Dezember 2012                                        www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Sa 1.12.12 11:41

Ihr Rollator stand vorm Warentransportband der Kasse im Supermarkt, sie abseits vor dem Zeitungsstand. Ich wusste nicht, ob ich sie als Wartende einstufen oder übergehen sollte. Das Transportband ruckte an. Ich beschloss, meine Einkäufe aufzulegen. Dann kam sie. Ich erklärte ihr meine Unsicherheit, sie sagte, das sei in Ordnung, sie habe ja auch nicht viel, zudem hätten wir den gleichen Geschmack. Stimmt. Auch ich hatte eine Flasche Bordeaux für 2,49 Euro gekauft. Bordeaux ist eine an die Region gebundene Bezeichnung für Rotweine. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie in einer Region so viel Wein produziert werden kann. So viel Bordeaux für die Welt, da vermute ich Panscherei, aber der Wein schmeckt. Sie war Mitte Siebzig. Nach Hautfarbe und Nase zu urteilen, belässt sie es nicht bei einer Flasche, wenngleich sie mir zustimmte, dass man alles in Maßen genießen müsse. Wenn man alt ist, sagte sie, was hat man denn da? Ich wusste keine Antwort. Man hat ein Leben hinter sich, eine Zukunft vor sich, das eine ist zu beurteilen, das andere unwägbar, beides ist normal und das Beste ist, es hinzunehmen.

13:09

Er ist vierzehn, sieht gut aus und weiß nicht recht, wo er hingehört. Sein Vater ist ein arabischstämmiger Israeli,
seine Stiefmutter eine Deutsche. Er hat sich vor etwa einem halben Jahr entschlossen, dass er ein Gangster sein will. Also übt er das. Sein Smartphone quäkt ständig textlastige, wüste Beschimpfungen in die Welt, er ist mit Migrantenjungs unterwegs, die alle das Gleiche üben. Man muss das tun, wenn man Vierzehn ist. Was man nicht unbedingt tun muss, ist, Colaflaschen aus dem Hinterhoffenster zu werfen, wo ich sie finde. Eben kam er mir mit seiner Gang entgegen. Alle mit Smartphone, Cola und Chips, kein Blick für den Nachbarn. Dass er auf mich albern wirkt, kann ihm schnurzegal sein. Das ist in Ordnung. Aber sein Auftritt bewirkt, dass ich ihn nicht mag. Als ich vom Einkaufen zurückkehrte, lag eine leere Chipstüte in den Büschen vor meiner Tür. Ich wusste, dass es seine war. Ich schellte bei ihm. Er kam an die Tür. Das ist deine, sagte ich und gab ihm die Tüte. Und schmeiß in Zukunft auch keine Colaflaschen mehr aus deinem Fenster. Okay, sagte er.

14.13

Unfassbar dämliches Samstagsgedicht

Der Samstag fasst sich in den Schritt,
oh Gott, ein Penis, Vagina, zwei Eier,
der Sonntag ruft, auch ich bin fit,
am Tag des Herrn bin ich dein Freier.


So 2.12.12 11:17

Der Himmel, der Kopf, die Welt, gestern war alles vernagelt. Hatte es dennoch zu einer exzellenten Pizza gebracht und mich aufs Sofa gerettet, um im BVB Netradio den Livebericht München-Dortmund zu verfolgen. Dann bis in die Nacht Dracula von Bram Stoker gelesen. Mein Kindle Amazon Reader liefert mir die Literatur der ausgelaufenen Urheberrechte kostenfrei in Sekunden, ich lese im Original, das macht Spaß und frischt meine Englischkenntnisse auf. Heute wird gearbeitet. Jetzt geht es los, jetzt, also bitte nicht stören. Das Projekt ist haarsträubend, ein Splatter-Roman schwebt mir vor, fast alles daran entzieht sich meiner Kenntnis, aber wenn etwas unmöglich scheint, wird die Sache interessant. Andiamo.


