Juli 2018                      www.hermann-mensing.de      

mensing literatur 

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So 1.07.18 sonnig, sehr warm 17:43

Vorletzten Freitag stiegen M. und ich in Kassel aus dem Zug, um nicht - wie geplant, mit dem Zug - sondern dem Rad der Fulda flußab nach Hann. Münden zu fahren, wo sie mit der Werrra vereint zur Weser wird, der wir bis Bremen folgten. Es gäbe also Geschichten, aber ist warm und ich bin von Faulheit befallen ...


Di 3.07.18 22:38

Weserabwärts

Das Zimmer hat einen Balkon. Wir sitzen auf Campingsesseln, trinken Bier und schauen auf den Fluß. Auf der Uferwiese stehen Zelte und Wohnmobile.
Es nieselt. Über den Bergen hängen Wolken. Es ist ruhig und wir sind zufrieden. Unten ist ein Restaurant mit Terrasse. Im Restaurant steht ein Keyboard. Macht hier jemand Musik? fragte ich den Chef, als ich Bier holte. Er ist um die fünzig, hat kurzes Haar, trägt Jeans, Dreitagebart, er dreht schwarzen Tabak, raucht hinter der Theke und hat ein Tatoo auf dem rechten Unterarm. - Nee, das Ding ist Schrott. Spielst du? - Ich nicke. 'n bisschen. - Was denn? - Klavier und Schlagzeug. - Echt? - Ja. - Nur so, oder auch in 'ner Band? - In 'ner Band. - Wir machen ein Fest im August. Da bräuchte ich eine. Was spielt ihr denn? - Rock n Roll. - Hättet ihr Lust, aufzutreten? - Ich weiß nicht. Ich müsste die Jungs fragen. Eigentlich wollen wir nicht auftreten. - Warum nicht? - Hatten wir uns so vorgenommen. Wir sind ne Privatkapelle. Wir kiffen, wir spielen keine Lieder, wir improvisieren, saufen, wir sind laut und oft peinlich. - Passt, sagt er. Auf eigene Gefahr, sage ich. Eine Woche später hatte ich mit den Jungs gesprochen und der Gig war klar.

The Real Fullmooners
Campoing Weserterrassen
Polle
10. August 2017


Do 5.07.18 13:06 teils bewölkt, 24 Grad

Später wird man sagen, dies war ein Jahrhundertsommer. Er hat im März begonnen, und ist noch lang nicht zuende. Mich schwächt er, obwohl er genau so ist, wie man sich Sommer immer wünscht. Außerdem bin ich lustlos. Es kann sein, dass die Radtour mir noch in den Knochen hängt. Jedenfalls halte ich mich bedeckt und bewege mich nur, wenn nötig. Allerdings tanze ich, das ist gut die Seele. Ansonsten nada niente. Kein Gedicht, keine Prosa, nicht einmal Fotos im Augenblick, denn ich habe die Kamera zur Reparatur eingeschickt. Gestern habe ich in Rheda Wiedenbrück gelesen, zwei Lesungen vor vierten Klassen, zurückhaltende Kinder, nicht vorbereitet, alles wie immer, denn bei den ca. 700 Lesungen der letzten fünfzehn Jahre ist es nur ein paarmal vorgekommen, dass Schüler vorbereitet waren, und nur ein einziges Mal, dass sich eine Schule nach einer Lesung für eine weitere Zusammenarbeit, die ich immer anbiete, bei mir gemeldet hat. Eine Grundschulklasse aus Paderborn hat damals einen Text von mir illustriert. Das macht Sinn. Darüber freue ich mich noch immer, und gleichzeitig frage ich mich, was und ob Lehrer überhaupt irgendetwas antreibt.


So 8.07.18 10:42 blauer Himmel

Was die Menschen Europas im Hinblick auf die Flüchtingstragödien der Gegenwart bewegt, sich abzuwenden, ihr Christentum, von dessen humanistischer Überlegenheit sie überzeugt sind, beiseite zu stellen und Dinge zu fordern, die Empathie vermissen lässt, schmerzt.

Seit 2015 lässt sich das vom Volk gewählte Personal von Populisten in immer schmuddeligere Ecken treiben und die Wahrheit, die es in ihrer Singularität nie gab und geben wird, wird von Populisten dennoch als "die einzig wahre" apostrophiert.

