Dezember 2020                     www.hermann-mensing.de      

mensing literatur 

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Di 1.12.20 20:03 / Krise Tag 260 / regnerisch

Ich heiße Hermann Mensing, bin fast 72 Jahre alt und träume von der Revolution. Wenn es jedoch zu meinem Lebzeiten dazu käme, möchte ich lieber nicht in der Nähe sein. Ich halte die Revolution für aussichtslos. Revolution wäre ein Leben, das nichts mit arm, reich, erfolgreich oder nicht zu tun hat, das ist mein revolutionäres Ziel, dafür lohnt es sich, zu kämpfen. Man muss es wollen, muss es einfordern, jeden Tag, muss sagen, komm, dreh dir einen, komm, mach das weg, komm, iss was Leckeres, trink was, lieb die, dann geht's. Das gute Leben ist hier.

Mi 2.12.20 20:41 / Krise Tag 261 / trüb

Das Zimmer ist gestrichen. Die Fußleisten sind geschmirgelt. Morgen kommt Kleinarbeit. Der Teppich wird Freitag verlegt. Die Frau nörgelt. Der Lockdown geht bis zum 10. Januar.

23:18

Alle werden immer nervöser. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, was passieren könnte. Was passieren könnte, möge Gott verhüten. Gott und ich sind befreundet. Er sagt immer, du hast es sowieso nicht in der Hand. Und dass ich etwas verhüten könnte, halte ich für ein Gerücht.


Fr 4.12.20 22:02 / Krise Tag 263/

Der Mann von der Spedition aus Castrop, der gegen acht den Teppich brachte, war groß, dünn und freundlich. Er hatte telefoniert, ohne dass jemand abnahm, er hatte zweimal schellen müssen und wohl gedacht, scheiße, da ist keiner zuhause. Aber nun stand ich da in meinem Cary Grant Hausmantel, Paisley außen und roter Samt innen, stand da im Flur, schaute noch ein wenig verschlafen hinaus auf die Straße und sah, dass er zum LKW ging und gleich darauf mit geschulterten 3,95 Meter breiten und knapp 6 Meter langen Teppich auf der Rolle zurück kam. Laut Lieferschein 50 kg schwer. Ich bat ihn, den Teppich auf der Kellertreppe abzulegen, bedankte mich und gab ihm ein ordentlichen Trinkgeld.

Heute nachmittag war alles bereit. Die Frage war, wie bekomme ich den Teppich ins Haus. Mir schienen 50 kg übertrieben für so eine Teppichrolle, ich schulterte sie probeweise, schätze sie auf dreißig und dachte okay, die kann ich tragen. Durch den Wohnungsflur führte jedoch kein Weg, zum einem, weil man die Rolle wegen der dicken Pappröhre, auf die sie gewickelt war, nicht biegen konnte, zum anderen, weil er voll von ausgelagerten Möbeln stand und noch steht. Also von außen über die Balkonbrüstung. Ein Nachbar kam, ich schultere mittig, er stützte und dirigierte von hinten, ich brach, die Rolle wie einen Rammbock auf der Schulter, zwischen Hagebuttenstrauch und Hauswand durch zu den Forsytien und schaffte es, das Ende der Rolle auf die Balkonbrüstung zu legen. Der Rest war einfach.

Das war gestern nachmittag gegen drei. Jetzt, 22.02 MEZ, Krise Tag 261, wechselnd bewölkt, recht mild, liegt der Teppich. Eng gewebtes Sisal, honigfarben, hier und da rötlich changierend.


So 6.12.20 12:45 / Krise Tag 265 / regnerisch, trüb

Als ich letztes Jahr begann, Vögel zu füttern, war auf meinem Balkon immer etwas los. Spatzen, Amseln und ein Rotkehlchen bedienten sich von dem Teller, der auf dem Balkontisch stand. In diesem Jahr habe ich ein Vogelhaus aufgestellt, zudem hängt eine Futtersäule mit Löchern und Stäben, auf denen die Vögel sitzen können, in den Forsytien hängen Meisenknödel, aber es herrscht kein Gedränge. Ist es zu mild? Mache ich etwas falsch?Lieben sie mich nicht mehr? Ich bin ein bisschen verzweifelt.


