Dezember 2014                           www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Mo 1.12.14 12:11

Ständig ist Anfang und Ende. Jetzt und jetzt, und für jeden Parameter dieses Wirbels (den wir gewohnt sind, Leben zu nennen, dessen Geheimnis aber noch niemand enträtselt hat) gibt es so viele Varianten, wie es Anfänge und Enden gibt. Keine dieser Varianten ist mit einer anderen vergleichbar. Jede ist ein Unikat und sollte als solches geachtet und wertgeschätzt werden. Meine und deine, ihre und eure. Fast unmöglich erscheint es da, dass sich zwei Unikate zusammentun und gemeinsam Zeit zwischen Anfang und Ende verbringen, aber es geschieht. Es geschieht aus Gründen, die mit der Reprokution zu tun haben, und es geschieht aus Liebe, aber das ist natürlich eine von uns erfundene Spielart, um das Unbegreifliche ein wenig fassbarer zu gestalten, und uns, die wir hauptsächlich Träumer sind in einem Universum, das sich unseren Vorstellungen total entzieht, zu beruhigen. Keiner kann Unendlichkeit denken, geschweige begreifen. Wir haben ja nur Anfang und Ende. Soviel also zur Liebe. Liebe ist ein Luxus für Träumer. Das Universum liebt nicht. Das Universum ist gleichgültig. Das Universum tut nur das Notwendige. Luxus kennt es nicht. Luxus ist etwas, das ich mir gern gönne.


12:52




während draußen grau geschmeidig
tief der himmel für mich träumt,
war ich wochen unvermeidlich
unleidlich - unaufgeräumt.

aber seit der letzten nacht,
unter himmelweitem fenster,
unter daunen, aber nackt,
weichen die gespenster.

draußen jetzt schon stille nacht,
drinnen auf den beinen,
habe ich mich angelacht,
will jetzt wieder scheinen.



23:06

Wie lautet die Wahrheit? Ich drücke mich? Ich habe mich immer gedrückt? Ich muss mich nicht wundern, dass ich jetzt Rechnungen zahle? Nein, das glaube ich nicht. Ich müsste ja erst einmal wissen, von welcher Wahrheit die Rede ist? Von der Wahrheit der chemischen Reaktionen in meinem System? Von der Wahrheit der pysikalischen Vorgänge? Von der nicht verifizierbaren Wahrheit meiner Psyche, die so oder so ist, je nach Ausschüttung bestimmter Chemikalien, oder so und so, weil sie von Anfang so war. Von welcher Wahrheit ist also die Rede?


Di 2.12.14 12:17

Es ging gegen halb sieben am Sonntagabend, als es schellte. Ich drückte den Summer, während ich die Wohnungstür öffnete. Ich knipste das Flurlicht an und schaute zur Haustür hinunter, die sich zögernd öffnete. Eine alte Frau erschien. Sie sei falsch aus dem Bus gestiegen, sagte sie, wo sei sie denn jetzt sei, sie müsse nach Schapdetten.

Kommen Sie doch erst einmal herein, sagte ich. Sie setzte sich zu uns in die Küche. Sie war auf dem Weihnachtsmarkt gewesen, sie hatte Reibeplätzchen gegessen, hatte sich also einen schönen Sonntagnachmittag gemacht mit ihren 84 Jahren, und nun saß sie da. Statt an der Alten Dorfstraße war sie in der Dorffeldstraße ausgestiegen. Hier aber konnte sie ihren Anschlussbus, die 63, nicht erreichen, und da hatte sie bei mir geklingelt.
Alle möglichen Leute klingeln bei mir, wenn es etwas zu erledigen gibt, bei dem sie Hilfe benötigen.

Ich sagte, wissen Sie was, ich fahre sie gleich nach Hause, und sie sagte, ach, dass es noch so freundliche Leute gibt. "Fröndlieke Lue" sagte sie auf Platt. Die gibt es zur Genüge, sagte ich. Sie trug einen schokoladenfarbenen Wollmantel von bester Qualität, ein Pelzhütchen, allerdings hatte sie, sagte sie, bei den Handschuhen daneben gegriffen, das waren zwei verschiedene. Klein, eher zierlich, ein faltiges Gesicht, aber wach, blaugraue Augen, gerötete Bindehäute, wie alte Menschen das manchmal haben.

Ich bot ihr meinen Arm, als wir zu meinem Auto gingen. Sie nahm ihn bereitwillig. Ich half ihr beim Einsteigen, stieg selbst ein und wollte ihr beim Anschnallen helfen, aber das hatte sie längst selbst getan. Auf dem Weg nach Schapdetten erzählte sie, dass sie allein lebe, dass sie einmal ein Verhältnis gehabt habe, sechs Jahre lang, dann sei das vorbei gewesen, und da habe ihr Vater gesagt, wenn sie also nicht heiraten wolle, könne sie natürlich weiter im Elternhaus wohnen, müsse aber zahlen. Ihre Eltern sind schon seit 33 bzw. 40 Jahren tot, sie lebt noch immer im Elternhaus, lebt da allein, hat bei der WGZ gearbeitet, noch mit 43 hat man sie da angenommen, das ginge ja heute nicht mehr, sagt sie. Ich lasse sie vor ihrem Haus aussteigen. Ein altes, kleines Einfamilienhaus. Sie bedankt sich. Gern, sage ich und fahre heim.

15:21

Alle Jahre wieder treibt es Herrn M. zu Kortenbrede, ein Markt für professionelle Handwerker. Dorthin zu fahren bedarf einiger Überwindung, denn Herr M. weiß ja nicht einmal, wie die meisten Dinge heißen. Dinge, die von Handwerkern verwendet werden, haben ja Namen, auf die sie hören, alle anderen Bezeichnungen weisen den Nutzer sofort als Laien aus, Idiot quasi Hilfsausdruck.

Ich wollte einen Schalter. Einen Lichtschalter. Einen Schalter, mit dem ich das Licht unter der Decke in meinem augenblicklichen Schlafzimmer an und ausschalten konnte, weil der Dimmer, von Opa Fritz, Gott hab ihn selig, seinerzeit eingebaut, schon seit Jahren nicht mehr verlässlich funktioniert.

Erste Versuchung auf dem Parkplatz vor Kortenbrede: ein Imbisswagen. Vier Männer stehen davor. Keiner sieht so aus wie ich. Alle habe Handwerker- zumindest aber Heimwerkerkleidung an. Ich ignoriere die Männer, den Imbisswagen und betrete den Markt. Ich folge der blauen Linie am Boden zur Elektroabteilung. Ich greife diesen oder jenen Schalter aus dem Regal. Einer scheint mir richtig. Ich frage die vorbeieilende Fachkraft. Sie verneint. Das sei ein Wippschalter. Da bleibt das Licht nur solange an, wie man draufdrückt. Wofür soll das denn gut sein, denke ich. Ich sage, was ich benötige. Er gibt es mir. Das ist Plus Minus, sage ich, oder? Nein, sagt er, braucht der ja nicht: Rot ist Zufuhr, gegenüber ist Abgang.

