Februar 2019                      www.hermann-mensing.de      

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Sa 2.02.19 11:43 bewölkt, feucht, 3,9 Grad

Man möchte nicht, aber man will, also wird man Regenzeug anziehen und zur Kunstakademie fahren. Kunst ist schwer zu beschreiben. Viele Künstler sind Hochstapler. Für sie gibt es eine Akademie, an der auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten Künstler, die es zu keinem oder nur zu bescheidenem Ruhm gebracht haben, junge Menschen voller Idealismus für eine Zukunft ausbilden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts für sie bereit hält. Menschen mit prekären Jobs, die bis ans Ende das Banner der Kunst hochhalten. Dahin also wird man fahren und hoffen, dass es die ein oder andere Arbeit zu sehen gibt, die es wert ist, die es hinaus schafft, die Akademie verlässt und den Markt erobert.

Der Markt ist "leider geil", aber der nächste Schritt in die großkapitalistische Illusion. Dort werden Dinge gehandelt, die jeder Beschreibung spotten und die die Arbeit eines lohnabhängigen Menschen in ein verzerrtes Licht stellen. Dabei sind es immer nur wenige, die die hohen Preise erzielen, und noch weniger, die ihn verdient haben. Dennoch hören die Menschen immer nur von den hohen Preisen, und wenn sie Kunst sehen, sagen sie, das verstehe ich nicht, aber niemand verlangt von ihnen, sie zu verstehen.

Man selbst (ich???) nennt sich ungern Künstler, Künstler klingt wie ein vereinfachender Ausweg aus einem Dilemma, ähnlich wie Gott. Man selbst nennt sich auf Anfrage Mensch, wobei auch hier Erklärungsbedarf besteht, denn der Mensch zerstört die Welt. Es hilft aber nichts, ich gehöre dazu. Ich versuche, ihn zu lieben.


12:34

Das übliche Nachtgewusel am Bussteig, nur der Polizeiwagen vorm Kapadokia ist neu. Zwei Polizisten stehen daneben. Ich setze mich. Plötzlich rennen die Polizisten los. Ich sage zum Nachbarn, jetzt müsste man den Polizeiwagen klauen. Das ist Diebstahl und Behinderung der Justiz, sagt der. Die Polizisten rennen noch. In den nächsten Minuten kommen vier Polizeiwagen mit Blaulicht. Einer fährt fast einen Fußgänger um, der auf dem Zebrastreifen die Straße überquert. Ich stehe auf. Ich gehe los. An einer Laterne steht ein junger arabisch oder türkischdeutscher Mann. Ich nicke, ich sage: Was ist denn los? Er sagt, zwei Männer mit Migrationshintergrund sind von vier anderen Männern angegriffen worden. Ach so, sage ich. Freitagnacht, oder? Ja. Normal, sagt er. Einer, dem ich das später erzähle, will nicht glauben, dass ein junger arabisch oder türkischdeutscher Mann von Männern mit Migrationshintergrund gesprochen hat.

So.3.02.19 19:38

Ich müsse sofort losfliegen, hieß es. Ich breitete die Arme aus, stürzte mich in ein mit dunklen Wolken gefülltes Tal, bekam aber keine Luft unter die Flügel. Es ging rapide hinab. Jemand rief, links, links, nach Greenwich. Ich sah links ein Licht, und dann lief ich auf einem Sandweg und neben mir lief ein Mann.


