Juli 2013                         www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Mo 1.07.13 10:40

Ein orangefarbener Mercedes Transporter einer Baufirma steht in der Einfahrt. Zwei Männer sitzen im Fond und frühstücken. Beide haben blaue Butterbrotdosen. Das Fundament ist gegossen, heute ziehen sie eine Mauer hoch. Ich habe eine Mauer abgerissen. Sie liegt in Stücken. Es ist nicht die erste Mauer, die mir unter den Finger zerbricht, aber vielleicht ist es diesmal die letzte. Ich weiß es nicht. Ich bin kein guter Maurer. Ich bin Improvisator. Wenn ich am Boden liege und ringsum Trümmer sind, bin ich immer besonders gut. Wenn mich dann auch noch der Sommer mit seiner betörenden Wärme
umschmeichelt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Bei 16 geradezu tropischen Wärmegraden muss ich nur ein wenig darauf achten, nicht zu dehydrieren, aber das schaffe ich leicht. Ich habe die Welt ja in allen Vegetations- und Breitengraden gesehen, ich weiß, wie der Himalaya riecht und die Wälder am Amazonas, ich habe in Indien den Monsun erlebt und in Tokio den Wahnsinn der Metropole, Mumbai hat mich nicht klein gekriegt, die Pampa in Argentinien nicht, da wäre es doch gelacht, wenn ich mich von den Wetterkapriolen des westfälischen Sommers bange machte. Bangemachen gilt nicht, Grau ist eine schöne Farbe, alles was ist, ist gut, würde ich es anders deuten, wäre ich längst tot.


12:50



der sommer ist vorbei
und weihnachten steht vor der tür,
mir ist der sommer einerlei
ich war noch nie dafür.

ich bin für regenwetter,
ich liebe, wenn es dunkel ist,
jetzt trag ich wieder wassertreter,
ich hatte sie vermisst.

das stille brüten in der hitze,
die trockenheit, die agonie,
das schwitzen aus der letzten ritze
war meine sache nie.

ich liebe fadenlangen regen,
ich fröstle in der dämmerung,
ich atme durch, kann mich bewegen,
und komm wieder in schwung.

16:38

Liebe Freunde der globalen Überwachung, nehmt dies...


Bombe.
Anschlag.
Verschwörung.
Guantanamo.
Anschlag. Anschlag.
Bombe Bombe Bombe.
Islam Islam Islam Islam.
Amerika ist Scheiße.
Russland auch.
Banker gehören eingesperrt.
Europa ist eine Kopfgeburt.
Ihr seid alle doof. (hab ich was vergessen????)
Ach ja. Atomkraft nein Danke.


Di 2.07.13 15:31

Vor der Tür steht der Geldlaster. Er ist nicht so groß wie erwartet, aber immerhin, 7,5 Tonnen. Ich teile das durch drei. Fünf Tonnen für meine Söhne, der Rest ist für mich, den lagere ich im Schlagzeugkeller, da findet ihn niemand. Falls doch, erschieße ich ihn. Ich habe das zwar noch nie getan, aber irgendwann fängt ja jeder damit an. Für 2,5 Tonnen in großen Scheinen (durchgezählt habe ich nicht, aber es reicht) darf man schon mal schießen, das hat der Vatikan auch getan. Natürlich nicht selbst, der hat schießen lassen, das unterscheidet die geistig höher Stehenden von einem wie mir. Die Spediteure schwitzen ein wenig, aber als ich jedem ein Bündel zustecke, hört das sofort auf und sie laden mich ein, sie wüssten da was. Da bin gespannt. Der Schlagzeugkeller riecht nun ein wenig abgegriffen, Geld stinkt, ich hatte davon gehört, ich werde es später ein wenig parfümieren. So hat der Tag schließlich doch noch Konturen bekommen.


Mi 3.07.13 10:05

kleines oder großes tamtam,
weiß nicht, wo die trommel steht,
kriech durch tunnel, such den anfang,
spüre, dass ein sturm geht,

dass sich wellen heben,
und der himmel dräut,
soll ich mir vergeben,
bleib ich unerfreut?

diese wolke sieht wie ich aus,
dieser blitz trägt meinen ton,
mach ich ihm und mir den garaus,
oder war's das schon?

trägt mein atem mich zur sonne,
ist die ankerkette fest,
bleibt das alte, das gewohnte.
oder ist das leben test?


Do 4.07.13
21:44


Man muss zunächst einmal losfahren. Man hat eine Zeit vereinbart, und alle sind da. Autos warten, man steigt ein und es geht kreuz und quer durch die Stadt. Die Insassen der Busse kommentieren. Sie sehen die Häuser, die verschiedenen Straßen in Vierteln, sie fragen sich, wann denn der Fluß kommt, aber erst kommt die Basisstation des Kanu Kamp Nordhorn. Schließlich will man nicht selbst schwimmen. Man will geschwommen werden, sozusagen. (www.kanu-camp-nordhorn.de)

Die Kanus liegen in einem Gestell zu dritt übereinanbder, man diskutiert, wer mit wem fährt, schließlich werden 6 Boote ausgewählt, 6 Boote mit internationaler Besatzung. Schwimmwesten werden verteilt, denn selbst wenn dieser Fluß ein harmloser ist, man kann nie wissen. Der Krokodile wegen nicht und der Stimmung wegen, denn wie gesagt, so ein Kanu kann kippen, wenn Frohsinn aufkommt oder was sonst aufkommen mag. Das geht schnell wie der Blitz, jemand hat eine Wasserratte entdeckt, jemand erschreckt, jemand beugt sich zu weit nach links oder rechts, ein zweiter wird angesteckt, schon reißen alle die Arme hoch und wupps, sind sie weg.

