Januar 2003                                   www.hermann-mensing.de                     

mensing literatur

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Do 2.01.03 16:53

Gerade blitzte es. Donner rollt über das halbdunkle Land. Es ist feucht und kalt. Ich arbeite. Ich denke an nichts als an Worte, Sätze, Geschichten. Sie sind über mir und hinter mir her. Wie ich mich auch drehe und wende, sie sind längst da. Manchmal wecken sie mich in tiefer Nacht. Es ist also alles wie immer. Das Jahr hat begonnen. Es geht aufwärts.

 

Fr 3.01.03  13:46

Als alle noch high waren und frei, als jeder glaubte, der andere sei gut, weil dessen Haar den Kragen überwuchs, als jeder glaubte, englische Bands wüssten mehr als alle anderen, als man Maofibeln verschenkte, Jasmintee trank und beim Kiffen Farben sah, gab es in G. einen, der alle überstrahlte. Sein Haar hing tief auf die Schultern, er war spindeldürr und man sagte ihm vieles nach. Jeder nannte ihn P.T. (englische Aussprache). Irgendwann ging ich fort und P.T. verschwand aus meinem Bewusstsein. Vor zehn, fünfzehn Jahren erfuhr ich, dass man ihn mit einem Prostituiertenmord in Verbindung brachte. Wenig später wurde er verurteilt. Wieder Funkstille. Heute saß ich im Café. Zwei Tische weiter saß jemand, der mir schon vorletzte Woche aufgefallen war. Groß, zurückgekämmtes silbergraues, handlanges Haar, indianisches Profil, schlank, das Jackett seiden wie die Krawatte: P.T. natürlich, wer sonst. Sie sagen, er habe den Mord nicht begangen, aber für den Mörder eingesessen. Davon lebe er jetzt. Mein Kaff. Mein schmieriges Grenzkaff. Hier leben Menschen aus 56 verschiedenen Nationen. Autoschieber kommen aus Polen, Littauen, aus der Ukraine und Lettland. Irgendetwas scheint sie hierher zu locken. Dabei wäre es doch viel einfacher, gebrauchte Autos in größerer Nähe zum Heimatland aufzukaufen, aber nein: sie kommen hierher.

22:10

Gibt es etwas Selbstgerechteres als Eltern, die glauben, alles richtig gemacht zu haben? - Kaum. Guten Abend also, liebe Leser, die ihr der Dinge harrt, die auf euch zukommen.

 

So 5.01.03  12:46

Jazzfest in der Stadt. Der Moderator der aktuellen Stunde kündigt Jazz als "Musik für Abiturienten" an. Kein Wunder, dass nur Lehrer, 68er, Sozialpädagogen und Psychologen da waren. Einige von ihnen kenne ich. Von einigen weiß ich, dass sie kaum Jazz hören, Sting für das Non plus Ultra halten und gern von damals träumen. Plötzlich aber rufen sie "Yeah" und klatschen wie wild, zucken bei der Musik von Rabih Abou Khalil mit den Gliedmaßen, schütteln die ergrauten Haare und wundern sich, wenn sie sich in den Fangnetzen der 7er, 9er und 13er Zählzeiten verheddern. Schöne Welt, meine Welt im Beamtenarsch Münster, man weiß, wann man klatschen muss, aber selten, warum.

 

Mo 6.01.03 11:53

Lese, dass die Bundesluftwaffe Abfangrotten unterhält. Schlage nach und erfahre, dass es sich entweder (altfrz.) um eine rote Schar mehrerer zusammenlebender Sauen, um hintereinander stehende oder gehende Soldaten einer mehrgliedrigen Abteilung oder um 2 taktisch zusammengehörige kleine Kriegsfahrzeuge handeln muss. Sie flogen über Frankfurt, um ein Leichtflugzeug in heldenhaftem Einsatz davon abzuhalten, sich in ein Hochhaus zu stürzen. Oha. Noch mal eben davongekommen.

 

Di 7.01.03 17:29

Wer hat wann wo welches Interesse? Wenn Sie diese Frage beantworten können, wissen Sie viel über die Konflikte der Welt.

 

Mi 8.01.03 18:00

Sah heute den Gottseibeiuns. Wäre vor Schreck fast von der Fahrbahn abgekommen. Zu meiner Erleichterung erkannte ich beim Näherkommen, dass da jemand einen Ziegenbock spazieren führte.

