Juni 2011                                        www.hermann-mensing.de          

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zum letzten eintrag


Mi 1.06.11 11:45

Dienstagabend. 22:35.

Es schellt. Ich gehe zur Tür. Eine Frau meines Alters steht in der Haustür, einen mittelgroßen, rotblonden, struppigen Hund an der Leine. Sie ist aufgeregt. Da liegt eine Frau auf der Straße, sagt sie. Eine Frau? Ja. Weiß auch nicht. Ich gehe hinaus. Mitten auf der Kreuzung liegt jemand. Merkwürdig ist, dass da jemand mit einer blau schimmernde Lampe zwischen den Füßen liegt. Es sieht beunruhigend aus, ich rufe meinem Sohn zu, die Polizei zu rufen und gehe zur Kreuzung.

Da liegt keine Frau. Da liegt ein junger Mann, schätzungsweise 25 Jahre alt, orangefarbene Kapuzenjacke, Jeans, langes Haar, hager und ist sehr lebendig. Was er da mache? frage ich und er sagt, er wolle erkunden, wie es mit der Vorsicht der Autofahrer bestellt sei. Auf meinen Einwurf, das könne er doch nicht machen, was er sich dabei denke, er solle gefälligst aufstehen, sagt er, ich solle mal locker werden.

Ein Bus kommt. Der Bus hält. Der Fahrer fragt, ob ich Hilfe benötige. Ich sage, nein, nein, schon gut. Ich schlage dem jungen Mann vor, wenn er weitere Studien betreiben wolle, solle er das auf der Autobahn tun, die Ergebnisse dort wären sicher beeindruckender und jetzt solle er aufstehen, ich hätte die Polizei bereits angerufen.

Er steht murrend auf. Er geht die Straße hinauf, bekräftigt mehrfach, ich sei nicht locker, ich solle mal locker werden, ich rufe ihm nach, was ich denke. Zu viele Drogen, denke ich, oder vielleicht hat ihm irgendein Scharlatan eingeredet, er solle mal seine Grenzen austesten, ich weiß nicht, jedenfalls glaube ich, dass er einen Sprung in der Schüssel hat.

Fünfzig Meter weiter setzt er sich an den Straßenrand. Die Polizei kommt zehn Minuten später. Ich höre, dass die Beamten mit dem jungen Mann sprechen. Ich höre, dass gelacht wird. Ich denke, interessanter Beruf, Polizist, was einem da so alles unter die Augen kommt. Das Gespräch geht fünf Minuten hin und her, ich höre, dass der Polizist sagt, dann gehen Sie jetzt mal nach Hause.


So 5.06.11 19:30

Ein Gynäkokolge, ein Ingenieur, ein Fernmeldetechniker, ein Lehrer und ein Dichter fahren vier Tage zur See. Mehr dazu hier, aber nicht heute.


Mo 6.06.11
10:23

1 Tag: Sneek - Langweer

Die See war kein Meer, wie wir sagen, wenngleich der Niederländer Meer sagt, wenn er einen See meint, denn er nennt seine Binnenseen Meere. Von denen gibt es unzählige, große und weniger große, runde, eckige, bananenförmige, die Vielfalt ist grenzenlos. Alle sind mit Kanälen verbunden, mit schmalen und breiten Kanälen, die Prinz Hendrik Kanal oder Prinz Margriet Kanal heißen, mit Kanälen, die so flach in der Landschaft liegen, dass man Wasser und Land manchmal kaum unterscheiden kann und bei ungenauem Hinschauen glaubt, die grasenden Kühe gingen übers Wasser.

Der Dichter, den manche von Ihnen fälschlicherweise zu kennen glauben, hatte sein Auto betankt, hatte die Funktionen geprüft, das Navigationsgerät instruiert, das für das Finden des Bootsverleihs vor Ort wichtig, ansonsten jedoch überflüssig war, und fuhr los. Die Wetterprognosen waren prächtig. Kaum auf der Bundesstraße Richtung Westen fiel ihm ein, dass er zwar einiges eingepackt, aber ein Handtuch vergessen hatte. Er würde eh nur die nötigsten Körperregionen reinigen, dachte er, fünf Tage auf See, öffentliche Toiletten und Duschen in Yachthäfen findet er nicht prickelnd, da würde sich schon ein Weg finden.

Nach etwa drei Stunden sagte die freundliche Ansagerin des Navigationsgerätes, Sie haben ihr Ziel erreicht. Der Dichter stieg aus, sah das Ziel jedoch nicht. Jedenfalls fand er an dem Gebäude, vor dem er nun stand, keinen Hinweis. Also betrat er das Betriebsgelände, traf auf einen bärtigen Mann seines Alters und fragte nach dem Centerpoint Yachtcharter. Der sei nebenan, sagte der bärtige Mann, "dat is de buurman", der Nachbar also, "en die heeft hier niets te zeggen". Der hat hier nichts zu sagen, heißt das und impliziert eine gewisse Rivalität. Später stellte sich heraus, dass die Männer, mit denen der Dichter auf Törn gehen sollte, das Hausboot bei dem "buurman" gechartert hatten, die Jolle jedoch bei ihm.

Das Hausboot ist ein Boekanier, ein in England gebautes Kanalboot. Es ist 11,25 Meter lang, 3,66 breit, hat 1 Meter Tiefgang und benötigt eine Durchfahrthöhe von 2,15 Meter, zwei Kabinen, eine kleine Toilette mit Dusche, einen Salon am Bug, eine kleine Küche mit Vier-Flammen-Gasherd und einen Kühlschrank.





Der Dichter war aufgeregt. Er würde auf eine eingeschworene Gemeinschaft von Männern seines Alters treffen, die seit zwei Jahrzehnten miteinander segelten. Alle bis auf den Lehrer waren ihm fremd, und auch Letzteren kannte er erst seit vier Wochen. Zwischen ihm und dem Dichter hatte sich auf einem Fahrradausflug mit Eltern und Kindern spontane Zuneigung breit gemacht. Der Lehrer und der Dichter waren mitradelnde Opas. Schnell wurde klar, dass sie Sozialisationserfahren teilten, die zum Beweis mit dem anschließenden Verkosten selbst angebauter Rauchwaren ihren Fortgang nahmen und in der Einladung zu diesem Segeltörn gipfelte.

Es würde nicht einfach, soviel war dem Dichter klar, vier Männer mit Familien und Berufen, die feste Einkommen generierten, vier Männer mit Erfahrungen und Demütigungen des Alltags, von denen der Dichter kaum etwas wusste, vier gestandene Männer, der Dichter würde schon sehen.

Kurz vorm Ziel hatte er im Stau neben einem Auto gestanden, dessen Kennzeichen auf den Herkunftsort des Lehrers verwies, und auch der seiner Seite zugewandt Sitzende kam ihm von Fotos, die ihm der Lehrer hatte zukommen lassen, bekannt vor. Der sanfte Riese und der Ingenieur, wie sich wenig später herausstellte. Der sanfte Riese, ein liebenswerter Mann, der beim Sprechen gern die Arme vor der Brust verschränkt, der Ingenieur, ein trocken argumentierender Norddeutscher, der nur Nötigstes sagt, das jedoch auf den Punkt und mit klarem, scharfen Witz.

Der Dichter hatte sich mit dem Betreiber des Bootsverleihers bekannt gemacht, hatte nach einem Kaffee gefragt, aber Kaffee gab es nicht. Also trank er mitgebrachtes Wasser, setzte sich auf eine Bank und wartete auf die Ankunft der übrigen Mitreisenden.

An einem der Stege lag eine Motoryacht, die Aqua Cosmos. Auf dem Achterdeck deutsch sprechende Menschen, die Kaffee, Sekt und Weißwein tranken. Aha, dachte der Dichter, dem Vorurteile um die Ohren flattern wie Nachtfalter um Straßenlaternen, Kapitalisten.

Es ist in einer 36jährigen Ehe sozialisiert, die alles bot, was er sich erträumt hatte, aber eben auch ein hermetisches System war, das Vorurteilen Raum gab, denn in so einer Ehe ist man sich selbst genug. Seit seine Frau vor fast zwei Jahren an der Volksseuche Krebs starb, hat er gelernt, dass er viele dieser Vorurteile über Bord werfen muss, um weiter leben zu können. Das Spektrum seiner Akzeptanz anders denkender und lebender Menschen hat sich seitdem erweitert. Das ist eine andere, spannende Geschichte, die aber hier nicht erzählt wird. Hier wird er recht bald erfahren, dass die Kapitalisten auf diesem großen, protzigen Ding auch nur Mieter waren, wenngleich die Miete natürlich voraussetzt, dass man Besserverdienender ist. Dichter sind keine Besserverdienenden. Dichter haben Zeit.

14:14

Erst kamen der sanfte Riese und der Ingenieur. Der Dichter begrüßte sie, sie zeigten ihm, mit welchem Schiff sie ausfahren würden, brachten ihr Gepäck an Bord, belegten eine Kabine, informierten den Dichter darüber, dass sie nun eine Falk holen würden, so der Fachterminus für die Jolle, mit der sich auf den Weg machen würden, man träfe sich später in Langweer.

Als der Lehrer und der Gynäkologe eintrafen, wurden Vorräte aufs Schiff getragen. Der Lehrer hatte eingekauft. Er hatte, das wird sich zwei Stunden später zeigen, an alles gedacht. Auffallend war, wie die beiden, die von sich sagen, gute Freunde zu sein, von Anfang an miteinander kommunizierten. Der Lehrer hatte fast immer etwas an dem Gynäkologen auszusetzen. Kein Argument, kaum eine seiner Handlungen schienen dem Lehrer richtig, sodass der Dichter sich insgeheim auf die Seite des Gynäkologen schlug.

Er hätte die Einwürfe des Lehrers nicht auf sich sitzen lassen, aber der Lehrer hatte auch nichts an ihm zu bemängeln. Vielleicht aber war es auch nur so, dass er spürte, dass er ihn nicht derart hätten maßregeln dürfen, das war nicht auszumachen. Offensichtlich dennoch war, dass der eher verträumt wirkende Gynäkologe, der einen mit einem Blick anschauen konnte, der sowohl Zuneigung als auch ironische Distanz bedeuten konnte und der Lehrer, ein hagerer, lederner Mann, dem man ansieht, dass er viel raucht, sich trotz aller Argumente sehr nah waren. Ihr sprecht und geht miteinander um wie ein Ehepaar, sagte der Dichter später. Sie wären auch eines, antworteten beide.

Der Dichter wird glauben, dass die Dominanz, mit der der Lehrer etwa das Ruder beansprucht, mit dessen Beruf zusammen hängt. Dass der Gynäkologe derart duldsam reagiert, mag ebenfalls mit dessen Beruf zusammen hängen. Der Dichter stellt sich vor, dass ein Gynäkologe duldsam, ja einfühlsam sein muss, dass er, eh er etwas sagt, abwägt, ob es für den Zustand seiner Patientin beruhigend oder beunruhigend ist, dass er also mit der Wahrheit und den Anforderungen, die diese Wahrheit an seine Patientinnen stellt, äußerst sensibel umgehen muss, um Fehlinterpretationen zu vermeiden. Der Lehrer hingegen postuliert. Der Gynäkologe lacht und schaut, manchmal sagt er ganz leise, so kannst du nicht mit mir sprechen, das wollte ich dir einmal sagen.

Gegen 18 Uhr sticht der Boekanier in See. Der Dichter darf auch einmal ans Ruder. Die Sonne senkt sich, das Wasser gleißt, fahr den Tonnenstrich, weist der Lehrer ihn an. Die Tonnen sind wahlweise grün und rot, bei sich kreuzenden Fahrwasser grün und rot, die grünen Tonnen sollten an Steuerbord, die roten an Backbord liegen.

Eine Stunde später erreicht der Boekanier den Yachthafen Langweer. Der Gynäkologe fährt gegen einen Poller. Der Lehrer schimpft. Ein Kind weint. Ein Glatzkopf mit großem weißen Hund angelt. Eine Blonde auf der Nachbaryacht schaut zu. Ein blondes Mädchen mit Schwimmweste jagt Möwen.
Die Mannschaft macht fest.

Der sanfte Riese und der Ingenieur kommen an Bord. Ihre Jolle liegt schräg gegenüber. Der sanfte Riese zeigt, was er mitgebracht hat: eine Flasche Hochland-Single-Malt, eine Flasche Grappa, eine Flasche Himmbeerbrand, eine Flasche Calvados. Wir trinken auf die Ankunft.
Der Dichter sitzt und schreibt. Wer schreibt, der bleibt, ruft ein Niederländer herüber. Der Lehrer beginnt, das Abendessen vorzubereiten. Der Dichter bietet sich an, Gemüse zu schneiden. Der Lehrer hat schärfste Messer von höchster Qualität. Der Dichter schneidet sich ein Stück Daumenkuppe ab. Es blutet gehörig, ist aber nicht weiter schlimm. Der Gynäkologe hat alles dabei, was ein Arzt braucht. Irgendwie beruhigt das den Dichter. Auch die Art, wie der Gynäkologe, der von sich behauptet, er rauche nicht, während er sich eine Malboro mit der anderen ansteckt, erweckt seine tiefe Sympathie. Als jemand beim Essen ein Glas umwirft, brilliert der Ingenieur zum ersten Mal. Randalier hier nicht rum! sagt er. Diese verknappte Art gefällt dem Dichter sehr. Natürlich stammt auch der Gynäkologenwitz von ihm. Und der Witz mit dem Standgebläse. Aber die werden hier nicht erzählt.

16:09

Vorher aber, noch vorm Gemüseputzen und Schneiden, macht sich der Dichter davon. Geht von Bord, will den anderen Gelegenheit geben, erste Eindrücke auszutauschen, geht aber auch, weil er einen Moment für sich allein will, geht über die Pier, überquert eine kleine gebogene Holzbrücke, ringsum Ferienhäuser, ein gepflasterter Platz, linkerhand die Duschen und Toiletten, rechterhand der Imbiss Deniz, der Dorftürke, ein kleiner, sehr kompakt gebauter, glatzköpfiger Mann, der, als der Dichter kommt und einen Kaffee will, gerade mit Freunden und/oder Bekannten spricht, ebenfalls Türken, die aussehen, wie der Dichter sich den gewaltbereiten Türken vorstellt.