Aber noch ist kein Boot zu Wasser gelassen. Erst einmal verlassen wir die Stadt, fahren Richtung Emsbüren, wundervoller Buchenwald links und rechts, Kiefern, Wachholder, und grünstes Grün so weit das Auge reicht. Man möchte es mit nach Hause nehmen und für alle Zeit in die Vase stellen, aber das geht ja nicht, das Grün muss ja bleiben, wo es ist, damit es sich der Jahreszeit folgend langsam verwandelt, bis es schließlich bunt und bunter wird, herabfällt und schließlich ganz und gar fort ist, bis zum nächsten Jahr.

Doch so weit sind wir noch lange nicht. Der Sommer läuft gerade erst auf, und es scheint, als habe der Wettergott verstanden. Nicht, dass er uns nun mit strahlendstem Sonnenschein verwöhnt, aber es ist mild, es wehen keine lästigen Winde, der Flußpegel ist moderat.

Also dann, in die Boote und langsam voraus. Palme, der Eigner des Kanu Camps, hat alle eingeweisen. Jeder hofft, dass er weiß, was zu tun ist. Noch kreischt niemand, aber kaum sind alle Boote im Wasser, geht es schon los. Man juchzt. Man hat vielleicht auch hier und da ein wenig Angst, und als bei Brandlecht die erste Fischtreppe auftaucht, wird manchem ein wenig mulmig.

Aber die Sache ist harmlos. Eine Wasserrutsche, die Spaß macht. Alle kommen durch, und dann geht es ans sandige Ufer, die Boote landen an und wir picknicken. Wir sind die Picknicker. Wir haben Brötchen und Käse und Wurst, wir haben Weintrauben und Gurken, wir haben Paprika und Süßes, wir haben zu trinken und lagern, während die Sonne langsam die Wolken verdampft.

Wieder auf dem Fluß kommt eine Stromschnelle. Das hört sich gefährlich an, und wenn man es richtig macht, also falsch, wenn man nicht in die Spitze des gleichschenkligen Dreiecks fährt, das von der Strömung des Wassers gebildet wird, fällt man leicht um. Aber der optimale Eingangspunkt ist mit rot an der Brücke markiert, auf den zielen alle, das hatte uns Palme erklärt. Dem ein oder anderen Boot schwallt ein wenig Wasser über den Bug, aber das wars.

Gegen 14 Uhr haben wir den Vechtesee überquert, durchfahren die Stadt und werden langsam müde. Unterwegs haben sich Boote kleine Rennen geliefert, mit den Paddeln wurden Wasserschlachten veranstaltet, aber noch immer ist kein Boot gekentert.

Es wird auch keines kentern.

An dem Wasserfall am Stadtpark machen wir unsere zweite Rast. Die Fischtreppe dort hat man uns verboten, aber sie sieht sehr verlockend aus. Dennoch, wir lassen die Boote ohne Mannschaft hinab, docken unten an und essen, was vom reichhaltigen Picknick noch übrig ist.

So eine Bootsreise kostet Kraft. Und bis zum Kloster dauert es noch eine gute Stunde. Ein Fischreiher kontrolliert die letzte Etappe des Weges. Er fliegt auf, wenn wir nahen, er fliegt uns voraus, setzt sich nach ein, zweihundert Meter ans Ufer, wartet, bis wir heran sind, und beginnt das Spiel erneut.

Kormorane sahen wir auch. Wir sahen Habentaucher mit Jungvögeln, wir sahen Enten, natürlich, und wir sahen, dass der Fischreiher Glück hatte. Er fing eine Rotbarbe und stand am Ufer, ein stolzer Jäger, während der Angler, der irgendwo dort auch am Ufer saß, uns nicht freundlich gesonnen war. Wir hätten ihm die Fisch vertrieben, schalt er uns.

Nun gut, dann hat der Fischreiher eben seinen Schnitt gemacht.

Jetzt sind alle zurück und alle sind müde.
Morgen ist ein neuer Tag. Morgen arbeiten wir. Morgen machen wir uns Gedanken zu Europa.


Di 9.07.13 10:48

Einer der geheimnisvollsten Protagonisten der deutschen Literaturszene ist glücklich. Das hätte niemand von ihm erwartet, aber es hat einen Grund. Er ist nämlich zu Einsichten gelangt, die allen über die Jahrzehnte offensichtlich waren, nur ihm nicht. Nun aber hat ihm eine junge Frau, die er während eines Geheimkongresses in einem fernab des Alltagstrubels gelegenen Klosters kennengelernt hat, gesteckt, dass sie, ihre Freundinnen und alle übrigen Teilnehmer dieses Kongresses sich schon nach einem Tag der gemeinsamen Arbeit mit ihm darüber klar waren, dass er ein Glücklicher sein müssen, da er, wo immer er gehe und stehe, vor sich hin brumme, summe und pfeife. Immer und überall mache er diese Geräusche.

