Dezember 2013                          www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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So. 1.12.13 13:13

Die Frage ist, ob Herr M. seinen Arsch heute bewegt oder ihn eher in der Horizontalen lagert. Für Bewegung spricht der Himmel, die Temperatur hingegen empfiehlt Faulheit. Wahrscheinlich siegt letztere. Gestern aber hat er sich aus dem Haus begeben, um sich Shakespeare anzuschauen, Richard III., ein Drama, aufgeführt vom Cactus Theater Münster.

Man sollte meinen, ein Shakespeare Drama wäre ein etwas zu großer Happen für ein Laientheater, unübersichtliche Familienverhältnisse, Intrigen, Mord, Gier, Rachsucht, you name it. Shakespeare hat immer darauf geachtet, dass keine Langeweile aufkommt. Lebte er heute, würde er wahrscheinlich Soaps schreiben, Twin Peaks könnte von ihm sein, und da schließt sich schon der erste Kreis, denn Cactus hat Soap gemacht und war damit sehr erfolgreich.

Aber Richard von einem Ensemble engagierter junger Laien? -

Zunächst fällt auf, dass die Inszenierung auf so gut wie jedes Bühnenbild verzichtet. Da ist nur das Licht und der Spielraum, an dessen hinteren Ende die Protagonisten sitzen. Über jedem ein Namensschild, was, wenn man an die komplizierten familiären Verflechtungen denkt, im Spielverlauf immer wichtiger wird. Eine einfache, sehr stimmige Idee. Man weiß immer, wer auftritt.

Eingeleitet wird das Drama durch die polnische Anchor Frau von Cactus Global TV, deren Name aus nichts als Konsonanten besteht, und die offenbar ein wenig überfordert ist von dieser komplexen Geschichte, die sie mit zunehmender Verzweiflung in einer kurzen Zusammenfassung erzählt.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Wir sind in der Gegenwart.

Richard, ein hässlicher Krüppel, der gern Elvis hört, will das Reich für sich. Er spinnt eine Intrige nach der anderen, nimmt und verlässt Frauen, wie es ihm passt, und alles dient nur dem einen Zweck, er will König werden. Zwei kurzweilige Stunden wird gemeuchelt, gemordet, und wer will, darf Parallelen zu Gegenwart ziehen, denn Richard ist Chef einer Partei. Zum Schluss ist er tot, Richmond übernimmt die Macht, und man darf davon ausgehen, dass alles weitergeht, wie zuvor, nur unter anderer Flagge.

Zwei kurzweilige Stunden Theater, dazu Musik von Mozart und Elvis und ein bisschen Oper, zwei Stunden, die Shakespeare aktuell machen, als wäre das alles gerade geschehen.

23:42

Es war frisch auf dem Rad heute nachmittag. Die Sonne schien, aber hinter mir zog eine Front auf. Ich wusste, dass sie mich kriegt, aber vorher wollte ich Kaffee trinken und Kuchen essen, im Club mit Musik, vielleicht träfe ich den oder die, aber ich kannte niemanden, eine Band spielte, die junge, ungelernte Servicekraft benötigte zwanzig Minuten, um das Gewünschte heran zu schaffen, da regnete es es schon. Nicht heftig, eher so ein Drieseln, das mich auf dem Heimweg frontal anflog. Nicht gerade förderlich bei meiner Erkältung, aber trotzdem, die kleine Reise tat gut. Morgen ist Montag, die Welt dreht sich, und ich drehe mit, was will man mehr.

 

Mo. 2.12.13 10:08

Die Sonne scheint, mein System will arbeiten, gleichzeitig fürchtete es sich und möchte davonrennen. Seit ich mich aufs Romanschreiben festgelegt habe, ist es immer dasselbe. Es ist körperlich. Es bringt mich an den Rand der Erschöpfung. Ich sehne mich nach Nichtstun, aber wenn ich eines nicht kann, ist es das. Also arbeite ich. Nähere mich dem Ende der Geschichte. Ich weiß, dass es nicht mehr lang dauert, zwei, drei Wochen vielleicht, einen Monat noch, nächstes Jahr, bis dahin muss ich mit meinen Kräften haushalten, sonst falle ich um wie ein Marathonläufer. Die letzten Kilometer sind die härtesten, sagen sie. Jeder Satz ist hart, sage ich, denn ich muss ihn Wort für Wort auf die Beine stellen, und jedes Wort muss begründet sein, jedes Wort muss vernetzt sein mit all den anderen, die schon stehen und mich herausfordernd anschauen. Ein Elend ist das, eine verfluchte Quälerei, man könnte meinen, man müsste Masochist sein, sich so etwas anzutun, aber ich tu es gern und ich tu es mit Liebe. Die Folgen sind unruhige Nächte und Tage, an denen ich herumstreife und versuche, den Zipfel des letzten Kapitels zu greifen, um mich mit ihm zum nächsten zu retten. Also, sage ich, es ist Montag, ich muss Weihnachtsgeschenke besorgen, ich muss hinein in den Trubel, ich muss ich will ich will ich muss, Zwickmühle quasi Hilfsausdruck, da soll einer noch wissen, wo ihm der Kopf steht, oben, sollte man meinen, der Kopf ist oben und die Beine sind unten, und wenn die Beine zu rennen beginnen, was bleibt da dem Kopf, und wenn der Kopf wie eine Maschine zu rattern beginnt, was bleibt da den Beinen. Einen Tag Wellness vielleicht, einen Tag Sauna, aber da wären schwitzende Nackte, die ich nicht sehen mag, einen Tag ganz was anderes tun, aber was denn, bitte, ich kann ja nichts anderes. Also, es ist Montag, Montag ist und nach Montag kommt Dienstag etc. pp., alles dreht sich und ich drehe mit.


