Juni 2008                                        www.hermann-mensing.de      

mensing literatur
 

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So 1.06.08 11:27

Gestern beim Stadtfest unterwegs.
Waren nach dem erlösenden 2:1 von Ballack aufgebrochen, um die Kahlen Mönche vorm Dom zu sehen. Ordentlich. Tranken was, aßen hier eine Bratwurst, tranken anderswo wieder was, dazu die Stadt: aus allen verfügbaren Lautsprechern beschallt.
Und natürlich der unvermeidliche Ramsch, den man doch nicht kauft, aber hin und wieder anschaut.

Hach, was für ein schönes Nilpferd.

Strömten am großen Sohn vorbei und fanden uns schließlich wieder vorm Dom ein, um die Hooters zu sehen.

Und was sagte Muse M. plötzlich zu mir?
Guck mal, sieht der nicht aus wie dein Hermann?

Mein Hermann?

Ich schaute genauer hin.
Muse M. meinte John Lilley, einen der Gitarristen der Band.
Ich starrte und starrte und je mehr ich ihn ansah, desto weniger Ähnlichkeit konnte ich entdecken, aber einbilden konnte ich sie mir, und ab da war mein Kopf voll von ihm.

Was für liebevoller Hermann das war, was für ein gefährlicher Hermann, wie mächtig und groß er mir schien. Kaum waren wir zusammen, gerieten wir aneinander. Irgendetwas war immer, das uns kollidieren ließ. Aber wir liebten uns, liebten uns sehr, sodass ich da zwischen all den Menschen stand und an nichts anderes mehr denken konnte, als an ihn.

Ich hätte gern hemmungslos geheult, denn es schön, die Toten zu beweinen, es tut gut zu wissen, dass sie immer noch bei einem sind, aber die Leute ringsum hielten mich davon ab.
So weinte ich still und hörte der Band zu, hin und wieder regnete es, aber das störte nicht, denn die Band war gut, sehr gut war sie.

Später dann, auf dem Balkon, war ich froh, den Abend mit ihm verbracht zu haben.
Schade nur, dass ich ihm nie gesagt habe, wie sehr ich ihn liebe.
Ich hab's ihm geschrieben, als ich in Südamerika unterwegs war, das wird ihn gefreut haben, aber Auge in Auge habe ich es ihm nie gesagt und er mir auch nicht. Man sagt so etwas nicht so leicht, glaube ich, man denkt, es wäre sowieso klar, aber man sollte es sagen. Vielleicht nicht jeden Tag, das nähme ihm die Glaubwürdigkeit, aber sagen sollte man es, denn irgendwann ist es zu spät.

Also, grüß dich, mein Hermann. Ich liebe dich.

File under: Verpasst.

13:12

Es ist Sonntag...

18:03

Neues aus der Forschung:

Adolf Hitler wurde am 20.04.1889 in Braunau geboren. Er war ein sehr ordentlicher Schuljunge, der auch die Schulhefte immer gut pflegte. Er machte eine große Karriere im 1. und 2. Weltkrieg. Mit Arbeitsbeschaffung wie z.B. Urlaub, Freizeitgestaltung, Eigenheimbau, den Olympischen Spielen 1936, Polizeiterror und KZ-Drohung brachte er das Volk hinter sich. (1)

 

Mo 2.06.08   8:08

Nicht nur bei der Telecom, nein, überall wird überwacht, keine Methode gescheut, erschütternd:
Angela Merkel observiert den Schriftsteller M. auf der Toilette..

10:46

Im ICE

Sie waren auf dem Weg zu einem Elite-Seminar.
Ihr Gespräch kreiste um nichts anderes und um ihre zukünftige Universität (ist das auch eine Elite-Uni???), die wahlweise in Deutschland, lieber aber in Amerika oder England sein dürfe.

Zwischendurch Hiebe auf Freunde, die zuviel Bier tränken. Asi wäre das.
Gespräche über Uhren. Er, der eine, trage jetzt nur eine gefälschte Omega, aber er habe eine von seinem Opa, die wäre wohl 70.000 Euro wert. Das alles im ausklingenden Stimmbruchfalsett zweier 16jähriger, die in ihren Markenpullis glänzten und sich auf dem Weg nach oben wähnten.

Rolex?
Nein. Dann doch lieber Glashütte.

Mir gegenüber ein Hamburger meines Alters, Hans-Albers-Augen, ein scharfer Zug um den Mund. Als es mit den Eliten, den Omegas und den Erwartungen an das Leben (ich glaube, ich werde Richter, das ist cool) so gar nicht enden wollte und immer wieder von vorn begann, verständigten wir uns mit leichtem Heraufziehen der Augenbrauen.

Zukünftige Elite! sagte ich, er nickte. Wir hatte verstanden.

Gegen solche Eliten ist kein Kraut gewachsen. Die haben Erbrecht. Das ist wie früher beim Adel. Die kennen immer jemanden, der sie irgendwo unterbringt. Die müsste man alle töten, das wären zu viele, das ginge gar nicht, man will ja sowas nicht tun, unappetitlich, überhaupt an so etwas zu denken, aber anders käme man denen nicht bei.

Aber wir sind ja ein Humanist, nicht wahr. Wir töten nicht. Wir hassen nur still.

15:00

Grauenhaft warm. Denken so gut wie unmöglich.

 

Di 3.06.08 9:18

Vor der Lesung: wie immer, alles ist leer, nur Fragen.

Was soll ich noch tun?
Mir einen komischen Hut aufsetzen?
Einen Skandal verursachen?

Vier Romane liegen bei Verlagen, eine Geschichte wartet auf Veröffentlichung, ein Hörspiel liegt bei zwei Sendern, ein Exposé bei einem dritten, und alle schweigen, schweigen, schweigen.

Den nächsten Roman schreiben?

12:57

Er hat's geschafft, aber wie.
So gerade eben. Dabei hätte viel mehr drin gesessen.
Aber es hat ihn nicht interessiert. Typisch.
Ich war auch so. Mein Lieblingsdeutschlehrer hat mir attestiert, ich sei überdurchschnittlich intelligent, aber engagiere mich nur, wenn es mich interessiere.

Frage ist nun: Was interessiert ihn?

Ich hatte eine gute Lesung.
Unbeschwert sozusagen, denn ich hatte ja noch von seinem Glück erfahren, eh ich ging.

 

Mi 4.06.08   11:04

Hockte ich bis tief in die Nacht vor meinem Rechner, um einen Text zu bearbeiten.
Heute fühle ich mich entsprechend.

Das kam so: ich saß auf dem Sofa und hörte "Die Prinzessin", als Muse M. meinte, ich solle versuchen, dem Text mehr Alltag zu verpassen, ihn so einzusprechen, als würde ich ihn jemandem erzählen.

Wie immer, wenn Muse M. sich einschaltet, hat sie recht.

Ich verzog mich also in meinen Schlagzeugkeller, weil es da am ruhigsten ist und ging ans Werk. Gegen Mitternacht war ich fertig und begann, all die Compressoren, De-Esser, die Lautstärkenoptimierer und was es sonst bei Nuendo so alles gibt, einzupflegen.
Gegen 2:30 war das getan.
Und jetzt, nach dem ersten Hören am Morgen, glaube ich, klingt der Text richtig.

Bleibt natürlich das Musen-Damoklesschwert.
Muse sein stelle ich mir angenehm vor. Man muss selbst nichts tun, darf alles sagen und wird dafür auch noch geliebt und geachtet. Allerdings ist die Bezahlung noch schlechter als meine.