Mo 4.02.19 11:47 bewölkt, um den Gefrierpunkt

Man hatte lange gesessen, man hatte die Routen von allen Seiten betrachtet, und wollte jetzt Näheres von Sixt erfahren, der einzige Autovermieter vor Ort, der PKW auch für Reisen nach Litauen vermietet hätte. Die Filiale ist in orange und schwarz gehalten. Kunststoff. Abwaschbar. Man könnte glauben, man beträte das Raumschiff Enterprise und/oder ein Fernsehstudio. Die Mitarbeiter tragen Westen in den gleichen Farben, mit stehendem Brokatkrägen und Zierknöpfen. Unser Gesprächspartner trägt eine zwei Nummern zu kleine Weste, hat Schuppen auf den Schultern und abgebissene Fingernägel. Er ist freundlich, er ist bemüht, kann aber die einzige Frage, derentwegen wir hier sind, nicht beantworten. Als wir die Filiale verlassen, ist klar, dass wir kein Auto buchen werden. Wenig später wissen wir, dass wir mit LOT über Warschau nach Vilnius fliegen, und die Rückreise mit dem Schiff antreten. Das alles ist billiger, als ein Auto zu mieten. Der Inhaber, Herr Sixt, ein 75jähriger, den ich vor einer Weile im Zusammenhang mit einem gesellschaftlichen Großereignis auf einem Foto sah, braun wie ein Brathähnchen, ist ein Selfmademan und zeigt gern, zu was er es gebracht hat. Ja, auch zu einer Frau und zwei Söhnen, die mit im Geschäft sind, und die, ist der Alte erst einmal tot, mit Sicherheit einen Bruderkrieg vom Zaun brechen.


Di 5.02.19 10:07 bewölkt, feucht, sechs, sieben Grad?

Ich war auf dem Weg zum Amt, um meinen Personalausweis zu verlängern. Ich schaute mir das zehn Jahre alte Foto an. Damals war ihre Krankheit noch nicht erkannt, aber schon wirksam. Wir hatten noch vier Monate. Vier schöne Monate, ein letztes, sehr intensives, emotionales Beisammensein. Zehn Jahre, dachte ich. Alles geht schnell. Und dann schaute ich hoch, eine Mutter mit Kind kam mir entgegen und sagte zum Kind: Bald kommt der Frühling. Die Sehnsucht wird Tag für Tag größer.


17:34

Ich kämpfe mit Nachrichten, die wie gestern sind und wie morgen, und sich nie ändern. Es ist, wie meine Eltern gesagt haben, denen ich nicht glauben wollte. Heute glaube ich ihnen. In den Geschichtsbüchern sind alle Methoden der Vernichtung, der gegenseitigen Missachtung, des Vertrauensbruches und der Ausbeutung beschrieben. Die Namen der Akteure ändern sich, die Tatsachen nie. Die Versuche, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen radikal zu verändern, sind fehlgeschlagen. Gott ist zum Kollaborateur heruntergekommen. Man glaubt nichts. So wie unsere Eltern nicht an Auschwitz glauben wollten, glauben wir (dabei haben wir im Gegensatz zu ihnen zu umfassenden Informationen) nicht an das, was wir sehen, hören, fühlen. Was bleibt, als sich nach Licht und Wärme zu sehnen.


Mi 6.02.19 22:25 mild

Auf dem Heimweg war mir weh, lau die Luft, am Horizont leuchtende Wolken, und ich wusste nicht, welche Stadt das sein könnte, so hell, Dortmund, nein, das kann nicht sein, eher die Flutlichtanlage in Bösensell oder Albachten, heute hat jeder Bauernverein Flutlicht, ohne Flutlicht und Ampel ist ein Dorf kein Dorf. Wie gesagt, mir war weh mit der Luft und dem Horizont, und mir ist immer noch weh, denn was hat der Mensch schon, außer Freude und Weh? Um diese Zeit fällt er müde ins Bett, dabei geht das Leben erst los. Wenn alle in Schlaf fallen (oder nicht, weil sie nicht einschlafen können), verebbt die Hektik des Tages, davon kann ich gar nicht genug bekommen. Also, Freunde, macht's gut, denkt manchmal an mich, besucht mich, kommt, wir machen uns das Leben schön.


Do 7.02.19 11:20 bewölkt mit blauen Löchern, 7 Grad

den morgen habe ich mit seide zugedeckt
und meine triebe unter rosen gut versteckt
den großen schmerz hab ich vergraben
mit widersprüchen mich vertragen
ich habe alles und geh unerkannt
durch jede stadt durch jedes land
ich eile nicht ich bin ein berg
ich bin erschüttert und bemerk
wie schön die welt ist
nur mit dir und ohne dich
ich liebe euch und mich


So 10.02.19 11:34 feucht

auch wenn du grau und feucht
mir in den kleidern hängst
weiß ich doch längst
dass nächste woche schon
ein hoch dich fortjagt
und ein wort wagt
das wie frühling klingt
von milde singt
und voller hoffnung ist
auch wenn es noch nicht heute ist