 

Do 9.01.02   19:33

Man spürt, wie sich dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, diesem von Bürgersinn und freiheitlichem Denken geprägten Land, Tag für Tag die Zehennägel hochklappen, weil wieder keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden wurden. Zum Glück sind da ja noch die Geheimdienstinformationen, die - schon vor Wochen in die Diskussion gebracht - nun endlich den UN-Suchtrupps präsentiert werden sollen. Während der Präsident von Schmerz geplagt die Fußpflege kommen lässt, schießt Indien eine Rakete gen Himmel, die Sprengköpfe tragen kann, droht Pakistan seinerseits und Nordkorea lacht. Großes Amerika.

 

Fr 10.01.03   12:46

Bretthart der Frost. Frohen Mutes der Mann. Hat er doch gewagt, um Prozente zu pokern. Mal sehn, wie das ausgeht.

 

Sa 11.01.03  11:24

Es waren Boeing 747: Jumbo Jets. Sie waren vereist. Eis wuchs von den Kabinenwänden. Eis wohin man schaute. Der Kapitän war D. Er rauchte Gras. Der Ort: mein Traum, diese Nacht. Auch klar: D. wurde gejagt. Die Maschinen starteten. D. flog zwei und zur gleichen Zeit? - Ich war nicht mehr an Bord. Ich stand am Boden und sah, wie sie sich in die Luft schoben. Schwerfällig. Wie sie ihre runden Nasen in den Himmel bohrten und Loopings flogen. Ich hörte das Ächzen und Stöhnen unzähliger Nieten und Schweißnähte. Die Todesschreie der Jets. Reißendes Eis. Das Singen, das über einen See springt. Ferne Rufe. Das Brüllen der Motoren. Die Flugzeuge stürzten. Sie bohrten sich in ein Haus. Ich hockte unter einem Mauervorsprung. Ich verkroch mich in einem Schrank.

 

So 12.01.03  11:37

Habe fast eine halbe Stunde damit verbracht, die auf meiner ThinkPad Tastatur nicht ausgezeichnete Raute zu suchen. Seltsame Fenster taten sich auf, die mich in dem Glauben bestärkten, dass die Beherrschung einer mit Zeichen auf mehreren Ebenen belegten Computer-Tastatur längere Studien erfordert. Das Beherrschen komplexer Programme, die derart komplex sind, das wohl nur ihre Erfinder wissen, was man in welchem Falle mit ihnen machen kann, ist völlig unmöglich. Die Frage, ob man mit Demut in so einem Fall weiter kommt, erübrigt sich. Demut ist etwas für Christen. Der beschriebene Fall ist etwas für teure Service-Nummern, Warteschleifen und Nervenzusammenbrüche. Zumal ich wusste, dass es die Raute gibt. Beim 10-Finger-Blindschreiben war sie mir schon untergekommen. Ich war aber nicht in der Lage, ihre Herkunft zu rekonstruieren. Nun aber habe ich sie geortet und so Gott will werde ich sie nicht mehr vergessen.

Sonntag also. Es ist grau. Türen quietschen in den Angeln. Man könnte glauben, die Welt habe Pause. Gleich fahren wir in die Stadt an der Grenze. Der große Sohn stellt in einer Galerie seine Fotos aus. Unter http://www.ueber-der-nacht.de kann man sie sich anschauen.

Seltsame Dinge geschehen. Bin vom Tagesspiegel Berlin in eine Jury berufen worden. Ein Geschichtenwettbewerb für Kinder ist ausgeschrieben. Ich soll die Beste finden.

20:02

Und was lernen wir: Schreiben ist mein Beruf. Zwanzig Jahre habe ich geschrieben, ohne dass es irgendjemanden interessiert hätte. Jetzt wächst das Interesse. Ich staune! Ich bin gespannt. Ich staune. Ich werde alles ins Ausland schaffen.

 