Der Protagonist hat noch einwenden wollen, er könne auch anders, womit er andeuten wollte, dass das Repertoire der von ihm ausgehenden Geräusche durchaus weniger melodiös, weniger von in ihm schlummernden Rhythmen und Melodien gespeist, sondern vielmehr von den Notwendigkeiten einer gesunden Verdauung produzierten Luftsäulen und Fanfaren herrühren könne, aber das hat man nicht gelten lassen.

So ist unser Protagonist denn in das kollektive Erinnern der Teilnehmer als jemand eingegangen, den man Hermann nennt und offenbar mochte, was ihm gefällt. Im Umkehrschluss allerdings, auch das muss erwähnt werden, ertappt er sich augenblicklich ständig beim Singen, Pfeifen und Trommeln, und fragt sich nun insgeheim, ob auch andere, ihm weniger nah stehende Menschen, das als Ausdruck des Glücks interpretieren, oder eher zu der Ansicht gelangen, es handle sich dabei um Verlautbarungen einer tief sitzenden Furcht, wie sie den Flötenden im Dunkeln oder im tiefen Wald oft nachgesagt wird.

Sei es, wie es sei, der Protagonist der deutschen Gegenwartsliteratur, dessen Bücher sich nie wie geschnitten Brot verkauften, ist, seit er von jener hübschen jungen Frau mit den mongolisch anmutenden Gesichtszügen, die, wie sie ihm mit ihrem Smartphone bewies, eine mindestens ebenso hübsche Zwillingsschwester hat, das Gesagte erfuhr, voller Zuversicht, was seine literarische Zukunft anlangt. Er wird, denkt er sich, immer noch als Flöter, Summer und Brummer in die Literaturgeschichte eingehen können, sollten seine Romane, die teils als "kleine Meisterwerke" apostrophiert, weiterhin so unangemessen unnachgefragt bleiben.

Und so geht er denn am Morgen summend, brummend und pfeifend vor die Tür, ruft hier ein frohes Moin Moin in die Landschaft, das sogar von den muslimischen Frauen, die ihre Kinder zum Ursula Kindergarten begleiten, erwidert wird, was ihm, wen wundert das, die Welt und ihre Menschen in all ihrer Schönheit offenbart.

Die Sonne steht fest am Himmel, Finken schlagen, der Protagonist hat einen Berg Bügelwäsche vor sich, den er, Sie werden es erraten, summend, brummend und pfeifend abarbeiten wird. Dann und wann konterkarriert mit den notwendigend Fanfaren, aber das ist eine andere Geschichte.

Gestern abend tanzte er unter freiem Himmel. Aber das ist noch eine andere Geschichte.

Mi 10.07.13 15:26

Tarek der polnische Busfahrer, meinte, ich sähe aus wie ein Musiker. Da ich nicht weiß, wie Musiker aussehen, er weder Deutsch sprach noch Englisch und ich kein Polnisch, fragte ich nicht nach. Tarek ist groß, dunkelhaarig und sieht südländisch aus. Seine Stimme ist rau, er klingt wie Paole Conte. Ich sah ihn beim Frühstück, dann wieder nicht, und während wir arbeiteten, dachte ich nicht an ihn. Eines nachmittags spielte ich mit ein paar Teilnehmern Fußball auf ein Tor. Zum ersten Mal seit langer Zeit stand ich im Tor, versuchte, Laufwege abzuschätzen und warf mich in die Flugbahnen heranfliegender Bälle. Zwei Polen spielten gegen zwei Deutsche. Die Deutschen hatten beide Spiele gewonnen, ich war außer Atem und wusste nicht recht, wieso, schließlich rannte ich doch nicht herum wie die anderen, ich bewegte mich nur auf und vor der Grundlinie und beobachtete. Dennoch benötigte ich eine Pause. Als diese vorüber war, beschlossen wir, auf zwei Tore zu spielen. Tarek würde das der Polen hüten, ich das unsere. Kaum hatte das Spiel begonnen, war mir klar, dass Tarek ein Mann mit Erfahrung war. Als ich ihn später in Englisch, Deutsch und mit Händen gestikulierend darauf ansprach, erfuhr ich, dass er tatsächlich gespielt hatte, aber wegen seiner lädierten Knie hatte aufhören müssen. Ich mochte ihn sehr und ich glaube, er mich auch.