Mo 3.12.12 17:35

Unser Sohn war fünf Wochen alt, als wir uns das erste Mal trauten, abends mit ihm auszugehen. Wir wollten eine Pizza essen, gleich um die Ecke. Die Pizzeria war in einer alten, bürgerlichen Kneipe. Der Wirt hatte einen mit Holz zu befeuernden Pizzaofen eingebaut, sonst war nichts verändert. Die Pizzen waren groß und billig, das Publikum war studentisch. Die Pizzeria hieß Rimini, und so heißt sie heute noch. Gestern war ich zum ersten Mal seit über dreißig Jahren wieder dort. Die Besitzer sind mit ihr alt geworden, den Sprung von einer einfachen Pizzeria zu einem gestylten italienischen Restaurant haben sie nicht mitgemacht. Sie haben die Zeit verschlafen, oder sie ist einfach an ihnen vorbei gerauscht, die Pizzen aber sind immer noch groß und billig, die Chefin heißt Maria und wird langsam alt. Ein seltsames Gefühl war das, wie aus der Zeit gefallen.


Di 4.12.12 14:55

wütend rennt der wind ums haus,
rüttelt, heult, ein fenster knallt,
ginge jetzt der ofen aus,
wär's zu kalt.


Mi 5.12.12 10:50

Ein Airbus A 330-203 (A 322) der KLM unterwegs nach Doha überfliegt in 10 Kilometer Höhe das Dorf, der Arbeitsplatz ist eingerichtet, es ist frisch, für's Abendessen ist gesorgt, mir bleibt nichts, als anzufangen. Das ist immer ein Wagnis, denn ich bin ja ein Kleindarsteller auf der Bühne der medialen Wahrnehmung, meine Romane werden weder von nationalen Kultursponsoren bezuschusst, noch erhalte ich Vorschüsse von potenten Verlagen, ich arbeite sozusagen in den luftleeren Raum, entscheide von Wort zu Wort und werde mit jedem Wort ein Wort älter. Auf meinen Festplatten lagern so viele Worte, dass ich die Geschichte der Menschheit von ihren Anfängen bis zur Gegenwart damit pflastern könnte, auf meinen Konten hingegen lagern kaum Euro. Das ist ein krasses Missverhältnis, aber ich klage nicht, ich liebe meinen Beruf und bin für posthumen Ruhm prädestiniert. Sollten Sie dennoch den Wunsch verspüren, diesen Zustand zu beenden, greifen Sie massenhaft zum Portemonnaie und kaufen sich Anteile an www.hermann-mensing.de

23:02

Schöner Tag mit vorsichtigem Herantasten an eine Geschichte, die abenteuerlich zu werden verspricht. Nachmittags zwischenzeitlich einen meiner beiden Balkonstühle abgeschleift. Morgen weiter im Text, nebenher den Balkonstuhl spachteln und vorstreichen, den anderen abschleifen. Das alles unter Vorbehalt, denn wer weiß schon, was morgen ist.


Do 6.12.12 9:38

Rauchfahnen tanzen um Schornsteine, die Dächer sind pudergezuckert. Ein Bus hält stöhnend. Jemand kratzt Frost von der Autoscheibe. Ich lutsche ein Schokobonbon. Ich trinke Kaffee. Der Rechner summt. Ein Roman wartet. Ich bin unterwegs und weiß nicht, wohin. Der lange Weg hinter mir leuchtet vor Glück. Was vor mir liegt, weiß ich nicht. Manchmal fürchte ich mich, aber das vergeht. Ich werde abwarten müssen. Ich werde nicht zurück schrecken. Schön wäre ein Gott.

11:54

Alles ist eingekauft, jetzt, vor der Kasse, wartet die letzte Versuchung. Links Zigaretten, rechts Flachmänner von 1.29 bis 2.59 und Süßigkeiten. Könnte man die Geschäftsleitung wegen Nötigung veklagen?

20:41

im allgemeinen geht es gut,
nur im besond'ren geht es besser,
im allgemeinen hält sich meine wut
doch heute brauche ich ein messer.


Fr 7.12.12 8:51

Wer schon in New York war, weiß, dass er sich dort nicht verlaufen kann. Jedenfalls kaum in Manhattan. In meinem New York Traum aber, den ich sporadisch träume, gelingt es mir nie, zur Avenue of the Americas zu gelangen. Ich bin immer in ihrer Nähe, ich weiß, dass sie eigentlich nur zwei oder drei Blocks entfernt ist, aber ich finde nicht hin. Stattdessen stehe ich an einer Strandpromenade, die sehr tropisch ausschaut. Sie könnte in Rio sein, wegen der bewaldeten Hänge im Hintergrund. Der Polizist, den ich frage, ist ein New Yorker Polizist, der mir seinen Arm um die Schulter legt und meint, ich müsse nur da entlang, dann käme ich schon hin. Aber ich komme nicht hin. Jetzt ist der Traum erledigt, der Tag liegt bleibschwer vor der Tür, und es wird möglicherweise Jahre dauern, eh ich ihn wieder träume, und dann wird er ganz ähnlich sein.


