Februar 2010                                       www.hermann-mensing.de          

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Mo 1.02.10   9:45

Noch immer ist das Land weiß und weit und breit scheint keine Aufbesserung. Das ist der harte Monat, hat sie immer gesagt, der Februar, wenn die Vögel bei jedem Sonnenstrahl zu rufen beginnen, um dann doch wieder aufgeplustert irgendwo Schutz zu suchen. Das ist ihr Monat. Sie hat bald Geburtstag. Ich werde ihn ohne sie feiern müssen.

Trotzdem bin ich noch da. Strecke den Kopf und vergewissere mich.

Gestern war Tanzkurs, ich weiß jetzt schon einiges, ich bin dabei, die Abläufe zu automatisieren, den Grundschritt Basico, den Step zur Seite, das Öffnen nach rechts und links, den Latino, den darauf folgenden Al Centro, den Guapeo, die Drehung danach, wo die Tanzpartnerin einmal um ihre Achse kreist, die im Dile que no endet, einer Figur, in der die Partnerin rechts von mir steht, um durch erneute Drehung schließlich in die Ausgangsposition zurückzukehren, zum Basico.



Das alles ist, hat man es erst einmal begriffen, im Grunde nicht mehr als rhythmisches Treten auf der Stelle. Genau das also, was ich seit Monaten mache, die Schockstarre verwinden, den täglichen Rückfall überstehen, das Trauern, das Weinen, das Alleinsein mit mir und das Aufschimmern einer Zukunft, die ich mir nicht vorstellen kann. Und das tägliche Zögern, etwas Großes zu beginnen, oder zu scheitern, je nachdem.

20:33

Der Mann, der mich heute wegen eines 400 Euro Jobs anrufen wollte, hat sich nicht gemeldet. Vielleicht ist er ein Schisser, vielleicht hatte er einfach nur zuviel zu tun. Trotzdem fangen die Dinge sich an zu bewegen. Ein Hörspielworkshop in einem Literaturhotel ist angedacht und wird durchgeführt, wenn genügend Anmeldungen vorliegen. Eine Lesung in Essen steht fest, nur der Termin ist noch optional. Sollte der Hörspielworkshop etwas werden, hat sich die Geldsorge für dieses Jahr so gut wie erübrigt, ein 400 Euro Job wäre dann Geld, das ich zurücklegen könnte. So befeuert habe ich heute erste Sätze geschrieben. Fünf Seiten bisher, mal sehn, wie es weitergeht.

23:01

Höre Christoph Schlingensief beim Reden über Leben und Tod zu und finde ihn höchst sympathisch. Aber es bleibt dabei: Katholiken haben es schwerer als andere. Ein Glück, dass ich keiner bin. Ich bin gar nichts. Ich bin ein Kind des nicht existenten Gottes. Das gefällt mir.


Di 2.02.10   9:55

Da ich als Angehöriger der finanziell weniger potenten Klasse immer nur in den Genuss schon älterer Automobile komme, die ich dann jedoch im Vergleich zu vielen, die den Banken auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind, bar bezahle, verfügt mein Modell, ein Mitsubishi Galant des Jahres 1994 natürlich nicht über den Schnack sich selbst einparkender und in jeder Weltgegend blind navigierender Automobile der Gegenwart, was es allerdings kann, ist Schockbremsen, sprich, es hat ABS und das ist nun etwas, das mir heute früh auf dem Weg zur Werkstatt einen Blechschaden verhindert hat. Das Geräusch, wenn man auf so eine Bremse tritt, ist ein wenig beunruhigend, sie scheint zu blockieren, aber gerade das tut sie nicht, sie stottert das Auto zum sicheren Halt und hält es zudem in der Spur. Großartig.

11:41

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ich wäre der herr
und das gute kleid neben mir
macht eindruck auf meinen anzug
den ich mir damals vom ersten geld kaufte für lügen
denn einmal ein anzug vom schneider
davon träumte der herr schon lange
dass sie pinochia hieß
störte ihn nicht
er log seinen namen hinzu
und das verschwinden zu jeder zeit
war ihm nichts neues
er tauchte auf wo er wollte
und wechselte intercity züge bei zweihundert kmH
bis schließlich der missmutige zugchef ausrief
hier sei nun der mond und die endstation
und man möge sich bitte beeilen
der zug warte nicht
und wer noch gläubiger habe
solle sein schulden bezahlen
sich sputen und neue machen
die lügen lägen am straßenrand wie alter schnee
der heute fällt und morgen wohl auch noch
wenngleich jemand sagt
das frühjahr sei nah

15:25

normal null 97

die kunst
hatte zwei beine
und stand was immer auch kam
sin pinkelte weite bögen auf die heulende schar
und konnte erbrechen
dass es eine große sauerei war
aber sie liebte sich dafür
auch wenn niemand sonst sie verstand
sie hatte noch eine flasche und noch eine
sie trank bis zum morgen
und beschloss dann
der arbeit zuliebe den tag zu verschlafen
und die nacht hinterher
und vielleicht dachte sie
wäre es vernünftig
alles kunstliebhaber zu versaufen
und sie geteert durch die straßen zu treiben
bis ihnen aufginge
dass die kenner
für die sie sich hielten
nichts weiter waren als
aufgeblasene stalins und goebbels
und wie sie alle hießen
die großmeister der vernichtung
das dachte die kunst
hob das glas und prostete allen zu