 

Do 5.06.08   12:39

Auf der Bahnhofstraße gab es ein kleines Elektrogeschäft, das u.a. Tonbandgeräte verkaufte.
Ich hatte meine Konfirmation hinter mir, hatte christlich gespart und da der Inhaber meinen Vater aus alten Fußballerzeiten kannte, gab es Rabatt.

So gelangte ich an mein Grundig TK14 Tonbandgerät.
Mit dem saß ich seit 1963 vor unserem Nordmende Radio und nahm auf.
Zunächst mit dem Mikrofon, später über Kabel.
Bis in die frühen Siebziger kamen so etwa vierzig Spulen Musik zusammen.
Jeder Titel in Listen notiert, in einem Ordner abgeheftet, historische Aufnahmen von Super Clean Dream Machine, einer Sendung auf Hilversum III.
Meta de Vries moderierte, Ad Visser und viele andere.
Dort spielte meine Musik.

Heute nun ein radikaler Schnitt.
Meine Sammlung landete auf dem Müll. Ein kurzer Schmerz, das war's.
Meine Erben hätten es eh wegwerfen müssen.

Dann habe ich den Keller umgeräumt und ein kleines Studio eingerichtet.
Alle alten Decken, die dort unten seit Jahren nutzlos lagen, hängen jetzt an den Wänden.
Mal sehn, wie das klingt, wenn ich dort aufnehme.

 

Fr 6.06.08  8:54

Eine Mail, und schon schießt schönste Hoffnung ins Kraut. Und was der Autor plötzlich alles träumt! Man glaubt es kaum. Wie er sich schon geehrt und anerkannt fühlt und die grüne englische Limousine vorm Haus steht, wie er ein Manuskript nach dem anderen aus dem Hut zaubert und das Telefon ununterbrochen bimmelt, weil alle was von ihm wollen und alle ihm auf die Schulter klopfen und sagen, sie hätten es ja schon immer gewusst. Bescheiden würde der Autor dann lächeln und sich daran machen, alle die, die es nicht gewusst/geglaubt haben, nach und nach hinzurichten. Was für ein schöner Freitagmorgen, wenn man für Sekunden träumen darf.

 

Sa 7.06.08   00:25

Saßen mit Nachbarn bis vor einer halben Stunde im Garten, grillten, tranken und redeten dummes Zeug. Gegenüber wird gesungen. Einer geht noch , einer geht noch rein. Die Beflaggung an PKW's nimmt zu. Die Polen wollen uns fertig machen. Wahrscheinlich Rache für 39. Verständlich, aber das wird nicht gelingen.

12:01

Kein Schreibwetter.

 

So 8.06.08   11:11

Der Himmel wurde schwefelgelb und im Südwesten rollte unaufhörlicher Donner. Mir wurde ein wenig bang. Die Gewitter der Neuzeit haben so überhaupt nichts von den Gewittern meiner Jugend, die zwar auch heftig sein konnten, aber meist nur mit lokalen Spitzen glänzten, während die jetztzeitigen den gesamten Horizont belagern.

Ich schritt die Wohnung ab. Ich schloss Fenster.

Gleich begänne Portugal - Türkei. Ich hatte beschlossen, für die Türken zu sein.
Am späten Nachmittag hatte ich Schweiz gegen Tschechien gesehen und leider verloren.
Man muss sich ja für eine Mannschaft entscheiden, wenn so ein sinnloses Spiel Freude machen soll.

Als das Spiel begann, war das Gewitter heran. Ich trat prüfend hinaus auf den Balkon und sah unseren neuen Nachbarn hilflos auf seine Antennenschüssel starren. Er ist Portugiese und hatte kein Bild. Mitleid überkam mich. Ich rief ihm zu, er solle zu uns kommen, warnte ihn aber und sagte, dass ich Ronaldo hasse, diesen arroganten Pinsel. Kein Problem, sagte er. Sein Bruder und er kamen zu uns. Kaum hatten sie sich niedergelassen, begann auch unser Digitalemfpänger verrückt zu spielen. Wir sahen die erste Halbzeit in im Sekundenabstand wechselnden Standbildern mit durchgehendem Ton, während draußen Wasser vom Himmel stürzte und die Welt kaum noch zu erkennen war.

Zu Ende der Halbzeit kam ich auf die Idee, die Stromzufuhr für den Digitalempfänger zu unterbrechen und neu zu starten und siehe: plötzlich gab es wieder sich bewegende Bilder. Der portugiesische Nachbar war kurz vorher in seine Wohnung zurückgekehrt und rief herüber, dass sein Bild wieder da sei. Unseres auch, entgegenete ich.

Ich hatte natürlich verschwiegen, dass ich nicht nur Ronaldo, sondern die gesamte Mannschaft Portugals wegen ihrer geschniegelten Frisuren, ihrer Übersteiger, ihres arrogantes Gehabes und ihrer bei Fouls zur Schau gestellten Theatralik hasse, jetzt aber, wo der Nachbar gegangen war, gab ich mich dem ganz hin, aber es half nicht. Ich verlor zum zweiten Mal an diesem Tag.

Bleibt nur zu hoffen, dass ich heute abend nicht schon wieder verliere.

 

Mo 9.06.08   8:59

Es scheint, dass der Pole des Polen ärgster Feind ist. Erst sorgt er für schlechte Stimmung mit geschmacklosen Fotos, dann lässt er sich von Polen zwei Dinger reinschlenzen- bzw. nageln. Informierte Kreise wissen, dass Lukas Podolski reichlich Ärger mit seinem polnischen Großvater in Haus steht, und auch Miroslav Klose wurde von allen polnischen Familienfesten ausgeladen. Wie schwer das Leben als Migrant sein kann! Kaum hat man sich eingelebt, schon fängt der Ärger an.

14:07

Was' das denn?

Nun, jedenfalls nicht das, was Sie dachten.
Es ist meine rechte Wade.

 

Di 10.06.08   10:43

Letzter Gruß (aus einem Brief an Peter Rühmkorf aus dem Jahr 1984)

Verdammter
glaubst du denn
ich schmorte nicht
du Rühmkorf
dieses Dasein zu kapieren
denkst du, ein junger Schreiber
bräuchte Alte nicht?

Komm Feuerstreu, du Flammenweide
treib ein und aus
was hinterm Alter dräut
sag, was du denkst
du siehst den Tiger fromm die Zähne falten

du fragst, wer mir den krummen Kuss beschreibt?

Al so Freund
al
eh ich endgültig hier verasche:
was sagt mein Buch
gleich gut
ob einer volläuft
ob verblutet?

Was sagt es
oder sagt es nichts?

Ein Gruß, ein Herr, ein Mann, ein Men, ein Sing.

12:34

Verfolge seit heute eine neue Form der Akquise.
Rufe die Kunden an, verwickle sie in Gespräche, ZACK habe ich sie am Haken und verbimmle ihnen Leistungen, die im Vierteljahresrhythmus wiederholt gekauft werden müssen. Schließlich will ich nicht bis ans Ende meiner Tage auf meinen jadegrünen ... ach, Sie wissen schon, was ich rede ich denn. Fakt ist, ich habe im Nebenerwerb eine Sexhotline aufgemacht. Sehr interessant, was man da alles zu hören bekommt.

 

Mi 11.06.08   9:20

Gestern dachte ich irgendwann, erstaunlich, dass das Finanzamt sich nicht meldet, meine Unterlagen sind doch schon seit drei Wochen dort. Als ich später im Hot Jazz Club das Schlagzeug auf Links umbaute und meine schwarze Trommelstocktasche öffnete, fand ich den Umschlag mit den Unterlagen.