Der Mensch, der in einer Wohnung lebt und über genügend Mittel verfügt, sich zu kleiden, zu ernähren, dieses und jenes zu tun, muss genau hinschauen, um sich aus dem Wust der täglich kommunizierten Halbwahrheiten ein Bild machen zu können. Meine Mutter riet, ich solle mir kein X für ein U vormachen lassen. Gehen Sie also den Schreihälsen nicht auf den Leim. Glauben Sie den Verkündern letztgültiger Weis- und Wahrheiten nicht, denn die, die sie uns vom Hals halten wollen, sind Menschen.

Mo 9.07.18 00.01

Weserabwärts

Unterhalb der rötlichen Heinser Klippen sagt sie, jetzt ist der Akku leer. Im Klartext heißt das, sie würde nicht mehr lang weiterfahren wollen, wir mussten nach einer Unterkunft Ausschau halten. Die Weser hatte gerade einen Bogen gemacht. Wir fuhren auf einem Radweg entlang einer Straße oberhalb. Das nächste Dorf, Heinsen, war schon zu sehen, es lag am westlichen Ufer. Noch konnte ich nicht erkennen, ob es eine Fähre gab. Eine Pappelreihe führte von der Straße hinunter zum Fluss. Sie markierte einen sandigen Weg. Am Abzweig wies ein Schild auf eine Ferienwohnung hin. Vermietung auch für einen Tag.

Beim Anleger war eine offene Hütte mit einem Aushang für Fahrzeiten. Von der Decke hing eine Glocke. Drüben war eine Gastwirtschaft, das Café Flair. Ich läutete. Als sich nichts tat, läutete ich noch einmal. Der Fährmann kam aus der Gastwirtschaft, ging hinunter zu seinem Aluminiumboot mit Außenborder und hydraulischer Frontklappe, warf den Motor an und kreuzte den schnell fließenden Fluss. Der Motor musste sich anstrengen. Er habe uns schon gehört, sagte der Fährmann, als wir an Bord gingen, aber er habe gerade Kaffee getrunken. Ich wollte nicht drängen, sagte ich.

Er setzt über, wir schieben unsere Räder von Bord und die Böschung hoch bis zur Straße. Ich beschließe, in der Gaststatte zu fragen, wo die Pension sei. Der Wirt trägt Flip-Flops, ist Mitte Fünfzig, dick überall, fett geradezu, hat sein dunkelblondes, schütteres Haar gegelt zurückgekämmt und mittig eine Strähne türkis eingefärbt. Er sagt, unten sei ein Schild, da könne ich das nachlesen. Dass es auf der Hauptstraße ist, wusste ich schon. Wir fahren die Hauptstraße rauf und runter. Keine Menschenseele, nur ein paar Schwalben und Kühe auf den Wiesen. Dazu das Café Flair, die Plastikstühle und grellbunten Lampions, die Blumentischdecken aus Kunststoff, die Möbel der Ferienwohnung, der Wirt. Wir wollen hier weg. Das nächste Dorf ist zweieinhalb Kilometer entfernt. Das schaffe ich, sagt sie. Eine halbe Stunde später sitzen wir auf einem Balkon und schauen auf den Fluss. Alles macht Sinn. Hier ist es herrlich.


Di 10.07.18 10:31 bewölkt, Regen, ca. 15 Grad


Weserabwärts

Eh so ein Fluss erreicht ist, muss man erst einmal auf die Bahn, Regiobahn bis zum Knotenpunkt Hamm, wo wir unsere Räder erst auf einen Bahnsteig, der der falsche war, dann auf den anderen, den richtigen, schleppen, und auf den Intercity nach Weimar warten.

Es geht hoch her als wir am Ende des Zuges in den Besenwagen für Radfahrer steigen. Im Abteil nebenan nämlich trinkt eine Reisegruppe aus Gelsenkirchen sich warm. Ob man auf dem Weg in die Goethestadt ist, oder noch weiter will, wird im Verlauf der nächsten Stunde nicht klar. Klar aber ist, dass hier vier Frauen und Männer (kräftige Männer, tätowiert, Böse Onkelz T-Shirt, aber nicht halb so laut wie die durch eine Reihe getrennt an einem Tisch sitzenden Frauen - Doren heißt eine, sie ist Polizistin), feiern. Sekt in Dosen, Wodka, Cola. Mischungen in Plastikbechern. Cracker, Nüsse und Süsses. Dazu Reden in Lautsprecherlautstärke. Mehrfach wird übers Arschficken "gescherzt", wie eng das sei. Dabei kreischen die Frauen, von den Männern gibt es sporadisch Sätze, bis aus einem weiteren Abteil jemand um mehr Zurückhaltung und Ruhe bittet.

