Februar 2022                     www.hermann-mensing.de      

mensing literatur 

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Di 1.02.22 15:54 Krise Tag 701 Regen

vergeblich
heute tätig zu werden
werde beim drandenken schon nass
seufze verputze was
nehm eine decke
krieche aufs sofa
richte das licht aus
es sind bücher im haus
ein klavier ein bass
eine chromatische mundharmonika
höre das schleifen der wolken
berste vor frust
schnapp mir die ukulele
ton für ton liebe
zeig dich frühjahr
wenn's nur für ne stunde ist
es tut not


Mi 2.02.22 13:40 Krise Tag 702 Sonne


Die Glocken von St. Antonius läuten. Jede hat einen Namen und einen Ton. Antonius (D), Maria (E), Heinrich (F), Albert (G) und Klara (A). Ich denke an Mutti, Vatti, Tante Änne, an meine Frau. Sie schwingen da oben. Ich winke. Es ist ein kalter, sonniger Vormittag. Vor mir ein Porsche GT3 mit röhrenden Verdauungsstörungen. Er war mir schon durch unangekündigtes Wechseln der Fahrspur aufgefallen. Zwei Polizisten springen in einen Van und fahren mit Blaulicht davon. Der Porschefahrer ist kaum älter als zwanzig. Vorm Kreisverkehr überhole ich ihn. Meine Aprillia ist gelenkiger als sein Bolide. Papas Auto? Bei Hifi Fraune (HighEnd, Speaker für 45000 - wer kauft sowas? - Oligarchen) verspricht man mir, meine Kopfhörer innerhalb der nächsten Tage zu reparieren. Bei der Portugiesin kaufe ich Wein und frische Orangen, unfassbar saftig und süß. Die Wolbecker Straße wird immer hipper. Alles heißt irgendwie Manufaktur. Grün. Vegan. To Go. Hinterm Zoo packen mich Windböen. Zuhause schäle ich mich aus der winddichten Motorradjacke, , setze mich aufs Sofa und rauche einen Spliff. Die Sonne scheint immer noch. Ich kann es kaum glauben. Ich werde Klavier spielen.


Do 3.02.22 11:54 Krise Tag 703 grau

Wo gestern Sonne war, ist heute wieder das dominierende Grau.

17:36

Aufstehen, frühstücken, Betten machen, Müll wegbringen, Spülen, Konto checken, essen, kleinen Spaziergang machen, Kaffee trinken, Zigarette rauchen, Abendessen, schlafen gehen.


Fr 4.02.22 12:27 Krise Tag 704 grau

Stille ist eine Viertelstunde entfernt. Ein Eichenwald. Ein sogenanntes Hochzeitswäldchen. Gutsbesitzer, vornehmlich Aristokraten, spendierten sie zur Hochzeit eines ihre hochwohlgeborenen Kinder. Die Eichen sind bis zu den Kronen mit Efeu umrankt. Am Grund wachsen Stechplamen, Ilex, auch Christdorn genannt, zwei Wälder in einem. Nachmittagslicht greift mit langen Fingern hindurch. Auf einem Feld Schatten, die im satten Grün der Wintergerste nach Essenbarem picken. Als ein Bussard heranfliegt, werden sie unruhig. Der Bussard kreist. Vier, fünf Krähen steigen auf und greifen den Bussard an. Der weicht aus, Flugtanz in hoher Vollendung, er ruft diesen hohen Ton, der so gar nicht zu ihm zu passen scheint und dreht ab. Von irgendwo kommt ein schwarzer Setter und fliegt in langen Sprüngen übers Feld. Die Krähen machen sich schleunigst davon. Ein Pfiff ertönt. Der Setter dreht um und läuft zu seinem Herrn.

15:23

treibgut
von weiß nicht wo
bin ich
erhob mich
sein gelang
das glück
auch dann und wann
ach hätt ich...
sagte ich
so gut wie nie
verbeug mich vor der muse
damit worte fliegen lernen
mein anfang ist das ende
in den sternen steht
dass aus mir wieder treibgut werde
erlaub mir daher jede volte
vorm letzten kuss der erde
genieße
ihn mit wein begieße
zudem mit thc befeu're
ergeb'ner diener pegasus'
und schluss. der eure.

