sich ausgestreckt
will sein was ist, und was wir ihr nicht gönnen,
für uns hat sie was ausgeheckt,
für dumme, die kein ende kennen.


Fr 17.12.10
14:15

mir gehören 88 tasten
ich kann mit ihnen machen
was ich will
sie akzeptieren klaglos
wenn ich dilettiere
akzeptieren
wenn ich schwelge
sie tun alles
damit ich nicht den verstand verliere
der jederzeit zur dispositon steht
so ein verstand kann sich trüben
verfärben kann welt verdrehen
kann halluzinieren
also kein grund zur klage
die welt (der verstand) liebt den augenblick
alles andere ist dummes gerede
von dem versicherungen banken der verfaulte apparat
pfaffen und das gesocks globaler verbrecher profitieren
88 wege hinaus in die welt
den variationen sind keine grenzen gesetzt
was ein glück


Sa 18.12.10
10:57


Hier und Jetzt




16:45

Gestern kam Weihnachtswhisky ins Haus. Kilbeggan. Irisch. Kein Single Malt, aber trinkbar. Der geht Schluck für Schluck bis Heiligabend, dann kommt meist neuer.


So 19.12.10
22:22

Die Welt vertrödelt.


Mo 20.12.10
10:58

Gerade kam die Vorschau vom Jungbrunnen Verlag Wien.





Familienurlaub auf dem Land? ? Wie langweilig?, denkt Kutte Lamprecht.
Irrtum! Denn wo sein neuer Freund Georg wohnt, sind auch die Abenteuer zu Hause.
Kutte Lamprecht wird diesen Sommer zum ersten Mal in seinem Leben in Urlaub fahren. Mit seinen Eltern, aufs Land, um zu zelten. Kutte ist skeptisch. Was soll toll sein an einer Gegend, in der die Menschen früh schlafen gehen und mit den Hühnern wieder aufstehen?

Ein Stau auf der Autobahn und einige Zufälle bringen Kutte und seine Eltern ins versteckte Holbachtal, zu einem Bauernhof. Dort lebt Georg, und gleich, nachdem sich die beiden Jungen kennengelernt haben, steht für sie fest, dass Kutte und seine Eltern im Holbachtal zelten werden? Wo könnte es besser sein als dort? Mit Georg und den beiden Hunden Charly und Jenny erlebt Kutte, wie abenteuerlich ein Urlaub auf dem Land sein kann.

Als Kuttes Eltern nach zwei Regentagen plötzlich abreisen wollen, schießen Georg und Kutte mit dem Flitzebogen Löcher in die Wolken, damit der Regen aufhört. Ein etwas ungewöhnliches Mittel, aber es wirkt.

16:06

So ein Frontantrieb kommt mir zugute, denn ich habe Temperament, teile von Herzen aus, stecke ein und kann von Glück reden, dass man mich nicht vor den Kadi gezerrt hat, ich bin nicht mehr, was ich in grauer Vorzeit gelernt und studiert hatte, und bin, seit ich es nicht mehr bin, der Demut und Sanftheit verschworen.

Ich habe meinen lauernden Zorn abgelegt, gebe nur noch geläutert Gas, denn ich weiß, etwas zu viel, schon drehen sie durch, ihre Traumata brechen aus und dann ist egal, ob etwas richtig oder falsch war, dann zählt nur noch der traumatisierte Kunde und das Ideal, ein nach außen kommuniziertes Bild.

So gleite ich frontgetrieben hinaus in den Tiefschnee, fädle mich in die geloipte Spur, die früher einmal eine Straße war, gleite über Land durch das Tal, das im Dunst liegt, kaum liegt es hinter uns, reißt der Dunst und die Sonne scheint, alles gleißt, ist schön und will sein, der Verkehr rollt und ich rolle mit, rolle durch Südwest vorbei an der gritzgrünen Schule, durchquere Kreisverkehre, komme zum dem Supermarkt, der Arm und Reich versorgt, versorge meine verärgerte Seele mit allem, was meinen Gästen gut tun wird an diesem Abend, von dem alle sprechen und unter dem alle leiden.

Ich freue mich, denn ich werde Gäste haben, hoffentlich viele Gäste, das Haus steht offen, wir werden beisammen sitzen, die Welt verhackstücken, wir werden trinken und rauchen, bis wir umfallen oder nicht.