21:20

Ich glaube, Trotzki war vor einem Jahr zum letzten Mal hier. Er hatte nicht angerufen, Becket und Godot wussten auch nichts, als sie im Frühjahr auftauchten, um mir von einer Frau in St. Malo zu erzählen, mit der sie bei Regen über eine Stunde auf der Mauer gesessen hätten, die Gischt hätte hoch gespritzt, beide hätten sie haben wollen, aber sie hätte gesagt, sie sei mit Trotzki da. Trotzki, wo? hätten sie gefragt, da hätte die Frau den Zeigefinger ihr knochigen rechten Hand auf die Lippen gelegt und diffuse Bewegungen mit der anderen Hand in jede Richtung gemacht.

Dann kam der Sommer, der Herbst und die Pilze und dann, kurz vor Ende des Jahres tauchte er am Nikolausabend auf und erzählte, er komme von seinen Enkeln, seine Enkel würden ihn den "coolen Opa" nennen, er habe sie im Garten mit Wunderkerzen überrascht, er hatte Nikolaustüten für sie, mit dem einen habe er geboxt und sei zu Boden gegangen, mit dem anderen habe er Klavier gespielt, der dritte schließlich habe Trompete gespielt und er habe ihm und dem Jüngsten erklärt, dass er der Nikolaus sei und im Keller die Schokoladenmänner selbst mache.

Wie? Halt mal, Trotzki, seit wann hast du Enkel. Ich habe so viele Enkel, dass ich sie nicht zählen kann, sagte Trotzki. Viele wohnen in Übersee, die seh ich kaum. Erzähl keinen Scheiß. Ich erzähl keinen Scheiß, sagte Trotzki. Und die Frau in St. Malo? Was weißt du von welcher Frau in St. Malo. Haben Becket und Godot dir was gesteckt? Ich nickte. Typisch. Freu mich jedenfalls, dich zu sehen, sagte ich. Bleibst du länger? Ich war doch nie weg, sagte Trotzki. Ich war die ganzen Zeit da, aber es gab nichts tun für mich, und wenn es für mich nichts zu tun gibt, trete ich nicht auf. Jetzt z.B. trete ich gern auf, weil ich weiß, dass ich helfen kann. Danke, sagte ich und legte mich aufs Sofa, das neue Zimmer bestaunen. Wie groß es jetzt ist, weil ein neuer Teppich liegt, und die Wände in einem Grau gestrichen sind, dass mal grün wirkt und dann wieder blau, im Dunkel auch weiß. Noch sind die Bücherregale nicht befüllt, das nehme ich morgen in Angriff. Danach wird es spannend, dann hänge ich Bilder.


Mo 7.12.20 22:50 / Krise Tag 266 / trüb, regnerisch

Trotzki sagt
nie mehr wolle er,
nie mehr wolle er nie,
über dieses Thema reden,
sagt Trotzki und zeigt Fotos:
ihn, Trotzki, das Thema:
Trotzki, der nie über
dieses Thema kein
Sterbenswörtchen mehr sagen will,
seufzt.
Oh Trotzki Trotzki,
die sind ja alle fast ...
Ja - nie mehr, sagt Trotzki,
aber morgen erzähl ich dir,
wie das war in St. Malo.


Bücher eingeräumt, Tür kürzer gesägt, morgen Bilder hängen.


Di 8.12.20 18:25 / Krise Tag 267 / bewölkt, regenfrei

Neues von Trotzki

Godot, Becket und ich hatten bis in die Nacht gesessen und uns gestritten, bis Godot und ich die Nase voll hatten und in der Urgent Bar ohne Becket weitermachten. Becket war seit Tagen einsamer als üblich und sehnte sich, öffnete FB und kommentierte den Post einer unbekannten Frau, was augenblicklich zu einen Strudel schneller Benachrichtigungen führte. Sie sei im Zug hierher, komme um 22:12 an und vom Bahnhof bis zu ihr wären es 15 Minuten zu Fuß, ob wir uns nicht sehen könnten. Becket sagte sofort ja, weil er wusste, was sie tun würden. Sie wusste es auch. Anderthalb Stunden später stand er vor ihrem Haus. Es regnete. Sie kam um die Ecke, mittelgroße Tasche, Regenjacke mit Kapuze, um die 170 Meter groß. Da bist du ja, rief sie und Becket stellte fest, dass er es mit einer Frau, die so klang, nie tun würde, und fuhr in die Urgent Bar.


Do 10.12.20 17:30 / Krise Tag 269 / trüb, kalt

Es kam plötzlich, sagte Becket. Und dann war es auch schon vorbei.


