Februar 2017                      www.hermann-mensing.de      

    

mensing literatur
 

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Do. 2.2.17 19:10 klarer Himmel 9 Grad

Ich benötige ein Wort, das genügend Kraft hat, mich in den Text zu tragen. Ohne bin ich aufgeschmissen. Ich könnte natürlich ein Buch aus dem Bücherregal ziehen, könnte es aufschlagen und danach suchen. Also stehe ich auf, gehe zum Regal, greife blind hinein und ziehe: "Hier spricht der Dichter" raus, Robert Gernhardt.

Ich schlage es auf:

Seht, wie die Vandalen hausen/
Grad, wie die Vandalen/
Kleckern, sabbern, keifen, zausen/
Saufen, flunkern, prahlen.

Das Buch ist 32 Jahre alt. Der Nachrichtenticker der Süddeutschen bestätigt Robert Gernhardt. Nicht, dass ich mich deshalb fürchte, aber mir ist unwohl wie lange nicht mehr. Ich sehe, wie einem Land der demokratische Stuhl von einem Narziss unterm Hintern weggezogen wird. Ich glaube nicht, dass Gebete in solchen Fällen helfen, aber besser eines zuviel, als zu wenig.

20:05

Wir spazieren um den zugefrorenen See. Das Eis ist trügerisch, aber es trägt Enten, Canada Gänse und große Möwenschwärme. Alle ein bisschen ratlos. Wasserhühnchen rennen über den Weg. Sie haben Füße, die mich an Reptilien erinnern. Fünf, sechs Enten meiden die Landung auf Eis und fliegen freies Wasser an. Die Füße vorangestreckt pflügen sie drei Meter lange, schmale, nach rechts und links schwappende Spuren ins Wasser. Ein Vogel hängt kopfüber am Stamm einer alten Pappel. Er keckert, ist größer als eine Meise, etwa so groß wie ein Sperling, aber zierlicher. Es sieht aus, als hätte er eine rötliche Brust, aber es ist kein Rotkehlchen. Ein mürrischer Mops schnauft vorüber und grüßt nicht. W. kommt mir entgegen. Wir umarmen uns. Wir wechseln Männersätze, kurz, ehrliche und warm. Dann geht er. Sie fragt, wer das gewesen sei, sie kennt ihn aus der Zeitung, aber mir fällt sein Künstlername nicht ein. Wir setzen uns auf die Seeterrasse und bestellen Cappucino und Waffeln mit heißen Kirschen, Eis und Sahne. Johnny Ketzel, sage ich plötzlich, und sie sagt, dass ihr gefallen habe, wie wir miteinander geredet hätten.

Sa 4.2.17 18:12 bewölkt 8 Grad

das trumpeltier
das trumpeltier
lebt in der wüste
und nicht hier
sein schwanz
misst bis zu 21 zoll
das findet's toll
will dich ein trumpeltier das fürchten lehren
schnaubt es mit schaum vorm mund
es will die welt zur wüste kehren
doch diese welt ist viel zu bunt

20:45

Die Sonne schien, nicht, dass schon Frühling war, aber es war schön, ich hatte die Enkel auf dem Markt getroffen, der Älteste und der Jüngste sofort Nähe suchend, der Mittlere zurückhaltender, ringsum wuselte es, dann setzte ich mich aufs Rad, fuhr zu Klaus Geigle ins Atelier und kaufte ein Bild, auf das ich schon seit über zehn Jahren scharf war.




So 5.02.17 12:10 hohe, leichte Bewölkung 6 Grad

Ich habe nicht viele Freunde, aber T. gehört dazu, und das schon seit vierzig Jahren. Er ist Bildhauer. Ich schätze seine Arbeiten. Ihm geht es wie mir, es hat sich nie jemand gefunden, der ihm zu größerer Aufmerksamkeit verholfen hätte. Seltsam fand ich immer, dass er nie ein Buch in die Hand genommen hat, ich habe das nicht verstanden, und sein Desinteresse für meine Arbeit hat mich sogar ein wenig gekränkt. Vor zwei oder drei Wochen erzählte er mir, er habe ein Buch gelesen. Du? fragte ich. Von vorn bis hinten? Ja, sagte er. Dann kannst du auch noch eines lesen, sagte ich und schenkte ihm Pop Life. Eben rief er mich an, um mir sagen, er habe es gelesen und sei glücklich, jemanden zu kennen, der so gut schreiben könne. Wenn Tage so anfangen, freut sich der Mensch. Es sieht also gut aus. Und wenn es nicht zu regnen beginnt, werde ich um drei mit meinem ältesten Enkel Schlittschuhlaufen.