Als der überquellende Einkaufswagen vor der Kasse steht, schließe ich eine Wette ab. Der Sohn sagt 125, ich sage knapp 100, und dann sind es 99,38. Die Kassiererin sagt, sie hätten um Geld wetten sollen, 50 Euro sagt sie und lacht, und so ist es gelungen, sie aufzuheitern an ihrer Kasse, an der sie Tag für Tag sitzt und all die Menschen erträgt, die sich nicht freuen wollen oder nicht können.

Wir verabschieden uns mit einem Lachen, verladen die Ware und transportieren sie in unsere Wohnung. Morgen wird Bier besorgt, dann sind wir bereit. Das Fest kann beginnen und alle dürfen mir auf die Schulter schlagen. Ich werde ihnen die Geschichte erzählen, ich werde sagen, so und so war das, und alle werden sagen, die spinnen doch, wie das bisher alle gesagt haben, denen ich die Geschichte erzählt habe, die spinnen doch, haben alle gesagt und ich habe gesagt, ja, aber das ist das Prinzip.

20:09

Das Telefon klingelt. Man bucht zwei Lesungen im Mai. Sind das Zeichen?


Die 21.12.10
10:09

Wenn ein Schriftsteller beim Anschauen des Frühjahrkataloges seines Verlages zusammenzuckt, weil ihm nicht gefällt, wie er aufgemacht ist, hat er Pech. Dann kann er davon ausgehen, dass sein Buch, das darin vorgestellt wird, auch nicht so aussieht, wie er sich das erträumt hatte. Bücher haben ja ein Innen und ein Außen, und das Außen kann vieles entscheiden.

Ich hatte heute kein Pech. Im Gegenteil. Zum zweiten Mal innerhalb der letzten 18 Monate bin ich stolz, dass einer meiner Romane in einem Katalog eines kleinen, anspruchsvollen Verlages zu finden ist. Das macht Spaß und lässt die Hoffnung ins Kraut schießen. Das müssten andere doch auch bemerken, denke ich dann und drücke mir die Daumen, werfe meinen Rechner an und beginne mit der Arbeit. Das schwarze Buch wird umgeschrieben. Wenn ich es gut mache, sind die Aussichten groß, es zu veröffentlichen. Andiamo, auf geht's, ich mache es gut.

11:44

Am 18.03. lese ich auf der Leipziger Buchmesse!!!


Mi 22.12.10
11:22

Irgendein Gen muss das sein, ein Urahn, anders ist nicht zu erklären, dass ich den Mund nicht halten kann, wenn ich finde, dass etwas falsch ist. Es begann im Kindergarten. Ich wollte da nicht hin, und musste dann auch nicht mehr, aber an der Schule führte kein Weg vorbei. Hier waren die Unterdrücker noch Altnazis und zu mächtig für einen Blondschopf wie mich. In der Lehre aber lieferte ich mir heftige Kämpfe mit dem Prokuristen. Auf der weiterführenden Schule legte ich mich mit dem Mathematiklehrer an, ein Zyniker. Zum Abschluß (die Klasse hatte die Zeremonie zur Übergabe unserer Abschlußzeugnisse verweigert) stand ich mit selbstgetextetem Flugblatt vor der Schule und agitierte gegen den Rektor, der, wie alle fanden, ein Arschloch war.

Danach kamen Zivildienst, Reisen und Studium: Hochphasen der Renitenz, und als ich schließlich ins Referendariat ging, fokussierte ich mich auf den Seminarleiter Englisch, ein Heuchler. Und immer gab es den Applaus derer, die dachten, was ich aussprach, froh waren, dass es mal einer gesagt hatte, es selbst aber nie gesagt hätten.

Das Erscheinen meines zweiten Romans vermasselte ich, weil ich mit dem Lektorat stritt, ein gerechter Streit. "Halt's Maul, Mensing" riet Muse M. immer mal wieder, aber ich hatte es schon wieder getan, irgendeiner muss ja sagen, was gesagt werden muss, und gesagt ist gesagt.

So gelangen wir auf den Punkt. Zum Jahresrückblick.

2010 war ein erfolgreiches Jahr. Zwei freundschaftliche Beziehungen zum anderen Geschlecht zerstoben, weil ich redete, wie mir der Schnabel gewachsen war. Und dann der Big Bang vor vier Wochen, mein Verschwinden vom Arbeitsmarkt, eine erschreckend befreiende Tat.

