Februar 2003                                  www.hermann-mensing.de                      

mensing literatur

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Sa 1.02.03   15:20

Strahlend wäre der Tag, schniefte ich nicht wie ein Ross, in der Horizontalen darauf wartend, dass es besser wird. Aber es geht wie es geht, nicht schneller.

 

So 2.02.03     9:57

Grau(enhaft) schleift der Himmel knapp über die Schornsteine der Nachbarhäuser.
Ich wünsche jemandem den Tod. Er lebt in Amerika. Er ist Fundamentalist. Er missachtet alle Regeln.
Ich backe ihn aus Salzsteig und steche eine Nadel in sein Herz.
Sollte er also morgen gestorben sein, ich war's und ich bin stolz darauf.

10:58

Desmond Tutu, Erzbischof, Südafrika: "Wenn die USA nur einen Bruchteil des Engagements und des Durchsetzungswillens für die Bekämpfung der Armut in der Welt zeigen würde, wie sie sie in der Vorbereitung dieses Krieges an den Tag legt: Können Sie sich vorstellen, was für eine wunderbare Welt wir haben würden?" (FR 1.02.03)

16:56

Wann immer das Substantiv "Helden" gebraucht wird, das Volk Blumen niederlegt und Kerzen zündet, wann immer Nationalflaggen im Bild flattern, ist höchste Vorsicht geboten. Denken Sie daran, ehe Sie sich ins nächste Kondolenzbuch eintragen.

 

Mo 3.02.03    20:25

Noch nicht in der Welt, heute gegen 7:35 im Schneetreiben, als der Bus nicht kam, der längst hätte kommen sollen. In Krefeld, zweieinhalb Stunden später, blank gefegter Himmel. Auf dem Neumarkt fragen Kinder - wie ich auf dem Weg zur Stadtbücherei: Sind Sie ein Autor? Wer weiß, sage ich. Sie sind aufgeregt, denn in der Stadtbücherei werden sie Mittelpunkt sein. Das Kultursekretariat NRW stellt dort einen neuen Autoren-Reader vor. Einer der darin empfohlenen Autoren bin ich. Tatsächlich. Ehre ist im Spiel. Eine Bürgermeisterin spricht. Ein Leiter des Projekts. Noch einer. Eine Leiterin der Stadtbücherei. Dann gehen die Autoren in verschiedene Gruppen. Die Kinder haben sich uns ausgesucht. Frau B. sagt, Sie haben die größte Gruppe. Das freut mich. Ich lese zwei Gedichte. Wir diskutieren über Umgangssprache in der Großen Liebe. Ich lese die Faxenmacher. Die Kinder fragen, was Kinder meist fragen. Dann treffen sich alle Gruppen im Plenum. Je zwei Kinder einer Gruppen berichten, was in ihrer Gruppe besprochen wurde. Dann geht es zum kalten Bufett. Italienisches gibt es reichlich. Köstlich! Kleine Gespräche kreisen. Sekt und Kaffee werden getrunken.

Den Autoren Reader gibt es gratis beim
Kultursekretariat Wuppertal. 
Friedrich Engels Allee 85
42285 Wuppertal
0202 - 563 58 03

Im Vorwort heißt es:
Einen besonderen Weg der Literaturförderung geht das Kultursekretariat des Land Nordrhein-Westfalen mit seinen Autoren-Readern. Dabei werde seit 1990 entdeckenswerte literarische Talente aus NRW in Anthologien aufgenommen, die sich als Angebot und Empfehlung verstehen,Lesungen mit den Ausgewählten Schriftstellern zu veranstalten. Das Kultursekretariat übernimmt Zweidrittel der Kosten einer solchen Lesung.
Also: buchen Sie mich. Worauf warten Sie....

 

Di 4.02.03  10:38

Ich habe in letzter Zeit häufig über die Idiotie amerikanischer Frömmler gesprochen. Hier nun ein erschreckendes Beispiel frömmelnden Fundamentalismus der anderen Art:
Der Imam der Londoner Zentralmoschee Finsbury Park sieht im Absturz der Columbia Raumfähre eine "Strafe Gottes", denn die Mission seine eine "Trinität des Bösen" gewesen.
Aha? Und warum?
Weil neben US-Astronauten ein israelischer Jude und ein Hindu indischer Herkunft an Bord waren.
So sind Sie, die Fundamentalisten dieser Welt: von keinem Zweifel beleckt. Eigentlich gehörten sie eingesperrt.

 

Mi 5.02.03     13:48

Nächste Woche um diese Zeit werde ich kurz vor Paris sein. Nächste Woche um diese Zeit werde ich .... Nächste Woche um diese Zeit bin ich .... Nächste Woche um diese Zeit. Ein Glück, dass man träumt und schon Fahrkarten hat für den Traum. Eine Hotelreservierung hat man geträumt und wo das Hotel ist, weiß man, weil man schon einmal da war. Gleich am Montparnasse, nicht weit vom Jardin du Luxembourg. Alles wird zu Fuß möglich sein, und wir werden laufen. Wir: seit dreißig Jahren ein Paar!!!

 

Do 6.02.03    9:54

Ich habe nichts zu sagen. Sie auch nicht? Na dann. Schönen Krieg allerseits.

 

20:02

Das Leben ist schön 4: M. hat sein Leben standardisiert. Das macht es ihm einfacher. Wenn er spazieren geht, hat er die Wahl.
Wählt er den Spaziergang A., B., C. oder D.? -
Heute wählte er D.
D. führt ihn südlich und westlich an den Rändern der Siedlungen ins vorbäuerliche Land, vorbei am Hof der Familie Lütke-B., auf dessen Weide den Sommer und Herbst über braune westfälische Ackergäule stehen, Gäule mit blonden Mähnen.
Mit zweien von ihnen hat er sich über die Zeit angefreundet. Kaum ein Spaziergang, den er und seine Frau unternehmen, ohne dass sie einen Apfel dabei haben, Zwieback oder Möhren.
Vor gut acht Wochen verschwanden die Pferde von der Weide. M. vermisste sie. Er fragte sich, wie sehr sie sich wohl langweilten im dunklen Stall, und wenn er vorüberging, pfiff er, damit sie sich an ihn erinnerten.
Als er sich heute der Weide näherte, sah er das zwei Jahre alte Fohlen, mit dem er sich besonders gut verstand. Und das Fohlen sah ihn. Warf den Kopf hoch und schaute in seine Richtung. M. schnaubte, auch das ein Erkennungszeichen. Das Fohlen trabte zum Zaun. M. begrüßte es. M. rupfte das spärliche Gras und gab ihm zu fressen. Dann rieben sie ihre Nasen aneinander.

Vorher hatte er schon etwas Schönes erlebt. Er hatte eine Straße überqueren wollen. Auf der gegenüberliegenden Seite führte ein junger Mann seinen Labrador spazieren. Der Labrador starrte M. an. M. zeigte ihm eine lange Nase. Sein Herrchen zog den Hund hinter sich her und überquerte nun seinerseits eine Seitenstraße. Der Labrador folgte Herrchen, schaute aber die ganze Zeit nicht nach vorn, sondern zu M. hinüber. So kam es, dass sein Kopf mit einem Betonpoller kollidierte. M. lachte laut, was der Labrador ihm wohl übel nahm.

 

Fr 7.02.03    11:27

Seit gestern früh am Ende der Straße (ca. 300 Meter entfernt) ein gelber Sack riss, beginnt dessen Inhalt die Nachbarschaft zu erobern. Gegen Mittag hatte er den Bereich der Einmüdung in die Hauptstraße verschmutzt und war in südlicher Richtung schon bis zur ersten Seitenstraße vorgedrungen. Heute früh nun erreichen erste Kartons den Rinnstein vor unserem Haus.

13:00

there's only three things that's for sure: taxes, death and trouble, this I know....(1)

 

Sa 8.02.03    12:08

Der Krieg im Irak kommt bestimmt. Die USA müssen sich nur erst überzeugen, dass Saddam tatsächlich keine Massenvernichtungswaffen hat. (2)

 

So 9.02.03    11:29

Sah gestern Die Verwandlung nach Kafka in der Inszenierung der Städtischen Bühnen Münster. Fand es überladen. Und da es nach Kafka war, hatte sich der Regisseur alle Mühe gegeben, alles, was ihm passend schien, in das Stück einzuweben, inklusive seltsamer Lieder. Gelangweilt habe ich mich jedoch nicht.