Die Reisegruppe hilft uns beim Aussteigen in Kassel, wo der Zug zwei, drei Minuten hält, die sie nutzen, um auf dem Bahnsteig zu rauchen, wünscht uns eine gute Reise und findet cool, dass wir für eine Woche so wenig Gpäck dabei haben, wo doch jeder von ihnen einen großen, stoßgesicherten Rollkoffer mitführt.

Dann sind sie weg und wir stehen in Kassel. Wir haben einen Anschlusszug nach Hann. Münden, aber den nehmen wir nicht. Wir nehmen das Rad, denn am Vortag hatte ich von meinem Nachbarn erfahren, dass es entlang der Fulda, einen hervorragend ausgeschilderten und idyllischen Radweg nach Hann. Münden gäbe.

Vom Bahnhof Wilhelmshöhe rollen wir bergab und stadtein. Radwege gibt es nur wenige. Wir befahren Bürgersteige. Im Herzen der Stadt trinken wir Cappuccino, dann fahren wir vorbei am Fridericianum hinunter in die Fuldaaue. Wir folgen dem Fluss, staunen, wie schön das als hässlich verschriene Kassel ist, und sind nach kaum einer viertel Stunde im Grünen. Wald. Hügel. Fluss. Buchen. Solling. Fulda.


Mi 11.07.18 10:43 bewölkt, ca. 20 Grad

Weserabwärts

Was weiß ich über Bremen? - Nicht viel, nur, dass ich die letzte Nacht in Bremen in einem Krankenhaus verbrachte. Das war letztes Jahr und die Umstände, die dazu führten, habe ich schon erläutert. Jetzt aber weiß ich schon mehr, denn ich habe es mit dem Fahrrad erreicht, es Meter für Meter erobert. Ich weiß, dass Werder die Bezeichnung für eine Flussinsel ist. Ich weiß auch, dass es ein Strandbad gibt, habe aber nicht ein Mal in der Weser gebadet, sie strömte zu schnell. Ich Achim wäre es möglich gewesen, da hatten mir Einheimische versichert, dass das Schwimmen im Fluss gefahrlos sei, aber da wollte ich nicht, ich hatte schon zwei Gläser Wein getrunken. Ich weiß also nicht, wie das ist. Ich weiß aber, wo die Kunsthalle ist und das Museum für moderne Kunst, ich weiß, wo ich mir den Bart schneiden ließ, und dann nebenan Köstlichkeiten aus der Türkei und dem Nahen Osten aß. Ich weiß, aus welcher Richtung die Flugzeuge anfliegen, ich habe die große Bahnbrücke über den Fluss mit dem Rad unterquert, die A1 ebenso, und ich habe das Autohaus gesehen, das an der Peripherie der Stadt garantiert 3000 bebrauchte Autos anbietet. Vorm Überseemuseum habe ich eine der missgelauntesten Frauen der Stadt gesehen und eine lange Nase gezeigt, was ihren Missmut noch steigerte, für konkurrenzlose 2,50 Euro habe ich mein Rad plus Gepäck sicher in der Radstation aufbewahren können, ich habe schwarz gekleidete Einsatztruppen der Polizei vorm Bahnhof gesehen, die eher nach Gewalt als nach Recht aussahen, ich habe in einem Hauseingang im Schnoor gesessen und Touristen beobachtet, eine aus Russland stammende, aus der Zeit gefallene junge Frau in einem blau-weißen, schulterfreien Kleid mit Puffärmeln, Marinekragen und weitem, kurzen Rock, den Himmel über Bremen habe ich gesehen, und gleich beim Ankommen hat mich Wehmut befallen, denn die Ankunft war der Anfang vom Ende unserer Reise. Jetzt, wo ich ein wenig mehr über die Stadt weiß, freue ich mich darauf, bald noch einmal dorthin zu fahren.