Sa 8.12.12 15:16

Gedicht für unsere Kleinen

Es bimst der Bär in Kasachstan,
Giraffen tun's im Busch,
der Priester hebt die Kutte an,
die Nonne bläst den Tusch.


So 9.12.12 11:26

Die Aggregatzustände des Niederschlags wechseln mit jedem Windhauch. Mal ist es Schnee, mal Wasser. Ich werde heute keinen Schritt vor die Tür tun. Ich werde so lange vor meinem roten Tisch sitzen und auf meinen Rechner starren, bis der Roman in Fluss kommt. Bisher habe ich noch kein Meldung.

Gestern in der Stadt habe ich zwei in Solarien domestizierte blonde Niederländerinnen meines Alters, die ratlos herumstanden und auf einen Stadtplan starrten, in die Wüste geschickt. Ja, ja, habe ich gesagt, mal immer da lang, da kommen Sie dann schon hin. Die beiden waren glücklich. Sie hatten nicht damit gerechnet, dass ihnen jemand in ihrer Sprache den Weg erklärt. Niederländer sind geradezu vernarrt in den münsterschen Weihnachtsmarkt. Ich meide ihn weiträumig.

Unterwegs dann die üblichen Nötigungsversuche vom Balkan stammender, bettelnder Menschen. Ein junges Mädchen hat mich besonders berührt. Sie war nicht älter als fünfzehn, sechzehn, und intonierte Oh Tannenbaum auf ihrem Akkordion. Das klang merkwürdig anders, jedenfalls nicht so, als würde man das in Rumänien singen. Wahrscheinlich hält irgendein Scrooge sie in Käfigen.

19:45

High risk novel writing today, und zum Abend eine Überraschung. Mein Sohn bringt eine dreiviertelvolle Flasche 10 Jahre alten Talisker heim. Ein Freund habe den bei einem Golf Turnier gewonnen, könne ihn aber nicht trinken, der schmecke nach Moor, sage er, er wisse aber auch, dass man ihn nicht mit Cola mischen dürfe, das sei Frevel, womit er Recht hat. Da er weiß, dass ich gern Whisky trinke, hat er ihn mir geschenkt. Ich bedanke mich und nehme davon jetzt zwei Daumen breit ohne Eis. Und dann rolle ich mich.



Mo 10.12.12 9:52

Der übliche Wochenbeginn. Wäsche sortieren, waschen, aufhängen, Wäsche vom letzten Waschgang abnehmen, bügeln, verstauen. Gegen elf Uhr wird das erledigt sein. In den Wartezeiten beobachte ich das Rotkehlchen, das mich regelmäßig auf dem Balkon besucht, weil es weiß, dass ich dort Brotkrumen streue. Letztlich, es muss einer der milderen Tage gewesen sein, hatte es sich in meinem Wohnzimmer verirrt und konnte von Glück reden, dass unsere Katze nicht anwesend war. Zur Lage: es ist grau. Nichts bewegt sich. Die Weihnachtsgeschenke sind gekauft. Das Warten auf den Frühling hat irgendwie längst begonnen, aber bis dahin vergeht noch viel Zeit. Der Zugang zu Gedichten scheint im Augenblick verstellt. Auch das Schneiden von Loops will nicht recht gelingen. Aber man kann nicht alles haben. Schließlich hat man begonnen, einen Roman zu schreiben. Und da man wie immer volles Risiko geht, weiß man nicht, wohin das führen wird. Man hofft, und das ist letztlich das Einzige, was man tun kann.

20:30

Gleich fahre ich zur Funk Session, Schlagzeug spielen. Der Tag (grau und zu keinerlei Regung bereit) hat mir drei Seiten Prosa geliefert, nicht schlecht. Mein Protagonist trifft ständig erstaunlichste Entscheidungen, was ebenfalls zu Hoffnung berechtigt. Einen Titel gibt es noch nicht. Aber mir schwant ein Ende, das überraschen könnte. Ob es dazu kommt, weiß ich nicht. Ich habe jetzt 30 Seiten und rechne mit etwa 200. Mehr sollten es nicht werden, das würde die Nerven zu sehr zerrütten. Im Frühjahr könnte ich fertig sein. Wie das klingt: im Frühjahr.


