Januar 2019                      www.hermann-mensing.de      

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Di 1.01.19 13:04 man sieht blauen Himmel

Die Glocken des Domes läuteten. Eine Krähe schrie. Ich wartete
eine Viertelstunde auf den Bus. Als er kam, hatte ich ihn für mich allein. Moin. Frohes Neues, sagte ich. Frohes Neues, sagte der Fahrer, fuhr los und flötete unbekannte Lieder. Der Domplatz war grundgereinigt, das können wir ja, grundreinigen, an Straßenecken aber lag noch dies und das, das Land war feucht und bis auf die A1 sehr still. Mein Abend war lang. Das Herumgehen war eher ein Drängen, nichts war, wie es sollte, kein Flow, kaum Freude, und wie üblich war oder fühlte ich mich für alles verantwortlich. Als uns schließlich noch Nachbarn abfingen, die nicht allein trinken wollten, wurde es kritisch. Ich blieb für das mir aufgenötigte Glas Champagner, drängte dann aber zum Aufbruch. Ob heute noch Aufregendes geschieht, wage ich zu bezweifeln. Ich könnte meine verwahrloste Wohnung aufräumen, aber ich tue es nicht, ich mag sie, wie sie ist.


19:31

halb zwölf
am paulus dom
erste raketen steigen
ringsum menschen
überwiegend aus nahost
verschleiert unverschleiert
groß und klein
man grüßt
man bleibt allein
und unter sich


Mi 2.01.19 sonnig 10:04

Ja, es stimmt, ich bin ein Idiot.
Es stimmt aber auch, dass ich kein Idiot bin.
Ganz sicher stimmt, dass alle anderen Idioten sind.
Und auch das stimmt nicht.


12:41

Ich fuhr auf einem Radweg beim Mövenpick, vor mir ein Radfahrer, von rechts kam ein Fußgänger, von vorn eine Fußgängerin, es schien eng zu werden, ich wich ein wenig aus, war auf die Bewegungen der anderen fokussiert, übersah einen rotweißen, viereckigen, etwa 100 cm hohen Metallpoller, prallte mit dem rechten Oberschenkel dagegen und stürzte. Der Sturz verletzte mich nicht. Weh tut aber das Hämatom, ein klassischer Pferdekuss, den ich mit Arnikasalbe behandele. Ich humple ein bisschen. Nach dem Sturz war mir komisch. Ich hatte das Gefühl, unbedingt etwas trinken zu müssen. Der Mann, der vor mir gefahren war, drehte um und fragte, ob er Schuld sei. Nein, nein, sagte ich. Wenn es stimmt, dass kleine Unfälle größere verhüten, bin ich fein raus für dieses Jahr. Die Kutsche, zu der ich unterwegs war, meine Arbeit, sagte ich ab.

17:47

in meine Seele
fällt das fernste Licht
in meine Schuhe stapfen Riesen
man sagt die Seele habe ein Gewicht
ich muss für alle Tage büßen
für Jahre
die ich sie geschunden
und überall ist Glück
verschwunden


Do 3.01.19 bewölkt, feucht, 5 Grad vielleicht

Der rechte Oberschenkel ist geprellt, der Schmerz hält sich in Grenzen. Zum Glück bin ich nicht mit dem Knie gegen den Poller geknallt. Der Muskel wird sich erholen. Ich werde mich heute wenig bewegen, was mir nicht leicht fällt, denn ich bewege mich gern, Bewegung hilft, die Sinnlosigkeit unserer Existenz zu ertragen. Aber so ein massiver Schlag gegen den Oberschenkel fordert Geduld. Ich komme mir vor wie ein Fußballprofi, der so etwas alle Tage verpasst bekommt.

19:45

Der Leben saust mir um die Ohren, ich weiß nicht, wo anfangen, also lasse ich alles so lange liegen, bis ich es weiß. Jahresende- und Anfangsblues. Habe ich ununterbrochen, ist jedes Mal schön.


