Juli 2012                                        www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

Bücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de  

zum letzten eintrag


1.07.12 12:43

Dann und wann scheint die Sonne, es wäre zu überlegen, sich zu bewegen, Schwimmen wäre eine Option, aber die Tanznacht hängt mir in den Knochen. Von zehn bis halb drei habe ich kaum einen Tanz ausgelassen. Ein junges Ding, das sehr gut tanzt, hat gesagt, ich versprühe positive Energie, das ging runter wie Butter. Zweimal habe ich zwischen halb zwei und zwei versucht, den Tanzsaal zu verlassen, jedes Mal verhindert durch noch einen letzten Tanz, schließlich bin ich dann doch nach Hause, konnte aber noch lange nicht schlafen, denn die rhythmische Tanzgymnastik, die man Salsa nennt, hatte literweise Adrenalin durch die Verästelungen meines Systems gepumpt.

Werde also vornehmlich ruhen, vielleicht ein wenig Kuchen essen, und mich dann in aller Stille auf das Endspiel vorbereiten, noch uneins, wem ich die Daumen drücke. Nach allem, was ich über die Verhandlungen um die Finanzkrise gelesen habe, sollte ich weder den Italienern noch den Spaniern irgendetwas wünschen, tendenziell wäre mir aber Italien lieber, damit der stolze Spanier nicht durch den dritten internationalen Titelgewinn in Folge vollends den Kopf verliert.

Fußball ist eine schöne Sache, Siege und Niederlagen aber gehören nicht an die große Glocke gehängt, denn von seiner Natur ist Fußball ein Spiel, mehr nicht. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich jedoch, was Spiele und die daraus folgenden Ergebnisse auslösen können. Meine Kinder waren nicht in der Lage, beim Mensch-Ärger-Dich-Nicht zu verlieren, sie neigten dazu, die Spielfiguren vom Tisch zu fegen, was mich irgendwann bewog, nicht mehr mit ihnen zu spielen. Selbst Schuld, habe ich damals gedacht.


Es gibt Bücher auf meinem Sofatisch, an die könnte ich mich halten.

War der einzige Barfußtänzer, was mehrfach besorgt angemerkt wurde. Manche der tanzenden Damen neigen zu hohen Absätzen. Wenn die einen Fuß treffen, kann das sehr schmerzhaft sein. Mich hat aber weder gestern noch sonst je ein Absatz getroffen, ich nehme ich, ich bin einfach zu schnell.

18:58

Nicht, dass ich ungern auf einem Sofa läge, im Gegenteil, aber so einen Sonntagnachmittag mit Decke und Fernsehen habe ich mir schon lange nicht mehr gegönnt. Was ich im Vorübergehen erfuhr, war interessant. Es begann auf einer Hazienda 1000 Kilometer nördwestlich von Buenos Aires, führte in die Hauptstadt des Tango, von dort über die Anden nach Chile und weiter nach Feuerland. Dann war ich in St. Margarethen, wo in einer Freilichbühnendekoration mit riesigen Drachen, haushohen Fratzen und Türmen die Zauberflöte gegeben wurde. Dass in Opern hanebüchene Stoffe besungen werden, wusste ich, ich mag Mozart ganz gern, aber in dieser Inszenierung waren die Sänger ausstaffiert wie Hanswürste in Fantasyfilmen, in denen es kracht, raucht, unheilschwanger grollt und Feuerstöße den nächtlichen Himmel erleuchten. Der einfliegende Schwarm weißer Tauben wurde besonders beklatscht. Hielt das eine halbe Stunde aus, dann reichte es mir.


Mo 2.07.12 9:45



bügelwäsche wartet,
die woche ruft hallo,
ne amsel ist gestartet,

die welt muss gleich aufs klo.

ein rauschen und ein fließen,
klärt, was erörtert ist,
jemand wird sich erschießen,
weil alles fade ist.

ein anderer wird hoffen,
die woche wär' vorbei,
sie bleibt jedoch geschlossen,
erst samstag hat sie frei.