Sie sprechen Niederländisch miteinander, der Kaffee ist leidlich, der Dichter sitzt draußen und fragt sich, wie man sich fühlt in so einem friesischen Dorf, in dem alle Protestanten sind, womöglich in konkurrierenden protestantischen Gemeinden, die auf die wahre Auslegung des Wortes Stein und Bein schwören, alle mehr oder weniger seit Lebenszeit miteinander verwandt, verschwägert, bekannt, verfeindet, wie man sich da wohl fühlt als glatzköpfiger Türke. Er mag lieber gar nicht weiter denken. Also sitzt er da und sieht zu, wie im Nachbarhaus eine deutsche Familie einzieht, Feriengäste, die tagsüber wahrscheinlich segeln: ein Mann um die vierzig mit grauem, langem Pferdeschwanz, Frauen, mehrere Kinder, wahrscheinlich ein Hund, Golden Retriever, denkt der Dichter und da bellt er auch schon.

Er zahlt und schlendert ins Dorf. Da gibt es an der Ecke einen blitzblanken Imbiss, gegenüber ist das Restaurant Drie Zwanen, an den Holztischen draußen sitzen dicke deutsche Jugendliche über Bergen Pommes und sind laut. Der Dichter bestellt eine Frikandel Speciaal. Die Dorfstraße ist von Linden gesäumt. Um die Ecke ist ein Immobilienbüro. Der Dichter schaut sich Preise an. Für ein einfaches, dem Bauhaus abgeschautes, aber nicht wirklich verstandenes Haus, das aus zwei versetzt miteinander verbundenen Cuben besteht, werden 450.000 Euro verlangt.

Der Lehrer bereitet einen Gemüstopf mit Schweinefleisch, Paprika, Zwiebeln, Sellerie, Ingwer, Knoblauch. Er ist ein hervorragender Koch. Der Dichter weiß, warum. Der Lehrer lebt allein. Er hat eine Ehe hinter sich, er hat eine Tochter, eine Enkelin, er hat sein Alleinsein nach der Ehe perfektioniert, er weiß über Weine Bescheid und über die Beschaffenheit von Gläsern, weiß, warum der Weißwein aus einem Glas mit scharfem Rand besser schmeckt als aus einem Wasserglas, und der Rotwein aus einem Glas mit rund geschliffenem Rand. Der Dichter staunt, worüber und womit man seine Zeit verbringen kann. Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Er wirft ein, dass das Keltern von Wein doch Jahrtausende bekannt sei und das Gefäß, aus dem der Wein damals getrunken wurde, eher rustikal war.

Nach dem Essen setzte heftiges Trinken und Rauchen ein. Der Lehrer hatte dem Dichter erzählt, er sei der einzige Kiffer an Bord, über die Jahre hätten die Männer das zwar akzeptiert, aber nie gut geheißen. Nun war mit dem Dichter ein zweiter Haschischraucher an Bord, die Stellung des Lehrers somit ausgebaut, wenn auch nicht gefestigt.

Gegen drei, halb vier gingen die letzten in ihren Kojen. Der Dichter zog es vor, im Salon zu schlafen. Das Dach des Boekanier war geöffnet, Sterne funkelten, das Schiff schaukelte sanft, der Dichter hatte einen gehörigen Rausch, was das Schlafen auf der linken Seite unmöglich, auf der rechten jedoch erträglich machte. Er erwachte früh. Ein Kuckuckspaar überflog laut rufend den Yachthafen. Tauben gurrten. Der Dichter wünschte sich ein zielsicheres Gewehr.


2. Tag: Langweer - Lemmer

Gegen 10:30 hatte er gespült, der Lehrer hatte Kaffee gekocht, der Ingenieur briet Spiegeleier und Speck, es war Käse da und Landwurst, der Gynäkologe trug eine Dolce und Gabana Mütze und schimpfte auf sein I-Phone. Der Dichter wurde den Verdacht nicht los, dass er sein Telefon nicht verstand. In seinem Kopf irrlichterten Gesprächsfetzen des vergangenen Abends.

Der Ingenieur etwa hatte ihn gefragt, wie das denn sei mit dem Bücherschreiben und was für Bücher das überhaupt seien, der sanfte Riese hatte Pop Life gelesen, aber nichts damit anfangen können, der Gynäkologe las Limit von Frank Schätzing und schien mit der Literatur, die der Dichter verfasst, ebenfalls nicht recht warm werden zu können, einzig der Lehrer hatte ihm versichert, dass er sein Buch gut fände. Der Dichter hatte allen erklärt, welche Art Kinderbücher er schfreibe.

Er hatte das mit drei Sätzen erledigt und den Ingenieur darauf gefragt, ob er ihm den elektrischen Strom in eben solcher Kürze erklären könne. Der Ingenieuer hatte eine halbe Stunde benötigt, die jedoch aufschlußreich war. Jedenfalls hatte der Dichter verstanden. Der sanfte Riese hatte von seiner vor fünf Jahren ebenfalls an Krebs gestorbenen Frau berichtet und von dem Unverständnis seiner in England lebenden Tochter, weil er nach einem halben Jahr eine neue Partnerschaft eingegangen sei. Das ist ein bisschen früh, hatte der Dichter eingeworfen. Da müsse er seine Tochter schon verstehen. Der Gynäkologe hatte von den Schwierigkeiten mit zwei adoptierten Kinder berichtet. Eines davon, die Tochter, habe Probleme mit Drogen. Der Lehrer und der Dichter rieten ihm, seine Kinder nicht mit Erwartungen zu überfrachten, sie müssten ihren Weg allein finden. Das, so der Lehrer zum Gynäkologen, machst du falsch, du überfrachtest sie. Du erwartest zuviel.

Aber wir schweifen ab. Noch schreien die Tauben, auf den Schiffen ringsum erwacht das Leben, Menschen mit unter den Arm geklemmten Toilettenpapierrollen steigen von Bord. Der Dichter muss nicht.

19:11

Die Frage, die den Dichter beim Morgengeschäft beschäftigt hätte, lautet: werden die vier Männer ihn akzeptieren? Nehmen sie ihn auf in ihren Kreis, oder finden sie, dass er ein unverbesserlicher Egoist sei, was er unumwunden zugäbe, spräche man ihn darauf an. Ja, würde er antworten, natürlich denke ich zuerst an mich, dann erst an andere, so aber, ohne erkennbaren Darmdrang, blieb die Frage ungefragt, wenngleich der Ingenieuer im Verlauf des Abends etwas ganz Ähnliches gesagt hatte, allerdings im Hinblick auf sich. Mit der ihm trockenen Schärfe hatte er das in die Runde geworfen und dabei gelächelt. Ein Mann mit Prinzipien, dieser Ingenieur. Ein kühler Denker. Einer, der von der Sache ausgeht, nicht von den damit unter Umständen verbundenen Emotionen.

Und was er alles wusste. Sehr interessant, fand der Dichter, den Bau von Offshore-Windanlagen hatte er ihm erklärt, hatte von den vielfältigen bautechnischen Problemen berichtet, die dabei entstehen, aber auch von den ungeklärten Zuständigkeitsbereichen solcher Anlagen, die bisher nicht geklärt seien. Er erläuterte das an einem Beispiel. Wer etwa ist zuständig, wenn in der Kuppel so einer Anlage ein Mechaniker kollabiert? Wie birgt man ihn bei schlechtem Wetter aus 120 Metern Höhe? Wer tut das und wie wird das getan, wenn man ihn nicht abseilen und man mit dem Schiff nicht anlegen kann, weil am Fuße die Wellen bis zu vier Meter hoch auf- und absteigen? Das Schmieden von Damaszener Stahl hatte er ihm erklärt. An seinem Gürtel trug er ein französisches Messer mit wunderschönem Holzschaft und einer rasiermesserscharfen Klinge. Damit schnitt er alles, was zu schneiden war.

Auf See ging er nicht ohne Rettungsweste. Er ist kein guter Schwimmer und gerät in Panik, wenn er mit dem Kopf unter Wasser kommt. Der Dichter ist zwar ein guter Schwimmer, hat aber großen Respekt vor Wasser. Und weil das so ist, hatte er gleich zu Anfang gefragt, ob er jemandes Rettungsweste ausleihen könne. Der Ingenieuer hatte ihm seine gegeben. Das vergessene Handtuch hatte der Dichter vom Gynäkologen bekommen. Zustoßen konnte ihm also nicht mehr allzuviel, wenngleich er natürlich wusste, dass immer alles geschehen kann.

Die Reden gingen hin und her und manchmal hoch, und dem Dichter fiel auf, dass man die Geschichten des Lehrers oft mit einem lapidaren: Ach, die Lehrer! konterte. Irgendwann stand auch die Klassenfrage im Raum. Der sanfte Riese hatte nach seiner Fernmeldelehre ein Studium begonnen. Die Qualifikation dazu hatte er über den zweiten Bildungsweg erreicht. Das hatte den Dichter für ihn eingenommen, denn auch er hatte damals den zweiten Bildungsweg gewählt. Als der sanfte Riese dann sagte, die Akademiker in seinem Beruf seien in der Regel die Begriffsstutzigsten, sie müssten meist mühsam der Praxis angenähert werden, während die mit dem zweiten Bildungsweg häufig die besseren Mitarbeiter, weil Pragmatiker seien, hatten alle für Momente den Atem angehalten, denn das war brisant und auf den Lehrer gemünzt. Wo kommst du her? Wie bist du sozialisiert? Konnten die, bei denen du groß wurdest, jeden deiner Wünsche erfüllen, wie der Lehrer sagte. Nein, konnten sie nicht, sagte der sanfte Riese. Nein, sagte der Dichter. Der Ingenieur sagte nichts, der Gynäkologe auch nicht, und die Bombe ging nicht hoch. Die Männer kennen sich und wissen, solche Momente zu entschärfen. Man trinkt noch einen.

Dann wird es ruhig, die Räusche müssen verschlafen werden, jemand schnarcht, und am Morgen tauschen der Dichter und der Lehrer sich über das Wunder des menschlichen Organismus aus, der in der Lage ist, in wenigen Stunden große Mengen zugeführter Giftstoffe zu verarbeiten und entsprechend zu entsorgen, während der Gynäkologe zwei Aspirin in Cola auflöst. Er mag Cola. Er findet, Cola sei ein geiles Getränk, das man in der ganzen Welt ohne gesundheitliche Gefährdung trinken könne.

20:12

Auf Wunsch einer mir bekannten Leserin, hier die im Verlauf schon angedeuteten Witze. Da es sich um Herrenwitze handelt, die unter Umständen jeder außer mir kennt, weil ich selten mit Herren reise, bitte ich um Nachsicht.

1. Was haben ein kurzsichtiger Gynäkologe und ein Dackel gemeinsam? eid ethcuef Esan.
2. Wie nennt man eine 140 cm große Blondine? Esälbegdnats.

20:52

Mein Lieblingsfoto.
Sonntag, 5. Mai, gegen 11 Uhr.




Di 7.06.11
8:57


Fortsetzung 2. Tag Langweer - Lemmer

Erzählzeit ist Dienstag. Am Vorabend hatte der Dichter mit der Vergangenheit telefoniert, die 1974 in Griechenland Gegenwart war, und vielleicht Dinge auf den Weg gebracht, die hier nicht verhandelt werden. Dinge, über die viel gesprochen wurde in den Tagen auf See. Männergeschichten, wie anders hätte es sein sollen mit Männern an Bord, die sich wie Kinder das Jahr über auf diesen Törn freuen, um anschließend wieder eigene Wege zu gehen. Dann hatte er ein Gedicht geschrieben.

Der Wind geht scharfer und schärfer
im Westen zuckt der Blitz
am Straßenrand stehn' Werfer
mit Geld für'n Parkuhrschlitz.

Er hatte sich zurückgelehnt und gestaunt. Das ist das Schönste an seinem Beruf, das Staunen über Sätze, Worte und Reime, die plötzlich von irgendwo kommen und sagen, hier, wir sind deins. Niemand außer dir kann das. Sei stolz.

Erzählte Zeit jedoch ist der vergangene Donnerstag, 2. Juni 2011. Das Wetter ist gut, der Ingenieur ist mit dem Zubereiten des Frühstücks beschäftigt: Spiegeleier mit Speck. Einer nach dem anderen war mit der Toilettenrolle verschwunden und zurückgekehrt, Zigaretten wurden geraucht, das Ziel der Tagesetappe besprochen. Man orientierte sich an der Karte. Das Ziel hieß Lemmer. Es liegt am Ijsselmeer. Von Langweer ginge es über den Skarster Rien, einen Kanal, quer übers Tjeukemeer, in den Follegastsloot, von dort über die Grutte Brekken nach Lemmer. Auf der Grutte Brekken herrscht Berufsschifffahrt, da heißt es, aufpassen, sagte der Lehrer.

Der Dichter trank Kaffee und rekapitulierte die Metapher des Ingenieurs für Gleichstrom. Er solle sich, hatte er gesagt, einen hoch stehenden, mit Wasser gefüllten Behälter vorstellen. Das sei die Spannung. Von diesem Wasserbehälter führe ein Ablaufschlauch. Die Fließgeschwindigkeit des Wassers durch diesen Schlauch sei der Strom. Nun könne man die Fließgeschwindigkeit durch zwischengeschaltete Kräne = Widerstände regulieren. Hätte man jedoch zwei Wasserbehälter und lasse abwechselnd Wasser = Strom von dem einen und wieder dem anderen Behälter abfließen, erhalte man Wechselstrom.

Ob es stimme, dass Gleichstrom der gefährlichere sei, hatte der Dichter gefragt. Ja, hatte der Ingenieur geantwortet. Wie es denn sein könne, dass Menschen durch ein defektes Elektrogerät einen tödlichen Stromschlag erhielten, es aber bei Exekutionen (der Dichter verwies auf einen Film, den er kürzlich gesehen hatte: The Green Mile) zu grauenhaften Todeskämpfen kommen könne? Das Herz sei das Problem, hatte der Ingenieur geantwortet. Nicht jedes Herz reagiere auf Stromschläge gleich. So ein Herz sei nicht immer leicht auszuschalten.

Der sanfte Riese erzählte von einem Kollegen, der statt eines Stromprüfers gern einen Grashalm benutzt habe, den er zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten auf das entsprechende Kabel gelegt hätte. Hätte es Strom geführt, hätte der Kollege ein leichtes Vibrieren gespürt. Vibrieren? sagte der Dichter, denn das hatte ihn an seinen ersten Urlaub mit den Pfadfindern im Sauerland erinnert. Er hatte an einen Weidezaun gepinkelt und da hatte es mehr als nur vibriert. Die anderen Männer kannten das.

10:07

Der Lehrer, der Gynäkologe und der Dichter entern die Jolle. Seezeug und Getränke werden am Bug verstaut. Den Motor an, dann erst die Leinen los. Immer erst sicherstellen, dass der Motor läuft, sonst könnte der Wind das Boot unkontrollierbar wegdrücken, das will man nicht. Ahoi. Es geht los. Der Wind ist schwach. Über den Skarster Rien wird motort. Auf dem Tjeukemeer wird die Fock gesetzt. Der Wind kommt von achtern. Der Dichter darf ans Ruder und orientiert sich am Tonnenstrich.

