Januar 2018                      www.hermann-mensing.de      

    

mensing literatur
 

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Mo 1.01.18 18:52

Vorsätze. Nachsätze. Allgemeine und besondere Sätze. Weder-noch-Sätze. Bauchansätze. Frühstück mit Eiern und Speck. Kaffee. Spaziergang nach Hause, etwas über zwei Stunden. Empörung über vermüllte Straßen. Hohes Wasser im Aasee. Landende Kormorane. Spaziergänger, viele. Jogger, schon wieder, vielleicht die mit Vorsätzen. Überflutete Aa-Wiesen. Müde Beine. Sofa und Skispringen. Später Rammstein im Madison Square Garden. Pfannkuchen mit Zimtzucker und Sahne. Zu Abend Salat und ein Brot, halb Käse, halb Schinken. Whisky, der langsam zur Neige geht. Langes Klavierkonzert nachmittags. Feierabend. Geld Sparen. Geld verdienen. Vorsätze. Nachsätze. Aussätze.


Di 2.01.18 13:49 regnerisch, 6 Grad

Nach dem Jahreswechsel wende ich mich wieder meinen Gewohnheiten zu, die sind mir die liebsten. Sie führen zu nichts. Da wir aus dem Nichts stammen und dorthin zurückkehren, scheint mir das die angemessenste Art, das Leben zu leben.

20:48

Heute stieg ich zweimal mit einem leeren Kasten Bier und einmal mit einem Kasten Bionade auf's Rad. Es ist nicht ganz einfach mit der Rechten am Bierkasten, den ich auf den Gepäckträger gestellt habe und der Linken am Lenker 90 Kilo auf den Sattel zu bringen und das Rad in Bewegung zu setzen, aber nach ein paar Metern Metern hatte sich das System stabiliert. Ich lud die ersten zwei Kisten im Vorbeifahren vorm Getränkehandel ab und erinnerte die Männer daran, "gleich bloß das ganze Geld" bereit zu halten, gleich nämlich käme die letzte Kiste und da wolle ich Bares. Ja, ja, sagten sie.

Paar Stunden später blieb ich auf der Bonhöferstraße in Höhe der Polizeiakademie beim Wechseln von der Straße auf den Radweg am zwar versenkten, aber nicht tief genug versenkten Bordstein hängen und stürzte rechtsüber. Alles ging gut, zu denken allerdings gibt mir, dass dies der zweite Sturz innerhalb von etwa sechs Wochen ist. Bei dem anderen rutschte ich auf einer an einer Baustelle ausgelegten, für den Radverkehr freigegebenen, nassen, mit Herbstlaub belegten Stahlplatte weg, fiel allerdings nach links. Dann wäre da noch ein Sturz bei Glatteis vor zwei Jahren, ich hatte das Rad gerade ein halbes Jahr. Ich kam in einer Linkskurve ins Rutschen. Wenn man nach einem Sturz rutscht, hat man Glück, denn das mindert den Aufprall.


Mi 3.01.18 14:28
Regen, stürmisch, 6 Grad

Großes Bügeln.



Do 4.01.18 16:50 regnerisch

Saß vor der Eisdiele in der Königstraße, schaute auf die Platanen gegenüber und stellte mir vor, wie sie in acht Wochen ausssähen. Acht Wochen, dachte ich, wie doch die Psyche die Menschen in Schach hält, trotz allem, was der Fall ist, gelingt es ihm nie, sich mit den Fakten zu synchronisieren, immer ist er gefangen in der Bewertung von Dingen die er sieht und hört, immer und immer, und da stand also diese Platane, und mit ihr der kommende Frühling, der sich Anfang Januar um soviel näher anfühlt, als noch Ende Dezember. Alles geht aufwärts, sagte ich mir und beobachtete Menschen. Dann kam M. vorbei, blieb stehen, und wir trieben in ein langes Gespräch über Musik, über den "Krautrock" und die weltweite Anerkennung, die er immer noch und zunehmend erntet, über ein Interview mit Iggy Popp, der Rammstein für eine sozialistische Band hält "not one fuckin' guitar solo", habe er gesagt, über uns und unser Übereinkommen, das Leben als Geschenk wahrzunehmen, jeden Tag als Zugabe, denn wir haben beide erlebt, dass Menschen, die uns nah waren, starben,
so wie wir jederzeit sterben können. Ansonsten vorgelesen, und bei Saturn ein Gespräch mit einem Spezialisten über das von meinem Plattenspieler ausgehende Grundbrummen. Sein Rat: andere Steckdose ausprobieren, Erdung vom Plattenspieler prüfen, notfalls vom Verstärker abkoppeln, mit einem Draht zur Heizung verbinden. Letzteres hat geholfen. Jetzt wird es Zeit, Essen zuzubereiten.