Fr 13.07.18 17:48 leicht bewölkt, sonnig, warm

Weserabwärts

Es wird einen Karl gegeben haben, ein Fürst vielleicht, ich erinnere mich, etwas gelesen zu haben, ein Graf, ein Aristokrat jedenfalls, an der Oberweser, der meinte, Karlshafen gründen zu müssen. Mich verbinden zwei Geschichten mit diesem Ort. Die erste liegt mindestens fünfzehn Jahre zurück. Da nämlich schoben W. und ich in der Nähe von Warburg ein Kanu in die Diemel, zündeten eine sechsblättrigen Joint, und schipperten die Diemel hinab, bis sie in die Weser mündet. Sie tut das in Karlshafen. Die Weser beschreibt dort einen weiten Bogen, fließt schnell und den Naturgesetzen folgend an der Außenseite der Kurve noch schneller. Es ist früher Nachmittag, dem Sechsblättrigen waren noch zwei Dreiblättrige gefolgt, als es uns von der Diemel in die Weser trieb, uns die Strömung ergriff und wir alle Kraft aufwenden mussten, ein Stück flußaufwärts zu fahren. Das gelang.

Die Geschichte der Gegenwart gibt der Gründung der Stadt ein wenig mehr Futter. Die Hugenotten flohen im späten 18. Jhdt. vor Verfolgung, besagter Karl (falls er denn Karl hieß, googeln Sie ruhig) baute eine Stadt. Er baute sie streng symetrisch, den spätbarocken Regeln folgend, er grub einen Hafen, der gegenwärtig renoviert und wieder als Weserhafen genutzt werden soll, er grub einen Kanal, in der Hoffnung, eine Verbindung zum Rhein schaffen zu können, aber dieses Vorhaben blieb schon ein paar Kilometer westwärts hängen, da besagter Karl starb, und/oder die Finanzmittel ausgingen, jedenfalls gibt es diesen Kanal nicht mehr. Die Hugenotten aber, die dort siedelten, fühlten sich offenbar wohl. Eine fand Salz, was dazu führte, dass Karlshafen heute ein Kurort ist. Es gibt dort ein Hugenottenmuseum, und gleich nebenan einen Weinkeller, der von einer etwas zu gesprächigen, sehr gut aussehenden Nachfahrin dieser Franzosen geführt wird. Wie so oft bei Weinkennern reicht es ihnen nicht, einen Wein zu verkaufen und dem Kunden zu versichern, dass es sich um einen guten Tropfen und ein hervorragendes Preis-Leisungsverhältnis handeln, nein, das ist ihnen in der Regel zu wenig, sie erklären einem, wieviel Cousins der Winzer hat, dass die Oma über 120 geworden ist und beim GV starb. Wir kauften in Erwartung des baldigen Endes unserer Tagesetappe im acht Kilometer entfernten Beverungen eine Flasche Primitivo, eine Sorte, die im Augenblick steil geht.


So 15.07.18 11:37 sonnig, Hochsommer

Sonnenschutzfaktor 50. Vier Stunden war ich der prallen Sonne ausgesetzt, nichts ist rot. Vier Stunden habe ich geredet wie ein Buch, und 50 Euro Trinkgeld gemacht. Darüber freut sich der Mensch.

12:29

in diesem raum
ein raum im raum
und der zeit
sind keine worte
die über den raum
und die zeit hinaus sagen
was zu sagen wäre
das liegt weder am raum
noch an der zeit
es liegt am bewohner
der staunend feststellt
dass alles verloren ist
und vor dummheit tropft

23:17

Die Zäune standen beim Himmelreich, weil die Aaseerenaden stattfanden. Sicherheitszäune, ohne die geht es nicht heutzutage. Aber die Veranstaltung war längst beendet, auf der Bühne baute man ab. Drei junge Männer aus dem Nahen Osten wollten eine Abkürzung zu den Bouleplätzen gehen, denn da oben gibt es eine Mauer, auf der man sitzen und über den See blicken kann. Sie hatten (ich kam einen Moment zu spät) die Zäune entweder überstiegen, oder die Verstrebungen zwischen den Elementen gelöst, um sich hindurchzudrücken. Ein Mann etwa meines Alters (seine Frau stand abseits) erklärte ihnen gerade ruhig, dass man so etwas nicht mache, weil (...) es folgt eine Sequenz, von der ich kaum etwas verstand. Ich verstand aber, dass der Mann etwas tat, was Männer seines Alters manchmal tun, junge Menschen darauf hinweisen, dass man das, was sie gerade tun oder getan haben, besser lässt. Die drei wendeten sich zunächst ab. Ich hatte ich einen Augenblick das Gefühl, sie kämen dem Msann mit der Nazikeule, das taten sie aber dann doch nicht, sondern einer der drei sagte, isch habe deutsche Pass. Das freute mich für ihn, zielte am Problem vorbei, ließ aber tief blicken.