Kommt jemand von hinten, ist er ein Mitläufer, kommt er von vorn, ein Gegenläufer. Bleibt noch die Frage nach Backbord und Steuerbord. Der Ingenieur hatte das mit einer Eselsbrücke erklärt. Gibt dir jemand eine Backpfeife, trifft er dich Backbord. Leicht zu merken und sinnvoll, denn links oder rechts führe leicht zu Verwechslungen, wenn jemand mit dem Rücken zur Fahrtrichtung stünde.

Mitläufer Backbord, ruft der Dichter stolz. Bisschen mehr Steuerbord, sagt der Lehrer. Der Dichter legt die Hand über die Augen, der Gynäkologe macht ein Foto von ihm und übernimmt das Ruder. Sofort zieht er die Aufmerksamkeit des Lehrers auf sich. Was machst du denn? sagt er. Steuer doch gerade.

Der Gynäkologe sagt, er könne nicht gleichzeitig steuern und sich eine Zigarette anzünden. Das findet der Dichter bemerkenswert, denn der Gynäkologe hatte von über 200 erfolgreichen Kaiserschnitten und mehr als 20 Drehungen von Kindern erzählt, die mit den Füßen voran gelegen hätten. So etwas wäre eigentlich ganz einfach, hatte er gesagt, man lange einfach hinein in die Gebärende, schiebe die Füße des Kindes zurück, ein zweiter Gynäkologe oder die Hebamme ertaste seinen Kopf und dann drehe man es um seinen Mittelpunkt in die Kopflage, um eine natürliche Geburt einzuleiten. Nur leider traue sich das heute niemand mehr, die Gynäkologen hätten viel zu viel Angst vor Komplikationen und Regressansprüchen der Eltern, sollte etwas schief gehen, da würde dann lieber geschnitten und fertig. Blödsinn wäre das, hatte der Gynäkologe gesagt, aber so wäre das nun mal und junge Kollegen beherrschten das Drehen kaum noch.

Der Dichter fragte den Gynäkologen, ob er ein guter Gynäkologe sei. Der Gynäkologe lachte sanft und sagte, manche sagen ja. Ich glaube, du bist einer, sagte der Dichter, denn er fühlt sich in dessen Gegenwart seltsam geborgen. Er vertraut ihm, daran kann das leichte Versteuern beim Segeln nichts ändern. Es ist ein Bauchgefühl, und der Dichter vertraut seinem Bauch.

Hoch auf See mit dem Land ringsum am Horizont fragte der Dichter nach der Tiefe des Tjeukemeers. Nicht tief, sagte der Lehrer, einsfünfzig, einsachtzig, meist weniger. Man könnte also stehen, dachte der Dichter. Auf dem Grutte Brekken, ein See, an dessen südlichem Ende Lemmer liegt, fuhren große Schiffe. Von denen hält man sich fern. Der Wind ist aufgefrischt. Die Jolle macht gute Fahrt. Lass uns doch kreuzen, sagt der Dichter. Keinen Bock, sagt der Lehrer. Ist so doch viel relaxter. Irgendwie hat er Recht. Beim Kreuzen vorm Wind ist man natürlich viel schneller, fährt aber auch doppelt so weite Wege, muss ständig Wenden fahren und Segel setzen und die Fock neu justieren.

Wäre der Dichter allein auf dem Boot, würde er kreuzen. Ihm würde es gefallen, sich in einem Trapez hängend auf die Luvseite zu legen, um das Boot, wenn es auf der Backe läge, zu stabilisieren. Aber nun. Er ist nicht der Kapitän. Der Gynäkologe ist es auch nicht. Der Lehrer ist es. Und wenn er da so am Ruder sitzt, ledern die Haut und hager, wenn er sagt, drehst du mir mal eine, dann ist er der Kapitän und dass einer Kapitän ist, ist schon gut, denn sonst gäbe es ein heilloses Durcheinander.

Der (die/das) Grutte Brekken mündet rechterhand in einen Kanal, der zur großen Schleuse ins Ijsselmeer führt. Dort hinein fahren die Berufsschiffe, große Lastkähne. Linkerhand geht es in den Yachthafen von Lemmer, aber der ist voll. Der Gynäkologe hat mit dem Ingenieur telefoniert und der hat gesagt, sie lägen am Kanal mitten im Lemmer hinter der zweiten Brücke, aber auch da ist das Anlegen nur in zweiter Reihe möglich. Nichts ganz leicht, Vorderleine und Rückleine müssen vertäut werden und bei dieser Gelegenheit lernt der Dichter den Kopfsteg.

Es gibt Kaffee. Der Dichter leiht sich den I-Pod des Lehrers, setzt sich ans Heck und schaut zu, wie die Schiffe ein und aus fahren. Teenies auf Schlauchbooten kreuzen auf und ab. Viel Betrieb. Das liegt auch daran, dass auf dem Ijsselmeer eine Regatta stattfindet. Irgendwann radelt eine Frau in weißer Bluse mit Schulterklappen herbei und verlangt Liegegebühren.

Der Dichter geht von Bord und schlendert in die Stadt. Er will eine Kleinigkeit essen, er will in einem Café sitzen und einen Kaffee trinken. Im Yachthafen liegen prächtiger Plattbodenschiffe. Um die Kirche ist eine Kirmes aufgebaut. Menschen flanieren. Auf den Achterdecks der Yachten sitzen Menschen beim Wein. Man sieht und wird gesehen. Der Mann geht in ein Fischgeschäft und kauft einen Matjes. Lekker is die, sagt er zu der Verkäuferin. Sie sprechen ein bisschen über wohin und woher. Als der Dichter den Fisch aufgegessen hat, sich verabschiedet und zur Tür geht, ruft ihn die Verkäuferin zurück und fragt, ob er noch zwei Sliptongetjes wolle, Seezungen. Gern, sagt der Dichter. Als er sie in Empfang nimmt, sagt die Verkäuferin, er solle sich mal ein wenig vorbeugen, er habe eine Zwiebel im Mundwinkel, die pflückt sie ihm weg. So befeuert von der Freundlichkeit mancher Menschen fädelt der Dichter sich in den Strom der Menschen, dreht eine Runde und kehrt zum Boekanier zurück.

Der Lehrer brät Zwiebeln an, fügt Mettendchen hinzu, würzt mit Rosmarin, Chilies und rotem Pfeffer, füllt mit Wein auf, lässt köcheln, und
zum Schluss kommen weiße Linsen dazu. Einen Schnaps als Aperetif, Rotwein zum Essen, noch einen Schnaps, Calvados diesmal. Der Dichter macht Backschaft, will sagen: räumt auf, spült und reinigt die Kombüse. Er tut das gern. Das gibt ihm Privatsphäre, eine Weile ist er für sich und beschäftigt. Gegen Abend sitzt er am Heck, füttert Enten, dann kommt der Lehrer mit einem Joint. Er baut gute Joints. Vorm Einschiffen ist er zu einem Coffeeshop in Sneek gefahren und hat sich eingedeckt. Die Sonne steht tief, nichts, was das Herz trübt.




15:47

Noch um halb zwölf ahnt man den vergangenen Tag. Trotz all dieser stehenden Gewässer sind keine Mücken unterwegs, obgleich tagsüber viele Schwalben am Himmel waren und schreiend jagten. Jetzt flirren Gesprächsfetzen herum, ab und an tuckern Jugendliche in Schlauchbooten die Gracht hoch und runter.

Die Männer erzählen Geschichten. Der Ingenieur die von Karl Lahrmann. Ein windiger Typ, Gebrauchtwagenhändler in einer emsländischen Stadt, die der Dichter gut kennt. Lahrmann lud ab und an junge Männer, die einen Führerschein hatten, auf eine Zweitagesreise nach Hamburg. Man fuhr in seinem 300er Mercedes, man mischte die Stadt auf, Lahrmann war spendabel, und während die jungen Männer noch im Salz ihrer Träume lagen, hatte er Autos gekauft, die die jungen Männer ins Emsland überführten. Sie bekamen keinen Lohn, aber die Trips waren begehrt und wer mitfahren durfte, fühlte sich ausgezeichnet.

Das Trinken an diesem Abend ist moderat. Wir werden älter, sagen die Männer. Gegen halb eins rollt der Dichter seinen Schlafsack aus. Kurz vorm Einschlafen, daran erinnert er sich noch deutlich, erzählt der Gynäkologe, seine Patientinnen trügen entweder schwarze oder rote String Tangas. Sie täten das ohne Ansehen der Figur. Äußerst seltsam fände er das, unpassend in den meisten Fällen.


3. Tag Lemmer - Heeg

Am nächsten Morgen erfährt der Dichter, dass es dann doch noch bis drei Uhr gedauert hat. Davon hat er nichts mitbekommen. Geschnarcht hast du wie ein Sägewerk, sagt der Ingenieur. Ich? sagt der Dichter. Ich schnarche nicht. Ihr schnarcht. Typisch, sagt der sanfte Riese. Du hörst dich ja nicht, wenn du schläfst. Der Dichter lacht. Er fühlt sich aufgenommen und das ist ein gutes Gefühl.

Es ist windig an diesem Morgen. Der Ingenieur und der sanfte Riese machen sich seefest. Da wird ordentlich Schwell sein, sagt einer, da wirst du bist auf die Haut nass, wenn du kein Seezeug hast. Und dann legen sie ab. Ziel ist Heeg. Schwell sind kurze, kräftige Wellen, die sich auf solchen Seen aufbauen, das Schiff heben und wenn es grad oben ist, steht schon die nächste vorm Bug. Das Schiff klatscht darauf, und der Schwell spritzt über Deck, und so geht das, eine nach der anderen, dass es spritzt, knallt und rüttelt.

Der Lehrer, der Gynäkologe und der Dichter lassen es langsam angehen. Sie fahren den Boekanier. Der Dichter macht Backschaft. Der Dichter trinkt noch einen Kaffee. Noch immer kein Stuhlgang, stellt er verwundert fest, wo doch Kaffee und Zigaretten sonst ein zuverlässiger Zünder sind. Aber er nimmt es gelassen. Die Luftveränderung, denkt er, das kennt er ja, das ist eigentlich immer so.

16:22

Ich bin müde und faul.
Ich schreibe jetzt noch ein Gedicht, dann ist Schluss für heute.

Alle schauen interessiert,
keiner weiß, was da passiert,
jeder hat was in der Hand,
Lichter leuchten müd am Rand,
übern Köpfen randaliert
die Erscheinung ungeniert,
fächert eine Illusion
mit Grandezza auf den Thron,
alle rufen aaahhh und oooooh,
Frauen fühlen's sowieso,
Männer fühlen's eher nicht,
war das ein Gedicht?


Mi 8.06.11
9:25

Fortsetzung 3. Tag Lemmer - Heeg

Die Stadt, aus der Lahrmann stammt, war per Anhalter in anderthalb Stunden erreichbar. Manchmal fuhr der Dichter mit der Kreidler, manchmal mit seinem Freund im roten Goggo. Es gab zwei Clubs, das Lord Nelson und das Boston. Und es gab eine Band, die regionalen Ruhm eingeheimst hatte: Les Copains. Die fuhren in einem alten Feuerwehrwagen herum, hatten schulterlanges Haar und der Sänger trat in einem verschlissenen Bademantel auf.

Das Boston war ein Soulclub. In der Nähe waren GI's stationiert. In den späten Sechzigern sah man in diesen Breiten kaum Schwarze und wenn man sie sah, war man fasziniert. Die schwarzen GI's tanzten ganz anders als die fahrigen Hippies, die mit kreisenden Armen und Bocksprüngen versuchten, sich ins transzendentale Jenseits zu zappeln. Die Schwarzen hatten das nicht nötig. Die schienen erdgebunden und jede ihrer Bewegungen signalisierte Kraft und Selbstbewusstsein.

Mutter Bellmann, der das Boston gehörte, hatte sie alle adoptiert. Bei ihr weinten sie sich aus, die jungen Mädchen, die Ärger mit den Jungs hatten, die Jungs, die Ärger mit den Mädchen hatten und die GI's. Mehr als einmal habe der Ingenieur erlebt, wie große Schwarze, deren Marschbefehl Vietnam hieß, in ihren Armen Rotz und Wasser geheult hätten. Das hatte der Ingenieur erzählt, und als er erfuhr, dass der Dichter oft dort gewesen war, freute er sich. So etwas verbindet.

Der Boekanier wird abgeleint, am Ruder der Lehrer, auf der Bank hinter ihm der Gynäkologe mit einem Buch von Frank Schätzing, ihm gegenüber der Dichter mit dem I-Pod des Lehrers, den er auf Shuffle gestellt hat. Die Technik hat die Wahl unter 14495 Liedern, das sollte für eine Weile reichen, den Tonnenstrich lang übers Grutter Brekken bis in den Kanal, der nach Sloten führt.

Und wenn sie zwischendurch an eine der zahllosen Hebebrücken kommen, steht der Brückenwärter da mit einer Angel, schwenkt einen an der Angelschnur hängenden Holzsschuh herüber, der Gynäkologe legt zwei Euro hinein, und weiter geht's.

Der Dichter liegt auf dem Dach des Boekanier, lässt sich den Wind um die Nase wehen und zählt Windmühlen. Offenbar trommelt und singt er auch, denn als er später an Deck kommt, sagt der Gynäkologe, das hätte man sich ja nicht anhören können, dieses Gewummse. Oh, sagt der Dichter, sorry.

Aber dass das Gewummse war, glaubt er nicht. Er wummst nicht. Der Dichter, den einige von Ihnen fälschlicherweise zu kennen glauben, wummst nie. Er ist eigentlich Neger. Er weiß nicht viel, aber dass er nicht wummst, das weiß er genau. Es gibt nämlich eine Eins und eine Zwei und eine Drei und eine Vier, und welche Zählzeit auch favorisiert sein mag, Sie können versichert sein, dass er sie trifft. Auf den Punkt. Nehmen Sie Gift drauf. Aber das sagt er dem Gynäkologen nicht, weil der eine dieses und der andere jenes weiß, und der Gynäkologe weiß ganz bestimmt nichts von der Eins. Der Lehrer auch nicht, denn der Dichter hat einmal beobachtet, wie sein Fuß zu der für den Dichter unhörbaren, weil aus Kopfhörern direkt in seine Gehörgänge fließende Musik den Beat mit stampfte, und da hatte er einiges zu bemängeln. The beat goes on and I'm so wrong. Zitat: Dancing Fool. Frank Zappa.

