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1.01.22 12:30 Krise Tag 671 hohe Bewölkung

Da kommt was. Und ich freu mich drauf.

18:15

Mit dem Roller über Land, es war mild. Ich wollte in Tilbeck Kaffee kaufen, aber das Café hatte zu. Nachmittags Joan Armatrading und Paul Young gehört. Gelesen.

22:00

wenn es nicht da ist,
graust mir und ich fürchte,
es kommt nie zurück,
als sei's nie meins gewesen
eitler spuk, kein glück.

es hat mit mir gespielt
ich habe ihm geglaubt
ich bin an ihm genesen
und doch hat's mir den schlaf geraubt.

ich habe alles hingenommen,
habe es gepflegt,
hab jeden tag mit ihm
auf's neu begonnen,
bis es in sätzen zu mir kam,
von deren herkunft
niemand wusste,
auch nicht ich,
und manchmal sagt' es,
ich bin du und du bist ich.

ich weiß nicht,
was ich von ihm halten soll,
mal find ich's tadellos,
dann grauenvoll,
ich kann mir einfach keinen reim
drauf machen,
am besten wär es, aufzuwachen,
und einen neuen traum zu träumen.
es einzufangen
wie diesen blauen schmetterling,
den einst herr M., ein dichter, fing.


Fr 7.01.22 19:45 Krise Tag 677 grau meist

ich spanne den kopf ab
ich drossle das herz
für den abend nach rückkehr
ich spanne die welt vor meinen karren
und lasse ihn wegfahren
ich spann mir das jahr vor die brust
und lasse es traben.
es wiehert
es hat einen prächtigen arsch
und kräftige flanken
im geschirr
mein dank an alle höheren mächte
die unter anderem dafür sorgten
dass das aquaplaning
nur einen augenblick dauerte
die welt niemandem auf den kopf fiel
die baltische see uns nicht verschlang

und die seuche uns fern blieb.
auch dank für das licht.
dank für den regen.
dank für die tristesse
und die abwesenheit des internets.
dank für das glück


Sa 8.01.22 18:48 Krise Tag 678 grau

das fahren
& das achtsamsein
die heimkehr
die sich heute
auf mich legt und
müde auf das sofa zwingt
wo kraft strömt
und der atem singt
so viel zunächst zum neuen jahr
ich fühl mich wunderbar.

So 9.01.22 16:30 Krise Tagt 679 grau

dem covid
sein cousäng dem delta
war langweilig
und darum hälta
sich einem omikron vorm bauch
d'rekt über ihm sein seuchenschlauch
und fi.. was er nur fi..en kann.
man man


Mo 10.01.22 16:14 Krise Tag 680 strahlend

die sonne scheint
das licht
ist flach gewalztes gold
ich bin zurück vom darß
erholt
das dumme ding mein herz jedoch
hat heute nacht geweint
mein vater legte seine hand auf meine wange
und für die ewigkeit eines synapsensprungs
war'n wir vereint in lange
tiefe seeligkeit
vorbei
der schlaf riss alles fort
beglückt verwirrt
bin ich erst gegen acht erwacht
vor ort
erwartet mich die arbeit
wort

Di 11.01.22 15:47 Krise Tag 681 strahlend

erinn're dich
an mich
wir war'n lebendig
& die and'ren nicht
wir gaben alles
& bekamen luft
wir feierten die abenteuer
mit verräterduft
wir kannten uns're ungeheuer
und duzten jeden engel
wir liebten uns in dunklen
und die hellen ecken
wir waren freie menschen
es galt kein verstecken
paris new york madrid
auch äußere hebriden
doch als wir drüber alterten
uns freuten auf den neuen ritt
bist du nach einem
schreckensvierteljahr verschieden
erinn're dich
es gibt uns noch
wo weiß ich nicht