Di 3.07.12 11:37

Kaum eine Woche ist vergangen, schon ist die Niederlage Schnee von gestern. Mir war beim öffentlichen Fernsehen vorm Hot Jazz Club bei Bekanntgabe der Aufstellung mulmig geworden, ich hatte sie nicht verstanden, mein Fachwissen ist zu gering, aber dass es mit Podolski, Gomez und Kroos nicht so sein würde wie mit Reuss, Klose und diesem Dritten, dessen Name mir jetzt nicht einfällt, war mir klar. Dennoch gab es in den ersten zehn, fünfzehn Minuten eine Reihe von Möglichkeiten, den Ball im Tor der Italiener zu versenken, es fehlte nur das Quentchen Glück, das man laut Duden neuerdings Quäntchen schreibt, aber da verweigere ich mich, denn so ist das eben, das ist Fußball, pflegen Trainer und Spieler anzumerken, und das Glück ist, wie auch jeder weiß, eine launische Gestalt in Time, sie tut, was sie will, und ist nicht immer auf Seite der Tüchtigen.

Ich glaube nach wie vor, dass die Italiener hätten besiegt werden können, ich glaube auch, dass wir den Spaniern einige Sorge bereitet hätten, aber wie bekannt tauchte dann dieses schwarze Loch im deutschen Strafraum auf, dieser ungeheuer athletische Herr Balotelli. Auch da hatte ich trotz aller Sorge das Handtuch noch nicht geworfen.

Die Stimmung in der Stadt auf der Hinfahrt war gelöst und freudig, da, wo der Mensch sonst Blumengirlanden aus Papier trägt, weil er gleich in den Flieger nach Mallorca steigt, trug er an diesem Abend Girlanden in den Farben der revolutionären Befreiungsbewegung des Lützowschen Freikorps 1813, dagegen gibt es, finde ich, überhaupt nichts zu meckern, aber als sich dann beim zweiten Tor dieses Strafraumschrecks ein Afrikaner im Podolski Shirt zwei Bänke hinter mir als Italiener outete und in, so klang es mir, akzentfreiem Italienisch Lobeshymnen in den zunehmend besorgter dreinschauenden deutschen Fanblock rief, da wurde ich doch ein wenig ungehalten, da fand ich, dass es eine feige Tarnung wäre, erst so zu tun, als sei man Podolski, und dann doch Balotelli zu sein.

Nach dem Seitenwechsel hatte der Bundesjogi zwar gewechselt, Herr Reuss sorgte auch dann und wann für aufregenden Wirbel, aber im Verlauf wurde von Minute zu Minute deutlicher, dass man das Ding nicht mehr drehen würde. Die Hoffnung lebt ja bis zur letzten Sekunde, bis zur letzten Ecke nach dem von Herr Özil versenkten Elfmeter, als sogar Herr Neuer im Strafraum der Itakker auftauchte, denn das waren sie jetzt, Itakker, so wie das damals in Gronau Itakker waren, die ersten Gastarbeiter der Textilindustrie, die, da waren sich alle deutschen Väter einig, nichts weiter wollten, als ihre blonden Töchter flachzulegen.

Aus und vorbei, gleich nach dem Abpfiff saß ich schon auf dem Rad, um heimzufahren. Keine Kommentare mehr, keine Analysen, ich hatte ja alles mit eigenen Augen gesehen. Ich war ernüchtert, aber die Ernüchterung verflog schneller, als ich radeln konnte. Und als ich zuhause ankam, dachte ich, dass wir ja immer noch Weltmeister werden könnten, also nicht ich jetzt, Sie verstehen, wir als Adepten dieser jungen, gut bezahlten Balltreter. Bis dahin aber fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter.

PS.
Ich möchte noch darauf hinweisen, dass wir meines Wissens den zweithöchsten Sieg dieser EM eingespielt haben, das 4:1 gegen sieche Griechen. Und dass der sieche Grieche das klaglos und mit einiger Bewunderung akzeptiert hat, will sagen, es spricht einiges für dieses schöne Spiel. Auch möchte ich anmerken, dass wir in der ewigen Bestenliste des Weltfußballs nach wie vor an zweiter Stelle hinter Brasilien stehen, während Spanien auf Platz fünf oder sechs rangiert. Also bitte...

