Juli 2015                        www.hermann-mensing.de      

    

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Mi 1.07.15 12:50

Stilles Verharren. Der Sommer ist da. Er kriecht müde herum. Vielleicht später Schwimmen.


So 5.07.15 9:59

Wieso ich Sperber dachte, als ich diesen Vogel auf einem Ast der japanischen Kirsche vor meinem Küchenfenster sah, weiß ich nicht, aber ich dachte Sperber, nicht Falke. Für einen Falken schien er nicht elegant genug. Falken sind elegant. Falken sind schnittig, sie fliegen mit hohen Geschwindigkeiten. Dieser Vogel aber war fülliger, runder, könnte man sagen, und er hatte Beute gemacht, einen kleinen Vogel, den er in seinen Krallen hielt. Der Vogel hatte die Flügel gestreckt, aber er lebte noch. Ich schaute mir den Jäger genau an und dachte wieder Sperber, nicht Falke. Gerade habe ich nachgeschaut, das Internet weiß ja, wie man weiß, alles, nur nicht, wie Liebe geht, aber das wollte ich auch nicht nachschauen, ich wollte wissen, wie der Sperber aussieht und wie es der Sperber hält, und siehe da, der Sperber fängt Vögel aus der Luft.

13:41

Seit einer Stunde poltern Gewitter herum, bisher aber keines direkt überm Dorf. Gleichwohl sind das heftige Schläge, dazu regnet es ein paar Minuten, immerhin kann man atmen. Das Leben geht also weiter. Schläge werde weggesteckt, man schläft drüber und man weiß nie, ob man richtig entschieden hat oder falsch. Mal ruft es richtig, völlig richtig, dann ruft es falsch. Sicher ist nur, dass das System unrund lief, man musste etwas tun. Nun ist es getan, und es wird nie wieder so, wie es war. Und wenn dann heute abend die ersten Ergebnisse über den Ausgang des griechischen Referendums über die Ticker laufen, werden wir die Banken stürmen und einen Kapitalismus installieren, der für die Menschen da ist, und nicht gegen sie wütet. Illusion, ich weiß, aber man muss träumen?


Mo 6.07.15
9:34

Wenn ich meinen Untermieter richtig verstanden habe, sind Gerichte auf Java eher süß, auf Sumatra jedoch messerscharf. Gestern hat er Randang (mit prächtig geknattertem R unterm Gaumen gesprochen) für uns gekocht. Kartoffeln, Möhren, Huhn, dazu ein indonesischer Curry, schmackhaft, aber nicht sensationell.

Vier Wochen wohnt er jetzt hier, und noch immer hat er die Stadt nicht erkundet. Er steht früh auf, er kocht, er fährt zu Schule, er kehrt heim, er studiert, er geht schlafen. Ich predige. Ich sage, dass das Erlernen der Sprache zwar wichtig -, aber dass sie nicht das einzige Merkmal einer Kultur sei. Mit ihr nähere man sich ihr nur an. Ich rate, er solle hinaus gehen. Am Leben teilnehmen. Es war so viel los in der Stadt, die Flurstücke, spektakuläre Aktionen, die Grünflächenunterhaltung, die Aaseerenaden.
Nichts davon hat er sich angeschaut.
Ich drohe ihm.
Ich sage, du verrückter Asiat, irgendwann bist du alt und erfolgreich, aber deine Jugend hast du versäumt, du hast nur gelernt, gelernt, gelernt.
Verrückt? sagt er.
Ja, sage ich. Crazy.
Ein schwieriges Wort für ihn. Er versucht es.
Verrückt. Verrückt. Er lacht.
Ja genau, sagt er. Das sagt er gern. Ja, genau.
Ja, sage ich.
Vielleicht ist es aber auch nur so, dass ich alt bin und sein zielgerichtetes Handeln nicht verstehen will oder kann.


Di 7.07.15
00:23

Es gibt eine Tänzerin, die ist so schön, dass mir fast die Knie weich werden, wenn ich sie sehe. Zudem tanzt sie gut und findet, dass ich gut tanze. Ich bin leider ein Kommunikationsmuffel, mir fällt selten ein leichtes Wort von den Lippen, ich habe mich daran gewöhnt, aber wenn ich sie dann auffordere, ihre Augen sehe, ihr Haar, ihren Schönheitsfleck auf dem linken Busen, wünsche ich mir, ich hätte luftige Worte zum Tanz. Ob ich mir wünsche, ich wäre jünger, glaube ich nicht. Ich will ja nicht noch mal fünfundzwanzig sein, so wie sie.