17:15

Wir befinden uns auf einer Fläche von kaum 10 Quadratmetern der A19 zwischen Rostock und Lübeck in Höhe der ehemals deutsch-deutschen Grenze. Herr M. wechselt auf die linke Spur. Auf der Fläche liegt Schneematsch. Das Auto schwimmt. Er hat noch nicht realisiert, dass er es mit Aquaplaning zu tun hat, Scheiße, was ist das, denkt er, und dann ist es auch schon vorbei. Gut, dass er das Steuer nicht verrissen hat. Wieder waren gute Geister für ihn tätig. Er betet jeden Tag, dass das so bleibt, weiß aber, dass es keine Garantie gibt. Auf dem Packzettel, den man ihn am 6. März 1949 beigelegt hatte, stand ausdrücklich: das Leben ist lebensgefährlich. Er ertrank nicht, als er auf dem Stadtparkteich von Eisscholle zu Eisscholle sprang, beim Sprung an Land aber an der Böschung ausglitt und bis zum Hals ins eiskalte Wasser rutschte. Die Welle auf Oahu/Hawai schob ihn über Korallen, aber ertränkte ihn nicht. Ein Sturz auf 4000 Meter Höhe, als er auf dem Weg nach Macchu Picchu über einen Pass kraxelte, blieb folgendenlos. Er überlebte haarsträubendste Busfahrten in Südamerika und Indien, den Sturz von einer Kaimauer auf Kitakyushi in Japan, die Strömungsabriss einer Boing 707 beim Landeanflug auf Anchorage, er wurde nicht von Spinnen oder Schlangen gebissen, als er in der in der Region Missiones in Argentinien im Urwald übernachtete, in den Favellas von Rio war man freundlich zu ihm, statt ihn auszurauben, ihm fiel kein Fels auf den Kopf, als er unter den Seven Sisters bei Hasting saß, nie hat er eine Vollbremsung machen müssen, alle Stürze, und es waren einige, hat er mit minimalen Verletzungen überlebt, hier mal ein verstauchter Knöchel oder ein Nagel im Fuß, aber sonst, nichts, deshalb ist es an der Zeit, sich bei den guten Geistern zu bedanken, die ihn auch in Zeiten der Pandemie bisher geschont haben. Bleibt bei mir, ihr Lieben, behütet mich auf all meinen Wegen.


Do. 13.01.22 18:06 Krise Tag 683 grau

ein buchfink, rufend,
später, eine meise,
als wär' es schon so weit
auf ihre weise
ahnen sie, was kommt,
wir haben den kalender,
sie die zeit und leben
in ihr und nicht meilenweit
entfernt
sind immer jetzt
und wären glücklich
gäb es glück für sie
und haben, was wir nie erreichen
völl'ge harmonie.


Fr. 14.01.22 11:38 Krise Tag 684 grau

wie sie spazieren,
die leugner,
die freiheitsliebenden querdenker,
wie sie pöbeln und ihre kinder vorschieben,
wie sie sich ein X für ein U vormachen
und sich im brustton der erleuchteten
über gesellschaftliche vereinbarungen hinwegsetzen,
wie ich sie anstarre und nicht begreife,
wie es sein kann,
dass diese menschen offenbar
nicht sinnerfassend lesen können,
denn könnten sie es,
würden sie wissen,
dass weltweit 5,5 millionen
menschen an der seuche gestorben-
über 4 Milliarden
geimpft, nicht gechipt
und vor gröbsten folgen geschützt sind,
4 Milliarden sozial verantwortlich handelnde menschen
und dann so etwas
wie ich mich dabei ertappe,
ihnen die pest auf den hals zu wünschen,
ich verstehe weder sie noch mich,
ich bin genauso müde wie sie,
auch mir geht die seuche auf den sack,
aber ich kann lesen.



