Juli 2014                           www.hermann-mensing.de          

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zum letzten eintrag


Di 1.07.14 10:10

Der älteste Enkel hockt auf einer Decke vorm Haus. Es ist Flohmarkt. Menschen flanieren. Er hockt da und knetet eine Schlange. Ich soll sie ihm länger machen, bittet er. Ich mach sie ihm länger. Der Zweitälteste ist im Haus. Er sagt, er hat sich "ein Buchetauft", und ich soll ihm vorlesen. Ich lese ihm vor. Regen zieht auf. Mein Sohn und meine Schwiegertochter haben alle Hände voll zu tun, den Flohmarktstand abzubauen. Der jüngste Enkel rollt sich vom Teppich. Eh er mit dem Kopf auf den Boden rummst, schiebe ich meine Hand drunter, setze mich in den Schneidersitz und nehme ihn in den Arm. Es reißt ein wenig im Kreuz, aber es ist schön so zu sitzen mit all dem Gewusel ringsum. Ich fühle mich nützlich. Als wäre ich für etwas gut. Es reißt immer mehr, aber ich ignoriere das. Der Jüngste reibt sich die Augen. Mama kommt irgendwann und sagt, er müsse bald schlafen. Sie nimmt ihn. Der Zweitälteste heult. Er sagt, ich bin traurig. Ich tröste ihn. Der Regen fällt schwer jetzt. Der große Sohn hat sich was Neues gekauft. Zwei wurstgroße Boxen, die er über sein Mobiltelefon steuern kann. Er steht auf so Zeugs. Aus den Boxen tönen die Beatles. Der Zweitälteste ist immer noch traurig. Hoppehoppereiter will er nicht. Wir kuscheln. Seine gute Laune kehrt zurück. Es gibt zu Essen. Tortellini und Tofuwürste, schreckliche Imitate. Der Älteste und der Zweitälteste geraten in Streit, weil Letzterer dem Ältesten ein Wurststück abgebissen hat. Papa tauscht die Wurststücke einfach aus. Sehr überzeugend, finde ich, aber dem Ältestens ist das nicht recht. Kinderlogik geht irgendwie anders. Der Regen lässt nach. Ich verabschiede mich, setze mich aufs Rad und fahre heim. Es ist nicht das Kreuz, das reißt, es ist die Muskulatur rings um die linken Rippenbögen. Blöde Stelle, um Pferdebalsam aufzutragen. Ich komme da nicht dran. Heute früh dann die Lösung. Ich nehme ein Handtuch, ich bringe Pferdebalsam auf, lege es um die linken Rippenbögen und ziehe es hin und her. Guter Trick. Dann frühstücke ich. Mein Nachbar fachsimpelt mit mir über das Spiel gestern abend. Ich trinke Kaffee. Ich werfe den Rechner an. Ich checke meine Statistik. Wer hat was downgeloaded. Dabei stoße ich auf ein Hörspiel, das ich längst vergessen hatte. Ich öffne es. Ich lese und beschließe, es dem DRadio und dem WDR anzubieten. Ich komme langsam wieder in Schwung.


18:35

Herr M. tanzt.






Do 3.07.14 9:56

Die Sonne scheint. Draußen wird schon seit einer Stunde eine Hecke geschnitten. Beim Frühstück auf dem Balkon wurde ich herzlich von einer der Zahnarzthelferinnen des Doktors nebenan begrüßt. Gestern hatte ich Besuch von einer jungen Lehrerin, mit der ich während meiner kurzen Karriere als Lehrer 2010 zusammengearbeitet habe. Das hat mich sehr gefreut. Und dann habe ich gestern abend auch noch eine kleine Reise gemacht. Über die Baumberge hinunter nach Billerbeck, wo in einer kleinen Galerie in der Nähe der Kolvenburg jeden ersten Mittwoch des Monats eine Folksession stattfindet. Ich hatte schon oft davon gehört, ich hatte mir immer wieder vorgenommen, dorthin zu fahren, aber irgendwie war es nie dazu gekommen.

Um die Kolvenburg ist es verwunschen idyllisch.
Da ist ein Park, da fließt ein Bach, ich glaube, er entspringt dort sogar. Da ist es ein bisschen wild, und es waren viele Musiker da, die sich ihre Gitarren zeigten und fachsimpelten, und viele Zuschauer mittleren und fortgeschrittenen Alters, die augenscheinlich froh waren, dass in diesem Dorf auch einmal etwas anderes stattfindet als Schützenfeste. Musik wurde auch gemacht, natürlich, aber mein Mittelsmann hatte mir erzählt, dass dies wahrscheinlich ein eher ruhiger Abend würde, da viele Musiker der Region bereit nach Rudolstadt zum internationalen Folk Root Festival abgereist seien. Ich recherchierte das Festival und stellte fest, das dort am Freitagabend Arto Lindsay spielt, den ich gern einmal sehen würde. Rudolstadt soll eine sehr schöne thüringische Gemeinde sein, mit einem Barockschloss und Parks, und das Festival steht im Ruf, sehr entspannt zu sein. Überlege noch, übers Wochenende dorthin zu fahren, werde es aber wohl doch nicht tun, es sei denn, ein Freund käme mit. Ich werde ihn heute besuchen und dann erfahre ich vielleicht mehr.

Ich saß gestern abend vornehmlich draußen. Der Abend war zwar für einen Juliabend etwas zu frisch, dennoch scharten sich Leute um das kleine Podest, drinnen wurde musiziert, draußen wurde Wein getrunken und schließlich auch Musik gemacht. Ich hatte keine Percussionsinstrumente mitgenommen, weil ich hoffte, dort ein Cajon vorzufinden, aber es war keines da, also betrommelte ich das kleine Podest, was auch ganz gut klang, und nun überlege ich, ob ich mir ein Cajon kaufen soll.

Als ich zu Anfang der Session drinnen war, stand dort eine hageldürre, sicher einsneunzig große Frau auf der Bühne. Weite Hose mit aufgenähten großen Taschen, schlabbriges T-Shirt, alles in Fliedertönen gehalten, flache Schuhe. Und jetzt raten Sie mal, welches Instrument sie spielte? Richtig, Sie sind vorurteilslos, ich nicht, ich trage seit meiner frühen musikalischen Sozialisation in einer damals recht bekannten Rock-Jazz-Band tief verwurzelte Aversionen gegen die Querflöte mit mir herum.

Heimreise gegen dreiundzwanzig Uhr, der Abend sank langsam zum Westen, ruhiges Überlandfahren nach Münster, dort noch zwei Tänze im Salsomania und dann nach Hause. Ich glaube, es geht mir gut.

21:19

Kleiner Urlaub in Carstens Studio. Später zum Zwillbrocker Venn. Langer Spaziergang. Flamingos gesehen. Anschließend ein etwa 0,5 Quadratmeter großer Zigeunerschnitzel mit Pommes. Jetzt platt.


Fr 4.07.14
9:25

Keiner weiß so recht, wie die Flamingos ins Zwillbrocker Venn gefunden haben, aber es gibt sie, wahrscheinlich ausgebüxt irgendwann irgendwo, der erste wurde 1970 gesichtet, heute leben dort drei verschiedene Arten, die sonst nur im Süden vorkommen. Sie brüten sogar, sie bekommen Nachkommen, im Winter ziehen sie nach Zeeland, um Ende März, Anfang April zurückzukehren in dieses Naturschutzgebiet. Wir haben sie mit eigenen Augen gesehen, als wir das Zwillbrocker Venn gestern in einem langem Spaziergang umrundeten. Es grenzt an die Niederlande und das Land dort ist so wunderschön, dass man sich fragt, wieso überhaupt irgendjemand in Urlaub fährt, wo doch alles gleich vor der Tür liegt. Das letzte Mal war ich mit meinen Eltern dort, und das ist ganz bestimmt auch schon vierzig Jahre her.