21:27

Er ist nicht allein, eine Frau sitzt neben ihm. Er steht ständig auf, geht herum und hält mit scharfem Blick Ausschau. Sie hat ein Adlerprofil, ihr ist langweilig, sie isst viel. Wenn er gesehen hat, was er sucht, geht er hin. Wenn er erfolgreich ist, zieht er sein schwarzes Jackett aus, das viel zu eng vorm Bauch gespannt hat und entledigt sich seiner Weste. Er trägt ein schwarzes Hemd, eine auffällig große Uhr und eine schwarze Hose. Dann geht es los. Sein Auftritt. Die Dame. Tanzhaltung. Theatralisch lässt er sein freies Bein mit gestrecktem Fuß Kreise ziehen, dann zwingt er sich und seine Partnerin in eine komplizierte Figur nach der anderen, so dass sie kaum Atem holen und einen Schritt tun kann, ohne dass er sie mit einer Saccada stoppt. Seine Frau sitzt da und sitzt. Ob das Argentinier sind, echte Tangotänzer, also quasi authentisch? Zappeln die alle so? Man hat sie nie vorher gesehen. Jemand sagt, dass er Grieche sei, und sich brüste, bei den besten Lehrern gelernt zu haben.

Ansonsten keine besonderen Erkenntnisse, entspanntes Tanzen, nette Sätze dann und wann, Verwunderung wie immer, dass man unter diese Menschen geraten ist, noch größere, dass man immer wiederkommt, gut, man tanzt eben gern. Auf dem Weg zum Bahnhof heftiger Regen. Im Bahnhof der Mittdreißiger mit rotblondem Rasta, der im Nacken zu einem Biberschwanz verfilzt ist. Dem hat man vor ein paar Wochen fünf Euro in die Hand gedrückt, aber ob so etwas hilft, weiß man nicht, eher nicht, denkt man, wenn er's vertrinkt, ist es auch in Ordnung, dann vergisst er vielleicht für einen Augenblick seine Lage. Der Sonntag ist so gut wie vorüber, der Frühling ist weit, es geht einem gut.

Im Bahnhof stehen junge Männer in Grüppchen oder sitzen auf Bänken, nach Ethnien getrennt. Deutsche Bahn Security geht herum. Reisende ziehen und schieben Rollkoffer. Drei junge Männer stecken die Köpfe zusammen. Ich gehe zu ihnen. Ich sage, baut keine Scheiße, Jungs, wir beobachten euch, und gehe weiter. Wer sie beobachtet, wissen sie sofort, denn ich lag richtig, sie hatten etwas vor, sie haben immer etwas vor und ich bin die Polizei. Sie haben mich zwar noch nie gesehen, aber ich bin die Polizei, und da sie das jetzt wissen, sagen sie es den anderen. Die sollen auf mich aufpassen. Die sollen mich genauso beobachten, wie wir sie beobachten. Aber wer sind wir denn eigentlich, dass wir sie beobachten. Sie haben doch noch nichts getan, oder? Sie stecken doch nur die Köpfe zusammen.


Mo 11.02.19 10:23 bewölkt, könnte alles geben heute, frisch

Zum ersten Mal seit fast einem Jahr stehen die Aa-Wiesen an der Hauptstraße unter Wasser. Die Wasserstände, die durch die Trockenheit des vergangenen Jahres beängstigend niedrig waren, hätten sich schon zu zwei Dritteln erholt, heißt es, was mich erstaunt, aber mich erstaunt auch, dass Feinstaub plötzlich kein Problem mehr sein soll in deutschen Städten, als könne man heute dieses und morgen jenes verkünden, man muss es nur lautstark genug tun. Die Wolken kommen mit einigem Schwung aus Nordwest. Bügelwäsche liegt bereit. Worauf warte ich? Ich warte noch auf die Fiktion, und die des Montags geht so: Kommt ein Mann und sagt, Guten Tag, ich bin ein Mann, ich sehe nicht gut aus, ich will aus dem Leben scheiden, hätten Sie da einen Vorschlag. Natürlich, kommen Sie nach Amerika.