Mo 13.01.03   11:39

Niemand hat gesagt, dass es leicht würde. Niemand hat gesagt, dass man Lesungen um 7:45 beginnen soll. Aber es ist wie es ist, und so lesen wir. Lesen, bis uns Flocken vorm Maul stehen und die Haarspitzen Funken sprühen. Lesen vor einer fünften Klasse, die selbst Gruselgeschichten schreibt und nun fragen könnte und fragen und fragen, wäre sie vorbereitet auf das, was da vor ihren Augen steht und sich müht, aber sie ist es nicht.  
Alltag.  
Der Frost ist über Nacht fort, Regen pladdert, Mensing liest.
Am meisten nervt, dass nicht einmal Lehrer eine dreiviertel Stunde ruhig sitzen können. Dass sie aufstehen und Fenster öffnen, dass einer den Raum verlässt und der nächste kommt.
Würden sie so etwas im Theater tun? - Nein. Niemals.
Ich vermisse die Bühne. Ich vermisse den Raum, der die Situation für alle und eindeutig definiert. Hier wird nicht dazwischen geredet. Hier redet zunächst einmal nur einer. Hier wird auch nicht aufgestanden. Nichts wird hier: hier regiert der Dichter.
Da er ein guter Herrscher ist, gibt es anschließend so viel Redezeit, wie der Hörer haben will.
Wenn er will.
In der zweiten Abteilung lass ich vor "cleveren" Sechstklässlern Kurzgeschichten.
Drei Stimungen, alle hatten es in sich: Leider Lila, Alles ist gut, gar nichts und Die Reise ins Glück. Die Anfänge sind hier nachzulesen.
Auch hier das alte Spiel: der Schriftsteller als das unbekannte Wesen, in meinem Fall schon etwas älter. Sogar eine Zahnlücke hat er und die lässt er sich nicht schließen, weil er will, dass der Verfall sichtbar wird, die vergangene Zeit.
So weit also der Morgen. Zwei Klassen. Der über der Fontanelle schleifende Himmel, der Wasser auf alles ergießt was kreucht und fleucht. Der knurrende Magen. Das mir erspart gebliebene Schicksal der Lehrerzimmer.
Die Raucher sind in der Minderzahl. Hocken in einem Extrakabuff und stinken. Der Kaffee ist nicht der von der Gräfin propagierte, die Plätzchen sind Ökoplätzchen.
Guten Morgen Herr M. Sie sind zu geil für diese Welt.

 

Di 14.01.03   16:32

Langeweile auf höchstem Niveau beim Trio des Pianisten Martin Sasse in Dortmund. So spielen junge Leute den Jazz ihrer Großeltern und nennen das "modern jazz". Sie sind talentiert, sie haben geübt, sie könnten Eigenes auf die Beine stellen, aber dafür sind sie zu brav. Sie wollen lieber nicht anecken. Und so schmerzt es, ihnen zuzuhören. Nichts reibt sich, nichts bricht aus, nichts kommt mir unbekannt vor oder gar waghalsig. Nein, bloß nicht. Höchste Spielkultur allerdings, unbestritten. Aber höchste Spielkultur ist nicht alles. Gruß also ans Altenheim. Auch dort hätte sich niemand über diese Musik aufgeregt.

22:10

Im September 2001 las ich in einer Grundschule die Geschichte vom kleinen König und Pitti Pörtner. Der kleine König lebt in Pittis Träumen. Durch eine Unachtsamkeit am Morgen, als Pitti zwischen Wachen und Träumen pendelt, war der kleine König aus den Träumen in die wirkliche Welt geraten und hatte sich - ratlos wie er war - erst einmal unter Pittis Bett versteckt. Pitti entdeckt ihn dort. Beim Lesen legte ich mich an dieser Stelle auf den Boden, schob meine Hand unters imaginierte Bett, um dem kleinen König zu versichern, dass ich nichts Böses wolle. In der Zeitung stand: "Spannung lässt H. M. dann wirklich aufkommen: er gestikuliert, springt auf, klatscht plötzlich in die Hände, legt sich auf den Boden und kommt seinem kleinen Publikum ganz nah." In Ordnung. Gut beobachtet.
Gestern las ich ganz andere Geschichten in zwei verschiedenen Klassen eines Gymnasiums. Zur zweiten Lesung erschien ein junger Reporter, Herr G. Ich hatte schon am Telefon mit ihm gesprochen und ihn für Näheres zum Autor und seinen Veröffentlichungen auf meine Webseite verwiesen.
G. trieb die Kinder und mich zusammen, um ein Foto zu machen. Danach ging er.  
Heute nun lese ich das kursiv gesetzte Zitat in Beziehung zu meiner gestrigen Lesung. Außerdem behauptet G., ich hätte aus "Voll die Meise" gelesen, was ich aber nicht tat. Nun frage ich mich, was die Kinder denken, falls sie lesen, was ich gelesen habe? Fürchten sie, an einer Wahrnehmungsstörung zu leiden. Oder fällt ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben auf, dass man eines nie tun darf: glauben, was in der Zeitung steht. In diesem Falle wäre die Lesung doppelt nützlich gewesen.

 

Mi 15.01.03   13:52

Sehet, ich verkündige Euch große Freude. Mein Roman ist fertig. Jedenfalls scheint es so. Werde ihn erst einmal ein paar Tage liegenlassen. Dann sehen wir weiter.