Abgang habe ich noch nie gehört, mag aber nicht nochmal fragen. Der Mann an der Kasse sagt, das wisse er nicht, er sei Kassierer. Also doch noch mal zurück zur Elektroabteilung. Ich bin ja doof, sage ich, damit es nicht so schlimm wird, aber den Beschwichtigungsversuch versteht der Mitarbeiter nicht. Er lächelt nicht mal. Jetzt ist der Schalter eingebaut und funktioniert.

16:13



leise schritte
tief in nebel tauchen
in gedanken gehen
um mich auszutauschen
mein nervöses großes herz
ist ein junger alter
falzt aus größtem schmerz
wundervolle falter.

23:43

Die Sonne ist Gott, sagte Turner und starb.
Alles Scheiße, sagte mein Vater zwei Tage bevor er starb.
Ich mache jetzt einen Mittagsschlaf, sagte meine Frau zwei Stunden bevor sie starb.
Meine Mutter sagte nichts, sie starb sehr still über fast 10 Jahre.
Das Wort ist Gott, sage ich, aber ich sterbe noch nicht.


Mi 3.12.14 9:36

Mit der Freundin Mr. Turner gesehen.

 

Mr. Turner grunzt und brummt viel, statt zu reden, er ist ein hässlicher Kloß, mit den Frauen weiß er nichts rechtes anzufangen, bis er eine Witwe in Margate kennenlernt, da weiß er, was er will und tut es auch. Mr. Turner malt ununterbrochen. Er skizziert noch, als er schon todkrank ist. Ein Getriebener also. Schon zu Lebzeiten berühmt.

Ich bin nicht Mr. Turner. Ich weiß nur, dass meine Arbeit von Kindern und Jugendlichen geschätzt wird, ich habe Hinweise darauf, dass auch der ein oder andere Erwachsene etwas von ihr hält, habe aber bisher noch keinen Generalablass in Form eines größeren, nennenswerten Preises erhalten, der das zumindest vordergründig bestätigen könnte. Ich kann darauf verzichten. Trotzdem würde es mich freuen, liebes Nobel-Komitee.

Ich habe die Natur meiner Mutter geerbt, eine Frau, die, seit sie achtzehn war, als Vollwaise und älteste von drei Schwestern das Haus der verstorbenen Eltern führte und untervermietete, einen Krieg allein überstand, 1943 eine Tochter verlor, meine älteste Schwester, Gott abschwor, eine tiefe Unruhe mit sich herum trug und 96 Jahre alt wurde.

Diese Unruhe treibt mich seit einiger Zeit verstärkt vor sich her. Ich kann ihr nur Paroli bieten, indem ich Dinge, die zu erledigen sind, mit äußerster Sorgfalt und Langsamkeit ausübe. Gleich zum Beispiel werde ich Einkaufen gehen. Ich werde später eine Pizza zubereiten, das habe ich seit Monaten nicht mehr getan. Und während ich sitze und schreibe, eine zutiefst beruhigende Tätigkeit, weshalb ich sie wahrscheinlich zu meiner Kunst gemacht habe, während ich also sitze und schreibe, kriecht draußen ein grauer Tag herum und weiß nicht so recht. Es könnte feucht werden und glatt, es könnte schneien, aber in meiner Küche ist es muggelig warm.

Das ist der Ausgangspunkt. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Das einzige, was bleibt, ist die Gegenwart. Die muggelige Küche. Das regelmäßige Einkommen. Zwei gesunde Söhne. Drei Enkel mittlerweile. Noch immer tiefe Liebe zu meiner verstorbenen Frau. Ich gäbe alles drum, dass sie lebt, aber sie ist tot, ich lebe und habe eine süsse Freundin. Also gibt es keinen Grund, Trübsal zu blasen.

12:17

Ab sofort heißt es: die Welt ist schön, weil ich es sage, und mich der Rest die Bohne interessiert, so schön ist die Welt, dass ich ab sofort beginne, sie noch schöner zu machen: ich backe Heidesand Plätzchen. Ich habe letzte Woche zugeschaut, als Frau E. diese vorzüglichen Plätzchen buk, Heidesand mit einer Prise Meersalz, so dass man beim Hineinbeißen manchmal überrascht wird von einer winzigen, salzigen Sensation. Ich habe mir alles gemerkt, während ich niedere Arbeiten verrichtete, jetzt weiß ich, wie es geht, ich habe die Hoheit über die Produktionsmittel, und in ca. 2 Stunden habe ich achtzig bis hundert Heidesandplätzchen gebacken.


16:26

Eine Frau mit Kind, die kaum hörbar Hallo sagt, Krähen, die in den Baumkronen schreien, mit den Flügeln klatschende, erschrocken davon fliegende Tauben, ein Golden Retriever, noch ein Retriever, ein Walmaraner, der eine dicke Frau hinter sich her zieht, immer tiefer werdendes Grau, das in Schwarz übergeht, gleich die Nacht.

21:06

Am Abend kriechen die Dämonen heraus. Sie hatten sich zurückgezogen, waren fast schon Erinnerung, aber seit ein paar Tagen ist es wie verhext. Kaum sackt das letzte Licht weg, geht es los. Ich kann nur dagegen angehen, indem ich bewusst atme oder den Rechner hochfahre und schreibe. Es ist egal, was ich schreibe, Hauptsache, ich konzentriere mich auf die Hand und ihre Finger. So kompliziert das auch sein mag mit all den Muskeln und Sehnen, sie wissen, was jetzt zu tun ist. Ihnen reicht der kleine Dienstweg, der gedachte nächste Buchstabe, schon weiß der Finger Bescheid, dann ist der nächste dran und wieder der nächste.

Eine erstaunliche Sache, die ähnlich wirkt wie das Knoblauch bei Vampiren. Tippen ist ein Anti-Dämon. Tippen und tippen, egal, was. Eine Geschichte. Gut, dann eben eine Geschichte. Dies ist eine Geschichte. Dies ist die Geschichte eines Mannes, der Dämonen fürchtet. Die Dämonen lassen ihn unruhig werden. Die Dämonen haben Macht über ihn. Die Dämonen kommen von weit her. Der Mann hat eine vage Ahnung, wie lange sie unterwegs gewesen sein müssen. Wieso sie gerade jetzt unterwegs sind, wo doch schon fünf Jahre seit der großen Katastrophe vergangen sind, weiß der Mann nicht.