20:21

Die Stadtpunks haben zwei Büros, eines in der Windthorststraße, eines vorm Lackmuseum. Da sitzen sie auf Decken und Schlafsäcken, ihre Hunde reagieren auf Fingerzeig, vor ihnen stehen Becher für Kleingeld. Eine von ihnen kenne ich, sie wohnt bei mir um die Ecke und fährt morgens mit dem Bus zu den Punks. Dort wird geraucht und getrunken, man hält sich warm, ich weiß nicht, ob sie dort darauf warten wollen, dass die Zeit ihnen um die Ohren fliegt, aber sie gefallen mir, sie haben Antifa-Sticker auf ihren Jacken, und beharren darauf, dass nicht jeder arbeiten muss. Romantisch finde ich sie nicht, mir wäre das zu kalt, aber wahrscheinlich gibt es eine Punk-Ehre, die sagt, wer im Sommer Punk sein will, muss es auch im Winter beweisen, sonst ist er eine Lusche.

Di 12.02.19 00:04

Letzte Worte vorm Schlafengehen. Hörst du, Gott, ich habe den Tag vertrödelt wie die Tage vorher, es gibt hier und da Sätze, die ich aufschreiben will, eine Melodie, die ich spielen möchte, ein Essen, das zubereitet werden will, die Bügelwäsche und meine Freiheit. Du, Gott, machst mir das nicht leicht,
aber du sagst, so ist das, wenn man frei ist, Freiheit ist anstrengend, das ist aber nicht schlimm, ich solle weitermachen, das wäre mein Job. Dein Job, sagt Gott, ist es unter anderen, wildfremde Menschen so lange zu grüßen, bis sie zurück grüßen. Das klappt nicht immer. Aber wenn es klappt, ist es schön. Dein Job ist es auch, den Alltag zu schreiben. Du hast ihn begonnen, also bringst du ihn zuende. Dein Job ist es nicht, im Literaturzirkus die große Nummer zu tanzen. Das ist nicht dein Ding. Du weißt doch, was man mit dir machen würde, wenn sie dich in die Manege zerrten. Möchtest du das? Siehst du, das dachte ich mir. Dafür bist du nicht auf der Welt. Ich habe dich gemacht, wie du bist. Du bist gewollt. Gut, sage ich, gut, okay, ich weiß ja, trotzdem tanzte ich schon gern einmal eine Runde durch die Feuilletons, damit sie mir die Scheine hinter den Hosenbund oder sonst wohin steckten. Nach dem Tanz wäre Ruhe mit Geld, aber jetzt, Gott, jetzt lege ich mich hin. Du hast wie immer volle Verfügungsgewalt über mich, du kannst mich töten, mir wäre es jedoch lieber, wenn ich mich und dich morgen zum Frühstück träfe. Nicht vor acht bitte. Kannst du es nicht einmal so drehen, dass ich bin zehn schlafe?


9:44

Wenn die Prognose stimmt, wird in den nächsten Tagen die Sonne scheinen. Hoffentlich Freitag, wenn ich meine Kutschertätigkeit wieder aufnehme. Heute denke ich über eine Fotosafari nach. Aber noch habe ich nicht gefrühstückt.


15:50

Ich war einkaufen, ich habe zwei Menschen gegrüßt, ich habe eine gute Suppe gekocht, und war mit Stativ und Kamera unterwegs. Ich habe die Landschaft fotografiert, was nicht einfach ist. Eiskalte Finger hatte ich, aber jetzt ist es gut, ich trinke Kaffee, ich bearbeite Fotos, wie immer überleben kaum zwanzig Prozent. Nebenher erfahre ich, dass die SPD wieder soziale Töne spuckt und die CDU sich zu den Rechten an den Tisch setzt. Populismus an allen Fronten, es ist widerwärtig.