Mo 16.07.18 17:54 Hochsommer

Heute früh um zehn ging ich zur Post, die Leica abholen. Die Paketfahrer hatten mir am Samstag einen Zettel an die Tür geklebt, statt das Paket bei Nachbarn abzuliefern, wie online vereinbart, aber es war noch nicht dort. Ich musste bis drei Uhr warten. Jetzt ist die Leica da, gereinigt, repariert, ich bin glücklich. Leica in Wetzlar wollte 65 Euro für einen Kostenvoranschlag, den sie bei einer Reparatur verrechnet hätten. Die Wartezeit hätte fünf bis sechs Wochen betragen. Ich hatte den "Technischen Service Eichhorst" in Detmold ausfindig gemacht. Der bot einen kostenlosen Kostenvoranschlag, und nach einer Woche war alles zu meiner besten Zufriedenheit erledigt. Gutes Gefühl, eine Kamera zu besitzen, die repariert werden kann und nicht einfach wegwirft, wie so vieles. Am Samstag habe ich übrigens zweimal Fahrgäste mit deren Panasonic Lumi DMZ ... fotografiert, eine Kompaktkamera, auf die ich schon eine Weile auch im Hinblick darauf, dass die Leica vielleicht nicht zu reparieren wäre oder die Reparatur zu teuer würde, ein Auge geworfen hatte Sie kann mehr als meine Leica, fühlt sich aber nicht so gut an.

Weserabwärts

Ein Fluss zieht Kraftwerke an wie Kuhscheiße Fliegen. Das erste - das AKW Würgassen - steht rechts der Weser kurz hinter Bad Karlshafen,weshalb wir die Route am linken Flussufer wählten. Es ist seit zwanzig Jahren abgeschaltet, wird aber noch lange dort stehen, denn die Zerfallsprozesse dauern und dauern. Das andere AKW ist Grohnde, zwei oder drei Tage später, es ist noch am Netz. Es wirkt monumental mit den sanften Bergen ringsum, fast schön, denn auch Industrie kennt Schönheit. Die drei übrigen Kraftwerke, eines kurz hinter Corvey, eines in der Nähe der Porta Westfalica und eines bei Petershagen waren Kohlekraftwerke, das in der Nähe der Porta Westfalica auch stillgelegt. Der Rückbau (immerhin kann man fossile Kraftwerke rückbauen) wird wohl an die zwanzig Jahre dauern, die Politik zahlt, die Stromindustrie reibt sich die Hände.


Di 17.07.18 18:30 Hochsommer

Keine Bewegung.


Mi 18.07.18 10:19 Hochsommer

17 Grad gegen halb neun auf dem Balkon wirken angenehm frisch, dabei ist das in normalen Sommern die übliche Tagestemperatur. Der Klimawandel verwöhnt die Sonnenhungrigen, ich glaube kaum, dass es auf Mallorca im Augenblick schöner ist als in Westfalen, wobei Westfalen den Vorteil hat, grüner zu sein, "awsome", wie das zwei Amerikaner aus San Francisco letzte Woche aushauchten, die ich an einem dieser raren Tage durch schüttenden Regen kutschierte.


Weserabwärts

Herr K., dem das Hotel gehört und der es in Personalunion mit seiner alten Mutter führt (sie macht die Betten, er überblickt die Buchungen, kassiert, erfüllt Wünsche und serviert das Frühstück), ist ein großer, hagerer Mann mit dunkelblondem, gescheiteltem Haar und sehr freundlich.

Wir stellten uns vor, er habe das Hotel in den späten 60er Jahren gekauft. Das Mobiliar der Zimmer ist hochwertig und von schlichter, klarer Linienführung, modern damals und auf seine Art zeitlos, die weserbergländische Möbelindustrie hatte und hat Rang und Namen. Seither aber zerfällt dort neben den Blumen die Zeit. In den langen Gängen herrscht klösterliche Stille und kaum eine Blume, die nicht den Kopf hängen ließe.

Herr K. saß, als wir kamen, allein im Schankraum. Auch abends noch, als wir vom Essen heimkehrten, saß er dort und schaute Fußball. Wir gingen aufs Zimmer, hörten auf dem Balkon sitzend gequälte, fordernde, bösen und schließlich erleichterten Schreie, worauf kurz danach ein Autokorso (zwei PKW) hupend durch Beverungen fuhr.