Mi 8.07.15 9:56

Wenn ich Schwimmen will, fahre ich in der Regel stadteinwärts zum Kanal. Gestern entschied ich mich für das Freibad in Havixbeck. Wir waren früher oft mit den Kindern dort. Schwimmen, Pommes essen, im Schatten liegen, ein wenig lesen. Beide Ziele sind etwa gleich weit entfernt, ich schätze, zehn Kilometer, mit dem Rad also leicht zu machen. Unterwegs im Buchenwald, da, wo ein Bach prächtig mäandert, kam mir eine junge Frau entgegen, ein Teenager eher, hoch zu Ross und konzentriert auf ihr Smartphone starrend. Überlegte, ob ich dem Pferd mit einem Schlag auf den Pferdearsch Beine machen sollte, unterließ es aber, die junge Frau hätte ihre Statusmeldung nicht absetzen können, außerdem wollte ich das Tier nicht verschrecken. Im Freibad hatte ich kaum mein Handtuch ausgebreitet, als mir eine Taube aus den Ästen einer wilden Kirsche auf den Rucksack schiss: grün, von sehr weicher Konsistenz, mittig ein Kirschkern. Ich reinigte den Rucksack unter der Dusche, ich schwamm, ich aß Pommes, aber das Schwimmen im Kanal ist unvergleichlich schöner als im Freibad.

19:31

Also die Sache ist verzwickt. Mein bosnischer Nachbar ist in Urlaub gefahren und hat mir all sein Tiefkühlgut geschenkt - Hähnchenschenkel meist, er ist Muslim, und so ein Hähnchen ist eben kein Schwein. Vorhin wollte ich mir also ein halbes Hähnchen auftauen und essen. Heute morgen hatte ich eine Hose bekommen. Mit dieser Hose ist es auch so eine Sache. U. trug sie, als ich ihn letzten Samstag traf. U. und ich, wir haben in einer Wohngemeinschaft gelebt, damals, 1974, wir kennen uns also. Schöne Hose hast du an, hatte ich gesagt, findste, hatte er geantwortet, und ich ja. Brax hatte er gesagt und ich hatte nachgeschaut bei Zalando, und siehe, da war sie, runtergesetzt von 90 auf 70. Die also war heute gekommen, Cooper Fancy, passte, ich würde sie heute abend zum Tanzen tragen. Aber dann kam eben die Sache mit dem Hähnen, und schon waren drei Fettflecken an exponierter Stelle. Warf die Hose sofort in die Maschine. Glück gehabt, Flecken sind rausgegangen. Kleiner Schreck dennoch.


Do 9.07.15 23:14

Ich kenne Cornelia Travnicek seit zehn Jahren.
Na ja, kennen ist übertreiben, ich weiß, wer sie ist. Sie kommt aus Graz, sie war damals 15 oder 16 und schrieb wie ich hin und wieder im Literaturcafé. Sie fand mich gut. Ich sie auch. Mittlerweile hat sie Romane geschrieben, einer wird gerade verfilmt. Gestern stieß ich auf diesen Text von ihr. Sie ist augenblicklich in Berlin, und ich dachte gleich, das muss in der Nähe des LCB geschrieben sein, untem am See, wo die Weiße Flotte liegt. Ich habe aus Dancing in the moonlight von den Smashin Pumpkins einen Loop geschnitten und ihren Text dazu gebrummt.