Di 11.12.12 10:08

Das Dilemma des Hinterbliebenen ist unlösbar. Er wird älter, die Verstorbene nicht. Und so sitzt er in seiner Küche, schaut auf ihr Foto, vermisst sie und ihm bleibt nichts, als weiter zu leben.

11:03

Bis auf den DJ kannte ich alle Mitglieder der Band. Sie spielten den Eröffnungsset. Ich dachte, wenn der vorbei ist, wird die Session eröffnet. Ich freute mich auf den Bassisten, ein großer, massiger Kerl Mitte Zwanzig, Sohn eines Gitarristen, mit dem ich schon hier und da gespielt habe. Ich freute mich, aber dann kam alles anders. Rapper stürmten die Bühne. Grundsätzlich mag ich deren Affinität zum Wort, soll also niemand sagen, der Reim habe längst das zeitliche gesegnet, bei den Rappern ist er allgegenwärtig. Sogar der Vers wird gepflegt, die Strophe, das - wie im griechischen Drama - gemeinsame Sprechen von Hooklines, das alles können und tun die.

Das einzige Problem war, dass ich kein Wort verstand. Sie rappten schnell, aber bis auf zwei, die offenbar vorbereitet waren, vertrauten alle anderen (auf der Bühne war zeitweilig vier, fünf Rapper gleichzeitig) der Inspiration des Augenblicks.

Wenn man so will, ist der Freestyler jemand, der in Zungen spricht. Hinter ihm rollt der Beat, und jetzt hat er Stress, er muss sich etwas einfallen lassen. Das holpert dann schon mal und wird ein wenig, na, sagen wir, unelegant. Aber es waren keine Gangster dabei, die mit Arschfick drohten oder mit Mord, nein, das nicht, einer rappte von der Liebe zu seiner Mutter (was bei allen Gewaltphantasien selbsternannter Gangsterrapper auch gar nicht unüblich ist) und ein kleiner Türke, einer mit ansehnlicher Hakennase und freundlichem, runden Gesicht, war sogar witzig. Aber für mich als Schlagzeuger war da kein Platz, denn wenn diese Rapper erst einmal anfangen, hören sie nie wieder auf. Möglich, dass sie an Logorrhoe leiden, gut möglich, aber das Wort, soviel ist festzuhalten, das Wort stirbt nicht aus.


Mi 12.12.12 12:12



allerlei wär' heut zu tun,
flocken zählen, genitalien pflegen,
doch stattdessen werd ich ruhen
und mich auf mein sofa legen.

werde dort dann im zenit
außer atmen und verdauen,
ohne oder vielleicht mit
empathie nach innen schauen.

schließlich geht die welt zugrunde,
spür es, hört, es wispert schon,
schleicht ums haus hier, stund um stunde,
wie ein tinitus, voll hohn.

sage ihm noch guten tag,
ordne später die papiere,
trinke mit ihm, wenn es mag
talisker, kapituliere.

endlich, gutes grundgefühl,
ab die post, es war genug,
aus, vorbei, nie mehr gewühl,
friede, nie mehr lug und trug.

heissa, das ist ein erlebnis,
danke mayas, gut gemacht,
endlich mal ein endergebnis,
habt es auf den punkt gebracht.


Do 13.12.12 11:10

Jetzt liegen die ersten 40 Seiten meines ausgedruckten Manuskripts auf dem Schreibtisch und warten, dass ich sie in die Hand nehme. Aber den Gefallen tu ich ihnen noch nicht. Sie kommen mir vor wie vom Himmel gefallen, kein Wunder, dass ich da vorsichtig bin.


Fr 14.12.12 11:04

Mein kosovarischer Nachbar hatte seinen Opel im Garagenhof geparkt. Der Hof ist eng, die ummauerten Kellerfensterschächte ragen hinein, und um rückwärts in meine Garage zu fahren, benötigt man jeden Zentimeter. Aber jetzt stand da der Opel, so dass mir nichts blieb, als über die Fahrerseite einzuparken. Ich hätte natürlich wissen können, dass es so ungleich schwerer ist, die Einfahrwinkel abzuschätzen, weil ich mein Leben lang beim Einparken und Einfahren immer über die rechte Schulter nach hinten geschaut habe, das hätte ich wissen müssen, zudem war Nacht, und dann waren da die Kellerfensterschächte, da war die Schürze meines alten Mitsubishi und gleich beim ersten Versuch war da dieses Reißen.