13:34

Bald beginnt ein neues Kapitel. Ich spüre das. Noch ist es nicht so weit, noch sitze ich herum, lese, höre Musik, tanze. Ich will der beste Tangotänzer weit und breit werden. Aber bald beginnt ein Roman. Ich weiß noch nicht, worum es sich in diesem Roman drehen wird, aber ich weiß, dass ich ihn schreibe. Er wartet. Ich kenne das. Ich gehöre nicht zu den Schreibern, die sich Plots ausdenken, recherchieren, kalkulieren und sagen, das und das Thema könnte ich bearbeiten. Ich muss warten. Seit ich schreibe, weiß ich, dass Warten meine Bürde ist. Manchmal ist das unerträglich. Aber bisher kam immer der Tag, an dem ich es nicht mehr ertragen konnte. Dann beginne ich. Dann folgen Nächte mit schlechtem Schlaf, Tage mit überhöhtem Puls, die ebenso schwer zu ertragen sind, wie die Tage des Wartens, sich aber durch am Ende des Tages Geschriebenes unterscheiden. Darauf freue ich mich, und davor fürchte ich mich. Und wenn der Tag nicht kommt, was dann?


Mo 6.02.17 21:36 bewölkt 6 Grad

Ob ich nun, wo ich das neue Bild habe, ein altes verkaufe? Wer weiß? Abgehängt habe ich es schon, aber Bilder ab-, auf- und umzuhängen ist nicht einfach, so etwas kann einen tagelang beschäftigen. Hinzu kommt, dass abgenommene Bilder Flecken hinterlassen, Negative ihrer Selbst. Wenn man dann noch anfängt, Nägel aus der Wand zu ziehen und neue einschlägt, könnte man genausogut tapezieren. Das Aufhängen eines neuen Bildes könnte sogar dazu führen, dass man seine Wohnung total umkrempelt, damit endlich genügend Wände da sind, um allen Bildern Raum zu geben. Eine Wand, ein Bild, davon träume ich schon lange, aber wenn ich allein für jedes, das im Wohnzimmer hängt, eine eigene Wand hätte, bräuchte ich schon ein großes Haus. Womit die Frage, ob ich eines meiner alten Bilder verkaufe, immer noch nicht geklärt ist.


Mi 8.02.17 11:56 bewölkt 0 Grad

Mein Untermieter ist nach Hause geflogen. Seit Wochen hat er das vorbereitet, hat für Mutter, Vater, Bruder, Schwester und Freundin eingekauft, Textilien, Schuhe, Schuhe, Textilien, sein Koffer wurde voller und voller, zum Schluss hat er noch bergeweise Schokolade eingepackt, so dass er wahrscheinlich mehr für's Gepäck zahlen muss, als für sich selbst. Wie fast alle jungen Männer hat er einen Hang zu süßlich duftenden Körpersprays, hinzu kommt ein Faible für Brillantine, fünf verschiedene Sorten stehen im Bad. All diese Düfte kontaminieren meine Vierzimmer-Küche-Bad-Wohnung bis in den letzten Winkel, so dass ich jetzt frische, klare Winterluft durchziehen lasse, denn er kehrt ja zurück und dann wird es wieder so duften, bis der Frühling über uns hereinbricht und wir die Fenster wieder häufiger öffnen.


Do 9.02.17 11:31 bewölkt 2 Grad

Er trägt eine graue Bauwollmütze mit blauen, kreisrunden Punkten und rotem Rand und hat einen Keks in der Hand. Seine Beine hängen knapp überm Bussitz. Sein Gesicht ist rund, seine Augen sind groß und kastanienbraun, sein Mund ist eher schmal, und er schaut mich unverblümt an. Ich schaue zurück. Er verzieht keine Miene. Ich ziehen meine Mütze kurz über die Augen und mache Buuuh. Da lacht er. Verhalten noch, aber sein Interesse an Kommunikation ist geweckt. Er streckt seine Beine und tippt mit einem Fuß an mein Knie. Ich zwinkere ihm zu. So geht das hin und her, bis er mit Mama und größerem Bruder aussteigt.