14:00

Um zum Ziel zu gelangen, liegt Weg vor Herrn M. Eine vier- bis sechsspurige Straße, immer nach Norden. Da liegen Geschichten, gleich neben dem Geld, das aufzusammeln er schon sein Leben lang lässig erledigt. Er stopft es unters Hemd, damit es ihn wärmt. Geld wärmt ungemein, er könnte auch Zeitungen nehmen, aber Geld ist cooler, und mit Zeitungen kann Herr M. nicht bezahlen. Gibt es irgendwo Kaffee an dieser Straße? Oder nur nach Absitzen einer Quarantäne? 2G+. 3G+++? Keiner weiß. Das rote Flatterband sagt, kein Zutritt. Kein Kaffee, nicht einmal die Toilette geöffnet zwischen Süder- und Norderelbe, nur Fischreiher auf feuchten Wiesen, paar pitschnasse Schafen, Gräben zum Pinkeln. Herr M. ist an der Reihe mit Fahren. All die Knöpfe. Was soll er damit. Er wirft Geld zum Fenster hinaus. Vollbremsung hinter ihm. Drei, vier krachen aufeinander. Geld her. Wirf auch noch was raus, sagt Herr M. zur meinem Barockengel, den er täglich liebevoll pflegt Ach nö, sagt sie. Wir wollen doch in Oyster Bar heute abend. Stimmt. Heftiger Regen. Fließender Verkehr. Um Hamburg rum über die Reeperbahn, Kurzbesuch noch bei Udo, dann Richtung Lübeck. Endmoränen. Schafe. Kiefernwälder. Durchs Maurinel Tal. Über die Triwalker Brücke. Die alte Grenze. Von Lübeck an Wismar vorbei - Achtung, Kirchtum - Richtung Rostock, über die Bundesstraße ins Fischland, wo die Fischköppe wohnen an Traumstränden der DDR. Immer wieder Regen. Wer zuerst die Ostsee sieht, heißt das Spiel. Der was? fragt mein Barockengel. Der ... sagt Herr M. Gut, sagt sie. Herr M. Ich sieht sie und darf sich was wünschen. Später, es ist schon Nacht, Herr M. und sein Engel sitzen auf dem Balkon, kiffen und lästern über die Plastiksanseverien, die Agarve und die Zimmerpalme aus Vollplastik, fällt eine Sternschnuppe ins Meer. Herr M. hört es zischen. Er sieht Fischschwärme auseinanderstieben. Er hat noch einen Wunsch. Herr M. hatte zwei Abende vorher die Nase von 676 Seuchentagen gestrichen voll. Er konnte es nicht mehr hören, er hätte schreien mögen, stattdessen buchte er ein Apartment auf dem Darß. Noch achtzig Kilometer. Dann die Ostsee links und der Bodden rechts. Wald, weiter Wald. Herr M. hätte den Whisky mitnehmen sollen, auf die Sternschnuppe hätten die zwei einen heben müssen, und dann durch den Regen ins Strandhotel, in die Oyster Bar. Dort ist es gediegen. Mahagony scheint ein Synonym für Gediegenheit. Dem Barkeeper ein Bündel Geld zeigen. Den Russen spielen, sich kräftige Drinks mixen lassen. Davon so viele trinken, bis die Seuche kotzt. Hätte Herr M. machen können, hat er aber nicht. Hat erst am dritten Tag festgestellt, dass es so etwas wie die Oyster Bar überhaupt gibt, und dass sie bis Mitternacht auf hat, wo doch sonst längst alles zu war im totgeliebten Seuchengebiet. Jeder ist gefährdet. Jeder ist gefährlich. Das hat man davon, wenn man wegfährt. Es ist überall gleich.


Sa 15.01.22 19:04 Krise Tag 685 grau

Vom Schlößchen auf den Sundischen Wiesen geht man südwestlich. Da ist Brachland. Auf Schildern steht, dass man es nicht betreten dürfe, Lebensgefahr herrsche, wegen nicht geborgener Munition. Die Nazi hatten da geübt. Über den Barther Bodden anfliegen, ausklinken. Igendwo musste man die geplante Vernichtung ausprobieren, und die sundischen Wiesen waren kaum bevölkert. Man geht daran entlang und kommt zum Deich. Hier ist er noch Vordeich, aber nach zwei Kilometern hört man Schwäne rufen. Sie schwimmen in einer Bucht des Bodden. Manche schlafen, den Kopf zwischen den Flügeln, andere putzen sich, wieder andere gründeln. Hinter uns plötzlich ein hoher, spitzer Ruf. Ein Seeadler. Vom Osterwald kommend, auf den Bodden zufliegend, kreisend, dann verschwindet er Richtung sundische Wiesen. Dass so große Vögel einen so kleinen Schrei haben, verwundert mich.


20:19

wenn es
wie jetzt
stockdunkel ist
wäre ich froh
kein ICH zu kennen
nur ein WIR
doch da es nacht ist
und die große leere hier
auf meinem sofa hockt
und bockt
mach ich mir eine flasche auf
und wir beginnen
einen tanz ums ICH
ums DICH ums WIR
bis morgen früh
dann sind wir wieder hier
und werfen tassen an die wand
und worte wühlen uns um den verstand
und morgen ist tag 6 8 6 der krise
ich will nicht mehr
wenn ich doch nur abließe
vom tanz ums dichterkalb
mein liebstes ich mein alb