19:22

glaub nicht
dass ich dich mehr fürchte
als das leben
ich bin sowieso ewig
ich tanze im feuer mit dir
ich sterb' nicht für dich
ich sterbe für mich
darauf freue ich mich
was sagst du jetzt
arschloch?


Fr 5.01.18 23:05

Der Schlaftee zieht. Ich habe zehn Leseproben aus meinem Roman "Das schwarze Buch" kopiert, im Internet passende Kinderbuch-Verlage recherchiert und schätze, dass ich die Proben Montag auf den Weg bringe. Das ist meine Art, das neue Jahr zu begrüßen. Wie sagten doch die Bremer Stadtmusikanten: etwas Besseres als den Tod findest du überall. Vielleicht findet sich ja ein Verleger. Ferner will ich ein Hörspiel schreiben. Es gibt da einen Roman, der sich eignete. Und dann könnte ich natürlich versuchen, das Lesungsgeschäft wieder anzufachen, Sie müssen doch zugeben, dass eine Lesung zu 300 Euro besser bezahlt ist, als vier Stunden Kutschefahren bei Regen und Wind zu Mindestlohn. Für all diese Dinge müsste ich nicht nicht sonderlich kreativ sein, sondern müsste mich - auf meinen Ausdünstungen hockend - ein wenig neu sortieren, was meine Vergreisung sicher nicht aufhält, ihr aber ein paar hübsche Volten abränge. Wouldn't they, dear. Hach, hach, hach, dass ich nach so langer Zeit noch immer so traurig bin, wenn ich an sie denke. Vielleicht habe ich überhaupt nur geschrieben, um sie zu beeindrucken.


Sa 6.01.18 17:34

Sehr geehrte Dunkelheit,

jeden Tag fürchte ich mich vor Ihrer Ankunft, und jeden Tag bete ich, dass Sie endlich dahin verschwinden, wo die Menschen vor Verzweiflung über Ihr Regime nichts weiter mehr tun können, als Hochprozentiges in sich hinein zu schütten, da oben, hinterm Polarkreis, da, wo Sie hingehören. Also verschwinden Sie doch, bitte. Sie tun mir nicht gut. Das Leben ist auch so schwer genug.


So 7.01.18 16:29

Wenn sich der erste sonnige Tag des Jahres dem Ende zuneigt, setzt sich der Mensch, von dem die Rede ist, auf ein Rad und fährt in die Stadt. Er besucht dort ein Mädchen. Sie ist fast so süß wie er, wahrscheinlich noch süßer. Die Reise, knapp 10 Kilometer, dauert kaum 40 Minuten. Er packt seine Tasche. Er benötigt ein Aufladegerät für das Mobiltelefon. Eines für das Tablett. Eines für den Da Vinci Vaporizer. Eines für die Leica. Er ist ein ökologisch denkender Mensch, für den gilt, was der Fall ist.


Mo 8.01.18 18:11 sonnig

Wo immer Palmen an paradiesischen Stränden standen, waren Elfie und die Scheinhaie aufgetreten. Das einzige Problem war, dass das Meer trotz Strand und Strandbar irgendwie in dem Augenblick verschwand, wenn Elfie und die Scheinhaie auftauchten. Es war auch nicht warm, wie Elfie und die Scheinhaie geglaubt hatten, es regnete häufig, und das Meer, dass sie nie erreichen konnten, obwohl sie immer den Anweisungen der Karte und ihrer Navigationsgeräte folgten, wurde zu etwas, wovon sie zu träumen begannen. Schließlich setzten sie sich in ihren Bandbus und fuhren zurück nach Düsseldorf. Dort zeigte sich, dass das Hauptbahnhof ständig seinen Standort wechselte, und/oder überhaupt nirgendwo war, so dass die Band nach Möglichkeiten Ausschau hielt, wie sie nach Hause käme. Dabei erwachte ich. Ich sah alles noch vor mir, fünf Minuten darauf hatte ich den Namen der Band vergessen, eben fiel er mir wieder ein.