12:30

Der Himmel liegt grau auf allem. Frostgrenze. So ist das eben, sagt einer. Ja, so ist das, ein anderer. Und was sage ich? Ich sitze hier und habe keinen Plan. Keine Zukunft. Ich mache mir keine Vorstellungen davon, das habe ich nie getan. Nie habe ich weiter gedacht als bis zum nächsten Tag, und selbst das ist mir manchmal zuviel. Ich will vergehn. Ich will leben. Ich will nicht Knecht eines Planes sein.
Wer will, kann mich besuchen. 93 Quadratmeter, Küche, Bad, Balkon. Ich wohne seit fast 35 Jahren hier. Mehr als die Hälfte meines Einkommens geht für die Miete drauf. Hier ist alles geschehen, was geschehen konnte, alle sind fort, ich bin geblieben. Und wie es aussieht, bleibe ich auch noch länger, denn ich wüsste nicht, was ich in der Stadt sollte. Hier ist Suburbia, hier sagt der Bäcker Guten Morgen Herr M., mehr oder weniger kennen mich alle, aber niemand weiß Genaueres, das gefällt mir. Hier ist Heimat. An jeder Ecke springt mich die Langeweile an und die Schönheit des ewig Gleichen.
Vor allem jetzt, wo alle darauf warten, dass der Frühling kommt, sitze ich manchmal und frage mich, ob ich nicht längst alles gesagt habe, was zu sagen war, aber dann stelle ich fest, dass ich mich das schon immer gefragt habe, schon damals, als noch nichts gesagt war.
Ich hege keine Zweifel über die Zwangsläufigkeiten meines Lebens (sicherer Tod), aber viele über dessen Sinn. Ich nehme an, dass es sinnlos ist. Es ist sinnlos, gottlos, ich bin eine Gestalt in Time, eine zeitlich begrenzte Erscheinung, ich habe für Nachkommen gesorgt, die ihrerseits für Nachkommen gesorgt haben, mehr ist nicht zu erwarten.

So 12.02.17 14:14 sonnig, windig, arschkalt

Das Gebäude hat ein Flachdach, ist rechteckig, streckt sich nach hinten und stößt auf den Aldi. Im vorderen Teil ist der Gemeindesaal der evangelischen Freikirche, im hinteren ein Bäcker und ein Metzger. Die Front ist beige gefliest. Hier und da hellblaue, taubenblaue, schwarze und rote Fliesen. Eine Betontreppe führt zum Eingang. Links und rechts sind davon große Fenster, vor denen weiße Gardinen hängen. Man kann eine Bühne sehen. Darauf stehen ein Schlagzeug und ein Bassverstärker. Tische und Stühle im Raum. Samstags treffen sich hier die Afrikaner der Region zum Gottesdienst. Sie kommen mit Kind und Kegel. Die Frauen tragen gern große Perücken und ausladende Kleider, schwerer Parfümduft liegt in der Luft, die Männer tragen blitzblank gewichste Schuhe, die Kinder manchmal Anzüge. Autos aus der ganzen Region bis nach BO. Man steht in Gruppen vor dem Gebäude und unterhält sich lautstark. Ob man während der Gottesdienste in Trance fällt oder in in Zungen redet, wie in amerikanischen Freikirchen gern praktiziert, weiß ich nicht, kann es mir aber vorstellen. Da wäre dann ordentlich was los und Gott hätte alle Hände voll zu tun, seine Schafe zurück auf den Teppich zu kriegen. Aber was geht es mich an, ich bin Gott.