Alles eigene Schuld, dennoch, nichts wird bereut.
Dummheit ist angeboren. (LOL)

Ist das Altersstarrsinn oder noch Jugendwahn?

Ich weiß es nicht, aber ich ahne, wer dahinter steckt. Mein Opa. Ich habe ihn nie kennengelernt. Er hieß Hermann. Er hatte eine Glatze. Er war Anstreicher wie mein Vater. Man sagt ihm nach, dass er herzensgut war, nur wenn ihm etwas gegen den Strich ging, wurde er wild.

Deshalb allen, denen mein Großmaul mißfällt, denen, die es bewundern und denen, die es bedauern, denen, die ich liebe und jenen, die ich nie lieben werde, denen, die meine Freunde sind und jenen, die es nie sein werden, ein schönes, besinnliches Fest, falls Sie noch bei Sinnen sind, was ich (da ist er wieder) bei vielen bezweifle.

Nichts für ungut.
Sie wissen ja jetzt, wo das herkommt.


15:09

Das schwarze Buch ist fertig.

16:00

Das Badezimmer geputzt. Die Wäsche gewaschen. Der Ein ist gekauft.
Muss heute nicht mehr vor die Tür. Das heißt, ich könnte heute Abend Salsa tanzen. Mal sehn, wie sich das Wetter entwickelt.

18:32

Das Gedicht zur Renitenz




Do 23.12.10
10:00

Romananfang:

Kann der Mensch einer Frau trauen, die Monika heißt, selbstgestricke Strumpfhosen trägt, einen Bioladen betrieb und zum Schweigen in Klostern übernachtet? Nein, dachte der Mensch, so einem Menschen kann man nicht trauen, da muss man vorsichtig sein, wozu hätte man sonst all seine Vorurteile gehegt und gepflegt? Schließlich ist man auf der Welt, um sie in Gut und Böse einzuteilen, sonst machte der Wahnsinn doch gar keinen Spaß. Solche Frauen, dachte der Mensch, wären auf Jamaika gut aufgehoben. Dort würden sie an Stränden sitzen, ihr Haar weht im milden Karibikwind, sie säßen da, tränken und hielten Ausschau nach gut gebauten Negern. Sie würden natürlich nie Neger sagen, das nicht, schließlich sind sie in ihrem heiligen Wahn, der sie Familien aufstellen lässt und Ehemänner vergraulen, viel zu aufgeklärt, aber hier sieht sie ja niemand, bis auf die anderen westeuropäischen Frauen, die hergekommen sind, weil sie eine ähnlich tiefe Verbundenheit mit dem Neger verspüren, von denen sie sich einiges versprechen.

Zum Glück hat der Mensch so eine Frau nur einmal getroffen, hat alles sofort gerochen, und weil er das Vorurteil liebt, hat er gesagt, dass sie ihm aus dem Weg gehen soll, beim Essen damals, beim Anstellen an der Selbstbedienungstheke der kleinen, im Aufbau befindlichen, dem Außenhandel verpflichteten Firma, da hat er ihr gleich die Meinung gegeigt, hat gesagt, hören Sie, Monika, hat er gesagt, kommen Sie mir nicht mit ihrem heiligen Engagement, ich arbeite in dieser Firma, um Geld zu verdienen, ansonsten habe ich kein Motiv, der Außenhandel interessiert mich die Bohne, und wenn Sie glauben, Sie müssten Überstunden machen, weil sie sich moralisch verpflichtet fühlen, ist das ihre Moral, haben wir uns verstanden. Sie hätten Monika sehen sollen. Sofort setzte Schnappatmung ein und sie sagte, wenn alle so denken würden. Mir wäre schon lieb, wenn überhaupt jemand dächte, sagte der Mensch und verkniff sich eine Bemerkung zu ihrem Namen. (Romanende)

12:44

Romananfang:

Und dann steht er da und erzählt die Geschichte. Immer wieder die gleiche Geschichte. Wie das Kind lacht. Und dass er will, dass es immer weiter lacht. Und dass er das deshalb getan hätte. Deshalb hätte er die alle umgemäht, sagt er, und wenn er umgemäht sagt, passt das so gar nicht zu seiner Diktion, die er sonst pflegt. Wen mäht man denn um? Ich meine, als Erzähler von Romananfängen mähe ich dann und wann schon mal jemanden um, weil es Not tut und weil dann und wann einfach jemand umgemäht werden muss, schließlich verlangt es das Genre, aber er doch nicht.