22:54

Endlich. Lyrik macht Spaß...

Ibrahim ein stolzer Türke
macht Rabatz am Kebab Stand
weil Salat er und Gekürke
doch kein Fleisch im Fladen fand.
Forsch entleert er seinen Raki
grimmig bebt sein schwarzer Bart
eilt zum Griechen, isst Souvlaki
den Kebab Wirt trifft dieses hart. (3)

 

Mo 10.02.03    9:50

Sie könnten sich verschätzt haben, unsere transatlantischen Partner. Selbst die Oberhäupter ihrer eigenen frömmelnden Fundamentalistenkirche erheben im Chor mit den übrigen Pfaffen der Welt plötzlich Einspruch. Das ist billig, aber es bringt Pluspunkte, und man kann nie wissen, wie der Sohn reagiert.
Und was ist mit Papi?
Macht er seinem Sohn weiter Feuer?
Und gelingt es dem britischen Matador, sich noch tiefer ins Rektum seines großen Freundes zu verkriechen?
All diese fantastischen Darsteller geben augenblicklich ihr Bestes, um uns zu unterhalten. Ein spannendes Stück, das da gespielt wird, und niemand soll glauben, Europa hätte schon verloren. Es beginnt gerade erst zu gewinnen. Amerika wird den Frosch schlucken müssen. Darauf freue ich mich besonders.

16:26

Und dies zur Erinnerung.
Damit wir wissen, mit wem wir es zu tun haben.

1953:
Die USA stürzt den die Iranische Führung unter Mossadeq und bringt stattdessen den Schah ins Amt.
1954:
Die USA stürzt den demokratisch gewählten Präsidenten Arbenz von Guatemala. 200.000 Zivilisten sterben.
1963:
USA unterstützt den Mord am Süd Vietnamesischen Präsidenten Diem.
1963 - 1975:
Die US-Army tötet 4 Millionen Menschen in Süd-Ost-Asien.
11.09.1973:
Die USA unterstützt den Sturz des demokratisch gewählten Präsidenten Chiles, Salvador Alliende. Alliende wird ermordet. General Pinochet kommt ins Amt. 5000 Zivilisten sterben.
1977:
Die USA unterstützen die Militärmachthaber El Salvadors. 70.000 Zivilisten und 4 amerikanische Nonnen sterben.
1980:
Die CIA trainiert Osama bin Laden und unterstützt seine Organisation mit 3 Milliarden Dollar im Kampf gegen die Russen in Afghanistan.
1981:
Ronald Reagan unterstützt die Contras in Nicaragua. 30.000 Menschen sterben.
1982:
Die USA unterstützen Saddam Hussein mit Waffen und Milliarden in seinem Kampf gegen Iran.
1983:
Etwa zeitgleich und geheim unterstützt die USA den Iran mit Waffen im Kampf gegen Irak.
1989:
Der CIA Agent und Präsident Panamas, Manuel Noriega, verweigert den USA den Gehorsam. US-Truppen marschieren in Panama ein und stürzen ihn. 3000 Menschen sterben.
1990:
Der Irak marschiert mit US Waffen in Kuwait ein.
1991:
USA greift Irak an. 1. Golfkrieg.
Bush (Vater) verhilft der alten kuwaitischen Herrscherclique wieder ins Amt.
1991: 
Seit 1991 fliegen US Flugzeuge regelmäßig Angriffe gegen den Irak. Ca. 500.000 irakische Kinder sterben seitdem als Folge der Bombardierungen und der verhängten Sanktionen.
1998: 
Clinton bombardiert eine "Waffenfabrik" im Sudan. In Wirklichkeit werden dort Medikamente hergestellt.
2000-2001: Die USA unterstützen die Taliban in Afghanistan mit 245 Millionen Dollar.
11. 09. 2001:
Osama bin Laden macht sich sein CIA Training zunutze und zerstört das World Trade Center. 3000 Menschen sterben. (3)

19:30

Mal angenommen, all dies wäre nicht geschehen. Mal angenommen, die USA wären nicht nur Weltmacht in Sachen Macht sondern auch in Moral (wie sie ja jeden Tag betont; zum Glück wissen wir, dass der, der darüber spricht, oft Defizite im Handeln hat), mal angenommen die USA hätten einen integeren Präsidenten und der hätte glaubhafte moralische Prinzipien, mal angenommen, das alles wäre der Fall, ich glaube, dann wären mehr Menschen bereit, gegen Saddam Hussein vorzugehen. So bleibt nur der fade Geschmack verspäteter amerikanischer Rache an einem ehemalig protegierten und nun abtrünnigen Gewaltherrscher.

 

Di 11.02.03 17:10

So gehe ich fort. Tausche Westfalen gegen Paris. Aloha (ihr Zurückgebliebenen).

 

So 16.02.03   11:10

Die Nein-Sager haben jetzt ein millionenfaches Gesicht. Warum aber die ARD in der Tagesschau Bilder aus Berlin, Rom und London zeigt, nicht jedoch aus Paris, und warum der BFBS, der britische Soldatensender in Deutschland, nur von London und Rom O-Töne sendet, nicht aber von Paris und Berlin, ist eine mich brennend interessierende Frage. Wer die Antwort weiß oder eine spannende Spekulation, ist willkommen.

12:08

Paris Retro Erster Tag Mi 12.02.03

8:30 Lünen

Eine bleiche Sonne, fast weiß überm frostigen Land. Die Hinterhöfe fliegen vorbei. Ordnung wechselt mit Unordnung. Wir bemühen uns, hinter die Dinge zu schauen. Vom Zugfenster aus geht das wunderbar.

8:43

Silbernes Graffiti an einer Fabrikwand in Dortmund. URIN. Welches Motiv hatte der Sprayer. War er Urologe? Gehörte er einer hinduistischen Glaubensgemeinschaft an, die Urin trinkt?

Klares, frostiges Wetter.

10:45

Im Thalys vor Aachen. Weite rheinische Tiefebene. Sonniges Land. Der Thalys ist enttäuschend alltäglich. Statt eines Speisewagens gibt es nur ein Bistro, in dem um diese Zeit nicht einmal ein Petit Dejeuner zu haben ist. Dabei hätten wir die Reise so gern mit ein wenig Stil begonnen. Mit Landschaft, die links und rechts vorbeifliegt, während wir frühstücken. So bleibt nichts, als im Stehen schwarzen Kaffee aus Styroporbechern zu trinken. Im Abteil fehlen Kleiderhaken. Der Raum für die Beine ist beschränkt. Die Heizung funktioniert nur mäßig.

11:05

Belgien und mit ihm die östlichen Ausläufer der Ardennen in dichtem Nebel.

11.15

Stehen in Welkenraedt ohne ersichtlichen Grund. Ein kleiner Mann in zitronengelbem Overall mit Schutzhelm und Walkietalkie in der rechten Hand verschwindet Richtung Zugende. Der Nebel verschluckt ihn.

11:45

Welcher Fluss fließt durch Liege=Leuken=Lüttich?

12:10

Nun endlich die Thalys Raserei auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke. Alles fliegt nach hinten weg. Die Autos auf der parallel verlaufenden Autobahn scheinen am Fleck zu kleben. Ganz wohl ist mir nicht. Das Tempo untergräbt mein Gefühl der Sicherheit, das ich normalerweise in Zügen habe.

12:20

Auf den ersten Blick - und nur der ist vom Zug aus möglich - scheint das flämische Leuven weniger vernachlässigt als das wallonische Verviers.

Ein Teich mit grünlich verfärbter Eisdecke. Darauf weiße Vögel: Möwen.

12:30

Der erste Blick bestätigt sich, je näher wir Brüssel kommen.
Nun müsste man nach Gründen fragen.
Ist die flämische Bevölkerung reicher / fleißiger / ordentlicher? Liegt es an der zugänglicheren Landschaft, der möglichen Weite im Gegensatz zu der Enge der Ardennen? Und weiter: ist hier eine Volksgruppe (die Flamen) über eine andere (die Wallonen) erhaben?
Schritt für Schritt nähern wir uns Tretminen, die an den alten Konflikt des Drei-Völker-Staates Belgien erinnern.