19:37

normal null 98

wir warten auf
alles was keine beine mehr hat
um fortzulaufen
natürlich ersetzen wir die kosten
für taxi und bahn
aber dann wird der weg kompliziert
denn niemand wird im ernst daran glauben
er könne den horizont ausgraben
das wäre zu mühsam
zudem hat der krüppel doch einen buckel
der an ihm zerrt und ins erdloch will
der ihm spott einbringt man mag nicht dran denken
aber denkt es dann doch
und fällt ein in den chor
schämt sich ein bisschen
und hilft einer oma über die straße
eine ganz normale geschichte
und gott hat damit nichts zu tun
gott hatt sich einen hund gekauft
führt ihn gassi und lässt ihn auf uns pissen
so sehr liebt er die bänke
auf denen wir sitzen und tadellos schimmern


Mi 3.02.10   9:37

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zum frühstück
saß der gabelstaplerfahrer
am fenster
und sichtete briefe
die er nie beantworten würde
nur einen an rita
die meinte
er wäre süß
den rieb er sich in den schritt
und verlangte insgeheim mehr
aber wie sollte das gehen
denn rita war kein geheimnis
und schon gar keine hoffnung
sie hatte den mann für ein leben gebucht
und der tat was er wollte
er spielte gitarre von früh bis spät
und hatte kaum augen
zu schweigen denn lippen
in die er zigarren schob
die sündhaften großen die teuren
die kamen in hübschen kartons
aus der ferne
so blieb der mann still
und verheimlichte seinen wunsch
nach erlösung im feuchten wald
schaute hinaus auf die eilenden
und verwarf den tobsüchtigen plan
seine gabel ins fleisch aller zweifler zu rammen
zählte sein kleingeld ab
und warf es hinaus auf passanten
die verwundert den himmel priesen
ohne ahnung von rita
und ähnlichen wundern

12:52

Wurde vor fünf Minuten beim Matsch vom Bürgersteig schieben von einem Sonnenstrahl im Nacken getroffen und wusste sofort wieder, wie sich Frühling anfühlt. Aber dann war schon wieder Winter. Ich warte wie alle. Und arbeite an meinem Roman.

21:08

Das Problem war, die Position des Erzählers zu finden. Das ist ausgeräumt, wenngleich ich noch nicht weiß, wie weit ich mit ihm gehen kann. Was ich jedoch weiß, ist, dass ich auf Namen verzichte. Meine beiden Hauptpersonen werden keinen Namen bekommen. Sie sind der Mann und die Frau, das reicht. Andere haben Namen.

Gestern dachte ich, ich würde schreiben können wie beim letzten Roman. Aber natürlich geht das nicht. Jeder Roman schreibt sich anders und heute war es mühsam. Ich muss mich erst wieder gewöhnen. Vor allem darf ich nichts zwingen. Werde deshalb morgen zur Kunstakademie fahren, leider ohne dich, aber ich hab dich bei mir, und dann werden wir uns Ruhe den Rundgang gönnen. Im Dorffernsehen deuteten sie an, man brauche eine dicke Haut, und sicher könne nicht jeder glauben, dass das Kunst sei, was man da sähe. Dann filmten sie einen langjährigen Hausmeister und der sagte, Künstler wären eigentlich ganz normale Mensche, ein bisschen wie Kinder.


Do 4.02.10   12:39

Das konzentrierte Schreiben, vor allem die Arbeit mit der Maus über längere Zeit, verursacht Schmerzen in den Schultern, aber ich habe ein Gegenmittel. Ich lasse die Maus außen vor und arbeite mit dem Trackpoint. Den habe ich jahrelang ignoriert, aber da ich als Blindschreiber sowieso immer alle zehn Finger auf meiner Tastatur habe, ist er ohne große Umwege leicht zu erreichen, und fordert nicht dieses ständige Angespanntsein, dass das Hantieren mit der Maus fordert. Also Freunde, Tipp für alle, die viel schreiben. Trackpoint benutzen, sofern einer da ist.

Ich bin gerade zurück vom Rundgang, und fast geneigt, dem Dorffernsehen Recht zu geben. Die wenigsten dort können malen. Die, die malen können, sie auffällig oft Asiaten. Deren Sujets aber sind manchmal gewöhnungsbedürftig, wogegen auch nichts zu sagen ist, aber mehr als vier, fünf Bilder habe ich heute nicht entdeckt, und das ist zu wenig. Erschreckend viel schlechte Malerei, kaum Überraschendes bei denen, die malen können, schade, aber nicht verwunderlich, denn so eine Kunstakademie bringt auch nicht mehr als einen guten Maler unter 100 ans Licht, falls überhaupt. Glücklicherweise hängen mehrere Bilder so eines Malers in unserer Wohnung.

15:58

Fühle mich unbesiegbar. Hatte das lange nicht mehr. Hat wohl damit zu tun, dass sich der Roman, den ich schreibe, gut anfühlt. Arbeitstitel: Weltuntergang. Eine Romance.