Mi 13.02.19 10.54 grau

Kannst du fliegen? fragte ich. Ja, antwortete ich. Natürlich. Zeigst du es mir? Warum nicht. Jetzt gleich? Ja. Hier drin oder sollen wir raus gehen? Meinetwegen hier drin. Gut, sagte ich und flog durchs Wohnzimmer. Zum Fliegen ist es da ein bisschen eng, ich blieb am Lampenkabel hängen, ich verhedderte mich, als würde ein Schwimmer mit den Füßen in Wasserrosen hängenbleiben, ich rief, komm, hilf mir, ich rannte hin, ich wollte mir helfen, aber da war es schon passiert, ich stürzte auf eine halbvolle Tasse Kaffee, die auf dem Tisch stand, der Kaffee war heiß, ich verbrühte mir die rechte Wade und bei anschließenden Weiterstürzen verknackste ich mir das rechte Handgelenk. Oh Mann, sagte ich, das wollte ich aber nicht. Tut mir leid. Macht nichts, sagte ich, wer fliegen will, muss Risiken eingehen, sonst hebt er sich keinen Millimeter vom Boden. Kann ich das auch, oder sagen wir, könnte ich das auch? Natürlich, sagte ich, jeder kann fliegen, es nur so, die wenigsten wissen das, und von denen, die es wissen, glaubt es kaum einer, und wenn du's nicht glaubst, geht es nicht. Glaubst du's? Ich weiß es nicht, sagte ich. Dann lass es besser. Du bist doch Dichter, oder? Ja, sagte ich. Glaubst du, was du schreibst? Nicht immer. Und was tust du dann? Dann lasse ich es bleiben. Warum? Weil es sonst gekünstelt wäre, und gekünstelte Dichtung ist das Schrecklichste, was du dir vorstellen kannst. Die Bibliotheken sind voll von künstlich befruchtetem Mist. Das Grauen, überall nur das Grauen. Ich verstehe, sagte ich.


Do 14.02.19 12:44 sonnig 9 Grad

Gestern war ich zum ersten Mal mit meinem neuen Stativ unterwegs. Heute wieder. Die feste Position der Kamera erlaubt einen konzentrierteren Blick in die Landschaft. Sie überlistet den Zufall der Freihandfotografie. Heute habe ich mit einem Filter fotografiert, der Wolken klar und dramatisch abbildet. Manchmal passt das, dann nicht, alles in allem aber sieht man mit Hilfe des Filters ein Land, das es so nur gibt, weil ich es so abbilde. Das gefällt mir. Als ich gestern unterwegs war, habe ich ordentlich gefroren, vorhin war es besser.


So 17.02.19 13:00 sonnig 12 Grad

Seit gestern herrscht Frühling, aber im Schatten ist nach wie vor Februar. Dennoch war gestern der erste Gartentag. Ich habe Wege frei gemacht, Gestrüpp rupft und hier und da umgegraben. Kuchen gab es auch.Nach drei Stunden sah der Garten schon ein wenig so aus, als hätte sich jemand gekümmert. Auf der Kutsche am Freitag bin ich die üblichen Wege gezockelt, zweimal sind Gäste zugestiegen, und ich hatte nichts von dem vergessen, was ich gelernt habe.

22:09

Wenn ich aus der Stadt nach Hause zurückkehre, brauche ich immer eine Weile, um anzukommen. Plötzlich wieder allein. Ob ich mir den Chabrol Film zuende anschauen soll? - Lieber würde ich essen, aber es es ist nichts mehr im Hause. Ich muss morgen gleich einkaufen. Es war schön in der Stadt. Die Stadt zerstreut mich. Aber hier ist es schöner. Hier zerstreue ich mich selbst. Ist das ein Dorf hier? hat mich mein Enkel, der nachmittags zum Musikmachen hier war, gefragt. Ja, habe ich gesagt, aber das stimmt schon seit vierzig Jahren nicht mehr. Trotzdem fahren hier Trecker, und ich höre Kühe schreien. Ich weiß, was auf dem Land los ist, was blüht und was nicht, ich weiß, was wie hoch schon gewachsen ist, der nächste kleine Wald, Popofickerwald genannt, ist fußläufig keine zehn Minuten entfernt, und vom Frühling ist deutlich mehr zu spüren, als in der Stadt. Ich bin aber froh, dass sie in der Nähe ist. Ohne sie würde ich eingehen wie eine Primel. Hier ist nichts, was mein Interesse über die Maßen weckt. Die Menschen, die ich kenne, sind freundlich, sie wären verbindlich, wenn ich es wäre, aber das bin ich nicht. Ich bin flüchtig, und weiß nicht recht, warum. Ich schiebe das gern auf meine Sozialisation, aber seit über fünfzig Jahren sozialisiere ich mich selbst, und dafür gibt es keine Entschuldigung. Im Garten kam mir die Idee, dass die Überwindung dieser Flüchtigkeit ein wunderbares Motiv abgäbe, um meinen Roman doch noch zu schreiben. Ich habe
alle Zeit der Welt, jeder Gedanke einer kommerziellen Nutzung bliebe außen vor, ich würde auf nichts schielen, und könnte meiner Flüchtigkeit Herr werden, indem ich den Augenblick sorgsam beschriebe. Im Angesicht des in der Ferne dann und wann sichtbaren Endes machte Arbeit und Struktur Sinn.