Beverungen. Man hatte den Namen schon einmal gehört. Eine Straße nach Höxter, links und rechts kleine Geschäfte, das Hotel Bremen, in dem wir vorzüglich aßen, ein mit Schiffsmodellen und Kompassen dekorierter Teakholztraum. Im langen Gang zu den Toiletten Fotos von Stars, die hier übernachtet haben. Wir staunten. Ich erinnere mich an Hermann van Veen und Vicky Leandros, Jürgen von der Lippe und Heinz Rudolf Kunze, aber es waren viel mehr und darunter auch noch größere Berühmtheiten, als die genannten. Erstaunlich, aber dann wieder auch nicht, denn schließlich hatten wir am Ortseingang Plakate gesehen, die auf Konzerte von Scooter und Supertramp hinwiesen. Man staunt. Die Weser fließt schnell, der Abend senkt sich, auf dem Fluss liegt ein Schiff, dort wird lautstark Hochzeit gefeiert. Man braucht Mut, um im Hotel K. in Beverungen zu übernachten, und man sollte nicht allein sein, denn die Suizidrate ist hoch.


Do 19.07.18 17:56 Hochsommer

Keine Bewegung.


Sa 21.07.18 21:53 Hochsommer

Schöne Zeiten.

22:24

Er hebt die Braut in die Kutsche und setzt sie ab. Umstehende applaudieren. Der Inliner Club baut sich für ein Foto auf. Der Brautvater fragt, ob er gleich hinterherfahren könne, er wisse nicht genau, wo die Heide sei. Wann man dort sein müsse, frage ich. Man nennt mir eine Zeit. Halbe Stunde noch, lasst es doch langsam angehen, denke ich. Die nächste Braut kommt aus dem Standesamt. Silbernes Konfetti wird hochgeschossen. Eine Salsatänzerin bleibt stehen, schaut zu mir hoch und sagt: Du hier? Ja. Du hast abgenommen. Ja. Wie machst du das? FDH, viel Geschlechtsverkehr. Sie lacht. Sie will tauschen. Geht nicht, ist ja verheiratet. Sie verabschiedet sich. Sie hat eine langstielige rote Rose. Überall Bräute und Hochzeitsgäste. Der Bus kommt nicht um die Kurve. Ich muss vorfahren. Vor mir ein orangeroter amerikanischer, riesig großer Straßenkreuzer, auch eine zu mietende Hochzeitskutsche. Ich fahr bis auf Zentimeter ran. Jetzt kommt der Bus rum. Alle Fotos sind im Kasten. Wir warten auf den Brautvater, der holt sein Auto vom Parkplatz. Wenn er da ist, fahren wir los und er hinterher. Wie er es hinkriegt, schon an der ersten Ampel hängen zu bleiben, und bei der zweiten, wo wir rechts abbiegen, geradeaus zu fahren, ist mir Rätsel. Aber wir treffen ihn in der Heide.


So 22.07.18 18:54 Hochsommer

Ich bin flexibel. Ich kenne die Geschichte. Ob ich sie vorwärts, rückswärts oder gut geschüttelt (mit einer Olive und viel Eis) erzähle, ist letztlich egal. Nicht egal ist, ob die Gesichter der Zuhörer interessiert, gelangweilt oder gernervt sind. Menschen, die aufs Smartphone starren, erzähle ich gar nichts. Die sollen starren. Anderen erzähle ich je nach den genannten Kriterien kurze, lange oder sehr lange Geschichten. Eine sehr schöne Geschichte ist die nach der Frage, ob die Kutsche elektrische fahre, worauf ich ja sage, auf die Batterien unter der Bank der rückwärts sitzenden Passagiere verweise und auf den Knopf vorn am Armaturenbrett, durch dessen Betätigung ich in der Lage wäre, mir unliebsame Menschen aus der Kutsche zu sprengen, was in der Regel zu fröhlichem Gegacker führt, und zielführend die zu erwartenden Trinkgelder in die Höhe treibt. Ganz neu im Repertoire ist der Hinweis auf Münsters "Schwarzes Loch" - der Domplatz mit Bischofssitz, Priesterseminar etc. pp. Der erheitert beide Konfessionen gleichermaßen.