Er hätte seinen Lebensabend doch sonstwo verbringen können. Niemand hat ihn zu diesem Gründerwahn gezwungen. Ein Gärtnerbetrieb. Ich meine, man gründet doch keinen Gärtnerbetrieb mit der Lizenz zum Ummähen, ohne eitel zu sein. Und wenn dann noch, das ist verbürgt, ich weiß es vom Vorstand der Gärtnerinnung in Arnsberg, wenn dann zu diesem Gründungswahn neben Eitelkeit auch noch die hehre Hoffnung auf Weltverbesserung durch ökonomische Ökologie hinzukommt, frage ich mich als Schreiber, was kann ich mit so einem Gründer anstellen? Wie baue ich ihn in eine Geschichte, die ihn, sagen wir mal, das Fürchten lehrt? Oder die Demut? Oder vielleicht einfach nur die Transparenz?

Ich weiß es nicht. Ich kenne mich in der Gärtnerei nicht aus. Ich weiß nur, dass so ein Gärnter etwas in die Erde steckt und hofft, dass es wächst. Dass es groß wird und lacht und glücklich ist. Dagegen ist nichts zu sagen. Trotzdem kommt so ein Gärnter nicht ohne Pestizide aus, auch wenn er tausend Mal das Gegenteil behauptet. Seine Pestizide jedoch sind organisch und werden untern Teppich gekehrt. Sie liegen da und hoffen, dass Gras drüber wächst, aber wenn Gras drüber gewachsen ist, was ist dann? Sehen Sie, Sie wissen es nicht, ich weiß es nicht, und für so einen kurzen, in sich abgeschlossenen, jedem Sinn sich verweigernden Kurzroman muss das auch niemand wissen. (Romanende)

21:49

Wie alle eilten und kopflos waren, wo das Fest doch eigentlich ein Fest des Enteilens ist. Wie die Käsefrau mir auf die Bitte, sie möge mir eine Auswahltüte packen, Endstücke, Reste für Arme, zuzwinkerte und eine Tüte packte, in der viel mehr war als das, was ich zahlen musste. Sie mag mich. Sie grüßt immer von weitem. Hallo Herr Mensing ruft sie, und ich rufe zurück, ohne ihren Namen zu kennen. Ich mag sie auch. Wie mir der und die frohe Weihnachten wünschten, und Caroline, eine Psychologin aus Amerika, mir erzählte, wie sehr sich die angelsächsische Weihnacht von der deutschen doch unterscheide, die deutsche sei immer so ernst. Bei mir nicht, sagte ich. Und wie die, die immer sagt, sie werde mich mal besuchen, sagte, Hermann, wenn ich das als etwas ältere Frau sagen darf, du siehst gut aus. Dazu der Schnee, so viel Schnee habe ich selten in diesen Breiten gesehen. Für Augenblicke hatte ich dich fast vergessen, dann warst du zurück und wusstest, wie ich das morgen hinkriegen kann mit all den illustren, Sonderwünsche einfordernden Gästen.


Do 24.12.10 9:59

Keiner hier bewegt sich, keiner kommt hier nüchtern raus.

12: 11




Die Kerzen leuchten,
Draußen ist es still,
Die Welt ist weiß,
Es weihnachtet, es will
So schön sein, will dass man sich freut
Will, dass man keine Zweifel streut,
Es will, dass dies der Tag der Tage ist,
Der Tag, von dem an alles anders ist,
Der Tag, in tiefem Winter, der beginnt,
Der Tag, die Hoffnung und das Kind.


Fr.25.12.10
12:40

Es sind kleine Sachen, die den Menschen freuen, und Mücken, aus denen er Elefanten macht. Elefanten waren gestern nicht anwesend. Es waren die üblichen Verdächtigen, die sich so vertraut und so fremd sind, dass sie verheiratet, zumindest aber verwandt sein könnten.