 

Do 16.01.03    12:55

Im November letzten Jahres fiel mir eine Zeitungsnotiz auf. 30 türkischstämmige Einwohner meiner Heimatstadt hatten sich in einem Brief an den Bürgermeister der Stadt gegen die geplante Errichtung einer Koranschule mit angeschlossenem Internat des Vereins Islamischer Kulturzentren ausgesprochen. Interessant dachte ich. Interessant und nicht ungefährlich, denn es wäre doch sicher so, dass diese Initiative auf unterschiedlichste Reaktionen stieße. Zum Beispiel auf Ablehnung aus den eigenen Reihen, oder auf Zustimmung aus dem falschen Lager der deutschstämmigen Einwohner, den Rechten, denen die Türken schon immer ein Dorn im Auge waren.
Ich beschloss, mich kundig zu machen.
Auf dem Jazzfest in Münster lernte ich die Freundin eines mir bekannten Gitarristen kennen, eine Türkin. Im Gespräch wurde schnell klar, dass sie in meiner Heimatstadt lebt und Mitunterzeichnerin des Briefes ist. Von ihr erfuhr ich Telefonnummer und Adresse der Initiatorin.
Am Tag darauf rief ich an.
Als ich meine Eröffnung heraus hatte, als ich gesagt hatte, ich sei Schriftsteller, mich interessiere die Aktion und ich plane, unter Umständen ein Hörspiel darüber zu schreiben, hörte ich, wie ich mich in meinen eigenen Unsicherheiten verfing.
Ich sprach, als ich den Brief erwähnte, abwechselnd von Menschen, Türken und türkischen Menschen, die sich da zusammengeschlossen hätten.
Mir wurde heiß und kalt, ich hätte am liebsten aufgelegt, aber aufschlussreich war das allemal. Zeigt es doch, wie tief man verstrickt ist in die Ablehnung alles Fremden und wie hart man arbeiten muss, um sein Verhältnis dazu zu definieren.
Nachdem ich mich gefangen hatte, führte ich ein längeres Gespräch mit Frau U. Sie verwies mich an einen Mitarbeiter des städtischen Jugendamtes, ein Türke. Ich rief ihn an und vereinbarte einen Termin mit ihm.
Herr S. hat über Migration von Türken und deren Organisation in Deutschland veröffentlicht. (Ahmet Necati Sezer "Die türkischen Organisationen im Wandel 1960- 1990 Gülenc Verlag Frankfurt ISBN 3-931020-01-0) Höchst interessant. Nun stehe ich vor einem Berg von Information und überlege, was ich daraus machen könnte. Eine Dokumentation? - Ich weiß noch nicht. - Sicher aber scheint, dass der Bau der Koranschule in G. nach den in der BRD herrschenden Rechtsgrundsätzen nicht verhindert werden kann. Im Brief an den Bürgermeister heißt es "...es gilt jedoch zu verhindern, dass unter dem Deckmantel 'Religionsfreiheit' ein Gedankengut unter den jungen Migranten verbreitet wird, das gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtet ist."
Ich finde, das ist ein wunderbares Beispiel für die langsam einsetzende Integration der Deutschtürken. Irgendetwas werde ich daraus machen. Ich habe nur noch keine Geschichte.

 

Fr 17.01.03    15:10

War ich je stolz auf dieses Land? - Nein. Wieso hätte ich stolz sein können.
Seit ein paar Tagen aber spüre ich Stolz. Ich bin stolz darauf, in einem Land zu leben, dass sich bisher eindeutig und von Anfang an gegen einen Militärschlag im Irak ausgesprochen hat.
Hätte nicht gedacht, dass ich das noch erleben darf.

 

Sa 18.01.03     12:10

Winnetou sagt "für mich ist George Bush genauso gefährlich wie Adolf Hitler". (Piere Briece FR 18.01.03) Mein roter Bruder spricht die Wahrheit! sage ich.

16:59

Deutschland am Abgrund
(eine erschütternde Ballade, geschrieben nach einem Einkauf bei Ikea)

Kaum Parkplatz, vor Menschen die Treppen nicht sichtbar
verlorene Kinder irr'n schreind umher
man möchte so vieles, nichts ist verzichtbar
Deutschland am Abgrund, das Kaufen fällt schwer.

Es bilden sich Schlangen, schon weit vor 12 Kassen
und Mogler drängen sich heimlich vorbei
prallvolle Wagen, beschämt harren Massen
und ringsum tönt wildes Klagegeschrei.