Fr 5.02.10 11:56

normal null 100

der wasserhahn
hatte lang in der wüste gelebt
er kannte sich nicht aus
in einem land
in dem jeder sich dreimal am tag duscht
und hatte noch nie gehört
dass beim duschen romane geschrieben wurden
aber vom durst wusste er einiges
und so riet der dem begabten jungen
zu großen tassen und zweiwegflaschen
zu rasensprengern und regenbögen
daraus sagte er
ließe sich doch was machen
was meinst du
hör auf zu weinen
installiere eine fontäne vorm schrank
das beruhigt
wir könnten sie illuminieren
dann hättest du muße
das plätschern regt an schläfert ein je nachdem
und romane schrieben sich dann wie von selbst

der junge blieb skeptisch
denn er war nicht begabt
er hatte zehn finger
und jeder hatte eine andere idee
jeder fiel jedem ins wort
so dass schließlich die radikalste lösung erlösung brachte
er hackte sie ab
engagierte eine schreibkraft
die sehr begabt war und sprach nicht mir ihr
er schwieg so lange
bis die schreibkraft beschloss
selbst aufzuschreiben
was sie mit dem durstigen jungen erlebte
und nannte das einen roman


Sa 6.02.10   12:49

Gegen 7:30 wurde ich wach. Vorm Fenster dieselte ein Motor. Erst dachte ich, ach, der Nachbarn ist zurück von einer seiner weitläufigen Reisen, die ihm seine freiberufliche Tätigkeit als Entwickler von Solaranlagen einbringt, aber sein Diesel klingt anders. Dann dachte ich, es ist Hugo, der König von Roxel, aber der hat keinen Diesel, und da ich nun wach war und mich belästigt fühlte, öffnete ich das Fenster und schaute hinaus. Es war neblig und noch dunkel, und das Auto, das dort stand, hatte ich nie vorher gesehen. Ich rief, man solle bitte den Motor ausstellen, aber nichts geschah.

Da mir in solchen Fällen leicht die Hutschnur platzt, zog ich mich an und ging hinaus. Der Wagen dieselte immer noch, aber niemand saß drin. Ich schaute auf dem Hof herum, keine Bewegung. Ich ging zum Wagen zurück und schaute hinein. In diesem Augenblick ging der Motor aus und die linke hintere Tür öffnete sich. Ein recht kleiner junger Mann stieg aus. Türke, Araber, etwas in dieser Himmelsrichtung. Er baute sich vor mir auf, als wäre er zwei Meter groß. Als ich fragte, wieso er hier stünde, sagte er, Alter isch wohne hier, was natürlich nicht stimmen kann, denn ich wohne ja hier und kenne die Leute, aber ich dachte mir gleich, dass er ein Verwandter des Algeriers ist, der oben links von uns wohnt, und der ist recht freundlich. Dass er Alter zu mir sagte, erschütterte mich nicht weiter, ich erklärte ihm, weshalb ich da sei, er schien zu begreifen, sagte, isch hab den Motor ja ausgestellt Alter, und reichte mir zu Versöhnung die Hand. Ich ging wieder ins Bett. Dieser Respekt-Gestus, dieses Familie- Blut-Ehre-Getue vieler Migratensöhne geht mir mächtig auf die Eier. Zum Glück kenne ich genügend, die das nicht tun, das rettet die andern. Wenn alle so wären, würde ich darauf dringen, sie schleunigst dahin zu schicken, woher ihre Väter und Großväter stammen.


So 7.02.10  15:22

Atemberaubende 8 Grad Celsius, in Fahrenheit hört sich's noch besser an, 25 Grad also, und da habe ich meinen Frühstückskaffee natürlich auf dem Balkon getrunken, dicken Schal um den Kopf, Decke um die Beine, das Prinzip Hoffnung lebt, und gerade jetzt, nach einem Spaziergang im Dorbaum, habe ich mir ein Eis gekauft und Sahne, um die Muffins, die mein jüngster Sohn gebacken hat, zu toppen. Dazu Jamie Cullum, heute abend tanzen, und einen Roman im Kopf. Das ist bei aller Trauer, mit der ich durch meine Tage treibe, Grund zu hoffen für das Leben danach, das Jetzt heißt, jetzt, nicht gestern, nicht morgen, JETZT, und das ist auch der Name des Romans.

Gestern abend war ich im Cineplex, um den Life-Stream einer Verdi Oper aus der Metropolitan Oper in New York zu hören und zu sehen. Ich kannte Simon Boccanegra nicht, ich kannte keine der Arien, ich fand die Liberetti der Opern, die ich bisher gesehen habe, meist albern, aber das macht ja nichts, Verdi ist ein mit allen Wassern gewaschener Popmusiker des vorletzten Jahrhunderts und so sind seine Opern, voll dramatischer Klänge bei drohendem Unheil gern die gestrichene Kraft mehrerer Kontrabässe, bei freudigen Ereignissen schnelles Streichen, Flöten, Klarinetten, und dazu Sänger von Weltruf in einem eher biederen Bühnenbild, so dass ich das Gefühl hatte, die stellen die Malerei des 14., 15. Jahrhunderts nach, alles Ton in Ton und so gut nachgemacht, dass für die Fantasie kaum Raum blieb. Macht aber nichts, dafür gab es James Levine als Dirigenten, ein kleiner dicker Mann in einem hohen Drehstuhl vor seinem Dirigentenpult, in dem er in einer Pause offenbar eingeschlafen war, jedenfalls sah es so aus, eine Sopranistin als Amelia, die wundervoll sang, Adrianne Pieczonka, und das bei meinem kritischen Verhältnis zu Sopranistinnen. Die Bariton Partie des Simon Boccanegra sang Placido Domingo. Nicht, dass ich ein ausgefuchster Opernkenner wäre, aber hin und wieder ist Oper schön.