Und dann fiel mir auch wieder ein, wieso er da drin war. An dem Abend, als Max sich den Arm brach, war ich auf dem Hinweg zur Session bei meiner Steuerberaterin gewesen und hatte die Unterlagen abgeholt. In Ermangelung einer Tasche hatte ich ihn in meine Trommelstocktasche geschoben, aber da ich an diesem Abend nicht mehr dazu kam, Schlagzeug zu spielen, weil ich zu Max fuhr, um ihn vor seiner OP noch zu sehen, hatte ich ihn vergessen.

PS.
Ödes Trommeln gestern.
Dafür eine schöne kühle Nacht auf dem Heimweg.

10:31

Das kommt bei mir an, und ich verteil die Sachen, sagte die Sekretärin spitz, als ich sie bat, mir den Namen des Schulleiters oder der Schulleiterin zu nennen. Stick dood (sagt man an der holländischen Grenze) erstick doch, dachte ich und verabschiedete mich. Eine Schule weniger und die Erkenntnis, dass nichts ohne die Sekretärin läuft. Die überwacht ihr Hoheitsgebiet und achtet eifersüchtig darauf, dass niemand sie übergeht.

 

Do 12.06.08   10:02

Die Prinzessin existiert jetzt in sechster Version, und sogar Herr H. aus E. scheint überzeugt, was mich freut, schließlich ist er der Ohrenmann, der selbst dann noch etwas hört, wenn andere längst zu Bett gegangen sind. Das spricht für ihn, schließlich ist Hören sein Beruf.

Außerdem ist noch jemand an Bord: Marc Brenken, ein Pianist aus Essen, der mir Titelmelodie komponieren will.

Schon vier Menschen also, die an den Text glauben. Das ist immerhin etwas.

Was nun die Sekretärinnen angeht, da müsse ich anders vorgehen, meinte Frau M.
Ich müsse sie als Verbündete gewinnen, als wichtige Mittler zwischen mir und der Schulleitung, sodass sie sich gewollt und gebraucht fühlen.
Ich kann aber schlecht lügen, sagte ich.
Weiß ich, sagte sie. Musst du es eben lernen.

Also, aufgepasst, Sekretärinnen in Schulsekretariaten, ab jetzt klingelt euer Telefon und dann bin ich dran.

13:30

Mein Lieblingswestfalen....

Natürlich verschweigt auch dieses Foto, was drumherum vor sich geht.
Da ich mich der Wahrheit (und nichts als der Wahrheit) verpflichtet fühle, will ich es Ihnen sagen.


Links im Busch verbergen sich 500 Hells Angels. Sie wollen über den schattigen Weg durchs junge Maisfeld in den im Hintergrund rechts liegenden Wald stürmen, um die dort lagernden 50 Bandidos in kleine Stücke zu hacken.

Wenn Sie der Bildmitte bis an den Horizont folgen, sehen Sie, von einem Baum verdeckt, eine Turmspitze. Der dazugehörige Turm liegt im Zentrum einer Heilanstalt. Dort zucken Menschen im Stillen vor sich hin, winden sich, lallen und sind geschlechtlich höchst aktiv. Manche beißen in Lederriemen.

Nur wenige Meter hinter der Position des Fotografen verläuft eine unterirdische Gasleitung, die jeden Augenblick explodieren kann, da die westfälischen Ureinwohner neuerdings dazu übergehen, es den Nigerianern gleichzutun, die aus blanker Not Ölpipelines anbohren.

Über uns die Einflugschneise eines internationalen Flughafens.
Jederzeit können Flugzeuge vom Himmel fallen.

Und dann natürlich die wilden Tiere.
Schauen Sie genau hin, Sie werden feststellen, dass überall in diesem harmlosen Grün Augen lauern.

Man muss also vorsichtig sein, wenn man Westfalen auf Wegen, die nur ich und wenige andere kennen, durchquert. Sollten Sie dennoch den Wunsch verspüren, dies zu tun, lassen Sie es mich wissen, ich führe Sie gern. Ich rülpse und furze für Sie, ich stinke, ich nehme mein Gebiss heraus und wenn Sie mich drücken, spreche ich ein schönes Gedicht und spiele Ukulele.

Nun, was sagen Sie?

17:12

Die siebte Version Der Prinzessin ist fertig, meine Ohren sind wieder ein Stück größer geworden.
Jetzt bereite ich mich auf Deutschland:Kroatien vor.
Unvergessen die Niederlage gegen die harten Kroaten, 1998, wir waren auf dem Zeltplatz in Rotheneuf und mussten den Spott der Franzosen ertragen.

Heute werde ich spotten. Wir werden 2:0 gewinnen.
Das heißt, nicht ich, sondern diese jungen, gut bezahlten Unterhaltungskünstler der Jetztzeit.

20:44

Wie man sich irren kann. Scheiße.
Ich schnappe mir jetzt mein Opinel und steche Kroaten ab.

 

Fr 13.06.08   13:19

Traf keine Kroaten. Ich traf niemanden, denn das runde Leder flog ja schon wieder herum, diesmal mit mehr Vehemenz, als bei den Bundeskickern zuvor. Außerdem hätte ich nie einen Kroaten massakriert. Die machen das unter sich aus, wenn nötig.

Die Männer in Rot/Weiß rannten um ihr Leben.

Ich hatte Mitleid mit den mit dem Rücken zum Spielfeld sitzenden Stewards. Männer in gelben, auf dem Rücken nummerierten Warnwesten, offenbar für die Sicherheit zuständig. 90 Minuten in diesem Gebrodel aus wechselnden Stimmungen nichts von dem mitbekommen, was hinter ihrem Rücken geschieht, ist hart.

Ob sie vielleicht kleine, tragbare Fernseher haben? Nein, sicher nicht. Das würde ihre Aufmerksamkeit schmälern, denn sie müssen ja jeden beobachten, müssen abwägen, wer zu erschießen ist und wer nicht, schließlich herrscht Sicherheitsstufe ROT und wir wissen doch, was seit 9/11 hinter jedem Mülleimer auf uns lauert.

Tja, so war das gestern,
und so wird es heute sein und jeden Abend bis zum Finale.

Da mir nichts Besseres einfällt, da alles auf der Kippe steht, meine Geldquellen versiegt sind und meine Laune ungeahnt Höhen erklommen hat, lasse ich die Tage verstreichen und höre mein Hörspiel wieder und wieder und wieder. Zwischendurch verkrieche mich in mein basement-studio (Herr H. aus E. nennt es Hippie-Höhle, denn das Studio ist gar kein Studio, sondern ein mit Decken ausgehängter Kellerraum) und spreche Text. Dabei geht es nicht um die Verbesserung des Textes, sondern um größtmöglichen Ausdruck.

Heute abend also Italien:Rumänien, Frankreich:Holland.

Im ersten Spiel bin ich für die Rumänen (Rache für den Einspruch der Italiener bei der WM, der dazu führte, dass Totti Frings gesperrt wurde) und natürlich dafür, dass Italien nie, nie hätte gewinnen dürfen.

Im zweiten Spiel setze ich auf die Holländer.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht wäre es mir doch lieber, die Holländer straucheln zu sehen, schließlich habe ich ihnen einige der größten Demütigungen meines fortgeschrittenen Lebens zu verdanken.

20.46

komm
tanz mit mir
bis unsere füße brennen
musik zum vollen mond
trieb mich hinaus
kein dach wehrt frische luft
trotzdem
spüre ich atemnot.

komm, tanz...
vielleicht birgt ja der horizont
ein wenig wärme für uns überlebende.

tanz
wie du willst
nur - lass uns feuer legen
lauter singen.

hierher
ihr tänzer
rettet uns und euch...