Cornelia Tavnicek



ich wünschte mein haus wäre nah am wasser gebaut
mit blick auf den see und die schiffe am hafen
und am steg dort läge mein boot fest vertaut
und unter der mole die schwäne beim schlafen

der abend würde mich ins wasser gehen sehen
auf der suche nach einem seemann und liebe
dort will ich mit angehaltenem atem stehen
und ein wenig so tun als ob alles bliebe

in der dämmerung brächen sich die wellen ein bein
und von drüben käme ein gruß aus laternen
lorelei säße dann im wasser am stein
würden die letzten freunde sich leise entfernen

und irgendwann täte erinnerung weh
und wir schrieben sehnsüchtige lieder
aber am ende am ende spülte der see
euch an mein ufer und wir sähen uns wieder


Sa 11.07.15 9:47

Man kann übertreiben. Man übertreibt. Man nimmt jeden Tanz mit, und irgendwie passen die Tänzerinnen auch, man macht das an zwei Tagen der Woche, man ist zudem ständig mit dem Rad unterwegs, man zögert auch nicht, noch ein Pfeifchen zu inhalieren, und dann merkt man plötzlich, man ist erschöpft. Man ist derart erschöpft, dass man anzunehmen bereit ist, jetzt ist man alt, aber dann (heute) fühlt man sich wieder besser, muss aber dazu sagen, dass man heute abend mit Albert Early Bird & The Working Worms in Unkel bei Bonn auftritt, und sich daher morgen wieder alt fühlen könnte. Aber nicht muss.


So 12.07.15 18:42

Als säße man hoch oben im Führerhaus eines LKW, so fühlt es sich an, den fast dreißigjährigen VW-Bulli unseres Keyboarders zu fahren. Und da er kaum schneller als hundert fährt, hält einen das heraus aus den Drängeleien der anderen. Man ist nie nah dran, man muss kaum einmal bremsen, man rollt, als führe man mit Tempomat. An zwei, drei Stellen stockt es kurz, dann ist der Ring um Köln so gut wie frei. Auf der A1 ist jemand in die Böschung gekracht, hat sich überschlagen und ist auf dem Kopf liegengeblieben. Gut sieht das nicht aus, aber da kein zweites Auto herumliegt, gehe ich davon aus, dass es ein Unfall wegen überhöhter Geschwindigkeit war und habe kein Mitleid. So etwas kann man verhindern, indem man vernünftig fährt. Ich bin müde. Natürlich bin ich müde, wenngleich ich gegen halb zwei heute früh schon im Bett war, während unten noch gesungen und getrunken wurde. Ich hörte, es ging bis zum Morgen. Schon zum zweiten Mal waren wir nun in Unkel am Rhein, und wie es aussieht, war das auch nicht das letzte Mal.


Mo 13.07.15 20:46

spring in rhein rein
rein rhein spring rhein
schwimm im rhein rum
rum rum reicht schon


Di 14.07.15 8:41

Auch wenn es zwischen Erpel und Unkel keine in den Rhein ragenden Buhnen gibt, die das Wasser verwirbeln, das Flußufer sehr flach ist und die Fahrrinne weit entfernt auf der westlichen Seite, und auch, wenn alle dort schwimmen, ich habe mich nicht getraut. Beim letzten Mal vor zwei Jahren war ich bis zur Brust im Wasser, und mir war unheimlich. Das wollte ich mir nicht wieder antun. Aber es ist wahr, sie schwimmen dort, und es ist offenbar nicht gefährlich. Professor Eiermann sah ich beim letzten Mal mitten im Fluß bei einer Boje, die den Beginn der Fahrrinne markiert. Ich würde dort panisch werden und ertrinken. Dieses Mal hatten er und unser Gitarrist sogar geplant, den Fluss zu durchschwimmen, was aber durch deren erhöhten Alkoholkonsum am Vorabend vereitelt wurde. In den Dörfern Erpel und Unkel gibt es uralte Dorfkerne, wo der Volksdeutsche entzückt aufschreit und sagt, so sah es mal aus in Deutschland, Fachwerk, vom Alter vornübergebeugt, nur Deutsche. Bisschen unheimlich, aber dann saß da vor einem Haus dieser dicke Rheinländer, und ein kleines arabisches oder türkisches Mädchen stand neben ihm und erklärte ihm hocherfreut, dass Papa gesagt hätte, wenn sie neun sei, bekäme sie ein Handy.

13:30

Morgen die Geschichte vom Mann mit den Nutten, dem Koks, dem Speed und den anderen Drogen.