Erst einmal ist er mächtigeren Dämonen begegnet, aber das ist lange her. Damals hatten sie ihn in der Küche seiner Eltern angefallen. Sie waren so stark, dass er glaubte, sterben zu müssen. Er nahm allen Mut zusammen und stürzte hinaus in den Garten. Er hoffte, ihnen weglaufen zu können. Sie abzuschütteln. Es hatte funktioniert. Das zweite Mal überfielen sie ihn in Hastings. Er hatte Trampolin gesprungen am Strand und plötzlich waren sie da. Auch diesmal konnte der Mann entkommen. Seitdem war es still geworden.

Die Dämonen, die ihm im Augenblick das Leben vergällen, sind nicht halb so schlimm. Das Unangenehme an ihnen ist, dass sie sich nicht vertreiben lassen. Herumtreiber, die dem Mann einen unbeschwerten Tag schenken, um mit Einbruch der Dunkelheit aufzutauchen, als hätten sie nur darauf gewartet. Sie sollen weggehen, so wie die großen Dämonen damals verschwunden soind. Sie werden weggehen, der Mann weiß das, er muss nur Geduld haben.

Geduld, sagt der Mann in dieser Geschichte. Immerhin war der Tag schön, dieser einsame Tag im Dezember, wo überall Lichter aufgesteckt werden, um die Einsamkeit und die Dunkelheit in Schach zu halten. Noch drei Wochen, dann wird es wieder heller, das neue Jahr naht, sogar das Frühjahrssehnen kann der Mann schon spüren, obwohl bis dahin noch wirklich viel Zeit ist, vorher wird er für drei Tage ans Meer fahren. Schon ganz bald, noch vor Weihnachten.

Tanzen wird er heute nicht mehr. Noch ein wenig fern sehen vielleicht, noch ein wenig trinken, ja, trinken, den von Walter gestern ins Gespräch gebrachten Single Malt. Er hatte ihn als Sonderangebot gekauft und nun wollte er wissen, ob er etwas taugt. Du musst den Preis nicht erwähnen, riet der Mann, denn was kann man erwarten von einem Single Mal, der Loch Lommond heißt und 9.99 kostet? Den muss man probieren. Spätestens am nächsten Morgen weiß man mehr. Aber der Mann gilt offenbar als Experte, weil er beim letzten Mal, als die alten Männer Musik gemacht haben, eine Flasche dabei hatte. Gut, lass probieren, sagte er gestern, und er muss sagen, er schmeckte. Er nimmt zwei Daumen jetzt, bis die Dämonen zum Fenster hinaus torkeln. Und dann wird er schlafen. Besser als letzte Nacht, hofft er, letzte Nacht war alles voller Dämonen, er kriegte sie einfach nicht zu packen, weder mit Atmen noch mit sonstigen Tricks. Sie hockten auf ihm und schrien, das ist die Rechnung, bezahle. Dummes Pack. Es sollte doch nur noch Glück sein ab sofort. Also ihr Dämonen des Glücks. Meldet euch. Man erwartet euch dringend.


Do 4.12.14 9:55

Loch Lommond ist gut verträglich. Loch Lommond kann Dämonen verjagen. Aber natürlich kann er das nicht jeden Tag, das wäre zu anstrengend und hieße Alkoholismus. Damit wollen wir nichts zu tun haben. Heute (gleich) setzt Herr M. sich aufs Rad und fährt in die Stadt. Dort wird er frühstücken, um dann seine Weihnachtseinkäufe zu tätigen. Das hat Tradition. Das hat er immer mit ihr zelebriert, nun muss er's
allein tun, hilft ja nichts.


13:41

Das ging ja schnell heute. Nun kann Weihnachten kommen.

14:17

Erstes Eis auf Pfützen in den Furchen eines weiten Feldes, über das der Wind ungehindert streichen kann. Mich überkam kindliche Freude. Wollte vom Rad steigen, um das feine Eis zu zertreten, ließ es dann aber.

15:30

Zweimal Blickkontakt mit südosteuropäischen Bettlern. Beide mit "Ich habe Hunga" Schildern. Beim zweiten der Impuls, ein belegtes Brötchen zu kaufen und es ihm zu bringen. Darauf gleich mein Einwand, dass er nicht deshalb bettele. Er sei Profi, flüsterte mein Einwand, nicht zu beneiden, eine arme Sau sicherlich, möglicherweise halbversklavt von der Balkanmafia. So stellte sich mein Einwand das vor, wahrscheinlich hatte er ähnliches in der Zeitung gelesen.

Ich hörte auf ihn und ging weiter. Die knieenden Männer sind überall. Sie rotieren ihre Standorte, wahrscheinlich werden sie über Smartphones mit GPS durch das Dickicht der Innenstädte gelotst, damit die Ausbeute maximal bleibt. Sehr einträglich scheint mir dieses Ich habe Hunga (wahlweise: Ich bine krang)-Geschäft aber nicht.

Um wieviel aufbauender dagegen das Schild eines jungen Mannes, dem man jederzeit jede Arbeit zutrauen würde. Er sitzt vor der Fenstern eines Kaufhauses, vor sich ein Schild, auf dem "Sie sind wundervoll!" steht. Das hört man gern, aber weil er auf der anderen Straßenseite ist, kriegt auch er nichts. Würde aber wetten, dass seine Einnahmen die der Knieenden weit übersteigen.

Ich meine gelesen zu haben, dass ein guter Bettler es bis auf 80 Euro pro Schicht bringen kann. Das wäre doch eine Möglichkeit, meine Finanzen aufzubessern. Gehen wir mal von Fünfzig Euro aus, die ich zwischen (nicht übertreiben) 11 und 16 Uhr erwirtschaftete, das wären von Montag bis Freitag 250 Euro, mal vier, macht 1000 Euro steuerfrei. Ich könnte da sitzen und prächtige Studien machen.

20:34

Es ist Abend. Die
Dämonen sind wieder im Haus. Mittlerweile kann ich sie mit kleinen, von außen betrachtet eher ein wenig albern wirkenden Tricks verstummen lassen. Ich rufe Ha-ha-ha-haaaaaa, obwohl es nichts zu lachen gibt, und ich nur darauf warte, endlich mal wieder etwas zu sehen oder zu hören, bei dem ich hemmungslos lachen könnte. Also simuliere ich das, wie sie es in den Lachschulen anbieten, Ha-ha-ha-haaaaa, ha-ha-haaaaa. Wenn man das durchhält, kann es sein, dass man tatsächlich lacht, es ist aber ebenso möglich, dass man zu weinen beginnt. Was immer dabei heraus kommt, beides befreit die Brust, und darum geht es. Die Brust ist der Ort, auf dem sich Dämonen gern niederlassen.

Ebenso wirksam sind auch die Übungen, die ich in den letzten Wochen beim Yoga kennengelernt habe. Vor allem das Atmen in den Bauch, wenngleich ich mir manchmal dumm vorkomme, meinen Atem zu kontrollieren, denn der Vorteil des Atmens ist ja, das wir nichts dafür tun müssen. Atmen ist ein automatisierter Vorgang, der ohne unser Zutun gesteuert so lange funktioniert, wie das Herz schlägt.