Di 9.01.18 17:13

Windstill, verhaltenes Licht, man hört Vögel und es ist noch nicht dunkel.

23:21

mit der nacht
gehe ich auf und davon
aber am morgen
bin ich nicht da
wo ich hin will,
ich stehe auf
mache mir kaffee
und wundere mich
dass alles am platz ist
nur ich nicht
wieso


Mi 10.01.18 10:31 bewölkt, 8 Grad

So ein Jahresbeginn setzt Energie frei. Mal sehn, wie lange sie reicht.


Do 11.01.18 10:47 leicht bewölkt 9 Grad

Noch ist alles gut. Schlimm wird es erst, wenn der Februar sich hinzieht, die Hoffnung höher fliegt als Satelliten und die Sehnsucht nach dem Frühling unsagbar wird. Dann trennt sich die stabile Psyche von der jammernden. Bis dahin bleibt alles nur dahingesagt und getan. Es wäre besser, ich hätte das Paradies nie verlassen und die Erde wäre in entsprechend ausgezeichneter Verfassung. Aber da es ist, wie es ist, kann ich es nennen, wie ich es nennen will: Demokratie, Autokratie, Despotie, Demagogie, Idiotie. Menschenwürdig nenn ich es nicht. Heute aber kümmert mich das alles nicht. Heute gehe ich hinaus und tanze auf dem Vulkan. Wie sagte H., den ich vorhin am Aa-See traf: Die Einschläge kommen näher.

18:16

Auf in die Stadt. 40 Minuten hin, eine Stunde Tangounterricht, 40 Minuten zurück. Wieso nehme ich dabei nicht ab? Wieso komme ich nicht unter 90?


Fr 12.01.18 9:57 bleischweres Grau, 5 Grad

Es ist ein bisschen nebelig, bestes Wetter also, um mit der ersten Szene zu beginnen. Später werde ich Babysitten. Gestern abend feinstes Tangotraining für Fortgeschrittene, schließlich will ich nächstes Jahr in Buenos Aires an der Tangoweltmeisterschaft für über 70jährige teilnehmen, ich glaube, ich sprach schon davon. Bis dahin muss noch einiges getan werden. Vor allem das Pivotieren und Twisten sollte ich üben. Das Twisten schmerzt in der rechen Hüfte, was eigentlich nicht verwundert, denn wer verdreht schon gern seine Längsachse. Na ja, egal, irgendetwas schmerzt immer, fragen Sie die Tänzer, die können ein Lied davon singen, eine Nacht mit Stützgürtel, dann geht es wieder. Also, auf geht's, Freunde. Viele sind es ja nicht. Die, von denen ich dachte, es wären welche, grüßen nicht einmal zu Weihnachten oder Silvester.


Sa 13.01.18 12:14 hohes Grau, 5 Grad

Neben mir sitzt der zweitjüngste Enkel. Er hat ein Buch vor sich, einen elektronischen Stift in der Hand, ein Tiptoe, mit dessen Spitze er Figuren, Personen und Orte auf der jeweils aufgeschlagenen Seite markieren kann, worauf der Tiptoestift, groß wie ein Milchaufschäumer etwa, entsprechend reagiert: er spielt ein Lied, er sagt, der Benutzer solle jetzt dieses oder jenes tun, er lobt oder sagt, ach schade, versuch es noch einmal. Gerade hat eine Stimme begonnen, etwas zu erklären, da wandert die Spitze des Stiftes auch schon woanders hin. Halbsätze, angesungene Lieder, Wiederholungen. Kindern gefallen diese Bücher. Google hört auch mit. Google, wie klingt ein Geist, sagt eines der anwesenden Kinder. Google spielt eine Tonsequenz, die ein wenig an Luftalarm erinnert. Google, mach das Licht aus, sagt ein Kind, und das Licht verlöscht. Manchmal gruselt mich so etwas, aber ich stecke auch mittendrin. Bei der großen Volkszählung vor dreißig Jahren habe ich mich geweigert, auch nur meine Telefonnummer herauszugeben, heute nutze ich Facebook, Google, Amazon, Spotify ... etc. pp., und allen räume ich Zugriff auf intimste Daten ein. Ich muss ein Idiot sein. Wir müssen Idioten sein.