13:07
Über die verwirrend sich verästelnden Gleise der Vorstadt, die nur Eingeweihten Sinn machen, die, die im Stellwerk sitzen und den Verkehrsfluss leiten, hinein in den Hauptstadtbahnhof Brüssel Midi, dann wieder hinaus, bis zur Hochgeschwindigkeitstrasse, auf der der Thalys langsam Fahrt aufnimmt. Hör- und sichtbar ist das, der Startphase im Flugzeug durchaus vergleichbar, wenn auch die Beschleunigung langsamer vor sich geht und das Abheben ausbleibt.

14:08
Dörfer in weitem Land ziehen vorbei wie Kulissen. In 10 Minuten werden wir in Paris sein. Nur noch Hochnebel jetzt.

15:30
Hotel Chaplain.
Man hat meine Reservierung annuliert. Man sagt, man habe keine Bestätigung bekommen. Verabredet war die Überweisung einer Kaution als Bestätigung. Zum Glück habe ich die Kopie meiner Banküberweisung dabei. Nun bemüht man sich. Man telefoniert. Und so nach und nach wird klar, dass man geschlampt hat. Man hat vergessen, seine Bankauszüge zu checken. Der Maitre beruhigt uns. Immer hat man Ärger mit den Angestellten, sagt er und bringt uns Kaffee.
Wie vertraut uns das Viertel noch ist.

16:00
Zimmer 13. Hotel Odessa. Es liegt keine fünf Minuten vom Hotel Chaplain entfernt an einem kleinen Platz. Es hat nicht den Charme des Chaplain, aber es ist sauber. Und man kann so schön auf den Platz hinab schauen.

16:50
In einem Café in Montparnasse. Langsam weicht der Schreck. Die Frage, was wäre gewesen, wenn nun nirgendwo ein Hotel noch Platz gehabt hätte, stellen wir nicht mehr. Wir sind angekommen. Wir haben ein Dach überm Kopf. Wir spüren die große Stadt und fühlen uns wie gestrandete Landeier.

19:40
Café Odeon. Rue St. Germain.
Sitzen und schauen den Menschen zu und den Autos und ihren unterschiedlichen Strategien, abzubiegen. Taxifahrer bleiben einfach so lange auf der Mitte der Kreuzung stehen, bis hinter ihnen die Ampeln rot werden, und sie ungefährdet in jede Richtung abbiegen können.
Aßen in einem kleinen chinesischen Imbiss. Waren schon für einen Blick an der Seine. Menschen wohin wir schauen. Wir Voyeuere. Bettler sind zahlreich.

Bei der Ankunft am Gare du Nord sprach uns ein Mann an und bot seine Hilfe beim Kauf eines U-Bahn-Tickets an. Sagte, wir sollten mit ihm kommen, die Automaten abseits der großen Halle seien nicht so bedrängt.
War sofort mißtrauisch. Gingen dennoch zögernd mit.
Der Mann bediente für uns den Automaten. Tippte die verschiedenen Optionen ein. Fragte, was wir wollten. Ich zögerte. Ich war jetzt fast sicher, der Mann spekulierte darauf, wir würden unsere Portmonnaies zücken. Dann würde er sie uns entreissen und damit verschwinden. Auch möglich, dass er hoffte, wir würden unsere EC-Carden benutzen, um die Nummer auszuspionieren.
Als ich nicht auf sein Angebot einging, abwiegelnd sagte, ich wolle doch lieber zur Information, ging er schnell davon.
Wenig später tauchte ein zweiter Mann auf. Auch er bot seine Hilfe an. Sein Vorgehen war mit dem des Ersten identisch.
Ich war mittlerweile überzeugt, dass die beiden unlautere Motive hatten. Musste C. zurückhalten, die immer noch glaubte, es mit freundlichen Menschen zu tun zu haben. Drei Tage später las ich einen Hinweis im Bahnhof, man solle derartigen Angebote ablehnen, man habe es in der Regel mit Dieben zu tun.

20:15
Wie schön, dass die Welt kompliziert ist, wo sie so einfach sein könnte. Wir kauften uns eine Telefonkarte. Wir erwarteten, dass man sie in den Schlitz eines öffentlichen Fernsprechers schiebt und telefonieren kann. Aber weit gefehlt. Auf der Rückseite der Telefonkarte befindet sich eine Geheimnummer. Darauf kam ich erst, nachdem ich einem Mann in der Nachbarzelle verzweifelnd gestikulierend nach der Funktion unserer Telefonkarte gefragt hatte. Diese Nummer war frei zu rubbeln. Dann musste man den allgemeine Zugang zum Netz wählen: eine vierstellige Zahl. Danach wählt man den 14-stelligen Code, der ein Konto auf einem Telecom-Computer freischaltet, dann drückt man die Raute, wählt endlich den Ländercode, den Code der entsprechenden Stadt und schließlich die Teilnehmernummer.
Wenn man Glück hat, wird man verbunden.
Erinnere mich an eine ähnlich komplizierte Telefonkarte in Rom.
Eh die funktionierte, musste man eine perforierte Ecke abknicken? Natürlich war auch in diesem Falle die Bedienungsanleitung nur in der Heimatsprache aufgedruckt.

Der Sinn einer solchen Telefonkarte liegt wohl darin, dass man Kontakt aufnimmt. Radebrechend und gestikulierend macht man dann die Erfahrung, wie gut es doch geht.

22:15
Immerhin: man kann diese Karte auch vom Hoteltelefon benutzen.

Kauften in einem der bis spät in den Abend hinein geöffneten Kioske in der Rue Vavin eine Flasche Bordeaux. Der Verkäufer, ein junger Marokkaner, wünschte uns schöne Ferien. Darüber freut sich der Mensch.

Paris Retro Zweiter Tag

Donnerstag 13.02.03   9.15
Im Café Odessa. Deux petit noir, sil vous plait. - Qui, et deux Croissants. Der Fußboden vor der Theke ist übersät von Kippen, Asche, leeren Zuckertütchen und Zigarettenschachteln. Wahrscheinliche Hinterlassenschaft von Menschen auf dem Weg zur Arbeit, die hier einen schnellen Kaffee tranken. Meine Liebe zur Stadt ist erwacht. Beschließen, im Jardin du Luxembourg spazieren zu gehen. Im Senat ist eine Modigliani Ausstellung. Vielleicht schauen wir sie uns an.

11:00
Vorm Senat warteten Touristen in langer Reihe. Verzichteten auf Modigliani und gaben St. Germain den Vorzug. Treiben durch Gassen. Lassen uns fangen. Ein junger Mann steigt aus einem Lieferwagen. Auf dem Beifahrersitz thront ein schwarz-weißer Staffordshire. Stolz, aber nicht unfreundlich. Wir schauen ihn an. Der junge Mann registriert es, lacht und sagt sinngemäß: Das ist einer, wie?
Wir nicken.
Obst und Gemüse sind dekoriert. Böhnchen liegen ausgerichtet Seite an Seite. Überall gibt es Dinge, die ich nicht kenne. Speisen, die ich noch nie gegessen habe. Käse mit nie gehörten Namen. Manche sind blau vor Schimmel.
Gern stehen telefonierende Menschen herum.
Andere gehen hierhin und dorthin. Wir kennen den Plan nicht.
Der Ort jetzt: Das Café Paul.
Man tritt ein. Rechts ist die Theke mit Süßem. Mit Croissants und mit Brot und den Törtchen. Im hinteren Teil der Patisserie ist das Café. Jemand weist uns einen Platz zu. Patinierte Spiegel, Biedermeierstühle,Kristallleuchter. Die Kellnerinnen tragen weiße Hauben und Schürzenkleider. Sie sehen aus wie Frau Holle.
Die da draußen spielen weiter Alltag uns: der Patissier. Der Glacier. Der Confiteur. Der Traitteur. Der Coiffeur. Der Boulanger. Der Fußgangér.
Für uns ist Sonntag.
An Sonntagen tun wir, was wir gern tun. Wir lassen uns treiben.
Wenn wir uns nördlich halten, kommen wir zu Fluß.
Schauen in Schaufenster von Metzgereien. In einem liegen Schinken mit Huf im Winkel von 45 Grad auf einem medizinisch wirkenden, extra zu diesem Zweck gefertigten Ständern. Der Huf oben ist mit einer bronzefarbenen Klemmvorrichtung arretiert. Die Hüfte unten ganz ähnlich. Die Schinken sind angeschnitten. Spanische Schinken.
Gingen in eine Galerie. Studierten am Weg Angebote eines Maklers. Wie kann man diese Preise zahlen? Wieviel verdienen die Menschen hier? Wie groß sind ihre Wohnungen?
Hätte das den jungen Mann fragen sollen, der uns in der Galerie so freundlich ansprach und fragte, ob wir Deutsche wären.
Die guten Ideen sind manchmal zu langsam.
In edlen Antiquitätenläden am Seine-Ufer sitzen gelangweilt aussehende, gut gekleidete Männer und Frauen mittleren Alters. Manche haben einen Hund, mit dem sie reden können, denn wo wir auch stehenbleiben, in keinem dieser Läden sind Kunden.
Paris ist ganz einfach. Man muss nur der Nase nach gehen und kommt überall hin.