So.16.01.22 11:50 Krise Tag 686 grau

Die Fahrradverleiher in Zingst wollen ihre E-Bikes nur für 24 Stunden vermieten. Abholen könne man sie ab zehn, zurückgeben am nächsten Morgen, aber da wären wir schon auf dem Heimweg. Es ist nur für heute nachmittag, sagen wir. Wir nähmen zwei, brächten sie gegen Abend zurück, aber nein, das geht auch nicht, sie schließen um 14:00. Nachsaison, Zwischensaison. Es ist kein Deal zu machen mit den bärtigen Fischköppen, also fahren mir mit dem Auto die Landstraße durch Müggenburg bis zum Bodden, parken und machen uns zu Fuß auf den Weg durch den Osterwald, ein Regenmoorwald. Wir wollen zur Küste. Der Osterwald ist wildreich. Wir haben Damwild gesehen, Schwarzwild ist zahlreich, gesichtet haben wir es nicht. Erle, Fichte, Stieleichen, Moorbirken und Kiefern im Wechsel. Gräben mit eingefrorener Entengrütze. Lange Zeit nichts als Stille, dann das ferne Rauschen der Ostsee. Die Wiesen vorm Deich sind vom Schwarzwild durchpflügt. Wir überqueren den Deich. Die See rollt auf uns zu. Auf zwei Pollern im Wasser stehen Kormorane und trocknen ihr Gefieder. Im Osten steigt ein Hügel aus dem Meer, obenauf steht ein weißer Leuchtturm. Das ist Hiddensee, wo Lutz Seilers sehr zu empfehlender Roman "Kruso" spielt. Am Strand eine Sperre. Naturschutzgebiet. Die Sundischen Wiesen, die sich fast bis an die Ausläufer Hiddensees ziehen. Hinter der Absperrung Dünen und kahle Bäume, die aber nicht durch den Klimawandel ihr Leben verloren-, sondern "nasse Füsse" bekommen haben. Hier leben Fischotter und Robben, die vermehrt in die Ostsee zurückkehren. Wir setzen uns in den Sand. Es wäre jetzt Sommer. Ich ginge schimmen. Ich träfe den Nöck und die Heringe. Am Horizont zögen die Segler der Vitalienbrüder mit Kurs auf Zingst. Störtebecker rauchte. Ich läge auf dem Rücken und ließe mich nach Dänemark treiben, wie die aus der DDR Flüchtenden es immer wieder versuchten. Viele kamen um. Wenige schafften es. Die meisten wurde aufgegriffen. Übern Deich dann ins Schlösschen bei den Sundischen Wiesen. Diese Wiesen waren einst Sandbänke, die durch den ständigen Wechsel der Gezeiten, Strömungen und Sturmfluten immer größer geworden sind, man kann das auf allen Inseln und Halbinseln beobachten kann, hier bricht etwas weg, dort schwemmt es an. Und dann kamen die Siedlerpflanzen. Salzkraut, Salzmiere und Queller. 1290 werden die Sundischen Wiesen erstmals in Aufzeichnungen erwähnt. Zu Hansezeiten gehörten sie der Stadt Stralsund und die Bauern weideten dort ihr Vieh. Schwedische Geographen charakterisieren das Gebiet als „starres Gras, Röhricht“ und „morastige Weiden voll von Wasserlöchern“. Viel später kaufte Herr Stinnes sie auf und holzte ab, was abzuholzen war. Der Hochmut des Kapitals wütete. Die Nazis richteten Übungsplätze und ein Bombenabwurfareal ein. Die DDR baute eine Futtermittelfabrik, eine Nerzaufzucht und Rinderstation, mehrere, 250 Meter lange Hallen. Zu Hochzeiten weideten 10000 Rinder auf den Sundischen Wiesen. Heute ist diese LPG ein verlassener Ort am Waldrand. Das Riet der sundischen Wiesen reibt sich im Wind. Von Mai bis November tanzen dort tausende Kraniche.


Mo 17.01.22 15:25 Krise Tag 687 grau

gedicht zwei drei
wir stehen bis zum hals im dreck
gedicht drei vier
und dichten uns den kummer weg
erfinden uns ein krokidil
das einen igel trifft und sagt
ich weiß nicht viel
und du mit stacheln
spitzem maul und kleinen augen
mit diesen kurzen beinen
die nichts taugen
sag bist du gar ein igel
ja sagt der igel 'türlich
von allen kreaturen kreatürlich
und du denn
mit den kurzen beinen
langem schwanz
und großen maul
du musst ein italiener sein
ciao paolo