21:18

Ich kann Birdland spielen. Zumindest eine Version, die der Weather Report Version nahe kommt. Es hat mit dem fis g a / fis g a d Motiv angefangen. Vor ein paar Tagen pfiff ich es, ging zum Klavier, habe mir Note für Note erspielt, und mich dann an die Harmonisierung gemacht, was das Schwierigste ist, und für mich auch das Erstaunlichste, denn eine Note kann in verschiedenen Kontexten, also untergelegten Akkorden, so und wieder ganz anders klingen. Meine Voicings sind nicht in jedem Fall die originalen, aber sie klingen wie Birdland und ich bin ein bisschen stolz. Morgen kommt meine Klavierbank.


Fr 4.01.19 00:27

Es ist mir ein Vergnügen, den Wisky, den man mir schon seit Jahren zu Weihnachten schenkt, in den langen, dunklen Januarnächten peu a peu aufzutrinken. Mit ein wenig Zurückhaltung reicht der Vorrat bis März, dann habe ich Geburtstag und bekomme Nachschub. Wenn nicht, ist es für den Rest des Jahres mit Whisky vorbei.

Die Entscheidung, das Bein zu schonen, die letzten zwanzig der achthundert Seiten des Romans "Der große Sommer geht zu Ende" von Adriaan de Jong zu lesen, den ich vor Wochen aus einem Bücherregal neben einer Bushaltestelle mitnahm, Robert Menasse "Die Hauptstadt" zu beginnen, dieses und jenes zu schreiben, zu telefonieren, zu flirten, war genau richtig. Man glaubt nicht, was man mit siebzig noch alles bewegt. Siebzig ist nur eine Zahl. Was zählt, ist der Kopf. Meiner ist ein Kindskopf. Er will nicht erwachsen werden. Ich wollte nie erwachsen werden. Erwachsene öden mich an.

11:12

Die Klavierbank ist gerade gekommen. Rosenholz. Sieht stabil aus. Sitzt sich gut. Ich bin erfreut.

23:10

Ich habe gelesen, Klavier gespielt, die letzten Reste Kerzenwachs aus dem Teppich gebügelt, ich war auf dem Markt und beim Metzger, ich habe meinen Roman zum ersten Mal in diesem Jahr geladen und perspektivisch verändert, aber noch immer weiß ich nicht, ob ich weiter schreibe, oder mich mit dem begnüge, was ist. Zweimal habe ich Nachbarn getroffen. Frau S. aus dem Haus an der Ecke tot ist. Das ist die mit dem hinter ihrem Gartenzaun aus mannshohen, blickdicht gereihten Latten geifernden Jagdhund, der, wenn ich ihm die Hand durch die Ritzen steckte, fast verrückt wurde vor Glück. Ihr Mann starb kurz nach meiner Frau. Eine andere Nachbarin erzählte, dass ihre Tochter schon vierzehn sei, sie begreife das nicht, wie lange die schon im Bad brauche, und wie sie dann röche, worauf ich erstaunt fragte, wie lange sie denn schon in ihrem Haus wohne? 12 Jahre, sagte sie, und der Garten ist noch immer nicht in Ordnung. Zwölf Jahre? Gestern war da doch gar kein Haus. -


23:40

Sitze hier mit Tristan und Isolde.



Wird das Leben gefährlich?


Sa 5.01.19 11:14 bewölkt, feucht

In der Adventszeit kurvte ein Weihnachtsmann über den Prinzipalmarkt. Er saß auf einem großen Dreirad, das mit Weihnachtsbaum, Lichtern und Glitter geschmückt war, zog einen ebenso aufgeputzten Metallschlitten übers Kopfsteinplaster, hielt wahlweise ein Pappherz oder ein Schild "Love" in die Luft, und ließ sich fotografieren. Kurz vorm Fest ging ich zu ihm. Sag mal, Weihnachtsmann, stehst du hier für eigentlich den Weltfrieden? Nä, sagte er, für Schnaps und Bier, und hielt mit einen Klingelbeutel entgegen. Ich warf zwei Euro hinein. Ich glaube, das Geschäftsmodell ist nicht schlecht.