Mo 15.01.18 12:48 hohes, leichtes Grau, 2 Grad

Was soll das? frage ich mich, doch eh jemand mit einer erhellenden Auskunft kommt, ziehe ich es vor, den Nachtschlaf, der mir durch ausdauerndes Schnarchen einer Frau vergällt wurde, nachzuholen. Ich habe ein Zimmer mit einem Bett groß wie ein Fussballfeld, ich habe Kissen und Pfühle (denn man liegt nicht gerne kühle), vor allem aber habe ich dort nichts zu Essen, denn heute ist 500 Kalorientag.

Wofür der gut sein soll, wissen die Götter, schließlich sterbe ich so oder so, ich nehme an, dass es mich sportlich reizt. Gegessen habe ich bisher nur eine Birne. Vom Schweinebraten am Wochenende sind noch Backpflaumen übrig, von denen dachte ich die ein oder andere zu essen, erfuhr aber, dass 100 Gramm mit knapp 300 Kalorien zu Buche schlagen, und 100 Gramm, da kenne ich mich, hätte ich blitzschnell verputzt.

Also werde ich die Finger davon lassen. Werde mich in den Tagschlaf flüchten, der einem Rentner kostenfrei gewährt wird, während die Welt ihrem wilden Treiben nachgeht und sich die politisch Verantwortlichen die Haare raufen.

Ich finde das aufregend. Die Holländer hatten fast ein dreiviertel Jahr keine funktionierende Regierung, die Belgier hatten noch nie eine, glaube ich, die Italiener sowieso nicht, die Briten haben eine durch und durch verlogene, weshalb sollten wir nicht auch mal keine haben. Also wünsche ich einen guten Wochenanfang, und sollten sie von einem delirierenden, älteren, nie zu Ruhm gelangten Schriftsteller mehr wissen wollen, sagen Sie einfach: OK Google: Wer ist Hermann Mensing.


15:53

Am besten funktioniere ich, wenn ich kein Ziel verfolge. Ziele verkrampfen mich. Sie mögen wünschenswert sein, mir sind sie verdächtig. Sie sind etwas für Herrscher, für Sieger. Ich werde nie Sieger sein. Ich will gar nicht siegen. Die Verantwortung, die ein Sieger tragen muss, wäre mir eine Last, die Fallhöhe zu hoch. Was ich will, geht nicht. Die Welt war nie ruhig. Wer es ruhig haben will, musst du woanders hin. Wohin, weiß ich nicht.


Die 16.01.18 10:55 grau 5 Grad

katzen und hunde
fallen vom himmel
man muss acht geben


Mi 17.01.18 10:25 augenblicklich blau, vor zehn Minuten noch Schnee

Der Anruf kam gegen halb sechs, ob ich das gesehen hätte. Ich sagte nein, was denn? Diesen Horizont, sagte sie. Ich sagte, da stehen Häuser vor. Die musst du wegschieben, sagte sie. Ich sagte, ich würde mal vor die Tür gehen, vielleicht wäre da etwas zu machen. Ich hoffte auf die Carossastraße als Schneise in den westlichen Himmel, schraubte die Leica aufs Stativ, ging hinaus, aber auch da gab es nicht das dramatische Bild, das ich ahnen, aber nicht sehen konnte. Ich rannte auf den Dachboden. Ich öffnete die Dachluke, und da war er, der Himmel.












 




19:02

Meine letzte Kutschfahrt liegt schon eine Weile zurück. Heute nun habe ich meine Tätigkeit wieder aufgenommen. Ich fühlte mich gut im Kreis der arbeitenden Menschen. Die Busfahrer grüßten, Menschen fragten etwas, als wäre ich Google, von meiner erhöhten Position konnte ich in Ruhe beobachten, ohne aufdringlich zu wirken. Die Menschen schmunzeln, wenn sie einen älteren Herren bei derartigem Hundewetter auf einer Kutsche sehen. Ich trug vier Lagen übereinander: T-Shirt, Unterhose, Thermounterwäsche, Schurwollpullover, Norwegerpullover, Wollmantel, Mütze, Schal, dicke Handschuhe, Stricksocken, Regenhosen und noch eine Decke. Soweit war alles gut, aber die Füße wurden kalt und die dicken Thermohandschuhe feucht. Als es gegen 14 Uhr zu schneien begann, nässte der Mantel durch, weil ich die Flocken gar nicht so schnell abklopfen konnte, wie sie sich überall auf mich legten. Als ich gerade beschlossen hatte, Feierabend zu machen, stiegen drei Letten in meine Kutsche und wollte eine Runde. Schneetreiben jetzt. Ich fuhr langsam. Ich fuhr eine kurze Runde und machte Feierabend. Mein Mantel war bis aufs Innenfutter durchnässt.