(Hermann Mensing / Gedichte / 1985)

21:56

Habe mich auf die Seite der Franzakken geschlagen.
Spreche zwar deren Sprache kaum, habe schlechte Erfahrungen mit Franzakkinen, esse keine Schnecken, will aber, dass sie die Pattjacken schlagen.

22:26

Die Pattjacken spielen effizienter. Brauchen für ihre Tore selten mehr als vier, fünf Stationen, während die Franzakken auf engem Raum zaubern, haarscharf daneben schießen, Flanken verfehlen, ausrutschen. Trotzdem. Schlagt sie, bitte, es ist was persönliches.

22:35

Geil.
Wieder so'n Ding.
Vorbei.
Glückwunsch, Pattjacken.
Wenn ihr so weiter spielt, werdet ihr Europameister.

 

Sa 14.06.08   12:53

die tage
werden nicht verkauft
nicht meine
nicht gegen nummernkonten
und alles
das so reizvoll angezeigt
und ausgeleuchtet wartet
nicht meine

(Hermann Mensing / Gedichte / 1985)

16:28

verrausch mich,
lass mich, geh mir aus dem hier,
erklär nichts, sag nichts, bleib nur nah bei dir,
erheb mich, trag mich, wirf mich tief hinab,
erschein mir, schieße, sag, was ich dir gab,
und schrei, und blüh in tränen auf,
und lach, dann leit ich dich hinauf.

(Hermann Mensing / Gedichte / 2002)

 

So 15.06.08   13:15

Nach dem Rauchverbot in Gaststätten jetzt auch noch dies.

                 

 

Mo 16.06.08   10:26

Hier die Schiedsrichtertoilette für die EM 2008

12:17

Und, wie geht's?, fragte mein Vater, der heute Geburtstag hätte.
Schwierige Frage, antwortete ich. Frag was Leichteres.
Hast du genügend Geld?
Nein.
Wärsteman Speditionskaufmann geblieben, sagte er.
Ich nahm die Urne, in der noch eine handvoll Asche von ihm ist, schraubte den Deckel wieder zu und stellte sie zurück aufs Klavier. Eine Weile rumorte er noch, dann wurde es still.
Wie einfach es manchmal ist, Väter zum Schweigen zu bringen.

22:00

Zweite Halbzeit, EinszuNull, grottiges Faulsein der Deutschen Mannschaft in der ersten Halbzeit, falsches Stehen, ungenaues Flanken, und jetzt, nach diesem glücklichen Tor, glauben Sie doch nicht im Ernst, dass sie gut Fußball spielen, oder? Ich bin ab sofort für Holland.

22:19

Und dann auch noch die Dummschwätzer vom Fernsehen.
Mein Vater, der heute 98 würde, hätte längst die Wohnung verlassen.
Derartigen Fußball konnte er nicht ertragen. Er zirkelte durch den Garten und kam erst wieder, wenn's vorbei war. Wenn sie dieses 1:0 halten, heißt es wieder: ein Spiel dauert 90 Minuten und die Deutschen gewinnen.
Der große Ballack, steht einfach da und geht nicht drauf.

Himmel Herrgott. Lass sie verlieren.

 

Di 17.06.08   12:31

Ja, ja, ich arbeite. Seit ich denken kann, arbeite ich. Ich arbeite mal mehr und mal weniger, aber ich arbeite immer, auch wenn das dem Angestellten nur schwer zu vermitteln ist. Der Angestellte hält mich für einen Träumer, der Angstellte wirft mir vor, keine Ahnung zu haben vom Alltag, und ich habe auch keine.

Aber nicht alle müssen diesen Alltag leben, es muss auch die geben, die den ganzen Tag und die ganze Nacht und immer und überall arbeiten, ohne dafür auch nur einen Cent zu sehen, wenngleich sie ihn ständig ersehnen, denn schließlich ist Arbeit in dieser Welt bezahlte Arbeit, alles andere fällt unter Hobby.

So einer bin ich also, ein Hobby-Arbeiter, ein Hochleister, noch dazu auf einem Seil, auf dem es sehr windig sein kann und wer nicht schwindelfrei ist, sollte da besser nicht drauf gehen. Aber ich bin drauf gegangen, als alles nur Illusion und so fern war, dass man es überhaupt nicht sehen konnte, es sei denn, man hätte Visionen, und wer hat die schon.

Wirre Religionsfanatiker vielleicht und natürlich: der Kapitalist.
Wenn ich meine Existenz mit der des Kapitalisten vergleiche, werde ich manchmal ganz still, denn der Kapitalist, wie ich ein Illusionist, vollbringt Dinge, über die ich nur staunen kann und die man ihm erst einmal nachmachen muss.

Die Jahre, in denen ich glaubte, ein Anti-Kapitalist zu sein, sind lange vorbei.

Ich habe nichts gegen Kapitalismus.
Er bringt Großartiges zustande, aber er wird sich, das ist das Gesetz der sich selbst ausbeutenden Illusionisten, eines Tages (früher oder später, heute oder morgen) selbst vernichten. Er wird an seiner Gier zugrunde gehen oder an Fehlspekulationen, er wird an der Unübersichtlichkeit seines Imperiums scheitern, seine Größe wird seine Archillesferse.

Danach wird es von vorn losgehen, denn wir wissen ja, dass das schwarze Loch alles schluckt und dabei jede Information vernichtet, sodass am anderen Ende, das vielleicht ein weißes Loch ist, wieder alles von vorne beginnt.

Und auch da wird, wenn ich dem glaube, was diese Welt an Informationen bereit hält, wieder der Illusionist (Sie dürfen ihn gern auch Visionär nennen, falls ihnen das konkreter erscheint) stehen und das Ruder in die Hand nehmen, sich aus der Ursuppe (oder was immer war, als der Ur knallte) erheben, lange Zeit nichts als Zelle sein, aber schon Visionär, wird sich visionär teilen und wieder teilen und in millionenfacher Vielfalt auftauchen in diesem neuen Universum, das von dem alten nichts weiß und genau den gleichen Weg gehen wird, wieder und wieder und wieder.

Vielleicht haben die Buddhisten recht. Vielleicht die Christen, die Muslime, die Juden, die Hinduisten......
Auf jeden Fall aber haben die Visionäre recht, denn sie sind es, die Zellen teilen, wenn noch niemand auch nur auf den Gedanken gekommen ist, dass Zellen teilbar wären. Sie regieren die Welt. Wie man sie nennt, ist egal. Auch, dass man sie verachtet, ist egal. Alles ist egal, die Welt wäre nichts ohne sie, und ich bin einer von ihnen.

PS.
Tja, und wo das hergekommen ist, weiß ich auch nicht.

PPS.
Bin doch wieder für die Deutschen.

 

Mi 18.06.08   10:30

Schon wieder interessiert sich ein Verlag für Das schwarze Buch.
Werde ich doch noch berühmt?

Kurzer Schreck gestern: Kühler leer, Motor kochend heiß. Zum Glück nur der Wasserschlauch.
Heute früh kam der ADAC und baute einen Ersatz-Schlauch ein, das ging ganz schnell, sogar ich hätte das gekonnt, vorausgesetzt, ich besäße all die Spezialschlüssel.

16:38

Aus gegebenem Anlass: das Fußballlied (Drei L, ich fass' es nicht).
Namen können je nach Spiel des Abends ausgewechselt werden.