Trotzdem, bewusst atmen verjagt die Dämonen. Es gibt so viele von ihnen. Ich habe mich ein wenig informiert. Noch nicht so intensiv, dass ich über sie sprechen könnte, aber es gibt und gab sie in allen Kulturen. Sie waren nicht per Definition böse, sondern sind das erst nach und nach geworden. Vorchristliche Götter, durch das Christentum umgedeutet und zu Dämonen verklärt.

Sie heißen Akephalos, Asmodäus, Aynaet, Asael, Baal, Belial, Belzebub, Incubus, Lilith, Medusa, Sphinx, Vanth. Man muss jetzt nicht denken, dass ich tatsächlich an Dämonen glaubte. Das tue ich nicht. Aber der Dämon ist so eine wundervolle Metapher, so wie Gott eine Metapher ist für alles Unbegreifliche, also für die Welt. So will ich es mit meinem Dämon oder meinen Dämonen auch halten. Ich schätze, wenn ich sie bei Namen nenne, gewinne ich langsam die Oberhand. Nicht heute, ich habe keine Eile, denn einer meiner Dämonen, mein Hauptdämon, ist ja Eile, Hektik und Unrast. Ich nenne ihn bei Namen, ich atme tief, wenn er versucht, mich zu überlisten, und ich werde das so lange tun, bis er fort ist. Spätestens im Frühjahr, darauf wette ich, sehr wahrscheinlich aber schon bald, vielleicht am Meer, darauf hoffe ich.


Fr 5.12.14 16:30

Sie sitzt längst an einem der langen Holztische auf dem Domplatz. Er hat beim Imbisswagen angestanden, er gibt Biofleisch dort, Bio in Form von Bratwurst, aber die hat er nicht auf dem Teller, er hat Bratkartoffeln und Rotkohl drauf, stellt den Teller auf den Tisch und setzt sich neben sie. Sie sind ein altes Paar. Mitte Siebzig. Sie sitzen eng beieinander, sie reden so gut wie gar nicht, sie essen von einem Teller, Seite an Seite und ich beneide sie.

23:05

Alles gut, liebe Seele. Kein Grund zur Sorge. Der Doktor hat gesagt, alle Werte sind gut. Gut, der Doktor ist ein Idiot, der kleine blonde Hunde hält und herzt, weil kein Mann sich ihrer annehmen würde. Der Doktor fährt ein schwarzes Mercedes Cabrio und ist ansonsten nicht ernst zu nehmen, aber einen Bluttest, einen Urin-Test, ein okkultes Blut im Stuhl Test, EKG, das wird sie schön können, und da sagt sie, bis auf ein bisschen zuviel Cholesterin ist alles super. Darauf trinke ich mit mir und meinem chilenischen Untermieter, 26 Jahre alt, Master in Soziologie, der in Deutschland promovieren will. Alles Super, liebe Seele.


Sa 6.12.14 15:08

Die Musiker vom Balkan sind Autodidakten. Atemberaubend manchmal, wie sie Stücke spielen, sich durch den Verlauf mogeln, der Urform zwar nah, aber oft auch so weit davon entfernt, dass man die Grundmelodie nur noch ahnt.
Die Russen (möglich auch, dass es Ukrainer sind) machen dagegen durch die Bank einen hochprofessionellen Eindruck. Die haben Musik studiert, die haben nicht auf irgendeinem Dorfplatz in Rumänien eine Geige in die Hand gedrückt bekommen, eine Trompete, ein Schillerklavier (schöner Verschreiber) oder eine Klarinette, um diesen Instrumenten erste Töne zu entlocken, die sie mit nächsten Tönen anreicherten, bis eine erste Melodie zustande kam, so wie die Geigerin mit der weißen Schrottgeige, die immer so tut, als spiele sie irgendeine klassische Komposition, aber das ist alles (wette ich) gefaket, durcheinander gewürfteltes, irgendwo mal Gehörtes. Am erfolgreichsten waren heute sicher drei Jungen, keiner älter als zwölf, die auf ihren Trompeten Weihnachtslieder bliesen. Das flogen die Euros nur so. Vor allem ältere Menschen hatten ganz strahlende Augen.

16:31

Normalerweise bin ich in Flugträumen flott unterwegs. Ich ziehe steil empor, kippe je nach Lust und Laune über die Arme links oder rechts in atemberaubende Sturzflüge, scheue weder Loopins noch knappe Überflüge, heute nacht aber war ich viel geruhsamer unterwegs. Ich trug meine Kapuzenjacke, ich breitete sie weit aus, damit der Wind darunter greifen konnte, was er auch tat, und so segelte ich gemächlich über einer Wiese, vielleicht eine Wiese hinter einer Schule, ich weiß nicht genau. Normalerweise trage ich keine spezielle, die Flugeigenschaften begünstigende Kleidung.


So 7.12.14 15:57

Wie schön, nichts zu tun und nicht einmal etwas zu wollen. So schön hatte ich es lange nicht mehr. Liegt wohl daran, dass ich gestern einen fe
inen Abend hatte. Ich war im Cafe Kling Klang. Das Kling Klang ist ein Ort, der vor dreißig, vierzig Jahren angesagt war. Gestern spielte dort Blasmusik. Englische Christmas Carols und deutsche Weihnachtslieder. In den Pausen sprach ich mit diesem und jener. Es ging um das Zuknöpfen einer Levis501 und den damit verbundenen Schwierigkeiten, um den Rentnertod, der heute kaum noch eine Rolle spielt, aber lange Zeit sehr real und von den Ärzten verschwiegen wurde, es ging um das lange Warten auf den Mann einer Frau, der auf dem Weg nach draußen, wo die Raucher ein sozial viel aktiveres Leben führten als die Nichtraucher, die drinnen auf ihre Getränke starrten, irgendwie hängegeblieben war, über Frauen, die zuviel Parfum auflegen und stinken, über Frauen, die gut aussehen und Männer haben, die langweilig aussehen, ja, auch über alte Zeiten und nicht zuletzt um die Frage, woher kennen wir uns eigentlich. Schließlich dirigierte ich auch noch Tochter Zion, freuheuheuheuheue dich und landete auf dem Heimweg auf einer Party.