16:01

25.000


So 23.01.16:02 Krise Tag 693 grau

Der Nachbar hatte eine Panika
ttacke, der Mann in der Turmhöhle mit Blick auf das den Himmel spiegelnde Dach und den Prospekt der Stadt kocht für's Vergessen uns gegen die Angst, vor die Tür zu gehen, die Gärtnerin bestellt schon mal Saaten, der Bassist trinkt in seinem Gartenhaus Reste weg. Vier Pils, halbe Pulle Schnaps, sagt er. Kommste noch mit. Herr M. verneint, starrt auf die Schlange und überlegt, wie er ihr den Kopf abschlagen könnte. Alle gehen auf dem Zahnfleisch. Die Getränkeindustrie boomt. Frühling scheint die einzige Rettung. Die Vögel wissen es längst. Seit zwei Wochen singen sie. Nichts hört Herr M. lieber in diesen Wochen, in denen man die Sonne nur alle paar Tage für kurze Zeit sieht. Da hockt er mit seinen Leidenschaften, die herumgeistern und ihn unablässig fordern. Ein Hobbie wäre hilfreich. Ein Flugzeug zusammenzubauen zum Beispiel, damit könnte man sie zurechtweisen, aber das ist nichts für ihn. Er langweilt sich lieber. Er versucht sich ohne Beschäftigung zu ertragen. Herr M., sagt er, bleib unvernünftig, von den Erwachsenen ist wenig zu erwarten. Du hast eine Lebensgefährtin, du hast zu Essen, zu Trinken, zu Lesen, du hast zwei Söhne, vier Enkel, zwei Schwiegertöchter, die dich mögen und die du magst, du bist bekennender Kiffer, du bereust nichts und hast nur ein Problem: die Eitelkeit, und mit der wirst du in diesem Leben nicht mehr fertig. Deine "Sitzt zwischen den Stühlen" Preise der Zeitschrift Eselsohr (Literatur für Kinder) schmeicheln dir, aber du wüsstest nicht, wo die Urkunden wären. Gestern hast du zum ersten Mal seit Oktober wieder getanzt. Vier Tänzerinnen waren zum Sterben unbegabt, die letzte war super, für die hat es sich gelohnt. Dann bist du heimgefahren und hast zwei Parien Backgammon gespielt. Oh Amelia, it was just a false alarm.

Mo 24.01.22 13:16 Krise Tag 694 grau

Eine FB Freundschaftsanfrage ploppt auf und mit ihr das Fotos eines eines großen, gut gekleideten schlanken Mannes mit glatter Haut und sehr freundlicher Ausstrahlung: Werner, ein Nachbar aus Kindertagen, den ich seit über 60 Jahren nicht mehr gesehen habe. Ich klicke auf "Annehmen".
Eine Woche später ruft er mich an und wir vereinbaren einen Termin. Werner wird im März 98. Er wohnt in einem modernen, zweistöckigen Haus mit Flachdach. Ringsum baugleiche, topmoderne Tristesse. Falsch verstandenes Bauhaus. Verkehrsberuhigt. Ein roter Pflasterstreifen am Wegrand, Parkbuchten, paar junge Bäume. Sauber. Kein Mensch.

Im Haus: ein Aufzug. Im Flur ein Frauenportrait, im Wohnzimmer noch eines, beide altmeisterlich historisierend. Werner hört sehr schlecht und trägt einen Verstärker um den Hals, der mit BlueTooth mit seinen Hörgeraten kommuniziert. Es steht Kuchen auf dem Tisch. Donauwellen, von denen ich drei Stücke esse und das vierte nur schwer abweisen konnte.

In den Fünfzigern arbeitet Werner als Verkäufer in einem Textilhaus in Gronau. Irgendwann besuchte er einen Tanzkursus. Nach dem Abschlussball nahm in sein Tanzlehrer beiseite und fragte, ob er die nächsten drei, vier Kursabende übernehmen könne, er selbst sei verhindert, und ihm traue er das zu. Werner sagte ja. Als sein Tanzlehrer ein paar Kursabende später wiederkam, gab es Unmut. Die Kursteilnehmer wollten lieber bei Werner lernen. So kam er auf die Idee, Tanzkurse anzubieten. Schon der erste war mit 200 Teilnehmern überbelegt. Werner kaufte einen Mercedes auf Pump, ein Tonband, Verstärker und Lautsprecher, schrieb Dutzende Briefe und hatte bald ein Netz von Gastwirten im ländlichen Umland, die ihm ihre Säle vermieteten. In meiner Straße gab es damals nur Werners Auto, und das wurde bewundert. Dass er jetzt Tanzlehrer ist, begreift niemand. Er ist blasshäutig, rothaarig und wirkt ungelenk.