Und in den Pausen interessante Einblicke in den backstage Bereich, Interviews mit den Sängern. Runde Sache. Sehr zu empfehlen. Allerdings ein bisschen teuer.

21:59

Die ersten Tanzstunden zahlen sich aus, die Abläufe automatisieren sich, wir sind nahe daran, free zu stylen, und darum geht es. Haken wir diesen Sonntag als schönen Tag ab.

Mo 8.02.10 15:01

normal null 101

kommst du zum frühstück
sagte die frau am morgen jenes tages
ich bin so durcheinander
kein wunder
sagte der mann
nach den tabletten
die sie dir gestern gegeben haben
gib mir noch eine halbe stunde
und dann machte er sich auf den weg
pflückte unterwegs blumen
wie immer
denn es war ja die schönste zeit des jahres
der schrecken
hatte sich die schönste zeit des jahres ausgesucht
ein hohn denkt der mann
aber so ist das nun mal mit dem schrecken
er ist überall
und er kennt nur die eine Zeit
seine zeit
wenn die kommt
gnade dir gott

22:48

normal null 102

manchmal nämlich
grosse tochter
wenn ich gerade gesagt habe
es geht mir gut und ich staune
bricht das von einem augenblick auf den anderen in sich zusammen
und dann weiß ich genau was ich bin
ich leg mir salsa auf und übe
bis ich mir blöd vorkomme
ich spreche mit der katze und denke
ich werde ein mann
der mit seiner katze spricht
ich habe das auch schon früher getan
aber jetzt spreche ich abende lang nur noch mit ihr
falls überhaupt
hin und wieder spreche ich auch mit mir
ich spreche halt wenn ich schreibe
um zu hören wie es klingt


Di 9.02.10 15:15

Gestern habe ich übertrieben. Ich hatte ein Ziel und wollte unbedingt ankommen, eh die Nacht hereinbrach. Erschöpft war ich und aufgedreht, vier Seiten vorm Ziel gab ich auf, ging ins Bett und konnte nicht schlafen, weil mein Kopf immer noch schrieb.

Also beschloss ich, heute einen Faultag zu nehmen. Lief bei leichtem Schneetreiben nach Münster und brachte Bücher zurück, holte neue und fuhr mit dem Bus heim. Im Bus traf ich den Archivar, der insgeheim glaubt, auch ein Künstler zu sein. Ob ich neues aus der Feder lasse, fragte er (oder so ähnlich). Ich erzählte von meinem gestrigen Ziel und dass ich mich vorsehen will, um nicht (wie beim letzten Roman) Herzrythmusstörungen zu bekommen. Da schaute er mich an und sagte, er habe auch gesundheitliche Probleme. Dann senkte sich sein Blick Richtung Prostate. Aha. Aber er habe jetzt eine Chinesin, die praktiziere Akupunktur und er trinke dreimal täglich bestimmte Tees. Er glaube, das hilft. Dann is ja gut, sagte ich.


Mi 10.02.10   10:17

Er träumte davon, die Stationsschwester zu erschießen, die der Frau diese Tropfen gegeben hatte. Tropfen in einer Dosierung, die seine Frau in einen Zustand katapultiert hatten, der dem einer Greisin auf dem Totenbett glich. Er hatte sie angeschrieen. Wie konnten Sie so etwas tun, hatte er gesagt und sie hatte geantwortet, manchmal wisse man nicht, wie jemand darauf reagiere.

Schuld oder nicht Schuld war nicht das, was ihn interessierte in diesem Fall.

Die Augen dieser Frau waren der Auslöser für seine Fantasie. Die Augen waren kalt und berechnend. Die Augen waren so kalt, dass der Mann überzeugt war, dass die Schwester ihre Rolle übertrieb. Sie hielt sich für Gott. Dafür sollte sie büßen.

Er betrat die Station. Er klopfte an die Tür des Stationszimmers. Ihm wurde geöffnet. Obwohl er nicht eintreten durfte, trat er ein. Sie stand vor einem Schrank voller Krankenakten. Er sagte ihren Namen. Sie drehte sich um. Er schaute sie an, sagte nichts, und sie wusste, was ihre Stunde geschlagen hatte. Die Kälte in ihren Augen vermischte sich mit Furcht. Er zog eine Pistole und schoss. Wie gut das tat. Wie gut das tat und wie es ihn schmerzte, als sie am Boden lag und noch lebte und nur ein zweiter Schuss ihr Leben beendet hätte. Aber er war nicht Gott. Er hatte gestraft, das reichte. Sie sollte verbluten oder überleben, das war ihm egal. Er drehte sich um und floh.

Floh durch den Park, wo der Mann und Frau schon gesessen hatten, als ihr zweites Kind geboren wurde. Genau an dieser Stelle hatten sie gesessen, hatten dasselbe getan, wie in ihren letzten Stunden. Hatten das Glück genossen und das schöne Wetter. Hier hatte etwas begonnen, hier hatte der Kreis sich geschlossen, viele Jahre danach.

Er rannte. Der Park war voller Menschen. Manche, die überleben würden, andere, die nur noch Aufschub hatten und sich an jeden Sonnenstrahl klammerten. Er wich ihnen aus so gut es ging, erreichte sein Auto und fuhr nach Hause.