Do 11.07.13 11:05

Ich hatte sie an der Straßenecke gesehen, als ich kam. Sie stand neben ihrem Fahrrad und lamentierte. Ich dachte, sie spricht in ein Handy, aber sie lamentierte mit sich, mit ihrem Rad, das halbschräg stand, sie lamentierte gegen die Welt, und mir schien, sie war nicht ganz bei sich. Eine große, schlanke Frau, wobei schlank nicht der richtige Ausdruck ist: ausgemergelt wäre besser. Rotes, stoppelkurzes Haar, eigentlich eine sehr attraktive Frau Mitte dreißig, aber heruntergekommen, so dass ich dachte, die ist ausgebüchst, die ist ein Patient, vielleicht eine, die sich in der Praxis fünfzig Meter die Straße hinunter ihre tägliche Dosis Methadon abholen will.

Eine halbe Stunde darauf sah ich sie vom Balkon. Sie stand vorm Haus, stieg auf ihr Rad und fuhr davon. Für einen Augenblick dachte ich, sie habe M.'s Rad gestohlen, dann aber verwarf ich den Gedanken. Fünf Minuten darauf verließen M. und ich das Haus und M. stellte fest, dass ihr Fahrradkorb fehlte. Jetzt wusste ich, weshalb ich für einen Moment gedacht hatte, die Frau habe M.'s Rad gestohlen. M. war empört. So einer müsste man eine scheuern, sagte sie. Ich sagte, sollst sehen, die ist noch nicht weit. Und richtig, keine hundert Meter weiter stand sie vorm Seiteneingang eines anderen Hauses. Wieder lamentierend, hantierend, es war nicht recht klar, was sie dort wollte.

Ich ging zu ihr, ich nahm ihr die Zigarette aus dem Mund, sagte sinngemäß, dass man so etwas nicht tut, gab ihr eine Backpfeife, nahm den Fahrradkorb von ihrem Gepäckträger, sagte, das wäre es, sie sagte, ach, das war ihr Fahrradkorb, dann fuhren wir weiter.

Nun herrscht Uneinigkeit über meine Aktion.

13:06

Ich bin Spezialist für Kopfwunden aller Art, die ich mir gern beim Hausputz zuziehe. Da, wo sonst Möbel stehen, Stühle oder Tische etwa, ist nun leerer Raum, und so kommt es, dass ich beim Aufrichten mit Schwung gegen Schrankecken donnere. Gerade ist das wieder passiert. Ich habe nun eine Wunde an der rechten Schläfe und beschlossen, das austretende Blut in einen Topf laufen zu lassen, um es mir hernach intravenös wieder zuzuführen. Das scheint mir eine gute Idee.

14:15



kleine kräuterzigarette,
dann ins klo, der putzwut wegen,
später vielleicht eine fette
torte und auf's sofa legen.

räumen, packen, etwas finden
urkunde vom hundert meter lauf,
war da zwanzig, 12 sekunden,
1. sieg, herr m., glückauf.

danach's bad zum glänzen bringen,
saugen, staub vernichten,
gegen drei halb vier was singen,
und den körper richten.

hört sich rund und richtig an,
wird nicht allzuoft getan,
bringt für stunden flücht'gen glanz,
und beruhigt für'n lebenstanz.


Fr 12.07.13 16:45

Manchmal müssen Herrenabende sein. Da wird nicht ständig versprachlicht, die Abwesenheit von Frauen wird als befreiend empfunden, hin und wieder fallen doch Sätze, dann kommt das nächste Getränk, irgendwann sagt jemand "einen noch", und man nimmt ihn, der Rausch steht im Raum und brüstet sich, doch die Berauschten wollen jetzt schlafen.

Ich schlief vor der geöffneten Balkontür, was meinen Gastgeber zu der Annahme verleitete, ich sei ein ganz harter, zudem werde ich mich erkälten. Ich erkältete mich nicht. Im Sommer lege ich mir häufig eine Matratze vor die geöffnete Tür. Die frische Luft tut gut, sie fegt den Kopf frei, während die Leber Nachtschicht hat und am Morgen ist alles getan. Darüber staune ich jedesmal. Und denke an einen Freund aus WG Zeiten, der kürzlich nicht ohne Wehmut sagte, welch schöne Erinnerungen er an Räusche habe, aber damit sei es vorbei, sein Körper mache das nicht mehr mit. So weit bin ich noch nicht. Noch darf ich genießen.


Di 16.07.13 00:00

Als ich vor ein paar Stunden im Kanal schwamm, übte die Feuerwehr Schlauchboot fahren. Sie kamen mit einem riesigen roten Einsatzfahrzeug. Hintendran war ein kleiner Hänger mit dem Schlauchboot. Anstatt den abzuhängen und zum Wasser zu schieben, fuhren sie mit ihrem LKW so nah es ging an den Kanal, und dann herrschte heilloses Durcheinander. Es sah eher aus, als würden Jungs Bootfahren spielen, jeder durfte mal, dann wurde der kleine Yamaha Außenboarder aufgedreht und ab gings.


Mi 17.07.1317:22

Westfälische Bauernweisheit

Fällt Regen beim Geschlechtsverkehr,
erregt er die Erregten sehr,
wenn jedoch ein Gewitter kracht,
wird meistens schleunigst Schluss gemacht.


Do 18.07.13 9:43

florale dichtkunst 1

die rose hatte nachts
der ringelblume in den schlaf geraunt
sie sei die schönste und sie liebe sie
die ringelblume war erstaunt
und sagte, nun, sie liebe nie.