20:39

Vorher aber die Setlist von Albert Early Bird & The Working Worms

Auferstanden aus Ruinen
Autumn Leaves
Manhá de carneval
Sunshine of your love
Moondance
Hold on
Old love
Summertime
Azzuro
Will you still love me tomorrow
Roundabout
Breathe
Sunny
Headless love
Ballade pour Adeline/Hells Bells
Die Forelle
Ain't no sunshine
Don't talk to strangers/Smoke on the Water
I'll be your lover/Eachoes
Shine on you crazy diamonds
Cocaine
Lions
Six Blade Knife
Where do you think you're going
Hucklebuck
She's fine (Betty Jean)
Riverboat Song


20:47

Anderthalb Jahre hatten die "Working Worms" nicht mehr gespielt, als sie sich am Freitagnachmittag trafen, die Setlist durchgingen, dieses und jenes anspielten, aber nicht wirklich "probten". Sie sind eben faul und genial. Am Samstagabend spielten sie von sieben bis eins alle halbe, dreiviertel Stunde einen Set, meist um 30 Minuten lang. Alles geht bei ihnen über die Ohren, und noch immer ist alles möglich. Der Akkord eines Liedes kann dazu führen, dass der Keyboarder ihn als Akkord eines anderen Liedes identifiziert, anspielt, und schon spielt die Band dieses Lied, um nach ein paar Takten zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Alles, was sonst misslingt, Sorgen macht und zu Missverständnissen führt, die Liebe zum Beispiel, verschwindet in solchen Augenblicken und hat nie existiert. Wenn es mit Frauen so einfach wäre, hach, wäre ich glücklich.


Mi 15.07.15 9:11

Es war 23:55. Der Nachtbus fuhr um 00:15. Der Bahnhof ist eine Baustelle, Münster ist keine Großstadt, aber es ist interessant, am Bussteig zu sitzen und die Nacht zu beobachten. Zwei Männer tauchten auf, Ende zwanzig. Einer blond, etwas dicklich, eher schüchtern, der andere hager und laut. Glaubst du nicht, sagte der Hagere, da hast du ein frisch gemachtes Bett und Schokolade liegt auf dem Kopfkissen. Kostet 95 Euro. Wir checken da ein. Wir besorgen uns Gespielinnen, was meinst du? Der andere lachte unsicher. Der Hagere war entlassen worden. Zwei Jahre, drei Monate. Nur semi-gebildete Spuckaffen, sagte er, so dass man es weithin hören konnte. Ich habe 1000 Euro. Ich habe Koks, Amphetamine, Gras und Schnaps. Alles in diesem Rucksack. Ich sagte: Entschuldigen Sie, Sie sollten leiser sprechen. Wenn ich Polizist wäre, würde ich Sie jetzt verhaften. Er antwortete, das wären keine gerichtsrelevanten Mengen, die er dabei hätte. Ob ich eine Zigarette wolle? Ich rauche nicht mehr, sagte ich. Das ist gut, sagte er. Sie begannen zu trinken. Sie tranken Berentzen Beerenschnaps. Dann kam der Bus. Ich stieg ein, sie auch. Sie nickten mir freundlich zu.

19:02

Sie sind reingekommen, sonst liefen sie jetzt nicht rum, aber wenn sie Pipi müssen, wie kommen sie dann raus? Es gibt Rätsel, die scheinen unlösbar. Und das nicht nur bei Dicken. Die Dünnen tragen sie ja auch, und auch bei denen sieht es unmöglich aus. Sich diese Prozedur aber bei Dicken vorzustellen, macht mehr Spaß. Ich nehme an, niemand darf ihnen dabei zuschauen. Mit was für einem Garn die Köpfe am Bund wohl angenäht sind? Metallverstärkt? Und wie menschliche Innereien wohl reagieren, wenn sie von früh bis spät auf die Hälfte ihres notwendig ihnen zur Verfügung stehenden Volumens eingeschränkt werden? Stundenlang könnte ich sitzen und nachdenken, wie sie wohl aussähen, wenn plötzlich alles an ihnen den tatsächlichen Raum füllen würde, sich also natürlich um ihr Gerüst ausbreitete, wie es ja sein sollte, wären da nicht diese selbstauferlegten Beschränkungen. Aber das kümmert sie nicht. Ich nehme an, Menschen in solchen Hosen sterben zehn bis zwanzig Jahre früher. An Schrumpf- oder Druckleber, Pressniere oder Platzblase, man müsste mal Mediziner fragen.