Do 18.01.1812:31 Sturm

In den Ritzen und Spalten der Jalousienkästen pfeift der Wind Lieder, Mülleimer torkeln über die Straße, Inhalte verwehen, dann und wann ein Martinshorn, alles nicht spektakulär, aber es scheint doch besser, im Hause zu bleiben. Ich denke, auf dem Sofa ist es gefahrlos.
Ich werde dort warten, bis alles vorüber ist.


Fr 19.01.1802:00

eh mich mein herz erschlägt
und dahin trägt
wo meine sehnsucht schon seitdem
im wartestand verharrt
eh sich ein neuer name prägt
der meine seele hegt und sie beerbt
bis all das sich erledigt hat
soll mir die nacht noch sätze schenken
soll sie bedenken und das hoffen
versenken ende offen


Sa 20.01.18 13:58 grau

Philadelphia Schnitte oder Nougatring? Ich wäge ab. Kalorien gegen zuviel Kalorien. Ich siege. Was für ein blöder Kampf. Ständig bin ich auf der Hut. Ich esse dies, jenes aber esse ich nicht. Nach einer Woche der gepriesenen Intervall-Diät kann ich sagen, dass sie bei mir nicht funktioniert. Beim nächsten Mal nehme ich den Nougatring.


Mo 22.01.18 17:24 feucht, grau

Der vordere Teil meiner Wohnung war weggebrochen, als wäre sie eine Bühne mit Vorbau. Der hintere Teil, der Prospekt, blieb stehen, all die Bücher und Platten, ansonsten war nichts mehr auffindbar, was mich erleichterte. Ich rutschte auf dem Bauch einen langen langen Weg durch einen von Touristen bevölkerten Ort am Meer hinab. Der Weg war vereist, das Meer aber war ein Sommermeer, ich trug eine Badehose, auch möglich, dass ich nackt war, die Touristen jedenfalls waren sommerlich gekleidet. An einet Kreuzung verhinderte ein olivgrüner LKW das Weiterrutschen. Ich überflog ihn, wobei ich um ein Haar an einer dicken, schwarzen Stromleitung über der Straßen hängengeblieben wäre. Nach dem Aufwachen fiel mir ein, dass ich einmal in atemberaubender Geschwindigkeit auf einem Schlitten einen Weg hinabrutschte, der mitten auf einem Dorfplatz endete, den ich nie zuvor gesehen hatte.

19:57

ich bin im beten eine koryphäe,
ich bete alles kurz und klein,
und käme gott in meine nähe,
müsste es schon der linke sein,
den rechten ließe ich links liegen,
den großen machte ich mir handgerecht,
den dicken mit den hörnern ließ ich fliegen,
den mit vielen armen macht ich mir zum knecht.

derweil, als koryphäe immer unterwegs,
hätt' ich schon stunden zugebracht,
mit murmeln, mit kaffee und keks,
meist ohne frau und in der nacht.

wofür, fragt sich der eine und der andere beim wein,
macht sich die koryphäe solche mühe,
tja nun, sag ich, ich arbeite im kerzenschein
seit jahren schon an einer transzendenten brühe.


Mo 23.01.18 14:58 sonnig (Frühling)

Immer frei (mit den Ultras dabei)

Ein Ultra (Ultras dürfe man sie nicht nennen, sagt jemand, das fänden Ultras nicht angemessen, sie seien Gardisten) ein Gardist also muss unter Umständen früh aufstehen, wenn er seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht. Oft geschieht das an einem Sonntag, und vielleicht hat er Samstagabend gefeiert, wahrscheinlich sogar, es kann also mühsam werden. In der Regel ist er noch unter vierzig, aber er spürt schon, dass das Feiern ihm nicht mehr so leicht von der Hand geht, und wenn er schon Kinder hat, überlegt er natürlich, was er wann trinkt und/oder raucht. So eine Reise kann dauern.