Nachtrag (13:38)
Verdammt. Die ewige Bestenliste führt uns nur noch auf Platz 3 hinter Spanien und Uruguay, aber immerhin vor den Pattjacken.

12:38

Version 1


der feuermelder schlug alarm
vom flur rief jemand, lebt ihr noch,
der toaster toastete ein schwarzes loch,
als mir erleuchtung kam.

sehr heiter alles, frühes stück,
vor mir kaffee, gerührtes ei,
ich hatte heute morgen frei,
und offenbar auch glück.

danach zum arzt, schmerz in der brust,
der brustkorb tut mir weh,
zuviel geschleppt, oje ojeee,
entwarnung, hatte es gewusst.

nun rest des tages, und was tun,
mein luxusleben führen,
vielleicht ein halbes stündchen ruhn,
dann in geschichten rühren.


Mi 4.7.12 9:15

Version 2



der feuermelder schlug alarm
vom flur rief jemand, lebt ihr noch,
der toaster fadete im schwarzen loch,
als die erleuchtung kam.

sehr heiter, zwei, beim frühen stück,
vor mir kaffee, gerührtes ei,
mir war heut morgen seltsam frei,
ich hatte jede menge glück.

danach zum arzt, schmerz in der brust,
erinnerung tut weh,
damals fiel selbst im juni schnee,
doch heut: entwarnung, hatte es gewusst.

den rest des tages gar nichts tun,
mein luxusleben führen,
vielleicht ein halbes stündchen ruhn,
dann in geschichten rühren.


18:33

Version 3




der feuermelder schlug alarm
vom flur rief jemand, lebt ihr noch,
der toaster glich einem schwarzen loch,
als die erleuchtung kam.

sehr heiter, zwei, beim frühen stück,
vor mir kaffee, gerührtes ei,
mir war heut morgen seltsam frei,
ich hatte jede menge glück.

danach zum arzt,
ich hatte schmerzen in der brust,
seit wochen schon, erinnerung tut weh,
2009 fiel selbst im juni schnee,
doch heute: entwarnung, ich hatte es gewusst.

den rest des tages werd ich gar nichts tun,
mein luxusleben führen,
mal hier und da ein halbes stündchen ruhn,
und in geschichten rühren.



Mo 9.07.12 9:50

Die Straße ist breit, zum Glück breit genug, denn als ich am Freitag auf dem Weg zu meinen Lesungen in der Stadtbibliothek Nordhorn war, scherte, kaum hatte ich meinen Heimatort verlassen, aus einer Reihe von fünf oder sechs mir entgegenkommenden PKW ein BMW aus und kam mir entgegen, so dass nur radikales Ausweichen auf den Seitenstreifen blieb. Ein BMW, immerhin, das bestätigt Vorurteile, aber das Kennzeichen habe ich erkannt, alles ging viel zu schnell. Als ich ein paar hundert Meter weiter vor einer roten Ampel hielt, war ich bereit zu Mord und Totschlag.

Meine erste Lesung war noch ein wenig überschattet von diesem Beinahezusammenstoß, und auch die zweite war nicht so, wie sie hätte sein sollen. Nicht, dass ich wirklich schlecht war, nein, aber in beiden Gruppen, das erfuhr ich erst später, waren Kinder aus fünften und sechsten Klassen. Kindern aus fünften kann ich problemlos aus meinem letzten Roman vorlesen, Kindern aus sechsten Klassen nicht mehr, die sind schon an den Rand der Pubertät gerückt, da interessiert sie anderes mehr, und ich hätte durchaus anderes zu bieten gehabt, aber die Verabredung für diese Lesungen war eine andere.