Das anschließende Zigeunerschnitzel war eine typisch deutsche Katastrophe, man konnte es essen, ja, man kann letztlich alles essen, aber einen Koch benötigt man zur Zubereitung eines solchen Schnitzels nicht. Dafür war die Bedienung freundlich. Und das Radler zischte nur so, denn die Sonne schien und wir waren ins Schwitzen gekommen. Spatzen hockten am nahen Brunnen und tranken, ein Dompfaffweibchen kam vorbei, ein kleiner Hund nervte für einige Zeit, wohl, weil er klein war und nicht richtig bellen konnte, sondern nur ein jämmerliches Geheule von sich gab, bei dem wir, Carsten und ich, uns sofort an Monty Python erinnerten. 10 Tonnen von oben, und das Problem wäre auf der Stelle erledigt gewesen.

Gerade komme ich von der Augenärztin, die mir sagte, dass sich meine Augen seit der letzten Untersuchung vor fünf Jahren nicht verschlechtert haben. Zudem habe ich eine nahezu perfekte Kombination aus Weit und Kurzsichtigkeit, verteilt auf das linke und rechte Augen, eine Kombination, die sich manche Mensche operativ durch den Einsatz entsprechender Linsen nachbauen lassen. Also kein Grund zur Klage. Nur was die Liebe angeht, da tappe ich nach wie vor im Dunkel, aber das macht nichts. Ich fühle mich gut so, wie es im Augenblick ist. Ich freue mich auf heute abend. Ich werde in der Öffentlichkeit zuschauen, wie sich das Sommerdrama entwickelt, Freude oder kurzes Frustration, und dann wieder Alltag.

Jetzt fahre ich in die Stadt. Ich habe Dias zum Digitalisieren gebracht, die sind nun fertig und ich bin sehr gespannt auf den digitalen Blick in die Vergangenheit, denn es handelt sich um Dias, die über dreißig Jahre alt sind. Nächste oder übernächste Woche mache ich mich auf den Weg zum Literarischen Coloquium in Berlin, um dort meinen Text einzulesen. Darauf freue ich mich sehr. Also, Sonnehut auf und los.


Sa 5.07.14
11:36

Beim Public Viewing, was "Leichenschau" heißt, was wohl niemand gewusst hat, als man vor Jahren einen englischen Begriff für dieses populäre Großereignis suchte, baut sich schnell Spannung auf, ein kollektives Grundbrummen, eine Nervösität, die das Ereignis oft überhöht. Das wollte ich mir gestern nicht antun.

Also saß ich allein auf meinem Sofa und schaute zu, wie sich die deutsche Mannschaft ihrer Haut wehrte. Kein durch schöne Spielzüge herausgearbeitetes Tor, ein geiler Standard, schließlich ein Arbeitssieg, der sich wie ein Rückgriff auf ehemalige deutsche Tugenden anfühlt. Alle spielen, und die Deutschen gewinnen.

90 Minuten habe ich mir gewünscht, sie hätten einen oder zwei Vollstrecker der Qualität, von denen die Franzosen drei hatten, die sie immer wieder mit weiten Pässen bedienten, dann hätten sie mit drei, vier Toren Vorsprung gewinnen können. Stattdessen kunstvolle Tändeleien vorm Sechzehner, noch ein Pass und noch einer.

Zugegeben, Herr Özil kann das wunderbar, aber mir scheint, er hat eine Depression, er wirkt betrübt. Schließlich ist er ein junger Mann, den man kaufen und verkaufen kann wie einen Sklaven, und ganz gleich, wie viele Millionen sie ihm in den Arsch schieben, so etwas hinterlässt Spuren.

Dennoch, gewonnen ist gewonnen, nun geht es gegen Brasilien. Hoffentlich ist Herr Schürrle im Aufgebot. Brasilien ist dezimiert. Zwei wichtige Spieler werden nicht spielen, der eine, weil er Gelb gesperrt ist, der andere, weil er gefoult wurde und verletzt ist. Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtegall, sagt der Westfale. Also werden die Deutschen gewinnen und dann läuft alles auf ein Finale gegen die Niederlande hinaus.

O Gott.

Ich setzte mich aufs Rad, um dem kollektiven Jubel am Ludgerikreisel zuzuschauen. Das ist ein armseliges Gebrülle, das sich letztlich auf eine kleine Gruppe Fahnen schwenkender, angetrunkenener junger Männer reduziert. Alle Übrigen sind Herumsteher und Zuschauer. Gelöste Freude sieht anders an, Feiern sieht anders aus, aber immerhin, man versucht's. Die Migranten aus aller Herren Länder
sind oft die, die am Fröhlichsten wirken.

Ich hatte mich auf den Rasen des Kreisverkehrs gesetzt, der sonst den Kaninchen gehört, um zu sehen, was passiert. Verbrüderung mit der Polizei, Selfies mit der blonden Polizistin und ihrem türkischen Kollegen. Hin und wieder junge Männer, die mich mit High Five abklatschten. Sie fanden es offenbar lustig, dass ich da im Schneidersitz saß, nicht rauchte, nicht trank, und mich kaum bewegte.

Ein Rollstuhl tauchte auf. Darin saß ein grotesk verzerrter junger Mann, wie ein Gnom, weit vorgebeugt, mit einem Buckel, irgendeine hundsgemeine Krankheit, die ihn so verbogen hat. Er fuhr mit hoher Geschwindigkeit. Hinten auf seinem Stuhl stand eine junge blonde Frau mit einer großen Deutschlandflagge. Der junge Mann lenkte seinen Rollstuhl mitten hinein in die Menschentraube. Das hat mir gefallen. Und dann waren da noch diese zwei kleinen Jungs, die - schüchtern zwar - ihre Brasilien Flaggen schwenkten bei all dem Schwarz-Rot-Gold.

Als kurz nach dem Krieg geborener ist mir bei so viel Suuuuuper Deutschland noch immer ein wenig unwohl, und ich fürchte, daran ändert sich nichts mehr. Ich glaube allerdings auch, dass dieses "armselige Gebrüll", dieser Mangel an Liedern, kausal mit dieser Katastrophe zusammenhängt. Wir sind zwar schon deutlich entspannter, aber man sagt, Kriegstraumata bräuchten drei Generationen, eh sie sich langsam auflösten.

Als ich genug vom Siegestaumel hatte, fuhr ich zu den Aasee-Terrassen. Dort spielte die WDR-Big Band. Großes Orchester, vier Kontrabässe, Geigen, Gebläse, alles, was so ein Orchester zu bieten hat, war auf der Bühne, und dazu noch eine Rock Sektion. Man spielte Klassiker der Rockgeschichte. Zum Finale "We are the champions", ein bisschen verfrüht, dachte ich.

Ich saß auf einer der Treppenstufen, als sich eine junge Frau direkt vor mich setzte und fragte, ob das okay sei. Ich sagte ja, aber es könne sei, dass sie meine Knie im Rücken spüre, da ich gern den Beat mitschlüge. Das mache nichts, sagte sie, und dann entspann ein gelöstes Hin und Her, ein interessanter Chit-chat, bis sie schließlich sagte, ich glaube, wir müssen leiser reden, die andern gucken schon so.