Mo 13.2.17 sonnig, windig 6 Grad

Das Projekt beschäftigt mich seit etwa 8 Wochen, vielleicht auch seit 12. Ich weiß, dass Projekte, die nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählen, oft erst nach langem Hadern dann urplötzlich Gestalt annehmen. Das Kinderzimmer soll ein blaues Zimmer werden. Zunächst musste der Teppichboden raus, eine über dreißig Jahre alte Sauerei, auf der alles stattgefunden hat, was in solchen Zimmer stattfinden kann. Kunstfaser der billigsten Sorte, von unten mit einem gelblichen, gummiartigen Belag versehen, der zum Glück nicht anhaftete, sich größtenteils in Staub auflöste, eine chemische Sauerei. Das Laminat stand seit Wochen als Aufforderung zur Tat herum, aber eben jetzt war Beginn, und kaum waren die Vorarbeiten getan, waren auch schon Nachbarn da, um mir zu helfen. Abends war das Laminat verlegt. Den Plan, die alten Viertelstäbe wieder zu verwenden, habe ich schnell aufgegeben, aber eh ich neue gekauft habe, hat es dann doch wieder Wochen gedauert. Viertelstäbe müssen mit einer Gehrungslade (ein Werkzeug, von dem ich bis vor drei Jahren noch nie gehört hatte) passend gesägt werden. Jeder, der das schon einmal getan hat, selbst, wenn er handwerklich geschickter ist als ich, wird bestätigen, dass man sich dabei oft versägt. 240cm lange Viertelstäbe, einfache Kiefer, kosten fast sieben Euro. Mein Nachbar, ein Geophysiker, erzählte, es gäbe einen Toom-Markt in seiner Heimatstadt, in dem sie zu 2 Euro zu haben wären, zudem wäre es besser, sie in der Größe 18x18 anzubringen, da die Dehnungsfugen recht breit ausgefallen seien. Ich habe eine Weile gewartet, dass er in seine Heimatstadt führe, um mir welche mitzubringen, aber er war seit Wochen nicht dort, weil das Wetter die Arbeiten, die er dort im leerstehenden Elternhaus ausführen muss, verhinderten. Also fuhr ich vorhin zu Hornbach, um Schwung in die Sache zu bringen. Dort gab es sie nur in der 14x14 Version, außerdem sah ich nicht ein, sieben Euro dafür zu bezahlen. Wieder zuhause checkte ich das Internet, wo es 18x18 Viertelstäbe zu 2,19 das Stück (240cm lang) gibt, die sind bestellt, in etwa 10 Tagen werden sie eintreffen, bis dahin habe ich mir eine Gehrungslade von den Nachbarn ausgeliehen, dann geht es ans Werk.


Mi 15.2.17 sonnig 10 Grad

Großes Kino kann auch ein kleines Ereignis sein. Im Falle des kürzlich in die Schlagzeilen geratenen Pfuschers Gerd Osterhoff, (182 cm 85 Kilo, dunkelbraunes Haar) der nach Jahrzehnten seiner Karriere, gegen die das
Auf und Ab in der Achterbahn Flachland ist, trat es ohne jede Vorwarnung ein. Aber von Beginn an. Nicht jeder ist Pfuscher. Nicht jeder weiß seit Kindesbeinen, dass Pfuschen Spaß macht und ein Mittel ist, sich zu wehren. Nicht jeder hat alles auf eine Karte gesetzt, um der Sinnlosigkeit Sinn abzugraben. Er wohl. Gerd Ostenhoff wohl, er hatte im Gegensatz zu denen, die alles riechtig machten, verpfuscht, was zu verpfuschen war. So hatte er gegen den Wahnsinn protestiert. Und das alles ohne Frauen. Keine Frauengeschichten, nicht mal, als er jung war, er war da sehr unterbelichtet und wusste nicht einmal richtig, wie es ging. Doch dann, als hätte ein Blitz ihn getroffen, wurde alles anders, und natürlich steckte eine Frau dahinter.


Sa 18.2.17
bewölkt 5 Grad

Eine, die nichts weiter wollte als einen wie ihn, und die ihn nur Stunden später mit dem Satz "ich liebe Schwänzel" derart aus der Fassung brachte, dass er von Panik gepackt aufsprang, sich mit dem rechten Fuß (seine Jeans hing noch an den Fersen) in einem Verlängerungskabel verhedderte und stürzte, was dazu führte, dass er die Frau irgendwie mitriss, worauf sie - noch eh sie schreien konnte - mit ungläubigem Gesichtsausdruck ihm zugewendet mit dem Hinterkopf auf einen von einem Designer entworfenen Stahltisch schlug, und zwar so endgültig, dass nur noch Blut floss und das auch nur für kurze Zeit, allerdings recht viel. Er wäre am liebsten schleunigst gegangen, aber die Tote schaute ihn an, als wolle sie ihn hypnotisieren. Er legte ihr ein Tuch übers Gesicht. Zwei, dreimal machte sie komische Geräusche. Und die Sauerei um ihren Kopf wurde noch größer. Nun hieß es: sorgfältig arbeiten, nicht pfuschen, das gefiel ihm nicht. Aber als alles erledigt war, war er recht zufrieden.