Wenn er Musikstücke für seine Kurse zusammenstellte, war ich manchmal dabei. Werner war einer der ersten, die einen Verstärker besaßen, über den man seinen Plattenspieler mit einem Tonbandgerät verbinden konnte. Hin und wieder schenkte er mir alte Tonbandspulen, die ich auf der Bismarckstraße bis hinunter zur Laubstiege abrollte. Sein Vater, ein grauhaariger Mann, war Rektor einer Volksschule, wurde aber nach dem Krieg wegen seiner Kollaboration mit den Nazis entlassen. Davon wusste ich damals nicht. Für mich war ein freundlicher, manchmal strenger alter Mann, der mich oft mit in seinen unserem Haus gegenüberliegenden Garten mitnahm, und mir z.B. erklärte, wie man Ostbäume kupiert, Spargel sticht oder Kartoffeln einsät. Er hat mir die Furcht vor den Bienen genommen, sodass ich schließlich einmal mit einer mit Honig bestrichenen Hand im hinteren Teil des Gartens bei den Johannisbeeren stand, die Hand voller Bienen.

Werner sitzt in einem bequemen Sessel, trägt Fellpantoffeln und eine kuscheligen Hausanzug. Er wirkt in sich ruhend. Ringsum ist alles gediegen, die Küche ist schwarz und weiß, die Arbeitsflächen sind aus Marmor. Die Wohnung gehört ihm. Seine Karriere hätte besser nicht laufen können. Nur einmal gab es eine kurzzeitige Irritation. Jemand hatte angezeigt. Er veranstalte Tanzkurse, ohne vom ADTV lizenziert zu sein. Werner handelte klug. Er fuhr zur Zentrale des ADTV nach Dortmund, erklärte sich, hatte wenig später die Lizenz, uund konnte seine hervorragend laufenden Geschäfte jetzt offiziell ausüben.

In den sechzigern baute er sich eine Villa auf 3000m2 Grund. Damals mussten es Bungalows sein. Vielleicht noch ein Walmdach auf einem Nebengebäude, aber im Prinzip lieber Flachdach, ein riesiges Wohnzimmer mit Panoramafenstern zur Terrasse, weiter, leicht abfallender Rasen, von Gärtnern gepflegte Blumenrabatten, rechts ein Swimnming Pool und in einem Nebengebäude ein Tanzsaal. Größer als die Villen der Textilbarone. Die Gronauer haben sich das Maul darüber zerrissen. Die Winter hat er dreißig Jahre lang auf Teneriffa verbacht, und auch dort hat er Tanzkurse gegeben. Überwinternde deutsche Rentner gab es genug. So viele, dass er sich dort drei Wohnungen kaufen konnte. Die und die Villa hat er mittlerweile verkauft. Das wurde ihm zuviel. Er fürchtet, seinen 98 Geburtstag nicht mehr zu erleben. Im Kopf, Hermann, sagte er, fühle ich mich wie ein Vierzigjähriger, aber der Körper wird immer maroder. Aber du siehst doch blendend aus, sage ich. Ja, sagt er, und erzählt die Geschichte eines Chemikers der chemischen Werke Hüls, der auf Teneriffa einmal sein Schüler war und Werner darauf einschwor, dass die moderne Ernährung schon lange nicht mehr all das liefere, was der Mensch brauche. Der habe ihm eine Liste gegeben. Komm mal mit. Wir gehen in sein Büro. Ein großer Bildschirm, ein Medion Rechner, Drucker, Telefon. Ein Bett. Er fährt den Rechner hoch, klickt ein Dokument an, öffnet es und druckt es aus. Hier, sagt er, das neme ich seit dreißig Jahren täglich. Beta Carotin, Selen, Cetebe, Optovit, Curazink, Bio-H-Tin, Calcium, Kwai Forte, Crataegut. Dann zeigt er mir seine Hämatome an den Oberschenkeln. Du nimmst Blutverdünner, sage ich. Da ist normal. Ja, ja, sagt er, ich war ja auch im Krankenhaus letzte Woche. Die haben mich durchgecheckt. Ich hab nichts. Als ich nachhause fuhr, war ich überzeugt, all das Zeug auch zu nehmen, weil ich ja hundert werden will, habe den Gedanken aber schnell wieder verworfen.