Vor Hebebrücken staut es sich dann und wann, und dann muss man sehen, dass man das Schiff einigermaßen auf Kurs hält, was nicht einfach ist, denn es weht ja ein Wind. Da der Boekanier nur einen Meter Tiefgang hat und viel Fläche, die der Wind greifen kann, ist das nicht ganz so einfach, und da neigt der Lehrer wieder zur Hektik, zumindest, wenn er den Gynäkologen instruiert.

Aber wie gesagt, die beiden sind Freunde, sie treffen sich zum wöchentlichen Stammtisch, also wird der Dichter ihre Beziehung kaum verstehen können, schließlich hat er sie ja gerade erst kennen gelernt, während sie sich seit zwei Jahrzehnten kennen. Das Muster jedoch ist immer gleich: der Lehrer hat etwas auszusetzen, der Gynäkologe murrt. Vielleicht denkt er, dass der Klügere nachgibt.

Sloten ist ein idyllisches Dorf am Kanal. Der Hafen ist voll, wir legen außerhalb an. Die Parklücke, falls man das so nennen darf, ist schmal, die Bugstrahlruder arbeiten auf Hochtouren, dennoch touchieren wir ein kleines Schiff und dessen Kapitän beschwert sich. Ist doch gar nichts passiert, beruhigt ihn der Dichter, aber das findet der Kaptitän nicht.

Wir machen fest, der Lehrer findet, dass der Gynäkologe mal wieder nicht aufgepasst hat, der Dichter übt Kopfsteg, schließlich liegt der Boekanier vertäut am Kai, und die Mannschaft geht ins Dorf. Eine Café reiht sich ans nächste, Oldtimer stehen herum, ein Ford T1 und ein DKW aus den Dreißigern des letzten Jahrhunderts. Es findet eine Oldytimerralley statt. Man bestellt Koffee met Appelgebak, und da stellen der Lehrer und der Gynäkologe fest, dass es die Stimmung hebt, wenn jemand Holländisch sprechen kann, und das kann der Dichter. Lächeln wird geteilt, Witze werden gemacht, der Lehrer und der Gynäkologe verstehen kein Wort, obwohl sie doch schon so lange in Holland segeln.

Wieder auf dem Kanal beobachtet der Dichter eine Seeschwalbe. Wie elegant sie vor ihnen kreuzt und immer wieder hinabschießt aufs Wasser. Ringsum Wiesen, hin und wieder ein Bauernhof, mal eine Windmühle, Brücken, Mit- und Gegenläufer, große und kleine Schiffe, eine Gruppe Jungs ins Kajaks, die versuchen, die Wellen, die der Boekanier pflügt, zu reiten. Der Himmel blau und weiß. Ich bin im Paradies, denkt der Dichter. Es ist das erste Mal, dass er Holland aus dieser Perspektive kennenlernt. Und dann denkt er noch, wenn das wirklich so kommt, wie die Klimaforscher sagen, dann saufen die alle ab.

12:33

Als der Boekanier Heeg anläuft, sieht der Dichter einen kleinen Strand, eine Rutsche und Badende. Fahnen wehen. Der Yachthafen ist randvoll, aber die Männer auf der Jolle sind längst da und haben beim Hafenmeister einen Platz gebucht. Das einzige, was wir noch brauchen, ist ein Doppelstecker, denn die Buchsen auf den Stegen sind belegt. Den kriegt man für 10 Euro Pfand. Wieder sind die Männer beeindruckt, wie sich die Miene des Hafenmeister aufhellt, weil der Dichter Niederländisch mit ihm spricht.

Der Lehrer will Labskaus kochen. Der Dichter schält Kartoffeln, dann geht er von Bord und schaut sich das Dorf an. Und als er so sitzt und die Flanierenden beobachtet, wird ihm schmerzlich klar, dass er das mit niemandem teilen kann.

Sie und er, sie hätten jetzt da gesessen und jeden kommentiert. Sie hätten ihnen Geschichten angedichtet, sie hätten gelacht und ihre Welt wäre eine uneinnehmbare Festung gewesen, aber diese Festung gibt es nicht mehr, der Krebs hat sie geschleift, und so bleibt ihm nichts, als sein Heil in einem Gespräch mit der Frau vom Nachbartisch zu suchen, deren Mann gerade zur Toilette gegangen ist.

Sie trägt eine weiße Jeans und dazu eine weiße, zweireihig geknöpfte Jacke mit Goldknöpfen. Admiralsbraut, denkt der Dichter, als sie in die letzten Sonnenstrahlen rückt, die zwischen den Giebeln hindurch scheinen. Er sagt, dass das Vergnügen nicht lang sein wird, sie sagt, das mache nichts, er erzählt ihr von dem Schiff und den Männern, und dass er auf seinem IPod gerade abwechselnd King Crimson und Maria Callas höre. Sie lacht. Sie findet das amüsant, zumindest findet sie es abwechslungsreich. Als ihr Mann zurückkehrt, fasert das Gespräch aus, sie und ihr Mann verfallen in Schweigen. Der Dichter sieht etwas, zückt seine Kamera und fotografiert.





Als er den Männern das Foto zeigt, nennen sie es Testosteron. Der Dichter ist einverstanden.

Der Labskaus ist angerichtet, man isst, man raucht, man trinkt, noch immer keine Verdauung. Flaggen knattern an Masten, Teenager albern herum, Frauen sind mit Geschirr unterwegs, auf dem Nachbarboot jault ein Golden Retriever. Er will nicht von Bord. Er stemmt alle viere gegen die Laufrichtung. Herrchen nimmt ihn und hebt ihn herunter.

Als der Abend über den Yachthafen kriecht, erzählen sich die Männer Geschichten vom ersten Mal. Interessante Geschichten, aber nicht alle wollen sie hören. Der Gynäkologe zum Beispiel, den interessiert das offenbar nicht. Der Lehrer quittiert das mit "du bist eben verklemmt." Dummes Zeug, sagt der Gynäkologe und geht ins Bett.

Sollten Sie Interesse an Labskaus haben, hier das Rezept. Man kocht Kartoffeln in dem Wasser eingelegter Roter Beete und Gurken. Wenn die Kartoffeln gar sind, gießt man sie ab, bewahrt die Flüssigkeit auf, um sie beim Stampfen der Kartoffeln zu verwenden. Man brät Corned Beef an, hebt es unter den Kartoffelbrei, schneidet Rote Beete und Gurken darunter, und serviert das Ganze mit Spiegeleiern, in Streifen geschnittenen Gurken, Roten Beeten und einem Bismarckhering.

16:08

4. Tag Heeg - Langweer

Der Morgen ist feucht. Nicht, dass es regnet, nein, es ist nur feucht und links vor der Fontanelle hat sich ein Kopfschmerz festgesetzt, vielleicht war der zweite Joint zu groß oder der Highland Whisky lag mehr als zwei Finger hoch im Glas, der Dichter weiß nicht so recht, was ihn da anspringt, ringsum herrscht tiefe Ruhe, höchstens, dass irgendwo ein Stahlseil an einen Mast klickt und der Gynäkologe schnarcht, ansonsten, wie gesagt, tiefe Ruhe auf Yachten, Schaluppen und Jollen.

Wie das wohl bei den Paaren ist, hatten sie sich in der Nacht mal gefragt, wenn die's machen, dann wankt und wackelt doch alles, ob man nicht mal rumgeht und schaut. Aber dazu war niemand bereit, schließlich ist das Privatsache, dieses Wackeln an Bord, es geht niemanden etwas an, und wenn man auch noch bedenkt, dass da ja komplette Familieverbände unterwegs sind, die sich auf engstem Raum drängen, wer weiß, wahrscheinlich wird da gar nicht geknallt.

Der Dichter spürt endlich Druck, schnappt sich Toilettenpapier, klettert auf den Bug, Vorsicht, denkt er, nicht ausrutschen jetzt, ausrutschen und von Bord fallen, was für ein jämmerlicher Tod. Er fällt nicht, geht den Steg hinab und wandert zum Toilettenhaus, aber da ist wieder nix. Muss ja auch nicht, denkt er, obwohl, so langsam dürfte es schon. Gut. Bitte. Dann nicht, besser als EHEC, das wäre auch nicht schön.

Auf dem Rückweg kommt ihm eine junge Frau mit Toilettenrolle entgegen, man schlägt die Augen nieder, irgendwie ist das zu intim so am frühen Morgen, man gibt öffentlich nicht gern zu, dass man Scheißen muss, die Welt ist verklemmt, aber was will man machen, so ein Yachthafen ist wie ein Campingplatz, jeder lebt seine Bedürfnisse in der Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit gibt sich alle Mühe, ständig so zu tun, als sähe sie gar nicht hin, dabei sehen natürlich alle alles.

Er erreicht das Schiff, steigt an Bord, rutscht, fällt aber nicht, mummelt sich in seinen Schlafsack und döst noch ein bisschen. Eh viel zu früh, denkt er, schaut auf die Windfahnen an den Masten und die Baumwipfel und denkt, es ist windig heute, heute segeln wir, das wird lustig.

Wer hatte eigentlich die Geschichte von der Prostituierten erzählt, bei der er eine Weile Stammkunde war? Der Gynäkologe bestimmt nicht, der Ingenieur, der sanfte Riese, der Lehrer, er selbst? Der Dichter erinnert sich nicht. Auch nicht so wichtig, denkt er, wenngleich - schon interessant, solche Geschichten, aber die hat der Dichter nicht im Repertoire. Dazu ist er zu feige.


Do 9.06.11
9:52

Ich, den Sie und ich fälscherlicherweise zu kennen glauben, lag auf dem Sofa. Ich las ein Buch, von dem mir der Lehrer, der aus Bremen stammt, auf dem Schiff erzählt hatte, wir und die Neue Vahr Süd lagen da, es ging gegen neun und wir hatten zu entscheiden, ob wir tanzen wollten oder nicht.

Eher nicht, sagte Ich, und so fuhren wir los, hatten uns einen Blouson vom Sohn ausgeliehen, leichte Kleidung, dachten wir, wenn wir schon tanzten, würde leichte Kleidung die Dinge erträglicher machen, wir
schwitzen, uns läuft das Wasser in Strömen und manchmal geraten wir an den Rand der Dehydrierung.

Wir fuhren stadteinwärts, hatten eine unserer frühen Mix-CD's in den Player geschoben, wir starteten mit Miles Davis, In Höhe des unteren Aa-Sees spielte Portishead Undenied, das Lieblingslied meiner Frau, die am 17. Juni zwei Jahre tot ist. Für dich, Süße, dachten wir, als wir in die Weseler Straße bogen. An der Antoniuskirche dann Paul Motion: Celia. Die Ampeln meinten es gut und vorm Club wartete der letzte freie Parkplatz wie für uns reserviert.

Dennoch, wir waren uns nach wie vor nicht sicher, ob dies ein guter Abend werden könnte. Wir kannten das, auszugehen und eigentlich doch nicht ausgehen zu wollen, wir dachten, scheiß drauf, nach Hause können wir immer noch fahren, dabei sein ist alles, das Leben ist zu schön, um es zu verpassen.

Wir stiegen aus, gingen ums Gebäude zum Club, und trafen den Puertoricaner, den Chilenen und den Bolivianer. Sie saßen am Kai und kifften. Hola Hombres, sagten wir und setzten uns zu ihnen. Jetzt könnte es aufwärts gehen, dachten wir.

Der Bolivianer, der Bass spielt und der Chilene, der Percussionist ist, mussten in den Club, die Band wollte beginnen. Der Puertoricaner und ich blieben, und er erzählte, dass bei ihm zuhause niemand diese Pirhouetten tanzt, die dem deutschen Salsero so wichtig sind, bei uns macht man das nicht, sagte er kopfschüttelnd, das machen sie nur hier in Europa, weiß auch nicht, wieso.

Wir hatten nicht einschätzen können, wie stark der Joint war, wir waren ein bisschen verwundert, als sich unser System weiter nach innen zu kehren begann, und der Gedanke nach Hause zu fahren stärker wurde, gleichzeitig aber die Erkenntnis wuchs, dass in diesem Zustand für die nächsten zwei, drei Stunden an Autofahren nicht zu denken war. Wir mussten da durch, marschierten in den Club und da waren sie. Idioten, dachten wir, unerträgliche Dünnbrettbohrer, kreischende Frauen, die, um auf sich aufmerksam zu machen, auf der Stelle stehen und die Hüften wiegen, Frauen, die sich zur Begrüßung in die Arme fallen, auf die Wangen küssen, links, rechts, links, diese aufgekratze Baggage, ab, weg, ich will nicht mit euch, dachte ich, ihr seid nicht meins, ihr werdet nie meins, ihr könnt mich, auch auf die Gefahr, dass ihr EHEC davon bekommt, dann wüsste unser alerter Bundesgesundheitsminister Bahr, ein Karrierist aus meiner Heimatstadt, der sich Jahre durch die Dorfpolitik geschleimt hat, endlich, woher der Erreger stammt. Ich nämlich bin es, er klebt mir am Arsch und da mich viele am Arsch lecken können, bin ich die Ursache, aber sagen sie das bitte nicht weiter.

Rieke, eine wunderschöne Kunsthistorikerin, stand hinter der Theke. Seit ich sie letztes Jahr einmal gefragt hatte, ob sie ein Kompliment vertrüge, sie dies bejahte und ich ihr gestand, wie umwerfend schön ich sie fände, stehen wir auf gutem Fuß, ich werde bevorzugt behandelt, sie schenkt mir immer ein Lächeln, und so sagte ich, Rieke, ich habe einen trockenen Mund, bitte, gib mir was zu trinken.

Viel mehr war ich nicht imstande zu sagen, ich war voll von Ekel, ärgerte mich, dass ich meinen inneren Stimmen wieder einmal nicht gefolgt war und beschloß, mich in eine Ecke zu setzen und zuzuschauen. Der Marrokaner, den alle Olli nennen, saß auch da. Als ich ihm meinen Zustand schilderte, streckte er den Arm aus, die Handfläche nach unten weisend, die Hand auf und ab schwingend. Ja, ja, sagte ich.

Und da tanzten sie, und je mehr sie tanzten, desto sicherer war ich, dass ich an diesem Abend kein Bein vor das anderen brächte. Espresso, dachte ich, schwarzen, stark gezuckerten Espresso. Rieke machte mir einen. Rieke machte mir noch einen. Orangensaft, dachte ich. Rieke machte mir einen. Rieke machte mir noch einen. System stabilisiert sich, dachte ich nach etwa einer Stunde, und dann stand diese schlanke, schwarzhaarige Frau da, die mit der Nana Mouskouri Brille, mit der ich beim letzten Mal geredet hatte.