Ich hatte wieder im Überfluss eingekauft. Alles war doppelt und dreifach vorhanden. Es wäre möglich, Mühselige und Beladene herein zu bitten, um das Fest von vorn zu beginnen. Die würden alles aufessen und wegtrinken , wir haben das nicht geschafft, wir werden älter und um 5:25 ging nichts mehr. Zwei Gäste hatten die letzte Stunde ihre Ansichten über Schule in praxisnahen, kurzen Sätzen bzw. langatmigen, von keinerlei Praxis getrübten Überlegungen gegenüber gestellt und waren zu keinem Ergebnis gelangt.

Der praxisnahe Kontrahent war eher nüchtern, der Theoretiker schwer angetrunken. Er hatte schon Schlagseite, als er zum Fest stieß, und so blieb nichts, als ihn mit dem Einverständnis des eher nüchternen hinaus zu komplementieren. Der Trunkene hatte Mühe, seinen Hausschlüssel zu identifizieren. Die Waage auf einem Bein mit ausgebreitetenen Armen brachte er nur fertig, indem er sich an der Türklinke festhielt, was natürlich nicht galt.

In den Stunden vorher waren Gespräche hierhin und dorthin geflogen, um gegen drei in eine Serie knapper Witze zu münden, die sogar ich mir merken konnte. Was steht vor der Tür, ist grün und klopft? - Klopfsalat. Was ist grün und trägt ein Kopftuch? - Gürken. Was ist braun und sitzt im Knast? - Eine Knastanie. Was heißt Nymphomanin auf Türkisch? - Öfta.

Ich tat, was mich nach Festen erdet: lüftete, spülte, trocknete ab, räumte weg und auf, trank noch einen Schluck, steckte den Kopf in den Schnee und ging ins Bett.

Die Sonne scheint. Ich könnte mich bewegen, weiß aber noch nicht, ob ich das will.
Wahrscheinlicher ist, dass ich beginne, mich durch die Vorräte zu essen. Dann ist da noch eine Flasche Laphroaig, die getrunken werden will. Vom laufenden Meter Dominosteine ist erst ein halber Meter verzehrt, das Bier im Schlafzimmer muss auch irgendwohin. Dann sind da noch Bücher, die ich lesen kann. Und ich muss die Schönheit eines Gastes verdauen. Sie ist die Frau meines Freundes und leuchtete streckenweise so strahlend, dass ich durchatmen musste.

Ich glaube, ich höre jetzt die CD Krokus der Erdmöbel. Der Schlagzeuger der Band ist Versicherungsvertreter, was die Vorurteile stützt, die ich gegenüber dieser Band in den letzten Jahren aufgebaut habe. Ich besitze alle CDs und war Fan der ersten Stunde. Sie sind Lieblinge der Kritiker, mir aber wurden sie von CD zu CD biederer, falls es diese Steigungerung überhaupt gibt.

Das Leben kehrt zurück.
Meine Lieben sind wach und rumoren. Ich muss den Küchentisch räumen.

14:18

Was ist gelb und kann nicht schwimmen?
Ein Bagger. Und warum kann er nicht schwimmen? Weil er nur einen Arm hat.

18:31

Was ist rot und kniet unterm Tisch? Eine Paprikantin.


So 26.12.10
12:49



Mo 27.12.10 9:51

Was Herr M. alles nicht tut, wenn er nichts tut. Wie er sich durch Vorräte frisst und säuft. Wie er schließlich in allerbequemster Kleidung nur noch hier sitzt und da liegt und kaum glauben mag, dass er dieses emotional höchst belastete Fest rumgekriegt hat. Niemand hat sich daneben benommen, niemand ist beleidigt. Wie er stolz ist, dass diese scheinheilige Blase, die sich Jahr für Jahr aufs Neue aufbläht, nicht implodiert ist und wie er denkt, daran haben wir dreieinhalb Jahrzehnte gearbeitet. Wir haben die Traumata der Kindheit hinter uns, jetzt sind wir quitt, uns kann keiner mehr, keiner soll uns noch mit irgendwas kommen. Alles ist gut. Bravo. Und wie er den Weg zur Waage meidet.