Mo 18.02.19 00:14

Der recht kleine Herr Schulz hatte der recht fülligen Frau Emser die Suppe madig gemacht. Wie, soll nicht wiederholt werden, soviel nur, Herr Schulz neigt hin und wieder zu Ausfällen verbaler Art, aber er meint es nie so, er glaubt, dass sie witzig seien, und dass die recht füllige Frau Emser das doch hätte wissen müssen, aber Frau Emser hat ein hartes Berufsleben und ist abends manchmal nicht mehr in der Lage, die simpelsten Scherze zu verstehen, zumal nicht, wenn sie sich auf eine von ihr gekochte Suppe beziehen. Bei Speisen nämlich ist sie besonders heikel, da will sie immer sofort wissen, wie man etwas findet, und wenn man etwas überhaupt nicht findet, kann es sein, das sie in eine beleidigte Schockstarre verfällt, die oft über Tage anhält. Dann kann der recht kleine Herr Schulz noch so alberne Wiedergutmachungsversuche starten (es hat da ein Repertoire, das sonst gern angenommen wird), in solchen Fällen hilft gar nichts mehr, schließlich hatte er die Suppe mit einer vom Magen nicht akzeptierten Flüssigkeit verglichen. So kam es also, dass das Zusammensein der beiden an jenem Abend nicht recht gelingen wollte, worauf der recht kleine Herr Schulz beschloss, den Nachtbus zu nehmen, um heimzufahren.

Er hatte vage Informationen über die Abfahrtzeiten, ihm blieb eine Viertelstunde zur Bushaltestelle, eine Entfernung, die bei flottem Schritt durchaus machbar war. Etwa drei Minuten vor geglaubter Abfahrt, der kleine Herr Schulz hatte sich der Bushaltestelle schon bis auf ca. 150 Meter genähert, sah er, dass der Bus ihm entgegenkam. Sofort begann er zu rennen. Der Busfahrer sah das. Trotz fehlenden Gegenverkehrs wartete er beim Linksabbiegen über Gebühr lange. Der kleine Herr Schulz rannte in Höchstgeschwindigkeit. Als der Bus wieder anfuhr, hatte er die Hälfte der Strecke bis zur Haltestelle hinter sich gebracht. Der Bus fuhr langsam, hielt noch einmal, so dass der kleine Herr Schulz sicher war, dass die Verlangsamung ihm galt, dennoch erhöhte er seine Geschwindigkeit noch einmal, erinnerte sich daran, dass er als Sechzehnjähriger trotz seiner kurzen Beine die Hundert Meter einmal in dreizehn Sekunden zurückgelegt hatte, erreichte schließlich den Bus, stieg schwer atmend ein, rief dem Busfahrer ein Danke entgegen und fiel in den Sitz.
Nie hatte er sich besser gefühlt. Alle Zweifel schienen verflogen, Herr Schulz war regelrecht glücklich. Dass so ein Sprint derartig beflügelnd wirkt, hätte er nicht gedacht. Er überlegte, allen Übeln und Süchten auf der Stelle abzuschwören und fortan jeden Tag so einen Sprint zu absolvieren. Acht Stationen weiter, er war noch immer schweißnass, hatte sich seine Atemfrequenz fast normalisiert. Bei Erreichen des Ziels bedankte er sich noch einmal beim Busfahrer, ein gesprächiger Mensch, der offenbar glücklich war, ihm einen Gefallen getan zu haben. Die kleine Frau Emser, der er per SMS von seinem Sprint berichtet hatte, schien plötzlich wieder ganz aufgeräumt und nannte ihn ihren Buscatcher.