So 6.02.22 13:40 Krise Tag 706 grau

Ich habe gut geschlafen. Rechts von mir die Frau. Es wurde flatuliert, geschnarcht und geseufzt. Ich fühlte mich geborgen. Gegen acht habe ich Wasser abgeschlagen und mich wieder hingelegt. Es regnete. Den Tag grau zu nennen, ist untertrieben. Es weht ein kräftiger Wind. Ich ziehe die Schlafmütze tief ins Gesicht, aus Grau wird das endgülte Schwarz. Ich liege auf dem Rücken, lege beide Hände gekreuzt übers Genital und träume. Gegen zehn stehe ich auf. Ich spüle. Ich setze die Espressokanne auf. Ich springe ans Klavier, improvisiere über b* cis f. Der Kaffee ist fertig. Ich beschließe, dem Tag etwas entgegenzusetzen. Ich werde zwar hinsehen, den heulenden Wind und den treibenenden Regen auf der Haut spüren, aber glauben, dass sie und ich bei Gewitter und Regen barfuß durch eine teils geflutete Straße rennen. Sommer in der Stadt. Da hinten, das Haus mit Türmchen, da wohnen wir im Hinterhaus mit Küche zu ebener Erde, ringsum ist wilder Garten, Kirschbäume. Im Vorderhaus machen alle Musik. Der Vater ist ein Mediziner mit Holzbein, der gern trinkt und regelmäßig die Treppe zum Haus herauf- oder herunterfällt. Spatzen landen auf der Vogelstation. Träume verfliegen schneller, als ich träumen kann. Es ist so grau und so feucht, dass ich glauben könnte, die Seuche beinflusst jetzt auch noch die Farbwahrnehmung. Dabei ist nur beschissenes Wetter, das kommt hier täglich vor, das weiß ich, seit ich lebe. Ich setze Kaffee auf und höre You really got me. Die Frau kommt. Wir stehen voreinander. Ich bin textsicherer. Wir tanzen Beat. Wir lachen. Dann geht sie wieder in ihr Zimmer und legt sich aufs Sofa. Der Kaffee ist fertig. Ich bring ihn ihr. Sie hat mir dafür eine Zigarette gedreht. Ich steck sie mir an, geh auf mein Sofa und kuck After Life.


Mo. 7.02.22 16:15 Krise Tag 707 sonnig.

Der kleine Fluss hat den Weg durchs Tals auf fünfzig Meter geflutet. Man hatte mich gewarnt. Da kommen Sie nicht weiter, sagte eine Frau in gelbschwarzblauer Sportkleidung plus Hund zu mir. Ich versuch's, antwortete ich, kriegte nasse Füsse, nasse Hose und fuhr wieder heim, um mich umzuziehen. Das, meinte später die Portugiesin, wäre klug gewesen. Ja, hatte ich geantwortet, alte Männer müssen aufpassen. Wir lachten von Herzen. Dann fuhr ich zu einem Freund. Seine Frau ist krank. Wir kennen uns ein Leben lang. Ich wollte Guten Tag sagen. Wie geht's. Trösten. Auf dem Heimweg bot man mir bei Oxfam einen orangefarbenes Armbändchen an, mit dem ich überall ohne check-in einkaufen könne. Ich lehnte dankend ab, obwohl es praktisch ist, aber ich mag nicht mit einem Bändchen rumlaufen. Es reicht mir, dass ich weiß, wie ich heiße und es beweisen kann. Heute ist schön. Jetzt ist noch schöner, obwohl die Frau ernsthaft krank ist und alle sich Sorgen machen. Überall machen sie sich Sorgen. Sie begreifen oder wollen nicht begreifen, dass Sorgen zwar verständlich, aber nutzlos sind, weil jeden Augenblick alles geschehen kann. Zur Not muss man den Kopf gegen die Wand hauen und ihn ordentlich durchrütteln, vielleicht wacht man dann auf. Der kleine Fluss übrigens sieht an manchen Stellen aus wie die Weser bei Holzminden. Die gefluteten Flächen sind voller Möwen und Gänse. Jetzt Kaffee und Kuchen auf dem Balkon nach dreißig Kilometer auf dem Rad. Der Rest der Woche soll, hört man, wieder im Regen versinken. Der Regen kann mich. Ich lasse mich nicht mehr aufhalten.


Mi 9.02.22 10:45 Krise Tag 709 grau

Nüchtern betrachtet ist die Welt mühsam.