Do 16.07.15 18:57

Ja. Ich bin ein Esel.


Fr 17.07.15

Alle wollten Amy sehen. Aber erst einmal vorm Schloßtheater sitzen und noch ein Glas gut gekühlten Weißwein trinken. Und über die Griechen herziehen, die man ihre Suppe doch endlich auslöffeln lassen soll, was soll man denn noch alles bezahlen, das haben die sich doch selbst eingebrockt, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, das kann jeder. Gutsituierte Frauen, die langsam ins Alter kommen. Das Viertel ist voll davon. Sie sprechen über die Kinder anderer, was die machen und die und wen die geheiratet haben, bzw. warum die nicht heiraten. Und dass es in Berlin immer mehr gute vegane Restaurants gibt.

Und die wollen alle Amy sehen, den Film über Amy Winehouse. Die sehen nicht aus, als hätten sie je irgendeinen Gedanken über Amy verschwendet. Die sehen aus, als wollten sie alles mögliche, ihre Altersrente, ihre Ruhe, aber nein, sie tragen sogar Nerdbrillen und wollen Amy sehen. Das Kino an diesem schönen Sommerabend war fast ausverkauft, und die Frau, die neben mir saß, Reihe 6 Platz 28, schlief schon bei der Werbung. Als der Film zuende war und alle noch ganz ergriffen auf den Abspann starrten, war ich schon vor der Tür, um nun meinerseits einen Weißwein zu trinken vorm Schloßtheater, dessen beleuchteter Namenszug immer noch diesen sechziger Jahre Charme ausstrahlt. Und da saß ich dann, allein unter vielen, und dachte an H., der direkt gegenüber gewohnt hat, bis er sich an den Heizungsrohren aufhängte.


22:43

Jetzt, wo ich kein Auto mehr habe, kann ich mir Dinge kaufen. Ein neues Bett, eine Sommerhose, fast die Frank Wright Schuhe, die ich schon seit einem dreiviertel Jahr bei Zalando beobachte, was Zalando natürlich bemerkt hat und mir immer wieder als Anzeige vor die Füße wirft, und ein neues Handy. Kein Smartphone mehr, nur ein kleines Telefon, fertig. Am Morgen kurz in der Stadt, den Rest des Tages in der verdunkelten Wohnung verdämmert, gegen Abend mit dem Rad zum Kanal. Erstaunlich wenig Menschen, ich hatte den Kanal ganz für mich. Auf dem Rückweg großer Auflauf auf der Promenade, der Nachtflohmarkt, Tausende sind da unterwegs. Vielleicht haben die auch alle kein Auto mehr. Auf dem Aasee finden morgen Achter-mit-Steuermann-Bundesligakämpfe statt. Vorhin wurde trainiert. Auf den Feldern sind Mähdrescher unterwegs. Alles, was noch nicht vom Halm ist, soll möglichst noch heute nacht geschnitten werden. Die Mähdrescher haben starke Scheinwerfer. Die Nacht wird brummen, aber das überschlafe ich leicht. Ich freu mich auf morgen. Morgen fahr ich ans Meer.


Sa 18.07.15 23:47




Wieso der Mann am Meer so möppelig ist, weiß er nicht. Er fährt Woche für Woche mehr als 100 Kilometer Rad, tanzt, isst nicht üppig, den täglichen Berliner hat er sich abgeschminkt, also wird's wohl das Alter sein. Vielleicht hat das Alter einen Vertrag mit den Bestattern. Je schwerer die Leich', desto größer die Kiste. Na ja, wie dem auch sei, der alte Mann hatte sich heute ein Auto gemietet und seine Nachkommen, seinen ältesten Sohn, drei Enkel und die Schwiegertochter ans Meer gefahren. Als er da war und das Zelt aufgebaut wurde, kam alles zurück. All die Urlaube die er, seine Frau und seine Kinder auf Zeltplätzen verbracht haben. Und da konnte er nichts anderes als weinen. Aber nun ist er zurück und alles ist wieder gut. Wenngleich er manchmal stinkenmies ist auf seine Frau. Warum hast du mich verlassen? sagt er dann. Hättest du nicht nach mir sterben können? Jetzt muss ich alles allein machen, alles, so eine Scheiße.