18:15

Letzte Woche ist meine Nachbarin fortgezogen. Sie wohnt jetzt in einer Altenwohnung nicht weit von hier. Abends hab ich sie manchmal seufzen gehört, sie sang auch gern, und sie hat die Mensings von ganzem Herzen geliebt. Sie fehlt mir. Ich werde sie dann und wann besuchen. Jetzt bin ich der am längsten in diesen Häusern wohnende Mieter. Seltsames Gefühl. Altes Eisen quasi Hilfsausdruck.


Di 3.12.13 20:56

Als ich gestern vor der Zapfsäule 6 der Westfalentankstelle stand, fiel mir ein großer Neubau auf. Er steht auf dem Nachbargrundstück und war mir nie vorher aufgefallen. Ich muss davon ausgehen, dass er gestern auch schon dort gestanden hat und vorgestern ebenso, und ebenso in den letzten Monaten. Seltsam, dachte ich, vielleicht gibt es noch mehr, was mir nicht auffällt, vielleicht arbeitet man schon seit Jahren an umwälzenden Veränderungen der Welt, und ich bemerke sie nicht.

Mi 4.12.1311:12

Ich müsste mich schon beeilen heute, ich müsste mich treiben, um das Nichts, das einen Schriftsteller täglich aufs Neue fordert, mit Worten zu füllen. Schließlich wartet da ein Roman, aber das Leben wartet ja auch, und jetzt weiß ich nicht, soll ich leben oder eher schreiben. Gestern habe ich Weihnachtseinkäufe erledigt. Habe in den Arkaden gefrühstückt und mir angeschaut, wie die Frauen herausgeputzt hierhin und dorthin eilen, vor allem die Frauen, die älteren Frauen, während ihre abseits wartenden Männer, die vor ihrem Tee oder vorm Kaffee sitzen, Zeitung lesen, sporadisch von ihren Frauen besucht werden, um den Fortgang der Dinge zu erfahren. An den strategisch wichtigen Ecken knien die Bettler vom Balkan. Auf Pappschildern steht: haben swere krankheit, muss Hunger.

Die Umsätze sind gut, sagen die Einzelhändler und jonglieren mit Prozenten, die sie ins Verhältnis zu den Umsätzen des Vorjahres setzen. Alles muss immer mehr werden. Beim Romanschreiben ist das ähnlich. Aus 158 Seiten sollen 200 werden, da gehe auch in in die Knie und probe den Hundeblick. Zum Glück bin ich ein Eingeborener. Niemand hält mich für einen Paria. Möglich, dass manche denke, ich wäre ein wenig seltsam, das schon, aber damit kann ich leben. Also. Was tun wir heute? Was wollen wir trinken? Oder gehen wir schon in Rente und überlassen den anderen die Quälerei?


Do 5.12.13 12:57

Heute reißt es die letzten Blätter vom Baum, auf Autobahnen werden sich umgewehte Fahrzeuge türmen, Dächer machen sich auf den Weg in den Süden, Deiche brechen und morgen früh werde ich das Meer vor meinem Balkon begrüßen. Endlich Apokalypse. Wie lange habe ich darauf warten müssen.

23:53

Herr Niedecken freut sich, dass er 62 ist und die 1Live Krone kriegt, Herr M. freut sich, weil er bald 65 wird und sich noch immer Popstars anschaut, und dabei denkt, hat die Moderation nun einen Unterrock an oder sieht er die ganze Zeit einen schwarzen Slip. Er weiß es nicht, die Sendung ist ja auch nicht für ihn gemacht, er geht jetzt ins Bett und morgen ist auch ein Tag, und sollen ihn doch gefälligst alle mal, das denkt er, und jetzt fürchtet er sich auch nicht mehr, denn nach den Katastrophentrommeln der letzten 24 Stunden war das hier eher ein müdes Wehen mit einem Blitz gegen 18:53. Also wünschen wir uns eine gute Nacht, man weiß nie, ob man sie überlebt.


Fr 6.12.13 10:08

Vor Jahren habe ich ein Weihnachtsgedicht geschrieben. Es erschien in einer Anthologie, sie war erfolgreich, ich habe das Gedicht ins Englische übertragen, jemand hat es ins Französische übersetzt, und sogar in Korea gibt es diese Anthologie. Nun könnte man denken, hin und wieder bekäme der Autor Tantiemen dafür, aber ich kann mich an keine nennenswerten Beträge erinnern. Auf meiner Webseite findet man dieses Gedicht auch. Und jedes Jahr um diese Jahreszeit greifen verzweifelte Mütter, Väter, Lehrer und Lehrerinnen darauf zu. Seit Ende November gibt es schon wieder 400 Downloads, bis Ende dieses Monats werden es wahrscheinlich doppelt so viele. Und jetzt träumt der Autor. Jetzt denkt er, wenn mir jeder nur einen Euro zuschickte, das wäre doch nicht zuviel verlangt, oder? Ist es aber. Sie bedanken sich nicht einmal. Wie ich diese Lauschepper hasse.