Wir hatten über das erstaunlich breite gesellschaftliche Spektrum der Salseros unterhalten, alle Berufsgruppen wären vertreten, hatten wir gesagt, aber ich hatte nicht gefragt, was sie tut und auch nicht verraten, was ich tue. Tage später ich sie im Dorffernsehen gesehen. Es ging um einen Tierfilmer, sie hatte neben ihm gesessen und ich hatte gedacht, sieh an, sie ist Cutterin.

Nein, sagte sie. Biologin. Kinderbuchschreiber, sagte ich jetzt zu ihr, und gestand, dass ich bei Ankunft mit dem Bolivianer, dem Chilenen und dem Puertoricaner unerwartet Bekanntschaft mit einem Joint gemacht hatte. Sie lachte. Ich fragte, ob sie tanzen wolle, mit Vorbehalt, sagte ich, denn es könne sein, dass ich kollabiere. Sie meinte, das würden wir dann schon sehen.

Danach war es besser. Danach klarte der Himmel, ich fand die Idioten nicht mehr idiotisch, ich konnte wieder Sätze sprechen, ich fand die Idioten nach wie vor idiotisch, aber was ging es mich an, ich wollte sie ja nicht ficken, ich wollte nur tanzen.

Die Decken im Club sind niedrig, die Luft ist aufgeheizt, ich schwitzte und schwitzte, ich führte meinem System Getränke zu, ich bat Rieke um Wasser, ein großes Glas Leitungswasser, Rieke lachte, ich tanzte wieder und wieder und hatte schließlich sogar den Mut, die Schnepfe, die ihre Arme immer so zickig schmeißt, aufzufordern.

Zwischendurch beobachtete ich. Ich sah, wie der SPD-Mann, der einzige Anwesende meines Alters, Chachacha tanzte. Er glaubt, dass er ein großer Tänzer ist, aber die Achtel, die man beim Chachacha zwischen dritter und vierter Zählzeit tanzt, tanzte er zwischen erster und dritter Zählzeit, so würde das nie was, aber was ging es mich an.

Ich, den sie fälschlicherweise mit mir verwechseln, was ich Ihnen nicht übel nehme, denn es geht mir ganz ähnlich, war jetzt mächtig befeuert und dachte, heute tanze ich mich tot.

Ich tanzte mit der Sängerin der Band, eine kräftige schwarze Frau. Sie lag in der Spur wie ein 40 Tonnen Truck, eine Freude. Ich tanzte mit einer kleinen Mittzwanzigerin, die ein Strickkleid trug und ständig im Rhythmus zickte, während ihr langhaariger Freund keinerlei Anstalten machte, mit ihr zu tanzen. Die forderte ich auf und sie sagte, nein, nein, ich kann das nicht, und ich dachte, ich weiß, trotzdem, komm, sagte ich, ich zeig dir den Grundschritt, der ist ganz einfach, und dann ging sie mit und lachte unschuldigst und entschuldigend und dankbar, und ich beruhigte sie und sagte, pass auf, wir machen das jetzt mal ganz langsam. Links, rechts, links, Pause. Rechts, links, rechts, Pause. Sie giggelte und fand es wunderschön und fragte, wo man das lernen könne und ich sagte es ihr. Dann spielte wieder die Band, ich klemmte mir Bongos zwischen die Knie, und weil ich mir die Finger nicht getaped hatte, tun sie mir heute weh.

Als ich gegen eins die Torminbrücke überquerte, spielte Radiohead Planet Telex: you can crush it, but it's always there, everything is broken. Warum glaubt das bloß niemand, dachte ich, jetzt wieder in Normalzustand. Stilles Gleiten durch die Siedlung an der Sentruper Höhe, am Zoo vorbei, über die Aa, und dann in den Dingbänger Weg eingefädelt.

Als ich in die Roxeler Straße einbog, Kreuzung Akkermann, da, wo vor zwei Wochen drei Autos einen Unfall nachgespielt hatten, dem ich vor über dreißig Jahren entgangen war, als ich Wendelins Simca Sport ausprobieren wollte und die Gegend noch nicht so gut kannte wie heute, als ich da damals mit achtzig KMH und volltrunken links in die Roxeler Straße einbog, da hätte genau das geschehen können, was vor vierzehn Tagen mit dreißig Jahren Verspätung geschehen war.

Crash.
Drei kaputte Autos.
Glücklichweise keine schwerwiegend Verletzten.

Ich bin in meinem Leben zweimal volltrunken Auto gefahren. Beide Male liegen mehr als dreißig Jahre zurück, aber ich habe oft an diese Nacht denken müssen. An all die Schutzengel, die mich da umflattert haben.

So. Jetzt werde ich mich aufs Rad setzen und meiner Frau Blumen plücken.
Die Seereise soll ruhen. Seit Anfang der Woche arbeite ich an meinem Bericht.
Heute nicht. Heute ist Pause.

12:53

Ich bin deins.





Fr 10.06.11
18:59




Was soll ich im Weltall,
mir war nach dem Urknall
schon ein wenig schlecht,
jetzt stößt mir's erst recht auf,
übel bis zur Unterkante,
hab ich dort Verwandte?

Nein, Verwandte leben auf der Erde,
groß die Zahl und viele haben nichts zu beißen,
warum also in die Ferne
zu den Sternen reisen?

Wenn Sie wollen, bitte, fahr'n Sie,
aber nicht von meinem Geld,
ich bleib hier und hark das Laub
meiner kleinen Welt.


Sa 11.06.11
16:44

Fortsetzung 4. Tag Heeg - Langweer

Wieder auf See. Samstag in der Erzähltzeit, Samstag in der erzählten Zeit, aber die liegt eine Woche zurück. Zum Glück gibt das kleine schwarze Buch, in dem sind Notanker, Stichworte, die das Assoziations- und Erinnerungsfeuer speisen, das woanders lodert, im Kopf, denkt der Dichter, irgendwo da glimmt es, da sind alle Bilder, die muss er anpusten jetzt, damit es wieder lodert, aber da er in den letzten zwei Tagen nicht mit Leben gespart hat, wird er sich anstrengen müssen.

Das Schiff liegt in Heeg, so viel ist klar. Das Ziel des Tages wird Langweer, aber der Weg dorthin ist weit, es geht über zwei, nein, über drei Meere, durch einen sehr schmalen Kanal, da werden sie den Mast flach legen müssen, da werden sie in Balk anlegen, mit dem Benzinkanister einen Kreisverkehr überqueren, einer Straße folgen, eine Tankstelle erreichen, sie werden den Kanister befüllen und Eis kaufen und Tabak, aber eh das alles losgeht, wäre es nicht schlecht, endlich diese Geschichte zu erzählen, die vom Gynäkologen losgetreten und dann weitergesponnen wurde, während der sanfte Riese gleich abwinkte und sagte, muss ich mir das wirklich anhören.

Musst du nicht, hatte der Gynäkologe gesagt, der sich ereifert hatte über seine frühen Jahre als Arzt in einer Klinik, über die hierarchischen Verhältnisse dort, über das Ducken vor Chefs und der Machtlosigkeit der Assistenten, der Überforderung durch dreitägigen Dauerdienst, wieso sollte er sich dann darüber aufregen, dass Supermärkte vierundzwanzig Stunden geöffnet hätten, sagte der Gynäkologe in Erwiderung zu den Einwürfen des Ingenieurs, das wäre doch Scheiße. Wieso, das sind Dienstleister, wie wir, wir Ärzte sind auch Dienstleister, hatte der Gynäkologe gesagt, da erwartet auch jeder, dass er am Wochenende Dienst leistet, warum also nicht auch die Verkäufer und wer sonst noch am Wochenende arbeiten muss.

Die Geschichte, die zu erzählen der Dichter jetzt anhebt, ist nichts für schwache Gemüter, aber wie gesagt, ein erfahrener Gynäkologe ist an Bord, und da kommt so etwas aufs Tapet. Angefangen hatte es mit den Missgeschicken, die besser nicht öffentlich werden, aber Alltag sind in OP's. Bei einer Brustamputation war die Brust auf die Erde gefallen, hatte bei allem Ernst dennoch zu Lachsalven der Beteiligten Chirurgen und Assistenten geführt. Jede Berufsgruppe kennt diese Art Hysterie, die ausbricht, wenn die Konzentration hoch ist und viel auf dem Spiel steht, und wenn dann so etwas passiert, lacht man. Lacht aus Verzweiflung und Hilflosigkeit. Wenn dann das Lachen verebbt, kehrt der Ernst zurück und man ist froh, dass man jemanden gerettet hat.

Der Dichter hatte als junger Mann auf einer chirurgischen Station Dienst getan. Das Krankenhaus war überschaubar klein, das Verhältnis zwischen Stationsmitarbeitern und dem Chef war gut, der Dichter hatte gefragt, ob er mal zuschauen dürfe, wenn operiert würde, das interessiere ihn, und der Chirurg hatte gesagt, wenn du nicht umfällst.

Und so hatte er zugeschaut. Erst bei einer harmlosen Sache an einem Unterarm, dann bei einem Kaiserschnitt, und schließlich irgendwann bei der Amputation eines Unterschenkels eines über 80jährigen Mannes, der an Diabetes litt. Und weil der Dichter als Zivildienstleistender am Boden der hierarchisch sich türmenden Pyramide stand, war es seine Aufgabe, den in Zellulose gut verpackten Unterschenkel in den Keller zu tragen und dort in der Heizung zu verfeuern.

Unterwegs traf er einen Freund, man sprach miteinander, und der Dichter sagte, halt mal eben, ich hab da was im Nacken, im muss mich unbedingt kratzen. Und als der Freund dann das Paket hielt, sagte der Dichter, weißt du eigentlich, dass da ein Unterschenkel drin ist?

Oh, du bist fies, sagte der Gynäkologe. Möglich, sagte der Dichter, aber das musste sein.

Jetzt aber Schluss mit dem Vorgeplänkel. Der Dichter hat Seezeug, er hat eine Schwimmweste, und die erste Strecke darf er segeln. Man hat Rückenwind, man fährt nur mit der Fock, man hat keine Eile, der Tonnenstrich streckt sich bis zum Horizont, das einzige, was dem Dichter nicht klar ist, sind die Vorfahrtsregeln auf See, und es fällt ihm auch schwer, einzuschätzen, ob dieses oder jenes Schiff, das von Luv oder Lee kommt, vor ihnen den Kurs kreuzt oder nicht.

Pi mal Daumen können man das leicht einschätzen, erklärt der Lehrer, läge der Winkel über einer bestimmten Gradzahl, reiche es, läge er darunter, reiche es nicht. Aber darauf will es der Dichter nicht ankommen lassen, er holt Rat und der Lehrer sagt, kein Problem, das schaffst du.

Dann ist das Meer durchsegelt und sie gehen vor der Mündung eines Kanales an Land, um den Mast umzulegen. Der Kanal ist kaum breiter als fünf, sechs Meter, führt durch Wiesen und Wälder, folgt einer Straße, die man nicht sehen, gleichwohl hören kann, Gegenläufer kommen und tun so, als gehöre der Kanal ihnen, eine Gruppe jugendlicher Kajakfahrer fährt auf voller Breite, ohne sich um irgendetwas zu kümmern, und der Lehrer sagt, halt einfach mitten drauf, die gehen schon zur Seite.

Nach zwei, drei Stunden erreichen sie Balk, tanken, fahren durch den Ort, bis sie die letzte Brücke vorm Slotermeer hinter sich haben, stellen den Mast wieder auf und gehen in ein Café. Der Dichter bestellt. Er unterhält sich mit der Bedienung über Apfelkuchen mit Sahne, er fragt, ob Rosinen im Kuchen wären, weil er die ganz besonders gern mag, und die Bedienung, blond mit dem niederländischen Überbiss, sagt lachend, das wisse sie nicht, man werde ja sehen, später stellt sich heraus, dass tatsächlich Rosinen im Kuchen waren, der Lehrer und der Gynäkologe glauben, er habe mit der Bedienung geflirtet, der Lehrer meint sogar, wenn der Dichter so weiter mache, könne er von Bord gehen und hier bleiben, sie loben ihn und bekräftigen, dass sie finden, dass es die Stimmung hebt, wenn einer so gut Niederländische spräche wie er, da ist was dran, sagt der Dichter, aber ihr könntet euch ja auch mal ein bisschen bemühen, dann aber geht es hinaus aufs Slotermeer, und da geht es gegen den Wind, moderates Kreuzen ist angesagt, der Schwell macht nass, aber es macht nichts, der Lehrer segelt auf Kurs.

Kurz vorher, auf den letzten Metern vorm Slotermeer, hatte der Gynäkologe seine Dolce und Gabana Mütze verloren, hatte darauf bestanden, umzukehren, der Lehrer hatte gemurrt, aber der Gynäkologe hatte gesagt, das müsse sein, also waren sie umgekehrt und der Dichter hatte sie aus dem Wasser gefischt.

Jetzt knattern die Segel, der Dichter ist froh, dass er Seezeug trägt, der Lehrer hatte ihn ja gewarnt, du wirst nass, es kann kalt werden, bei Schwell ist es Scheiße auf See, wenn du kein Seezeug hast, zum Glück aber war es warm an diesem Tag und als sie schließlich in Langweer anlegten, war es gar nicht so einfach, einen Liegeplatz im Hafen zu finden.

Der Ingenieur kochte Spaghetti Bolognese.


Mo 13.06.11
10:54

5. Tag Langweer - Sneek

Schon wieder vorüber die Tage auf See. Der sanfte Riese und der Ingenieur segeln die Jolle, die übrigen fahren den Boekanier. Und gerade heute regnet es in Strömen. Schon in der Nacht hatte es begonnen, und jetzt ist es grau und windig. Auf dem Snitser Maar findet eine Regatta statt, da kurven sie mittendurch und müssen acht geben, dass die zu allem entschlossenen Segler sie nicht in Grund und Boden fahren, aber es geht, sie kommen durch, einmal nur wechseln sie ihren Kurs, dann ist Sneek in Sicht, das Schiff legt an, die Segler warten schon, jetzt heihßt es klar Schiff, staubsagen, wischen, putzen, und das Verdikt der Erfahrenen: ja, sagen sie, wenn er wolle, könne der Dichter nächstes Jahr wieder mitfahren.

23:02

Ich muss aufpassen mit diesen Feiertagen. Ich denke alles mögliche, und dann stimmt das gar nicht, dann ist Montag und der ist fast vorbei, und morgen warten vier Maschinen Wäsche aufs Bügeln, und dann muss ich mich ein bisschen einstimmen, denn Mittwoch und Donnerstag lese ich eine Grundschule in Krefeld in Grund und Boden.

Und es war ja auch wieder so viel los, denke ich und wundere mich, was alles los sein kann, wenn nichts los ist und überlegte und überlege und dann weiß ich nicht, wo mit dem Erzählen anfangen. Vielleicht mit dem Geburtstag bei Walt.