11:48

florale dichtkunst 2

der eiche war am morgen nicht ganz wohl,
und gegen mittag fing sie an zu bluten,
zu abend lag sie schon als stapel bretter in verdohl,
wer konnte das vermuten.


13:28

florare dichtkunst 3

es sei, sagte die wicke, wenn sie ficke,
sehr schön, doch schöner noch als diese sauerei,
sei sonntag, da sei frei.

17:23

florale dichtkunst 4

die königskerze stand schon jahre
im garten von papst benedikt,
bis eines abends dieser tattergreis
heran schlich, und da wurd sie weiß.

18:18

florale dichtkunst 5

pissnelke und herr thymian
fassten sich äußerst selten an,
bis eines tages sie beim flüstern
etwas gestand, da wurd' er lüstern.


Fr. 19.07.13 12:09

florale dichtkunst 6

das tausendschönchen hatte einen freund,
der kam und ging und sang gern laut,
und abends, wenn sie aufgeräumt,
erklärt er sie zu seiner braut.

12:39

florale dichtkunst 7

oh mädesüß, oh mädesüß,
ich habe immer schwarze füß,
und eine schwarze seele auch,
oh mädesüß, wie ich dich brauch'.


12:50

florale dichtkunst 8

der rettich int'ressierte sich
seit kurzem für kondome,
doch dummerweise wusst' er nicht,
viel schöner ist es ohne.

12:59

florale dichtkunst 9

dem großen dichten busch am bach,
fehlt schon seit jahren seine ex,
bei regenwetter seufzt er, ach,
woher krieg ich bloß sex?


17:02

florale dichtkunst 10

den rotdorn juckt es dann und wann,
so hier und da und da und dort,
und wenn er dann nicht stechen kann,
ist liebe nur ein wort.


17:07

florale dichtkunst 11

dem stechapfel ist alles schnurzepiep,
ihm macht das stechen keinen spaß,
er steht da, niemand hat ihn lieb,
nur wer ihn isst, wird meistens blass.


So 21.07.13 20:05

großes faulsein,
draussen wärmstes lob,
schwimmen im kanal, kartoffelbrot,
stachelbeeren für den chutney vorbereiten,
noch johannisbeeren pflücken, und den weiten,
hohen blauen allprospekt bestaunen,
sterne, worte spinnen, launen,
nichts entgeht der abendseele,
mit der nacht steigt schnell die lust,
luft bewegt sich, schlafbefehle
werden fortgeräumt und frust,
der sich auf dem warmen asphalt wellt,
wird von nachtkötern verbellt.


Mo 22.07.13 14:14

langsam, jeder atemzug - bedacht,
selbst die blätter halten sich bedeckt,
bisher außer leben nichts gemacht,
hinter jalousien gut versteckt


Di 23.07.13 15:19

Herr M. hatte diesen Hut auf, den er sich letztlich bei C&A kaufte, weil er doch vor ein paar Wochen, als er im Rock Hat gegenüber der roten Flora in Hamburg, wo es so viele wunderbare Hüte gab, nicht flüssig war. Flüssig sein ist ein Zustand, den Herr M. immer nur kurzfristig erlebt, während andere überzufließen scheinen, aber das ist eine andere Geschichte.

In dieser hat er also diesen blauen Papierhut auf, den er sogar auf hat, wenn er im Kanal schwimmt, weil die augenblicklichen Temperaturen derart seine Hirnschale flämmen, dass äußerste Vorsicht das Mindeste ist, was er tun kann, um nicht zu halluzinieren. Mit diesem blauen Hut sitzt er auf der Treppe am Coconut Beach und beobachtet die Tanzenden. Vor allem diese eine, eine Carla Bruni Type, sehr elegant gekleidet, groß, schlank, bezauberndes Lächeln etc. pp., aber völlig unbegabt.

Die beobachtet er und fragt sich, wie so viel Schönheit und Unbeholfenheit eine Koalition eingehen können, zitiert Zappas Dancing Fool, als sich zwei Frauen neben ihn setzen. Ob er rücken könne, fragt die eine, eine Frau seines Alters. Ja, ja, sagt er, noch ohne zu ahnen, worauf das Ganze hinauslaufen wird. Die Frauen, Mutter und Tochter, wie er gleich feststellen wird, haben das hübsche Ding ebenfalls gesehen und kommentieren es ihrerseits. Ja, ja, sagt Herr M., so ist das eben manchmal, Schönheit ist eine Sache, Tanzen eine andere.

Ob er denn auch tanze, fragt die Tochter. Er nickt. Cubanisch? Herr M. nickt wieder. Ein Glück, sagt die Tochter, sie könne dieses Posen der New York Styler nämlich nicht ausstehen. Ob sie einen Tanz bei ihm buchen könne? Herr M. sagt, ja, sicher, aber er brauche noch einen Moment. Schließlich tanzt er mit ihr und staunt, wie gut sie tanzt, obwohl sie doch vorher noch schnell gesagt hatte, sie habe schon so lange nicht mehr getanzt. Und während er also tanzt und staunt und sich freut, sieht er aus den Augenwinkeln, dass er beobachtet wird. Die Beobachterin hat schlechte Laune. Sie steht da in einer Wolke schlechter Laune, aber das ist nicht sein Problem. Er hat gute Laune.