15:19
.
Es ist still. Der Himmel ist blau. Vor einer halben Stunde fiel Schneegriesel. Der Wind ist mäßig. Mein Manuskript ruht in den Tiefen der digitalen See und schweigt. Das ist unheimlich. Meine Erkältung ist so gut wie überstanden. Ich hatte ihr mit dem Arzt gedroht, das hat sie beeindruckt. Ich wünschte, ich hätte ein Hobby, hab aber keines, und so fällt mir nicht ein, was ich tun könnte. Nichts tun ist mein größtes Abenteuer. Es bringt mich schnell zur Verzweiflung. Immerhin, heute abend könnte ich Tanzen.


Sa 7.12.13 11:14

Damals war ich mit den eigenen Kindern dort, heute nachmittag gehe ich mit den Enkeln hin. Das Kasper spielt noch im selben Theater, ich nehme an, Krokodil und Teufel werden auch anwesend sein, und natürlich bin ich gespannt, wie die Enkel das finden. So schnell schließt sich ein Kreis, denke ich und stelle fest, dass ich meine Runde zu zwei Dritteln hinter mir habe. Ich weiß, wer zu mir steht und wer nicht. Ich wundere mich. Ich weiß, dass ich niemandem die Schuld in die Schuhe schieben kann. Trotzdem sage ich gern: Du bist doof. Das erleichtert irgendwie. Du bist Schuld. Das tut gut. Und nichts davon stimmt. Alles könnte Illusion sein, sagen sogar die Physiker. Ich weiß es nicht, bin aber oft belustigt, was so alles geschieht. Und jetzt brate ich Gulasch an.

16:33

Kasper auf morgen verschoben, da ausverkauft. Jetzt daher brüllend komisches Gedicht:

das nasenbein war im dezember
beim ski in pölten weggebrochen,
worauf das hören und das riechen
das sehen, fühlen und das kriechen,
urplötzlich nicht mehr möglich war,
auch vieles sonst war in gefahr,
zum beispiel der geräuschlose verkehr,
der ging auf einmal gar nicht mehr,
nicht mal fellatio ließ sich machen,
schon gar nicht postkoitales lachen,
das leben war plötzlich sehr dull,
es war auch nicht mehr prall und full,
es war nicht die geringste wonne
drum kloppt das bein sich in die tonne.


20:04

jetzt sehr ernstes gedicht

während draußen grau geschmeidig
tief der himmel für mich träumt,
war ich wochen unvermeidlich
undleidlich, unaufgeräumt.

aber seit der letzten nacht,
unter himmelweitem fenster,
unter daunen, aber nackt,
weichen die gespenster.

draußen jetzt schon stille nacht,
drinnen auf den beinen,
habe ich mich angelacht,
will jetzt wieder scheinen.


Mo 9.12.13 11:18

An den Wänden ringsum hängen die Protagonisten: Könige, Prinzessinen, Hexen, Teufel, Räuber, Polizisten, Großmütter und Wolf, Generäle und Kasper, eine Wurstrakete, die A. für ein Unterseeboot hält, und Autos und was man eben so braucht für ein Kasperlspiel.


Wir waren ein wenig früh, aber uns wurde nicht langweilig, weil wir schon auf der Hinfahrt über das Krokodil gesprochen hatten, von dem ich hoffte, dass es aufträte und dann mit Kaspers Klatsche eins übergezogen kriegt. Wir gingen herum und suchten es. Wir fanden drei Krokodile, ein großes und zwei kleinere, und da sagte ich, dass das Krokodil wahrscheinlich wohl doch nicht mitspielen würde. Wir unterhielten uns über die Angst und die Aufregung, die an einem Ort, an dem etwas Neues, bisher nicht Gesehenes geschieht, ganz natürlich ist, und dann ging es los mit Prinzessin, König und Hofmarschall, mit Kaspar, Rabe und Hexe. Mit Zaubersprüchen und großer Keule.

Seid ihr alle da? wird noch immer gerufen, und alle Kinder wissen, was sie antworten müssen.

Das Nachbarkind saß steif und starr, lachte manchmal ganz spitz und ungläubig, mein Enkel flatterte mit allen Gliedmaßen und kriegte kaum einen Ton raus, irgendwann wollte das Nachbarkind auf meinen Schoß, ich hoffte, dass es sich nicht in die Hose macht, ringsum wurde geschrien, gekreischt, wurden Hinweise für den Kasper gerufen, es war alles wie früher, als ich das letzte Mal mit meine Kindern im Charivari war, also vor etwa achtundzwanzig Jahren. Es ist schön, an einen Ort zurückzukehren, an dem sich nichts, aber auch gar nichts verändert hat, während in meinem Leben seitdem kein Stein auf dem anderen geblieben ist.


Di 10.12.13 9:31

Dienstbeginn. Mein Alphabet steckt noch in den Puschen. Es muss erst duschen, sagt es,
es habe noch nicht gefrühstückt und heute sowieso keine Lust, aber da bin ich vor. Ich habe alle Tasten im Anschlag. Ich schlage mit zehn Fingern blind, und immer, wenn sich ein Buchstabe davon stehlen will, haue ich drauf. Oder ich pumpe mein Alphabet mit Drogen voll. Meist fängt es dann an, haltlos zu kichern. Wenn es erst so weit ist, kann ich mit ihm machen, was ich will. Dienstbeginn, rufe ich, und alle Buchstaben antworten: Yo Mann. Lass ma machen. Is eh Scheißwetter. Andiamo.