Da sitzen alte Männer und alternde Frauen und trinken. Wenn man Pech hat, textet eine einen derart zu, dass sie nicht einmal vor patzigen Zwischenrufen zusammenzuckt, nein, sie erklärt seitenlang, dass sie Hunde aus Spanien rettet und ich denke, soll ich ihr stecken, dass ich es besser fände, diese Viecher vor Ort einzuschläfern?

Nein, tut man nicht. Die Frau hat Innenarchitektur studiert, zehn Jahren in Kneipen gearbeitet und drei Jahre Taxi gefahren, die könnte es wissen. Als alle sie warnen, sie solle die Finger von diesem dubiosen Sinologen lassen, von dem sie, kaum war sie mit den Hunden durch, zu sprechen begonnen hatte, sagt sie, jeder Mensch brauche doch eine Chance. Du hast einen Helfertick, sage ich, aber das glaubt sie nicht, dafür ist sie viel zu gut, also rette ich mich und rücke zu den anderen, die gerade auch über nichts weiter reden und rede da mit.

Walt hat in seinem Schatzkästelein was gefunden, das rauchen wir, ich halte eine Straßenlaterne hinterm Hartriegelbaum schon für einen außergewöhnlich tief hängenden Mond, neben mir sitzt die Uralt-Ex von Walt, man schmiegt sich ein bisschen aneinander, der Ein-Euro-Jobber erzählt vom Grauen der Hybridfahrzeuge, dass die zwar abgingen bis 2000 Umdrehungen mit diesem Scheißelektromotor, aber danach, wenn der Verbrennungsmotor anspränge, dann käme nichts mehr.

Der Schlagzeuger sagt, er hätte nie gedacht, dass ich Witze über Reispuddings und Epileptiker erzählen würde, das hätte er mir nie zugetraut und dann haben wir eine Weile damit zu tun, vor lauter Lachen noch genügend Sauerstoff in die Lungen zu bekommen.

Es wird spät und später, die Gäste verschwinden in die Nacht bis auf vier: die Ex von Walt, die neue Freundin von Walt, sein Schätzelein, der Schlagzeuger und ich. Die Ex von Walt, die nebenan wohnt, sagt, sie hätte ein Sofa, und ich könnte mkir schon vorstellen, wie das endet, aber ich sage nichts und inspiziere erst mal das Sofa von Walt, prüfte, ob ich da gut läge und höre, dass der Schlagzeuger fragt, ob das denn wirklich okay wäre mit dem Sofa bei der Ex von Walt, und sie sagt ja klar. Davongekommen, denke ich, lege mich hin und falle in Tiefschlaf.

Dieser Zustand geht bis morgens um zehn, ich dusche, nehme Nudelsalat vom Buffett mit nach Hause, von dem werde ich die nächsten anderthalb Tage essen können, dann gehe ich hinaus, die Sonne strahlt, überall sind Menschen unterwegs, ich setze mich in einen Bus, fahre heim und schlafe dort bis in den späten Nachmittag.

Abends könnte man tanzen fahren, aber diesmal sind die Stimmen eindeutig, ich bewege meinen Arsch keinen Millimeter und lese stattdessen, lese, bis ich nicht mehr lesen will, schaue mir noch Human Behaviour an, ein Film aus den Beständen des Sohnes, und als der Samstag anbricht, fähre ich auf den Markt. Kaufe ein, schließlich liegen zwei Tage ohne Möglichkeit einzukaufen vor mir, die Menschen scheinen glücklich, sie dürfen wieder Tomaten und Gurken essen, die Sprossen-Bauern raufen sich die Haare, paar Leute sind gestorben, die nächste Krise kann kommen.

Auf dem Heimweg besuche ich eine junge Mutter und hinterlasse Eindruck, denn wenn ich auch nichts kann in der wirklichen Welt, eines kann ich bestimmt: ich weiß, wie man Kleinkinder froh macht. Das geht ganz einfach, das geht über die Augen und Ohren. Man schaut das Kind an mit aller Liebe, derer man fähig ist, was bei Kleinkindern überhaupt kein Problem ist, man spricht, und siehe da, das Kind spricht mit und die Mutter ist glücklich und alle sind glücklich.

Den Rest des Tages vertrödele ich, wenn ich mich recht erinnert.

Am Sonntag breche ich früh auf, weil ich auf Facebook erfahren habe, dass eine gute Freundin niedergekommen ist. Ich war seit dem Tod meiner Frau in keinem Krankenhaus mehr, aber das Krankenhaus, in das ich jetzt gehen müsste, um das Neugeborene zu sehen, ist genau das Krankenhaus, in dem der erste Sohn zur Welt kam, daran gibt es nur gute Erinnerungen, also werde ich das schaffen. Ich kaufe frische Erdbeeren und in der Eisdiele nebenan eine Schale Sahne, die Stationsschwester erlaubt mir, die Erdbeeren in der Stationsküche zu spülen, während die Mutter noch stillt. Dann kommt sie und strahlt, strahlt, wie nur Mütter strahlen können, die gerade entbunden haben. Geflasht, sagt sie, wäre sie. Das sieht man, sage ich.

Und dann bin ich wieder auf dem Rad und besuche Addi, den Mann im Rollstuhl. Ich besuche ihn gern, weil wir uns angefreundet haben vor fast zwei Jahren. Seitdem besuche ich ihn, und sitzt und er erzählt aus seinem wilden Leben, und er lacht und wenn ich mit ihm unterwegs bin, er im Elektrorollstuhl, ich selbst auf dem Rad nebenher, staune ich, wie viele Menschen Addi kennen. Und als das Boot, das auf dem Aa-See kreuzt, vorbei fährt, schreit Addi "Hi du Penner" und der Kapitän freut sich ein Loch und schreit zurück "Na du Sau!"

Abend lese ich, schaue noch eine DVD und schlafe gut.

Am Morgen formatiere ich die Seereise und stelle sie online. Mittags kommt die Mutter vom Samstag, man hatte sich verabredet, man geht spazieren, man trinkt Kaffee, man isst Kuchen und macht wieder Mutter und Kind glücklich.

Dann wird Pizzateig ausgerollt, den ich am Morgen schon angesetzt hatte, belegt, mehrstöckig belegt, wohlgemerkt, ich esse, ich lese die letzten Seiten von Neue Vahr Süd, dann schaut ich mir Herr Lehmann auf DVD an und checke noch mal seine Mails.

Moin Hermann, schreibt der Lehrer. Danke für deine Geschichte. Ich hab mich köstlich amüsiert. Wie sagt der Lehrer? So eine Art Supervision. Zuerst ähnlich peinlich wie die eigene Stimme vom Band zu hören. Hilft ja aber nichts, ist die eigene Stimme. Jedenfalls ist mir klar geworden, dass du wirklich ein Dichter bist. Wer sonst kann seine Wahrnehmungen mit so wunderbarer Klarheit aufschreiben. Find ich beeindruckend.

Sowas Schönes kriegt man nicht jeden Tag, denke ich, und da ist auch schon die nächste Mail, der Schwiegersohn vom Lehrer hat die Geschichte jetzt auch gelesen und schreibt: DANKE!  Hatte gerade sehr unterhaltsame Momente mit  der Geschichte - klingt als hättet ihr eine gute Zeit gehabt!

Jetzt fehlen nur noch der sanfte Riese, der Gynäkologe und der Ingenieur, denke ich, wenn die die Geschichte auch gut finden, steht dem Durchbruch nichts mehr im Wege. Das denkt man noch, und dann geht man ins Bett.


Mi 15.06.11 21:50

Die Linsensuppe tut, was eigentlich das Wetter tun sollte, krachen und knallen, aber außer ein paar müden Tropfen und stündlichen Temperaturwechseln passiert nichts. Entsprechend müde bin ich, müde und lustlos. Die beiden Lesungen auf der anderen Rheinseite heute gehörten nicht zu meinen besten, aber ich war auch schon schlechter.

Ich bin nicht gern früh unterwegs, außerdem hatte ich schlecht geschlafen, Lampenfieber wahrscheinlich, und dann musste ich quer durchs Ruhrgebiet bis nach Krefeld. Auf der A42 gleich hinter Duisburg sagte das Navigationsgerät, auf meiner berechneten Strecke sei ein Stau von 10 Kilometern. Eine Viertelstunde vorher hatte es noch von vier Kilometern gesprochen und eine Ausweichempfehlung vorgeschlagen, die hatte ich ignoriert. Der blaue Pfeil wies zur A 40, da wollte ich nicht entlang, Kaiserberg, hatte ich gedacht, bloß nicht, aber nun, mit 10 Kilometern, das wollte ich mir nicht antun.

Also verließ ich in Duisburg Meiderich die Autobahn, gespannt, was da kommen würde. Die Sonne stand links, als ich durch Industriebrachen in fuhr, die Richtung stimmte demnach. Es waren noch 26 Kilometer zu bewältigen. Prognostizierte Ankunftszeit 8:39, also sechs Minuten vor Beginn der Lesung.

Diese Navigationsgeräte führen einen durch Gegenden, durch die man sonst nie führe. Ich sah die Ruhr in den Rhein fließen, ich sah den Duisburger Hafen, der jetzt aufgehübscht ist für die Kulturschickeria, ich passierte das Gelände, auf dem letztes Jahr die Love Parade Jahr kollabierte, ich kam auf die A 59, nach fünf, sechs Kilometern hörte die Autobahn auf, eine Bundesstraße 288 folgte und wies Richtung Krefeld.

Gut gemacht, Navi, dachte ich, aber wo ist der Rhein? Ich müsste doch den Rhein überqueren?
Es dauerte, bis die Brücke kam. Die Rheinbrücke bei Mündelheim, eine alte Eisenbrücke, grau-grün patiniert, der Fluss wirft sich dahinter in einer Rechtskurve, und dann kommt bald auch schon Krefeld.

Krefelder Süden, die Schule in einem Viertel mit vorwiegend kleinen Häusern, Simse vor den Fenstern, Erker, Holzgiebel hier und da, Einzelhändler, Kneipen, kleinbürgerlich, nicht schlecht.

Morgen früh das Gleiche noch einmal, dann ist das Geld für diesen Monat verdient.


Do 16.06.11 13:25

In einem BMW findet man häufig rasende, sich selbst überschätzende junge Männer, gern auch Türken. Meist sieht man sie im Rückspiegel heranfliegen. Wenn vor mir frei ist, beende ich meinen Überholvorgang und mache mich nach rechts aus dem Staub. Ist aber vor mir dieser Stoßstange an Stoßstange jagende Trupp Halbwahnsinniger, dem ich mich angeschlossen habe, weil rechts ein LKW hinterm anderen fuhr und ich nur die Wahl hatte, hinter denen herzuzockeln oder zu überholen, ist also vor mir kein Meter aufzuholen, lasse ich ihn auffahren, spüre, wie er die Nüstern bläht, wie er sich wünscht, er könnte alles in Grund und Boden fahren, beende meinen Überholvorgang, und sollte er Stunden dauern, ziehe dann zufrieden nach rechts, um zuzuschauen, wie er sich an den nach wie vor links fahrenden Trupp hängt und Adrenalin ausdünstet, bis ihm das Herz explodiert.

Ansonsten ruhige Fahrt heute früh. Ich war eine halbe Stunde eher aufgebrochen, das Navi hatte mich diesmal sofort auf die A 59 gelotst, und dann war da wieder die B288 nach Krefeld.


Die B 288 ist die Bundesstraße in Nordrhein-Westfalen, auf der die meisten LKW-Bewegungen gezählt werden. In Mündelheim führt der einzige Weg für Fußgänger über die B 288 über eine Fußgängerbrücke. Die B 288 gehört zu den drei gefährlichsten Straßen in Duisburg. Hier ereignen sich bis 90 Unfälle im Jahr, teilweise mit tödlichem Ausgang oder schwer Verletzten. Bei den meisten Unfällen bleibt es aber bei Blechschäden. Die Bundesstraße 288 verläuft genau durch den Ort Mündelheim und teilt diesen in zwei Teile. Die Bundesstraße markiert in etwa die so genannte Uerdinger Linie, eine Sprachlinie, die den niederdeutschen vom mitteldeutschen Sprachraum trennt. (Wikipedia)

Interessant, oder?

Meine erste Gruppe heute früh waren Erstklässler. Erstklässler sind hartes Brot. Die an den gestrigen Lesungen beteiligten Lehrer meldeten mir, es herrsche allgemeine Begeisterung über meine Lesung, also war ich doch besser, als gedacht.

Man erzählte mir von einer Kollegin, die vor einer Weile einmal an dieser Grundschule gelesen und geglaubt hatte, sie könne da sitzen wie die Schriftsteller gern sitzen: vor sich einen Tisch und ein Glas Wasser, die todlangweilige Variante, meist jedenfalls. Wenn dann noch Kunstdünkel hinzukommt, der vielen Kollegen einflüstert, sie seien etwas besonders und Kraft ihres Amtes hätte der Hörer erfürchtig zu lauschen, haben sie schon verloren. Die Kollegin hatte verloren.

Erste Klassen also, und ich hatte eine Geschichte ausgewählt, "Die verzauberten Eltern
". Zwölf Seiten, und die passten wie die die Faust aufs Auge. Wir redeten miteinander, wir spekulierten, wir hatten viel Spaß, obwohl erste Klassen eine Herausforderung sind, das sind sie immer, und das wusste ich. Viele Kollegen lehnen Lesungen in ersten und zweiten Klassen ab. Ich nicht. Ich hatte viel Freude.

Die zweite Lesung fand vor Zweitklässlern statt, wieder zwei Klassen, also immer gut sechzig Kinder. Ich las aus Der zehnte Mond, ich spielte Ukulele, ich arbeitete szenisch, ich ließ mich auf alles ein, auf das sich einzulassen mir lohnend schien, und habe gewonnen.

Jetzt ist Feierabend. Jetzt mache ich einen Mittagsschlaf.


Fr 17.06.11


Christiane Mensing 13.02.1953 - 17.06.2009 15:30
Hermann Mensing 06.03.1949 -

ich blende alle bilder aus
ich treib die zeitung außer haus
ich hebe und ich senke mich
ich höre und ich höre nicht
ich spreche und ich sag kein wort
ich warte doch es geht nicht fort
ich hoffe und ich sehe ein
ich schweige
und ich bin allein.