12:45
Im Louvre nun, der voll ist von gestohlenem Kunsthandwerk.Schätze, die zum Ruhme der Herrscher aus aller Welt fortgeschafft wurden. Noch ein Aspekt, der bei der Suche nach den Ursachen für den 11.09.2001 bedacht werden sollte.
Ein Teil des Puzzle: Beutekunst. In (fast) jedem Museum der Welt.

Im Saal der ägyptischen Funde. Vor allem die Statuen begeistern mich. Ein Torso, weiblich, Akazie, hoch wie meine Hand lang ist, so klar und ohne jeden Schnörkel, als wäre er gerade erst hergestellt. Wäre Kunst der Jetztzeit.
Ist aber über 3000 Jahre alt.

Kommt man dann zu italienischen Funden aus dem siebten Jahrhundert vor Christus, wirken diese überfrachtet, fast kitschig. Nicht so jedoch die Stiere.

Endlich, die Maler, derentwegen wir hier sind. Ein Tintoretto, im ersten Saal. Werke aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Das modernste derer des 18. Jhdt. ist ein William Turner: in Licht aufgelöste Landschaft. Ich mag Turner sehr. Atemberaubende Bilder gibt es von ihm. Atemberaubend fortschrittliche auch.

Viel religiöse Szenen.
Etwa auf einem Bild des Luca Signorelli.
Es zeigt einen halbnackten Mann. Er schlägt sich mit einem Stein auf die Brust, die schon blutet. Sein Kopf ist nach hinten gebogen. Sein Blick (voller Sehnsucht) geht zum Himmel. Dort schwebt ein ebenfalls schwer verwundeter Mensch. Er ist an ein Kreuz genagelt. Der eine ist ein Heiliger, der andere der Heiland.

Hier ein Bild, dort eine Frage.
Warum etwa hält eine mit Heiligenschein markierte Frau ein Tuch mit dem Abbild Jesu hoch (das Grabtuch), während dieser gerade sein Kreuz zum Hinrichtungsplatz trägt?
Wäre ich nun gebildet, (oder mir religiösen Bräuchen vertraut) wüsste ich unter Umständen um die Symbolik solch Szenen, wüsste, was diese oder jene Geste bedeutet, wäre ich Kunsthistoriker, könnte ich deuten, zuordnen, kategorisieren, so prägen sich mir außer der Großartigkeit vieler Malereien nur die religiösen Phobien ein, unter denen die Menschen gelitten haben und leiden, es bleiben der Hochmut der Aristokratie, ihre Repräsentationswut, ihre ausgestellte Herrschsucht und ihre Ängste.
Also erkläre ich meine zunehmende Erschöpfung mit der Erschöpfung des Nichtwissenden.

 

Mo 17.02.03   10:13

Paris Retro Zweiter Tag (Fortsetzung)

14:45
Als ich den Kellner im Cafè Odessa nach dem Viertel der Afrikaner fragte, sagte er Ponte de la Valette, weit draußen, im Nordosten der Stadt. Und so sind wir nun unterwegs. Wir Voyeuere. Es reicht uns nicht, zuzuschauen, wie der Franzose seinen Petit Noir herunter stürzt, wie er seinen Käse dekoriert oder sein Pferdefleisch, nein, wir wollen mehr.
Wir wollen sehen, wie die schwarzen Einwanderer leben.
Wir haben gehört, dass sie dort, in ihren Vierteln, bunte Stammestracht tragen und Dinge essen, die uns noch fremder vorkommen würden, als das, was der Franzose verspeist.
Also fort vom Zentrum französischer Herrlichkeit und all seinen Schätzen. Wir verlassen die Pyramide, gehen durch die Tuilerien auf der Suche nach der nächsten Metro Richtung Champs Elysee.
Jemand will mir geröstete Kastanien verkaufen, aber wir werden nicht handelseinig, 2 € für fünf Kastanien sind mir zuviel.
In einem Gebäude am Place de la Concorde ist eine Matisse Retrospektive, aber hier ist es wie bei Modigliani. Menschenrückstau.
Wir steigen hinab in die Unterwelt und fahren fort.
Von Station zu Station kippen die Verhältnisse.Bald sind wir eine Minderheit. Eine Minderheit unter Schwarzen. Wir haben abgemacht, dass wir uns sofort zurückziehen werden, sollten wir als Voyeure zu viel Aufsehen erregen.
Zum Glück aber ist das nicht so.
Das Viertel um die Ponte de la Valette ist anders, als wir erwartet hatten. Hochhäuser. Ein Technikmuseum. Eine weite Avenue. Kaum zu unterscheiden von anderen in Paris.  
Was hatten wir erwartet? Die Exotik der Armut?

16:00
Von der Ponte de la Valette mit dem Bus 58 zum Montmatre, vorbei am Gare du Nord, über die Rue de Lafayette, Rue de Magenta. Hier braust das Leben. Landen in einem tunesischen Imbiss. Trinken Minztee. Essen ein paar Kleinigkeiten. Freuen uns.

19:50
Hotel Odessa.
Liegend nun, mit Blick auf den kleinen Platz, in den Straßen aus vier Richtungen münden. Die Gardinen sind zur Seite gezogen. Wir schauen.
So sind Stadtreisen, zumindest, wie wir sie lieben. Wir laufen bis zur Erschöpfung. Wir schauen uns die Augen wund.
Wir schauen und wissen oft nicht, was wir sehen. Genau deshalb schauen wir.
Haben den Montmatre erstiegen und schauerten ein wenig über die sich bis zum Horizont fressende Stadt. Stiegen den Berg hinab zum Place Trinité und fuhren von dort nach La Defense.
Der Grand Arche ist ein 110 Meter hoher Traum auf gleicher Achse mit dem Triumphbogen. Ein wunderbares Gebäude. Es feiert die Technik. Den Menschen jedoch lässt es außen vor. Dennoch: auch Menschen leben in diesem Viertel, zahlreich den vollen Metros nach, nur wissen wir nicht so recht, wie sich das anfühlen würde. Zu leben an einem Ort, in dem der Mensch im Verhältnis zu den ihn umgebenden Häusern Ameisengröße hat.
La Defense ist videoüberwacht. In den Büros der teils atemberaubend kühnen Hochhäuser brannte überall Licht, in der Ferne sahen wir das Flirren des Champs Elysee, ein wenig fröstelten wir.
Auf einer Eisbahn fahren junge Menschen Schlittschuh. Die Waschbetonplatten der weiten Fläche, über die wir gehen, sind hier und da locker. Der Verfall hat begonnen.


22:55
Sahen heute Nachmittag auf dem Weg vom Montmatre hinab zum Place Trinité ein kleines marokkanisches Restaurant. Aßen dort zu Abend. Tranken Wein. Leben wie Gott in Frankreich.

11:30

Paris Retro Dritter Tag

Freitag 14.02.03 12:40
Sonniger Tag. Frühstückten im Café Paul.
Kaum zwei Tage unterwegs, schon entwickeln sich Vorlieben. Schon erkennen wir Menschen wieder, die wir gestern in dieser Straße gesehen haben. Schon grüßt mich der Verkäufer des kleinen Kiosk am Platz Montparnasse.
Überquerten die Seine Insel und sind jetzt im Centre Pompidou.
Sitze vor einem Baselitz. Die Mädchen von Olma. Ein äußerst fröhliches Bild. Natürlich stehen die Mädchen Kopf. Ich hoffe, dass er dieses Bild so gemalt hat und nicht einfach umgekehrt aufhängt. Nein, das wird er nicht tun.
Sah auch schon eine Landschaft von G. Richter. Mit Anselm Kiefer konnte ich nichts anfangen. Die Beuys Räume haben mich bedrückt. Wundervoll, Max Ernst.
Vieles von dem bisher gesehenen jedoch geht nicht über die Idee hinaus. Kunst aber ist mehr als nur eine Idee.