Sa 12.12.20 13:30 / Krise Tag 271 / trüb

Man steht auf, trinkt den ersten Kaffee, reinigt die Fassade, frühstückt, verhackstückt die Seinen, die Anderen und Welt, und dann wird es schon wieder dunkel. Wenn es so trüb ist wie in diesen Tagen, wäre es vernünftiger, man wachte gar nicht erst auf, sondern hätte sich an den Winterschlaf erinnert, die Methoden der indischen Fakire studiert und gelernt, sein System auf 50 Schläge pro Minute herabzupegeln. Man schliefe bis Ende Februar, hätte überflüssiges Fett verbrannt, wäre topfit und die Seuche Geschichte. So träumt man sich durch die letzten Tage des Jahres, an das man sich noch lange erinnern wird. Die Hoffnung, die Menschen wären ein wenig geläutert und dächten über die Pandemie hinaus auch an den ökologisch und ökonomisch alarmierenden Zustand dieses Planeten, hat sich zerschlagen. Die Buchungen für Flugreisen im nächsten Sommer schießen in die Höhe, die soziale Ungleichheit reißt immer tiefere Gräben, die Verarmung nimmt zu, die Reichen werden immer reicher. Die, die uns das schon lange vorausgesagt haben, die Propheten der Gegenwart, werden in intellektuellen Zirkeln diskutiert, ansonsten nicht ernst genommen, lächerlich gemacht, übergangen, für verrrückt erklärt, und mit absurden Prozessen aus dem Verkehr gezogen. Nehmen Sie als Beispiele Julian Assange und Edward Snowdon. Das ist mein Stand der Dinge. Ich bin (toitoitoi) gesund, fühle mich kräftig, und freue mich auf die Wintersonnenwende in knapp 10 Tagen.


So 13.12.20 21:04 / Krise Tag 272 / meist trüb

ich bin ein verzweifelt
glücklicher dichter
werfe das lot
doch der grund ist zu tief
bin ein erheitert
angewiderter richter
beuge mich nicht
dem verstörenden mief
bin ohne zweifel
lebend geboren
sterbe seitdem vor mich hin
tausende jahre vor tauben ohren
trag ich dieses erbe
und frag wer ich bin


Mo 14.12.20 16:55 / Krise Tag 272 / trüb, zum Nachmittag aufhellend

gott hat tiefe taschen
und sein lachen tönt
trinkt aus besten flaschen
seine engel sind verwöhnt
manchmal raucht er einen joint
und verzeiht dem teufel
gabriel sein bester freund
hat dann seine zweifel
denn im grunde denkt er
er sei gott der lenkt
und sein weichteil schwenkt er
bis es nicht mehr hängt


Di 15.12.20 17:15
/Krise Tag 273/ trüb

Beim Nageln von Kabelklemmen an die Fußleiste hat Becket aufgegeben. Er fand einfach nicht genügend Raum, um dem Hammer knapp überm Boden genug Schwung zu geben. Wie soll man da Freude haben? Zum Trinken würde es reichen. Einem feuchten, grauen Himmel zuprosten und ihn verlachen, das wär's. Stattdessen klingt jeder Ton falsch. Frag mich nichts, sagt jemand. Du mich auch nicht, sagt Becket. Immerhin: Lächeln. Es geht reihum. Weihnachten ist mit so viel Falschem und Lügen aufgeladen, dass vielen die Nerven blank liegen. Dazu das ständige Drängeln der Frauen. Immer haben sie Pläne. Nie sind sie zufrieden. Beckt ruft Godot an. Godot sagt, er solle ihn nicht mit Frauengeschichten langweilen. Becket spricht mit Trotzki. Trotzki sagt, warum holst du dir auch alle vier Wochen eine neue ins Haus. Mach es wie ich. Meide sie. Aber ich liebe Frauen, sagt Becket. Dein Problem, sagt Trotzki.