17:40

Das Katzentier tat, was es immer tut, es schlief auf der Bank auf dem Balkon.
Ich saß auf einem unserer bequemen Stühle, Fußball war vorbei, die Italiener hatten gewonnen, Sterne waren zu sehen, der Mond war noch nicht hoch genug, um einschätzen zu können, in welchem Stadium er sich befand, ich trank ein Glas Wein und irgendwann fielen mir zwei jagenden Fledermäuse auf. Handtellergroß. Sie jagten über der Straße, rechts hoch bis zu Badewannjupps Haus, links herunter bis zur Kreuzung Kösters Kämpken und ab und an eben auch knapp über meinem Kopf hinweg überm Balkon, so dass ich sie flattern hören konnte und mir sogar einbildete, ihre spitzen, hohen Rufe zu hören. Und dann wurde auch das Katzentier aufmerksam. Setzte sich auf und starrte still ins Dunkel, und so saßen wir beide da, beide in unserer eigenen Welt, aber mit gleichem Fokus auf das, was um uns herum vor sich ging.

 

Do 19.06.8   9:52

Man bangt. Man weiß nicht recht, soll man für sie sein oder gegen sie, soll es einem egal sein oder wäre es besser, einen Infarkt zu erleiden angesichts der bisher nicht sehr überzeugenden Auftritte. Auf jeden Fall fürchtet man jetzt schon den Spott und die Häme der anderen, ganz gleich, wie es ausgeht.

Nicht auszudenken, es gelänge den Deutschen, ein unansehnliches Unentschieden heraus zu rumpeln und dann auch noch im Elfmeterschießen zu gewinnen. Die einzige ehrenvolle Lösung kann daher nur heißen: Sieg oder Niederlage, beide mit fliegenden Fahnen und hochgeklapptem Visier, alles andere ist nicht akzeptabel.

Dass sie den Bundes-Jogi auf die Tribüne gesetzt haben, ist lächerlich.
Wie man mit diesen UEFA Offiziellen umgeht, hat Guus Hiddink gestern abend eindrucksvoll gezeigt: man schiebt sie einfach zur Seite. Haltet euch aus Sachen heraus, die euch nichts angehen, will das sagen.

Also: Möge der Knoten platzen.

11:24

Einer meiner Knoten ist gerade geplatzt.
Geld kommt ins Haus. Der Deutschlandfunk wiederholt eines meiner Hörspiele.
Money for nothing and chicks for free...

13:04

Haben Sie schon mal über den EM-Spot nachgedacht?

Nein?

Sollten Sie aber, denn wahrscheinlich verbirgt sich dahinter ein Geheimnis.
Fragen Sie sich doch mal, wieso der orangefarbene Master-Card Ball diesen kleinen Umweg nimmt, um dann auf die im Vordergrund liegende Heftzwecke zu hüpfen und angestochen in sich zusammen zu sinken.

Ist das 'ne Metapher?
Wofür.
Und dazu noch diese abgeschmackte Musik?

Fänktammeimeln. (Westfälisch für: Es beginnt zu regnen.)

 

Fr 20.06.08   10:54

Nach dem Public Viewing bei den Hollies entschloss ich mich, mit dem Rad zum Ludgeri Kreisel zu fahren, um ein wenig Jubel zu antizipieren, schließlich weiß ich kaum, was das heißt, aber wenn Stürmer Flanken antizipieren, werde ich wohl auch noch den Jubel schaffen. Es ist eine kühle, aber wundervolle Frühsommernacht, der Horizont im Westen leuchtet noch nach und im Osten müht sich ein voller Mond.

Am Kreisel feiert das junge Volk. Im harten Kern um das Denkmal werden Raketen gezündet, man pogt und schwenkt Fahnen, der Gesang allerdings ist verbesserungwürdig, da fehlt vieles und die Sportfreunde Stiller habe ich nicht gehört, aber was nicht ist, kann noch werden. Ich zirkle den Ort des Geschehens, es ist wie nach dem Polenspiel vor zwei Jahren, viele Zuschauer, die genau das wollen, was ich will, einfach nur da sein und still zuschauen, die andern überschlagen sich ja für uns mit.

Dann mache ich mich auf den Heimweg.

Auf der Adenauerallee kommen zwei Radfahrer von hinten heran.
Ich spüre ihre Präsenz, noch eh ich sie sehen kann, dann schaue ich mich um, sie gehören zusammen.
Der erste überholt mich und bleibt vor mir. Der zweite bleibt direkt hinter mir.

Mir ist nicht wohl. Mein Instinkt sagt, das könnte eine Falle sein, zumal ich gleich in die Himmelreichallee abbiegen will. Ich bremse also den hinter mir Fahrenden aus, sodass ihm nichts anderes bleibt, als mich zu überholen. Dankeschön, sagt er, aber ich denke, mich seifst du nicht ein.

Der vor mir Fahrende hatte mittlerweile zugelegt, war schon in die Himmelreichallee abgebogen und schaute sich um. Ich neige nicht zur Panik, aber mein Instinkt riet mir immer noch deutlich, jetzt nicht abzubiegen. Die Himmelreichallee ist verschwiegen, und wenn tatsächlich etwas dran war, wenn mein Instinkt recht gehabt hätte, wäre das Szenario dort recht einfach gewesen: kaum noch Passanten, spärlichere Beleuchtung, der vor mir Fahrende bremst mich aus, der hinter mir Fahrende schlägt zu.

So stellte sich das für mich dar, also fuhr ich geradeaus und wählte einen kleinen, aber von meinem Instinkt empfohlenen, sichereren Heimweg.

PS.

Was Ronaldo angeht, alle Welt hat gesehen, wie erbärmlich er den sterbenden Schwan spielt.
Ich weiß, dass fast alle Fußballer dann und wann übertreiben, aber es so zu tun, wie Ronaldo es tut, ist widerwärtig. Ich hatte ja schon angedeutet, dass ich diesen gegelten Superfussballer nicht am Arsch haben kann, ihn dann nach dem Spiel aber geknickt davonziehen zu sehen, das tat gut, und wie gut das tat, denn trotz Zicke-Zacke-Eins-Zwei-Drei hat er nicht glänzen können, und was ist für einen Glänzer schrecklicher, als ihm die Show zu stehlen.

Ein unterhaltsamer Abend, und heute freue ich mich auf das Spiel zwischen Kroatien und der Türkei.

PPS.

Ich habe mir gestern Firefox 3 aus dem Netz geladen, aber irgendetwas funktioniert nicht mit diesem Browser, er schießt mein System ab, also habe ich deinstalliert und mir den alten Firefox neu installiert. Jetzt ist alles wieder gut.

 

Sa 21.06.08   8:44

Zu früh gefreut.

Während der Schwede trotz Mittsommernachtsfeiern noch trauert, ist der martialisch-kriegerische, der Jawoll-Sager und Zerstörer, der allseits geliebt und geachtete, von Angelsachsen fälschlich als Hunne bezeichnete Bewohner Zentraleuropas frohen Mutes, denn seine Aufgabe lautet nun: schlagt die Türken, die offenbar einen Bund mit dem Alleinigen Gott geschlossen haben (der, wie wir ja wissen, den Muslimen vorbehalten ist ((wahlweise natürlich auch allen Übrigen)), anders ist nicht zu erklären, was da gestern abend schon wieder geschah.
Mir, dem stillen Betrachter, graut schon vor dem Ende dieser EM, denn dann muss ich mich wieder fragen, was mit den Abenden anzufangen ist.

Gerade wurde ich von einem Kampfdackel angegriffen. Er hieß Isabelle. Ich ließ mich nicht verschrecken, beugte mich zu ihm, streckte ihm meine Hand entgegen, worauf Isabelle den Schwanz einkniff und vorsichtig schnupperte. Die Informationen, die sie auf diese Weise erhielt, lauteten: kein Geschlechtspartner. Hochgradig intelligent. Liebt Kinder und Katzen.