Am Ausgang steh'n Menschen und weinen vor Glück
sie fordern an Kassen ihr Kleingeld zurück
sie wollten nicht wirklich, sie hätten doch nur...
sie drohen mit Selbstmord, von Glück keine Spur....

So jammert das Land, die Kassen veröden
die Straßen sind leer, Verkäufer verblöden
der Geschäftsschluß naht und der Samstag geht
und den Jammernden wird der Hals umgedreht.

 

So 19.01.03     22:45

Völlig verdaddelter Tag. Erst gegen Abend der Wirklichkeit gestellt. Und siehe da, wir verzeichnen ein Plus von 31,21 % gegenüber den Einnahmen des letzten Jahres. Das freut uns. Allerdings muss gesagt werden, dass wir 2001 einen Rückgang von 25% zu verzeichnen hatten. So it goe so it goes, where it's going no one knows....

 

Mo 20.01.03   9:03

Lachsfarben liegt Sonnenlicht auf Straßen und Dächern, pechschwarz zieht der Horizont näher. Sehnst dich, sagt das Licht. Glaubst, es wäre schon bald so weit. Stimmt aber nicht. Du bist mitten im Winter. Also Geduld.
Fort ist das Licht. Erschrocken hören die Vögel auf zu singen. Eiskalt fällt fadenlang Regen.

17:27

Manchmal wird mir schwarz vor Augen, wenn ich an die Lawine denke, die ich losgetreten habe. Der will mich als Juror, der auch.... Wer als nächster?

21:36

Achtung! Höchste Alarmstufe. Sie liest mein Manuskript. Ihr entgeht nichts. Wenn es ihr nicht gefällt, bin ich geliefert.

 

Di 21.01.03     10:36

Es hat ihr gefallen. Nur eine Stelle findet sie schmalzig. Werde also überarbeiten müssen, aber das ist kein Problem. Im Übrigen: tiefstes Loch. Hocke drin, sehe weit oben den Himmel und kann nichts weiter tun als warten, bis Rettung naht.

 

Mi 22.01.03     19:23

Das Leben ist schön 1: Fuhr in die Stadt Enschede. Besuchte einen Freund. Ging in einen Coffee Shop. Kaufte Haschisch. Ging zum Parkplatz. Stand vorm Parkautomaten. Schob meine Parkkarte in den entsprechenden Schlitz. 4 Euro bitte, zeigte der Automat. Versuchte, einen 5 Euro Schein in den entsprechenden Schlitz einzuführen. Der Automat zog ihn nicht ein. Drehte und wendete den Schein, aber der Automat verweigerte weiterhin die Annahme. Drückte auf den Hilfe Knopf. Eine männliche Stimme meldete sich. Erklärte ihr mein Problem. Der Mann sagte: drücken Sie auf den Annulierungsknopf. Ich tat wie geheißen. Meine Parkkarte wurde ausgeworfen. Fahren Sie zum Ausgang und melden sich von dort, sagte der Mann. Ich fuhr. An der Ausgangsschranke angekommen, meldete ich mich. Werfen Sie die Karte auf den Boden, sagte der Mann. Und dann? fragte ich. Öffne ich ihnen die Schranke, sagte der Mann.

 

Do 23.01.03     13:41

Das Leben ist schön 2: Sie sagt: H., du musst Herrn van L. (Leiter des Altenheims) sagen, dass ich schon seit Wochen keine Schlaftablette mehr bekomme. Ich sage: Das habe ich längst getan. Sie sagt: Wirklich? Ich sage: Ja. Aber weißt du was, du bekommst deine Schlaftablette ja. Du vergisst es nur. Sie sagt: Nein. Ich sage: Doch. Du bist eine vergessliche alte Frau. Sie stutzt. Dann sagt sie: Und du bist ein vergesslicher alter Mann. Wie alt bin ich denn? frage ich sie. Ich weiß nicht, sagt sie. Wie ich sie liebe, diese alte Frau. Das habe ich früher nicht getan. Jetzt finde ich sie bezaubernd.

 

Fr 24.01.03     9:22

Schön wäre, Europa zeigte Amerika und seinen wild gewordenen politischen Verantwortlichen, was es heißt, Europäer zu sein und sich einer Kultur verpflichtet zu fühlen, die älter als 200 Jahre ist. Die weiter blickt als auf das eigene Interesse, die die soziale Verantwortung erfunden hat, den Krieg zur Genüge kennt und Lehren daraus gezogen hat.
Um das zu Wege zu bringen, müsste es jedoch mit einer Stimme sprechen.
Krisen generieren unterschiedlichste Verhalten.
Einigkeit könnte eines sein.
Dann hieße es wieder, das Leben ist schön.
Bis dahin jedoch wünscht sich ihr Amerikafeind Nummer 1., der, dem amerikanische Politik schon seit Vietnam auf die Eier geht, dass der große Busch endlich Feuer fängt und sich dahin verzieht, wo seine Geistesgesinnten schmoren, in die Hölle.
Fick dich, Amerika! Und nimm den Arschkriecher Blair gleich mit.