Mi 15.12.20 17:26/Krise Tag 274 / überwiegend sonnig

Balkon gereinigt. Gardine gehängt. nDarauf ein Gedicht.


warum ich jetzt klein schreib,
obwohl ein gedicht doch größer ist
als vieles,
will ich nicht wissen,
denn falls ich es wüsste,
machte es mir
keine freude,
vielleicht wäre es dann
TEXT
und davon gibt es zu viel
wie von liebe zu wenig,
und von angst zu viel,
von gewalt
SOWIESO
und von gelassenheit keine spur.

friede ist lichtjahre entfernt,
und so hoffe ich,
dass mich jedes gedicht,
falls es eines ist (wer weiß das schon),
vom zu viel entfernt
und dem zu wenig näher bringt,
damit endlich liebe wird,
nichts als das,
gänsefedern,
auf die ich meinen kopf lege,
und träume,
bis auch das träumen vorbei ist.


Do 16.12.20 12:15 / Krise Tag 275 / bewölkt


Dass ich es so weit bringen würde, hätte ich nicht gedacht. Aber nun, zum Ende des Jahres, ist es wahr. Es gibt die neue Küche, über die ich mich Tag für Tag freue, es gibt eine Frau, über die ich mich nicht jeden Tag, aber doch fast jeden Tag freue, es werden in dieser Küche hochwertige Speisen zubereitet, es gibt das renovierte Wohnzimmer mit einem wunderbaren Sisalteppichboden, und seit gestern gibt es sogar eine Gardine. Was soll jetzt noch kommen? Immer am Ende des Jahres frage ich mich, ob das nächste etwas für mich bereit hält, was ich mir heute noch nicht vorstellen kann, und jedes Mal hat es mich überrascht. Nachdem nun die erste Renovierungsstufe dieser Wohnung, in der ich seit 1983 lebe, beendet ist, habe ich ein paar Tage gefremdelt, als säße ich in einer Wohnung, die gar nicht ich bin, aber das ist dummes Zeug, es ist einfach nur so, dass die Erinnerungen Volten schlagen und ich noch nicht recht begriffen hatte, dass nun alles anders ist. Alles ist anders, und anders ist gut. Und wenn das Frühjahr aufzieht, wird noch der Flur renoviert, und dann hat es sich.


So 20.12.20 9:35 / Krise Tag 278 / bewölkt, könnte aufklaren

Der Abisinthe Lemercier stand auf dem Tisch, ein handlicher Flachmann, überschaubar die Menge, das Experiment konnte beginnen. Wir tasteten uns heran an die grüne Fee, Hemingways Lieblingsgetränk. 0,2 cl Abisinthe mit Champagner aufgießen, trinken, und was soll ich sagen, das Lachen wich nicht mehr von uns, das Denken blieb klar, die Achse jedoch geriet beim Gehen zunehmend aus dem Lot, aber wir mussten nirgendwohin und mit geschickten Ausfallschritten ließ sich das korrigieren. Gegen Mitternacht war der Flachmann leer, der Schlaf kam schnell, der Morgen kam ohne Kater, nur der Körper wog den Tag über schwerer als sonst.


Mo 21.12.20 14:00 / Krise Tag 279 / feucht

ich atme auf
ich weiß jetzt wie
ich bin mein gott
bin mein genie
mein größter feind
mein dickster fisch
ich bin fantastisch
zwing die klugen
und die dummen in die knie
bin
tag und nacht
verehreraller frauen
bin ich???
ein endlich unerlöster
freier held
der sich zum schluss
selbst in die arme fällt?


Mo 28.12.20 9:30 / Krise Tag 286 / es klart auf

Radtour nach Weihnachten. Scharfes Licht lässte die Wintergerste leuchten. Rutschige Wege entdeckt. Die "Kley" wird überschaubar. In Schapdetten ein "Schillerbrötchen" im Dorfladen. Zwei Bergprüfungen am Südhang, die dritte abgebrochen. Die Spaziergänger in den Baumbergen fahren mit ihren Autos bis in den Wald. Manuskript ausgedruckt. Schuhe geputzt. Also wird weitergemacht. Die Zukunft strahlt. Ich strahle mit.

16:54

ich atme auf
ich weiß jetzt wie
ich bin mein gott
und mein genie
mein größter feind
mein dickster fisch
ich leg die beine auf den tisch
und biege bögen
in die blöden
und klugen,
die im intellekt veröden
bin tag und nacht
verehrer aller frauen
bin ich??? (bei allem grauen)
ein endlich unerlöster
freier held
der sich zum schluss
selbst in die arme fällt?


Do 31.12.20 12:45 / Krise Tag 289 / feucht und grau

Leck mich am Arsch, du dumme Sau 2020, auf dich hätte jeder gern verzichtet, wenngleich es für mich ein gutes Jahr war.