14:00
Interessant wäre es, einen Film zu machen, der die Besucher dieses Museums zeigt und ihnen Gedankentexte zuordnet. Diese könnten flatternde Denkblasen oder gesprochene Texte sein. So ein Film wäre in jeder Umgebung denkbar und höchst aufschlussreich, ließe er doch alle gelehrten und gelernten Kommentare außer acht.

15:10
Schöner Satz: "Gas Wasser Scheiße heißt hier Plomberie!"

17:45
Von der Aussichtsplatform des Kaufhauses Santamarin an der Pont Neuf den Rundumblick
genossen. Anschließend mit dem Bus Nr. 70 die Stadt Richtung Westen durchquert, bis zum Radio France. Von dort weiter zum Eifel Turm, zu Fuß flußaufwärts zur Ponte de l'Ama. Kurz vorher stießen wir am östlichen Ufer auf drei ca. 5 Meter hohe, einfache Betonstelen. In ihre Frontseiten waren Leuchtschriftleisten eingebaut, von links nach rechts in den Farben der französischen Trikolore. In der linken und rechten Stele liefen Leuchtschriften von unten nach oben. Sie zeigten durchlaufend Namen von Soldaten, die im Algerienkrieg gestorben waren.

19:40
Hotel Odessa.
Im Eiltempo durch die große Stadt, die langsam Konturen gewinnt. Aha, wir sind hier, wir wollen dorthin, das geht so. Von der Ponte de l'Ama fuhren wir mit dem Bus 42 zum Champs d'Elysee, der zwar beeindruckend, aber recht langweilig ist. Ein Protzboulevard, auf dem kein wirkliches Leben stattfindet, eher ein Herzeigen von Diesem und Jenem. Zudem sind 80% aller Flanierenden wahrscheinlich Touristen wie wir. Aber wie sagt man: man muss es gesehen haben.
Wir kannten ihn schon, dachten aber, es könne nicht schaden, ihn noch einmal zu sehen.
Jetzt noch: irgendwo essen. Den Tag ausklingen lassen.
In der Metro schalte ich alle Instinkte herunter, vermeide Blickkontakte, Berührungen.

21:30

In einem Thai Restaurant. Gutes Essen. Alles geht mit atemberaubender Geschwindigkeit vor sich. Kaum sitzt man, hat man Geschirr, kaum hat man die Karte, steht schon jemand da und fragt. Kaum hat man die Vorspeise gegessen, ist schon der Teller weg. Kaum ist die Hauptspeise da, wird schon übers Desert gesprochen und dann Kaffee? Nein. Wupps, liegt die Rechnung auf dem Tisch.
Äußerst merkwürdig das alles.
Sympathisch ist keiner der vier sichtbaren Angestellten. Der Chef wirkt nur darauf bedacht, dass sich die Durchlaufgeschwindigkeit seiner Gäste erhöht, aber da ist er schief gewickelt. Wir machen jetzt extra langsam. Der Kellner mit den roten Kniebundhosen wirkt unterwürfig und dumm, die hübsche Kellnerin, die uns gleich zu Anfang auffiel, ist tatsächlich ein Mann. Sie spricht wie ein Mann. Ihre Hände sind Männerhände. Ihre Gesten sind Tuntengesten. Sie ist schön, aber keine Frau.
Sie ahnt, was wir wissen. Sie wirft uns verstohlene Blicke zu und wird ein wenig unsicher, als sie sieht, dass ich mir Notizen mache. Die Frau hinter der Theke spricht mit einer hohen Kinderstimme.
Wir spekulieren uns in die Geschichte dieser Vier und sind voller Bewunderung über jeden, der sein Schicksal in die Hand nimmt und so weit fort von zu Hause etwas in Bewegung bringt.
Endlich, der Mann, der eine Frau ist, outet sich.
Nur für mich sichtbar, nur für einen Augenblick, aber ich schwöre, er/sie hat mir, als C. und ich schon draußen vorm Restaurant standen und noch damit beschäftigt waren, Schals, Mäntel und Mützen zu richten, bei einem kurzen Blickkontakt einen Kussmund gemacht. Bon Soir.


Paris Retro Vierter Tag

Samstag, 15.02.03
Das Telefon weckt uns um acht. Gegen halb neun sind wir auf den Beinen. Die Tasche ist gepackt. Wir wollen noch in den Supermarkt um die Ecke. Wir wollen noch auf den Wochenmarkt vorm Hotel. Wir wollen noch dies und das. Wir werfen flüchtige Blicke auf Käse und Fisch, auf Fleisch und Wurst, auf alle Köstlichkeiten dieses Landes, wir übersetzen die Schlagzeilen der großen Zeitungen und verabschieden uns.

11:55
Abfahrt.

12:35
Weites frisch gepflügtes Land.

12:50
Wie der Mensch immer interessiert ist, zu sehen, was er da aus seinem Ohr pult.

15:20
Hinter Stolberg. Windräder. Nicht ein einziges auf dem Weg von Paris bis hierher, dabei sind die Flächen dort weit und spärlich besiedelt.

18:17

Da das Licht schwindet und alles intimer wird, kann ich von einer Niederlage berichten. Keine große Niederlage, aber eine schmerzliche, denn sie ist Folge eigener Dummheit. Schon seit Jahren hatte ich mir abgewöhnt, vorm Musikmachen Grass zu rauchen, unter keinen Umständen und nie, mit Erfolg. Man spielt besser mit klarem Kopf. Alles andere ist Lüge, romantisierende Verklärung der Vergangenheit oder beides. Letzte Woche nun verstieß ich gegen dieses Gebot. Rauchte ein wenig vom dunklen Dope und spielte entsprechend schlecht. Wäre gern auf der Stelle im Fußboden versunken. Hätte noch ein wenig Feuer und Rauch gespuckt, und dann weg, wie der Teufel im Kasperltheater. Jetzt werde ich wieder vernünftig sein.

 

Di 18.02.03 12:47

Das Leben ist schön. Nicht nur in Paris. Auch anderswo. Sollten Sie also neidisch geworden sein, hier ist ein Link, der Sie noch neidischer machen könnte.
An Ihrer Stelle würde ich ihn nicht anklicken.
Deshalb: hier nicht klicken.

 

Mi 19.02.03     9:43

Unter Null. Kälter als ein Hexenarsch. (4)

11:14

Nichts sagen wäre schön.

 

Do 20.02.03   10:57

Elton Mensing (55) Popstar, ist nicht gut auf die RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar" zu sprechen. "Ich hasse diese Sendung", sagte der britische Popmusiker. Mensing hält es für "völlig falsch, übers Fernsehen Popstar werden zu wollen oder einen zu suchen." Ein Grund für seine Ablehnung des TV-Spektakels ist, dass die Bewerber "verheizt" würden und sich das Publikum "schnell langweilt."

Herbert Mensing (46), Popstar, hat sein Herz einer Zeitung zufolge an eine 31-jährige Schweizerin verloren, die eine sechs Jahre alte Tochter hat. Sonja soll die neue Mensing-Freundin heißen. Mensing hatte jüngst eingeräumt, erstmals seit dem Tod seiner Frau Anna vor gut fünf Jahren wieder liiert zu sein. "Ja, Hermann und ich sind zusammen. Wir kennen uns seinem einem halben Jahr", wurde die dunkelblonde Schweizerin zitiert.

Verona Mensing (34), Moderatorin, will fast sechs Jahre nach ihrer Blitz-Ehe mit Dieter Bohlen wieder heiraten. Sie werde am 31. März in München mit ihrem Verlobten Franjo Pooth (33) vor den Traualtar treten, sagte die 34-jährige in einem Interview. Geheiratet werde in einer Münchener Kirche, zu Feier mit 250 Gästen gebe es eine Erdbeertorte in Form eines Schwans. Zudem werden ein Chor aus einem SOS-Kinderdorf singen.