So 19.07.15 11:58

Das Auto, von dem die Rede war, ein hochmoderner Ford Transit Custom, kann man nur bedienen, wenn man ein mehrjähriges Studium absolviert hat. Mir gelang es nicht einmal, das Radio anzustellen. Fast alles kann man angeblich über die mir gestern sehr schleierhaft vorkommenden Tipptasten rund ums Lenkrad aktivieren, auch das Tempo. Ich vermied, aus Versehen auf eine dieser Tasten zu tippen, man weiß ja nie, was passieren könnte. Die Bedienungsanleitung, in die ich auf der Suche nach Tipps zum Einschalten des Fahrlichtes schaute, behauptete, das Fernlicht schalte sich von selbst ein bzw. aus. Wer, dachte, ich, braucht dieses digitalen Overkill. Kann man nicht mal ein Auto entwerfen, dass technisch hochklassig ist, aber den Fahrer nicht zum digitalen Sklaven verblödet? Ach, übrigens, fahren ließ sich der Ford wunderbar.


Mo 20.07.15 20:58

Leiser Landregen. Wenn man im Zelt liegt, betet man, dass es nicht schlimmer wird, dass es spätestens am Morgen vorbei ist, dass die Sonne scheint, aber es kommt auch vor, dass man die ganze Nacht kaum ein Auge zu tut, weil man immer dieses Pieseln im Ohr hat und sich vorstellt, dass es Morgen auch noch pieselt, dass man dann durch den Regen zum Klo muss, dass die Sachen der Kinder nicht trocken werden, das alles denkt man, wenn man zeltet und leiser Landregen fällt, so wie jetzt, aber ich sitze ja auf dem Balkon, ich sitze trocken, weiß aber, dass meine Leute da draußen sind. Gut, sie haben ein komfortables Zelt, so eines hatten wir nie, unsere Zelte waren Hütten, in die man kroch, in denen man aufpassen musste, dass man nicht an die Zeltwände stieß, denn das war nicht gut, wenn man dran stieß, konnte es sein, dass es durchregnete, und wenn es das tat, war alles zu spät. Meine Lieben, denkt man, ich bin ganz bei euch, Landregen ist ein temporäres Ereignis, vielleicht nicht hier, nicht in Westfalen, aber am Meer, am Meer regnet es und dann hört es auf, die Sonne scheint, und vielleicht regnet es später nochmal, aber immer und ununterbrochen, das gibt's nicht am Meer, dafür ist es das Meer. Also denkt dran, ich bin bei euch, ich kenne das Gefühl, ich habe viele Nächte bei Regen in Zelten verbracht und mich gesorgt, aber seht, was geworden ist, ich lebe noch immer, also sorgt euch nicht, es wird schon, und wenn ich es sage, wird es auch.


Di 21.07.15 8:56

Gegen Morgen, wenn ich erwache, kurz zur Toilette stolpere, mich wieder hinlege, die Decke über die Ohren ziehe und weiterschlafe, fangen die Träume an. Du kommst oft, letzte Zeit. Manchmal versuche ich, dich herbei zu träumen. Im Halbschlaf geht so etwas, es ist zwar nicht sicher, jederzeit kann etwas dazwischen funken, aber es funktioniert, und das gefällt mir. Manche sagen, der Traum sei ebenso wirklich wie das Wachsein. Ich will mich da nicht einmischen, mir ist es egal, denn mein Vorstellungsvermögen reicht weit. Schon als Kind konnte für mich die Welt und das, was wir Universum nennen, durchaus die Größe eines Wassertropfen haben. Ich wäre dann zwar winzig gewesen, aber es wäre mir nie aufgefallen, weil die Verhältnisse ja andere waren. So ist das. Der Regen hat aufgehört. Ich habe gut geschlafen. Ich schlafe immer bei
weit geöffnetem Fenster, so dass alle, die wollen, rein und raus können.