17:20

Gneeschlöckchen hinterm Wauberzald, ein Saf
an, zwei Ssubarde, die üblichen schwarzen Gesellen, dann ist schon er Turm in Sicht, wo wir Kaffee trinken und Kuchen essen. Niemand fragt nach unserer Covid ID. Normalität, die augenblicklich erlöst, aber als ich nach Verzehr der Barrista erzähle, das sei heute und hier das Schönste gewesen, erschreckt sie ein bisschen. Niemand? fragt sie nach. Niemand sage ich, und eh Sie's jetzt noch nachholen, bin ich weg. Danke.

Do 10.02.22 18.37 Krise Tag 710 mittelgrau

wenn nun worte liegen blieben
weil ich sie übersehen habe
das wäre traurig
worte lieben geschrieben
zu werden und schaurig
ist es für sie
übers moor zu gehen
worte sind gesellig
meine einzigen freunde
freunde übersieht man nicht
freunde pflegt man
aber ich bin sicher
dass ich welche übersehen habe


Sa 12.02.22 22:54 Krise Tag 712 sonnig

wir trieben durch die nacht
als wäre nichts und nie etwas gewesen
mit aller macht vergaßen wir die furcht
als wäre alle welt genesen
wir aßen tranken menschen ringsumher
als wären alle krankenhäuser leer
als gäbe es die trottel nicht
und nur vernunft hätte gewicht
und liebe wäre präsident weltweit
und nichts und niemand hätt uns je entzweit


Mo 14.02.22
15:35 Krise Tag 714 wechselnd bewölkt

Als ich mich auf die Bank setzte, um auf den Bus zu warten, riss der unterste Knopf meines Lieblingsmantels ab, fiel auf den Boden und rollte, noch eh ich ihn mit dem Fuß stoppen konnten, in den Gulli. Ich schaute hinab und sah ihn zwischen Zigarettenkippen und Unrat. Ich hob den Deckel auf 45 Grad, kriegte ihn jedoch nicht aus der Fassung, so dass jemand ihn hätte halten müssen. Ich fragte einen jungen Mann, ob er mir helfen könne. Er trug headphones, ich musste laut werden, eh er auf aufmerksam wurde. Das ist mir zu dreckig, sagte er. Also kippte ich den Gullideckel zurück und verschob die Rettung des Büffelhornknopfes auf später, fuhr in die Stadt, brachte meine Lumix zur Reparatur, trank einen Cappuccino und aß einen Hotdog. Auf der Heimfahrt fragte meine Sitznachbarin nach dem Weg zum Zentralfriedhof. Zuhause bat ich meinen Nachbarn, mir bei der Knopfaktion behilflich zu sein. Jetzt ist er gerettet und angenäht. Ich glaube, viel mehr wird heute nicht passieren. Es sei denn, ich entschlösse mich, von Jason und Medea zu erzählen. Es war Freitagabend in einer Kneipe, die aussieht wie Tante Mienes Wohnzimmer in den späten Fünfzigern. Leicht angegammeltes Biedermeier. Medea und Jason haben eine Weile Körperflüssigkeiten getauscht, was aber zu nichts geführt hat. Seitdem umkreisen sie sich in elyptischen Bahnen. Jason hatte mir von ihr erzählt. Sie ist kompliziert, hatte er gesagt. Bei dem Namen, hatte ich geantwortet. Wer nennt seine Tochter denn schon Medea? Schulterzucken. Jason bestellte Mescal Mule. Man trinkt ihn aus Metalltassen. Mescal, Eis, Gurke, Ingwerbier und einen Strietz Angostura Bitter. Der Laden war voll. Irgendwann fragte Jason, ob ich Medea, die ich noch nie gesehen hatte, unter den anwesenden Hippstern ausfindig machen könne. Ich hatte sie längst gesehen. Da! sagte ich. Nicht so auffällig, sagte Jason. Mir war, als wäre ich durch eine Zeitloch gefallen. Nichts hatte sich verändert, nur die Musik klang anders. Aber so anders auch wieder nicht. Ringsum nervös präsentierte Coolness. Jeder registriert jeden, und wer sich nicht kleidet, wie Hippster sich kleiden, bleibt außen vor. Jeder sucht jemanden, der ihn mit nach Hause nimmt, aber das Geschäft des Findens ist kompliziert. Medea und Jason taten so, als wären sie Luft.



Di 15.02.22 11:34 Krise Tag 715 ziemlich grau

ich bin treiber
der sich treiben lässt
dann und wann mit whisky nässt
ich betreibe dies gewerbe
mit der aussicht auf ein erbe
dass man noch in hundert jahren weiß
dass ich Hermann Mensing heiß.