Ich mache niemandem einen Vorwurf. Der Hof ist auch unter regulären Bedigungen sehr eng, ich kam in meine Garage, aber die Schürze war demoliert. Jede offizielle Werkstatt hätte nun gesagt, tut uns Leid, neue Schürze, da kann man nichts machen, mein hochgegabter Nachbar jedoch drehte Knieplinge ein, nutete hier und da, es war eine Freude, ihm zuzuschauen. Er bespricht das Material während der Arbeit, im Grunde, darüber wurden wir uns während der fast dreistündigen Reparatur schnell einig, gleicht die Arbeit an einem Roman in ihrer Grundstruktur der Arbeit, die er durchführt. Man hat eine vage Idee, man betrachtet das Problem von allen Seiten, man tut den ersten Schritt, man tritt zurück, überlegt, und dann geht es je nach Beschaffenheit des Materials langsam weiter.

Nun bin ich 100 Euro ärmer, hatte aber einen interessanten Nachmittag in seiner Werkstatt, die Schürze sitzt wieder wie angegossen, ich habe etwas gelernt und das rechtfertigt den Preis.


Sa 15.12.12 12:25

Angeblich sei das eingewachsener Talg auf meinem Nasenrücken, sagt sie, und empfiehlt, die Stelle zu desinfizieren, um hernach mit der Nadel gezielt zuzustechen. Das habe ich getan, und was habe ich davon: ein Wunde. Als hätte mich dieser kaum sichtbare Pickel je gestört. Na ja. Jetzt geht der Samstag in die zweite Hälfte, der Frost ist fort, es sieht nach Regen aus, ich muss noch einmal vor die Tür, aber eh ich hinaus gehe, werde ich ein Stündchen ruhen.


So 16.12.12 13:54

Beim Junglehrer stand eine Auswahl schottischer Whiskies, das mir das Herz hüpfte, aber ich war auf dem Weg zum Tanzen, ich war gekommen, um zu gratulieren, weil wir uns mögen, aber nun, da der Abend vorüber ist und der nächste Tag grau in grau herumhängt wie Wäsche, die nicht trocknen will, ärgere ich mich ein wenig über die ausgelassene Gelegenheit.

Der Tanzsaal war mäßig besucht, die Tänzer tanzten vornehmlich New York Style, auch Linie genannt, eine Salsa Variante, bei der die Männer bemüht sind, die Frauen in möglichst bestem Licht erscheinen zu lassen, was diese reichlich ausnutzen, indem sie die Arme graziös in die Luft recken und lockende, im Grunde zum Geschlechtsverkehr auffordernde Bewegungen mit Schultern und Hüften ausführen, die nie zu etwas führen.

Ich tanze den Salsa cubanisch. Zwischen den New York Stylern und Cubanern herrscht eine gewisse Rivalität, das muss man wissen. Ich saß also zunächst einmal da, beobachtete und trank einen Kaffee. Irgendwann stand ich auf und goß mir den Kaffee über die Hose. Allgemeines Bedauern derjenigen, die mich kannten. Was ich denn nun tun würde? Ich fuhr heim, zog mich um und fuhr noch einmal los, tanzte ein paarmal, kam aber nicht in Stimmung und fuhr wieder heim.

Jetzt sitze ich an einem fremden Tisch, schaue aus einem fremden Fenster, sehe die Stadt in der Nähe der Bahntrasse und das neue Haus, nutze ein fremdes W-Lan und arbeite. Mal sehn, ob etwas dabei heraus kommt, es ist ein Versuch, Alltag in fremder Umgebung herzustellen.


Mo 17.12.12 16:09

Wieso mein Netzwerkadapter sich klaglos in ein fremdes W-Lan einwählt, bei meiner Rückkehr zum eigenen Router jedoch zickt, wird mir ein Rätsel bleiben. Wie immer habe ich alle mir zu Verfügung stehenden Tricks und Finten ausprobiert, nichts half, nur die Systemwiederherstellung. Das kann aber nicht das übliche Prozedere sein, oder?


Di 18.12.12 8:57

Gegen sechs saß ich aufrecht im Bett. Wir waren Arm in Arm spazieren gegangen. Sie passte zu mir, wie ich zu ihr passte, sie fühlte sich an, wie sie sich anfühlte, als sie schon sehr krank war. Ich stand auf, trank Kaffee, ich bügelte, jetzt hängt der Tag da und will, dass ich etwas unternehme. Aber was, ohne sie.

Hören Sie dazu dieses Gedicht.