 

11:22

Hier nun - in elaboriertem Code - die gleiche Meldung.

Danke, Mr. Rumsfeld (Von Brigitte Kols FR. 24.01.03)

Es ist die Stärke der US-Amerikaner, dass sie durch offene Worte Klarheit schaffen. Kaum hatte die Botschaft den Atlantik überquert, dass Jacques Chirac und Gerhard Schröder beim Fest in Paris nicht nur andächtig Hädchen halten, um altes Papier zu würdigen, da sprach US-Verteidigungsminister Donal Rumsfeld ihnen jegliche Bedeutung für die Zukunft ihres Kontinents ab. Der deutsch-französischen Doppelstrategie zur Vermeidung eines Irak-Krieges suchte er die Flügel zu kappen, auf dass nur ja keine lästige Friedenstaube aufsteige über Europa. Die Schere einmal in der Hand, teilte Rumsfeld den Kontinent gleich ruck, zuck in zwei Teile. Das "alte Europa" übe da den Schulterschluss gegen die USA, Washington aber habe das "neue Europa" an seiner Seite.

Danke, Mr. Rumsfeld, das öffnet Europa die Augen dafür, was die gegenwärtige US-Regierung unter
transatlantischer Partnerschaft versteht. Während die Europäische Union etwas tut, wofür das Wort historisch ausnahmsweise mal nicht zu groß ist, nämlich Europa zu einen nach dem Kalten Krieg, forciert Washington als mächtige Vormacht der Nato eine neue Spaltung. Ein weiteres Beispielt dafür, dass der Bush-Regierung wenig heilig ist, wenn es um die Durchsetzung eigener Interessen geht. Der Chef des Pentagon, der Deutschland und Frankreich zum "Problem" erklärt, scheint nicht zu bemerken, dass die USA unter Präsident Georg W. Bush im Begriff sind, ein "Problem" zu werden für den Zusammenhalt der Allianz - jener, die Nato heißt, wie jener, die sich zur Terrorbekämpfung gebildet hat.

Wenn Rumsfeld in dieser Weise Klartext redet, dann fordert er die EU geradezu heraus, ihrerseits Klaheit zu schaffen. Für Washington ebenso wie für die von der Supermacht so flugs vereinnahmten "Neuen" in der EU. Das "Kraftzentrum" der Nato, das sich aus US-Sicht nach Osten verschoben hat, wird nämlich trotz beträchtlicher Eigenleistungen noch auf längere Zeit vom "alten Europa" unterstützt weren müssen, um groß und stark zu werden. Die seltsame US-Rechnung - "ihr zahlt die Kosten der Integration, wir greifen unsere geostrategischen Vorteile ab" - kann politisch nicht aufgehen.

Man muss nicht lange nach Beispielen dafür suchen, dass Washington die Begeisterung, mit der sich mittelosteuropäische Staaten - wie Polen, Ungarn, Tschechien und ab 2004 auch die Balten, Bulgarien und Rumänien - dem Schutz und Schirm der Nato unterstellen, fürs eigene geostrategische Interesse nutzt. So hat das Pentagon das ungarische Dorf Tazsar, unweit des Plattensees, als Trainingszentrum für 2000 Exil-Iraker auserkoren, die als Aufbauhelfer in einem amerikanisch besetzten Bagdad eingesetzt werden sollen. Die Bush-Regierung findet viele Wege, gerade den "Neuen" im Lager der Verbündeten Gefolgschaft für ihre Irak-Kriegsstrategie abzufordern. Und für US-Rüstungsgeschäfte erweist sich das neu "Kraftzentrum im Osten" ohnehin als lukrativ.

