Januar 2022                     www.hermann-mensing.de      

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1.01.22 12:30 Krise Tag 671 hohe Bewölkung

Da kommt was. Und ich freu mich drauf.

18:15

Mit dem Roller über Land, es war mild. Ich wollte in Tilbeck Kaffee kaufen, aber das Café hatte zu. Nachmittags Joan Armatrading und Paul Young gehört. Gelesen.

22:00

wenn es nicht da ist,
graust mir und ich fürchte,
es kommt nie zurück,
als sei's nie meins gewesen
eitler spuk, kein glück.

es hat mit mir gespielt
ich habe ihm geglaubt
ich bin an ihm genesen
und doch hat's mir den schlaf geraubt.

ich habe alles hingenommen,
habe es gepflegt,
hab jeden tag mit ihm
auf's neu begonnen,
bis es in sätzen zu mir kam,
von deren herkunft
niemand wusste,
auch nicht ich,
und manchmal sagt' es,
ich bin du und du bist ich.

ich weiß nicht,
was ich von ihm halten soll,
mal find ich's tadellos,
dann grauenvoll,
ich kann mir einfach keinen reim
drauf machen,
am besten wär es, aufzuwachen,
und einen neuen traum zu träumen.
es einzufangen
wie diesen blauen schmetterling,
den einst herr M., ein dichter, fing.


Fr 7.01.22 19:45 Krise Tag 677 grau meist

ich spanne den kopf ab
ich drossle das herz
für den abend nach rückkehr
ich spanne die welt vor meinen karren
und lasse ihn wegfahren
ich spann mir das jahr vor die brust
und lasse es traben.
es wiehert
es hat einen prächtigen arsch
und kräftige flanken
im geschirr
mein dank an alle höheren mächte
die unter anderem dafür sorgten
dass das aquaplaning
nur einen augenblick dauerte
die welt niemandem auf den kopf fiel
die baltische see uns nicht verschlang

und die seuche uns fern blieb.
auch dank für das licht.
dank für den regen.
dank für die tristesse
und die abwesenheit des internets.
dank für das glück


Sa 8.01.22 18:48 Krise Tag 678 grau

das fahren
& das achtsamsein
die heimkehr
die sich heute
auf mich legt und
müde auf das sofa zwingt
wo kraft strömt
und der atem singt
so viel zunächst zum neuen jahr
ich fühl mich wunderbar.

So 9.01.22 16:30 Krise Tagt 679 grau

dem covid
sein cousäng dem delta
war langweilig
und darum hälta
sich einem omikron vorm bauch
d'rekt über ihm sein seuchenschlauch
und fi.. was er nur fi..en kann.
man man


Mo 10.01.22 16:14 Krise Tag 680 strahlend

die sonne scheint
das licht
ist flach gewalztes gold
ich bin zurück vom darß
erholt
das dumme ding mein herz jedoch
hat heute nacht geweint
mein vater legte seine hand auf meine wange
und für die ewigkeit eines synapsensprungs
war'n wir vereint in lange
tiefe seeligkeit
vorbei
der schlaf riss alles fort
beglückt verwirrt
bin ich erst gegen acht erwacht
vor ort
erwartet mich die arbeit
wort

Di 11.01.22 15:47 Krise Tag 681 strahlend

erinn're dich
an mich
wir war'n lebendig
& die and'ren nicht
wir gaben alles
& bekamen luft
wir feierten die abenteuer
mit verräterduft
wir kannten uns're ungeheuer
und duzten jeden engel
wir liebten uns in dunklen
und die hellen ecken
wir waren freie menschen
es galt kein verstecken
paris new york madrid
auch äußere hebriden
doch als wir drüber alterten
uns freuten auf den neuen ritt
bist du nach einem
schreckensvierteljahr verschieden
erinn're dich
es gibt uns noch
wo weiß ich nicht