19:12

Gerhard Richter, Chinon 1987



Vielleicht war Winter und ich wurde fünfzig, vielleicht auch nicht. Ich war jedenfalls mit meiner Frau in Paris und wir flossen herum wie Forellen. Im Centre Pompidou hing dieses Bild von Gerhard Richter, Chinon. Es war größer als wir und wir freundeten uns sofort mit ihm an. Wir waren Arbeiterkinder, denen die Politik der Sechziger zu ein wenig Bildung verholfen hatte. Meine Frau zu Realschulabschluss und Ausbildung zur Buchhändlerin, ich zu Realschulabschluss, einer kaufmännischen Lehre und über ein verzwicktes Hin und Her im zweitem Bildungsweg schließlich zu einem Studium: Studium von Englisch, Deutsch und Geschichte für's Lehramt.

Ich war damals so faul wie heute. Ich feierte, ich hatte mit der Liebe zu tun und dass man nicht nicht kommunizieren kann, Paul Watzlawik, mehr ist vom Studium nicht hängengeblieben, aber ich erinnere mich noch häufig daran und freue mich jedesmal, weil dieser Satz so unumstößlich ist.

Fritz, der Vater meiner Frau, war Steinmetz. Wegen einer Staublunge wurde er Musterzeichner in einer der größten Textilfabriken Europa. Lydi, ihre Mutter, was Verkäuferin. Ihr Vater kam aus Odessa. Mein Vater, Hermann, war Anstreicher, und auf Drängen meiner Mutter nach dem Krieg ebenfalls Musterzeichner in der Firma geworden, schließlich Irmgard, meine stolze und kühle Mutter. Sie war Sekretärin, und schon emanzipiert, als weder sie noch sonst jemand das Wort gehört hatte.

Der Kunstverstand meiner Frau war meinem voraus. Ich hielt damals schon nichts vom Über-etwas-Reden originärer Leistungen von Malern, Bildhauern, Schriftstellern und Musikern, meine Frau besaß Kunstbände und hatte vieles gelesen. Ich aber wollte etwas zustande bringen, was es nur gäbe, weil es micht gibt, Lehrer passten mir nicht in den Kram. Ohne diese Aversion hätte ich es leichter haben können, aber sie ist bis heute nicht weggegangen.

Wir schwammen zum Licht und sie sagte: Packen Sie uns das Bild bitte ein.

Zwanzig Jahre später, drei Monate vor dem Tod meiner Frau, sahen wir Richter wieder. Diesmal in Wien. Nur noch wenig Erkennbares, Bunteres auch, und ich war mir nicht sicher. Meine Frau schon, und ich glaubte ihr.

Wieder fast zehn Jahre später, diesmal mit meiner Freundin in Köln, sah ich Richter zum dritten Mal. Abstrakte Bilder des letzten Jahres. Ohne Titel, einige Großformate, viele kleine. Und jetzt wird es spannend, denn als ich in den Raum kam, war ich enttäuscht. Im einer Doku hatte ihn bei der Arbeit gesehen, wir beide mögen den Zufall, aber das war mir zu bunt. Meine Freundin ging herum. Sie will immer alles sehen, und glaubt man könne alles sehen. Ich glaube das nicht und blieb vor diesem Bild hängen.

Packen sie es mir sofort ein, sagte ich.


22:29

Der Tod hat viele Gesichter. Das meiner Frau strahlte in nie gesehener Schönheit.