Isabelles Herrchen war schlecht rasiert, hatte einen zischenden Sprachfehler und keine Zahnzusatzversicherung. Der dröhnende Dorfdepp, der in kurzen Hosen herum steigt und lautstark alle Menschen anspricht, der sein Haar mal schwarz und dann wieder weizenblond färbt, saß beim Bäcker und frühstückte ein so noch nicht gesehenes Herrengedeck: Cola, Fanta, Wasser: drei Flaschen, die er nach einer wohl nur ihm bekannten Rezeptur mischte. Dazu las er die Bild-Zeitung.

Das idyllische Dorf am südwestlichen Rande der brodelnden Metropole Münster erwacht langsam.
Ich mit ihm.

 

So 22.06.08   19:05

Während Glenn Gould noch con brio spielt, um dann zurück ins Thema der Klavier Sonate Nr. 8 von Ludwig van zu leiten, sitzt Herr M. (your humble servant, wie Laurence Stern, der größte aller nicht mehr lebenden Schriftsteller zu sagen pflegte) ein wenig erschöpft vorm Rechner.

Er hat während der letzten 24 Stunden die Republik nach Norden und wieder zurück durchfahren, hat den Charme der Lüneburger Heide mit all den altdeutschen Gasthöfen und niederländischen Wohnwagengespannen erlebt, die, auf der Hinfahrt am Samstagmittag noch von siegesgewissen Chauffeuren gesteuert, seit gestern Abend keine rechte Freude mehr haben, denn diese Niederlage war tragisch, und alle, die sie mit mir vorm Fernseher verfolgten, waren einhellig der Meinung, es fehle den Niederländern an türkischen Tugenden, und: sie hätten keine Eier (was auf das gleiche hinausläuft), über welche die Türken (was die Bewohner deutscher Großstädte sicher zu bestätigen wissen), im Überfluss verfügten.

Ich war wegen einer Party unterwegs. Jemand wurde Fünfzig, und der erste Gast (weiblich), der nach uns die Szene betrat, brachte mich ein wenig aus der Fassung. Das lag an deren blutroter Spitzenunterwäsche. Bettina, pack deine Brüste ein, Bettina zieh dir bitte etwas an, dachte ich und ahnte, es könne sich bei ihr nur um besagte S. handeln (Zwillinge nach Hormonbehandlung), die kürzlich bei einem Internet-Chat einen Mann kennegelernt hat und darauf ihren Ehemann wegen Verbreitung unerträglicher Langeweile sitzen ließ.

Genauso war es, Frau M. bestätigte das.

Der Abend verlief ohne rechte Höhepunkte, wenngleich ich gern dort zu Gast bin. Die Gastgeberin zeichnet sich durch Unfähigkeit auf allen Gebieten aus, wird aber dennoch oder gerade deswegen von vielen geliebt. Ich mag sie auch. Mein Lieblingsgast: eine Bäuerin. Anfang vierzig, handfest, mit losem Mundwerk. Furchtbar war die Musik. Aber wie man weiß, sind die Geschmäcker verschieden. Und dann gibt es dort noch einen sehr freundlichen, intelligenten niederländischen Schäferhund, der aber nicht unter der Niederlage der Elftal litt, ich glaube sogar, dass sie ihn gar nicht interessierte.

Als Zugabe die wundervolle Landschaft, die Elbe fast in Sichtweite, der hohe weite Himmel.

 

Mo 23.06.08   17:51

Heute trieb es uns nach Enschede. Ich hatte erwartet, die Stadt in Orange anzutreffen, aber nichts da. Keine Fähnchen an den Autos, kaum Fanartikel, stattdessen zweimal die deutsche Fahne, einmal auf dem Rucksack eines jungen Mannes, einmal am Heck eines Fahrrades.

Augenfällig auch: viele dicke Menschen.
Ich meine, dicke, fette Menschen mit unförmigen Ärschen und baumstammdicken Oberschenkeln.
Außerdem: überproportional viele Elektro-Wagen für Gehbehinderte, von denen dennoch häufig Menschen stiegen, die ganz gut laufen konnten. Allerdings waren auch sie übermäßig dick.

Nun weiß ich nicht mehr, wie ich das alles bewerten soll.

Hatten sich alle dicken Menschen mit und ohne Elektro-Wagen heute im Zentrum versammelt?
Und wenn ja, warum? Liegt es daran, dass man in Holland so gern Junkfood isst (de Nederlander fret alles, sagte ein italienischer Eisdielenbesitzer in Amersfort vor Jahren einmal zu mir)?

Sie sehen, dass es eine sensible Seele wie meine schnell ins Ungleichgewicht stürzt, wenn man sie mit schwer beantwortbaren Fragen konfrontiert, sieht man von der einen Frage, die meine Seele ohnehin seit 59 Jahren begleitet, einmal ab.

Heute abend kein Fußball. Wie grausam.
Ich hatte schon fast vergessen, dass es noch etwas anderes gibt als Fußball am Abend.
Aber was? - Das habe ich auch vergessen.
Nicht vergessen habe ich, dass Enschede der Ort meiner Teenager-Sozialisation war.

Sex. Drugs. Rock 'n' Roll.

Auch nicht vergessen habe ich, dass ich den Holländer der 60er Jahre attraktiver fand als den der Gegenwart, aber das mag a: mit meinem Alter, b: den wechselnden Moden und c: dem Fortgang der Zeit im Allgemeinen und im Besonderen zu tun haben. Der Kreis schließt sich.

Diese gegelten Jungschnullis, die aufgebritzelten Sex-in-the-City Klone mit Hosenbünden, die jeder Beschreibung spotten, diese fetten Fetten, die dennoch nichts dabei finden, ihre Bauchrollen an frischer Luft herum zu tragen, das alles war ein wenig zuviel.

So kommt es, dass ich froh bin, wieder zuhause zu sein.

 

Di 24.06.08   9:48

Eigentlich wäre es besser, nicht zu wissen, wer im Besitz eines Führerscheins ist und sich auf den Straßen bewegt. Eigentlich, ja, aber dann taucht ein im hohen Drehzahlbereich schreiender Golf vor unsererem Haus auf. Seit Renovierung der Straße ist die Parkbucht breiter geworden, die angepeilte Parklücke ist eigentlich gar keine Lücke, sondern bietet vom Ende der Parkbucht (woher der Golf kommt) bis zu unserem Wagen mindestens einmeterfünfzig zu beiden Seiten.

Die Prozedur beginnt.

Beim ersten Einparken steht der Wagen schräg zum Bordstein und ragt mit dem Heck weit in die Straße hinein. Man muss also zurücksetzen. Wenn man jetzt bloß wüsste, wo der Rückwärtsgang ist und wie man ihn einlegt. Früher fuhr man mit Zwischengas, aber seit die Getriebe synchronisiert sind, muss man das nicht mehr. Aber man kann natürlich, man kann und man gibt Gas, möglich, dass der Motor gleich explodiert, der Rückwartsgang ist immer noch nicht gefunden ist und ich befürchte, dass der Golf gleichen wegen Einlegens des falschen Ganges mit Karacho in unseren Wagen kracht.

Das tut er nicht.

Jetzt hat man den Rückwärtsgang irgendwie reingewürgt, man setzt zurück und man parkt erneut ein.
Es ist ein schreiendes Hin und Her und offenbar ist die Parkbucht so tief, dass man auch bei einem Abstand von einem Meter zum Bordstein noch nicht auf der Fahrbahn steht.
Wie sagte Woody Allen: jetzt noch ein Taxi zum Bürgersteig und man ist da.