 

19:43

Fast 110 KM fort von zu Hause, im Westen, flach wie ein Brett, und der Fluss und das dumpfe Brummen der Schiffsdiesel.
Fein gekräuselte Seide, silbern vom Licht, überm Wasser, um ein Stück Brot schreiend, die Möwen. Sinnloses in ein Handy sprechend: die Dame im Pelz auf der Nachbarbank.
Erstaunlich: die warme Sonne.
Promenierende Rentner. Dazu Musik. Mia: Ich will mein Leben zurück. Ich tausch nicht mehr. Guten Tag. Ich will mein Leben zurück.
Aha.
Und warum bin ich hier?
Ich lese in der Stadtbücherei Emmerich.
Emmerich liegt am Niederrhein. Der Fluss ist hier so breit wie nirgendwo sonst.
Fünf Zuhörer kamen.
Drei davon waren um die zehn Jahre alt, zwei um die vierzehn.
Angekündigt war die Lesung für Menschen ab 12. Alle fünf waren weiblich.

Las die "Reise ins Glück", dann aus "Große Liebe."
Die Leseoase befand sich direkt unterm Haupteingang. Ständig kamen und gingen Leute ein Stockwerk über uns. Sprachen laut. Lachten. Telefone schellten.
Als ich zuende gelesen hatte, sagte eines der vierzehnjährigen Mädchen: Aber Sie haben gar nicht die schönste Stelle gelesen...
Welche das wäre, fragte ich, und sie sagte es mir.
Hier nun die schönste Stelle:

Ich setzte mich auf eine wacklige Holzbank. Kasia setzte sich neben mich, und während Jimmy Page ein Gitarrensolo durch den Wald jagte, saßen wir da und hatten alle Worte vergessen. Wir saßen Schulter an Schulter. Ich konnte jeden von Kasias Atemzügen spüren. Sie waren kurz und schnell, genau wie meine. Die Musik hörte auf. In der Stille wurde mir unheimlich, mein Mund trocknete aus, ich dachte verzweifelt darüber nach, was ich sagen könnte, meine Knie begannen zu zittern und ich wünschte mir, Kasia hätte mich geküsst, so wie sie das heute mittag getan hatte. Warum tat sie das nicht? Sie wusste doch, wie es geht, und sie wusste, dass ich es nicht wusste. Konnte sie es mir nicht beibringen, jetzt.
Himmel! Bring es mir doch bei, Kasia!!!
"Was hast du gesagt?" (What did you say?)
"Ich hab nur laut gedacht."
"Was?"
"Ach nichts."
"Nichts gibt's nicht. Sag schon..."
"...dass du mir das Küssen beibringst", sagte ich und spürte, dass mir die Tomatenröte in den Kopf schoss. Verdammt! Könnte ich denn nicht ein bisschen cooler sein? Und dann auch noch diese Erektion! Ich legte die Hände gefaltet in den Schoß, ich wollte nicht, dass Kasia was merkt, ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich wollte, obwohl ich genau wusste, was es war, was ich wollte, und als ich Kasia ansah, wusste ich, dass sie genau darauf wartete. Also legte ich meine Arme um sie, und obwohl Kasia es mir ganz leicht machte, fühlte es sich so an, als wären meine Arme vielleicht zu kurz für so etwas, oder zu schwer oder ich hätte sonst irgendeine Krankheit, die Parkonson'sche Schüttellähmung zum Beispiel, aber schließlich lag Kasia in meinen Armen. Wie eine Feder so kühl und so warm, wie ein Schatz, etwas, das ich nie wieder hergeben würde, nie, nie, nie.
"Küss mich!" sagte sie und ich küsste sie. Ich glaube nicht, dass ich besodners gut war, ich meine, ich stieß gegen ihre Zähne, dass es klimperte, ich musste sogar wieder lachen, aber Kasia strich mir übers Haar und zog mich wieder zu sich heran und so küssten wir weiter, bis keiner mehr lachte, bis nichts mehr klimperte, sondern wir beide das Gefühl hatten, nicht mehr zu wissen, wo der eine anfängt und der andere aufhört. Und als schließlich mein Handy bimmelte, lagen Kasia und ich auf dem Boden, ich unten, sie oben, platt wie Briemarken lagen wir aufeinander, damit wir bloß nichts verpassten, bloß nicht eine Druckstelle zu wenig, denn wir wollten einander spüren. Lagen da, waren atemlos still, mein T-Shirt war hochgezogen, Kasias auch und ich dachte, so ist das also, so gut fühlt sich Haut an, wo ich doch selbst genug Haut hatte, aber meine hatte sich nie so angefühlt, so seidenweich. (5)

 

Fr 21.02.02     00:13

Liebe Leser,
offenbar verlieren unsere amerikanischen Freunde den Verstand. Seien Sie ihnen deshalb nicht böse. Stehen Sie ihnen bei. Schicken Sie ihnen Postkarten. Versichern Sie ihnen, dass so etwas früher oder später vorbei geht. Das alles doch gar nicht so schlimm sei. Werten Sie die unverschämten Ausfälle amerikanischer Politiker als Beitrag zu ihrer Unterhaltung. Schließlich haben unsere amerikanischen Freunde das Showgeschäft erfunden. Und sollten Sie Angela Merkel treffen, treten Sie ihr mit freundlichem Gruß von Herrn Mensing in den Arsch.

16:38

Wo bin ich?

 

Sa 22.02.03 15:41

Im Oktober und November letzten Jahres sandten mir Leser des Internetportals Literaturcafe Sätze, zu denen ich Geschichten schrieb.
Die Ergebnisse stehen seit einiger Zeit zur Bewertung im Netz.
In den nächsten Tagen werde ich hier die augenblicklich 10 Besten veröffentlichen.

Platz 1:
Man kann ohne Flugzeug fliegen, ohne Beine laufen, man kann unterm Sofa liegen und sich alles kaufen, kann mit falscher Zunge sprechen, sich beim Ski die Beine brechen, kopflos durch das Leben laufen, oder sich besaufen.
Man kann ohne Hose baden, Laster ohne Lasten laden, man kann Schnecken essen oder nicht, ohne Liebe geht das nicht. Ja, die Liebe ist sehr wichtig, ohne Liebe geht nichts richtig, ohne Liebe gibts nicht einen Satz, höchsten den gemeinen Platz.
Schiefe Scheite, krumm gebackne Ziegel, halbe Breite, dumm gebogne Dübel, weiche Birnen, schlechtes Essen, ohne Liebe kannst du das nicht essen. Nur wer liebt, isst gerne Angebranntes, nur wer liebt, lernt Unbekanntes.
(Literaturcafe)

 

So 23.03.02     11:56

Platz 2:
Lass mich frei, dachte sie, ich will dich endlich für das, was du mir angetan hast, hassen können. Da war aber noch ein Gedanke. Mehr noch, es war eine Stimme. Eine, die sie noch nie vorher gehört hatte. Eine, die sie beunruhigte, die sich nicht abfinden wollte mit diesem bequemen Schwarz-Weiß. Eine, die sagte, dass zwei zu so einer Liebe gehören. Einer, der gefangen hält, und einer, der sich gefangen halten lässt. Die Stimme wurde so laut, so dass sie kaum noch an Hass denken konnte, an diesen alles vernichtenden Hass, den sie sich so gern ausmalte, Hass, der ihn zermalmen und jeder Würde berauben würde. Stattdessen stieg eine Wut auf, die sich gegen sie selbst richtete. Eine Wut darüber, so lange still gehalten zu haben. Aus dem Nebenzimmer hörte sie aufgeregte Stimmen, Dialoge eines Fernsehkrimis. Durch den Türspalt konnte sie ihn sehen. Er lag auf dem Sofa. Möglich, dass er schlief. Sie ging ins Schlafzimmer, raffte zusammen, was ihr wichtig schien. Nicht viel, nein, das Kleid aus Santander, die Leinenhose, die Jacke, Zahnbürste, die Scheckkarten, ihre und seine, die Autoschlüssel vom Brett neben der Tür, mehr nicht. Ihr Herz hatte zu rasen begonnen, als ihr klar wurde, was sie tat. Auf Zehenspitzen verließ sie die Wohnung, auf Zehenspitzen, immer noch auf Zehenspitzen, lächerlich, dachte sie, lief sie zur Garage, öffnete, ging hinein, setzte sich ins Auto und fuhr zum Flughafen. Dort buchte sie den nächstbesten Flug.

18:23

Eine Amsel singt. Sie ist die Erste in diesem Jahr. Also stimmt es. Es geht aufwärts. Sitze bei geöffnetem Fenster und genieße.