So 19.02.17
13:46 regnerisch, windig, 5 Grad

Die Kölner Domplatte und der Bahnhofsvorplatz sind eine architektonische Katastrophe größten Ausmaßes, wahrscheinlich wegen des Krieges. Nicht einmal der Capuccino im italienischen Café in Sichtweite des Haupteinganges dieses Bahnhofes tröstet mich. Zudem bin ich erkältet, mein System kämpft auf Hochtouren, was zwar verständlich, aber ein wenig unheimlich ist. Zum Glück bin ich nicht allein, ich reise mit meiner Freundin. Wir rauchen und husten. Ein paar Karnevalisten sind auch unterwegs. Wo sie um diese Zeit hingeben, können wir uns nicht vorstellen. Später, wir haben die erste Museumsrunde hinter uns, sitzen wir im Museumsrestaurant. Sie muss rauchen, ich sitze allein und trinke ein Wasser. Als sie zurückkommt, essen wir eine Kleinigkeit, ich frage den Kellner nach einer Aspirin, weil mein Kopf brummt. Wir trinken etwas, und gehen zum Rauchen hinaus auf die Terrasse. Als ich das letzte Mal hier war, war das Restaurant hochmodern, sagt sie. Jetzt nicht mehr, sage ich. Daran sieht man's, sagt sie. Die Terrasse ist windgeschützt. Der Rhein ist einen Steinwurf entfernt. Am Ende eines schnurgerade Weges Richtung Rheinpromenade, der parallel zu den Bahntrassen zur Deutzer Brücke verläuft, steht eine stufenartige Skulptur. Rechts des Weges ist ein ca. 50 x 50 Meter großer, rotbraun gefließter Platz. Menschen, die über dieses Pflaster laufen, werden von 5 rundum verteilt aufpassenden, grün-schwarz gekleideten Ordnern auf den Weg zurückgewiesen. Wir beschließen, den Platz diagonal zu kreuzen, um herauskriegen, wieso? Kaum sind wir losgegangen, ist schon ein Ordner da. Er sagt, der Platz sei gleichzeitig das Dach eines darunterliegenden Raumes, in dem das Philharmonische Orchester probe. Wenn jemand über den Platz gehe, höre man das, und das störe die Musiker. Das Bild, dass Köln ein Ort architektonischer Katastrophen ist, verfestigt sich.

14:42

treffen sich ein schuft und eine schlampe
sie sagt sollen wir
er nickt
wohl wissend
dass er einen fehler macht

19:41

A. war in Afrika. Er hat die Eltern besucht und die Freundin. Nun ist er zurück. Romantischte Liebesschwüre jagen seitdem auf Facebook hin und her. Komisch, oder, denn eigentlich dürfen sie ja nichts, falls ich das richtig verstanden habe, sie dürfen nix, sie umkreisen sich nur mit einem Versprechen auf Später, für das wahrscheinlich ein blutbeflecktes Laken herhalten muss. In den ersten vierundzwanzig Stunden war seine Zimmertür verschlossen. Nur hin und wieder ging er kurz in die Küche. Hatt er Heimweh, war ihm die Sache mit dem Teller peinlich, beides? Es ist nämlich so: er war kaum fort, als ich einen Anruf von ihm bekam. Er sagte, er habe zwei Paar Schuhe vergessen, Geschenke für seinen Vater und den jüngeren Bruder, ich möge bitte in seinem Büro nachschauen (er sagte Büro, weil er den Namen Schreibtisch noch nicht kennt), ob sie in einer der Tüten wären. Es standen dort viele Tüten, Tüten und Kartons, und andere Tüten und in einer fand ich einen zerbrochenen Teller, meinen schönsten. Ich fand blöd, dass er mir davon nichts gesagt hatte. Die Schuhe fand ich dann auch und sandte sie ihm nach. Als er vorgestern zurückkehrte, sprach ich ihn in der Küche auf den Teller an. Er sagte . . . Teller? Teller? - und dann, ja, ja, der Teller, Onkel, der wäre - ja, er wolle den kleben. Ich sage, es müsse nichts kleben, er müsse sagen, wenn etwas kaputt gehe, damit daraus kein Problem würde. Ob er das verstanden hat? Vielleicht hat er sich geschämt und deshalb unsichtbar gemacht. Heute kam ich in die Küche, als er Mengen Knoblauchzehen auspresste. Knoblauch hat einen starken Geruch, aber ich roch auch Flatulenz. Hast du gepupt? fragte ich. Pupt? Ich erklärte, wir lachten, und dann ging es ganz schnell. Ich war bei Luther, warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmacket, und weil es nahe lag, erzählte von der Teilung der römisch katholischen Kirche. Und, bist du Protestant oder Katholik, fragte er.


Di 21.2.17 21:08 klar, 7 Grad

Die Stadtamseln singen immer ein paar Tage früher als die Vorstadt amseln, hier habe ich noch keine gehört. Die Tauben üben Begatten. Die Hähne verbeugen sich bis auf die Füße, spreizen ihre Schwanzfedern, plustern sich auf, kollern und ruckuduguen. Andere Vögel haben andere Rituale, aber die sehe ich so gut wie nie. Die Tauben sind dreist, sie machen es überall und zu jeder Tageszeit. Es ist noch kühl und noch längst nicht ausgestanden, aber der Wechsel ist spürbar. In drei, vier Woche sehe ich das erste Grün, sicher. Mir geht es gut. Ich singe sommers wie winters, todtraurig und lustig, gern albern.