Mi 16.02.22 12:53 Krise Tag 716 grau, Regen

Die Seuche ist da. 716 Tage hat es gedauert, bis sie meine Lebensgefährtin erwischt hat. Nachdem ich gestern eine Risikowarnung der Corona-App bekam, hatte ich mich testen lassen und war negativ. Vorhin habe ich noch einen Test gemacht und war wieder negativ. Was also jetzt? Darf ich noch einkaufen? Muss ich ein Büßergewand anziehen? Soll ich mich ein betrinken? Meine Lebensgefährtin fühlt sich vergrippt. Heute nacht schläft sie im Gästebett, und wenn ich's morgen immer noch nicht habe, darf sie wieder zu mir.


Do 17.02.22 16:04 Krise Tag 717 wechselnd wolkig, stürmisch

Am 11. Februar hatte ich eine Risikobegegnung. Ob es Medea war oder der indische Koch, der Barkeeper in der Sky-Bar oder die Regisseurin? Oder lag es in der Luft und wollte endlich erledigt werden. Im Sinne der Kontaktverfolgung macht die Corona App Sinn, wenn ich mir aber vorstelle, wie mein Smartphone hinter meinem Rücken kommuniziert, wird mir übel. Es ist schon besser, dass ich es nur selten mitnehme.

Das liest Herr M. simultan: Josef Winkler: Der Leibeigene (S.143), Mircea Cartarescu: Der Körper (S.83) Lutz Seiler: schrift für blinde riesen Gedichte (S.51) Josef Winkler: Friedhof der bitteren Orangen (S.47) Mircea Cartarescu: Die Wissenden (S. 83)


Fr 18.02.22 10.37 Krise Tag 718 grau, Regen

Ich bin nach wie vor negativ. Das soll so bleiben, denn morgen will ich tanzen. Wenn ich allerdings nach draußen schaue, hätte ich nichts dagegen, mich ins Bett zu legen und abzuwarten, bis Frühling wird. Tagsüber im Bett liegen aber nur Kranke, und das bin ich ja nicht. Wenn ich mich hinlegte, wäre ich faul.


Sa 19.02.22 11:20 Krise Tag 719, windig, blauweißer Himmel

Ich bin positiv. Ich werde zehn Tage nirgendwohin gehen dürfen. Fuck! Mehr als einen kleinen Schnupfen habe ich nicht, und alles, was folgt, unterliegt der Psychologie. Nach 719 Tagen Katastrophenmeldungen könnte ich mir alles mögliche einbilden. Will ich aber nicht. Ich werde mich beobachten. Ich werde mich pflegen, ich werde gut essen und trinken und den Ball flach halten.


So 20.02.22 12:08 Krise Tag 720 grau und feucht

Außer dem kleinen Schnupfen, der aber schon nachlässt, nach wie vor keine Symptome. Morgen lasse ich einen PCR Test machen.


Mo 21.02.22 21:10 Krise Tag 721 grau, feucht

Brötchen gebacken.
PCR Test gemacht.
Im Bett gelegen.
Spaziergang gemacht.
Zickenterror.


Wenn ich nicht wüsste, dass ich Covid habe, hielte ich's für ne Erkältung, tränke einen Grog und gut wär's, aber mit all den (oft widersprüchlichen) Infos der letzten zwei Jahre bilde ich mir natürlich noch alles mögliche ein.


Di 22.02.22 16:05 Krise Tag 722 grau, feucht

Tag vier der Quarantäne. Ich könnte von früh bis spät arbeiten. Ich könnte genießen. Ich kann gar nichts.


Mi 23.02.22 16:55 Krise Tag 723 sonnig

Tag fünf der Quarantäne, heute früh keine Symptome, jetzt, nach dem Mittagsschlaf, so eine Grundkälte im Körper, gegen die man sich nicht anziehen kann. Von X. erfuhr ich, dass er seinen Husten nicht los wird, obwohl er nicht mehr positiv ist. Mir ist die Seuche unheimlich.


Do 24.02.22 9:50 Krise Tag 724 (Kriegsbeginn) recht hell

Der einen sticht die Seuche mit glühendem Stahl in den Rachen, ein anderer hustet und hustet, mir ist weiter nichts, außer seltsam sämigen Stuhl und dem Gefühl, dass hier etwas vor sich geht, das größer ist als ich, was aber auch damit zu tun haben kann, dass ich seit zwei Jahren von Informationen bombardiert werde, die ich nur bedingt einschätzen kann, wieder jemand anderem geht es auch nach zehn Tagen beim Treppensteigen noch auf die Lunge, es scheint, dass die Seuche mit jedem anders verfährt, und dabei haben wir es mit der angeblich "milden" Variante zu tun. Wie froh muss man sein, dass weltweit Wissenschaftler rund um die Uhr an diesem Problem arbeiten, und wie erbarmungswürdig scheinen die Leugner in diesem Licht, so klein und dumm, dass man ihnen nicht einmal mehr guten Tag sagen möchte.