Di 26.01.22 6:28 Krise Tag 695 grau

ich trag heut
meine diamanten auf
sie liegen doch nur rum
zum sperrmüll um die ecke fahre ich im rolls
was solls
so bring ich meine tage um
einer liegt blutend in der ecke
der nächste wartet drauf
dass ich ihn wecke
mit einem blumenstrauß
voll falscher illusionen
die ringsum in den eigenheimen wohnen
zu abend trag ich kaschmir seide
und beheizte unterhosen
fahr im ferrari zu den lebenslosen
trinke champagner
und auch gern ein fläschen lemercier
damit ich dieses elend bunter seh
zur nacht dann polnisch ukrainisches fellatio
ich zahl mit karte und bin immer froh
wenn etwas mich verzückt verlässt
the best
zu mitternacht ein halluzinogen
dann mit dem lamborghini sterne sehn
und auf der autobahn dreihundert fahrn
rückt dann der grauen morgen an
bestell ich kaviar und feinsten riesling sekt
ein wenig hummer und direkt
danach geht es von vorne los
wie schaffe ich das bloß....

23:00

Eigendtlich wollte ich Yesterday üben. Aber schon nach den ersten Tönen stand All of me im Raum. Ich notierte mir die Melodie und begann, Akkorde zu suchen. Nach einer Stunde klang es nicht schlecht, aber erst nach einer weiteren hatte ich es fast im Griff und begann zu improvisieren. Kann sein, dass ich morgen aufs Neu anfangen muss. Nach dem Essen spielten wir Backgammon. Ich gewinne kaum, spiele, weil es Spaß macht, mir ihr eine entspannte Zeit zu haben, das Spiel ist nicht meins, es ist sehr strategisch, und ich bin bin Glücksspieler. Wenn ich verliere, ärgere ich mich, bei Backgammon eher selten. Heute abend war das anders. Da hatte ich eine Stinkwut, denn es hatte gut angefangen, aber ich wusste nicht einmal mehr, wo ich verkackt hatte. Also bin ins Wohnzimmer, habe zehn Minuten aus der Hässlichen Herzogin von Feuchtwanger gelesen, ein atemberaubendes Buch, das mich aber wegen der Vielzahl der aristokratischen Verwandtschaftsverhältnisse und Händel ein wenig verwirrt. Außerdem hatte ich heftige Schmerzen an der Wirbelsäue. Ich erzählte meiner Freundin davon. Ich hab zuviel Klavier gespielt, sagte ich. Sie massierte mich, aber das machte es nicht besser. Tanz doch! riet sie. Ich öffnete Spotiy, wählte mein Playlist, stöpselte den Kopfhörer ein, und die Augustines spielten ein so schönes Lied, dass mein Rücken zusehends besser wurde. Zwei Stücke später, In den Schuh'n von Audrey Hepburn von Erdmöbel, war alles wieder gut.


Fr 28.01.22 18:42 Krise Tag 698 sonnig

Mein Schaffellsattelüberzug, von allen Seiten gepriesen, ist muggelig, verhindert aber nicht, dass mir der Arsch irgendwann weh tut. Aber ich bin ja gerade erst losgefahren. Ein kleiner Hund verbellt mich. Die Spiderman Skulptur in der Siedlung Rote Erde steht immer noch in einem Vorgarten. Witterungsspuren. Am Bahnübergang hinter Poco stehen drei Radfahrer. Die Schranken sind geschlossen. Der Zug lässt auf sich warten. Ein Güterzug, gut dreihundert, vierhundert Meter lang. Es wird grün. Ich kreuze stadtwärts. Ob N. noch in seiner Wohnung lebt? Ja, sogar der Name seiner Ex steht noch auf dem Schild, dabei hat sie ihn vor Jahren verlassen. Klingeln und hochgehen? Unter keinen Umständen, so krumm wie der mir damals gekommen ist. Wir kannten wir uns dreißig Jahre. Er besuchte uns nur, um mit meiner schönen Frau zu flirten. Dabei war seine Ex auch schön, eine Italienischstämmige, die er für dumm hielt, das erzählte er ungefragt allen. Er redete immer zuviel. Oft amüsant, aber zuviel, hielt sich für hochbegabt, nicht entsprechend gewürdigt, tat aber nichts, um das zu ändern. Im Titus Outlet am Skaters Park mit fünfzig Jahren Vorsprung der älteste Kunde. Danach Pommes in der Stadt, die ich auf einer sich um einen Baum ringenden Bank aus über kreuzt geflochteten Stahldrähten verzehre. Nebenan spielt ein Ukrainer Akkordeon. Ein Hörnchen Eis in der Königstraße noch, fröstelnd auf der Bank gegenüber geschleckt. Rote Ampel am Ring ignoriert. Sonst keine besonderen Vorkommnisse. Ach ja, ich habe Squid Game gesehen. Brutale Kapitalismuskritik. Kinderspiele um Leben und Tod, wortgetreu nachgespielt. Das führt zu vielen Toten. Splatterlust. Misstrauen. Bruderzwist. Ehemann gegen Ehefrau. Jeder gegen jeden. Billigste, best funktionierende Cliffhanger.