Mi 24.07.13 12:30

Dass an drei Johannisbeerbüschen zehn Kilo Früchte hängen, hätte ich nicht gedacht. Gestern am frühen Abend waren alle geerntet, anschließend wurden sie abgeströppt. Abströppen ist ein so aussagekräftiges, schönes Verb, dass ich es fortwährend sagen möchte. Ich hatte es mehr als fünfzig Jahre nicht mehr gehört, denn in meinem alten Leben gab es nichts abzuströppen. Es ging auf Mitternacht, als alles abgeströppt war und wir beschlossen, zum Abkühlen zum Kanal zu fahren. Nachts mitten in der Stadt zu schwimmen ist herrlich. Das Wasser liegt ruhig, es ist klar, fades Licht von Laternen spiegelt sich, auf dem Balkon des Bennoheims sitzen junge Menschen und albern, über die Brücken geht spärlicher Nachtverkehr, der abnehmende Mond hängt milchig am Horizont. Lange war Sommer nicht mehr so schön wie in den letzten Tagen. Jetzt kriecht ein Gewitter heran.


14:04

Unter Materie kann ich mir etwas vorstellen, Kleines und Kleinstes, das auf verschiedenen Bahnen umeinander kreist und uns als, sagen wir, Stuhl erscheint, oder als mein uralter Mitsubishi Galant, aber dunkle Materie. Ich wüsste gern, was das ist. Vielleicht fährt mein Auto damit, denkbar, aber bestimmt hat sie nichts mit der Nacht zu tun oder der Rückseite des Mondes, sicher aber mit uns, denn in uns kreist eine Menge dunkler Materie.

Astrophysiker sind sich sicher, dass es davon noch viel mehr im Universum gibt. Noch so ein Begriff, der von meinem Hirn zwar akzeptiert wird, aber nicht zu fassen ist. Sie sagen, man könne es sogar abhören, es sende fortwährend Radiosignale, wellenförmig rollten sie von weither heran, würden von riesigen Radioteleskopen aufgefangen und entschlüsselt.

Ich stand einmal an einem frühen Sommerabend mit meiner Familie in einem kleinen Tal in der Eifel und sah, wie ein Radioteleskop sich von Elektromotoren getrieben summend ausrichtete, da wurde mir unheimlich. Ich dachte, was hört es jetzt. Hätte ich heute einen Wunsch frei, ich äße zu Abend ein Schälchen dunkler Materie und legte mich schlafen.


Do 25.07.13 11:59

Ich wollte ihr zeigen, woher ich komme, obwohl die Stadt kaum etwas vorzuzeigen hat. Dennoch, sie ist Heimat, sie liegt an der niederländischen Grenze, und das habe ich immer genossen, wenn es auch sonst wenig zu lachen gab, dort. Ich fuhr über Land, ich kenne da jeden Weg, liebe das Land und noch mehr liebe ich, dass es dort kaum Verkehr gibt, denn die meisten wählen den kürzesten Weg, um zu reisen. Meine Straße wollte sie sehen, aber in meiner Straße war ich seit vierzehn Jahren nicht mehr. Als ich vor unserem Haus hielt, kamen mir Tränen, die schluckte ich weg und erzählte ihr, dass ich in den Grünanlagen beim Wendehammer in einem Sommer vor langer Zeit einmal drei mannshohe Hanfpflanzen entdeckte. Ich nahm mir vor, sie beim nächsten Besuch zu ernten, aber da waren sie fort.

Wir stiegen aus. Ich schellte bei den Nachbarn, aber niemand öffnete. Wir gingen ums Haus. Da ist mein Pättken, sagte ich, und sie sagte, lass uns mal durchgehen. In unserem alten Garten saßen ein Mann und eine Frau unter einem Sonnendach. Sie schauten auf. Ich sagte, wer ich sei und dass dies mein Elternhaus ist. Kommen Sie doch, sagte der Mann und wir gingen in den Garten. Die neuen Bewohner sind 1999 eingezogen, gleich nachdem ich den Haushalt meiner Eltern aufgelöst hatte. Sie fühlen sich wohl hier. Wir tranken Kaffee. Ich erzählte, wie ich immer durch das kleine Klofenster einstieg, wenn ich keinen Schlüssel hatte. Sie zeigten mir die Küche und das Wohnzimmer. In meinem Kopf stand noch alles am alten Ort. Ich demonstrierte, wie sich mein Vater, jede Hilfe verweigernd, auf dem Hosenboden von Stufe zu Stufe nach oben mühte. Da flossen wieder Tränen. Der neue Bewohner legte mir seinen Arm um die Schultern. Ich erzählte, dass ich immer das Treppengeländer herab gerutscht sei. Der Mann und die Frau lachten. Das habe ihr Sohn auch getan. Wir bedankten uns und gingen. Heimat ist schön und tut weh.