Mo 8.12.14 13:13

Die Sonne scheint. Eigentlich braucht der Mensch nicht viel mehr. Bisschen Essen und Trinken noch, Menschen, die ihm nahe sind, Arbeit, die Sinn macht, Musik, Literatur, Kunst. Ups, da ist doch wieder ganz schön was zusammen gekommen, aber man soll auch nicht geizen mit Dingen, die man gern hat. Wer zu bescheiden ist, ist selbst Schuld. Ich bin schließlich aus der evangelischen Kirche ausgetreten, um nicht länger Protestant sein zu müssen, der alles mit Arbeit, Disziplin, Fleiß und vor allem mit Nerven bezahlt. Ich trat aus, weil es chic war, auszutreten, und weil ich die Kirchensteuer nicht mehr bezahlen wollte. Also raus aus der Gemeinschaft der Christen, rein in den Pool der Hedonisten. Ich wusste es damals nicht besser. Ich war voller Vorurteile, und erst jetzt, so viele Jahre danach, fange ich langsam an, klarer zu sehen. Das ist der Vorteil des Älterwerdens. Diese Einsicht ist nur durch altern zu haben, alles andere ist Bücherwissen. Nicht uninteressant, man kann lang drüber reden und klug mitdiskutieren, aber wie es tatsächlich ist, weiß man nicht. Schöner Tag, wie gesagt, die Sonne scheint immer noch, ich liege am Grund meines Terrariums und schaue hinauf. Fische, Vögel, Wolken, seltsame Pflanzen. Ich atme ruhig und tief, ich kenn ja die Tricks jetzt, ich autosuggeriere und affimiere mir das Blaue vom Himmel, und siehe da, schon bin ich Millionär.


16:33

Kaum hat man begonnen, den Tag zu genießen, ist er vorbei. Dabei war er sehr schön. Heute früh war ich mit M. im Garten. M. hat die Wasserpumpe frostdicht gemacht und wir haben den Rosmarin eingepackt. Danach gingen wir in die Stadt, um nachzusehen, ob bei Oxfam nicht überflüssige Kleidung zu kaufen wäre, gute und beste Materalien vorausgesetzt. Es gab einiges, ja, vor allem für mich, leider alles in falschen Größen.

Aber fort jetzt von der Realität. Wo sind sie wann mit wem gewesen? Das sind Fragen, die Detektive stellen, Komissare wohl auch, hier aber, in diesem Apparat, den ich mit allen zehn Fingern bediene, herrschen andere Gesetze. Hier kann einer alles sein. Einer soll wer sein? Ein Mann, oder eine Frau? Ein Kind oder ein Tier? Ein Mann? Gut, ein Mann. Ein junger oder ein alter? Ein junger. Auch gut, da hätten wir einen. Er geht und steht etwas steifbeinig, hat mal Gitarre gespielt, ist noch gar nicht so lange her, aber gut war er nie, und selbst, wenn er's gewesen wäre, seine anfänglich starke Illusion, ein Gitarrist zu werden, der die Welt mit seinen Soli erobert, hatten die Eltern ihm abgeschminkt. Hard und Heavy, wäre er, glaubte er, lag aber falsch. Er war schlecht.

So kam es, dass er Arzt wurde, Arzt und gleich danach arbeitlos. Im Anerkennungsjahr war ihm ein Fehler nach dem anderen unterlaufen. Nichts, das Folgen gehabt hätte, es gab ja die Supervision und die Kollegen hinter ihm, aber es festigte sich der Ruf, dass aus ihm kein Arzt zu machen wäre und er besser umsattele.

Der Mann, mittlerweile Anfang Dreißig, war beleidigt. Er wandte sich an den Mobbingausschuss der Klinik. Der ermittelte und kam zu dem Ergebnis, dass einer, dem die Wahrheit über seine Fähigkeiten im erstrebten Beruf gesagt wird, nicht gemobbt ist. Mit Kritik müsse man leben. Er müsse das zudem im Kontext seiner bisherigen Beurteilungen sehen. Niemand habe nach seinen guten bis sehr guten Prüfungsergebnissen ahnen können, dass er im praktischen Alltag eine derartige Niete sei.

Man vermittelte ihm an eine Nietenfabrik. Dort werden Nieten für Nietenhosen hergestellt. Keine minderwertige Asienware, wie sie aus China in riesen Überseecontainern täglich herangeschafft wird, sondern Nieten, wie sie im Sauerland schon seit hundertfünfzig Jahren hergestellt werden. Dort fühlt der junge Mann sich mittlerweile recht wohl. Da die Kollegen sich immer wieder an den großen Stanzen verletzen, hat er es sich zur Regel gemacht, sie ärztlich zu versorgen, weshalb sie ihn großzügig Doktor nennen. Und eine Notamputation mit einfachem Werkzeug macht auch Spaß.


Die 9.12.14 13:00



alles war an seinem platz
nur die silberdose nicht,
alles hatte seinen ersten satz,
und ein nachgericht.

drehte, stellte auf den kopf,
dann verschwand auch noch die b.,
hoffte, schaute wie ein tropf,
tut verschwinden weh.

ist das nun ein phänomen,
nur ein morgen, der im dunst
meiner letzten nacht zu sehn
ist, anfang neuer kunst.


13:46

Jeder noch so vorsichtig geäußerten Prognose weiträumig aus dem Wege gehen und mich stattdessen still freuen. So still, dass die Stille den Raum füllt und ich ihn nie mehr verlassen will. Dazu innerlich lächeln, zwischendurch einen Kaffee und ein Bütterken, ansonsten zuschauen, wie sich der graue Tag fortwindet, der nur noch ein paar Tage kürzer, dann aber wieder länger wird.

20:06

Alles ist vorbereitet. Gleich geht's los mit Lesen bis in die tiefe Nacht. Michelle Houllebecq: Elementarteilchen.


Do 11.12.14 22:54

Sonne, Regen, Graupel, Sturm, alles in einem Paket heute: schönes Paket. Währenddessen ruhiges Nichstun gefüllt mit Lesen (Houllebecq), Untersuchung beim Urologen, improvisiertes Essen: junge Pellkartoffeln, sauer eingelegter Brathering, Salatsauce aus Öl, Senf, Salz, Pfeffer, Zitronensaft, etwas Zucker, ein Löffel Johannisbeermarmelade (mit Cassis), noch ein bisschen Theater im Pumpenhaus zum Nachtisch: Im Westen nichts Neues, jetzt noch was lesen, dann schlafen, nicht sorgen.


Fr 12.12.14 11:31

Noch immer ist alles wie gestern da draußen
. Herr M. (manchmal auch Ich genannt, wenngleich so ein Ich nirgendwo festzumachen wäre), Herr M. also hat beschlossen, es genauso wie gestern zu machen. Den großen Kriegsdonner, den das Ensemble des Cactus Theater zum Finale aufgeführt hat, das ohrenbetäubende Sperrfeuer, die Detonationen, ein bisschen zu dick und zu realistisch, hat er noch in den Ohren, die dramaturgische Umsetzung des Romans von Remarque fand er zu didaktisch, dennoch, ein Besuch lohnt. Der Wind geht heftig ums Haus, es ist warm, wir sind weder hungrig noch durstig, wir müssen nichts, wir staunen, dass uns der Schreibzwang nicht durch die Manege treibt, wir ziehen uns eine Decke bis unters Kinn und lesen die letzten achtzig Seiten Houllebecq, dem man, hat man erst ein Buch von ihm gelesen, schnell auf die desillusionierende Schliche kommt, macht aber nichts, tut uns kein bisschen weh, denn wir lieben das Leben ja trotzdem.