Bis zur dritten Lesung am Nachmittag blieben mir vier Stunden. Ich mietete ein Fahrrad und folgte der Vechte durch Eichen und Buchenwälder bis nach Lage, einem Örtchen an der niederländischen Grenze. Diese Weltgegend ist idyllisch und dünn besiedelt.


Di 10.07.12 9:29

Ich werde wegfahren. Morgen werde ich wegfahren. Eine Woche werde ich in der Pfalz Urlaub machen, falls ich überhaupt Urlaub machen kann, das werde ich dann ja sehen. Ich weiß noch nicht, ob ich mit oder ohne Laptop verreise, ich habe noch nicht gepackt, ich lasse alles auf mich zukommen und halte mich an Leo Tolstoi, der sagt, nur für den, der warten kann, geht am Ende alles gut aus. Dann wollen wir mal warten. Das können wir ja.

10:10

unterirdisch heut, die laune,
kopfschuss, weg, ich hab genug,
schon vorm frühstück das geraune,
krisen, kriege, lug und trug.

also, könnte nicht ein wunder,
sagen wir, gepaart mit sonne,
alles schöner machen, runder?

könnte nicht ein feuerwagen,
sagen wir, mit viel getöse,
alle arschlöcher verjagen?

oh ich wär' gern lieber gott
hätte auch ein feuerschwert,
machte alle fiesen tot,
und die andern unbeschwert.

10:32

So, das wär schon mal raus aus dem System, jetzt mal gucken wie der Rest des Tages sich entwickelt. Kaffee, würde ich vorschlagen. Mengen Kaffee.


18:59

Sommer 2005 (gilt auch für 2012)

Man fröstelt gern
man liebt den Sommer grau
man fühlt in wärm
eren Gefilden sowieso sich mau.

Man hat ja Heizung
und man hat ein Bett
hat Unterhaltung
und die Ehefrau ist nett.

Man trinkt gern Grog
der wärmt und würzt den Sommer
man ist kein Frog
schon gar kein frommer

Heilsverkünder oder Wettergott
man liebt doch Nieselregen, liebt den flot
ten frischen Wind bei dreizehn Grad
belächelt den, der Hitze hat.

Man weiß doch, was ein Hitzekoller kann
man hat gesehn, wie sowas endet
darum ist Kälte dann und wann
viel besser, weil sie Wärme spendet.


Sa 21.07.12 10:14

Dem ist eine Woche später nichts hinzuzufügen. Aber man hört, dass von den Azoren ein Hoch aufzieht. In welcher Höhe es hoch ist und ob es hoch genug ist, die unter Feuchtigkeit und Kühle leidenden Zentralgermanen zufrieden zu stellen, bleibt abzuwarten.

Ich hatte eine milde Woche. Ich war in der Südpfalz, ich ging in Weinbergen spazieren, manchmal wurde ich nass, aber mir wurde nie kühl, ich konnte vorm Haus frühstücken und zu Abend draußen unter der Linde sitzen und Wein trinken. Ich konnte in der Wiese liegen, aufs Rheintal schauen mit dem Schwarzwald
als Hintergrund. Ich kann mich also überhaupt nicht beklagen, ich hatte eine Woche, von der ich träumen könnte, hätte ich sie nicht gehabt, aber da ich sie hatte, bin ich um eine Woche reicher. Eine entschleunigte Woche, kein Fernsehen, keine Zeitung, kein Internet.

Seit Donnerstag ist der Alltag zurück. Das Internet funktioniert nicht. Alle mir bekannten Tricks und Manipulationen habe ich mehrfach ausgeführt, die Telekom hat meinen Anschluss durchgemessen und glaubt, dass es am Router liegt. Also werde ich einen neuen Router kaufen. Was bleibt. Und dann sprechen wir uns wieder.


Mi 25.
07.12 13:30

Nur zu Ihrer Information: ja, ich kann neue Router konfigurieren. Ich fummle so lange an ihnen herum, bis die Verbindung steht. Nun kann ich mich wieder dem Sommer widmen.