17:15

Wir befinden uns auf einer Fläche von kaum 10 Quadratmetern der A19 zwischen Rostock und Lübeck in Höhe der ehemals deutsch-deutschen Grenze. Herr M. wechselt auf die linke Spur. Auf der Fläche liegt Schneematsch. Das Auto schwimmt. Er hat noch nicht realisiert, dass er es mit Aquaplaning zu tun hat, Scheiße, was ist das, denkt er, und dann ist es auch schon vorbei. Gut, dass er das Steuer nicht verrissen hat. Wieder waren gute Geister für ihn tätig. Er betet jeden Tag, dass das so bleibt, weiß aber, dass es keine Garantie gibt. Auf dem Packzettel, den man ihn am 6. März 1949 beigelegt hatte, stand ausdrücklich: das Leben ist lebensgefährlich. Er ertrank nicht, als er auf dem Stadtparkteich von Eisscholle zu Eisscholle sprang, beim Sprung an Land aber an der Böschung ausglitt und bis zum Hals ins eiskalte Wasser rutschte. Die Welle auf Oahu/Hawai schob ihn über Korallen, aber ertränkte ihn nicht. Ein Sturz auf 4000 Meter Höhe, als er auf dem Weg nach Macchu Picchu über einen Pass kraxelte, blieb folgendenlos. Er überlebte haarsträubendste Busfahrten in Südamerika und Indien, den Sturz von einer Kaimauer auf Kitakyushi in Japan, die Strömungsabriss einer Boing 707 beim Landeanflug auf Anchorage, er wurde nicht von Spinnen oder Schlangen gebissen, als er in der in der Region Missiones in Argentinien im Urwald übernachtete, in den Favellas von Rio war man freundlich zu ihm, statt ihn auszurauben, ihm fiel kein Fels auf den Kopf, als er unter den Seven Sisters bei Hasting saß, nie hat er eine Vollbremsung machen müssen, alle Stürze, und es waren einige, hat er mit minimalen Verletzungen überlebt, hier mal ein verstauchter Knöchel oder ein Nagel im Fuß, aber sonst, nichts, deshalb ist es an der Zeit, sich bei den guten Geistern zu bedanken, die ihn auch in Zeiten der Pandemie bisher geschont haben. Bleibt bei mir, ihr Lieben, behütet mich auf all meinen Wegen.


Do. 13.01.22 18:06 Krise Tag 683 grau

ein buchfink, rufend,
später, eine meise,
als wär' es schon so weit
auf ihre weise
ahnen sie, was kommt,
wir haben den kalender,
sie die zeit und leben
in ihr und nicht meilenweit
entfernt
sind immer jetzt
und wären glücklich
gäb es glück für sie
und haben, was wir nie erreichen
völl'ge harmonie.


Fr. 14.01.22 11:38 Krise Tag 684 grau

wie sie spazieren,
die leugner,
die freiheitsliebenden querdenker,
wie sie pöbeln und ihre kinder vorschieben,
wie sie sich ein X für ein U vormachen
und sich im brustton der erleuchteten
über gesellschaftliche vereinbarungen hinwegsetzen,
wie ich sie anstarre und nicht begreife,
wie es sein kann,
dass diese menschen offenbar
nicht sinnerfassend lesen können,
denn könnten sie es,
würden sie wissen,
dass weltweit 5,5 millionen
menschen an der seuche gestorben-
über 4 Milliarden
geimpft, nicht gechipt
und vor gröbsten folgen geschützt sind,
4 Milliarden sozial verantwortlich handelnde menschen
und dann so etwas
wie ich mich dabei ertappe,
ihnen die pest auf den hals zu wünschen,
ich verstehe weder sie noch mich,
ich bin genauso müde wie sie,
auch mir geht die seuche auf den sack,
aber ich kann lesen.