13:47

schiefer glänzend
der regen auf allem,
der himmel knapp überm dachfirst,
der rennende wind,
mit mir und gedanken,
fein warm diese decke,
gemütlich das sofa,
kein einspruch, kein zwischenruf,
ich lasse mich gehen und lebe.


Sa 13.12.14 13:45

Jetzt ruhen. Später Zeitung lesen und die Balkontür öffnen, damit gebratene Tauben hereinfliegen können. Darüber nachdenken, was Illusion ist und wie man mit Illusionen lebt, ohne den Verstand zu verlieren. Zu einem Ergebnis gelangen, es aber nicht ändern können. Innerlich lächeln. Das mit den gebratenen Tauben überdenken. Möglicherweise selbst kochen. Soziale Kontakte vermeiden (siehe auch: Illusionen). Stattdessen: warme Decke plus Katze nutzen. Schweigen statt Reden. Schließlich Houllebecq zuende lesen und schlafen gehen. So mokt wie dat vandaage.


15:35

Die Bäckereifachverkäuferin ist neu. Dunkelblond, groß und sehr kühl. Ich ordere ein Stück Zitronenrolle, ein Stück Bienenstich, einen Pflaumendatschi. Den Bienenstich gibt es nur im Sonderangebot als großes Stück, aus dem ich drei einzelne machen könnte. Das ist mir zuviel. Also doch nur Zitronenrolle und Pflaumendatschi. 2,85 sagt sie, während sie die Ware einpackt. 2,84 sage ich, weil ich die klein habe, sonst müsste ich einen Zwanziger anbrechen. 2,85 wiederholt sie. Ich sage, ja, ja, aber ich habe hier 2,84. Sonst haben Sie kein Geld mehr? fragt sie. Doch, sage ich. Aber nur Scheine. Gut, 2,84 sagt sie dann. Schönes Geschäft gemacht, denke ich.


So 14.12.14 00:14

Verlegerprosa: hallo Hermann,

tut mir leid, dass du so lange auf rückmeldung warten musstest, aber durch .... abgang im ... ist hier alles noch ein wenig enger geworden, als es sowieso schon war. deshalb erst jetzt. und leider auch keine gute nachricht: mich hat dein text einfach nicht überzeugt. ich finde zwar immer, wenn ich etwas von dir lese, dass du eine viel flottere schreibe hast als viele deutlich jüngere kollegen (wiewohl mir dann auch manche zotigkeit oder flapsigkeit auch mal zu viel ist), aber dennoch bleib ich bei dem text einfach nicht bei der stange. mir schien diese anlage von innen/außen doch zu leicht durchschaubar und die geschichte von Vera und Kröger eher ein bisschen redundant, das gab mir einfach zu wenig her ... schade.

dennoch lieben gruß, X.

9:54

Verleger sollten verlegen. Wenn sie zu schreiben beginnen, fragt man sich, wie Menschen, die so schreiben, verlegen können. Daher, mein lieber Verleger, deine Absage überzeugt weder stilistisch noch inhaltlich. Ich würde die totale Reduktion befürworten: Ja. Nein. Alles andere geht mir am Arsch vorbei.


15:25

Eigentlich hätte die Tanne geschlagen werden sollen, so der Plan. Lud daher die Enkel ins Auto und fuhr zum Forst. Leider aber war die Schonung geschlossen, möglich, dass der Bauer, der sie betreibt, warten wollte, bis der Gottesdienst beendet war. Der erwartete Frust der Enkel blieb aus. Meiner nicht, ich wäre gern mit ihnen herumgestapft. Was also tun? Ich hatte auf dem Weg mehrere Hinweisschilder auf Weihnachtsbäume gesehen. Folgte auf dem Heimweg einem. Dort standen die Bäume in Reih und Glied, es gab Schokoladenlebkuchen für die Enkel, eine kurze Diskussion über die Größe des Baumes entspann sich, ich behielt aber die Deutungshoheit, so dass der Baum schnell gekauft, eingepackt und verladen war. In den Forst gehen, einen Baum aussuchen und ihn höchstpersönlich umlegen ist natürlich stimmungsvoller.

Beim Rückwärtseinfahren in meine Garage geriet ich gestern mit dem rechten Außenspiegel so unglücklich an die Feder der Rückhaltevorrichtung für das Rolltor, dass 1. der Spiegel um ein Haar abgebrochen wäre und 2. das Rolltor sich schloss und erst kurz über der Kühlerhaube stoppte. Konnte aussteigen und das Auto und mich retten.


Mo 15.12.14 12:51

Bei ebay schien es zunächst, als wären nur linke Außenspiegel im Angebot, logisch, dachte ich, links geht leichter kaputt, bei genauerem Scrollen fand ich dann aber auch beheizbare rechte Außenspiegel zum Preis von € 17,45, die, würde man sie bei Benz bestellen, fast viermal soviel kosten. Erfolg also, wenngleich die kleine Reise zum polnischen "Sternspezialisten" in Hiltrup, den ich vor einiger Zeit entdeckt hatte und heute besuchte, zwecklos war. Ich hatte gehofft, ein polnischer Schrauber, der sich auf Mercedes spezialisiert (wenngleich nicht vom großen Stern autorisiert), müsse nur hinter sich greifen, schon habe er entsprechende Außenspiegel bei der Hand, aber nein, er sprach gleich von kompletten Außenspiegeln und Preisen, die jeder Beschreibung spotteten. Schade. Aber dank Ebay ist der Außenspiegel nun unterwegs, vielleicht wird er noch vor meiner Abreise geliefert, sonst muss der zerbrochene Außenspiegel für die Reise mit Gaffertape befestigt werden, hilft ja nix.

18:48

Langsam kommt Reisefieber. Wir werden in einem bescheidenen Hotel hinter bzw. vor der Düne wohnen. Kaum aus der Tür, werden wir uns rechts halten, über die Düne steigen und das Meer sehen. Ich freu mich.


Di 16.12.14 9:58

Auf's Rad gleich, in die Stadt, Lesestoff aus der Bücherei holen, rumstrolchen, fliehen,
denn Romane werden woanders geschrieben, hier nicht. Hier sind schon genügend Romane geschrieben worden. Sie liegen im Keller, sie existieren auf internen und externen Festplatten, keine Sau interessiert sich für sie. Sei es, wie es sei, es geht mir gut. Die mit diesem Geschäft verbundenen Eitelkeiten überlasse ich gern den Kollegen.

21:14

Die Schüler sind nicht mehr zu motivieren, was also tun? Die Lehrer treiben sie in Rudeln durch die weihnachtliche Stadt. Irgendein kultur-historisches Motiv findet sich schon, wenngleich es einer kleinen Gruppe oder Einzelnen immer wieder gelingt, sich mit Glühwein abzufüllen.