Mi 22.2.17 Regen 7 Grad

Die im Internet bestellten Viertelstäbe mit dem 18x18er Maß fand ich zu flach, ich maß aus, kam auf 30x14 mm, reklamierte und wurde gebeten, die Bestellunnummer auf den Stäben nachzuschauen. Es war die richtige Bestellnummer, man hatte nichts falsches geliefert, so sahen sie einfach aus, ich zog also meine Reklamation zurück, aber mit diesem Leistenprofil Gehrungen zu schneiden, gelang mir trotz großer Sorgfalt nicht. Dabei hatte ich mir vorgenommen, sorgfältig zu arbeiten, nicht zu pfuschen, aber mir blieb nichts, als Fünf gerade sein zu lassen. Da ich selten baue oder bastle, habe ich nur wenig altes, nicht sehr hochwertiges Werkzeug, vom Schwiegervater übernommen, eine Kiste undefinierten Inhaltes, da muss man sich nicht wundern. Aber die Leisten sind dran.


Fr 24.2.17 sonnig, Restwind, 7 Grad

Während ich unter normalen Umständen 15 und 20 KmH erreiche, wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, schob mich gestern ein kräftiger Südwest auf 25 bis 30 KmH, was mir entgegen kam, denn Düsteres war in Anmarsch, literweise Regen, je schneller ich die brodelnde Metropole erreichen würde, desto besser. Die Stadt ist über die Toppen geflaggt. Montag werden die Spießer ausflippen, dann darf der Frühling kommen. Den Sound dazu liefert die österreichische Band "Bilderbuch". Seit über einer Woche dominiert sie meine Gehörgänge, ich höre und höre und jedesmal fällt mir etwas auf, was mir vorher nicht aufgefallen war. Ein wunderbares Stück Popmusik ist das, ich habe lange nicht mehr etwas so Komplexes, Schönes, Banales, Überraschendes gehört. Ich liebe Popmusik. (Bilderbuch "Magic Life")


Sa 25.2.17 8 Grad

ich werde jetzt
die seit einer woche herrschende
vormacht der cd magic life von bilderbuch brechen
und eine cd der laokoongruppe einschieben
auch sie kommt aus österreichisch
staatsoper ist meine lieblings cd
österreichische kunst
hat der unseren etwas voraus
ursache ist (glaube ich)
die noch immer nachwirkende trauer
über ein verlorenes großes reich
die ihnen noch stärker in den knochen hängt
als uns die (langsam schwindende) scham
über das tausendjährige reich
dass sie so schräg so verstockt
so tiefdüster und komisch sind
ist von vorteil für die kunst



So 26.2.17 bewölkt 8 Grad

Alles ist gerade ein wenig enttäuschend,
der Himmel, der Fortgang des Jahres, die Frauen. Ich werde das überleben. Ich habe schon ganz anderes überlebt.


Mo 27.2.17 bewölkt 12 Grad

Nur der Erfolgreiche versteht, dass der Mensch Herausforderungen braucht, die ihn an den Rand des Möglichen bringen. Gefälle, Steigungen, Steigungen und Gefälle von 2 bis 3 Prozent, da steht der Radfahrer in den Pedalen, die Brust dem Wind entgegen gereckt. Wenn es bergab geht ins Tal der wilden Aa etwas, dorthin, wo die Bongassi Brücke mich trockenen Fusses auf die andere Seite bringt, lassen ich das Rad rollen. Anfangs beschleunigt es auf flotte 21 kmH., dann flacht die Strecke ab, geht über ein paar Meter sogar wieder leicht hügelauf, ich verliere Geschwindigkeit, bin schon auf 3,2 KmH, ich werfe das Rad in Schlangenlinien, aber ich trete nicht in die Pedale, das ist verboten, dies ist ein Feldversuch, 3,5 jetzt, gleich darauf 6,4 undsoweiter, geschafft, ich lege mich mit höchstem Risiko in die Rechtskurve, rolleüber die Brücke und stehe vor dem Anstieg zur 6spurigen Trasse der Nord-Süd-Verbindung A1, die Tag und Nacht für Lebensradau und Tote sorgt. Die zu überqueren heißt treten. Zum Glück hat man Asylbewerber, die schieben müssen.