Mi 22.07.15
12:04

Da hatte mir mein Nachbar, der König von Roxel (der bis vor ein paar Jahren über ein bescheidenes Imperium von vier oder fünf Supermärkten herrschte und jetzt noch immer Verbindungen zur Szene hat, die ihn mit nicht mehr taufrischem Gemüse versorgt) Möhren, Paprika, Zwiebeln, Zuchini, Gurken auf die Fensterbank gestellt. Das tut er schon eine ganze Weile. Ich mache meistens Suppe draus. Gemüsesuppe mit Mettendchen und Hackfleischbällchen. Zwei, drei Tage hätten mein indonesischer Untermieter und ich davon essen können. Eh ich gestern das Haus verließ, schrieb ich ihm einen Zettel. Da ist Suppe. Nimm, soviel du willst. Als ich vorhin heimkam, war der Topf so gut wie leer. Heißt, nimm, soviel du willst, nicht aber auch, lass etwas übrig? Ich glaube, ich muss mit ihm schimpfen. Wahrscheinlich liegt da ein kulturelles Missverständnis vor.


Fr 24.07.15
14:35

Herr M. dachte, was die können, kann ich auch. Er hatte unruhig geschlafen, er hatte getanzt, und man sollte glauben, ein durchtanzter Abend mache so müde, dass man auf der Stelle einschläft. Das ist aber nicht so. Bei ihm setzt so ein Abend soviel Adrenalin frei, dass er noch lange wach lag und seinem erschöpften Körper nachspürte.

Um sechs in der Früh war er dann auf den Beinen, um sieben geduscht, gegen acht hatte er soviel Kaffee in die Herzkammern verfüllt, dass er um viertel nach neun vermelden konnte, er sei nach einer knappen Stunde schon in Aulendorf, kurz vor der ersten Abfahrt nach Höpingen, leider habe er Gegenwind.

Nach 2:45 Minuten reiner Fahrzeit stieg er in Ahaus vom Rad, vergaß, dass er einen Korb auf seinem Gepäckträger befestigt hatte und blieb mit dem Schwungbein daran hängen. Langsam und nicht unelegant fiel er zwischen die Tische der Eisdiele und schlug sich eine blutende Wunde am Zeigefinger der linken Hand.

Jemand brachte ein Pflaster und Herr M. und belohnte sich für die ersten Etappe seiner Tour (52 Kilometer) mit einem Schoko-Nuss-Sahne Eisbecher und einem Cappuccino. Er würde gleich seinen Freund besuchen, sie würden reden, Männergespräche, und am Folgetag würde Herr M. zurückfahren. Gegen Abend aber beschloss er wegen verschiedener, hier nicht zu erläuternder Umstände, die sofortige Rückreise.

Es war 20:15, der Wind hatte gedreht, war aber nicht mehr so stark wie am Morgen. Das Höhenprofil der Route führt bis auf 152 Meter über Normalnull, der Kölner Dom ist 157 Meter hoch. Der Abend dämmerte. Herr M. fuhr durch Wälder, Eichen, Buchen und Kiefern, vorbei an Mais-, Hafer- und Stoppelfeldern, ringsum der Geruch frisch gemähter Wiesen und Stille.

Nur der Fahrtwind rauschte, denn
Herr M. war in Eile. Er wollte seine Fahrzeit vom Morgen unterbieten. In Höpingen erwartete ihn eine Bergprüfung. Sieben Prozent Steigung. Er schaffte das und erreichte nach 2:30 Minuten sein Bett. Dort hält er sich seitdem mit kurzen Unterbrechungen für Kaffee, Stuhlgang, etc. auf. Er fühlt sich gut, will sich aber nie mehr bewegen. Gleich wird er dennoch den Standort wechseln, sich aufs Sofa legen und die Tour de France gucken. Sollen die doch ackern.


So 26.07.15 15:09

Als ich letzte Woche mit einem vollcomputerisierten Auto nach Holland fuhr und später erzählen wollte, wie viele Knöpfe ich an verschiedenen Stellen, vor allem aber am Armaturenbrett, vorfand, fiel mir das Wort Armaturenbrett nicht ein. Also erzählte ich eine andere Geschichte. Seltsamerweise kannte ich das Wort dashboard. Ich wusste, dass dashboard das Wort für Armaturenbrett ist, musste es aber erst mithilfe des Translators übersetzen, um dann, aha, natürlich, Armaturenbrett sagen zu können. Ähnliches passierte mit Broccoli. Auch dieses Wort wollte und wollte mir nicht einfallen. Erst als ich Blumenkohl - grün - in die Suchmaske meines Browers eingab, erschien Broccoli.
Es gibt noch ein Wort, das mir ständig entfällt, obwohl ich es häufig sonntags benötige: Philadelphia Torte. Ich stehe beim Bäcker, ich weiß, was ich will, muss aber erst in der Auslage suchen und draufzeigen.