So 6.07.14 12:07

Habe alles gut überstanden gestern, kleines Geburtstagsfest, das in die zweite Halbzeit Holland gegen Costa Rica mündete, hochdramatisch, ich hatte mir gewünscht, die Niederländer würden scheitern, jetzt heißt ihr nächster Gegner Argentinien, und da bin ich dann für die Holländer.


Mo 7.07.14
10:20

Herr M. eilt von Höhe- zu Höhepunkt. Gestern schwamm er mit kleinen Enten im Kanal, die sich ihm zunächst erstaunt näherten, dann aber wie einst der Prophet Jesus übers Wasser eilend davon rannten. Das Wasser war mild und weich, kein Schiff weit und breit, kein anderer Schwimmer, woraus Herr M. schloss, dass man den Kanal wohl nur für ihn und seine kleinen Vergnügungen gebaut haben musste. Anschließend eilte er zu bilateralen Gesprächen, die zur allgemeinen Zufriedenheit geführt auf eine friedliche Zukunft hoffen lassen. Heute früh studierte er die Weltpresse und kam zu dem Schluss, dass die Akteure der Weltbühne weit hinter seinen Standards zurückbleiben. So ein Dichter in Rente hat es gut, dachte er, er kann dichten was er will, für jedes Gedicht erhält er von der Deutschen Rente Extrapunkte. Gleich besucht er den genialen Autoschrauber von nebenan, der einen Mercedes für die anstehende Reise nach Berlin auf Herz und Nieren prüft. Schöner Montag, schöne Woche, wenn der Tag hält, was er verspricht, wird heute abend am Beach getanzt.


Di 8.07.14
9:42



Als Fliegen reinkarnierte Verstorbene umschwirren mich und das Display meines Rechners. Es regnet, also gebe ich ihnen Asyl. Wenn es aber zu viele werden, haue ich eine tot. Wenn die dann da so liegt, sage ich, tut mir leid, Vatti, oder ähnliches. Man weiß ja nie, und erkennen kann man schon mal überhaupt nichts. Meine Katze und ich sind einander ein wenig gram, sie hat mir Gewölle ins Wohnzimmer erbrochen, dann schimpfe ich immer mit ihr, und für ein, zwei Stunden danach ist sie kleinlaut. Reifen zischen übern nassen Asphalt. Der graue Himmel wird nachher von Chemtrailern Schwarz-Rot-Gold eingefärbt, so wollen es alle. Die Finken üben die Nationalhymne. Selbst das Schweigen um mich ist bereit wie nie. Angst und Freude lähmen den Wirtschaftsstandort Deutschland. In den Kirchen herrscht Notstand. So viele Kerzen, damit hatte niemand gerechnet. Wir müssen jetzt auf alles gefasst sein. Ausbruch unbändiger Freude und tiefste Niedergeschlagenheit. Diese Nacht werden die Notarztwagen Legion. Überall Herzinfarkte.

17:51

Glocken läuten. Menschen strömen in Massen in die Kirchen, um noch einmal zu beichten. Nach dem Anstoß könnte alles zu spät sein.


Fr 11.07.14
19:06

Was für ein feines Auto mein 500 Euro Benz doch ist. Schnurrt wie eine Katze, läuft wie ein Leopard, liegt in der Spur wie auf Schienen, einmal Berlin und zurück, wo es mir sehr gefallen hat diesmal, dabei zählt die Stadt nicht zu meinen Lieblingsstädten.


So 13.07.14
00:14

Mir macht Fußball am meisten Spaß, wenn ich für und gegen eine Mannschaft sein kann. Mit der Ausnahme, dass ich immer für die Unseren bin, es sei denn, sie spielten schlecht, gäben sich keine Mühe oder beides, aber das war bisher nicht so. Ich drücke ihnen die Daumen für's Endspiel. Ich will, dass der Bessere gewinnt, und glaube ganz fest, dass sie das sind. Aber natürlich kann man Pech haben. Traurig macht mich Brasilien. Ich hatte ihnen den Sieg gegen Holland sehr gegönnt, ihrer Seele wegen, als Trost, und weil ich ihn van Gaal nicht gönnte, diesem unsäglich arroganten Sonnengot, weil Robben ein Schauspieler ist, und ich immer gegen die Holländer bin. Ich komme von der Grenze, da hat man derartige Defizite. Aber nun hat Oranje den dritten Platz, und Robben findet, sie hätten eigentlich den ersten verdient. Und was ist mit dem Schiedsrichter, Arjen, der so gut für euch gepfiffen hat? Egal. Ich weiß ja, dass es nur Brot und Spiele sind, die davon ablenken, dass es auf der Welt drunter und drüber geht. Überall wird geschossen, entweder aus ethnischen und/oder und religiösen Gründen. Zum Gotterbarmen. Das ist meine Welt, und was tue ich? Gar nichts. Deshalb gute Nacht. Wenn ich ausgeschlafen habe, erzähle ich, wie ich nach Berlin kam, dass ich mutterseelenallein im Wannsee schwamm, dass ich diese "schwäbischen Mütter" auf dem Kiez in Friedrichshain, die mit ihren zweijährigen Kindern diskutieren, welche Sorte veganes Eis nun die bessere sei, mit eigenen Augen gesehen habe, dass ich das Holocaust Denkmal besucht habe, und mit der Wache vor der amerikanischen Botschaft kurze, freundliche Worte wechselte.


10:33

Schon seit Jahrzehnten starre ich auf einen Sharp Röhrenfernseher mit einer Bildschirmdiagonale von 34 Zentimetern. Meine Augen sind gut, wenngleich ich eine Weitsehbrille benötige. Die liegt ständig auf irgendwelchen Möbelstücken, manchmal muss ich sie suchen, in der Regel finde ich sie, aber da sie immer irgendwo herumliegt, bleibt es nicht aus, dass die empfindlichen Gläser verkratzen. Nun habe ich mir eine neue gekauft. Als ich gestern abend aus etwa 180 cm Entfernung dem Treiben in Rio zuschaute, fiel mir auf, wie deutlich ich plötzlich die zwergenhaft großen Männchen sehen konnte, ja, und das auch noch in Farbe. Das wird also ein Spaß heute abend. Das Leben mit einer neuen Brille meint es gut mit mir.

10:55

Die Kleiderfrage war geklärt, sogar einen Hut hatte ich dabei, leider den falschen, den Herbsthut, denn in Berlin war es warm, aber das konnte ich ja nicht wissen. Bis Hannover fuhr ich in einer Gischtwolke, in der Vorausfahrende schon nach fünfzig Metern fast spurlos verschwanden, dann aber klarte es auf, so dass ich das Land sehen konnte. Schönes Land.

Noch etwa zwei Stunden, sagte der Navigator. Beim Kaffee kurz hinter Hannover war es schwül. Die kleine, korpulente Bedienung an der Segafreddo Kaffeebar vertüddelte sich beim Milchaufschäumen und meinte, das wäre wohl nicht ihr Tag. Ich beruhigte sie. Sie schenkte mir ein Lachen mit Zahnlücke. Ich hatte Studentenfutter, Lakritzheringe und Bananen im Gepäck, ich hatte Musik an Bord, ich hätte jetzt Tramper eingeladen, aber es waren keine da, das Reisen per Anhalter ist schon seit über zwei Jahrzehnten aus der Mode, stattdessen hocken jetzt alle in FLIX Bussen, die sie für kleines Geld von hier nach dort bringen. Überholte ständig welche. Berlin zieht sie an wie das Licht Motten.