16:27

meine kernkompetenz
ist nichtstun aushalten
morgens schon sage ich mir das
wer das nicht aushält sage ich
muss sich beschäftigen

das will ich nicht
ich will das aushalten
bis ich es nicht mehr aushalten kann
dann schreibe ich


Di 28.2.17 11:11 grau, 8 Grad


Ich will an die frische Luft, durchs Aa-Tal nach Gievenbeck, sehn, ob die Eisdiele schon geöffnet hat. Das Rad ist bereit, es regnet nicht. Drei Narren vorm Haus, eine Bärin, ein Strafgefanger, eine Prinzessin. Ich rufe Helau. Hello! ruft die Bärin, und dann lachend: Helau! Der Gefangene schwenkt müde den linken Arm. Ich überquere die Hauptstraße. Ein Karnevalswagen kehrt aus Münster zurück. Ein großer Trecker mit Anhänger, auf dem ein grauer, mit Zinnen bewehrter Turm steht. Ein Paar kommt mir entgegen, Ende bis Mitt zwanzig. Er schiebt einen Kinderwagen. Sie läuft abseits. Ihr Kind ist noch klein. Sie kriegen wenig Schlaf. Sie haben kaum Zeit füreinander. Wie eine Fahne tragen sie das vor sich her.

Ich rolle ins Tal. Die riesigen Flügel der Windkraftanlage drehen sich schnell. Auf der Autobahn ist das übliche Jagen. Zwei junge Reiterinnen am Weg. Die Schweife ihrer Pferde sind zu Zöpfen geflochten, bei dem braunen mit blonder Mähne sieht das hübsch aus. In Gievenbeck stehen Verkleidete an Bushaltestellen. In einem Busch schreit ein Kind. Sekunde noch, Lea, komme gleich, ruft der Vater.

Die Eisdiele hat geöffnet. Ich setze mich vor die Tür, und überblicke den Platz. Auch hier rückkehrende Narren. Ein kleiner türkischer Junge (Bär/Raubtier) kommt angerannt, rot vor Freude. Er darf sich ein Eis kaufen und bespricht das lauthals mit sich, eh er entschlossen eintritt und sich vor der Eistheke aufbaut. Zwei Jungen spielen Verstecken und Fangen. Der eine will den anderen gar nicht kriegen, der andere läuft nicht wirklich fort. Es ist eher ein sich Vergewissern, dass die Welt schön ist und die Gefahr gebannt, solange man aufmerksam bleibt. Ich esse Vanille- und Nusseis mit Sahne und trinke einen Espresso.

Ich fahre längs der Hauptstraße nach Hause. Mir ist nach Menschen und Verkehr. Kaum an den Oxford Barracks vorbei, kommt ein Polizeiwagen mit Blautlicht. Er rast. Er biegt auf den großen Parkplatz des Marktkauf. Kaum eine Minute später kommt er wieder heraus, biegt rechts in die Hauptstraße und rast weiter Richtung Roxel. Ich bin noch nicht im Tal, als zwei Krankenwagen kommen. Noch ein Polizeiwagen, alle in höchster Eile, aber sie biegen nicht zur Autobahn ab, sondern halten aufs Dorf zu. Als ich fast dort bin, sehe ich sie wieder. Sie biegen links ab ins Viertel, kommen aber wenig später schon wieder heraus. Sie fahren in den Ort, und kehren kurz darauf zurück. Ich kriege nicht raus, was da los ist.

Ich bin im Hof. Wenn ich mein Rad in den Keller trage, habe ich es mit acht Stufen zu tun. Dann kommt eine betonierte, kaum einen Quadratmeter große Fläche mit einem kleinen grauen Gulli. Eh mich mein Rad hebe, sage ich meinen Muskeln, dass sie jetzt arbeiten müssen. Ich sage es wie ein Mantra, oft laut, hebe es an, und trage es nach unten. Da ich oft erst in der Dunkelheit zurückkehre, ist es wichtig zu wissen, auf welcher Stufe ich bin, denn der Bewegungsmelder ist zwanzig Meter weit weg und sehr eigensinnig. Acht. Angekommen. Ich trage das Rad hinein, schließe Rad und Tür ab und gehe nach oben.