Fr 26.07.13 11:19

Manchmal, wenn sie schleusen, entsteht im Kanal eine Strömung. Die Schleuse ist mehr als einen Kilometer entfernt, aber die Strömung ist stark, man kommt nur mit Mühe gegen sie an. Gestern beobachtete ich zwei kaum handtellergroße Strudel, die zwei Meter vom Ufer entfernt Blätter und Gras herum wirbelten. Es war nicht auszumachen, wodurch sie sich gebildet hatten, aber es war interessant, ihnen zuzuschauen. Wenn Schiffe vorbeifahren, wird man als Schwimmer von dem durch die hohe Tonnage verdrängten Wasser in die Gegenrichtung getrieben. Anfangs war mir das ein bisschen unheimlich, jetzt kann ich die schwungvolle Abtrift genießen.

14:01

Ich stecke im Sommerloch. Es ist mir ein bisschen zu warm da, es macht müde und faul, aber als Teilrentner mit der Lizenz zu Töten lässt es sich aushalten. Ich töte hin und wieder die oder den, manchmal reicht ein Wort, dann wieder müssen es zwei sein, meist geht das flott von der Hand, was ja in meinem Gewerbe nicht immer der Fall ist, aber wie gesagt, ich bin Profi, hinterlasse kaum Spuren, und wenn ich töte, bemerkt es das Opfer nicht oder erst hinterher.

Auf mein Konto gehen unzählige ungeklärte Todesfälle, schlagen Sie nur die Zeitungen auf, die schwarz umrandeten Anzeigen, da verstecken sie sich. Wenn ich nächstes Jahr erst Vollrentner bin, habe ich genügend Geld, wieder in die weite Welt hinaus zu treten, um auch dort meinem Gewerbe nachzugehen. Ich werde das vornehmlich in Ländern tun, in denen die Temperaturen moderat bleiben, weil ich weiß, wie sehr mich die Hitze lähmt. Im Augenblick bedauere ich, dass der Kanal, in dem ich so häufig schwimme, nicht hinterm Haus verläuft. Ich würde mich aus dem Fenster hinein stürzen, aber wie gesagt, er ist ca. 8 Kilometer entfernt, für jemanden, der so faul ist wie ich, ist das ein wenig zu weit.

Faulheit und Langeweile werden von der Mehrheit gern negativ konnotiert. Ich kann diese Ansicht nicht teilen. Meine Erfahrung sagt, dass man mit ständiger Betriebsamkeit selten auf gute Gedanken kommt. Daher also herzlichste Grüße aus meinem Loch. Morgen werde ich mit Albert Early Bird & The Working Worms (ein, wie sie sicher festgestellt haben, ironischer Bandname) bei Diplomaten in Unkel bei Bonn spielen. Bin gespannt, wie es da aussieht. Vielleicht schwimme ich sogar durch den Rhein. Das jedoch täte ich nur, wenn ein Boot neben mir her führe.


Mo 29.07.13 12:00

Die Straße ist staubig, die Sonne brennt erbarmungslos, die Duellanten stehen sich gegenüber. Beide werden ihr Bestes geben. Vereinbart sind Klemmbrett und Kugelschreiber. Der Startschuss hallt durch die Gluthitze, ein Kugelschreiber fliegt übers Papier, der andere zögert. Erste Zuschauer fallen um. Sie haben seit Stunden gewartet, um diesem Ereignis, dem hoher kultureller Wert beigemessen wird, beizuwohnen. Man zieht sie aus der Menge und stapelt sie in einer Seitstraße. Dort werden sie mit Wasser besprengt, man redet ihnen gut zu und gibt ihnen Schnaps, damit ihr Kreislauf stabil wird. Das ist eine bewährte Methode.

Die Namen der Autoren spielen keine Rolle, wir nennen sie A. und B. Beide sind seit Jahrzehnten im Geschäft, haben aber selten genug Geld, um anständig essen gehen zu können. Ihr heutiges Honorar wird unter Umständen das einzige in absehbarer Zeit bleiben, daher geben sie sich alle Mühe.

A. hat noch kein Wort geschrieben, während B. bereits das zweite Blatt anklemmt. A. ist ein Intellektueller, der selten etwas erlebt. B. hasst Intellektuelle. Er weiß nicht einmal, ob er das Wort richtig schreiben kann. A., der nie etwas erlebt, versucht sich etwas aus den Fingern zu saugen. Kein Wunder, dass seine Texte von Kritikern gerühmt werden. Man fragt sich ständig, welche Geheimnisse sich hinter seinen blutleeren Schilderungen verbergen, während B., der ständig etwas erlebt und daher viel seltener schreibt als A., weil das Leben ihm dazu kaum Zeit lässt, von Kritikern mit Misstrauen beäugt wird.

A. hat noch immer kein Wort zu Papier gebracht.

B. hat seinen Protagonisten an den Schicksalsfluss der Deutschen geführt. Dort, bei Flußkilometer 636, steht er und überlegt, ob er zum ersten Mal in seinem Leben in diesem Fluss schwimmen soll.

A.s Hand zittert. Er glaubt, dass er gleich ein großartiges abstraktes Gedicht schreiben wird. Er hofft auf göttlichen Beistand.