Und wie er dann, das Jahr geht schon in die Knie, zum letzten Mal auf den Tathergang verweist. Auf den Ungehorsam der Beteiligten. Auf das gefährliche Senkblei, mit dem sie an langem Band schwangen, um es dem Gegenüber möglichst ins Genital zu rammen. Auf die Lügner, vor allem den Blonden, der mit Engelsgesicht behauptet, es sei da etwas kaputt gemacht worden. Nicht in Abwendung von Gefahr kaputt gegangen, wie es den Tatsachen entspricht, nein, mit Vorsatz kaputt gemacht worden. Und natürlich auf den, der vor der Mutter einknickt und lügt, was er versteht und dennoch nicht gutheißt, weil sich auch diese Lüge mit einem Gespräch leicht hätte aufklären lassen. Auf den verschweigenden Apparat. Auf dessen Scheinheiligkeit und Strategie des Verschweigens, darauf sei ein letztes Mal verwiesen. Und es sei auch erlaubt zu sagen, dass all das auf sie zurückfällt, nicht auf ihn. Er hat weder gelogen noch Dinge getan, die er nicht verantworten könnte oder die ihm Leid täten.

Das alles kehrt Herr M. vor die Tür. Es ist Schnee von gestern. Bis in die tiefe Nacht hat er gesessen, Tabu gespielt, sich amüsiert und gefreut über die Präzion der Umschreibungen, deren Kern der jeweils Zuhörende enträtseln musste.

Es taut. Die Schönheit der letzten Tage ist dahin, aber bis zum Frühling ist es noch weit.

13:03

der lauf schwankt
ich atme
halte die luft an
und schieße ein gedicht aus der tanne
es fällt in feuchten
schwer gewordenen schnee
und blutet aus
rettungswagen kommen
sanitäter suchen und finden es nicht
was es mit diesem gedicht bloß auf sich hatte
fragen sie sich später bei currywurst
ein komissar beginnt nachzudenken
während ich die waffe schon wieder im anschlag halte


Die 28.12.10 13:13


Ob ich die Mon Cheri Box heute schaffe? Wer sich solche Fragen stellt, kann auch arbeiten, denken Sie jetzt vielleicht. Recht haben Sie. Ich liege auf dem Sofa, habe mir die Decke bis unters Kinn gezogen und warte darauf, dass sich die ersten der seit gestern in meinem Kopf schwirrenden Szenen eines Hörspiels verdichten. Sie klingen vielversprechend, sind aber noch nicht zu fassen. Deshalb keine Aufregung. Decke höher ziehen. Zeit verstreichen lassen. Warten.

PS. Es handelt sich um eine dreilagige Box a 9 Pralinés.

19:58

Noch fünf Pralinés sind übrig, das Sofa wurde nur für kurze Unterbrechungen verlassen, das Hörspiel meldete sich nicht wieder, aber das macht nichts, so ist es immer gewesen in diesen elenden Phasen zwischen dem Ende der einen und dem Beginn der nächsten Arbeit, wobei nie geklärt werden kann, was länger dauert, das Nachklingen oder das Vorglühen. Man muss das aushalten, sonst kann man diesen Beruf nicht überleben. Wer nicht anders kann, als jeden Tag etwas tun zu müssen, sollte nie Schriftsteller werden.


Mi 29.12.10 13:04

Mir war danach, eine Stadtrunde zu drehen, auf dem Markt einzukaufen, hier und da zu gucken, vielleicht jemand zu treffen, aber vor den Tief- und Hochgaragen stauten sich PKW, Parkbuchten waren zugeschneit, überhaupt, dieser Schnee überall, nichts war mit Parken, ich hätte das wissen können, nichts war mit Parken, überall standen sie in langer Reihe, und einmal fuhr vor mir eine Frau mit zwanzig KmH, die ich gern von der Piste gedrängt hätte, aber nicht einmal das war möglich, also drehte ich ab und fuhr wieder heim, vor den Garagen fragte der designierte König von Roxel, wie lange das alles noch dauere, zwei, drei Jahre sagte ich, und das freute ihn.

Die Sonne schleicht sich, es ist kein Zuckerschlecken im Augenblick.

Kurz vorm Aufstehen war das Hörspiel fertig. Es machte Sinn. Es war witzig. Es war genau, wie ich es haben wollte. Ich wusste, dass ich es träumte, ich wusste auch, dass es nichts nutzen würde, aus dem Bett zu springen und mir Notizen zu machen, ich blieb liegen, weil klar war, dass ich in dem Augenblick, in dem ich die Augen aufschlüge, alles vergessen würde, und so war es auch. Bleibt also nichts als die letzten Tage des Jahres zu verdämmern.