10:33

Ich hatte große Pläne. Die andern wollten langes Haar und Frauen ficken, ich wollte nach ganz oben. Ich hatte gehört, die Luft wäre da dünn, aber dünner als da, wo ich herkam, war sie bestimmt nicht. Ich hatte nur ein Problem. Ich wusste nicht, wie man dahin kam. Und dann war Nachmittag, es war der Tag nach dem heißesten Tag des Jahres. Die mit den langen Haaren fickten Frauen und schrammelten ihre Gitarren, sie faselten von Frieden und Liebe, und ich stand auf dem Hof zwischen Kino und Sparkasse. Ich hatte es weder kommen sehen, noch steckte ein Plan dahinter, aber ich lüge nicht, es war so und ich kann es nicht ändern. Zwei Männer rannten auf mich zu, und als sie schon fast an mir vorbei waren, riss mich einer am Kragen und zog mich hinter sich her und am Hals spürte ich etwas sehr kühles. Dann saß ich im Auto, und die Männer fuhren sehr schnell. Sie fuhren ins andere Bundesland, das gleich hinterm Wald lag, und als es den Berg hinunter ging, versteuerte der Fahrer, das Auto kam von der Straße ab, es überschlug sich, ich weiß nicht mehr, ich denke jedenfalls, dass es sich überschlug, es überschlug sich so oft, dass es zu brennen anfing, aber ich kam noch heraus. Die beiden Männer nicht, die waren tot, jedenfalls gaben sie keinen Pieps von sich. Ich schnappte mir ihre Tasche und verschwand. Bei all dem dachte ich überhaupt nichts, ich fing eigentlich erst an zu denken, als ich in die Tasche schaute, und als sie abends und im Dorffernsehen sagten sie, dass da eine Sparkasse überfallen worden wäre und dass jetzt zweihundertfünfzigtausend Euro fehlten, dachte ich, so schlimm kann das nicht sein, die Sparkasse hat ja genug, ich nahm ein paar Scheine und ging Essen.


16:33

Der erste Anruf war anonym, also nahm ich nicht an. Wenig später meldete sich die Sprachbox. Man sei eine Kanzlei in Wien, es gehe um einen Gewinn, ich solle mich umgehend melden. - Ja, natürlich. - Der zweite Anrufer stellte sich mit Namen vor, ich sagte, wie bitte, ich habe Sie nicht verstanden, darauf er, unwirsch, er sei vom "Raubdezernat", und wo ich am Samstag gewesen sei, er habe doch eine Kollegin vorbeigeschickt ... Wissen Sie, sie klingen überhaupt nicht seriös, unterbreche ich und lege auf. Die Polizei, die ich darauf anrufe, sagt, solche Anrufe gingen in Wellen über Land, man könne sich nicht existente Telefonnummern generieren lassen, die auf dem Display des Angerufenen erschienen und Seriösität ausstrahlten.


20:58

Den Überblick behalten, riet Kreuzberg, aber Grode glaubte nicht an Überblicke. Grode hatte die Lage begriffen. Ich habe die Lage begriffen, wiederholte er mal für mal, da ist kein Überblick möglich. Der Zug ist abgefahren. Was jetzt noch Sinn macht, ist in Stille zu verharren und darauf zu vertrauen, dass es nicht mehr lang dauert. Kreuzberg traten Schweißperlen auf die Stirn. So etwas machte ihm Angst, aber zum Glück hatte Grode immer a: eine Flasche dabei, b: eine dicke Tüte gerollt, c: Geld, um mindestens zwei Frauen herbeizutelefonieren. Also, mein Lieber, sagte er. Was machen wir heute? Kreuzberg, der gerade versuchte, sich daran zu gewöhnen, dass auch er den Überblick längst verloren hatte, überlegte nicht lang. Ficken, sagte er. Gut, sagte Grode. Er hatte die neue Fick-App auf seinem I-Phone, mit der ging alles ganz schnell. Eine halbe Stunde später standen zwei Frauen vor der Tür. Eine Stunde darauf waren sie schon wieder fort, aber Kreuzberg und Grode hatte ihr grundsätzliches Mißverständnis noch nicht gelöst.