B.s Protagonist steht bis zum Bauch im handwarmen Flusswasser und spürt, wie die Strömung an ihm zerrt. Während A. von Kopf bis Fuss zittert und ihm Schaum vor den Mund tritt, weil der große Wurft ferner denn je schreint, gerät B.s Protagonist in tieferes Wasser und wird davon gespült, gerät in die Flussmitte, versucht noch, diagonal aus der Strömung zurück zum Ufer zu gelangen, wird aber von der Schraube eines flussauf fahrenden Schiffes in handliche Stücke gehackt. B. liebt es, wenn in seinen Texten Leichen vorkommen. Der Leser darf dann trauern und gleichzeitig glücklich sein, dass er überlebt hat.

A. ist zusammen gebrochen. Er wird nie wieder schreiben können. Er lallt. Die anwesenden Kritiker sind begeistert. Sie glauben, dass A. der Preis zusteht. Er hat seine Existenz in die Waagschale geworfen, während B. nur Banalitäten festhielt.


Di 30.07.13
8:30

Heroische deutsche Tafeldichtung

Heute Morgen ist es frisch, drum kommt Warmes auf den Tisch.

10:19

Wenn man über Land fährt, um eine Kulturlandschaft gegen eine andere zu tauschen, wenn man nicht selbst fährt, sondern gefahren wird und die Sonne glutheiß Umrisse flirrend auflöst, wird man träg und vor lauter Schauen immer träger, bis plötzlich klar wird, dass dieses neue Land, das sich ringsum auffaltet, ausbreitet und einen auffordert, es zu begreifen, nichts, aber auch gar nichts mit einem zu tun hat. Man kann sich kaum vorstellen, wie die Menschen hier leben.

Wie kann das angehen, wenn ein Haus so am Hang klebt, hoch überm Fluß, und wie sprechen die Menschen hier, warum hat sich gerade hier dieser und nicht jener Dialekt ausgebreitet auf den Wurzeln der gemeinsam vereinbarten Sprache. Darüber wüsste man gern mehr, darüber könnte man ein Leben lang studieren, aber es gibt so viele Dinge, die man studieren könnte, da käme man zu gar nichts mehr. Und dann hört man, dass einem auf die Frage nach einer Straße, die man gesucht hatte, im Brustton der Überzeugung geantwortet wurde: Da kommen Sie hin.

So sei er, der Eingeborene, wird später erzählt, während die Gäste kamen, wir unsere Instrumente aufbauten und der Himmel für den Abend Gutes versprach. Der Himmel hielt Wort. Ich hinterm Schlagzeug, neben mir eine Schale Kirschen, aus der ich dann und wann eine griff, um den Kerne anschließend weit fort zu schnippen. Es gab beste Weine, Champagner, Perlhuhn und Zander, es gab Lammhaxe und Saltimbocca, der Garten hinterm Haus wirkt mediterran, was kein Wunder ist, mit dem Wein an den Hängen. Der Römer hatte damals vom gegenüberliegenden Ufer herüber geschaut auf die schäle Sick, wie der Eingeborene die rechte Flußseite nennt. Er war mißtrauisch, er hielt die dort Lebenden für Barbaren.

Von der Vielfalt der Schmetterlingsarten an den in Schichten lagernden Steilhängen höre ich, europaweit einzigartig sei die, und im Fluss schwämmen längst wieder Lachse. Unsere Band heimst Komplimente ein, aber wir wissen es besser. Wir geben uns insheim einen neuen Namen, wir nennen uns ab sofort Geräuschkulisse, denn das sind wir. Wir spielen dezent, das hohe Risiko unserer Improvisationen wird kaum bemerkt, aber wir haben klammheimlichen Spaß und kriegen noch Geld dazu.

Der Fluss rollt zu Tal, die Nacht schreitet fort, und als die meisten Gäste längst zuhause sind, stehen die Verbliebenen in Zweierreihen vor uns, während wir jetzt lautere Töne von uns geben und zusehen, wie Gliedmaßen geschüttelt werden. Man sehnt sich nach Entgrenzung, jetzt hat man ein wenig getrunken, da darf man von einem Bein auf das andere wippen, dann ist auch das vorbei und man sitzt noch unter dem Blätterdach der Eberesche, während Schiffe in diese und jene Richtung fahren. Eine schöne Nacht. Nur dass ich nie verstehe, dass die Menschen so lange brauchen, eh sie entspannen.

15:20

Heroische deutsche Tafeldichtung

Dampft die Kartoffel auf dem Teller,
wird es im Westen nicht mehr heller.

Ist sie dann endlich aufgegessen,
kann niemand mehr ihr Leid ermessen.

Tags drauf jedoch kehrt sie zurück,
in anderer Farbe und am Stück.

19:11

Heroische deutsche Tafeldichtung,

Hack, Gedärme, Hirn und Schwanz,
schenken der Verdauung Glanz.


Mi 31.07.13 11:44

Romananfang (18)

Als sich die Tür zum Club öffnete und Frau Monroe den Raum betrat, war Herr Graf glücklich. Doch das sollte sich ändern.

 

 

 

 

 

 






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