19:10

Mühsames, aber erfolgreiches Stochern im Romannebel, das zu vier Seiten und Perspektiven für morgen führte. Gleich wird in einen Geburtstag gefeiert.


Mi 19.12.12 13:23

Einmal bin ich Hütchenspielern auf den Leim gegangen, 1977 vor der Liverpool Station in London. Chris hatte mich gewarnt, aber Hütchenspieler waren für mich damals noch kein Synonym für Betrug, ich hatte sie eine Weile beobachtet, ich war mir sicher, und dann war mein Geld weg.

Danach war ich geheilt. Keine Glücksspiele mehr, nicht einmal Lotto, keine Lose, gar nichts. Wetten schon gar nicht. Gewettet habe ich nie, bis auf gestern abend, da stand plötzlich die Frage im Raum, wie denn diese nur zwischen Hamburg und Köln verkehrende Privatbahn heiße, Hamburg-Köln-Bahn, HKB, HKS? HKX, sagte sie. Ich sagte, nie, wollen wir wetten, sagte sie und ich sagte ja, wieviel. Wir waren bei 100, das schien sie zu verunsichern, wir einigten uns schließlich auf 25, und ich verlor. Wir werden das Geld gemeinsam verjuxen, aber mit dem Wetten ist eine für alle Male vorbei. Ich spekuliere nur noch. Ich spekuliere auf meinen nächsten Roman, das schon, aber das ist eine andere Geschichte.

13:41



einst kanntest du den größten hirsch,
er hatte schaufeln wie die elche,
du trafst ihn auf der hirschenpirsch,
er hielt dich für ne elfe.

's war nämlich so, die seine hatte
seit wochen ihn versetzt,
du wolltest, dass er dich begatte,
da hast du sie ersetzt.

doch leider war im siebten jahr
die balz vorbei und er ging fort,
dennoch, zumeist war's wunderbar,
nun ist die welt ein fader ort.



Do 20.12.12 13:29

Wenn ich vor dreißig Jahren mit dem Kinderwagen durch die Stadt fuhr, erntete ich eine Menge erstaunter Blicke. Keine Mutter in der Nähe? Hmmmm?!? Heute war ich als Opa mit Enkel unterwegs. An den erstaunten Blicken hat sich kaum etwas geändert. Hmmm?!? Keine Mutter. Keine Oma? Und jetzt rennt er auch noch und fährt Schlangenlinien?


Fr 21.12.12 15:18

Der Tag steht herum und weiß nicht, was er soll. Ich fürchte, mit dem Weltuntergang wird es wieder nichts, es sei denn, das große weiße Schäumende am Horizont ist die - - - nein, ist sie nicht. Aus Holland erreichen mich Nachrichten, dass kein Land unter sei, auch sonst höre ich nichts Beunruhigendes, sieht man mal von den politischen Nachrichten ab, aber die sind immer beunruhigend. Könnte mir also ein Nickerchen gönnen.


Sa 22.12.12 12:45

in allen ecken spür' ich dich,
dabei bist du schon lange fort,
ich habe und ich hab dich nicht,
du bist an einem anderen ort.



So 23.12.12 13:10

Bleischwer. Nichts tun.

21:55

So ein Vorsätz lässt sich natürlich nie einhalten. So bin ich auf immerhin zwei Romanseiten gekommen und habe Geschenke eingepackt. Da ich kein Klebeband fand, arbeitete ich mit allen vier Gliedmaßen, die unteren zum Falze halten, die beiden anderen um Band drumherum zu schlingen, festzuziehen und festlich zu kräuseln. Das ging gut.


Mo 24.12.12. 8:08

Ganz langsam schält sie mattes Grau
aus tiefer Nacht und Peitschenleuchten
wären später der Komet, ich wär der Esel,
meine Katze spielt das Schaf, ein Enkel
wird das Jesuskind, der andere ein Hirt,
die Söhne werden Weise, die Wüste
liegt vor meiner Tür, und alle werden leise,
nur du, du bist nicht hier.




Di 25.12.12. 18:00

Natürlich war es ein schönes Fest. Was sollte man denn sonst sagen? Dass alle Einsamen einsam waren, und keine Frage geklärt? Das wäre die Wahrheit. Dennoch war es ein schönes Fest mit all den Einsamen und all den ungeklärten Fragen, denn wir, die säkularen Gläubigen, denen die Antworten der Klerikalen nicht einleuchten und die den Klerikalen nicht ein Wort glauben, weil sie Wasser predigen und Wein trinken, wir haben die Welt verkehrt und Wein getrunken und Whisky, Vodka und Gin, wir haben bis zum Morgengrauen daran gesessen und nicht eine Frage geklärt, nicht ein Herz rein gefunden, und wenn es rein war, waren wir es, die es mit unseren Zweifeln unrein scheinen ließen.