 

Mo 24.02.03     8:53

Platz 3:
Der blaue Juniwind füllt die Segel des Sommers. M. verbringt seine Abende auf dem Balkon. Er beobachtet Vorübergehende, sieht Amseln im Anflug auf Büsche unterm Nachbarbalkon. Sie kommen, um ihr Nest zu versorgen, in dem drei Jungvögel warten. Er hört der Nachtigall zu und manchmal antwortet er. M. liebt diesen Ort mehr als andere. Bis tief in die Nacht sitzt er dort und zieht Buchstaben auf Sätze. Es ist Mittsommer, denkt er, hör doch, sie veranstalten ein Feuerwerk irgendwo, vielleicht wird geheiratet oder es ist das Schützenfest in der Kiebitzheide. Dann ist die Musik vorbei. Die Straße leer. Die Nachbarn schlafen. Jalousien sind viele herab, was dahinter ist, weiß M. nicht. Denkbar wäre, dass man sich dort vor dem brechenden Licht des Tages fürchtet und nicht erträgt, dass schon wieder einer vorbei ist. Kann aber auch sein, dass etwas ganz anderers dahinter steckt. Und so sitzt er un denkt, dass schon bald wieder Weihnachten ist.
(Literaturcafe )

10:01

Platz 4:
Unlängst fragte mich Heinz-Harald: "Was wäre dir persönlich eigentlich lieber - dass das Universium implodiert oder dass es sich ewig ausdehnt? "Heinz-Harald", sagte ich, "Heinz-Harald, das ist mir sowas von scheißegal, dass ich es gar nicht sagen kann." "Wie kannst du nur so gleichgültig sein?" fragte Heinz-Harald. "Das hat mit Gleichgültigkeit nichts zu tun", sagte ich, "das ist einfach nur eine unvernünftige Frage." "Unvernünftig?" schnaubte Heinz-Harald. "Was wäre denn deiner Meinung nach eine vernünftige Frage?" "Ob du noch immer die Unterhose von letzter Woche trägst." Heinz-Harald errötete. "Das ist etwas ganz anderes. Hier geht es doch um die Existenz an sich, eine der bewegendsten Fragen der Menschheit." "Und wie steht es mit den Socken?" (Literaturcafe )

16:31

Man sitzt auf dem Barkon, brinzert in die Sonne, nippt seinen Kaffee und isst ein Manderhölnchen. Man schaut nimmelmüden Nachbaln zu, die schon am Flühjahlsfimmer reiden, man riest die Übelschliften del Zeitung und möchte grauben, man habe das Schrimmste übelwunden. Werch ein Illtum. Enttäuscht denkt man dann: reckt mich am Alsch!

Di 25.02.03    9:40

Ich höre ihn, wenn ich atme. Mein Husten gleicht seinem. Ich sehe ihn im Spiegel. Meine Stimme hat etwas von seinem Timbre. Jeden Tag entdecke ich ein wenig mehr von ihm an mir, aber ich fürchte mich nicht. Ich bin glücklich, dass er bei mir ist. Als er noch lebte, war das anders. Da habe ich mich oft über ihn aufgeregt. Da wollte ich nicht so sein wie er. Von ihr entdecke ich nichts. Aber sie lebt ja auch noch. Vielleicht muss sie erst sterben, damit ich erkenne.

12:29

Als es das Rad noch nicht gab, gab es schon jemanden, der es träumte. Als es die Kutsche noch nicht gab, gab es schon jemanden, der sie träumte. Auch der Otto-Motor wurde geträumt. Und die Elektrizität. Und die Spaltung des Atoms. Und das Hochhaus. Und und und.
Als von all dem noch nichts war, gab es schon Träumer.
Und nun werden Träumer, die eigentlichen Schöpfer der Welt, weltweit verunglimpft, weil sie eine Lösung ohne Krieg einem Krieg vorziehen.
Die Welt ist dumm.

12:54

Platz 5:
Sie schüttete den Sand aus der Urne und zeichnete mit dem Finger darin. Papa. Feine, weißgraue Asche, von Muscheln durchsetzter Sand, Kalksplitter, Papa. Mit den Händen schob sie die Asche zu einem kleinen Hügel. Mehr nicht, Papa. Zerrieb ein wenig davon zwischen den Fingerspitzen, die weiß wurden. Schaufelte sie zurück in die Urne und machte sich auf den Weg. Es gab Lieblingsplätze. Die drei Linden auf dem Berg, der sich allein weit und breit aus der Ebene erhob, der den Blick freigab auf das Land bis zur Grenze, der im Innern ausgehölt erst den Nazis, dann der Nato als Raketenbasis diente, dorthin fuhr sie mit ihm. Sagte, weißt du noch, Papa, du und ich auf Onkel Hans Motorrad, wie mein Haar flog und wie dann der Motor streikte und du uns einfach den Berg hinabrollen ließest, bis der Motor sich nicht länger weigern konnte und knallend ansprang? - Eine Handvoll, einverstanden? - Die Asche verwehte, stand in der Luft wie ein Hauch, während die Kalksplitter zu Boden fielen, Spreu und Weizen. Komm, Papa, weiter. - Der Ausflug nach B. - Ich war acht oder zehn und ein anderer Onkel, ich habe seinen Namen vergessen, hatte uns zu einer Landpartie eingeladen. Er besaß ein Auto. Und auf dieser weiten Straße, die gewellt vor uns lag, weit und grau, erreichte ich zum ersten Mal in meinem Leben hundert Stundenkilometer. Der Himmel über mir flatterte wild, die Welt links und rechts löste sich auf in verschwommenem Grün, zerschnitten vom Rausch der Geschwindigkeit. Und du riefst: Geht es nicht schneller, Heinz. - Richtig, jetzt weiß ich es wieder. Er hieß Onkel Heinz. Aber schneller als hundert ging damals noch nicht. - Zwei Hände voll, einverstanden. Sollst über der Straße schweben auf ewig und jeden beschützen. - Und ein wenig von dir muss auch in den Fluss, der dir so nah war. Das Wasser ist Mutter. Vom Wasser kam alles. Kannst über ihm schweben, kannst weich und weiß langsam eintauchen und einmal das Meer erreichen. - Nun treib schon davon, Papa, geh. - Und was übrig bleibt, Papa, stelle ich auf mein Klavier. Ich werde dich bei mir haben, die ganze Zeit, werde ab und an mit dir sprechen, und wenn Mama dann tot ist, wenn Mama auch Asche ist, so wie du, dann werde ich euch in einem Eimer vermischen, so dass keiner mehr unterscheiden kann. Und dann fort mich euch in den Fluss. Dann will ich euch nicht mehr sehen. Dann ist es aus und vorbei. Dann habe ich lange genug für euch gesorgt. (Literaturcafe )

19:08

Ich bin beschämt, dass 20 Mitglieder der CDU es zu ihrer Herzensangelegenheit gemacht haben, George Bush, einem Mann, von dem der ehemalige CDU-Rechtsaußen Todenhöfer sagt, es habe "selten ein so mächtiger Mann so wenig von der Welt gewusst und verstanden", ohne Ganzkörperkondom in den Arsch zu kriechen. Dort dürfte nun nicht mehr allzuviel Platz sein, denn Blair und Merkel stecken ja auch schon drin.
Gute Unterhaltung jedenfalls wünscht weiterhin: ihr Herr M. (der es auch nicht besser weiß).

 

Mi 26.02.03     13:51

dämliches aus dem hause men-sing:

mittelbraun und klinisch rein // so soll die verdauung sein.