22:07

Lorne Malvo ist tot, Lester Nygaard auch, alle übrigen Bösen haben ihr Blut verspritzt, die Guten haben gesiegt. Molly ist Chief und ihr angeheirater Expolizist ein Held. Nach zehn Folgen der 1 Staffel Fargo darf nun der Krieg in epischer Breite beginnen. Wir werden zuschauen wie wir immer zugeschaut haben. Morgen machen wir eine Friedensdemo, wir hängen auch wieder Fahnen raus wie damals, kein Blut für Öl haben wir draufgeschrieben und uns gut gefühlt. Aus dem Alter sind wir jetzt raus. Wir wissen, wir sind nicht zu retten, das Einzige, was man tun kann, ist Ruhe bewahren und hoffen, dass es glimpflich ausgeht. Es wird glimpflich ausgehen. Wir werden danach eine Weile glauben, wir wären klüger, aber auch das wird sich als weitere Illusion herausstellen. Genau wie das Gedichteschreiben und alles andere. Also. Ruhe bewahren. Die Frau ist von den Nachrichten überwältigt vorm Rechner eingeschlafen. Die Kommentatoren reden auf sie ein. Wenn ich das System abstelle, wird sie wach, also stell ich es nicht ab. Ich habe etwas zu lesen. Ich weiß, wie Schlaf funktioniert.


Fr 25.02.22 20:13 Krise Tag 725 recht hell

Am Tag 7 der Quarantäne setzt Verlotterung ein. Wozu aufstehen, wenn man nicht raus darf. Da kann man doch gleich ins Bett machen, dann weiss man schon mal, wie die Zukunft riecht. Von fern übrigens Geschützdonner, überlagert vom Gesang der Friedensaktivisten. File under: time of my life.


Sa 26.02.22 18:00 Krise Tag 726 sonnig

1

ich glimm
im 8ten tag
der quarantäne
will aber brennen
froh ins unglück rennen
lachen heulen und gewinnen

2

ich glimm
im 8ten tag
der quarantäne
will aber brennen
froh ins unglück rennen
will lachen randalieren
flennen

So 27.02.22
19:25 Krise Tag 727 sonnig


wir lassen uns nicht verrückt machen. wir beobachten, was da hinten ist. wir stellen uns vor, was man mit 100 milliarden machen könnte. wir lassen uns nicht verrückt machen. erste forsytienblüte. ein buchfink. meisen. kohlmeisen, ein bisschen enttäuscht, dass kein futter mehr da ist, aber ich kann keins holen, wegen der quarantäne. ich gehe nur dahin, wo keine menschen sind, d.h. ich fahre mit dem rad herum. weil keiner weiß, was richtig ist, mache ich mit. habe zunehmend zweifel. es gibt vermutungen. die wissenschaft schaut sich das ding von allen seiten an, aber wohin sie auch schaut, überall sind neue fragen. also, wie geht's, in diesen historischen tagen, von denen man später sagen wird .... ich konzentriere mich darauf, nicht den verstand zu verlieren
und bewundere meine lebensgefährtin, die stoff für ein kleid zuschneidet.


21:06

wir lassen uns nicht verrückt machen. wir beobachten, was da hinten ist. wir stellen uns vor, was man mit 100 milliarden machen könnte. wir lassen uns nicht verrückt machen. erste forsytienblüte. ein buchfink. meisen. kohlmeisen, ein bisschen enttäuscht, dass kein futter mehr da ist, ich kann keins holen, wegen der quarantäne. ich gehe nur dahin, wo keine menschen sind, d.h. ich fahre mit dem rad. weil keiner weiß, was richtig ist, mache ich mit. die wissenschaft schaut sich das ding von allen seiten an, aber wohin sie auch schaut, überall neue fragen. also, wie geht's, in diesen historischen tagen, von denen man später sagen wird .... ich versuche nicht den verstand zu verlieren und bewundere meine lebensgefährtin, die stoff für ein kleid zuschneidet.