Hinter Hannover beginnt der Osten. Früher stieg dort langsam ein Unwohlsein auf, denn man wusste, was käme. Graugrünes Militär, jeder menschlichen Regung fremd, dazu noch bewaffnet. Zäune, Minen, Hunde, wie ein KZ. Ein Glück, dass das vorbei ist. Ein paar Grenztürme stehen noch, die Abfertigungsgebäude mahnen, aber die musste ich mir nicht anschauen, ich hatte da oft genug gestanden und mein Unwohlsein bekämpft.

Also weiter, an Magdeburg vorbei über die Elbe und tiefer hinein in den subventionierten Osten nach Berlin, nicht minder subventioniert, aber hipp, schon damals, als alle, die weder Wehr- noch Zivildienst leisten wollten, dorthin verschwanden. Die sind jetzt alt, manche haben es zu etwas gebracht, viele aber leben noch immer in der Vergangenheit. Altfreaks. Die Gegenwärtigen, in absehbarer Zeit selbst alt, halten sich für die Speerspitze der Bewegung. Na bitte.

Autobahnen kreuzen sich, der Verkehr wird dichter, Berlin, denkt man, liegt in einem tiefen Wald, hier und dort ist ein See, dann biegt man ab und ist da. Das literarische Colloqium Berlin. Eine Gründerzeitvilla, Ende des 19. Jahrhunderts von einem Fabrikanten erbaut, wechselnde Besitzer in den Zwanzigern, Anna Seghers wohnte mal dort, ein jüdischer Kaufmann erwarb es, die Nazis vertrieben ihn und nutzten es für sich, die Amerikaner siegten, kurzeitig wurde es ein Hotel, die Gruppe 47 tagte, das Haus verfiel, Anfang der Sechziger ging es den Besitz des Senats über und wurde zum Literarischen Colloquium.

Ihr Auftritt, Herr Mensing.




13:39

Es war stickig in dieser Villa. Schweiß floss, und ich dachte, das Beste wäre, zum See zu fahren und schwimmen zu gehen. Vorm Haus standen Räder. Ich kannte den Code für die Schlösser, sattelte auf und fuhr zum Wannseebad, keine Viertelstunde entfernt. Mittwochnachmittag, weit und breit niemand. Fünffünzig Eintritt, Umkleiden und dann hinein in den See. Aber kaum bis zu den Hüften im Wasser, kam die Durchsage, man habe eine Unwetterwarnung, ich solle das Wasser verlassen. Schade. Ich zog mich wieder an, trank etwas und schaute hinüber zum anderen Ufer. Es grummelte in der Ferne, aber so richtig knallen tat es nicht. Nach einer halben Stunde fragte ich einen der Bademeister, ob ich nicht doch ins Wasser könne. Der prüfte kurz die Lage und nickte. Iss ja wie jemacht, wa? Hamse den See janz für sich alleeene. Genau das wollte ich. Also runter zu den Strandkörben, umziehen und hinein in den See. Man muss weit hineinlaufen, eh man schwimmbare Wassertiefe erreicht. An Sonnentagen, sagt man, sieht man den See vor Menschen kaum.


 

17:04

Als ich gestern auf dem Mark gerade den Kopf in den Nacken legte, um einen Hering zu versenken, kam mir mein Rad in den Sinn und ich wußte ich nicht, wo ich es abgestellt hatte. Es war mir für furchtbare Bruchteile von Sekunden entfallen. Wenn das jetzt nicht zurückkehrt, dachte ich, habe ich's auch, so wird das zum ersten Mal sein, wenn man's hat, dachte ich, aber dann wusste ich's wieder, unfassbar erstaunt, dass im Hirn sich urplötzlich so eine Leerstelle auftut, als wäre da nie etwas gewesen.


Mo 14.07.14
11:28

all mein hoffen, all mein sehnen,
wilhelm busch hat das so schön gesagt,
steckte gestern in den fußballgenen,
dann hat einer es gewagt,
dieser kleine, lange unsichtbare,
goetze, dieses milchgesicht,
der von schürrle anspielbare,
steigt, der ball tropft von der brust und sticht
linksfußvolley, rechtes eck,
kunst, vollendet, kurzer schreck,
ein herz jubelt, eines bricht.

16:13

Mittwochabend fuhr ich über die Bundesstraße 1 über Potsdam nach Michendorf. Rechts Wald und der Wannsee, links Wald, schließlich die berühmt berüchtige Glienicker Brücke. Agenten wurde hier ausgetauscht, in der Wirklichkeit und im Film. Auf der anderen Seite eine herausgeputzte Straße, Gründerzeitvillen, umgedeutete Kasernen, Potsdam war Garnison. Als ich 1989 dort entlang fuhr, waren Straße und Gebäude in einem erbärmlichen Zustand. Heute ist alles herausgeputzt. Das Zentrum Potsdams sieht aus, als würde es stündlich neu gestrichen.

21:41

Bin wieder nicht nach Caputh abgebogen. Wohnte da nicht dieser berühmte Dichter. Und hat er sich dort nicht erschossen? Egal. Dichter, die sich erschießen, übertreiben. Habe mich stattdessen abends vor den Fernseher gesetzt und Argentinien Holland geschaut. Nach Ende der offiziellen Spielzeit habe ich ausgestellt und mich schlafen gelegt. Am Morgen las ich, dass es gekommen war, wie ich erhofft hatte. Ich frühstückte und ging ins Studio. Nach kaum zwei Stunden waren wir fertig. Einmal mussten wir abbrechen, weil eine Fliege herumsurrte. Dem Text "Wo das Gold liegt" fehlen die für flüssiges Lesen notwendigen Füllsel, beim Schreiben hatte ich nicht ans Sprechen gedacht, aber mit den nötigen Pausen hat es trotzdem funktioniert. Ich bin gespannt auf das Ergebnis. Hätte gern häufiger solche Jobs.


Di 15.07.14 15:42

Noch immer Berlin, obwohl ich längst wieder in Westfalen bin. Hier ist Dienstag, dort noch immer Donnerstag, ich habe gelesen und gleich gibt es ein Essen im Haus, damit sich die Stipendiaten, die dort im Augenblick wohnen, ein wenig besser kennenlernen. Jeder sagt, wer er ist, woher er kommt und was er tut. Theaterleute, Schreiber, Übersetzer, Fotografen. Danach mache ich mich auf den Weg. Finde mich in der falschen S-Bahn, aber auf dem richtigen Weg, komme beim Hotel Adlon an die Tagesoberfläche, wechsle ein paar Worte mit der Wache vor der amerikanischen Botschaft, besuche das Holocaustdenkmal, das ja Kunst ist und mir als Kunstwerk gefällt, telefoniere und fahre mit U-Bahn und Straßenbahn nach Friedrichshain, um R. zu treffen. In Friedrichshain ist es so hipp, dass selbst die Latte vergan wird, aber die trink' ich ja nie. R. und ich kennen uns seit Ewigkeiten. R. behauptet sogar, mich noch länger zu kennen, aus einem anderen Leben, sagt sie, aber das ist ihre Sache. Wir reden und Zeit verfliegt, wir gehen im Volkspark herum. Jeder hat 'n Hund, aber keinen zum Reden. Wir reden und dann fahr ich zum Hackeschen Markt und esse ein wenig. Der Hackesche Markt ist wie eine Kirmes. Gaukler, Musiker, Seifenblasenkünstler.