13:53

Platz 6:
Der Sturm ist gewaltig. Überall kracht es, wir aber, scheint es, bleiben verschont. Haben schon einen Spaziergang gemacht, haben dem grandiosen Konzert zugehört, hörten das Rauschen, das Rascheln, das Pfeifen, das Heulen, hörten die tausendfachen Nuancen der verschiedenen Reibungswiderstände im Wind, taumelten manchmal, warfen misstrauische Blicke hinauf zu den Bäumen, beeilten uns hier und da, weiter zu kommen, konnten im Großen und Ganzen aber genießen und wünschten uns an einen granitenen Tisch, allein und frei auf weiter Ebene, wünschten uns Kaffee und Kuchen, den wird dort zu uns nähmen, umbraust von diesem herbstlichen Tosen, dessen Takt mit jeder Sekunde wechselt, hinzu kämen noch die raffinierten Beschleunigungen, die Verzögerungen, der plötzliche Abbruch, der um so brutalere Ausbruch, das Wirbeln am Ort, all das um unsere granitene Tafel auf freiem Feld, mit Blick auf die Welt, die nur uns gehört, wieder nur uns. (Literaturcafe )

17:09

Vorsicht: Kriegsgegner :

geb. 6.03.1949 Größe 182 Gewicht 93 Schuhgröße 42

 

Do 27.02.03      11:01

Unter Umständen werden Sie die oben abgebildete Person aus anderen Zusammenhängen kennen. Heute nun haben wir erfahren, dass Herr M. kein Kriegsgegner mehr ist. Im Gegenteil: er befürwortet das sofortige Abschlachten jedes verdächtigen Volkes.
M. hat sich seine Zustimmung zu den weisen Plänen der amerikanischen Regierung nicht leicht gemacht, aber nachdem er den Zahlungseingang auf seinem Konto (weg. Zustimmung zu unseren weisen Plänen) prüfte, war seine Stimmung wie ausgewechselt.
Dass es so einfach sein würde, hatte ihm ja auch niemand gesagt.
Nun, da er um einiges reicher ist, gehen ihm sogenannte Schurkenstaaten am Arsch vorbei. Natürlich muss man mit aller Härte gegen sie vorgehen. Natürlich will Amerika nur das Beste. Was hatten Sie denn gedacht???

11:32

Platz 7:
Mein Gummibaum trocknet bald aus, wenn ich ihn nicht giesse. Ein typischer Fall. Der männliche Primat weiß, was zu tun wäre, er gibt sich die Handlungsanweisung sogar schriftlich, dennoch geschieht nichts. Und so stehen in der Republik tausende verwaiste Gummibäume, lassen die Blätter hängen und verzweifeln an ihren Besitzern. Wie schön wäre es, wieder zu Hause zu sein, denken sie. Da, wo der Gummibaum heimisch ist, in den Werksgärten von Pirelli, in den großen Plantagen von Dunlop, unter den Fittichen kundiger Gärtner, die jedem Baum Trost zusprechen, ihn mit Wasser versorgen, ihm seine Lieblingsmusik vorspielen, und - wenn nötig - die Blätter putzen. Nichts davon bei B. aus D. Da steht der Gummibaum einsam und verursacht nur schlechtes Gewissen, nicht Freude. - Wieviel Freude so ein Gummibaum bringen kann, ist bei katholischen Völkern zu beobachten, die ihn - in Ermangelung einer Fichte - Jahr für Jahr zur Geburt ihres Herrn schmücken, ihn mit Lametta behängen, ihm Kerzen aufstecken und ihn am heiligen Abend zum Mittelpunkt ihrer frohen Gesänge machen. Da reckt er sich, da ist er glücklich, da will er nichts weiter, nur sein. - Ist es nicht so, dass wir alle nichts weiter wollen? - Ein wenig Aufmerksamkeit, eine Geschichte, die vom Himmel fällt dann und wann, selbst, wenn sie von Sonnensplittern durchsetzt nur ein Scherz ist, eine kleine, beruhigende Lüge, um die Leere erträglich zu machen? Die Leere in Dürscheid, in Traismauer, in München, Zürich, St. Pölten, Trier und in all den anderen Orten, in denen der Gummibaum vernachlässigt wird? (Literaturcafe )

13:04

M. sah in der Nacht von Montag auf Dienstag den portugiesischen Film "Am Ende einer Kindheit", Regie: Teresa Villaverde. Er fand den Film herausragend, forschte nach DVD und Video im Internet, wurde aber nicht fündig. Tags darauf schrieb er an das ZDF. Er habe den Wunsch, eine DVD oder ein Video des genannten Films zu erwerben.
Heute nun Antwort:

Sehr geehrter Herr Mensing,
wir danken Ihnen für Ihr Interesse am ZDF Programm und sind gerne bereit, Ihnen eine VHS-Kassette der o.g. Sendung zu überlassen. Leider verfügt das ZDF nicht über einen Vorrat an eigens angefertigten VHS Kassetten, sondern es müssen individuell Kopien von einem VHS-Sendemittschnitt gefertigt werden. Durch diese Einzelanfertigungen entstehen für das ZDF Personal- und Sachkosten, die wir an Sie weitergeben müssen.
Sollten Sie an der Übernahme der o.g. Sendung interessiert sein, so senden Sie uns bitte eine Einzugsermächtigung, einen Verrechnungsscheck oder Bargeld (Einschreiben) in Hohe von € 50.-- zu.
Falls Sie eine DVD (DVD-R-gebrannt/Echtzeitcoding) wünschen, würde sich der o.g. Preis um € 15.-- erhöhen.
In der Regel können wir Ihnen Kopien ca. 1-2 Wochen nach Scheckeingang zur Verfügung stellen. Allerdings kann es in Einzelfällen auch etwas länger dauern, z. B. wenn das Ausgangsmaterial hausintern benötigt wird.
Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass es laut § 53 Abs.1 Urheberrechtsgesetz nur gestattet ist, die Kopie zum privaten Gebrauch herzustellen und abzugeben. Es ist daher nicht erlaubt, diese Kassette zu anderen Zwecken (Verleih, Vorführung etc.) zu verwenden. Ebenfalls untersagt ist, die Kopie zu bearbeiten, zu kürzen, zu ergänzen oder in sonstiger Weise zu verändern. Wir bitten um Verständnis für diese Hinweise.
Mit freundlichem Gruß

PS. M. wäre bereit, für eine DVD 20 € zu zahlen.

17:52

Flanierte ein wenig. Ramazotti, Tequila, Woka hab ich noch da... sagte jemand. Guten Tag der Herr, sagte der höfliche Bettler, dem ich noch nie etwas gab. Ließ mich umfließen von Frühling. Saß später mit C. unter der Platane vorm Eiscafé. Bei allem Müßiggang ist mir eingefallen, wie ich die "Große Liebe Nr.1"beim Lesen auf das Wesentliche reduzieren kann. Werde das baldmöglichst ausprobieren. Am meisten Leseerfahrung habe ich jedoch nach wie vor mit der "Sackgasse 13".

 

Fr 28.02.03 9:20

Der Schrödä diesä feige Sau
die tut nicht folgen, ja genau
darum hätt auch der Ami Sorge
mir wolle ihm kei Ja-Wort borge
doch gibt es ja die Angela
die tut schön kriesche wunderbar
und da die Amis Staate kauffe
wird dieser Krieg schon lauffee
(Tusch - Täterätää - Nahalla Marsch)

12:28

Platz 8:
Es war wie einer dieser Traeume, bei denen man nacher nicht mehr weiss, ob sie wahr waren, als sie Zeilen las, die sie vor drei Jahren einmal geschrieben hatte und dass an einer fuer sie unerwarteten Stelle. Und sie fragte sich, ob nicht vielleicht ihr ganzes Leben einer dieser Traeume war und immer noch ist, und was ihre Realitaet fuer andere bedeuten mochte. Nichts, kam als Antwort. Alles und nichts! Und ob nun ein Traum über das Leben herrscht oder das Leben den Traum bestimmt, ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass man mitträumen darf, dass man in die Träume anderer gerät, dass es überhaupt Träumende gibt. Das ist wichtig und schön. Musiker, Kaufleute, Wissenschaftler - alle sind ständig in Träume verstrickt. Jedes Haus war einmal ein Traum, jedes Auto, jeder Satz, jede Straße. Mancher Traum wurde nur von einem geträumt und von vielen verlacht, ein anderer wurde von vielen geträumt und von einem verlacht. Also ist auch jeder Zweifel geträumt und man darf tun, was man will, ohne andere zu fragen. Denn sie bedeuten alles und nichts. (Literaturcafe )

15:08

Sagen Sie niemals "hallöle", falls wir uns treffen.

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1. Rickie Lee Jones "Trouble Man" auf: "it's like this" artemis rec. 2000 / 2. Auszug aus einem Kommentar der Moskauer Zeitung Komsomolskaja Prawda / 2. Erste Allgemeine Verunsicherung "Ibrahim" auf: Nie wieder Kunst / 3. Aus: Bowling for Columbine / 4. Linda Svendsen "Happy Hour" Residenz Verlag / 5. Hermann Mensing "Große Liebe Nr. 1" Ueberreuter Wien 2001 /

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