Der Gardist wird also eine Reise tun, weil er immer, wenn seine Mannschaft auswärts spielt, eine Reise tut. Mit seiner Mannschaft ist das so eine Sache. Der Gardist liebt sie. Man könnte glauben, er liebe sie mehr als seine Freundin, aber wenn es hart auf hart kommt, wird die Freundin das letzte Wort behalten, sonst würde das mit den Männer und Frauen ja gar keinen Sinn ergeben.

Ob die Mannschaft ihn ebenso liebt, wie er sie, bleibt dahingestellt. Auch in der dritten Liga werden Gehälter gezahlt, und Gehälter haben selten mit Liebe zu tun, Verträge schon gar nicht. Der Gardist aber spricht gern von der Liebe zu seiner Mannschaft und er hat Rituale, ihr diese zu zeigen. Er gibt sich größte Mühe, Choreographien zu ersinnen, er näht, er klebt, er kopiert, er organisiert, er tackert und hängt auf. Er opfert Zeit. Viele Menschen sind beteiligt und das alles kostet Geld, aber das tut der Gardist gern. Die Mannschaft hingegen baut sich nach einem Spiel vor der Kurve der Gardisten, Ultras und Fans auf und applaudiert, aber reicht das schon?

Es ist also Sonntag, es geht gegen zehn und man hat Glück gehabt, man fährt nicht nach Sachsen, sondern ins Emsland. Der Bus ist ein Linienbus, übermäßiger Komfort ist nicht zu erwarten, ein Bordklo gibt es nicht, was bei zehn Kästen Bier und knapp vierzig Mitreisenden angebracht wäre. Alle kennen sich. Natürlich kennen sich alle. Alle kennen ihre Pappenheimer, einer ist einem näher, ein anderer ferner, aber alle eint ihre Mannschaft.

Dritte Liga, leider seit Jahren schon, eine Nervenzerreißprobe für jeden Gardist, denn die Mannschaft kriegt den Arsch einfach hinten und vorne nicht hoch. Wenn sie einmal kurzzeitig Morgenluft, sprich Aufstieg, wittert, kann man davon ausgehen, dass sie kurz darauf wieder verzagt. Im Augenblick sieht es noch schlechter aus, als sonst immer. Abstieg droht, aber der Gardist sagt, Liebe kenne keine Liga, er wird also zu ihr halten, und wenn er in Schwung kommt (was durchaus dauern kann), singt er "einmal Gardist, immer Gardist, was gibt es Schöneres, als Preußen Fan zu sein.

Wieso eigentlich Gardist? - Nun, wir reisen mit der Punzen Garde, und die Punze ist wahlweise ein Werkzeug zur Bearbeitung von Gold oder die Vulva einer Frau, einer Dirne eher. Punzen Garde also nennen sich diese jungen Männer, ausschließlich Männer, und ich bin ihr Gast.
Juristen, Kaufleute, Lehrer, Kindergärtner, Betriebswirte, Ingenieure, Handwerker, Veganer und Fleischesser, Linke und Rechte, alles da. Ob Frutarier dabei sind, weiß ich allerdings nicht. Ist der Neger an Bord, ruft der Bärtige, und jemand ruft ja. Draußen ziehen die Letzten noch einmal am Joint, denn drinnen wird nicht geraucht, drinnen kann man ja trinken. Auswärtsmöhre? fragt jemand und bietet mir geschälte Möhren an. Nein, Danke, Gebissträger, sage ich.

Kaum eine Viertelstunden unterwegs wird nach einer Pause gerufen. Sie wird gewährt, das frühe Bier muss nach schnellem Durchlauf durch die Nieren entsorgt werden, Sticker konkurrierender Fußballmannschaften müssen unter Umständen entfernt- und durch eigene ersetzt oder überklebt werden, es scheint da einen Beauftragten zu geben, der all diese selbstklebenden Werbemittel in seiner Tasche mitführt und freigiebig verteilt. Ich bekomme auch welche: Punzengarde Münster steht darauf, ein Siegel, das einem Polizeisiegel ähnelt, daneben: Wer dieses Siegel beschädigt, ablöst oder unkennlich macht oder den dadurch bewirkten Verschluss unwirksam werden lässt, macht sich nach §134StPG strafbar. Man uriniert lieber in die freie Natur, als in das nicht gut riechende Urinal. Man raucht noch eine Purpfeife. Komisch, wo die Gardisten doch die Hippies nicht sonderlich achten. Ich versiegele die Damen- und Herrentoilette.