15:42

Pinkeln kostete siebzig Cent. Hätte ich aufgepasst, wäre mir aufgefallen, dass das Ticket, das ich am Drehkreuz erhielt, gleichzeitg Gutschein war, aber ich hatte es eilig und zahlte für zwei Cappuccino anschließend mehr, als ich hätte zahlen müssen. Im Schatten unter den Bäumen wartete ein Imbiss auf mich. Brötchen, Käse, Tomaten, Kichererbsenpürree, Schinken. Der Kölner Ring Richtung Koblenz war verstopft, er hatte uns Zeit gekostet, aber nicht die Nerven verlieren lassen. Also saßen wir erst einmal, aßen, tranken, rauchten und fanden, dass sich die Reise gut anließ.

Die Idee, den Gutschein nachträglich an die Familie am Nebentisch weiter zu reichen, wurde aus zwei Gründen fallen gelassen. Erstens: sie fuhr einen dicken BMW. Zweitens: sie war türkisch und wir wollten kein Risiko eingehen, sie zu beleidigen, man weiß ja nie. Stattdessen lächelten wir hin und zurück, der Fahrer der Türken prüfte den Ölstand und ich dachte, dass ich so etwas relativ selten tat und dass es vernünftiger wäre, so etwas häufiger zu tun, aber da es sich um einen nagelneuen BMW handelte, dessen Ölstand er prüfte, verstand ich seine Vorsicht nicht recht, entweder hatte er kein Vertrauen zu diesem großen, wundervollen Auto der Traditionsfirma aus München, oder er wollte einfach nur zeigen, dass er ein Profi ist.

Nun, dachte ich, ich bin auch Profi, ich habe eine Menge Geld in meinen Mitsubishi Galant stecken müssen, um die Prüfer der Dekra zu bewegen, mich für weitere zwei Jahre fahren zu lassen, aber da der Automechaniker, dem ich diese Arbeit anvertraut hatte, mir während der Reparaturen ausführlich und mein Vertrauen in seine Arbeit vertiefend, die meiner früheren Werkstatt aber vernichtend dargestellt hatte, war ich voller Zutrauen in dieses nun schon fast siebzehn Jahre alte Auto, das manche Menschen sogar schön, ja, elegant finden, aber davon später.

Wir befinden uns auf der A61 in der Gegend von Weilerswist, hinter uns rollt die Eifel gen Westen. Wir wollen in die Südpfalz, wir haben da eine Wohnung für uns, ich bin gespannt, denn ich kenne die Wohnung nicht, werde aber in ein paar Stunden schon festgestellt haben, dass es eine Wohnung ist, in der ich mich wohl fühle und faul sein kann, denn das habe ich mir fest vorgenommen. Kein Internet, kein Fernsehen, keine Tageszeitungen.

Das wirkt wohltuend auf die Psyche.

Schon ein paar Stunden ohne den Shitstorm der täglichen Nachrichten beruhigen, ich baue wieder Vertrauen auf in die Schönheit der Welt, das Auf und Ab der Börsen, das Hin und Her der politischen Verstrickungen, ja, auch der Hunger und die himmelschreiende Ungerechtigkeit, das alles tangiert nicht mehr, weil ich davon weder höre noch sehe.

Also fahren wir weiter. Es regnet. Es regnet zuweilen sehr heftig, kurz hinter der Mosel gießt es, aber als wir gegen 19 Uhr Oberotterbach erreichen, ist es mild. Wir richten uns ein, wir drehen eine Dorfrunde, doch davon später.


Do 26.07.12 11:58

Das Haus war bis auf die Fundamente zerbombt, damals, 1945, denn oberhalb des Dorfes verlief der Westwall, die Maginot Linie war auch nicht weit, im Wald lagen die Amerikaner und so kam es, wie es nicht kommen sollte, 85% des Dorfes wurden in Schutt und Asche gelegt.





Das Frühstück vorm Haus, über uns rankten Glyzinien, hin und wieder kam Wanja, der Schäferhund der Besitzer des Hofes, bellte laut, weil das ja sein Hof ist und wir Fremde, aber er war freundlich, ein rundum freundliches Tier, und wenn wir da so saßen und Kaffee tranken, ohne Zeitung, schien alles richtig in dieser verkehrten Welt.