14:00

Um zum Ziel zu gelangen, liegt Weg vor Herrn M. Eine vier- bis sechsspurige Straße, immer nach Norden. Da liegen Geschichten, gleich neben dem Geld, das aufzusammeln er schon sein Leben lang lässig erledigt. Er stopft es unters Hemd, damit es ihn wärmt. Geld wärmt ungemein, er könnte auch Zeitungen nehmen, aber Geld ist cooler, und mit Zeitungen kann Herr M. nicht bezahlen. Gibt es irgendwo Kaffee an dieser Straße? Oder nur nach Absitzen einer Quarantäne? 2G+. 3G+++? Keiner weiß. Das rote Flatterband sagt, kein Zutritt. Kein Kaffee, nicht einmal die Toilette geöffnet zwischen Süder- und Norderelbe, nur Fischreiher auf feuchten Wiesen, paar pitschnasse Schafen, Gräben zum Pinkeln. Herr M. ist an der Reihe mit Fahren. All die Knöpfe. Was soll er damit. Er wirft Geld zum Fenster hinaus. Vollbremsung hinter ihm. Drei, vier krachen aufeinander. Geld her. Wirf auch noch was raus, sagt Herr M. zur meinem Barockengel, den er täglich liebevoll pflegt Ach nö, sagt sie. Wir wollen doch in Oyster Bar heute abend. Stimmt. Heftiger Regen. Fließender Verkehr. Um Hamburg rum über die Reeperbahn, Kurzbesuch noch bei Udo, dann Richtung Lübeck. Endmoränen. Schafe. Kiefernwälder. Durchs Maurinel Tal. Über die Triwalker Brücke. Die alte Grenze. Von Lübeck an Wismar vorbei - Achtung, Kirchtum - Richtung Rostock, über die Bundesstraße ins Fischland, wo die Fischköppe wohnen an Traumstränden der DDR. Immer wieder Regen. Wer zuerst die Ostsee sieht, heißt das Spiel. Der was? fragt mein Barockengel. Der ... sagt Herr M. Gut, sagt sie. Herr M. Ich sieht sie und darf sich was wünschen. Später, es ist schon Nacht, Herr M. und sein Engel sitzen auf dem Balkon, kiffen und lästern über die Plastiksanseverien, die Agarve und die Zimmerpalme aus Vollplastik, fällt eine Sternschnuppe ins Meer. Herr M. hört es zischen. Er sieht Fischschwärme auseinanderstieben. Er hat noch einen Wunsch. Herr M. hatte zwei Abende vorher die Nase von 676 Seuchentagen gestrichen voll. Er konnte es nicht mehr hören, er hätte schreien mögen, stattdessen buchte er ein Apartment auf dem Darß. Noch achtzig Kilometer. Dann die Ostsee links und der Bodden rechts. Wald, weiter Wald. Herr M. hätte den Whisky mitnehmen sollen, auf die Sternschnuppe hätten die zwei einen heben müssen, und dann durch den Regen ins Strandhotel, in die Oyster Bar. Dort ist es gediegen. Mahagony scheint ein Synonym für Gediegenheit. Dem Barkeeper ein Bündel Geld zeigen. Den Russen spielen, sich kräftige Drinks mixen lassen. Davon so viele trinken, bis die Seuche kotzt. Hätte Herr M. machen können, hat er aber nicht. Hat erst am dritten Tag festgestellt, dass es so etwas wie die Oyster Bar überhaupt gibt, und dass sie bis Mitternacht auf hat, wo doch sonst längst alles zu war im totgeliebten Seuchengebiet. Jeder ist gefährdet. Jeder ist gefährlich. Das hat man davon, wenn man wegfährt. Es ist überall gleich.


Sa 15.01.22 19:04 Krise Tag 685 grau

Vom Schlößchen auf den Sundischen Wiesen geht man südwestlich. Da ist Brachland. Auf Schildern steht, dass man es nicht betreten dürfe, Lebensgefahr herrsche, wegen nicht geborgener Munition. Die Nazi hatten da geübt. Über den Barther Bodden anfliegen, ausklinken. Igendwo musste man die geplante Vernichtung ausprobieren, und die sundischen Wiesen waren kaum bevölkert. Man geht daran entlang und kommt zum Deich. Hier ist er noch Vordeich, aber nach zwei Kilometern hört man Schwäne rufen. Sie schwimmen in einer Bucht des Bodden. Manche schlafen, den Kopf zwischen den Flügeln, andere putzen sich, wieder andere gründeln. Hinter uns plötzlich ein hoher, spitzer Ruf. Ein Seeadler. Vom Osterwald kommend, auf den Bodden zufliegend, kreisend, dann verschwindet er Richtung sundische Wiesen. Dass so große Vögel einen so kleinen Schrei haben, verwundert mich.


20:19

wenn es
wie jetzt
stockdunkel ist
wäre ich froh
kein ICH zu kennen
nur ein WIR
doch da es nacht ist
und die große leere hier
auf meinem sofa hockt
und bockt
mach ich mir eine flasche auf
und wir beginnen
einen tanz ums ICH
ums DICH ums WIR
bis morgen früh
dann sind wir wieder hier
und werfen tassen an die wand
und worte wühlen uns um den verstand
und morgen ist tag 6 8 6 der krise
ich will nicht mehr
wenn ich doch nur abließe
vom tanz ums dichterkalb
mein liebstes ich mein alb