13:54

Vorhin bin ich ins Aatal gelaufen, um in einem Bauernladen Eier zu kaufen. Schöne, große Eier, deutlich teurer, als Supermarkteier, aber auch deutlich leckerer. Mitten im Laden liegt oft ein Hund, ein Berner Sennenhund, glaube ich. Er liegt seelenruhig da. Wenn jemand reinkommt, steht er vielleicht auf. Ich strecke ihm meine Hand entgegen. Er riecht dran, findet nichts verdächtiges und legt sich wieder. Im Bauernladen gilt das Prinzip der Selbstbedienung. Das Geld legt man in eine Kassette. Ich hatte über die Wochen Eierkartons gesammelt, die stapelte ich auf den Tisch. In der Tiefkühltruhe liegt Fleisch vom Bentheimer Schwein und Wild. Manchmal muss eine Hühnerpopulation dran glauben. Sie leben auf den Wiesen an der Aa zwar ein gutes Hühnerleben, aber nach einer gewissen Zeit haben sie ausgelegt. Dann kann man sie als Suppenhuhn kaufen. Ich hatte mal eines. Da war nicht viel dran. Hin und zurück benötigte ich heute eine knappe Stunde. Heute abend mit hoher Wahrscheinlichkeit Tango.


So 6.01.19 11:12 bewölkt, feucht


Mo. 7.01.19 10:40 bewölkt, feucht

Hausputz in der Küche begonnen.


13:21

Es kommt zu Namensdopplungen beim Tanzen: Stefanies, Martinas, Susannes. Manchmal berührt mich die ein oder andere, weil sie geschmeidig tanzt, schön ist, oder beides. Das ist nicht ungefährlich, aber zum Glück bin ich alt, abgeklärt und nicht mehr auf der Höhe der physischen Leistungsfähigkeit. Das verhindert kopflose Aktionen mit hohem Risiko, die ich so liebe. Die Welt ist wundervoll grau. Das beruhigt. Die Küche ist geputzt, in den nächsten Tagen werde ich mir den Rest der Wohnung vorknüpfen. Danach erledige ich die Steuer. Meinen Roman schaue ich nicht an. Er würde mir den Schlaf rauben. Trotzdem fordert er mich täglich heraus. Die Schönen und Geschmeidigen lasse ich schön und geschmeidig sein.


14:25

Herr M. spricht jeden Tag mit dem Tod. Sie trinken gemeinsam Kaffee, duschen, oder Herr M. spielt für ihn Klavier. Die Gespräche gefallen ihm am Besten. Sie sind beruhigend, weil dadurch das Leben lebendig wird. Todesleugner sind arme Würstchen. Sie leben in einem Gebeinhaus, aber sie leugnen den Tod. Ich kann von großem Glück reden, dass Herrn M. der Tod schon früh begegnet ist. Er hatte ihn beobachten dürfen. Eine ganze Nacht lang hatte er ihm bei der Arbeit zugeschaut. Das hatte ihm den Schrecken genommen. Herr M. findet bewunderswert, dass der Tod nie über seine Pläne spricht. Manchmal hat er den Eindruck, der Tod hat gar keinen Plan. Da wäre er Herrn M. ähnlich, womit sich die Katze in den Schwanz beißt.


22:55

vielleicht
ergibt sich
eine frau zur nacht
für dieses herz aus gronau
vielleicht hat sie sich schön gemacht
für mich und meinen kotau
vielleicht tritt sie im traum auf
und behauptet ich sei wach
und stark und groß
doch ich bin schwach
vielleicht vielleicht
vielleicht auch nicht
man weiß nie beim gedicht


Di 8.01.19 10:46 bewölkt, feucht, 5 Grad,

es könnte heißen
schon tabletten eingenommen
es könnte sein
dass ich im bett läg
sehr benommen
es könnte alles sein bei soviel jahren
zum glück bin ich bisher eher ruhig gefahren
ich war noch nie im krankenhaus
ich habe selten zipperlein
ich habe sehnsucht und weiß nicht wonach
und wenn ich's wüsste hieße es nur ach
ach komm ach geh ach hab dich doch nicht so
ach komm ach geh sei wieder froh

17:26

Herr M. hatte dem Misslingen alles Gute gewünscht und frohes Neues gerufen, das Misslingen hatte geantwortet, darauf könne er sich verlassen. Dann war es verschwunden, und Herr M. sah es mehrere Tage nicht. Am Morgen des 8. Januar 2019 kehrte es zurück. Herr M., noch im Bett, hörte es in der Wohnung herumgehen. Da er sich für das neue Jahr einiges vorgenommen hatte, stand eine Machete neben der Tür. Er hatte sie vor fast 50 Jahren in Guatemala gekauft, ein halbes Jahr später von Recife mit Überseepost nach Hause geschickt. Als die Schritte sich seiner Tür näherten, stand er auf, nahm die Machete mit links, öffnete die Tür und schlug zu. Die Machete sang und hackte mit Schwung in seine rechte Wade. Ich sagte es ja, sagte das Misslingen.