Der Nachbar zur Linken, zur Rechten, alle waren Winzer. Vom Nachbarn zur Linken habe ich einen Karton Riesling gekauft und eine Flasche Pflaumenschnaps.





Der Weinberg und die Wege hinüber führten nach Frankreich, eine gute Stunde Marsch, und die Welt schien plötzlich verändert, vor allem das Käsegeschäft wird mir in Erinnerung bleiben, voller Laiber, die ich noch nie gesehen-, höchstens, dass ich von dem ein oder anderen schon einmal gehört hatte.






Sa 28.07.12 13:13

der sommer ist vorbei
und weihnachten steht vor der tür,
mir ist der sommer einerlei
ich war noch nie dafür.

ich bin für regenwetter,
ich liebe, wenn es dunkel ist,
jetzt trag ich wieder wassertreter,
ich hatte sie vermisst.

das stille brüten in der hitze,
die trockenheit, die agonie,
das schwitzen aus der letzten ritze
war meine sache nie.

ich liebe fadenlangen regen,
ich fröstle in der dämmerung,
ich atme durch, kann mich bewegen,
und komm wieder in schwung.


So 29.07.12 10:33



die apparate funktionieren,
ich lerne, les mich ein, kann reparieren,
information fließt hin und her, ich staune,
und lausche dem geraune.

den montag kenne ich noch nicht,
der rest der woche liegt im dunkel,
vielleicht, dass mir die welt wegbricht,
und still verglüht im taggefunkel.

ich habe keine lust und keinen plan,
will nichts und folge keiner absicht,
bin unterwegs auf dieser achterbahn,
und hoffe, dass kein rad bricht.

ich bin wie immer voller zweifel,
wie immer voller lebenslust,
ich liebe gott und alle teufel,
und nehm sie mir zur brust.

beim glockenläuten denke ich an sie,
und an das leben, das wir hatten,
trinke kaffee, und hätte nie
gedacht, noch eine andere zu begatten.

jetzt sind die dinge wie sie sind,
das einz'ge hindernis bin ich,
verworren klar, im herz ein kind,
und in den rippen dann und wann ein stich.

fäkal stets modisch elegant,
mental ein eingefleischter reaktant,
im porzellanladen ein elefant,
als tänzer explosiv galant.

das reicht, ich hab den tag gerettet,
ich darf jetzt wieder liegen,
ich habe meine sehnsucht abgekettet,
und werd' am ende fliegen.


Mo 30.07.12 13:35

Spätestens, als Albert Early Bird & The Working Worms den CDU Oberen, ehemaligen Ministern, dem Bundestagspräsidenten nebst Freundin und handverlesenen Prälaten ihre reaktante Musik zum Buffett servierten, war klar, dass diese Band Furore macht.

Am folgenden Wochende spielt sie als Headliner in Knetzgau Unterfranken, ein Gig ohne Setlist, mit Feuerwerk und Lightshow, der den Opener der London Olympics ausschauen lassen wird wie eine Neujahrsknallerei auf der Dorffeldstraße.

Ich=Albert Early Bird, werde den Working Worms mit neuem, bis dato unbekannten Gerät rhythmisch auf die Sprünge helfen. Ich kann bis vier zählen, ich weiß, wo die Eins ist, und wenn ich erst zu spielen beginne, höre ich nie wieder auf. Naturgemäß werden derartige Auftritte so gut bezahlt, dass ich den Rest dieses Jahres ohne finanzielle Sorgen überstehen kann. In vier Wochen wird die Band einen noch größeren Venue bespielen, den Club Courage. Auch dort werden Gagen gezahlt, wird Wodka ausgeschenkt und die jungen Frauen werden sich anstellen müssen.

Darüber freut sich Herr Early Bird=Ich.
Nun aber auf zu Musik Produktiv, um das schon genannte unbekannte Gerät zu erwerben.






























 

 

 

 

 

 





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