So haben wir den heiligen Abend gefeiert, bis die letzten heim fuhren, und als wir ein paar Stunen später aufstanden, war die Wohnung in bestem Zustand, denn wenn wir auch keine Prinzipien haben und keinen Glauben, wenn wir auch durch die Welt irren und uns fragen, wozu das alles gut sein soll, so gibt es doch ein Gesetz, das immer gilt: der Letzte macht nicht nur das Licht aus, sondern auch das Schiff klar. Und so war das Schiff klar und wir fahren weiter.


Mi 26.12.12 10:28

Sie liebt mich nicht. Sie sitzt nur da, schaut mich an mit ihren Smaragdaugen und versucht mich zu manipulieren. Aber darauf falle ich nicht herein. Ich schaue zurück. Ich werfe ihr vor, was sie wieder gemacht hat diese Nacht, obwohl die Türen offen standen. Sie hätte gehen können, niemand hätte sie aufgehalten, aber sie hat es trotzdem getan, und jetzt schützt sie vor, sie wisse sie von nichts. Beim nächsten Mal drehe ich dir den Hals um, sage ich. Da schlägt sie den Blick nieder.

Du wirst fett, sage ich, aber auch das macht ihr nichts. Sie schaut nur und ich weiß, was sie sagen will. Das ist doch einzige, was dich an mir interessiert, sage ich. Sie schweigt immer noch. Dann schlägt sie die Augen nieder, dreht den Kopf ein wenig und schaut nach oben zum Küchenschrank. Der Schrank ist ihr Sehnsuchtsort. Dort oben steht, was sie will. Dorthin starrt sie, und dann starrt sie mich an, und so geht das hin und her und hin und her, aber ich falle nicht auf sie herein.

Es stimmt schon, sie ist umwerfend schön, sie hat eine betörende Stimme, es ist wundervoll, wenn sie auf mir liegt und will, dass ich sie hier und da und vor allem dort anfasse. Das stimmt, aber sie ein Biest, sie ist Natur, und ich bin ihr ausgeliefert. Ich werfe ihr vor, dass sie damals, als sie fort lief, nicht zurück kam, sondern sich abholen ließ. Das steht zwischen uns und sie weiß das.

Ich weiß nicht, wie lange unsere Beziehung noch hält. Wahrscheinlich wird der Tod uns scheiden. Und dann werde ich ihr ein Grab schaufeln hinten im Garten, da, wo die anderen liegen. Und ich werde nie erfahren, woher sie gekommen ist, als sie damals zu uns kam. Ich weiß gar nichts von ihr, ich weiß nur, dass ihre Schönheit so schneidend ist, dass sie schmerzt. Und dass ihre Fähigkeit, das Leben im Augenblick hinzunehmen meinen Lebensentwurf jämmerlich erscheinen lässt. Und noch etwas hat sie mir voraus: sie braucht keinen Gott.

Morgen, frohe Weihnachten, sage ich, und da schnurrt sie.


Do 27.12.12. 12:33

Man darf durchatmen. Noch einmal feiern, dann ist das Jahr dahin und ich habe Ruhe bis März. Ich März werde ich 64. Bis dahin wüsste ich von keinem festlichen Essen, keiner christlich grundierten Hochstimmung, derer ich mich nicht entziehen kann, selbst, wenn ich wollte, ich weiß nur, dass noch viel zu Trinken im Hause ist, beste Whiskys, die man mir schenkte, die jetzt Daumen- für Daumenbreite weggetrunken werden. Das wird nicht allzulange dauern. Danach ist dann wirklich Schluss. Dann ziehen sich die Tage wie Kaugummi in die Länge, das Sehnen nach dem Frühjahr wird mit jedem Tag unerträglicher, und wenn es dann da ist, ahnt man schon wieder den Mittsommer ... Egal. Das Rad dreht sich, ich drehe mit. Es gibt Schlimmeres, oder?