Sa 29.01.22 21:49 Krise Tag 699 windig

Ruhig abgehangen. Lektüre dazu: "Die Wissenden" Mircea Certarescu und "Die hässliche Herzogin" von Lion Feuchtwanger. Musik: Live Concert Frank Zappa in Barcelona 1988. Gegen sechs ein Konzert gespielt. Noch Wein gekauft im Wind, gegen den man sich müht und von dem man geschoben wird. Ich mag es, wenn die Welt sich bewegt. Ich musste Frühling denken. Der Februar wird sicher noch hart genug, aber ich denke ihn jetzt mit Frühling.


Mo 31.01.22 12:52 Krise Tag 700 Regen, Sonne, man wird sehen

Gehen wir mal davon aus, dass es Corona nicht gibt. Dass fünf Millionen Menschen, die weltweit auf Intensivstationen gestorben sind, sowieso hätten sterben müssen wie alle übrigen. Dass alles, was in den 700 Tagen, seit ich Coronatage zähle, von oben (wo oben ist, weiß man nicht, man munkelt nur), genial gefaked wurde. Was würde jemand, der seine Tage mit Schreiben verbringt, daraus schließen?

Wissen zunehmend mehr Menschen nicht mehr, was sie tun? Haben sie ihren Verstand verloren? Konnten sie vielleicht nie sinnerfassend lesen? Können sinnerfassend lesen, glauben es aber nicht, weil es von der Lügenpresse stammt. Sind sie das Volk?

Liebes Volk.

Wer würde es ansatzweise für realistisch halten, dass ein "kommunistisches" Land wie China seinen rasanten Aufstieg der letzten zwanzig Jahre durch rigide Lockdowns gefährdet, um bei dieser Verschwörung mitzuspielen? Wer würde glauben, dass der Kapitalismus sich selbst und seinen Shareholdern unermesslichen Schaden zufügt, um "danach" in einer von etwa vier Milliarden Geimpfen bereinigten Weltbevölkerung (alle Geimpften sterben, es bleiben knapp 4 Milliarden von einer Gesamtweltbevölkerung von etwa 7,5 Milliarden) ein neues, noch effizienteres Unterdrückungs- und Ausbeutungssystem zu installieren? Noch besser als das, was wir längst haben, und dem wir Tag für Tag freigebig in die Hände spielen mit unseren Klicks und Posts und haltlosem Gestammel.

Einer, der so etwas glaubt, muss in zutiefst verunsichert sein. Das ist eine Tragödie, aber dem Menschenverstand war noch nie zu trauen. Gäbe es ihn, und hätte er Einfluss, wäre es nicht möglich gewesen, dass die Welt seit 2000 Jahren von einer Macht kontrolliert und hintergangen wird, die sich auf Gott beruft.

Wenn ich die Dinge richtig sehe, wankt diese Macht. Es hat lange gedauert, aber erstmals wankt sie. Das ist zu befürworten. Aber wenn etwas wankt, was folgt darauf? Zu befürchten steht, dass der menschlichen Sehnsucht nach Spiritualität allergrößter Schaden zugefügt wird. Aber dies ist die Welt, dies ist meine Lebenszeit, die zu Geschichte gerinnt. Ständig passiert Unvorhergesehenes, das alle hätten vorhersehen können, wenn sie mitgedacht hätten. Wir sind Komplizen dieses Systems. Wir haben demokratisch gewählte Regierungen. Die im Grunde christlich motivierten "sozialistische Systeme" sind kollabiert. Der Kapitalismus hat an allen Fronten gesiegt. Dieses System ist höchst kreativ. Es ist schnell. Es zeigt jedem den Mittelfinger, noch eh er furzen kann. Wir sind gefickt, egal, ob reich, arm, schwarz, weiß, divers, gegendert oder nicht. Aber die Hoffnung zerschlägt niemand. Unsere Schritte sind klein, aber bedeutsam. Der Tag wird kommen, an dem das Unrecht bei Namen genannt wird.

Herr M.?
Ja, Godot?
Schminken Sie sich ihre Prophetie von der Backe.
Mach ich, Godot. Kommt Beckett auch?
Ist unterwegs.

Wir sehen uns im Februar.