Man könnte die gereizte Reaktion aus Washington als Rumsfeld-Ausrutscher abtun, offenbarte sie nicht, wie tief die Kluft zwischen den USA und der EU heute ist. Dass die "alten Europäer" Frankreich und Deutschland gerade zur Feier ihrer eigenen Versöhnung den Friedensweg der Vergangenheit als Verpflichtung ernst nehmen, wird auf dem Kontinent kaum als altmodische Eigenbrötelei verstand werden. Die Entent élémentaire der beiden in dieser Frage ist der Grundstein, auf dem die heutige EU gebaut wurde. Die Osterweiterung steht für das moderne Projekt Friedenssicherung, wie es sich die Europäer gerade wegen ihrer Kriegsvergangenheit auf die Fahnen geschrieben haben. Was alt und was neu ist in der Weltpolitik, ist da - mit Verlaub, Mr. Rumsfeld - für die Europäer keine Frage. Das heißt nicht, dass sie den Schrecken des 11. September vergessen haben oder Saddam Hussein verharmlosen. Und wenn EU-Staaten den Kriegskurs der Bush-Regierung mit Gründen, die durchaus nicht aus dem Bauch kommen, für gefährlich halten, hetzten sie nicht gegen die USA.

Dass solche Argumente und ein Plädoyer für eine zumindest respektvolle Debatte weitere Scherben vermeiden helfen, ist aber fraglich. Die Causa Irak geht in ihre entscheidende Phase. Die starke Supermacht USA scheint durchaus zu befürchten, dass die "identische Position" (Chirac) Frankreichs und Deutschlands, einen Krieg zu vermeiden, eine Sogwirkung in einem Europa entfalten könnte, dessen Bevölkerung klar gegen den Krieg ist. In der Ecke der Isolation, in die Washington jetzt die beiden Aufmüpfigen zu schieben trachtet, könnten dann die USA selbst mitsamt Großbritannien stehen. Der große Diplomat Chirac hat zwar auch beim Schulterschluss mit Schröder in Paris kein Wort darüber verloren, wie sich sein Land bei einer Abstimmung im Sicherheitsrat verhalten wird. Die USA geraten jedoch zumindest unter Zeitdruck mit ihren Kriegsplänen, wenn beide EU-Staaten als koordiniertes Doppel mehr Zeit für die Waffeninspekteure in Irak herausschinden. Beide haben am historischen Ort Versailles den Eindruck erweckt, dass sie ihre Rolle als Gegengewicht zu den USA annehmen.
Eine historische Chance? Viele Menschen in Europa, Großbritannien eingeschlossen, werden das so sehen, sie beim Wort nehmen und hoffen, dass die Chance nicht verpasst wird.

 

Sa 25.01.03     17:05

Lieber Carl Gustav, liebe Silvia, liebes Nobel-Komitee, liebe Gäste,
gern lasse ich mir von Euch 800.000 Euro überweisen. Was Euch dazu gebracht hat, gerade mir diesen Preis zu verleihen, weiß ich nicht, und ehrlich gesagt will ich es auch gar nicht wissen. Ich habe nichts weiter getan, als dem Kanon literarischer Lügen ein paar weitere hinzu zu fügen. Nie reichte meine Weitsicht über den Tellerrand, nie wäre ich in der Lage gewesen, Prognosen für morgen zu machen, nie hätte ich in der Lage sein wollen, denn dann wäre ich vor Schreck sicher in mich hineingekrochen und hätte kein Wort mehr gesagt. So aber ist es gekommen, wie es nicht zu erwarten war. Darüber bin ich erschrocken und glücklich. Erschrocken darüber, Euch ehrbare Verbrecher, Rechtsverdreher, Lügner und Kriegsgewinnler in feinem Zwirn heute hier in Stockholm zu sehen, glücklich, dass ich Euch danach nie mehr sehen muss. Haben Sie herzlichen Dank und seien Sie versichert, dass ich nicht der Richtige war, den es auszuzeichnen galt.

 

So 26.01.03    13:28

Es gibt Neues in der Galerie. Es gibt Neues unter Notizen zu Städten.
Ansonsten jedoch nichts Neues. Der verehrte und hoch geschätzte Herr Bush verschleiert seinen Kampf um geostrategische Vorteile zu Gunsten seiner und einiger weniger anderer amerikanischer Familien noch immer mit dem Kampf gegen Terrorismus und für Humanismus.

20:03

Possierlich, wie Amerika die Moralkeule schwingt. Die "die Gefahr sehen, aber nicht eingreifen, wird die Geschichte strafen!" ruft es (oder so ähnlich). Wen wundert's, Amerika war schon immer gut in Propaganda. Es hat sich das bei den Nazis abgeschaut, mit Coca Cola angewendet und seitdem täglich verbessert. Augenblicklich muss man alle Sinne beisammen halten, um niemandem auf den Leim zu gehen. Auch mir nicht.