21:32

Die Einsamen schauen Lieblingsfilme auf Netlix, sie stricken, hören Musik, sie telefonieren, sie lesen, sie machen alles ganz sauber, sie sitzen am Computer und geraten in Chats, in denen Herzchen verschickt werden, deren Bedeutung man besser nie nachfragt. Sie trinken Rotwein. Viele trinken Rotwein. Sie kiffen. Sie erledigen noch Arbeit. Sie hassen ihre Arbeit, aber sie können nicht ohne, denn die Welt kostet. Sie sind gar nicht einsam, sagen sie. Sie belügen sich. Sie wissen, dass sie sich belügen. Sie schämen sich. Wenn sie jemanden finden, gehen sie mit. Sie sind gar nicht einsam, sagen sie dann, und werden zweisam.


Do 10.01.19 12:10 3 Grad bewölkt, trocken


im abendlicht
erschien mir alles fern
die nacht verglühte mit dem letzten stern
zu mittag fiel ich oft in tiefen schlaf
und wenn dann wieder abend war
und ich die freunde traf
die auch die unerreichbarkeit beklagten
die jeden tag die kunst vermieden oder wagten
dann wussten sie und ich um die vergeblichkeit
und das erzeugte heiterkeit


Fr 11.01.19 12:29 bewölkt, drei, vier Grad, feucht

Heute wird weltweit der Suizid gefeiert, da beginne ich schon früh mit den Vorbereitungen. Das Wetter spielt mit, das ist super und ich habe immer noch dieses Seil vom Polenmarkt, gleich nach dem Mauerfall gekauft. Aber Hängen mit hervortretenden Augen und blauer Zunge, nein, das möchte ich nicht, das sieht auch nicht gut aus. Und wie wäre das scharfe Messer, dass mir meine Freundin geschenkt hat? Zwecks fachgerechten Harakiris müsste ich es mir in den Leib stoßen, dann links - rechts - rauf - runter - eine sehr anspruchsvolle Kombination, aber dann hätte ich ein ziemliches Gemetzel verursacht. Da ich kein Japanisch spreche, und auch niemandem zumuten mag, sauber zu machen, lasse ich das. Hochhäuser, Türme, hohe Brücken, die ein fachgerechtes Aufschlagen mit sofortigem Exitus garantieren? Gibt es hier nicht, also fällt auch diese nicht unattraktive Möglichkeit aus. Gift? Nein. Also Gift, ich bitte Sie, ich muss ja nur vor die Tür gehen, da ist überall Gift. Der eleganteste und todsichere Suizid ist also das Weiterleben. Spazieren gehen. Menschen treffen. Miteinander reden. Trinken. Alles, was geht.


So 13.01.19 14:10 bewölkt, feucht, 8 Grad

Wir werden einander lästig. Wir verschweigen es. Wir werden sehen, wie es auf uns zurückfällt.

21:09

Wir sind mit äußerster Sorgfalt designed. Es hat eine Weile gedauert, eh die optimalen Proportionen herausgearbeitet waren, aber seit einiger Zeit (ca. 4 Millionen Jahre) sind die sichtbaren Features unserer Körper das, was sie auch heute noch sind. Mit kleinen Modifikaktionen hier und dort. Ohren zum Beispiel garantieren höchstmöglichen Schallfang mit all den kleinen Verwerfungen in der Ohrmuschel und den gerundeten Rändern. Wenn jetzt jemand kommt, und diese Ohrmuscheln oberhalb des Gehörganges pierct, muss man von Verwirbelungen ausgehen, Schallverwirbelungen, die nicht im Sinne des Erfinders sind. Wenn ich, wie bei diesem osteuropäischen Exemplar des Homo Sapiens gerade eben im Bus ferner feststelle, dass die Fingernägel mit altrosa Kunstnägeln beklebt sind, stellt sich mir die Frage, ob solche Schaufeln nicht jeden geschmeidigen Arbeitsablauf verhindern. Aber nein, man kann in Windeseile sogar Nachrichten absetzen.