Do 11.02.10  20:06

Kaum verabrede ich mich für's Kino, taucht die Kleiderfrage auf. Die Tanzhose plus Mickey Mouse Pullover? Nee. Müsste gebügelt werden, sieht Scheiße aus. Den grauen Pullover mit V-Ausschnitt. Hm. Würde gehen, aber dann kein schwarzes T-Shirt drunter. Keine Lust, mich da rauszupuhlen. - Putenhals? Nein, auch nicht. Also ein Hemd. Das rot-bau-grau-gestreifte, okay. Aber über oder unter der Hose. Über ist besser. Ich finde mich wochenlang gut, aber wenn die Kleiderfrage auftaucht, wird es kompliziert.

Fr 12.02.10   11:24

normal null 103

dieses gedicht
(falls es überhaupt eines ist)
dachte der mann
der auf eis lief und sonneschirme verkaufte
hätte verdient
dass man es durch die wüste treibt
ihm kristalle anhängt
und bekannt macht dem physikalischen tiefstpunkt
aller temperaturen
dem kam ein wolf zuvor
der nach frühstück gierte
da er sonnenschirme nicht mochte
beschloss er
den mann anzugreifen

aber der mann war kein totgrüner hippie
er hatte verborgenes sprengzeug
und griffbereite macheten
die sonnenschirme
waren auf vieles vorbereitet
sie hatten gute eltern
und reagierten blitzschnell
so dass dem wolf nichts weiter blieb
als den schwanz einzuziehen
die lefzen zu zeigen
und schrittweise rückwärts etwas zu suchen
das weiter und größer war als der wolf sich vorstellen konnte

dort sucht man ihn jetzt noch
aber ganz nutzlos
denn er hatte beschlossen
an einer straßenecke bei herne-eickel
wo die kühltürme den himmel umblasen
ein kleines geschäft aufzumachen
in dem er worte verkaufte

1a worte zu festlichen gelegenheiten
mit aufgerichtetem fell worte mit lefzen
worte mit knurren und wenn dann wieder
gelegenheit kam und ein sonnenschirm um die ecke
schloss der wolf schnell die tür
verhielt sich
als gäbe es weder ihn noch die gelegenheit
und wenn dann die luft rein war
heulte er ac/dc
zog kurze hosen an
setzte die alberne mütze auf
und besuchte die großmutter
um zu frühstücken

11:56

Der erste Satz will nicht kommen.
Ich kann nichts weiter tun, als mit Übersprüngen zu handeln: Kaffee trinken, spazieren gehen, mit Lisa aus Hallo Spencer die Kretativität für eine Weile aus den Augen lassen.
Aber gebügelt ist schon. Was sonst gäbe es Praktisches heute früh?
Wir wissen es nicht.
Stattdessen schreiben wir seltsame Gedichte.
Und fragen uns, was das nun wieder zu bedeuten hat.

20:13

6 von 10 angepeilten Seiten sind dennoch herausgekommen.

Rosen-Freytag erklärt die Saison erst ab Mitte März eröffnet. Auch Mimosen, waren nicht zu kriegen. Kaufte einen dicken Busch Ranunkeln, die mochte sie auch.

Gestern kam diese Karte:

Lieber Herr Mensing,
der bevorstehende Geburtstag Ihrer Frau lässt uns in besonderer Weise an Christiane denken. Wir vermissen sie sehr. In Gedanken sind wir in diesen Tagen bei Ihnen und Ihrer Familie.

Die Karte kam von einem Professor, für den Chris früher gearbeitet hat.
Jetzt steht sie hinter mir und ich rede mit dem Internet. So eine Scheiße.

Sa 13.02.10 10:50




Wie schön und trotzig sie aussieht ...



13:58

normal null 104

als nadja kopflos das schlagzeug zerschlug
das dem panikorchester abhanden gekommen
am see stand
kam es dass felle barsten
und aus dem himmel eine tomate fiel
die vorgab
eine sonne zu sein

nadja gab nichts auf geschwätz
aber da sie einen neuen kopf brauchte
einigte sie sich mit der tomate

seitdem drehen sich männer die hälse wund
das panikorchester ruft an
weil es ein go go girl braucht
so ein schönes wie nadja
vor allen dingen

aber nadja
hat einen bahnhof gekauft
und verschenkt stunden mit hilbig
dem großen trinker
man verzehrt
morgennebel und trübsinn am abend
zwischendurch toasts
deren eltern verreist sind

in der nacht stellt sie hilbig
auf eine weiche
und sagt weiche nicht
worauf hilbig die arme ausbreitet
mit roten leuchten
und mit stahlzähnen knirscht
er friert fest
bis der morgen wieder zu nebel kommt
und der tag bis zum trübsinn nur dummheiten zeugt
also zieht sie zwei trümpfe aus ihrem bh
und hilbig taut auf

16:18

normal null 105

nadja hatte
den großen topf
mit den fallbeispielen
auf einen fenstersims gestellt
damit vögel kämen
die winter hassten
und worte ausschissen
die ihresgleichen nur hinterm bahnhof
freunde fanden sonst nirgendwo
aber nadja hatte mit liebe fäden gezogen
die vögel verstanden sofort
klopften ans fenster
doch als nadja sie einliess
taten sie
was nur männer mit frauen tun
worauf nadja die sonne zur seite schob
und entzückt rief
was für ein tag
bitte mehr


So 14.02.10
 12:53

In meiner Erinnerung hat der Winter pappigen Schnee, überall ist Matsch und dann ist er schon wieder vorbei. Dieser Winter ist anders. Er dauert viel länger und gestern fiel Schnee, wie ich ihn mir schöner nicht denken kann. Feines leichtes Kristall. Man kann ihn in die Hand nehmen, hineinpusten und er weht davon.