Mi 17.12.14 11:06

Kurz vor der Autobahnbrücke geht vom Rohrbusch links ein Weg ab, der unterhalb des Lärmschutzwalls der A1 in einer Brache endet, auf der im Sommer die Goldrute wächst und die Margaritte. Seltsam ist, dass da, wo der Weg abbiegt, oft PKW parken. Große, meist große PKW, ohne Insassen. Wieso sie dort stehen, ist mir ein Rätsel. Vielleicht sind das Kunden des Flatratepuffs auf der anderen Seite der Autobahn, knapp 200 Meter entfernt. Vielleicht möchten sie nicht, dass ihr Auto dort auf dem Parkplatz gesehen wird. Aber das ist Spekulation. Fakt ist, dass dort häufig PKW stehen. Gestern nun stand dort ein schwarzer Opel Corsa, in dem ein junger Mann saß und Saxophon spielte. Der Corsa hatte ein ST Kennzeichen, Steinfurt also, der an MS grenzende Verwaltungsbezirk, nächster zugehöriger Ort wäre etwa 15 Kilometer entfernt. Wieso fährt er so weit, um Saxophon zu üben? Könnte er das nicht auch im Kreis Steinfurt, irgendwo? Die Welt ist voll ungelöster Fragen und Probleme.


19:52

Van Gogh hat sich ein Ohr abgeschnitten. Mir gelingt es nicht einmal, meine Fingernägel sauber zu halten. Was tut man in so einem komplizierten Fall? Eine große Tat? Ich bin ein alter Schriftsteller. Dichter habe ich mir auf ein T-Shirt drucken lassen, Herr M. Dichter. Ändert's was? Nein. Also. Eine große Tat wäre die Vernichtung des Lebenswerkes, aber das lasse ich liebe, wovon sollten meine Söhne, Enkel und Urenkel sonst leben? Nehmt also dies, ihr nach Erlösung Dürstenden, gebt nicht auf, niemals, nie, denkt nicht einmal daran. Macht es wie ich, schreibt noch ein Gedicht, noch einen Roman, es kann gar nicht genug davon geben.


20:23

Herr Tobias Sudhoff, real existierender Musiker, äußert sich zu dem Phänomen des Saxonphon spielenden Opel-Corsa Fahrers wie folgt:

In Steinfurt wurde das Saxophon 1943 verboten und Kubendorf (Landrat) hat es verpasst, dieses Verbot aufzuheben... Wir müssen für mein Jazzfest in Rheine immer eine Sondergenehmigung einholen. Es gibt noch mehr Verbote aus der Zeit: Hühner dürfen nicht mehr als 22x27 cm Platz im Stall haben, Trinkwasser darf bestimmte Nitratwerte nicht unterschreiten und Personen in der Öffentlichkeit dürfen nieeeemals laut denken...


So 21.12.14 16:20

Der Bierwagen fährt vor, schwere Hufe auf Kopfsteinpflaster, schwitzende Pferdeleiber, kräftige
Männer mit Lederschürzen wuchten große Lederkissen vom Hänger, auf die sie die Bierfässer fallen lassen. Dann rollen sie die Fässer zur Kellerluke, wo sie hinabgelassen werden. Das war damals. Heute, also Donnerstag in Wijk an Zee, die Liebste und ich saßen draußen, weil sie ja raucht und ich ihr solidarisch beistehe, damit sie nicht allein stirbt von all dem Rauch, fuhr ein Grolsch LKW vor.

Grolsch, für die Ortsfremden unter ihnen, ist eine in den Niederlanden recht bekannte Biermarke. Das Bier ist um Klassen besser als Heineken, denn Heineken ist überhaupt gar kein Bier, aber das ist eine andere Geschichte. Ein Fahrer stieg aus dem Wagen, lief zum Ende, öffnete eine Doppeltür, zog einen orangefarbenen Schlauch heraus und verschwand damit in den hinteren Räumen des Hotels Sonnevanck, in dem wir Quartier genommen hatten. Ich schaute die Liebste an und sie mich. Natürlich interessieren sich gut aussehende (auch hässliche) Frauen äußerst selten für die Eigenheiten der Bieranlieferung, aber ich schon. Sollte es tatsächlich so sein, dass in den wenigen Jahrzehnten meiner irdischen Existenz die Bieranlieferung alle Romantik verloren hatte, dass das Bier also durch einen orangefarbenen Feuerwehrschlauch in ein Behältnis im Keller des Restaurants floss. Ich fragte nach. Man bestätigte es mir. Moderne Zeiten, Freunde, ich werde alt.


Mo 22.12.14 10:38



In wenigen Sekunden wird das Park&Ride Ticket von Herrn M. kontrolliert werden. Man stellt fest, dass es in keinerlei Hinsicht gültig oder von sonst irgendeinem Wert ist. Dennoch glaubt man Herrn M. die Geschichte von dem Automaten und den von ihm an Herrn M. gegebenen Informationen, die Herr M. den niederländischen Beamten erzählt. Das verstehen wir. Er ist eben in jeder Hinsicht vertrauenswürdig.

20:29

Ich röchle, ich huste, ich rotze Schleim. Ich habe das zum ersten Mal seit sehr langer Zeit. Und das, obwohl ich doch schon fast ein Vierteljahr nicht mehr rauche. Aber jetzt aufgepasst, das ist interessant. Die Folge ist eine sehr sonore Stimme, und die beeindruckt die Frauen. Ich spreche nicht aus Eitelkeit oder Selbstüberschätzung, sondern zitiere nur. Sie finden das sexy. Ich verstehe Frauen ja nicht, selbst, wenn ich mir Mühe gäbe, nie käme ich auch nur in die Nähe ihrer in alle Himmelsrichtungen ausgefahrenen Gefühlsantennen, die wie Schneckenfühler auf kleinste und allerkleinste Veränderung reagieren, Luftschwankungen, tausende Kilometer entfernt. Man glaubt es nicht, aber so sind sie, und ich verstehe sie nicht. Aber was ist sexy an einer sonoren Stimme? Mir kratzt sie im Hals. Signalisiert sie ihnen kräftiges Erbgut? Sie lächeln verträumt. Mir bleibt nichts, als Hustensaft einzunehmen, der mich an meine Kindheit erinnert. Offenbar hat sich die Rezeptur seit damals nicht wesentlich verändert. Thymian ist drin und was war das andere?