13:59

Ich hatte schon vieles, aber das noch nicht. Gerade ruft ein Veranstalter an und sagt, die Lesung demnächst, die habe Herr X. vereinbart, ohne dem Kollegium davon Bescheid zu sagen, und nun sei Herr X. erkrankt, und da wären sie auf seine Planung gestoßen, es wäre vor Weihnachten eh so viel los, das passe da gar nicht mehr rein, was wolle man denn jetzt bloß machen, ob man das absagen oder verschieben könne? Nun, sage, offenbar stimmt da in ihren Kommunikationsstrukturen etwas Grundlegendes nicht, man könnte das absagen, aber das kostet, schließlich wurde ein Vertrag geschlossen. Ja, ja, das verstehe man, antwortet man mir, und dann handeln wir einen Deal aus. Er zahlt das und das, wenn er absagt, sonst bliebe alles wie geplant. Gut, sagt er, er bespräche das mit den anderen und sagt mir morgen Bescheid. Jetzt bin ich gespannt.


Mi 11.12.13 10:53

Es ist lange her, dass Thomas Bernhard gelesen habe, aber ich erinnere mich, dass er mir mit seinem Wüten gegen die Welt gehörig auf die Nerven ging. Ich war jung damals, vielleicht zu jung, um Bernhard zu lesen, andererseits wusste ich, dass er Recht hat. Gestern abend sah ich im Pumpenhaus eine Bühnenfassung des Bernhard Romans Der Untergeher mit dem Schauspieler Christian Fries. Zwei Stunden, in denen Fries Bernhards Roman erzählte, als denke er ihn gerade, eine Echtzeitillusion, die mich vergessen ließ, dass ich einem Schauspieler zusah, der auf einem Stuhl saß und laut dachte. Da lebte ein Text durch die Kunst eines höchst konzentrierten Schauspielers, der sich Zeit ließ, sparsam agierte, und jedes Wort, das er sprach, verstanden hatte. Heute abend kann man das noch einmal sehen, und man sollte es nicht versäumen.

18:16



ich kenne keinen
der mich kennt und wüsste
dass einer, der so rennt,
nicht müsste, und keinen,
der so optimistisch ist,
obwohl die welt ein arschloch ist,
ich wüsste niemand,
dem ich einen tausch anböte,
und hätt' ich angebote für die abendröte,
ich gäbe sie nicht her und auch
für regentage habe ich gebrauch,
ich pack das alles klaglos ein,
ergebe mich, ich trinke wein,
halluziniere nicht und mache mir nichts vor,
die tage sind gezählt, ich zähle vor,
ich hüte mich und hoffe sehr,
ich schlafe und erwache quer
im bett, das manchmal jemand mit mir teilt,
ich bin noch jung, mein alter eilt,
es will voraus, ich will nicht mit,
besaufe mich, ach, greift mir in den schritt,
das ist der beste platz im neuen jahr,
aloh ahe - - - alles klar.


Do 12.12.13
00:19

Man tanzt, ist das schnell, denkt man, Schweiß rollt in dicken Tropfen, aber man hört nicht auf, denn wer aufhört, ist einsam wie die, die aufhören, deshalb tanzen alle, also tanzt man und versucht zu retten, was nicht zu retten ist, eine gewalttätige, verrottete Welt tanzt und schaut weg, tanzt 9/11, den Vulkan und den Adolf Hitler, dreht sich und dreht, es hilf nicht, man kann dann und wann lachen, das hilft und ist schon wieder vorbei, man kennt sich und weiß, dass man so ist wie alle, der Nebel hängt weich überm Land, als man heimfährt, da sitzt man und will noch nicht schlafen, man muss denken, dabei ist Nichtdenken das größte Glück, aber wo kriegt man das?

10:42

Der Dachboden hängt voller Wäsche, aber die Wäsche trocknet nur schwer. Werde mir also etwas anderes ausdenken müssen als Bügeln.


16:47

Mein Versuch, den Einzelhandel zu retten

Die Uhrenabteilung im Kaufhaus ist umgezogen, dachte ich, jedenfalls war sie nicht da, wo sie früher war. Da war jetzt die Kosmetikabteilung. Ich tat das Nächstliegende und fragte eine Kosmetikerin: baumlang, schlank, schwarzer Businessanzug, Schläfen hoch ausrasiert, blondes Stehhaar mit leuchtendem Orange in den Spitzen, perfekt geschminkt, Mitte bis Ende Dreißig. Gleich da, sagte sie und wies nach links, keine fünf Meter entfernt. Ooooh, wie blind kann man sein, sagte ich. Sie lächelte und sagte: Übrigens, Apollo Optik haben wir auch, gleich da drüben. Hm hmmm, sagte ich, begriff den Scherz aber erst, als ich an einer Uhrenvitrine auf eine Verkäuferin wartete, die anderweitig beschäftigt war und die Kosmetikerin neben mir auftauchte und sagte, also, Sie hätte mich gerade nicht beleidigen wollen. Wir lachten von Herzen. Ist das schön, mal nicht im Netz einzukaufen, dachte ich.

Der Artikel aber, den ich wollte, war nicht vorrätig.
Ich probierte noch zwei andere Läden, ebenfalls ohne Ergebnis.
Im Netz fand ich ihn mit zwei Klicks. Nun ist er unterwegs.