Die Straßen sind mit Vorsicht zu genießen. Ich möchte keine größere Reise machen müssen, aber so eine Fahrt in die Stadt wie gestern zum Salsa - Tanzen - wunderbar. Aus den Kurven kommend beschleunigen, dass der Wagen ausbricht, um ihn mit einer leichten Gegenbewegung abzufangen. Höllenspaß macht das.

Tanzte gestern vier fünf Tänze mit einem Kugelblitz, der genau den Grundgroove hatte, den ich auch habe. Alles ging wie von selbst, jede Figur klappte, das einzige, was ich noch nicht beherrsche, sind die Signale, die ich meiner Partnerin sende, damit sie weiß, was zu tun ist, denn beim Paartanz muss einer führen, sonst klappt es nicht mit der Choreographie. Aber auch da reagierte der Kugelblitz sehr flexibel. Hatte also viel Freude.

16:11

normal null 106

nadja stand an der kreuzung
ampeln hatte ihre augen geschlossen
martinshörner irrlichterten über boulevards
schauspieler warfen sich in den fluss
und posaunisten übten für das finale
nichts war mehr käuflich
der alltag hatte urlaub verlangt
worauf man ihm kündigte
und ihn in eine maßnahme steckte
er musste graswurzeln hacken
und treibgut in kirchen verstecken
durfte morgens und abends
ein wenig verschnaufen
nachts jedoch musste er wieder ran
blind und mit eifer
das übliche nachtwerk
bei frauen
die notrufe ausgesandt hatten
und sehnlichst wartend
im türrahmen standen
und ihr genital kühlten
nadja tat so etwas nicht
sie zerstreute sehnsucht mit
niemand und urlaub
verachtete sie

Di 16.02.10
20:45

Heute früh zu Fuß nach Münster,
heute nachmittag mit Lisa eineinhalb Stunden durch den Brook.
Schwer wie ein Sack.
Gestern die letzten 20 Seiten des Romans überarbeitet.
Langsam entwickelt es sich.
Höchste Vorsicht dennoch.
So etwas kann leicht daneben gehen.
Wird es aber nicht.

22:23

normal null 106

Sehr geehrte Frau Mensing,

freuen Sie sich auf Ihren nächsten Maredo Besuch,
freuen Sie sich auf die Dinnerkarte.

Genießen Sie in Ihrem Maredo Steak Restaurant
das Beste aus der Küche Südamerikas:
saftige Steaks vom Grill,
knackig frische Salate vom Buffet und viele weitere Köstlichkeiten.

Erleben Sie diese kulinarische Vielfalt -
in der bekannten Maredo Qualität -
in einem freundlichen Ambiente mit zuvorkommmendem Service.

Als kleines Dankeschön für Ihre Treue erhalten Sie mit ihrer persönlichen Dinnerkarte
täglich ab 17:00 15% Rabatt auf die Gesamtrechnung für sich und Ihre Begleitung,
so oft Sie wollen und das bis Ende Oktober!

Hast du gehört, Süße.
Sie servieren jetzt auch für Tote.
Bitte komm.
Wir hauen dann alles kaputt.


Do 18.02.10   15:42

Es sieht so aus, als hätte ich einen Job. Einen, der mir die Sorge ums Geld nimmt und trotzdem genügend Zeit lässt, weiter zu schreiben. Das sind gute Nachrichten, Herr M., darauf werden wir einen lassen, und zwar gewaltig, nicht wahr.

20:59

Schade, dass ich meine Freude teilen kann, das schmerzt. Ich teile sie mit unseren Kindern, das tut gut, aber ich teilte sie lieber mit dir und mit ihnen. Zuviel verlangt, ich weiß. Ich werde mich bescheiden. Hilft nix.


Fr 19.02.10 9:27

Die Instinkte erwachen. Kaum aus dem Bett, begann ich, Fenster zu putzen. Schließlich will ich den klaren Blick, um die Zukunft nicht zu verpassen. Gleich fahre ich in die Stadt. Ich will eine Weste kaufen. Ich möchte eine, die schick ist und lässig. Da ich in Erwartung eines Jobs bin, leiste ich mir die.

20:06

Der strähnenblondierte Verkäufer im Hasardeur, ein Laden, in den ich mich selten hineintraue, meinte, Westen seien im Augenblick "nicht so das Thema." Darauf ich: "das sei nicht mein Problem." Ansonsten bis auf eine Weste mit barockem Brokat nichts gesehen, was nicht langweilig wäre, aber barocker Brokat ist nicht mein Stil, werde mich morgen noch mal umschauen.


Die Musik zu diesem Eintrag: Gehe zurück nach der Badstraße, Katamaran im Quartier Latin, Berlin 29.7.1976. Muss sagen, es groovt.

Lese Philip Roth: Jedermann. Der letzte Satz, eh ich den Computer hochfuhr: Das Alter ist kein Kampf, das Alter ist ein Massaker.