19:19

Da hatte ich mich nun gefreut über diese deutsche Mannschaft, und dann tanzen vier Mann dieses saudumme "So geh'n Gauchos (vornübergebeugt), Deutsche die gehn so....(aufrecht)" Lied. Das hättet ihr euch sparen können.


Mi 16.07.14 11:28

Las gerade in der britischen Presse, dass der Engländer den Deutschen jetzt mögen mag. Dass es Gründe gibt, ihn nicht nur zu bewundern, sondern sogar, von ihm zu lernen. Dieser saudumme Tanz allerdings ist auch bemerkt worden und wird als "slightly sour" bewertet. Nun gut, nach dem Spiel ist vor dem Spiel, der nächste Gegner heißt Argentinien, schon in vier oder fünf Wochen ist es so weit,
jetzt ist aber ist es erst einmal vorbei mit Fußball.

Für mich beginnt jetzt die Rente, denn heute habe ich meinen Bescheid bekommen. Ich werde überleben. Mal sehn, wo ich kürzen kann, und ob ich überhaupt kürzen muss. Mein Festnetzanschluss zum Beispiel verursacht Kosten, die eigentlich nicht hinzunehmen sind. Werde mit der Telecom sprechen, was da zu tun ist. Und natürlich die Süddeutsche. Rentnerabos gibt es nicht, vielleicht bescheide ich mich mit den Nachrichten, die ich aus dem Netz ziehen kann. Mal sehn.


13:58

Memo vom 13.06.14

Ich sitze am Hafen. Auf der gegenüberliegenden Seite haben sich Menschen versammelt. Auf einer Laderampe der Gefahrgutlagers Lehnkering steht ein Mann und redet zu ihnen. Alle sind sportlich gekleidet. Auf dem Gelände zum Wasser stehen und liegen verschiedene Gerätschaften. Hanteln. Wassereimer. Schwere Medizinbälle. Neben der Rampe sind dehnbare Schlaufen angebracht. Wozu das alles? Der Mann redet noch. Dann lässt er sich einen Medizinball geben und demonstriert vor der Wand des Gebäudes, wie man den Ball so hoch wie möglich gegen die Wand wirft, auffängt und von neuem beginnt. Er demonstriert, wie man an den Schlaufen einen Klimmzug hinbekommt. Anschließend geht er zu den Hanteln und stemmt sie in verschiedenen Techniken. Reißen, Stoßen. Nachdem alles demonstriert ist, werden die Anwesenden in Gruppen aufgeteilt. Insgesamt vierzehn Personen, davon zwei Frauen. Alle zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt. Dann beginnt das Spiel. Vor der Wand werfen Personen Medizinbälle hoch. An den Hanteln arbeiten welche. An den Schlaufen ebenfalls. Andere schnappen sich Eimer, rennen fünfzig Meter übers Gelände, schöpfen Wasser, rennen mit den Eimern zurück und entleeren sie in große Behältnisse. Wenn das getan ist, wechseln die Tätigkeiten der Einzelnen, so dass es immer reihum geht. Stemmen, werfen, Klimmzüge machen, rennen. Der Leiter treibt die Gruppen an. Alle geben sich Mühe. So geht das eine halbe Stunde. Was aussieht, wie Ertüchtigung einer Wehrsportgruppe, ist wohl nichts anderes, als eine moderne Form der Körperertüchtigung. Wahrscheinlich geht man an seine Grenzen, um sich zu spüren. Man nennt so etwas Zirkeltraining.

22:13

ich habe dieses herz nicht eingeladen,
es tauchte auf, es schlug, und zwinkerte mir zu,
es biss mir heftig in die waden,
und seitdem hab' ich keine ruh.


Do. 17.07.14 9:40


Hundert Worte pro Tag? Das müsste zu schaffen sein. Hundert Mal anfangen, und dabei den inneren Lektor igonieren. Der innere Lektor, eine gefährliche, selbst erfundene Instanz, muss mundtot gemacht werden. Ich lebe ein komfortables kleines Leben am Rande einer Provinzmetropole. Ich kenne viele große Städte der Welt, allerdings nicht die in Asien, und die, die ich kennenlernte, lernte ich kennen, als ich noch jung war. Wie die chinesischen Metropolen heute aussehen, die südamerikanischen, die afrikanischen, wie das Leben dort funktioniert, davon weiß ich nichts, oder nur durch die Presse.

100 Worte, um den Tag einzukreisen und ihm zu erlauben, mir Geschichten zuzutragen. Von politischen Themen halte ich mich fern. Die Welt ist aufgeladen von Mord und Totschlag. Wer wen gerade aus welchen Gründen mit modernstem oder archaischstem Gerät in kleine Stücke hackt, weiß ich. Ich weiß das, seit ich vierzehn, fünfzehn bin, seitdem sind die Opfer Legion, und ich war immer auf der Seite der Opfer.
Kein Wort mehr zu Israel. Ich fühle mich nicht verantwortlich für das, was dort geschieht. Eine einzige, blutige Katatrophe. Ich bin nicht auf der Seite Israels.

Also. 100 Worte, die ich diesem sonnigen Tag widme. Ein paar schöne könnten es auch sein. Aber wie klingt ein schönes Wort? Was treibt eine Geschichte an? Meine Morgengeschichte besteht aus ein paar Sätzen mit meinem Nachbarn, der als Freiberufler für die katholische Kirche komplizierte Rechtsfälle bearbeitet. Haarsträubendes auch dort, denn er muss herausfinden, ob jemand, der katholisch ist und sich scheiden ließ, wieder nach den Riten der heilig römisch katholischen Kirche heiraten darf. Bullshit also. Herrschaftsjurisprudenz.

Verdammt. Ich bin auf dem falschen Dampfer. Statt zu sagen, wie schön es ist, an so einem Sommermorgen in leichter Bekleidung auf dem Balkon zu sitzen und zu frühstücken, hängen mir Dinge nach, die ich nicht ändern kann. Ein Stilleben da draußen auf meinem Balkon. Das wuchernde Grün, das Frühstückstablett auf der blauen Leinentischdecke, meine schläfrige Katze, frisch gebrühter Kaffee, den ich seit jetzt zwei, drei Wochen ohne Zucker trinke. Sind schon 100 Worte beisammen? Ich weiß nicht, ich bin zu faul zu zählen, aber ich schätze, ja.

Seit ich gestern meinen Rentenbescheid erhielt, breitet sich eine leichte Sorglosigkeit in mir aus. Jetzt so lange wie möglich weiterleben, denke ich. Jeden Monat kommt Geld, das mein bisheriges Leben belohnt. Bis an mein Lebensende wird's monatlich pünktlich überwiesen. Ich darf mich jetzt zurücklehnen. Allerdings werde ich die Hände deshalb nicht in den Schoß legen. Im Gegenteil. Ich habe noch viel vor.


Fr. 18.07.14 11:58

Der Atika MH 1600 ist ein kleiner Gartenhäcksler. Dass er aber einmal zum Häckseln eines etwa 15 Meter hohen Ahorn benötigt würde, hätte er sich nicht träumen lassen. Zunächst aber musste dieser Ahorn gefällt werden. Er stand zwischen zwei Häusern. Der Stamm überm Boden maß etwa 60 Zentimer im Durchmesser, teilte sich knapp einen halben Meter drüber, schoss dann drei, vier Meter empor und bildete dort neue, steil aufregende Triebe, alle etwa armdick, ca. acht Stück. Die wurden von J. mit einer Kettensäge erledigt, während ich am Boden mit einem um den Trieb geschlungenen Seil dafür sorgte, dass er in die gewollte Richtung fiel. Am Boden schließlich entledigten ich ihn aller Äste, der dicke Hauptast wurde mit der Kettensäge zerlegt. Zeitweise stapelten sich die dünneren Äste hüfthoch. Ich stand daneben und schob einen nach dem anderen in den Häcksler. Der mühte sich. Der kreischte. Der blieb manchmal stecken, dann roch es elektrisch, ich musste ihn abstellen, aufschrauben, das verklemmte Schneidemesser gängig machen, und weiter ging es. Von morgens elf bis spätnachmittags um sechs. Das alles zu gutem Stundenlohn. Heute bin ich ein wenig müde. Dennoch werde ich nachher zum Aa-See fahren und auf der Seebühne Salsa tanzen. Das wird fein.