Di 23.12.14 10:34

Da hilft gar nix. Da kann man nur warten, bis es vorbei ist. Und vorbei ist es erst, wenn es vorbei ist. So einfach ist das mit Erkältungskrankheiten. Man kann sich natürlich schonen, das schon. Morgen abend aber werde ich, ganz gleich, was passiert, mit vielen Freunden Heiligabend feiern. Darauf freue ich mich sehr, denn dieser Heilige Abend, der allen, die ich kenne, irgendwie quer im System steckt, hat im Hause M. über die Jahre eine Umdeutung erfahren. Es ist nicht mehr dieses seltsam verkrampfte Fest, bei dem immer irgendjemand die Nerven verliert, sondern eine ziemlich fröhliche Angelegenheit. Das hat längst Tradition und gelingt meist sehr gut. Wenn das Fest dann am frühen Morgen zuende geht, hat man es wieder geschafft und ist froh. Heute aber letzte Einkäufe, saubermachen, ruhen.


10:52

moinsen, was der gernhardt kann,
kann ich schon vorm frühstück,
versen schmieden, ja, und dann
konstruier'n wir'n kunststück.

machen hier ein tüpfelchen,
da ein frohes, feines ooohh,
sind beim ein-bein-hüpfelchen
bald zum marathon in ohio.

schicken jetzt noch eine nach,
weil der morgenschiss uns drängt,
regen, sturm, alles liegt brach,
aber das lametta hängt.


Mi 24.12.14 13:37

Wie erkläre ich meinem chilenischen Untermieter,
(26, will in Deutschland promovieren) die Pegida Demonstrationen in Dresden? Wir waren uns im Vorfeld einig, dass das große Problem der Gegenwart die fehlende Utopie ist. Er hatte mir von muslimischen Studenten berichtet, die sehr fest auf dem Boden ihrer Religion (Utopie) stünden, täglich aus dem Koran läsen, so etwas gäbe es bei ihm zuhause schon lange nicht mehr.

Ich schlage einen weiten Bogen. Die großen Utopien waren in den sechzigern lebendig. Danach wurde eine nach der andere zerschlagen. Die letzte große Niederlage war die des Sozialismus. Seitdem tut der Kapitalismus was er will. Er tut es ohne Rücksichten zu nehmen. Er hat, wenn man so will, das exklusive Recht der Utopie der maximalen Kapitalvermehrung.

Die Menschen, die für Pegida auf die Straße gehen, haben u.a. Angst vor diesem Kapitalismus. Sie waren Teil einer "sozialistischen Gesellschaft" (Utopie), die sich selbst vor die Wand fuhr und 1989 zerbrach. Das haben sie bis heute nicht verwunden, was auch nicht verwunderlich ist. Traumata wirken lange nach. Sie haben also Angst, und wer Angst hat, braucht einen Schuldigen, dem er seine Angst in die Schuhe schieben kann. Wer böte sich da besser an, als der köpfende Muslim, das Schreckgespenst der Gegenwart, das jede Frau unter Stoff verschwinden lässt und außer dem Islam keine Wahrheit zulässt. Es gibt keinen Gott außer Gott.

Nun hatten wir hier die Reformation, wir hatten Religionskriege, wir hatten die Aufklärung und die Renaissance, lauter Dinge, die in der muslimischen Welt meines Wissen bisher so nicht stattgefunden haben. Da kann es einem schon Angst machen, dass es keinen Gott außer Allah geben soll. Und dass alle anderen, die sie Ungläubige nennen, sterben müssen.

Ich zum Beispiel bin auch ein Ungläubiger, lasse mir aber von niemandem gern Angst machen und bin auch angepisst, wenn das versucht wird. Aber ich kann immerhin differenzieren, was den Pegida Anhängern offenbar schwerer fällt. Also, sage ich, mein lieber chilenischer Untermieter, jede Gesellschaft braucht ihren gewissen Prozentsatz Idioten. Und wenn diese Idioten die Macht übernehmen? fragt er. Dann gute Nacht, sage ich, aber dazu wird es nicht kommen. Allein in Münster hat sich in den sozialen Netzwerken nach den Pegida Demonstrationen eine Gegenbewegung gegründet, die innerhalb weniger Tage schon über zwölftausend Unterstützer hatte. Allerdings bedeutet das gar nichts. Diese zwölftausend müssen auch bereit sein, auf die Straße zu gehen. Ich zum Beispiel wäre dabei.

So. Und jetzt schöne Weihnachten, all you fuckers out there.


Do 25.12.14 10:23

Schönes Fest.
Sehr schönes Fest.
Jetzt: regenerieren.

22:34

Jetzt: schlafen.


Fr 26.12.14 10:06

Strahlender Sonnenschein.
Ich bewege mich keinen Zentimeter. Die Aufgabe: Katze sein. Die Alternative: liegen, lesen, lesen, liegen, schlummern.

21:22

Brustwickel mit Quark wären gut, lese ich, mein Husten steckt auf Sohle 7 und kommt nicht frei. Egal. Feierabend für heute. Mach ihn mir ohne Quark.


Sa 27.12.14 10:50

Mein chilenischer Untermieter ist aufgeregt. Es schneit ein wenig, und da, wo er herkommt, schneit es nie. Nicht, dass er noch nie Schnee gesehen hätte, nein, das nicht, in den hohen Bergen Chiles liegt ja Schnee, aber dass er vom Himmel fällt, das hat er noch nicht gesehen. Da wünsche ich ihm natürlich heute noch ergiebigen Schneefall, wenngleich, ich brauche das nicht. Ich werde mich weiter meiner Bronchitis widmen, die nach einem Brustwickel heute nacht schon deutlich besser geworden ist. Lege gleich noch mit Honig angemachtem Zwiebelsaft nach. Meine sonore Stimme ist jedenfalls jetzt schon Vergangenheit.

11:41

Ich hatte mir viel vorgenommen für Weihnachten. Ich hatte mir eine Liste gemacht, und allen, die darauf standen, wollte ich schreiben, weil es so schön ist, etwas Geschriebenes mit der Post zu erhalten. Ich hab's versiebt, aber beim nächsten Mal mache ich es.


So 28.12.14 15:46



Die Welt ist schön.




Mo 29.12.14 14:06

licht überall,
die katze auf dem fenstersims,
und ich
noch immer hustend,
aber voll von frischer energie,
die will, dass ich mich jetzt
sofort und hier
aufs ohr lege
und diesem tag und diesem jahr
den mittelfinger meiner linken hand
entgegenrecke
und mich bedanke
für das überleben. bitte.


Di 30.12.14 14:48

Selbstversuch Nichtstun geht in den Endspurt. Wir werden bald 66. Mal sehn, wie lang wir das noch aushalten.



17:28

hätten wir noch einen wunsch,
haben wir noch was vergessen,
trinken wir noch einen punsch,
oder wollen wir uns messen?

haben wir nicht längst die karten
auf den tisch gelegt und warten
seitdem auf ein kleines zeichen
um das harte leben aufzuweichen?

ist egal, wir machen weiter,
haben nichts und steigen auf die leiter,
die zum himmel leider gar nicht taugt
prost, gemeinde, noch nicht staub gesaugt.