Fr. 13.12.13
13:22

Gestern musste ich Enkel hüten. Ich habe zwei, und es dauert nicht mehr lang, dann habe ich drei. Der Älteste hatte mit knapp eindreiviertel Jahren Opa gesagt, Opa, ganz deutlich. Heute nennt er mich Opa Hermann. Der Jüngere, jetzt knapp über zwei, hatte bisher nichts dergleichen gesagt, mir schien, er kam auch ohne Versprachlichung gut zurecht, aber seit er in die Kita geht, ist er offenbar zu der Überzeugung gelangt, dass Sprechen doch seinen Reiz hat.

Als ich gestern abend ins Kinderzimmer kam, saß er am Boden und spielte mit einem Arztkoffer, blickte halbschräg über die rechte Schulter hoch zu mir und sagte eher beiläufig: Hermann. Da kam Freude auf. Kurz darauf verabschiedeten sich die Eltern. Die Enkel und ich aßen zusammen, wir spielten ein wenig, ich las ihnen vor und dann brachte ich sie zu Bett. Gegen acht war das Haus ruhig. Ich legte mich unten aufs Sofa, kuschelte mich unter die Decke und schlummerte, bis die Eltern gegen halb neun heimkamen. Sie wunderten sich, wie ruhig das Haus war. Ich wäre der erste, der den Jüngsten klaglos ins Bett expediert hätte, sagten sie und da fühlte ich mich schon wieder gut. Heute fühle ich mich noch besser.


Sa 14.12.13 12:56

Das war ein Rausch ohne Reue,
hat man gesagt, und als man erwachte,
hat man sich umgeschaut,
und wer da war, war da und wer nicht da war,
war wohl gestorben, und wer gestorben war,
hat man gesagt, war trotzdem da,
ganz gleich, hat man gesagt,
ob er da war, oder nicht,
im Rausch, hat man gesagt,
ist alles da und nicht da,
denn der Rausch ist ein seltsamer Vogel,
und auf seinen Schwingen liegt viel Geheimes,
selbst das Licht, hat man gesagt,
ist manchmal da und dann nicht,
und man hat gesehen,
dass es dem Licht genauso geht,
wie denen, die wohl gestorben sind,
und noch sterben werden,
also alle, hat man gesagt,
alle sind immer anwesend und
glänzen durch Abwesenheit, hat man gesagt
und gedacht und sich angeschaut,
in den Augen nach Zeichen gesucht,
man hat gesagt und geschwiegen,
und die Nacht hat sich verschworen
mit jedem, der da war und nicht da war,
so ist das hin und her gegangen,
als der Rausch im Schädel ankam
und die stille Musik spielte,
die wohl gestorben ist oder nicht,
und wenn sie nicht gestorben ist,
hat man gesagt und wusste es sicher,
dann lebt sie immer noch,
also, hat man gesagt, ist alles gut,
und wenn alles gut ist,
wird man sterben und nicht sterben
und hat zumindest gesagt,
was zu sagen war.


So 15.12.13 12:12

Freitagabend saß in der Küche und knabberte Erdnüsse. Ich mag frische Erdnüsse für mein Leben gern. Da ich Gebissträger bin, ist es nicht ganz einfach, sie zu zerkleinern. Ich will jetzt nicht ins Detail gehen, aber als ich ferig war mit den Nüssen, spürte ich einen kleinen spitzen Schmerz irgendwo zwischen Speiseröhre, Mandeln und Kehlkopf. Ich bin kein Hypochonder, war aber besorgt, denn ich hatte so einen Schmerz in dieser Region noch nie gespürt. Mit Wasser war da nichts zu machen, falls sich dort etwas festgesetzt hatte, dachte ich. Ich spürte den spitzen Schmerz noch bis gestern, da hatte er sich um ein, zwei Zentimeter verschoben, was mich beruhigte und zu der Annahme brachte, dass sich dort tatsächlich ein Stück Erdnuss festgesetzt hatte. Dann riet man mir, den Finger in den Hals zu stecken und doch einmal nachzufühlen. Das tat ich. Ich fühlte nichts, aber in der Folge stellte ich fest, dass der Schmerz verschwand.


Mo 16.12.13 10:41

Gestern war es wieder einmal so weit. Ich hatte die ersten vierzig Seiten aus Herr Dordrecht wollte glücklich sein gelesen, dreizehn zahlende Gäste saßen im Foyer des Pumpenhauses , es gab Kaffee und Kuchen vom Blech, "langsam, Wort für Wort" hatte ich mir auf einen Zettel geschrieben, der neben meinem Manuskript lag, damit ich es bloss nicht vergäße. Ich las eine Stunde und meine Zuhörer waren begeistert. Der Chef des Literaturvereins hatte mich beehrt, dem Kritiker der Zeitung gefiel auch, was ich vorgelesen hatte, und da brach er aus, der kurzzeitige Größenwahn, der dann und wann große Freude macht. Heute ist die Welt wieder rund und genauso groß, wie sie immer war, mein Stadthaus hier und mein Landhaus dort, das ich gestern abend besaß, hat sich in Luft aufgelöst, ich kann wieder unerkannt durch die Straßen gehen und in Frieden weiter arbeiten.