So 20.07.14 11:43

Fuhr zum Kanal gestern abend, schwamm, saß eine Weile und schaute dem Teiben zu, sah, wie drei Kinder, die mit den Beinen im Wasser baumelnd am Steg saßen, plötzlich winkten und Oma Opa riefen, die am gegenüberliegenden Ufer auftauchten. Das gefiel mir.
Fuhr zum Cinema, parkte punktgenau direkt vorm Café, trank einen Wein und ließ promenieren. Irgendwann zwei junge Mädchen, beide in Hotpants, die jetzt wieder modern sind, beide auf Rädern, die sie abstellten, um dann erst einmal ihre hochgesteckten Haare zu ordnen. Soviel Jugend auf einmal, rührend fast, man glaubt ja in diesem Alter nicht, dass es je anders würde.


Mo 21.07.14 12:09

An der Kasse steht er vor mir, etwa 1,90, Jeans, Poloshirt, schwarzes, schon schütteres Haar, zurückgekämmt, Anfang bis Mitte Dreißig. Nichts Besonderes also, aber dann dreht er sich um und starrt mich an. Dunkel und böse, denke ich, und versuche, ihm mit einem Nicken und "Moin" Wind aus den Segeln zu nehmen. "Nicht moin" sagt er, als sei ich sein Erzfeind und dreht sich weg. Bitte, sage ich noch und konzentriere mich auf das Laufband: er hat zwei Flaschen Bier, Pringles und Joghurt. Er zahlt, er packt seine Sachen ein, und während ich vorrücke, spüre ich, dass er mich wieder so anschaut. Ich weiche aus. Ich weiß ja nicht, welches Spiel er gerade spielt, aber er ist mir zutiefst unsympathisch, ich traue ihm nicht übern Weg. Widerwärtiger Mensch.


Di 22.07.14 9:12

Ich hatte den Mann schon einmal vor zwei oder drei Wochen am Hafen gesehen, ein kräftiger, großer, ein wenig grob gewachsener Mann, Dreitagebart, kurze geschorenes Kopfhaar, Georgier, dachte ich, vielleicht schon sechzig, auf raue Art attraktiv. Er trug eine graue, sehr weit geschnittene Hose. Leinen, das konnte ich auf die Schnelle nicht feststellen, außerdem bin ich nicht gut in der Identifizierung verschiedener Stoffe, vielleicht also auch leichte Schurwolle, jedenfalls hatte sie Umschläge und der Bund ging eine Handbreit über die Hüften, wenngleich der Gürtel auf Hüfhöhe blieb. Die Hose gefiel mir. Gestern saß ich am Hafen und aß eine Pizza. Irgendwann tauchte der Mann wieder auf, und wieder trug er diese Hose. Ich fasste Mut, ging nach einer Weile zu ihm und sagte, Entschuldigen Sie, aber mir gefällt ihre Hose so gut, ich habe Sie vor vierzehn Tagen schon mal gesehen, wo kann man so etwas kaufen? Er war einen Moment perplex, dann antwortete er sehr freundlich, oh, die wäre dreißig Jahre alt, er hätte mal eine Boutique in London gehabt.

15:21

Ein ruhiger Tag. Es ist nicht zu heiß, ein Wind weht, die Wohnung ist angenehm. Gerade hatte ich Besuch von der für Gästezimmer zuständigen Mitarbeiterin einer münsterschen Sprachschule. Ich saß auf dem Balkon, als sie kam. Sie fuhr in einem weißen Polo die Straße herab. Mir fiel ihre weiße Baumwollballonmütze auf. Wenig später kehrte der Wagen zurück, ich hörte, dass er in der Nähe eingeparkt wurde, ich hörte die Tür schlagen, dann sah ich, dass die Frau mit Ballonmütze draußen Fotos machte. Schließlich klingelte es. Ich öffnete. Frau K. trat ein, Anfang vierzig, orangefarbenes Chiffotuch um den Hals, Rucksack und diese Mütze. Wir setzten uns in die Küche. Ich bot ihr Kaffee an, aber sie wollte keinen. Ich zeigte ihr die Wohnung. Sie fotografierte. Sollte ich das kleine Zimmer vermieten, muss ich dafür sorgen, dass ich ein richtiges Bett hineinstelle. Eines mit Lattenrost. Das wäre die Bedingung. Lieber aber wäre der Sprachschule mein Zen-Zimmer. Einen Schreibtisch habe ich im Keller, der kann leicht nachgerüstet werden. Es gibt verschiedene Optionen, mit oder ohne Frühstück, Halb- oder Vollpension, das kann ich verhandeln, ich tendiere aber eher zu einem Zimmer mit Frühstück. Dafür zahlt der Sprachschüler 400 Euro für vier Wochen. Hätte ich Einwände gegen bestimmte Volksgruppen? Nein. Es sei denn, es wären Zionisten oder radikale Muslime. Gut also. Wann und ob der erste Student bei mir auftaucht, weiß ich nicht, es kann in vierzehn Tagen so weit sein, oder erst in einem Vierteljahr. Ich darf also gespannt sein. Und so ein kleiner Nebenerwerb wäre auch nicht schlecht.


Mi 23.07.14 11:02


Erich Kästner:
Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

13:59

Habe die Welt verdunkelt und bin wieder Katze. Ja, das war's dann, sagte ich heute nacht im Traum. Woher ich das weiß? Jemand sagte es mir zum Frühstück.


Do 24.07.14 1:06

Da tanze ich nun, und, hat es was gebracht? Nein. Ich fahre oft Rad, manchmal dreißig, vierzig Kilometer am Tag, und das, hat das was gebracht? Nein. Auch nicht. Nicht mal Geschlechtsverkehr hilft. Mein Bauch, kein großer, aber ein Bauch, ist immer noch da. Und auf den Hüften liegt auch was, vor allem links. Komisch. Dabei habe ich, seit ich allein lebe, meine Essgewohnheiten deutlich verändert. Fleisch esse ich kaum noch, nicht aus ideologischen Gründen, sondern als Rückbesinnung auf meine Kindheit, da gab es auch nur einmal die Woche Fleisch. Zudem esse ich viel Gemüse und Obst. Gut, ich esse gern Plätzchen, Butterplätzchen, aber auch da habe ich deutlich reduziert, und die Berliner, die ich gern auf die Hand nehme nach dem Einkauf, um sie auf dem Heimweg zu verspeisen, lasse ich neuerdings auch weg. Das macht mir alles nichts, das, was ich esse, esse ich gern, und ich esse das, was ich gern mag, ohne Einspruch von irgendeiner ernährungstechnisch geschulten Fachkraft, lustlos ist das nicht, wenngleich der Kaffee ohne Zucker gewöhnungsbeürftig ist. Ich lebe nicht auf Diät, und ich werde das auch nie tun, es sei denn, medizinische Gründe zwängen mich, aber so weit bin ich noch nicht, Gott sei Dank. Drei Stunden Tanz heute, bei dieser Hitze, da klappen schon Jüngere weg, aber mir macht's nicht, es löst meine inneren Knoten, aber das Fett löst es nicht.