Sa 20.02.10
  9:29

Herr M. ist Optimist, obgleich er weiß, dass dazu kein Grund besteht.
Als er aber gerade vom Brötchenholen kam und sah, dass eine Amsel weißes, wolliges Etwas zum Nestbau im Schnabel trug, haute es ihn vor Freude fast von den Socken, denn so fängt es immer an, so ein Vogel weiß ja mehr als der Mensch, er hat den Hinauswurf aus dem Paradies nie mitgemacht, den Apfel vom Baum der Erkenntnis nicht angepickt, was darauf schließen lässt, dass er uns in allen Belangen überlegen ist, deshalb beginnt M. diesen Tag mit verhaltener Freude, wenngleich die Lektüre von Philip Roth ihm noch in den Knochen hängt, aber was ist schon ein Buch, denkt er und bereitet sich darauf vor, gleich aufs Fahrrad zu steigen, um in der Stadt ein wenig unter Menschen zu sein. Und Montag beginnt er, in der Schule zu hospitieren. Die Ereignisse überschlagen sich, und Herr M. steht wieder einmal staunend.


So 21.02.10
15:42

Nach Tagen des Herumsitzens heute wieder vor der Maschine, um bis Seite 90 zu gelangen. Ob es nun gut ist oder nicht gut, wird er später entscheiden. Hauptsache, er schreibt. Und natürlich ist er aufgeregt, denn morgen beginnt ja das andere Leben. Er freut sich drauf. Und die Weste, von der er sprach, hat er gestern gefunden. Er wird sie nachher beim Tanzkursus tragen.


Mo 22.02.10
16:52

Ein neues Leben beginnt. Ich bin Lehrer. Ich werde 14 Stunden pro Woche unterrichten. Diese Woche hospitiere ich. Es macht Spaß und ist anstrengend. Außerdem blühen Schneeglöckchen vorm Balkon und gerade hörte ich Kraniche. Saß leider auf der Toilette, konnte sie also nicht sehen, aber immerhin: die Zeichen häufen sich.

19:10

Was nun die Weste anlangt, brachte sie nur Komplimente. Es wird also nicht die letzte Weste gewesen sein, die ich mir gekauft habe. Ich werde Ausschau halten. Es gibt sehr gewagte Westen, meine ist klassisch, aber wer weiß, vielleicht traue ich mir irgendwann ja auch einmal eine gewagte zu. Auch wenn ich jetzt schon weiß, wer schwul sagen wird, wenn ich sie trage. Macht aber nichts.

Di 23.02.10 16:53

normal null 111

der mann stolpert über geräusche
greift im schneegriesel stille vom himmel
geht über wiese und feld
langsam und nicht bei sich
der tag
hat den mundschutz verloren
die weise ist nicht mehr bei ihm
und so teilt er nicht wo er teilen will
verfängt sich
ruft geister
und verdaut jedes wort schleppend
ergreift es hört man ihn rufen
bringt es zu tisch und zu ohren
wenn es bleiben soll
soll es gehen
wenn es geht soll es sein
nur belästigt mich nicht
gebt mir die zeit nicht das geld
schenkt mir die welt nicht den zins
was soll ich damit


Mi 24.02.10 20:12


normal null 112

der mann
hatte mal was gelernt
und sofort wieder vergessen
was es war und wofür es gut sein sollte
für nichts hatte der mann wahrscheinlich gedacht
vielleicht für die rente
aber wozu sollte der mann an rente denken
wenn doch nicht mal sicher war
ob er morgen aufstehen würde
oder vielleicht seine beine vergäße
beim frühstück oder den kopf verlöre
vorm mittagessen
deshalb hatte der mann einen großen topf gekauft
in den er sich setzte um übers meer zu fahren
aber das meer war tief und der topf schaukelte sehr
so dass der mann sich bald erbrach
und auf einer insel an land ging
das war eine schöne insel
er war der einzige mann dort
und die einzige frau hatte lange auf ihn gewartet
sie kannte sogar seinen namen
und legte sich in den schatten
sie spreizte sich und sagte
komm wir wollen kinder haben
und der mann sagte ich weiß nicht wie das geht
ich zeig es dir sagte die frau
und da dachte der mann
der was gelernt hatte
es wäre nicht schlecht etwas neues zu lernen
er könnte's ja gleich wieder vergessen
denn das wusste der mann
er wusste dass es wichtig ist
immer sofort alles zu vergessen
damit der kopf frei bleibt
denn so ein kopf ist ja eng
da passt zwar was rein
aber man muss aufpassen
dass er nicht zu voll wird
denn das ist ja klar
die köpfe der meisten menschen sind zu voll
und der mann wollte nicht sein wie die anderen
der wollte was lernen was vergessen und wieder was lernen
und wenn er tatsächlich die beine vergäße irgendwo
könnte er immer noch sitzen und neues in seinen kopf tun
wie äpfel in einen korb
und so sitzt er nun auf der insel
schaut aufs wasser und wenn töpfe vorbeifahren
beschießt er sie
damit bloß niemand anders auf seine insel kommt
denn das wäre fatal
weil die frau ihn immer noch liebt
und er nicht einmal die blicke der anderen
teilen will
und die frau will das auch nicht
und so vergehen die tage
und hin und wieder sogar die wochen
und als die jahre vorbeigerollt waren
und die vergessenen köpfe in einer höhle gestapelt
sagte der mann eines abends zu ihr
hättest du nicht lust
mit mir zu sterben
ja sagte sie frau lass uns sterben
unsere kinder sind auf einer anderen insel
die brauchen uns jetzt nicht mehr
und so starben sie
und die insel versank
und niemand hat je wieder von ihr gehört