Es geht über die B70, und eh der Bus seine Bestimmung erreicht, werden zwei weitere Pausen gemacht. Jedesmal wird geraucht, getrunken, uriniert, Scherze fliegen hin und her, es geht dann und wann derb zu, aber herzlich. Beim letzten Stopp an der Stadtgrenze taucht ein Polizeiwagen auf, um den Bus mit Blaulicht vor das Stadion zu eskortieren.

Meppen hat ein ordentliches Stadion. Zehntausend Menschen passen hinein, sagt jemand, und heute sei es ausverkauft. Die Preußen haben ein an vielen Stellen nach wie vor marodes Stadion, und aus Gründen, die niemand so recht versteht, kann man sich nicht entschließen, das eine (Neubau) oder das andere (umfassende Renovierung) endlich in Angriff zu nehmen, wenngleich natürlich schon vieles besser ist als noch vor ein paar Jahren. Das vorherrschende Thema dieses Sonntages aber ist, dass der Verein sich gerade entschlossen hat, sich in eine KGaA zu verwandeln, also in eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, um, nehme ich an, Kapital zu aquirieren, denn auch die dritte Liga kostet Geld, und Geld, so der Tenor, schießt Tore. Das gefällt den Gardisten zu großen Teilen ganz und gar nicht. Einen Verein könnten sie lieben, eine KGaA nicht, finden sie.

Als alle ausgestiegen und schließlich unter den Augen vieler Polizisten in beeindruckenden Kampfuniformen im Stadion sind, als das Spiel angepfiffen wird und sich die Unterstützung für die eigene Mannschaft in Grenzen hält, raunt der Bärtige mir zu, es gäbe eine Art Boykott, mehr sage er nicht, aber ich schließe, dass das mit der Missbilligung der Umwandlung von Verein zur Gesellschaft bürgerlichen Rechts zu tun hat.

Zur Halbzeit liegen die Preußen 0:1 hinten, um die 75. Minute gibt es einen Elfmeter gegen sie, 0:2, und ich frage mich, wie eine Mannschaft, die die Räume zwischen den Sechzehnern über weite Strecken dominiert hat, so sang und klanglos verliert. Die Meppener Ultras springen zu Hunderten zum bum, bum, bum, bubumm einer Trommel auf der Stelle, die Preußenfans sind still.

Draußen wartet die Polizei, ich zähle über dreißig Mercedes Sprinter und mehrere Staffeln. Es sind auch Pólizistinnen dabei. Die werden gerne zur Deeskalation eingesetzt. Aber es bleibt ruhig, die Polizei regelt den Verkehr, und wenig später ist die Punzengarde auf dem Heimweg. Es geht mitten durch den Nachbarort Lingen, und als ich frage, warum, sagt jemand, wir bringen den Neger nach Hause. Fickt euch, ihr Fotzen, ruft der Neger, und alle singen, einmal Gardist ... Weiter geht es, wieder mit drei Pausen. Überm Land liegt feiner Abendnebel, die Situation der Mannschaft ist prekär, aber es bleibt ja noch Zeit, das Blatt zu wenden. Es wird dunkel. Morgen ist Montag. Im nächsten Spiel geht es gegen die Würzburger Kickers. Eines Tages fahren wir nach Mailand, um den SCP zu sehen, singt jemand. Träum weiter! ruft jemand anderes.



19:56

Heute gegen drei war für eine Viertelstunde Frühling. Ich hatte die letzten zwei Stunden versucht, meine Drucker, einer fast neu, der andere älter, in Betrieb zu setzen. Gestern noch hatte der ältere funktioniert. Ich hatte vor zwei Tagen neue Druckerpatronen eingesetzt, jetzt verwischte der Druck nach Zeile 5, als wären die Patronen leer. Bei näherer Prüfung behauptete das System, der Drucker sei betriebsbereit und arbeite einwandfrei. In solchen Augenblicken schlüge man gern mit der Axt zu. Als dann aber besagter Frühling kam, zog ich mich an, holte mein Rad aus der Garage und fuhr zu M.. Zum einen, weil ich Sehnsucht hatte, zum anderen, weil sie einen funktionierenden Drucker besitzt. Der Frühling war, noch kaum auf dem Rad, allerdings schon wieder vorbei. Ich hätte eher starten sollen.