Der Fahrer steigt aus.
Meine Frage: ist er weiblich oder männlich?

 

Mi 25.06.08   15:22

Stromerten durch die Warenwelt, ohne etwas zu kaufen.
Das heißt, wir kauften zwei Bücher. Den Rest tasteten wir ab (haptische Kontrolle), prüften (kognitive Bewertung), bewunderten (emotionale Bindung), staunten über Preise (ökonomische Evaluation), ließen ihn aber für andere liegen. Sollen die sich doch darum kümmern, dass es aufwärts geht.

Nun bereiten wir uns auf den Abend vor.

Schlucken Baldrian-Kapseln, Johanniskraut und werden weitere beruhigende Maßnahmen einleiten (Hopfen-Produkte), wenn es an der Zeit ist. Spätestens bei Einlauf der Gladiatoren werden wir genügend sediert sein, um diesen alles entscheidenden Kampf unbeschadet zu überstehen.

Sollten anschließend Verbrüderungsfeiern zwischen Türken und Deutschen stattfinden, wir werden sie begrüßen. Sollte das Gegenteil stattfinden, prangern wir das an.
Ansonsten wünschen wir angenehme Unterhaltung.

17:57

Geschickt getarnt gelang es dem Autor H. Mensing, bis in den Pressebereich des DFB vorzudringen.
Dort gab er Tipps für das Spiel, erklärte die Abseitsfalle, befahl, was mit den Türken im Falle zu guter Spielzüge dererseits zu tun sei und verwies in diesem Zusammenhang auf die Fortschritte der Orthopädie in Deutschland.

Anschließend prognostizierte er ein 4:2 für Deutschland.

23:51

Jesus, war das nervenaufreibend.

Ballack kaum auf dem Platz, Lehmann bescheiden, nichts klappte, bis auf die drei Tore, die sie geschossen haben, da war eines schöner als das andere.
Und wenn sie den Elfmeter gekriegt hätten, hätte es wie gestanden?
Richtig, 4:2, wie prognostiziert, aber man kann nicht alles haben.

 

Do 26.06.08   15:36

Oft werde ich gefragt, Herr Mensing, wie kommen Sie eigentlich auf Ideen für Ihre Romane?
Tja, das weiß ich auch nicht. Augenblicklich ist jedenfalls keine in Sicht. Und sollte eine auftauchen, wüsste ich nicht woher. Sie wäre dann einfach da, wie jede andere Idee.
Reicht das als Erklärung?
Nein? Gut. Dann kann ich Ihnen auch nicht helfen.
Gehen Sie doch zu einem anderen Schriftsteller und nerven den.

 

Fr 27.06.08   14:09

Kleines Lied für's Wochenende....

 

Sa 28.06.08   10:23

Manchmal habe ich es mit seltsamen Menschen zu tun. Menschen, die etwas ankündigen, etwas versprechen, Menschen die mir schönste Hoffnungen machen, um dann von einem Tag auf den anderen in tiefes Schweigen zu verfallen, dass sich auch durch gute Worte nicht brechen lässt.

Ich kann das nicht verstehen.
Ich verstehe nur einfache Dinge: jemand sagt, ich werde dies tun oder jenes, und dann tut er dieses oder jenes. Jemand bittet mich um etwas, und ich sage ja oder nein.

Aber die Menschen, mit denen ich hin und wieder zu tun habe, funktionieren anders.
Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie keine Westfalen sind, von denen Heinrich Heine sagte, sie seien so treu und verlässlich. Möglich, dass das so ist.

Auch möglich, dass ich irgendetwas falsch mache.
Dass ich Dinge sage, die sie falsch verstehen. Dinge, die sie nicht hören wollen oder Dinge, die ihre Eitelkeit verletzen, denn Eitelkeiten sind das Schmiermittel dieser hochtourig drehenden Maschine, die wir Leben nennen. Wehe, du verletzt meine, dann ist alles zu spät, dann streiche ich dich aus meinem Notizbuch, dann wirst du nie wieder von mir hören, dann ist es aus mit dir, denn ich bin derjenige, der deine Weichen stellt, dank meines Amtes.

Manchmal wünsche ich mir die Verheißung Amerikas, die verspricht, dass jedem alles offen steht, solange er sich nur der Arsch aufreißt und bereit ist.

Reiße ich mir den Arsch nicht weit genug auf?
Bin ich nicht bereit genug?

Es ist kühl.
Ich bereite mich auf ein Fest vor.
Motto dieses Festes: wir saufen uns unter die Erde.
Wir kriechen auf allen Vieren durch die Rabatten.
Wir kiffen uns ins Nirvana.

Alle gescheiterten Rockstars der Region werden da sein.
Alle werde ihre Gitarren mitbringen und bis in die tiefe Nacht ohrenbetäubenden Radau machen.
Wir werden niemanden stören, denn das Fest findet im tiefsten Westfalen statt.
Nachbarn sind weit.

Ich werde das Spektakel mit vorsichtigem Abstand genießen.
Ich werden mich nicht unter die Erde saufen.
Ich werde mich nicht ins Nirvana kiffen, denn ich kann beides nicht mehr vertragen.
Ich werde ein kleines Zelt mitnehmen und irgendwo abseits aufbauen, sodass ich mich beizeiten unbehelligt zurückziehen kann.

Ja, das werde ich tun.

Ich freue mich auf dieses Fest.
Wir werden alle so tun, als hätte es die letzten vierzig Jahre nicht gegeben.
Wir werden alle Rockstars sein.
Wir werden glauben, dass unsere ausufernden Improvisationen großartig- und wir selbst verkannt sind.

Es werden wohl hauptsächlich Männer da sein.
Ein Große-Jungen-Fest, wie das Große-Jungen-Fest, das an diesem Wochende in Roxel stattfindet.
Welches von beiden alberner ist, kann ich nicht beurteilen: unseres oder das Schützenfest.
Die Motti beider Feste sind im Prinzip gleich, nur dass auf Schützenfesten nicht gekifft und die Musik nicht selbst gemacht wird.

Also, worauf warten Sie, Herr M., das Zelt ist gelüftet, die Tasche gepackt, Sie können jetzt noch ein wenig bummeln und darauf hoffen, dass der Himmel aufklart, für die Nacht ist vorgesorgt, ein Kissen wird auch mitgenommen und ein warmer Trainingsanzug, damit die Kühle nicht durch die Isomatte ins Kreuz zieht und sie krümmt.

Und morgen das Endspiel.
Sollten wir gewinnen, dann bitte in Schönheit.
Ansonsten wäre ich eher für Spanien.

 

So 29.06.08   16:50

Was das Motto der Feier betrifft, habe ich mich völlig verschätzt. Ich hatte vergessen, dass alle älter werden. Ich hatte auch die Kinder vergessen, die, spätestens, wenn der Ruf der Natur durch die Reihen der 30-35jährigen Frauen hallt, aus den alten Helden der Szene plötzlich mehr- oder weniger liebevolle Väter formen, die ja nicht mehr so können, wie sie vielleicht wollen, weil so ein Kind sich einen Scheiß darum schert, wann Mama und Papa ins Bett gekommen sind.

Meine Kinder sind groß und ich dachte: bitte, einmal ist keinmal, vergessen wir die Vorsätze.