Do 25.02.10 10:15

normal null 113

der mann
betritt jetzt häufig ein haus
es ist hundert jahre alt
und die räume sind hoch
das haus ist aus sandstein
es hat tausend zimmer
und träumt vor den bergen
die nachtmare vieler verwirrter
die das leben von hinten aufrollen
und das land sehen
als trüge es tiefe schnitte im fleisch
nicht vor lang
und man hätte sie
schamlos ins gas getrieben
kreuze über türbögen
nehmen ihnen den atem und helfen nicht
wege sind angelegt
damit sie herumgehen können
die gesichter verzerrt
von allem was männer wie er alltag nennen
sein alltag hat andere farben
aber wenn er sie sieht
grüßt er stumm und sie reißen die augen auf
und fragen sich wann der mond auf sie fällt
und warum und fragen sich
ob das leben eine tonne ist
die bergan rollt und ein sack
der sie ersäuft
der mann
kann ihnen nicht antworten
aber er hat kleine geschenke für sie
die versteckt er unter büschen
macht knoten in schneeglöckchen
und dirigiert vögel auf simse
damit sie nicht so allein sind
denn heute und morgen
wird in den reisebüros ihre zukunft all inclusive verkauft
sie lachen noch
und sie wissen bestimmt
das das letzte lachen
das beste ist
aber sie haben keinen namen
für das davor und danach
und der mann ist sich sicher
dass es auch keine gibt
hin und wieder hält er ihnen türen auf
und sie gehen hindurch
oder bleiben im rahmen stehen
und versuchen ein wort zu sagen
ein wort nur aber sie triefen aus mundwinkeln
und ihre wörter sind anderen sprachen entlehnt
und so bleibt es dabei
das haus wird sie fressen
man wird ihnen löcher graben dahinter
und ein priester wird sagen
dass sie mühselig waren
beladen
wie containerschiffe ohne kapitän
auf einer see die so groß ist
das keiner mehr weiß
nur der priester weiß noch
der hat sie gefickt


Fr 26.02.10 15:15

Die Groovesau hat wieder zugeschlagen. Der Kugelblitz hatte angerufen und gefragt, ob ich in den Club käme. Ja, hatte ich gesagt. Wir beiden haben bis halb zwölf durchgetanzt, dann musste sie nach Hause, aber an meinem Tisch saß eine Gruppe Salsa Tänzer aus Osnabrück, ziemlich jung noch, und eine von denen, die ich schon hatte tanzen sehen, habe ich nach halb zwölf gefragt.

Na ja, sie wäre eigentlich schon auf dem Sprung nach Hause, aber einen noch, hat sie gesagt. Aus einem wurden drei, und Himmel, die war noch besser als der Kugelblitz. Wenn es mit den Drehungen klappt und man in den Dilequeno schießt wie ein geölter Blitz und danach voll im Beat ist, das ist was Feines. Es war also ein sehr schöner Abend, gut für's Gemüt, gut für die Figur (bisschen Schmerzen gestern früh, sind aber schon wieder weg), das zaubert mir ein Lachen ins Gesicht, und sonst nichts.

Der Kugelblitz und ich werden den nächsten Kurs gemeinsam machen.
Heute war meine letzte Hospitation, Montag geht es los mit dem Job, habe mir schon die ersten Ferien notiert, fangen am 27. März an und dauern zwei Wochen.

Heute hängt mir eine Müdigkeit nach, die nur vom Tanzen kommen kann, denn gestern hatte ich frei.

Das Wort Wochenende hat jetzt eine Bedeutung.
Ab Montag bin ich jeden Tag drei-vier Stunden in der Schule, wir müssen das noch ausklamüsern, damit es mit meinem 14 Stunden Vertrag hinkommt. Es macht Spaß, so viel sei gesagt.


23:39

Wenn ich gerade denke, jetzt beruhigt es sich ein wenig, schlägt die Trauer zurück und ich weiß nicht mehr ein noch aus. Wozu schreit alles, wozu, wenn allein, wozu, wenn ohne dich, wozu denn. Um hier noch zwanzig Jahre rumzusitzen und die Wände anzustarren und mich zu sehnen nach dir. Das kann es doch nicht sein, oder? Alle sind längst zur Tagesordnung übergegangen. Es tu so weh.

file under: Selbstmitleid. Arschloch.


Sa 27.02.10 10:17

normal null 114

der mann
hat sich gelbe bücher gekauft
und schuhe zum fliegen
hat augentropfen bestellt
und einen sack weingummi
der mann hat jetzt allerlei vor
und allerdings vielerlei hinter sich
erst gestern hat er keinen selbstmord verübt
und morgen wird er keine kinder missbrauchen
der mann hält eine leine hoch
damit er im wind trocknen kann
und beschriftet den unterarm
mit dem namen der liebsten
so verzwickt hat er sich das leben nicht vorgestellt
als er ans licht kroch
und die ordensschwester ihn an den füßen hielt
so voller blut hat er nie ankommen wollen
denn was dreht
kommt auch am ende nicht vorwärts
deshalb öffnet der mann jetzt die gelben bücher
und schreibt namen hinein
große und kleine namen
dicke und dünne
alle haben noch milchzähne
einige dicke beulen und gebrochene daumen
und obwohl der mann keinen trost hat
tröstet der gern
geht übers feld bis an weltrand dahinten
und schweigt tief ins schwarz
hach seufzt er noch
du bist schön



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