Di 17.12.13 16:20

Die Schule hatte sich nun doch entschlossen, mich einzuladen. Vernünftig, denn sonst hätte sie zwei Drittel meiner Gage als Ausfallhonorar zahlen müssen. Ich war pünktlich, man begrüßte mich, man wusste sogar meinen Namen. Auf die Frage, was ich läse, nannte ich den Titel und umriss die Geschichte. Es geht um zwei Brüder, deren Opa gestorben ist. Im Keller ist ein Rollschrank, der immer offen stand. Seit Opa tot ist, ist er verschlossen. Sie vermuten ein Geheimnis. Einer der beiden lüftet es: im Schrank ist ein Luftgewehr.

Oh, Luftgewehr, sagte die Pädagogin und runzelte die Stirn.

Also kein Luftgewehr, dachte ich, keine Negerküsse, nix, alles raus, raus, alles feinstaubbereinigt, die Welt besteht nur noch aus guten Menschen, man kann es kaum aushalten. Nein, nein, so war das nicht gemeint, sagte sie, aber da der Kunde König ist, kriegt er, was er will. Zwei sehr schöne Lesungen zum Preis von einer, mein X-Mas Spezial. Man streckt sich nach der Decke und knirscht mit den Zähnen.

Mi 18.12.13 11:55

Die letzten Dinge des Jahres sind so gut wie erledigt. Morgen muss Herr M. in Bocholt noch einmal in den Ring, das wird er schon schaffen. Gestern hat die Presse über seine Lesung im Pumpenhaus berichtet. Sein Roman zeichne sich durch "feinen Sprachwitz" aus, der für "erfrischende Komik" sorge. Herr M. erzähle mit viel Liebe zum Detail. Eine anregende Lesung, die Appetit auf mehr mache. Dorfprosa für einen Dorfdichter. Geschenke sind gekauft, müssen aber noch verpackt werden. Der Kopf sehnt sich nach Leere. Nach Weihnachten wird Herr M. in seiner Funktion als Schlagzeuger von Albert Early Bird & The Working Worms im Cafe Spitz in Bonn auftreten. Beste Konditionen, Essen, Fahrt und Übernachtung inklusive. Dann ist das Jahr vorbei und ein neues scheint am Horizont auf. Ein großes Jahr. Herr M. geht in Rente. Er erhält dann einen Rentnerausweis und kriegt überall Ermäßigungen. Darauf freut er sich schon.


Fr. 20.12.13 12:40

Gestern war ich am Niederrhein. Kurz vor Rees steht ein Haus, das mit faustgroßen Einschlagslöchern übersät ist. Späte Zeugen der heftigen Kämpfe zu Ende des zweiten Weltkrieges. Das Haus ist bewohnt. Ich finde, man sollte es unter Denkmalschutz stellen. Der Fluß war graugrün. Ich sah einige Schiffe, deren Brücken verwaist waren.
Gespenstisch irgendwie, dachte ich, aber Flugzeuge fliegen ja auch mit Autopilot, wenngleich da Piloten im Cockpit sitzen.

Traf eine Frau, die mir von ihrer Furcht erzählte, ihr kleiner Hund könne ins Wasser gehen und davon gespült werden. Sie leine ihn daher nie ab, denn hinterher schwimmen könne man hier nicht, die Strömung sei viel zu stark.

Las zweimal in Bocholt, einmal am Morgen, das zweite Mal am Nachmittag, daher mein Ausflug. Wunderbare Lesungen waren das, man schiss mich mit Lob zu, aber da er gerechtfertigt war, konnte ich damit leben. Mehr davon, dachte ich, und setzte zum Flug in die Stratosphäre an. Heute vorsichtige Landung auf Normalnull.


Sa 21.12.13 12:37

Der Weihnachtsmann hatte inkognito bleiben wollen, aber als ich zu den Müllcontainern unterwegs war, kam er mir entgegen und steckte mir einen Briefumschlag zu. Mit dem Inhalt kann ich einkaufen und das Fest, das ich nicht bestellt habe, ausrichten. Ein Fest, das mich jedes Jahr in Turbulenzen stürzt, weil es mit so vielen Dingen überfrachtet ist, die untragbar sind, all die Erinnerungen, die sich in den letzten Tagen des Jahres auftürmen. Ich könnte darauf verzichten. Aber gut, heute wendet sich die Sonne und macht sich auf den Weg zu uns, die Tage werden länger, das Karussell dreht sich und ich drehe mit. Noch putzen, noch waschen, noch bügeln, noch einkaufen, und heute abend Tanzen gehen.


So 22.12.13 15:15

Für einen Augenblick Sonne vorhin, und da dachte ich, vielleicht sollte ich mich anziehen. Zum Glück verschwand sie gleich wieder, so dass ich an meinem ursprünglichen Plan festhalte: nicht anziehen, nicht bewegen. Was bleibt, ist mein Sofa, da ist es schön.



Mo 23.12.13 12:30

Samstagabend sah es zunächst so aus, als würde das Tanzfest im vorweihnachtlichen Trubel vergessen. So zwischen 22:30 und 23:00 kamen aber doch Gäste. Ich tanze gern, aber manchmal gefällt mir dieses nicht oder jenes, meist hat das mit den Tänzerinnen zu tun. Sie sind mir zu jung, zu groß, zu klein, zu zickig, oder die wenigen, mit denen ich vertraut bin, sind nicht da. Diesmal aber waren einige da, und so tanzte ich ausgiebig. Eine, mit der ich sogar Bachata tanze, weil sie geschmeidig und weich ist, eine, weil sie freestylen kann, eine, weil sie soviel Energie versprüht. Gegen zwei fuhr ich heim, angenehm erschöpft.