14:23

Nur nicht nervös werden, wenn auch die Hände zittern.
Nur nicht nervös werden, wenn Sie auch Chancen wittern....

15:52

Die, die am besten verdrängen, sind die gefährdetsten.
Wer alles ausspuckt, hat wenig zu fürchten. (Erich Maria Remarque: Schatten im Paradies)


21:56

Ich sage der Katze, dass es erst morgen wieder zu essen gibt, checke E-Mails, rede ins leere Zimmer und wäre sehr unruhig, wenn ich nichts zu Lesen hätte. Alleinsein macht keinen Spaß. Zweisamkeit auch nicht immer, ist aber gesünder.


Do 30.12.10 10:25

Der Platz ist unzureichend geräumt, das Gehen nicht einfach. Eine Frau Mitte dreißig überholt mich. Sie lächelt. Sie lächelt nicht mich an, sie lächelt aus sich heraus und in sich hinein. Sie haben ein fröhliches Gesicht, sage ich. Dabei war heute nur Stress, sagt sie. Wir wechseln ein paar Sätze. Wir sind uns einig, dass viel zu wenig Menschen lächeln. Dann ist sie davon. Wir waren für Augenblicke glücklich. Die Bäckereifachverkäuferin Denise spürt das, als ich herein komme und zwinkert mir zu. Ich bestelle 160 Brötchen. Sie lacht. Ich nehme, was ich kriegen kann. Jeden Satz, jedes Lächeln, jede Aufheiterung, sonst hielte ich es hier nicht aus.

14:59

dämliche gedichte (mehr)

während sich die nebel senken
kinder fröhlich senkbleis schwenken
heb ich hier und da die tasse
der ich um die taille fasse
hat kein' arsch und keine brust
keinen henkel, keine lust
ist verzuckert und ganz steif
hängt an sich wie rauer reif

Ende der Durchsage

19:08

Falls Sie noch glauben, was Sie in den Nachrichten hören und sehen, sind Sie selbst Schuld. Nehmen Sie z.B. den "vereitelten" Terroranschlag auf das Verlagsgebäude einer Zeitung in Kopenhagen. Die Attentäter wollten so viele Menschen umbringen wie nur möglich. Gut. Das kann ich verstehen. Wenn ich Terrorist wäre, würde ich das auch wollen. Und was findet die Polizei? Eine Maschinenpistole mit 76 Schuss Munition. Automatische Waffen haben eine Schußfrequenz von 100 bis zu mehreren tausend Schuss pro Minute je nach Größe der Waffe. Was also hat sich ein Terrorist gedacht, der mit 76 Schuss Munition anreist? Denken Sie einmal darüber nach.

22:49

Der Winter macht gefräßig. Wenn Schnee auf den Straßenliegt, ist Schokolade wie Medizin.(E.R. Remarque, Schatten im Paradies)


Fr 31.12.10 10:31




Mondscheinsonate

Nächtens, wenn die Zähne wackeln,
wenn die Eier unruhig schnackeln,
wenn die Haare still ergrauen,
will ich mir kein Haus mehr bauen.

Oder wenn die Hähne tröppeln,
wenn die Häkelschwestern klöppeln,
wenn der Klempner heimlich lötet
und im Bach ein Fisch verblötet,

will ich nicht mehr gerade stehen,
nie mehr meine Zehen sehen,
nie mehr etwas wissen wollen,
sollen doch die anderen sollen.

16:36




Der unvollendete Roman

In Demut nimmt der Dichter einen Scheck entgegen,
die Höhe unerhört, die Steigerung zum letzten 6 Prozent,
da sag noch jemand, dass wir uns nicht mehr bewegen,
in and'rem Licht erscheinen die Prozente dem, der die dahinter stehn'de Summe kennt.

Der könnte schon in tiefe Depression verfallen,
dem hülfe nur noch delirierend' Lallen,
der fickte sich am Besten selbst ins Knie,
und sagte nur noch nie!!!

Nie mehr will ich Romane schreiben,
nie mehr die Eitelkeit zur höchsten Blüte treiben,
nie mehr will ich mich quälen,
will lieber Schäfchenwolken zählen.

So voller Vorsatz schreitet man sodann,
zum Rechner, wirft ihn murrend an,
lädt seinen letzten, unvollendeten Roman,
und fängt von vorne an.



für wen sonst ...

(13.02.1953 - 17.06.2009)



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