15:30

Ich bin bei dir.



wir standen im wind
der kein starker wind war
eher eine erinnerung an die zukunft
das meer war schwarz vor vergangenheit
lichter am strand
junge leute
die vor der dunkelheit flohen
in rausch und musik

niemanden hatte ich lieber an meiner seite
niemand erfüllte die welt mehr mit sinn
aber wir wussten wie sinnlos das war

wir sanken knöcheltief ein
auf dem weg hinunter zum wasser
es war unser letztes silvester
wenn wir's gewusst hätten
vielleicht hätten wir uns ertränkt

wir saßen im sand
öffneten eine flasche champagner
ließen uns hochleben und ahnten nichts

wie sorglos wir waren
wie klein selbst die größte welt
weil wir liebten
und wie groß wir sie machten
wenn sie uns zu klein war

und später im hotel
mit dicker zigarre im mund
der scharfe witz über utrecht
wie da die gesichter froren
wir lachten die nacht fort
die welt fort
den frost nahmen wir
am morgen auf unsere gesichter

wir warteten darauf
dass das meer zufror
um fortgehen zu können
aber da war das neue jahr vor
du hattest es eilig
und musstest allein gehn
so begann das
und irgendwann endet's mit mir



Sa 18.06.11
17:30



eine tüte vom fleischer
kam mir entgegen
sie war gut gelaunt
grüßte und ich grüßte zurück
fragte nach woher und wohin
und sie sagte
das sei nicht von belang
sie sei unterwegs
das genüge vollauf
wer mehr erwarte
erwarte zuviel
aha sagte ich
ich hätte aber doch eine frage
ich bin auf der suche nach einem job
ich könnte dieses und jenes
sie sind doch im dienstleistungsgewerbe
gäb's da nicht was
ach wissen sie sagte sie
als tüte verdient man ja nicht sehr viel
und sie als dichter
sie können doch nichts
vielleicht wäre es besser
sie schössen sich tot
ach das mit dem totschießen
hat auch kaum perspektiven sagte ich
da haben sie recht sagte sie
also nahm ich sie
knüllte sie zusammen
und warf sie in den müll



So 19.06.11
12:04

Als ich Michael 1972 kennenlernte, war er auf dem Weg nach Kristiania. Ich nahm ihn mit zu uns nach Hause, er blieb für ein paar Tage, gab mir die Adresse seiner Eltern in New York, zwei Wochen später flog ich dorthin, danach habe ich ihn über zwei Jahrzehnte nicht mehr gesehen. Er ist schließlich auf verschlungenen Wegen in London gelandet, hat eine Band gegründet, die Cannibals, lebt immer noch dort, und vor ein paar Monaten hatte ich ihn plötzlich auf Facebook. Gerade haben wir eine Stunde gechatted. Im Augenblick ist er in Kyoto, er ist mit einer Japanerin verheiratet, im Juli ist er zurück in London. Ich bin eingeladen. Vielleicht besuche ich ihn.

Gestern mit dem Kugelblitz bis an den Rand der Erschöpfung getanzt. Der Kugelblitz hatte es nötig. Sie muss unters Messer, darf dann vier Wochen nicht tanzen, also musste ich ran. Der Kugelblitz erzählt gern von Schatzi, ihrem Mann. Schatzi wäscht nicht ab, Schatzi räumt seine Wäsche nicht weg, ist ein workaholic, zählt Zigarettenkippen im Ascher, aber zuhause tut er nichts. Ich war also nett zum Kugelblitz. Ich bin eigentlich immer nett, denn mit ihr zu tanzen entspannt. Ich muss keine Konversation machen, ich kann nichts Falsches sagen, und wir haben nur ein gemeinsames Interesse: tanzen. Normalerweise tanzt man Salsa auf die Eins. Man kann aber auch auf die Zwei tanzen, was der ganzen Geschichte einen entspannteren Backbeat gibt. Das machen nicht viele, aber wir haben's gestern getan. Wenn man nicht aufpasst, landet man nach einer Figur wieder auf der Eins und legt sich ab. Manchmal merkt man's erst später und weiß nicht mehr, wie es passiert ist. Dann zählt man neu ein und tanzt wieder auf der Zwei. Das macht Spaß.

Kühl. Windig. Kein Plan heute. Sofa. Buch. Fernsehn. Mal sehn.



Mo 20.06.11
10:17

Es wird Zeit, dass mir ein Buch in die Finger kommt. Eines, das mich fesselt. Eines, mit dem ich ein paar Abende verbringen kann. Ich weiß nur noch nicht, welches. Haben Sie einen Tipp? Ansonsten: stabiler Zustand mit Melancholie, die niemanden interessiert. Täglich wechselnde Meldungen über den Zustand der Welt. Der ist alles andere als stabil. Ihn mit Melancholie zu umschreiben, wäre falsch. Irrsinn träfe die Sache.

Aber ich hatte mir geschworen, nie mehr politisch zu werden. Wenngleich ich feststelle, dass mich die Entwicklungen in Nordafrika froh stimmen. Der Nimbus der dort Herrschenden ist ein für alle Male dahin. Das, was in unseren Breiten mit der französischen Revolution begonnen hat, nimmt dort nun seinen Gang. Die feudalen Herrscher werden gestürzt. Einer nach dem anderen wird gehen. Das wird Leben kosten, es wird nicht morgen sein, aber der Prozess ist unumkehrbar. Man nennt so etwas: Emanzipation. Und mit diesem Prozeß wird das, was der Westen im letzten Jahrzehnt am meisten gefürchtet hat, obsolet. Die Gihadisten werden an politischem Einfluss verlieren, die Gesellschaften sind auf einem Weg der Selbstfindung. Da wird der Islam natürlich eine Rolle spielen, das ist gut so, aber es wird nicht der Islam sein, den wir als Teufel an die Wand malen, denn diesen Teufel haben wir selbst erschaffen.

Also doch Politik. Montag mit Politik.

Dabei wollte die Geschichte eines jungen Mannes erzählen, der im Bus vor mir saß und sah, wie eine junge Frau seines Alters in den Bus stürmte. Sie trug einen grauen Business-Anzug, eine schwarze Tasche über der Schulter, und sie konnte ihr Portemonnaie nicht finden. Der junge Mann reckte sich. Ich sah in seinen Augen, wie er unruhig wurde, wie er versuchte, Blickkontakt aufzunehmen, wie sein Oberkörper sich straffte, er leicht vor und zurück schwankte, und als sie an ihm vorbei ging, die Tasche auf einem Sitz hinter ihm abstellte, um dort in Ruhe in den Tiefen ihrer Tasche nach dem Portemonnaie zu suchen, sagte er etwas zu ihr.

Ich konnte ihn nicht verstehen, aber sie reagierte mit einem Lächeln und zwei drei Worten. Dann fand sie das Gesuchte, zahlte das Busticket, nahm ihre Tasche und ging nach hinten. Der junge Mann folgte ihr mit Blicken. Er fiel vor Sehnsucht fast aus der Bank, und während der Bus weiterfuhr, beobachtete ich, dass er mit sich kämpfte. Er wollte aufstehen und hinterher und dann traute er sich nicht. Er war unruhig und eine wunderbare Geschichte hinterließ Spuren in seinem Gesicht. Er wusste, er sollte diese Geschichte in Gang bringen, sie zu einem Kaffee einladen, irgendwie, sonst wäre alles umsonst. Aber er schaffte es nicht. Er fand nicht den Mut, und so platzte alles, eh es richtig beginnen konnte. Ich fand das schade. Ich hätte es ihm gegönnt. Vielleicht steht morgen eine Anzeige in der Zeitung: Du im Bus Nr.1, grauer Anzug, schwarze Tasche. Du fandest dein Portemonnaie nicht. Ich: schwarze Brille, blau-weißes Poloshirt. Ich sagte etwas zu dir. Hätte Lust, dich wieder zu sehen.

13:40

Gestern seit langem mal wieder auf einer Jazz-Session. Das Hafenfest ging dem Ende zu, die Musiker trafen sich im Club, ich stieg ein und hatte Glück. Ein Trompeter, ein Flügelhornist, ein Posaunist, ein Pianist, zwei Saxophonisten, Bass und Schlagzeug. Ich spielte Girl from Ipanema und On green dolphin street. Dolphin Street gefällt mir sehr, ich hatte ein bisschen Mühe, den Bassisten zu hören, aber ich konnte seine Finger sehen und ansonsten ist das Stück nicht so schwer. Geriet gehörig ins Swingen und merkte, dass ich wieder häufiger zu Jazz Sessions gehen sollte. Das triolische Spiel liegt mir.

21:00

Ich führe ein luxuriöses Leben, bin hin und wieder dumm bis zur Schmerzgrenze, ich bin traurig, aber das macht nichts, das alles gefällt mir.

Di 21.06.11 10:32

Ehec ist ausgestanden, Griechenland pleite, aber das alles sind Scheingefechte. Wir sind pleite, weil wir die Grundregel allen Wirtschaftens konsequent missachten: wir machen Schulden, statt mit dem zu wirtschaften, was wir haben. An jeder Ecke wirft man uns Kredite nach. Die Pro-Kopf Verschuldung der Bevölkerung ist schwindelerregend hoch, aber mich kratzt es nicht, ich kaufe nur, wenn ich kaufen kann, sonst verkneife ich's mir, bin also, Sie werden es mir verzeihen oder aber mich beneiden, schuldenfrei.

Aber das wollte ich gar nicht erzählen.

Ich wollte erzählen, wie es sich anfühlt, wenn man sich die Seele aus dem Leib scheißt. Mir ist das in 62 Jahren zweimal passiert. Einmal in einem Dorf in den Anden, über dreitausend Meter hoch, irgendwo in Kolumbien, kurz vor der Grenze zu Equador. Es gab eine Kirche dort, ein paar Häuser, die Menschen kauten Kokablätter und arbeiteten an steilen Hängen, um ihre bescheidene Ernte einzufahren.

Wir, drei Europäer auf Weltreise, hatten uns in ein kleines Hotel eingemietet und lungerten herum. Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus, wir kauten Koka Blätter, die Tage flogen uns um die Ohren, während die Einheimischen uns für Außerirdische hielten.

Es begann plötzlich, wurde wässrig und explosiv, es trat unten und oben aus, ich konnte nicht mehr gehen und stehen, ich konnte nicht mehr essen. Meine Reisebegleiter versuchten mich mit Tee und Glukose-Keksen, das einzige, was man in diesem Dorf kaufen konnte, am Leben zu halten. Ich hatte Kohletabletten, die aß ich wie Brot.

Am vierten oder fünften Tag wurde ich langsam Herr meiner Geschäfte. Bis Quito war es eine halbe Tagesreise. Dort erwartete uns Lincoln Maiguashka, der Sohn eines indianischen Rechtsanwaltes, den wir unterwegs kennengelernt hatten. Er hatte uns eingeladen. Lincolns Mutter kannte Montezumas Revenge. Sie hatte Rezepte. Sie kochte Bananensuppen für mich. Eine Woche lang lebte ich von nichts als Bananensuppen. Dann war ich geheilt.

Sechs Jahre später streckte es mich in Indien nieder. Diesmal war ich ein wenig besser ausgerüstet. Zudem war das Nahrungsangebot in Goa größer als in den Anden. Ich konnte Früchte essen und scharf gewürzte Suppen, einmal schaffte ich es gerade noch, aus einem Bus hinter einen Busch zu flüchten. Schrecklich ist das, es kann peinlich werden, deshalb Schluß und Aus. Seien Sie froh, dass Sie's nicht hatten. Die nächste Seuche ist schon unterwegs.

Nicht vergessen: heute ist Mittsommer.
Der Skandinavier trinkt sich um Kopf und Kragen, danach geht es auf Weihnachten zu.
Also jetzt schon an Geschenke denken. Ich hätte da Vorschläge: kaufen Sie doch einfach meine Romane.

12:29

Mit Musik




Alle schauen interessiert,
keiner weiß, was da passiert,
jeder hat was in der Hand,
Lichter leuchten müd am Rand,
übern Köpfen randaliert
die Erscheinung ungeniert,
fächert eine Illusion
mit Grandezza auf den Thron,
alle rufen aaahhh und oooooh,
Frauen fühlen's sowieso,
Männer fühlen's eher nicht,
war das ein Gedicht?



Do 23.06.11
10:31

Kurze Tiefenentspannung vorm Auftritt. Gegen 16 Uhr wird Herr M. in Niedersachsen lesen. Gedacht als Weltrekord wird er versuchen, aus all seinen Romanen gleichzeitig vorzutragen, was, wie Sie sich vorstellen können, nicht einfach ist. Zudem wird er tanzen, jonglieren und Ukulele spielen, aber das alles ist noch nicht genug, nein, Kollege M. hat weitere Überraschungen parat. Also, worauf warten Sie? Auf nach Niedersachsen. Erleben Sie dieses Bundesland neu. Wo Herr M. liest, finden Sie dann schon heraus.

PS. siehe auch:
the Hendersons will dance and sing, while Mr.Kite flies through the ring....

23:45

Eine stellvertretende Bürgermeisterin wird eine Rede halten. Als ich das hörte, schreckte ich zusammen, aber dann kam diese kleine, kräftige, gut proportionierte Frau und erzählte, wie sie als Kind Bücher gelesen hat, wie sie, wenn ihr die Namen der Protagonisten nicht gefielen, eigene Namen erfand und sich Geschichten umsponn. Davon erzählte sie, und eröffnete den Julius Sommerleseclub der Stadt Nordhorn.

Witzig, denke ich, mein Enkel heißt Julius. Der Sponsor hält auch eine Rede, aber er hält sich kurz und dann bin ich dran. Ich habe mich umgeschaut. Mein Publikum ist zu alt für meinen neuen Roman, es sind hauptsächlich Mädchen, was nicht für die Jungen spricht, Mädchen von zehn Jahren aufwärts bis dreizehn, vierzehn, die brauchen anderen Stoff.

Zum Glück habe ich mein Repertoire in einer schwarzen Aktentasche. Ich liebe es, mich spontan entscheiden zu können und entscheide mich für Große Liebe Nr.1. Ich erzähle, worum es geht und lese 20 Minuten. Ich habe ein Headset, das macht die Dinge wunderbar einfach. Jeder kann mich verstehen, ich kann mich bewegen wie ich will, und man hört mir aufmerksam zu. Die Lacher kommen an den richtigen Stellen. Ich war gut. Ich hatte mir, ich weiß auch nicht wieso, ein Jacket und ein weißes Hemd angezogen und mir einen Schlips umgebunden. Seit vierzig Jahren habe ich keinen Schlips mehr getragen, aber heute war mir danach und ich fand, dass ich gut aussah.

Eine gelungene kleine Veranstaltung war das. Entsprechend zufrieden habe ich mich auf den Heimweg gemacht. Ich war noch eingeladen. Ich war eingeladen, um Metha kennenzulernen, die seit 10 Tagen auf der Welt ist. Metha ist viel kleiner als das normale Kleinkind, sie ist kein Frühchen, aber gewichtsmäßig lag sie nur knapp darüber.