12:31

Im Bett fiel mir die erste Zeile eines Gedichts ein. Ich war zu faul aufzustehen, um sie zu notieren, ich notiere solche Dinge nie, weil ich der Ansicht bin, wenn sie von Wert sind, kehren sie von selbst zurück. Nach der ersten Zeile fügten sich sehr schnell drei weitere hinzu, die ich hervorragend sinnlos fand, schön klingend auch, mit Bildern, die mir gefielen, ich sprach sie laut und dachte, morgen früh weiß ich sie ganz bestimmt. Aber ich weiß sie nicht mehr, meine mich jedoch erinnern zu können, dass etwas mit einem Hund und sich lumpen lassen darin vorkam. Ein Lumpenhund vielleicht. Ja. Ein Lumpenhund. Sehen Sie. Jetzt noch ein bisschen die Seele baumeln lassen, dann fügt sich das eine ins andere, und vielleicht kehrt auch der Vierzeiler, den ich vorm Einschlafen vor mich hin sprach, zurück. Es ist warm. Ich bin frei. Ich habe wunderbar getanzt gestern.


14:26

ein lumpenhund
der humpen lumpt
und einstecktücher
in die damen schiebt,
der alles liebt,
was pumpen humpt,
gerät am dunklen punkt
in einen rumpen lump,
gerade früh genug
für seinen lumpenhund,
der sich von vollem schwund
erklären lässt, die welt sei rund
da lacht der lumpenhund.

(ps. nicht ganz das, was mir heute nacht im kopf herum ging)

19:54

Die Dame an Laufband vor der Kasse trug schwer an sich. Ihre Hose hing tief, so dass ihr Po, der im Textil Rundungen hinterlassen hatte, tiefer als das eigentliche Körperteil hing. Das sah lustig aus. Sie war kaum älter als ich. Ihr Einkaufswagen war bis an den Rand gefüllt. Sie zahlte 115 Euro, geschätze 80 davon für Süßigkeiten, Kuchen etc. und Billigrauchwaren. Kein Wunder, dachte ich still.

21:57

gestatten.
bitte. nicht so laut,
ich höre töne,
errötend steh ich
neben mir und sehr
verstörend fern: das schöne
im nacken blei,
verschiedene geräte
viel jubel-trauer
enkelkinder, söhne.
ich schau mich an.
ich sage, kennst du mich?
er nickt. er sagt was, ich verstehe nicht.
ein mensch wie du darf dumm sein?
er darf von herzen krumm sein?
ich wische nebel fort, er lächelt.
die sonne ist davon gerollt, es fächelt
ein kühler gruß ins zimmer
ich liebe mich nicht - immer.


Fr 25.07.14 15:21

gleich auf den markt,
einkaufen, den tag noch mit essen versiegeln,
ausblenden, was verrückt macht,
die toten, den hass
, den hass und die toten,
den irrsinn, den hass, die toten,
die juden, die muslime, die seperatisten,
die isis, die amerikaner, pipapo,
die russen, die arschlöcher,
die waffenindustrie, die faschisten,
die kapitalisten, alle isten, ausblenden,
auf meinem sofa habt ihr nichts zu suchen
kein hass, keine toten, keine toten, kein hass.

23:26

Wo die Jüdefelder Straße in die Münzstraße mündet, passiert viel, die Jüdefelder ist Partymeile. Vor einer halben Stunde kam ich dort vorbei. Vor mir ein Taxi. Nicht schnell unterwegs, wie ich gerade erst vom Schlossplatz links abgebogen. Ein Radfahrer kommt heran, offenbar glaubt er, die Straße sei frei oder vielleicht glaubt er auch, er könne es schaffen, wahrscheinlicher aber träumt er in sein Bier, das er in einer Hand hält. Er reißt den Lenker nach links, er stürzt, das Bier schäumt auf, er liegt unter seinem Rad, der Taxifahrer hält an, da ist der junge Mann schon auf den Beinen, nimmt sein Rad an die Hand, überquert die Münzstraße und verschwindet Richtung Promenade.


Sa 26.07.14 9:12

man schießt hier seit 70 jahren nicht mehr,
ich habe das verlagert,
ich benötigte ruhe,
für innovative lösungen der geldvermehrung,
dazu gehört schießen,
denn ohne geht nichts kaputt,
und wo nichts kaputt geht,
kann nicht aufgebaut werden,
also lasse ich anderswo schießen,
denn kein geschäft ist einträglicher
als das schießen der anderen,
selbst das sterben ist gut
jeder schuss bargeld,
jeder tote schafft platz,
mein karussell
dreht mit der welt krise.
selbst aus protest generiere ich geld,
geld ist das glück dieser erde,
kaptial ist mein gott,
demokratie meine maske,
schöne leichen und geborstene immobilien,
reiseverkehr und diplomatie,
alles gut, alles fein überlegt,
bis in den letzten tunnel religiöser verbrämung,
schöner tag, schönes geld,
nur leichen stinken.


18:15

Sagte ich letztens, mich stächen die Mücken nicht. Nun, das ist falsch. Offenbar sind sie nun auch hier geschlechtsreif oder was auch immer sie werden, und es sind nicht die großen, die sirrenden großen, es sind winzig kleine und ebenso klein sind ihre Stiche. Sie jucken tagelang.


So 27.07.14 12:51

Wundervolle Augenblicke gestern gegen 23.30 am Aasee. Die Torminbrücke, zwei Fahrbahnen, die sich über den See spannen, ist eine sehr gelunge, schöne Konstrunktion, finde ich. An ihren Tragpfeilern sind Leuchtstrahler angebracht, so dass sich die geschwungenen Bögen im Wasser spiegeln. So entsteht die Illusion, man könne übers Wasser gehen, vielleicht würde man bis zu den Knöcheln nass, aber die Bögen liegen da und warten nur drauf, dass man es macht die Jesus damals.

Wenig später am hinteren Aasee, da, wo die Aa in den See fließt. Angler sitzen aufgereiht am Ufer, jeder hat zwei, drei Routen, die Schwimmer sind mit Leuchtstäben bestückt. Während ich vorbei radle, höre ich etwas. Frösche denke ich, aber es sind keine Frösche, es sind Kanada Gänse. Ich kann sie nicht sehen, aber sie sind in der Luft, sie fliegen überm See stadteinwärts, vereinzelte Rufe in der Nachtstille. Ich fahre auf die Brücke und verharre dort eine Weile. Eine zweite Gruppe kommt heran. Auch diese kann ich nicht sehen. Die Welt ist verzaubert und ich bin mittendrin.

23:45

vorhersage: morgen, montag:
tod, verzweiflung + blut,
dazu bis 28 grad + unwetterwarnung
mutter weint.
vorhersage dienstag:
dito + panzer aus deutschland.
mutter jetzt auch tot.
mittwoch etc. +++
wir haben tabletten verteilt.
alles weitere:
witwenfonds. kinderhilfsfonds. geisterbahn.
schreit nur, ich höre.