20:54

Drohkulisse. Drohkulissenschieber. Drohkulissenbauer. Drohkulissenmaler. Drohkulissenbeleuchter. Drohkulisseninspizient. Drohkulissenbühnenmeister.

 

Mo 27.01.03    11:07

Verschwinde unter grauem Himmel. Werde versuchen, die Ballade "Der Esel will fliegen" zu schreiben. Werde scheitern oder erfolgreich sein. Erhielt am Wochenende einen Karton voller Belegexemplare. Aha, dachte ich, schon wieder ein neuer Roman von M. Wann schreibt er die bloß?

 

Di 28.01.03     10:00

Laut jüngsten Internetumfragen von ABC und CNN meinen 80% der Befragten, dass die USA eine größere Gefahr für den Weltfrieden darstellen als der Irak oder Nordkorea.

12:52

Schreibt er die vormittags, nach dem Mittagsschlaf oder wann? Schreibt er selbst oder lässt er schreiben? - Er lässt schreiben? Er hat die Produktion ausgelagert? Irgendwo hinterm Äquator hockt so ein armes Schwein und pult sich neue Geschichten für M. aus der Ritze? - Ach so sieht das aus!!! -

 

Mi 29.01.03    11:12

Edwin Starr. 1969: War (what is it good for) Absolutely nothing....
Waren das Zeiten, als man zu solchen Liedern tanzte? Ja. Kriegszeiten. Menschenzeit scheint Kriegszeit zu sein. Schade.

 

Do 30.01.03   11:01

Nun endlich hat sich die "putative Notwehr", ein Prinzip, das die deutsche Polizei schon in den 70ern erfolgreich praktizierte, auch auf internationalem Parkett durchgesetzt.
Sie glauben, jemanden zu kennen, der sie unter Umständen morgen, übermorgen oder auch erst im nächsten Jahr dumm anquatschen-  ja vielleicht sogar angreifen könnte.
Erschießen Sie ihn besser jetzt.
Und glauben Sie nicht, Sie müssten ihm eine Schuld nachweisen. Solche Ansichten sind veraltet. Er muss ihnen nachweisen, dass er schuldlos ist. Aber das kann er dann ja nicht mehr. Sie haben ihn zum Glück längst erschossen. Ein grandioses Land, dieses Amerika, immer wieder faszinierend.
Aloha sagt ihr geneigter M. aus den tiefsten Tiefen der Niedergeschlagenheit, die ihn immer dann ankommt, wenn etwas ganz und gar (ein Roman etwa) beendet ist und Neues nirgendwo in Sicht.

13:00


Wies ich schon darauf hin, dass im Literaturcafé augenblicklich alle Geschichten, die im Oktober und November bei meiner Aktion "Satz-fuer-Satz" entstanden, zur Bewertung im Netz stehen?

Herrn Jelineck finden alle bißchen komisch. Nur ich nicht. Eben weil er "anders" ist. Man sagt, er könne Gedanken lesen. Ob meine auch?Ich würde so gern was Aufregendes tun, Verrücktes, etwas, was man -zumal in gesetztem Alter- nicht tut! Bei der Begegnung mit ihm klopfte mir das Herz: würde er wissen, was ich möchte, würde er es toll finden und das Spiel mit mir spielen? Nein, sagte Herr Jelineck. Was glauben Sie denn? Natürlich kann ich ihre Gedanken lesen. Aber wenn Sie unbedingt etwas tun wollen, was man in gesetztem Alter nicht tut, müssten Sie schon selbst drauf kommen. Aber ich weiß nichts! sagte ich. Herr Jelineck schaute mich ein wenig ungehalten an. Natürlich wissen Sie, sagte er. Sie haben längst Pläne. Sie wollen nur nicht dafür einstehen. Sie hätten es gern, wenn ein anderer die Verantwortung übernähme. Den Gefallen tue ich Ihnen nicht. Sie meinen, ich sollte tatsächlich ...? Ja, sagte Herr Jelineck. Oder nein. Ganz wie Sie wollen. Sie sind frei. Das unterscheidet Sie von einem Tier.

 

Fr 31.01.03     9:12

Allen sei verziehen. Mir nicht.

15:00

Die gute Nachricht zu Ende des Monats lautet: "Die hohe Zahl dicker US-Amerikaner ist womöglich auch auf immer üppigere Portionen in Schnellrestaurants und suchtähnliches Verhalten von Fast-Food-Essern zurückzuführen." Wir hoffen nun, dass sie vielleicht platzen, eh sie sich zu Weltherrschern aufschwingen. Das wäre doch schön, oder?

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