Di 24.12.13 11:42

Alles ist gerichtet, Gäste werden kommen, wir werden beieinander sitzen wie jedes Jahr, nur sie ist nicht da.


Do 26.12.1312:23

Die Botschaft war noch nicht ganz gar,
als unser Ofen kollabierte,
das Wahre wurde daher nicht mehr wahr,
weil es sich ungegart genierte.


14:51

War gestern noch Bewegung möglich,
endet Bewegung heute tödlich
drum bleib ich, weise, wie ich bin,
heut drin mit Decke bis zum Kinn.


Fr 27.12.13 10:43

Heute wird heimgereist. Alle, die über Weihnachten bei den Eltern waren, oder als Eltern Kinder besuchten, setzen sich, so sie dazu noch in der Lage sind, ins eigene Auto oder werden von den Kindern zum Bahnhof gebracht und reisen heim. Die Zurückbleibenden schlagen Purzelbäume, sie haben es hinter sich, jetzt versuchen sie, die Tage zwischen den Jahren zu genießen, sie dürfen wieder in alten Hosen herumsitzen und weiter essen unhd trinken, denn es sind nur noch ein paar Tage, dann geht alles wieder von vorn los und man freut sich aufs nächste Jahr. Schönes Fest, sagen alle, was soll man auch sonst sagen.


Sa 28.12.13 17:58

Der Pianist stand nackt im Raum, als ich eintrat. Erschrocken warf er sich ein Handtuch um. Ich sagte, ich hätte schon nackte Männer gesehen. Er zog sich an, wir packten sein Keyboard, das Mischpult und seinen Verstärker Platz in mein Auto und fuhren los. Gegen halb sechs waren wir vor Ort, ein Café in der Bonner Innenstadt. Der Barmann half uns, das Equipment hinein
zu tragen. Er machte uns Cappuccino. Unser Gitarrist kam wenig später. Um halb sieben waren wir bereit, einen 50ten Geburtstag musikalisch zu untermalen.

Heute frage ich mich, wieso jemand eine Band bucht, eine ordentliche Gage und Hotelzimmer zahlt und auch beim Spritgeld nicht kleinlich ist, wenn niemand zuhört. Viel einfacher wäre es gewesen, im Hintergrund eine Konserve abzuspielen. Aber nein, eine Band musste offenbar sein, vielleicht, um kolportieren zu können, der Doktor Jur. Soundso habe sogar eine Jazzband engagiert, als er fünfzig wurde. Zumindstes sagte das der Pianist, als wir heute mittag heimfuhren. Erstaunt über diese Variante menschlicher Eitelkeit übersah ich eine rote Ampel.

Wir spielten bis 23 Uhr. Mir machten Pausen, wir aßen, wir saßen draußen vorm Café und rauchten, wir wurden während unserer Sets dreimal aufgefordert, leiser zu spielen, obwohl wir so leise spielten, dass man die Weingläser klingen hörte, mit denen der Gastgeber anstieß, nur ein Körperteil eines der zumeist mit dem Rücken zu uns in Gruppen miteinander sprechenden Gäste zuckte, bis auf ein Paar, das klatschte, klatschte niemand, nicht einmal ermunternde Blicke waren zu sehen, und so blieb das Schönste an diesem Abend ein etwa anderthalbjähriges Mädchen, das draußen vorm großen Fenster auf uns aufmerksam wurde und auf der Stelle zu tanzen begann. Im Kreis, auf und ab, mit weit von sich gestreckten Arme und mit den Füßen stampfend.


So 29.12.13 9:40

Um von Bonn nach Münster zu fahren, benötige ich eigentlich kein Navigationsgerät. Kurz vor Köln teilt sich die Autobahn. Ein Schild weist auf die A 59 Ost (Olpe, Oberhausen etc.), eines auf die A 559 Nord (A1).
A1, dachte ich, und fand mich wenig später im Zentrum von Köln. Das war nicht beabsichtigt. Ich denke bei der Achse Bonn - Münster eher an den Norden als an den Osten, das hatte ich nun davon. Ich folgte weiteren Hinweisschildern A1 Richtung Ehrenfeld, die Straße war dreispurig, aber als der Abzweig zur Autobahn kam, hatte ich keine Chance mehr, die Spuren zu wechseln. Entnervt schloss ich mein Navi an, das mir riet, umzukehren.

Ich kehrte um und passierte die neue Kölner Moschee. In der Zeitung hatte ich viel darüber gelesen, die Gegner hatte heftigen Wirbel veranstaltet, offenbar fühlten sie sich bedroht, wovon auch immer man sich bedroht fühlen mag, wenn eine Glaubensgemeinschaft sich eine Kirche baut, und nun sah ich sie und war beeindruckt.

Ein stimmiges, sehr schönes Gebäude. Ich habe schon große Moscheen besucht, ich erinnere mich an die Moschee in Kairo, ich bin gern in Kirchen, und falls mich überhaupt etwas stört, ist es der überdimensional Gekreuzigte in christlichen Kirchen, dieses Symbol mag ich nicht. Ich bin eher erstaunt, was Gläubige bewegen, um ihren Göttern repräsentative Häuser zu errichten, da ist der Phantasie keine Grenze gesetzt. Da war sie also, die Moschee, jetzt habe ich sie gesehen und kann mitreden.