Und warum fand ich dieses Exemplar osteuropäisch? Tja, gute Frage. Ich habe keinen Beweis, nur einen Eindruck. Ich untermauere ihn gern mit dem Hinweis darauf, dass ich aus einer Menschenmenge mit hoher Wahrscheinlichkeit Niederländer, Engländer, Amerikaner oder eben Osteuropäer herausfiltern kann.

Als ich am Nachmittag an der Bushaltestelle mit einem afrikanischen Vater, dessen Tocher und Enkelin ins Gespräch kam, hätte ich gern gefragt, ob der Afrikaner auch so etwas kennt. Ob er sagt, ach, das ist ein Nigerianer, der kommt aus dem Kongo etc. pp. Wahrscheinlich ja, aber ich habe nicht gefragt, bin stattdessen Wind und Wetter entronnen und haben Tango getanzt. Wobei die, mit der ich an diesem Abend gern getanzt hätte, mir wieder einen Korb gegeben hat. Immer mit däußerst plausiblen Einwänden. Aber eines Tages schnapp ich sie mir.


Mo 14.01.19 19:35

Früher stand zwischen Altstadt und Park ein heruntergekommenes Schloss und der Platz davor hieß entsprechend. Nachdem das Schloss nur mit Mühe gesprengt werden konnte, war dort ein Loch, aus dem langsam ein Kaufhaus wuchs. Karstadt. Ringsum war nun der Kurt-Schuhmacher-Platz. Alle jubelten. Der Fortschritt ist da! Aber in manchen Städten findet er keine Ruhe und geht wieder. So wurde der Kurt-Schuhmacher-Platz schon bald Synonym für das Misslingen zeitgenössischer Stadtplanung. Als ich heute von der Neustraße Richtung Kurt-Schuhmacher-Platz blickte, sah ich den Park. Und wo das Kaufhaus gestanden hatte, war wieder ein Loch. Aber niemand jubelte. Falls man jubelt, ist Udo in der Stadt, der kommt von hier. Ich übrigens auch.


Di 15.01.19 11:44 bewölkt 5 Grad

Als ich auf dem Bahnsteig überlege, noch mehr Beine zu fotografieren, weil Gesichter aus verständlichen Gründe tabu sind, sagt eine blecherne Ansagestimme, man solle auf sein Gepäck acht geben, es seien Taschendiebe unterwegs. Während sie das sagt, treffe ich den Blick einer kleinen, mit wadenlangem Rock bekleideten, eine Netto-Plastiktasche mit sich führenden Frau mit buntem Kopftuch und Pelzstiefeln, die ich kurz vorher fotografiert habe. Unsere Blicke zucken weg. Der Zug kommt, ich steige ein. Viele Mitreisende schauen auf ihre Smartphones, während die Stadt ausfasert. Im Westen liegen fast blauschwarze Wolken, aber hier scheint die Sonne, und auf den grün konstrastierenden Weiden sind Krähenschwärme. Links der Bahntrasse Rehe. Das alles sieht kaum einer.


Mi 16.01.19 12:00 bewölkt, 7 Grad

ich fahre gleich zum supermarkt
und kaufe mir zwei frauen
die eine wird im schrank geparkt
die andere wird verhauen
gleich nebenan im euro-shop
gibt's heute billig kinder
da kauf ich zwei mit honig-pop
das macht die kinder linder
zurück in meinem schönen heim
gründe ich die familie
der binde ich ein seil ans bein
schmück sie mit petersilie
das sollte reichen für den tag
mehr will ich heute nicht
und wer doch lieber lyrik mag
den zerr ich vor's gericht


23:52

Bis Ende Januar lese ich fünf Mal in einer Grundschule, gehe zweimal in ein Konzert und schaue mir eine Ballettpremiere an. Ich bin unterwegs, um nicht zu sterben, das ist alles. Ich bin unterwegs, weil der Schmerz, den die Welt mir verursacht, täglich unerträglicher wird. Das Schlimmste ist, dass ich nie wusste und noch immer nicht weiß, was ich dagegen tun kann. Aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich ein Feigling.