17:15

Habe heute gar nichts getan, habe nur zugeschaut, aber auch nicht so richtig, denn es wurde ja gar nicht hell, habe also nur so getan, als schaute ich zu, habe nichts hinzugefügt, nichts weggelassen, hätte auch gar nicht mitbekommen, wenn irgendwo etwas passiert wäre, habe mal einen Kaffee getrunken, mal Kartoffelsuppe gegessen, und bin jetzt langsam so weit, mich den Whiskyvorräten zu widmen. Single Malt von der Isle of Mull aus der Tobermory Distillery. Glenfiddich, Ballantines Fines Blended Scotch Whisky, und eine Flasche Arran Malt. Ich trinke erst den Ballantines weg, das wird eine Woche dauern, dann widme ich mich den anderen. Sind das schöne Pläne. Ich glaube ja.


Fr 28.12.12 14:51

Nach Wochen am roten Wohnzimmertisch habe ich meinen Arbeitsplatz heute an seinen Ursprung zurück verlegt. Von dort schaue ich auf den Hinterhof, auf die tödliche Langeweile der Eigentumsreihenhäuser, auf die Fenster der erloschenen Leidenschaften und Schornsteine der umweltbewussten Aktivisten, ich schaue auf den matt grünen Rasen und den von niemandem mehr bespielten Sandkasten, ich schaue in den grauen Himmel, von dem ich heute nichts mehr erwarte, esse einen Keks und fahre fort. Kapitel 10. Seite 67. Worum geht es? Wir werden sehn.


Sa 29.12.12 20:16

Der Roman, dem ich heute fünf Seiten hinzugefügt habe, schlägt Volten, die mit Recherche und Planung von Plots nicht denkbar sind. Ich mag das, es ist ein Tanz auf dem Seil ohne Netz. Ich hoffe, dass die Geschichte nicht auseinander fällt, aber wenn sie es täte, hätte ich dennoch gelernt, und das ist das Risiko wert. Unangenehm sind die unruhigen Nächte, die mir diese Arbeit beschert. Zum Ausgleich nehme ich morgen einen freien Tag. Wenn das Wetter mitspielt, werde ich spazieren gehen oder Rad fahren. Heute war ich kurz vor der Tür, habe den strahlenden Himmel an der Schwelle zum Abend genossen, von Konndensstreifen durchkreuzt, die von der tiefen Sonne angestrahlt wahlweise gleißten oder rötlich schimmerten. Jetzt werde ich Bram Stoker lesen. Lucy, von Graf Dracula zu einer Untoten gemacht, wurde durch Dr. Van Helsing vor der ewigen Verdammnis gerettet, ihr Mann hat ihr den Pflock durchs Herz getrieben, nun sie ist tot, nur der untote Graf ist immer noch unterwegs.


So 30.12.12 11:22

Wenn man den Tag mit Schreiben verbringt, ist es nicht verwunderlich, dass man gegen Abend überdreht herumsitzt und nicht so recht weiß, was das Beste für einen wäre. Ich hatte an mein Sofa und eine warme Decke gedacht, aber dann fiel mir ein, dass Bewegung noch besser wäre. Ich zog mich warm an und ging hinaus. Wind rauschte in den kahlen Bäumen, dann und wann sah ich den Mond hinter eilenden Wolken, die Luft war seltsam mild für den vorletzten Abend des Jahres, sie tat gut, schon nach hundert Metern wusste ich, dass sie heilsam war, und so war ich, als ich nach einer Stunde heimkehrte, fast gesund. Gesund? Ja, Romanschreiben ist ungesund, so viel kann ich mit Sicherheit sagen, aber irgendeiner muss die Arbeit ja tun, und da ich nichts anderes kann, bleibt sie an mir hängen.


Mo 31.12.12 15:12

ich kenne keinen
der mich kennt und wüsste
dass einer, der so rennt,
nicht müsste, und keinen,
der so optimistisch ist,
obwohl die welt ein arschloch ist,
ich wüsste niemand,
dem ich einen tausch anböte,
und hätt' ich angebote für die abendröte,
ich gäbe sie nicht her und auch
für regentage habe ich gebrauch,
ich pack das alles klaglos ein,
ergebe mich, ich trinke wein,
halluziniere nicht und mache mir nichts vor,
die tage sind gezählt, ich zähle vor,
ich hüte mich und hoffe sehr,
ich schlafe und erwache quer
im bett, das manchmal jemand mit mir teilt,
ich bin noch jung, mein alter eilt,
es will voraus, ich will nicht mit,
besaufe mich, ach, greift mir in den schritt,
das ist der beste platz im neuen jahr,
aloh ahe, 2013, alles klar.









 

 

 

 

 

 

 

 

 

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