So kam es, dass ich heute früh gegen fünf, das System mit einem Liter Rotwein, zwei Bier, zwei Bechern Weißwein und der Teilhabe an einem dicken Joint befeuert (nicht dieses lebensgefährliche Zeug, das die Holländer produzieren, sondern gutes, altmodisches Haschisch), mein Zelt identifizierte, hineinkroch, feststellte, dass ein Mensch meiner Größe darin nur diagonal schlafen kann, dass die Isomatte ein Dreck war, also quasi nicht existent, dass die Vögel schon sangen (wogegen mir jemand, den ich wie viele andere Gäste nicht kannte, Ohrenstöpsel geschenkt hatte) und dass im Nebenzelt ein zärtliches Liebesspiel stattfand, weswegen ich die Ohrenstöpsel nur auf einer Seite einsteckte, um nichts von diesem Gegurre zu verpassen.

Darüber schlief ich nicht ein (oder vielleicht doch), die Sonne ging auf, und als ich gegen zehn das Zelt verließ, wollte ich sterben. Mein Kopf war größer als ein Kühlschrank. Ich beschränkte mich auf kleine Schritte, versuchte, den Wald vollzukotzen und fragte mich, wie ich in so einem Zustand je nach Hause kommen könne. Knapp zwei Stunden später tarnte ich mich unter Schirmmütze und Sonnenbrille und fuhr heim. Hielt alle Geschwindigkeiten penibel ein, fuhr nie zu dicht auf, erreichte mein Bett und stürzte hinein. Eigentlich hätte ich noch Stunden warten müssen.

PS.: Was sonst noch geschah, davon später.

Etwa, wie mich die Eingeborenen aktezptieren und lieben lernten.
Oder wie H. mir Geschichten aus ihrem eingebildeten Leben erzählte, dass mir die Haare zu Berge standen.
Oder wie ich den Millionär S. dazu brachte, über seine Millionen zu lächeln.
Oder wie ich erfuhr, dass der allseits beliebte Schauspieler Axel P. auch nur ein Mensch sei, der saufe und kiffe und sich seit seinem zunehmenden Erfolg zunehmenden in ein Arschloch verwandle.

Aber das alles nicht mehr heute.

19:12

Ballacks Wade halte ich für eine taktische Finte. Man wiegt den Gegner in Sicherheit, Ballack kann nicht, sagt man, ob Ballack kann, ist sehr fraglich, sagt man, oh Ballack, was machen wir ohne Ballack, ruft man verzweifelt in die Medien, und dann taucht Ballack doch auf und die Vorfreude unserer Gegner platzt und führt zu Verunsicherung. 80% dieses Spiels ist Psychologie. Das bisschen Rennen können mittlerweile fast alle. Aber die Psyche, das durchzustehen, haben sie nicht. Wetten.

Ich tippe heute nicht. Ich hoffe nur.

 

Mo 30.06.08   8:26

Ich traf die Eingeborenen kurz nach drei. W., das Geburtstagskind, L., ein mir unverständlich zaghafter Gitarrist und ich hatten eine halbe Stunde vorher die Bühne erklommen, um noch ein wenig Radau in den blanken Himmel zu jagen, was aber wegen der schon konsumierten Getränke zu nichts führte, sodass ich direkt danach an deren Tisch landete.

Es waren drei: ein junger Mann mit Koteletten, woraus ich schloss, er müsse Rockabillyfan sein, eine sehr hübsche junge Westfälin, Schwägerin des jungen Mannes und ein etwa fünzigjähriger Kahlkopf, klein, rotgesichtig, dumm, ein Knecht, hätte man früher gesagt, jedenfalls einer, der in der Landwirtschaft abhängig arbeitet, kein Bauer.

Die drei hatte eine sicherer Instinkt hergeführt: Freibier.

Natürlich wollten sie auch nachschauen, was da eigentlich vor sich ging, ja, und abwiegeln wollten sie, den Einspruch des Bauern aus der Nachbarschaft abwiegeln, der sich am frühen Abend über die Lautstärke beschwert und angeführt hatte, seine Pferde würden unruhig.

Sie, die ja auch Eingeborene wären, hätten damit nichts zu tun, sie wollten nicht in schlechtem Licht stehen, also keine Spielverderber sein, schließlich müsse sowas auch mal erlaubt sein, und ihr macht das doch nicht jede Woche.

Macht ihr sowas denn öfter?

Er (der Bauer) sei sowieso ein wenig übergeschnappt, sagten sie. Noch ein Bier, fragte ich, und sie nickten glücklich. Dann lobten sie den Hof, sagten, wie schön das alles geworden wäre, verglichen mit dem Zustand vor etwa drei Jahren, als hier ein Autoschrauber wohnte, der wohl über die Jahre den Überlick über den Bestand seiner Ersatzteile verloren haben musste.

Der Rockabillyfan entpuppte sich als Psychobillyfan, hatte aber das gleiche Handicap wie die meisten Gäste: er war mittlerweile verheiratet und hatte Kinder. Der kleine Glatzkopf war Bild Leser und das war seine einzige Informationsquelle. Mit Frauen konnte er nichts anfangen. Die kosten nur. Und wenn du mal alt bist, was dann, fragte die hübsche Westfälin, die drei Höfe weiter wohnte. Er zuckte die Achseln. Noch ein Bier? Ich hatte mir mittlerweile Rotwein besorgt, einen Bordeaux aus dem Hause Rothschild, vielleicht war das falsch.

Als den dreien die Zigaretten ausgingen, wurde es hell und jemand schlug vor, in die Bar zu wechseln. Der Gastgeber hatte einen Bereich des ehemaligen Kuhstalls in eine Bar umgebaut, ein Pool-Tisch stand darin und die Getränke waren kühl, also wanderten wir hinüber, aber auch dort waren keine Zigaretten mehr aufzutreiben, und den Cha-Cha-Cha, den ich mit der Gastgeberin tanzen wollte, tanzte ich auch nicht mehr.

13:48

Sie sei Designerin, sagte sie und ich dachte: aha, interessant. Dann erzählte sie mir von ihrem Alltagsdrama als freischaffende Schneiderin, schaute an mir herab und sagte, ich wäre aber gut angezogen, und ich dachte, aha, interessant.

Sie sei quasi Weise, erzählte sie weiter, ihre Mutter habe sie nur geboren und dann weggegeben und dann sei sie bei dem Architekten Soundso in Münster aufgewachsen, habe aber schon mit 6 Jahren erfahren, dass das ihre Pflegeeltern wären, und da habe sie gleich gewusst, dass das nicht schlimm ist und dass sie da kein Drama draus machen wolle.

Aha, dachte ich, und so langsam stiegen mir Zweifel auf.

Sie war hübsch, bisschen spirrig, feingliederig, flachbrüstig, bisschen flippig angezogen, und mit dem nächsten Satz schon wieder etwas ganz anderes, diesmal in der Gastronomie arbeitend, 2-5 tausend Gäste versorgend in einer Bar. In einer Bar? Was ist das denn für eine Bar? Solche großen Bars gibt's ja gar nicht, sagte ich erstaunt und sie sagte, also auf GABBA-Parties (heißen die so, diese Parties, auf denen alle voll sind mit Ecstacy), da organisiere sie quasi allein und eigenverantwortlich das Catering.

Sie redete noch mindestens eine Viertelstunde mit mir, dann setzte sich der Schauspieler M. neben uns, und sie erzählte ihm eine Geschichte, die konträr zu den Geschichten stand, die sie mir erzählt hatte.

Eigentlich (um das abzuschließen) heiße sie Petra, ihr Freund aber, ihr Freund habe gesagt, weißt du, du siehst aus, als würdest du Hanne heißen. Seitdem heiße sie Hanne, und jetzt käme es, ihre leibliche Mutter heiße Hannelore, also das wäre doch irre, oder, dass ihr Freund gedacht hätte, sie müsse Hanne heißen. Ja, ja, nickte ich, aber da hatte ich schon längst den Glauben an sie verloren.

 

 


 

 

 

 

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