Do 17.01.19 12:29 bewölkt, feucht, kaum über 5 Grad


23:30

Wenn ich nicht gleich nach dem Aufstehen beginne, etwas zu tun, entgleitet mir der Tag oft auf angenehmste Art und Weise. So ein Tag ist nur mit dem Gleichmut eines Buddha zu ertragen.
Ich habe also heute morgen nichts begonnen, habe gespült, mich rasiert und mir den Kopf geschoren, ich habe gelesen, Klavier gespielt und herumgesessen, ich habe Folge 4 der Holocaust Serie gesehen, und war über die deutsche Kaltblütigkeit und die Ergebenheit der Juden erschüttert, die sich erst viel zu spät wehrten, ich habe die verworrene Weltlage zur Kenntnis genommen, aus der ich mir noch nie einen Reim machen konnte, ich habe Suppe gegessen, den Tag über hätte ich am liebsten ununterbrochen gegessen, aber ich habe mich gezügelt, und so ist es weitergegangen. So geht das jeden Tag, es sei denn, ich zwänge mich. Das geht ganz leicht, und wenn ich mich zwinge, bin ich zuverlässig. Aber ich zwinge mich ungern. Zumindest nicht in Herzensangelegenheiten. Ich zwinge mich nicht, Klavier zu spielen. Ich zwinge mich nicht, zu schreiben. Wenn es nur um Geld geht, erledige ich das ohne mit der Wimper zu zucken. Fast drei Jahre habe ich jemandem zweimal die Woche vorgelesen, im Spätherbst letzten Jahres konnte ich dessen gesundheitlichen Zustand nicht länger ertragen. Ich hatte Mitleid, und ich schämte mich, weil ich für eine Stunde dreimal so viel bekam, wie ich als Kutscher bekomme, wo er doch eigentlich jemand braucht, der sein Freund ist. Ich kam mir nuttig vor. Das Geld, dass ich nicht mehr verdiene, fehlt mir nicht. Ich richte meine Ausgaben immer nach dem, was ich habe. Wenn ich also wenig habe, gebe ich wenig aus. Wenn mehr da ist, werde ich großzügiger. Ich mache nie Schulden, ich überlege genau, ob ich etwas will oder nicht. Es hat sich herausgestellt, dass alles, was ich nur wegen des Geldes tue, Ärger bringt. Vielleicht bin ja doch ein Buddha. Ich treibe im Strom. Ich rufe. Die am Ufer sollen hören, was ich von ihnen halte. Ich bin ungerecht. Ich bin subjektiv.


Fr 18.01.19 00:57

Letzte Woche war ich in einem der letzten Gitarrenläden, die es in Münster gibt, ein kleiner Laden, in dem ein Mann mit Pferdeschwanz arbeitet. Ich wollte eine akustische Bassgitarre ausprobieren. Schon seit Wochen überlege ich, mir eine zu kaufen. Ich wäre dann das lästige Harmonisieren von Melodien los. Ich wäre die Melodie. Ich müsste ein Lied nur ein paarmal hören, dann wüsste ich, wo der Hase läuft. Ich fragte also, ob er akustische Bässe habe, er nickte, zeigte darauf, ich wollte einen aus der Halterung nehmen, aber das wollte er lieber selbst tun. Er verwies mich auf den hinteren Raum. Dort setzte ich mich, er hatte noch mit Kunden zu tun. Während ich wartete, kam E., ein Holländer, den ich schon lange kenne. Ich erzählte ihm vom Klavier- und Ukulelespielen und dass ich überlegte, einen Bass zu kaufen, und da zeigte er mir eine App (IRealPro), mit einer großen Zahl von Liedern aller möglichen Genres, begleitet von Schlsagzeug, Gitarre und Piano, die man transponieren, langsamer und schneller spielen kann und die für Klavier, Ukulele oder Gitarre wahlweise Noten oder Symbole im Takt zeigt. Die habe ich mir am Tag darauf auf mein Tablet geladen. Jetzt kann ich 8 days a week auf der Ukulele spielen.