Mo 28.07.14 10:35

falls du bist im himmel,
was hast du dir dabei gedacht, häää?
wir sind doch dein ebenbild,
du hast uns zusammengepappt,
lehm, rippe, etc. p.p.
geist wohl vergessen, wie?
arschloch!
und jetzt 3. weltkrieg - oder wie?
na, da freu ich mich aber,
ich werd' dich als ersten da hinstellen,
wo's richtig rummst, hörst du,
damit es dir die eier wegbläst
und den heiligen geist
und den rest deines hirnverbrannten universums,
sollst mal sehen, wie das stinkt,
wenn deine ebenbilder
nur noch als schatten auf treppenstufen existieren,
wie in hiroshima,
wird er paradiesisch,
ich habe das fotografiert, damals
das bleibt also, habe ich gedacht,
ein schatten, eingebrannt,
mehr geht nicht, meister des universums,
du ich ich, wir waren zu dumm,
um in frieden zu leben.
ich habe die nase voll.
ich habe sie so gestrichen voll, meister,
dass du es dir gar nicht vorstellen kannst
in deiner angeblichen güte und weisheit.
du und ich,
nichts, aber wirklich gar nichts ist dabei rumgekommen.


12:02

Die Zeit streicht herum wie ein Dieb, kommt zu mir und liefert ihr Diebesgut ab. Und ich sitze dann da mit all dieser Zeit. Was mache ich damit? Ich kann ja nicht ununterbrochen Romane schreiben. Zumal die Aussichten, diese Romane zu verkaufen, mit jedem Tag geringer werden. Ich bin alt, die jungen, die nichts erlebt haben und trotzdem schreiben, was sie nicht erlebt haben, haben Vorteile, denn sie treffen auf Lektoren, die auch nichts erlebt haben. Ein Teufelskreis also. Ich habe mir eine Liste junger Verlage zusammengestellt, seit vierzehn Tagen schon will ich sie bemustern, aber ich tu's nicht. Ich zögere. Ich denke, leckt mich doch alle am Arsch.

16:56

was für merkwürdiges gewitter, das da gerade rumort, als wäre der himmel voll von überfliegendem, schießendem militär, es hört nicht auf, keine einzelschläge, beständiges grollen, keine blitze, möglich, dass gleich die welt untergeht. so eins hab ich noch nie gehört.


Di 29.07.14 9:12

Ich glaube ich nicht an Verschwörungstheorien. Schon gar nicht an die große Weltverschwörung, die davon spricht, dass die geheimen Weltenlenker die Konflikte zuspitzen, Epedemien forcieren und alles auf die Spitze treiben, damit es endlich zu der von den Apologeten der Verschwörungstheoretiker prophezeiten großen, letzten (angeblich schon in grauer Urzeit formulierten) Endabrechnung komme, aber in letzter Zeit wird mir doch ein wenig mulmig, wenn ich höre und lese, wie sich diese "Weltverschwörung" in Kriegen rund um den Erdball, in Katastrophen und Ausbrüchen von Krankheiten manifestiert, dann reiße ich mich am Riemen und sage, alles nur menschlich, so sind wir, um so etwas hinzukriegen, brauchen wir keine Verschwörung, da genügt unsere Dummheit. Jetzt aber, am Morgen nach der großen Flut und nach dem ungewöhnlichsten Gewitter meines Lebens (Dauer etwa 8 Stunden), werde ich mich auf Fahrrad setzen und ein wenig herum radeln, um mir anzuschauen, was am Morgen davon übrig geblieben ist.


Mi 30.07.14 00:29

der regen trommelt schwarze nacht
mir scheint die welt sturztrunken,
und jedes einzelne geräusch
ist tief in mich gesunken,
vielleicht schlägt weißes licht herab,
ich trinke schweren, bitteren kakao
ich geh herum und schau
und bin in mich versunken,
noch eine zigarette, sage ich,
noch eine liebe, liebe mich,
noch ein gedanke, der nur mir gehört,
und nichts mehr, was mich stört.
aloha, wünsche eine gute nacht,
ich habe nichts verhindert, nichts vollbracht,
ich bin ein kleines helles licht, mehr nicht.

20:19

ich stelle mir hinten so vor:
hinten ist da, wo der arsch
ist,
und der arsch schafft es nie nach vorn.
vorn ist da, wo die sekunde millionen erwirtschaftet,
logisch, dass man den arsch da nicht ran lässt.
wäre ich vorn, ich ließe das auch nicht zu,
als arsch aber,
der es nie zu irgendetwas bringen wird,
fordere ich das sofortige ende aller tätigkeiten,
die sich gegen die überwältigende mehrheit
der menschheit wenden, aller, absolut aller tätigkeiten.
ich fordere die justiz auf, verfahren zu eröffnen
und die verantwortlichen zu bestrafen,
egal ob großmacht oder durchgeknallter scheich,
alle müssen vor ein ordentliches gericht,
und alles muss zurückgezahlt werden,
sonst wird nie frieden.
hinten, wo der arsch ist, ist es dunkel.
ich seh nirgendwo licht.


Do 30.07.14 00:23

wie also sollte die revolution aussehen? kann man eine revolution machen, ohne zu töten? wahrscheinlich nicht. also wird die revolution nicht funktionieren, denn gleich wer wen tötet, er tötet, und wer tötet, ist auf der dunklen seite. wie also sollte sie aussehen? ich stelle mir vor (blauäugig) dass niemand mehr kauft. dass niemand mehr zu arbeit geht. dass massenhaft menschen auf straßen sind, still. das stelle ich mir vor. ich stelle mir vor, dass infrastruktur lahm liegt, dass befehle verweigert werden, dass die führer der weltreligionen sich als erste entschuldigen, das stelle ich mir vor, und dann stelle ich mir vor, wie das geld verbrannt wird, das ja doch nur papier ist, eine vereinbarung, die längst nicht mehr eingehalten wird, denn man druckt es ja nach gutdünken, nicht nach deckung durch gold, silber oder bruttosozialprodukt. das alles wurde noch nie probiert und es wird nie probiert werden. ergo: wird es keine revolution geben. stattdessen den nächsten krieg und wieder den nächsten, und einer von ihnen wird der dritte sein.

13:53

ich treibe,
kopflos durch den tag
ich habe eine bleibe
und ein leben, das ich mag
ich meide jeden plan,
passe mich meiner katze an
die alles, was ich wünsche,
besser kann.

18:08

beobachtungen während
eines fluges von dubrovnik nach düsseldorf

habe weng im gesäuse
und großraming im stuhl
bin, wenn ich mich nicht täusche,
über linz somnambul,
in passau verschling ich
die donau am stück
und spüre in plattling gehöriges glück,
über regensburg trifft mich der heilige geist
der jedem aus landshut ins arschloch beißt
bei neumarkt in der oberpfalz
vredrehe ich geschickt den hals,
und werfe über schwandorf dann
meinen raketenwerfer an,
der macht aus nürnberg pfefferkuchen
und spaltet noch in forchheim buchen,
in fulda kündet sich sodann
der sinkflug an, der sinkflug an
in marburg sind's 10000 fuß
die ich nun nicht mehr stürzen muss,
von schmallenberg bis düsseldorf
werf ich noch 26000 fort;
dann setz ich auf, ich war nie weg,
ich nutzte flightradar zum zweck.

23:07

die nacht zieht schleier übern grund,
der mond nimmt zu, die luft wird spitz,
nach schwülen tropen ist ihr muttermund,
schon offen für den herbst, ich ritz
mir verse in das schwarze grün,
erfinde namen für sein ungestüm,
für pracht, genuss, großzügigkeit,
die schönen schuhe und das allerschönste kleid,
noch aber ist es sommer, und mein meer,
schwappt hin und her und her.