11:14

Noch weniger Zuspruch als Musiker erhalten Fotografen auf Familienfesten. Sie stehen unter Druck. Jeder Gast soll gut aussehend und an der Seite des Gastgebers fotografiert werden, der Fotograf streift also herum und fotografiert, manchmal will er Kunst machen und beugt sich über Sektkübel, meist aber macht er sich an die Gäste heran und animiert sie, ihre Gläser zu erheben. Uns, die Band, hat er auch fotografiert.

12:25

Der erste, der uns aufforderte, leiser zu spielen, war ein junger Mann mit verbindlichem Lächeln und kaltem Herz, ein aufstrebender Jurist, dessen Freundin ich bedauerte. Sie schien lebendig, sie hatte gezuckt und sogar Tanz angedeutet. Man soll Menschen unvoreingenommen gegenübertreten, aber mir gelingt das eher selten, weil ich Herkunft rieche, den guten Stall, die unbedingte Fokussierung auf das Ziel, die Bereitschaft, über Leichen zu gehen. Ich täte das auch, aber mein Stall stimmt nicht, das weiß er sofort. In meinem Stall wurde und wird anders gesprochen und anders gelebt, und so sind wir uns fremd. Nichts Ungewöhnliches. Jeder hat weniger als eine Sekunde, um sich ein Bild vom Gegenüber zu machen, das System arbeitet präzis und erfasst jede Nuance ohne Einspruch des Intellekts, weil es älter ist und erfahrener, weil es entscheiden muss über Freund oder Feind.

14:41

Am Morgen danach, ich hatte zuviel Cappuccino getrunken und unruhig geschlafen, wenngleich die zum Bahnhof weisenden Fenster des Inter City Hotels erstaunlich gut die Geräusche abhielten, am Morgen danach also, mit Geld in der Tasche, kam ich an einem Schuhgeschäft vorüber und sah ein Paar Winterschuhe, die mir gefielen. Sie kosteten nicht, wie sonst, wenn mir etwas gefällt, hundertfünfzig oder zweihundert Euro, sondern nur 69. Dumm nur, dass das Geschäft noch nicht geöffnet hatte.


Mo 30.12.13 16:47

Als wir fertig waren mit der Musik stieg DJ Totti mit Light my fire von den Doors ein, dreimal lauter als wir, und schon waren erste Fluchtbewegungen festzustellen. DJ Totti saß hinterm Laptop, den linken Arm aufgestützt, Daumen unterm Kinn, Zeige- und Mittelfinger an der Wange, so saß Totti da und grübelte über der Aufgabe, die noch immer mit Essen beschäftigten Gäste zu ausgelassenem Verdauungstanz zu animieren. Ob ihm das gelungen ist, weiß ich nicht, denn wir trugen unser Equipment aus dem Café und verluden es in unsere PKW. Was ich jedoch weiß, ist, das MP3 kläglich dünn klingen, und dass die Anlage des Herrn Totti, (ein Kollege des Dr.jur., wie wir hörten) daran auch nichts ändern konnte.

Der Gitarrist und ich fuhren unsere Wagen in die Tiefgarage. Der Gitarrist entledigte sich seines Jacketts, seines Hemd, stand da halbnackt, weil er eben noch unter die Leute wollte, und zog sich etwas Legereres an. Ich sagte, die filmen uns, beug dich vornüber. Jau, sagte er.

19:44

Ob es unrecht ist, so zu leben, wie ich jetzt lebe, habe ich mich lange gefragt. Langsam dämmert mir, dass Weiterleben nicht unrecht sein kann.

22:26

Fast vier Wochen habe ich den Text, an dem ich arbeite, nicht angeschaut. Gestern habe ich einen flüchtigen Blick darauf geworfen. Morgen will ich das wieder tun. Und dann hoffe ich, dass ich irgendetwas wiedererkenne, etwas, an dem ich mich festhalten und weitermachen kann.


Di 31.12.13 12:30

Die Sonne scheint. Vielleicht setze ich mich gleich aufs Rad und mache eine Tour. Später dann kochen, essen und in den Abend fließen. Wo der stattfindet, ob mit oder ohne Glanz, allein oder unter Menschen, mit Orgelkonzert oder Tanz oder allem weiß ich noch nicht. Das wird sich schon zeigen. Ich verabschiede mich. Wir sehen uns im nächsten Jahr, also morgen. Kommen Sie gut hinein, übertreiben Sie's nicht, alles Gute.

13:38

da schau,
hätte er gesagt,
spräche er dialekt,
die wunden sind immer noch offen,
und der doktor weiß nur,
was er tun muss,
wenn er es wüsste.

a geh,
was wissen's denn sie,
hätte er gesagt mit diesem faible,
der ihn in ottakring ansprang,
im tiefen märz 2009,
als männer mit langen bärten
die nächste revolution beratschlagten.

wir wissen alle nur nichts,
hätte er gesagt,
wenn er etwas gewusst hätte,
als er das grüne kleid sah,
und hätte dann was getan?
was, wo und vor allem wie?

da schau,
sagt er und hängt das alte jahr
in den schrank zu den anderen,
nimmt ein neues,
bürstet es auf und geht fort.
alle lieben ihn, keiner liebt ihn,
alle welt zaudert, er hofft und hofft.

















 

 

 

 

 


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