Mo.27.07.15 11:30

Gestern traf ich Mick Jagger. Heute saß ich lange mit Van Morrison zusammen. Seine Frau war auch da. Es war entweder Joni Mitchell oder Cher, manchmal beide gleichzeitig. Van Morrison hatte vier Söhne, die ihm aufs Haar glichen. Sie hatten auch Hüte auf. Wir saßen auf seiner Terrasse und schauten auf ein wildes, schäumendes Meer. Ich fragte, ob wir auf einer Insel wären. Er bejahte.
Schließlich fragte er, ob er ein Foto von mir machen dürfe. Ich sagte, natürlich, stellte mich zwischen seine Söhne und neben Joni/Cher, achtete aber darauf, dass mein neues Rad auch ins Bild kam.

15:11

Auf der heute leider verregneten Freilichtbühne Dorffeldstraße erlebt seit etwa zwei Stunden die Sinfonie für zwei Schwingschleifer ihre Uraufführung. Ein großes Werk. Herr Stockhausen wird sich im Grabe umdrehen.

23:24

Das Konzert endete gegen 18:55, aber für morgen sind neue Sätze angekündigt. Man denke über eine Frühe Sinfonie nach, gleich nach Sonnenaufgang, möglicherweise werde es auch eine Nachtouvertüre geben.



Di 28.07.15 13:58

Manchmal ist man enttäuscht. Man fragt sich, wie kann das sein, wieso ist jemand so blöd, man hat ihm tausend Gefallen getan, aber er hatte nicht den Mumm zu sagen, heute habe ich keine Zeit für dich, Süße, heute bekomme ich Besuch, heute kommt mein bester Freund, wir wollen reden. Und so fährt man heim und denkt sich, bester Freund, du bist ein Arschloch wie alle anderen.


Mi 29.07.15 10:19

Paul ist schon seit zwei Jahren nicht mehr Chef der Autoverwertung
hinter der Autobahn. Er hat verkauft. Jetzt herrscht Piotr über das fußballfeldgroße Areal mit zwei Werkhallen, die so krumm und schief sind, dass man glauben könnte, ich hätte sie gebaut. In der neuen, nicht von Paul errichteten, sitzt Piotr an Sommerabenden mit seinen Kollegen. Kräftige Männer Mitte dreißig. Sie sitzen da in Unterhemden und kurzen Hosen inmitten von Schrott, Altöl glänzt am Boden, sie haben einen Campingtisch aufgebaut, sie grillen, trinken Bier und rauchen Filterzigaretten. Polen rauchen immer noch gern Malboro. Paul sieht man manchmal mit seinem Hund die Straße hinuntergehen. Er wohnt noch in dem Haus auf dem Gelände. Am Haus sind fünf Satellitenschüsseln angebracht. Paul hat einen gewaltigen grauen Schnauzer, ein tief zerfurchtes, vom Leben, der Sonne und dem Schmutz seines Berufes gezeichnetes Gesicht, er wirkt ein bisschen traurig, er geht langsam und nie weiter als bis zum Flatratepuff an der Ecke. Da pinkelt und kackt sein Hund ins Gras, dann geht Paul wieder heim. Manchmal kommen die afrikanischen Frauen, die seit kurzem hier irgendwo leben, mit vollgepackten Alditüten, die sie auf dem Kopf balancieren, vorbei, und dann weiß Paul nicht, was er denken soll. Sind das die, die übers Meer geschwommen sind, und wenn ja, was wollen die hier?


17:53



die nacht zieht schleier übern grund,
der mond nimmt zu, die luft wird spitz,
nach schwülen tropen ist ihr muttermund
schon offen für den herbst, ich ritz
mir verse in das schwarze grün,
erfinde namen für sein ungestüm,
für pracht, genuss, großzügigkeit,
die schönen schuhe und das allerschönste kleid,
noch aber ist es sommer und mein meer
schwappt hin und her.


Do 30.07.15 14:02