Wieviel Mut man braucht, um Kinder in die Welt zu setzen. Wie groß der Lohn ist, wenn man es tut. Wie sich plötzlich Ängste aufbauen und Sorgen. Wie die Welt eine ganz andere wird, wenn man nicht mehr allein ist. Metha ist so zart und macht so ernste Gesichter. Diese kleinen Menschen spiegeln in manchen Augenblicken ihr ganzes Leben. Einmal sehen sie aus wie Greise, dann wieder wie kleine, taumelnde Engel.

Ein schöner Tag, ein schöner Abend auf dem Balkon, die Krähen sammelten sich zur Nacht in der großen Linde, wir tranken Wein und aßen Bratkartoffeln, die Mutter saß da und strahlte und war schön. Ich kenne sie jetzt fast zehn Jahre und wir mochten uns von Anfang an. Als sie damals erzählte, sie habe jetzt diesen neuen Freund, habe ich ihr prophezeit, dass sie bald schwanger sein wird. Da ist sie also. Sie stillt. Stillende Frauen sind umwerfend. Dieses Stillen ist eine Droge für Mutter und Kind. Natürlich es anstrengend, natürlich herrscht Schlafmangel, natürlich ist dieses neue Leben ein unüberschaubar hoher Berg und man fürchtet sich manchmal, aber darüber strahlt Glück.

Von dem habe ich ein bisschen abbekommen heute abend. Das tat gut, nachdem ich gestern getanzt habe, um nach dem Tanzen allein nach Hause zu fahren, allein in der Wohnung herumzugehen, allein schlafen zu gehen. Wieviel gäbe ich, mal wieder teilen zu können. So bleibt mir nur die Rolle als elder statesmen, der vieles schon hinter sich hat, was diese beiden und all die anderen jungen Menschen, die ich zu meinen Freunden zähle, noch vor sich haben. Einer hat sich gerade von seiner Freundin getrennt. Noch mehr aber schien er erschüttert darüber, dass Jäger seine Katze erschossen haben.


Sa 25.06.11
11:52

Genug zu tun. Vorausgesetzt, ich wollte, aber ich will nicht. Ich will meinen Kopf an eine Schulter legen. Ich will an einem Tisch sitzen und mir gegenüber sitzt jemand. Wir säßen da, hätten uns viel zu sagen oder auch nichts, wir säßen da und wüssten, dass wir bis ans Ende aller Tage da säßen und alle Sätze gesprochen hätten, selbst die, die wir noch sprechen würden, um uns wäre wohlige Langeweile, von anderen verspottet, von uns jedoch hoch geachtet und gepflegt, weil wir und nur wir wüssten, was sich dahinter verbirgt.

Danach sehne ich mich heute, danach habe ich mich gestern gesehnt, danach sehne ich mich, seit ich allein bin, dann erschrecke ich, stehe auf, gehe zum Kleiderschrank, schiebe den von einer Motte angefressenen Pullover zur Seite, nehme Opas Weltkriegsrevolver und schieße mir in den Kopf.

Keine schöne Lösung, denke ich, so dazuliegen und all die Blutmatsche rundum, das kann man doch niemandem zumuten, so eine Sauerei, und das ist doch nicht das, was ich will, also schiebe ich den Revolver zurück und verschließe den Schrank.

Ich habe Kaffee auf dem Herd, aber Nikotin ist nicht im Hause. Ich rauchte jetzt gern eine Zigarette, das würde schon reichen, aber um an eine zu gelangen, muss ich ein Paket kaufen und wenn ich ein Paket kaufe, rauche ich, bis nichts mehr da ist.

Ich habe eingekauft. Ein Kind kam mir entgegen, eine Barbie wie einen Zeremonienstab vor sich her tragend, das blonde Haar wie ein Pferdeschweif, ein Mann in petrolblauem Jackett und ebensolchem Hut stand beim Bäcker neben mir, meine Lieblingsbäckereifachverkäuferin hatte frei. Ich musste mit einer kräftigen Blonden vorlieb nehmen, zu der mir nichts als Kampflesbe einfiel, drei blaue Punkte in den Spann zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand tätowiert. Knasttatoo, dachte ich. Ich kaufte Herrenkonfitüre von Schwartau, ich frühstückte und fand die Zeitungen voll mit Beschwörungen eines Sommermärchens.

Ich habe eine Erzählung in Arbeit, ich habe ein modernes Märchen an meinen Verlag geschickt, ich erwarte Geld von der VG Wort, ich habe die Produktionsmanagerin eines Naturfilmers kennengelernt, die sagt, dass sie Autoren suche, ich habe ihr meine Karte gegeben.

An Wilhems Balkon weht die Deutschlandflagge, er glaubt offenbar, dass Märchen sich wiederholen. Es regnet. Der Nachbar hat vergessen, seine Wäsche von der Leine zu nehmen. Auf dem Schützenplatz an der Hohenholter Straße schießen Männer auf einen Holzvogel. Wenn ich mich selbst nicht rette, rettet mich niemand.

13:14

Ich probe. Am 7. Juli werde ich auf dem Leselust Festival in Aachen auftreten. Ich will einige Texte zu Loops live aufführen. Das ist nicht ganz einfach. Aber ich habe ja Zeit. Jeden Tag eine halbe Stunde, dann kann ich das.


So 26.06.11
11:17

Ich habe Leser.
In diesem Fall ist es eine Leserin. Sie sorgt sich um mich.
Das ist rührend. Und stolz macht es mich auch. Aber lesen Sie selbst...


I
n Anbetracht der Tatsache, dass du probst, wirst du dich sicher grad mal nicht erschießen. Solltest du nach den loops die Zeit dafür haben: mach dir keine Sorgen. So ein wahnsinniges Blutbad und Gematsche ist das gar nicht.

Hast du Laminat? Oder vielleicht Fliesen?

Die Sauerei ist nur knapp einen Quadratmeter groß. Teppich ist günstiger, weil stark saugend und leichter zu kaschieren. Gut, wenn du Fliesen hast und es läuft in die Fugen das ist nicht so günstig. Auf keinen Fall solltest du den Sehnerv treffen oder nur das Gehirn touchieren, dann sitzt du da sabbernd und blind. Das ist so ziemlich das Dämlichste, was man machen kann.

Der Winkel muss stimmen.
Stimmt der Winkel, hörst du nicht mal mehr den Knall, brother crow.

Du könntest sogar aufgebahrt werden, weil ja nur am Hinterkopf ein bisschen was strubbelig ist . dich wird es dann sicher nicht mehr stören, aber deine Verwandtschaft hat danach bösen Ärger am Hintern. Glaub mal ja nicht, das man dich dann flottski eingeäschert bekommt. Dann geht es erst mal durch die Presse und in die Kühlung, bis irgendein übereifriger Kripobeamte die Bude auf links gedreht hat und klar ist, wo das Mittel zur Tat herkommt. Da vergehen schon mal ein paar Wochen.

Schlußendlich landest du nicht im Regal, sondern auf dem Städtischen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass das dein Wunsch und Wille ist.
Ich schlage vor, du sitzt das Leben aus. Das ist nicht immer der Hit. Ja. Aber deine Idee ist mal Mega Scheiße.

Schön , das wir darüber gesprochen haben. Viel spaß beim Proben.

Gruß A.


20:09

Gestern Punkt 21:17 sprang mich ein Gedanke an.
Gleich tanzen im Cafe Sieben? simste ich dem Kugelblitz. -
Sorry, bin schon im Schlumpf auf dem Sofa und komm nicht mehr hoch.
War ein harter Tag. -
Schaaaadeee, simste ich. -
Was läuft denn da heute? kam als Antwort und ich witterte Erfolg. -
Na, die Mucke die letzte Woche lief, denke ich. Soll ich dich abholen? -
Aber wenn, dann nicht lang. Schatzi ist ja auch noch da. Wann wärst du denn da? -
Wann du willst. -
Also ich muss mich ja noch restaurieren. Halbe Stunde? -
OK. Klingeln und hochkommen? -
Nee, ich warte unten. -
OK, darauf ich und schlug 22:20 Uhr vor. -
OK, simste der Kugelblitz. -

Um 22:15 fuhr ich vor. Der Kugelblitz wartete schon. Wir fuhren zum Cafe Sieben, tanzten bis halb eins, dann brachte ich den Kugelblitz heim zu Schatzi.


Mo 27.06.11 10:33

ich schlug herrn mensing vor
sich öffentlich und stilgerecht
vermittels eines unerhörten wortes zu entehren
per salti sätze beizufügen und in leeren
seit langem ungenutzten aufzugschächten
mit mächten, die ihm nächtens an die schädeldecke klopfen
die öffentlichen wege zu verstopfen
dem lieb gewonnenen per demutsgeste zu entrinnen
den hoch verschuldeten ein heim zu spinnen
ich riet ihm, alle mittel frei zu setzen
um so im nichts mit den verletzten
ein lied in dur und moll zu singen
sie in ein schützendes korsett zu zwingen
ich insistierte, dass es heute noch geschehen müsse
nur mut erübrige die faulen kompromisse
ich gab ihm beiderlei geschlecht
schenkt' ihm den himmel und das recht
auf jedes wort, auf jeden satz
ich räumte ein und aus und machte platz
vor allem aber drehte ich die welt für ihn
addierte eins und eins im sinn
und hatte, als dem tag das auge brach
ein messer, das ins heute stach
den abschied, den er sich erträumt
und das willkommen für ihn eingeräumt
herr mensing dankte, war erstaunt
hatte gedichte anberaumt
herr mensing neigte sich in einen satz
und machte seiner freude platz


Di 28.06.11
10:44

Wir schreiben April 2006. Unser Volvo geht nicht mehr über den TÜV, wir sind im Münsterland unterwegs, um Ausschau nach einem bezahlbaren Auto zu halten. Auf den Dörfern finden wir sicher ein Schätzchen, das auf uns wartet. Wir, das sind meine Frau und ich. Wenn wir unterwegs waren, war alles Ereignis. Holtwick, Osterwick, Darfeld, Legden, überall standen gebrauchte PKW auf den Höfen der Händler, wer will die kaufen, dachten wir, und dann standen da ja auch noch all die Neuwagen.

Aber eine bezahlbare Limousine für uns war nicht dabei. Ahaus war die letzte Station, und in Ahaus war Flohmarkt. An einem Stand hing dieser zweireihige Anzug. Beste Schurwolle, Nachlass irgendeines Verstorbenen, ein bisschen zu groß für mich, aber ich mag oversize, ich verliere mich gern im Zuviel, statt in zu Engem zu stecken, er kostete zehn Euro.

Wenn schon kein Auto, dachte ich und kaufte ihn.

Oft habe ich ihn nicht getragen in der Zeit danach, ich bin kein Anzugträger, aber wenn ich ihn trug, gefiel ich mir. Als ich letztens tanzen ging, zog ich ihn an und stellte fest, dass die Motten ein beachtliches Loch in Höhe des rechten Schienbeines gefressen hatten. Sie suchen nur feinste Materialien, den Rest verschmähen sie. Da muss etwas geschehen, dachte ich, setzte mich gestern trotz saharischer Hitze aufs Rad, fuhr in die Stadt und deckte mich mit Lavendel ein. Wieder zuhause bestückte ich den Kleiderschrank. Jetzt sollen sie mal sehn, dachte ich und hoffe, dass es wirkt.


Arbeite an einem Ohrenbär. Die ersten zehn Seiten sind fertig. Knapp dreißig sollen es werden. Also, still halten, die Hitze aussitzen, morgen wird es wahrscheinlich wieder Starkregenereignisse geben, gutes Wetter, um zu arbeiten.


Mi 29.06.11
9:23

ich hatte ein gedicht bestellt
es solle nicht länger als zehn zeilen sein
hatte ich gesagt und man hatte mir zugesichert
die lieferung erfolge innerhalb von 48 stunden
portofrei hatte man gesagt
einen gutschein gäbe es extra
jetzt sind zwei wochen verstrichen
mein briefkasten ist immer noch leer
und so langsam fürchte ich
dass die firma, die diese gedichte verkauft
nur auf mein geld aus war
denn gezahlt habe ich schon
gedichte, hieß es, gäbe es nur gegen vorkasse
das ist die situation: geld weg/kein gedicht
ich glaube, ich wende mich an den verbraucherschutz

19:22

Die Käsefrau sagt, mein Mann hatte Diabetes. Sie hatten ihm den Unterschenkel amputiert. An dem Tag, als sie ihm die Prothese anpassen wollten, war er so komisch. Ich dachte, bleib besser bei ihm. Und dann setzte er aus. Setzte aus, kam wieder, und ich sagte ihm, ich würde keinen anderen Mann mehr nehmen. Dann starb er. Ein Jahr später habe ich mich kopflos verliebt. Hätte der Mann mich nach vierzehn Tagen gefragt, ich hätte ihn sofort geheiratet. So haben wir nach einem Jahr geheiratet. Im zweiten Jahr wusste ich schon, dass das verkehrt war. Es hat dann aber doch noch sechs Jahre gedauert, eh wir uns scheiden ließen. Wir hatten Gütertrennung vereinbart, zum Glück. Deshalb hat mich die Scheidung nur 80 Euro gekostet.


Do 30.06.11 11:19

Letztens hatte ich dem Enkel auf dem Klavier ein bisschen vorgespielt. Und weil er gerade ein Bilderbuch las, in dem Tiere vorgestellt wurden, hatte ich die tiefste Oktave bearbeitet und Bär gesagt. Und in der höchsten hatte ich Vögel gespielt. Bär, hatte ich gesagt, und er hatte ein gefährliches Gesicht gemacht und Bär Bär Bär gesagt.

Gestern sah ich ihn wieder. Wir spielten eine Weile in der Küche. Er spielte schlafen und sagte Opa auch? Opa legte sich neben ihn. Er setzte sich und zappelte mit den Beinen. Opa auch, sagte er und ich zappelte auch mit den Beinen. So ging das eine Weile, dann ging ich ans Klavier. Der Enkel kam und sagte Bär? Ich spielte den Bär. Und den Vogel. Und dann gossen wir die Sonnenblume, die ich ihm nicht ohne pädagogischen Hintergedanken geschenkt hatte. Ich hatte gedacht, man könne sie jeden Tag gießen und so Einblick gewinnen in das Wachsen von Blumen. Sie sah aber ein wenig vernachlässigt aus.

21:05

Internet ist bullshit, denke ich, dann kommt eine Freundschaftsanfrage. Klicke ich an, klar, Facebook-Freunde sind potentielle Verbreiter froher Botschaft, und erfahre, das ist ein Verlag, der Verlag ist online, ich simse was rüber, man simst zurück, dass man gut findet, was ich treibe, zehn Minuten später telefonieren wir schon und jetzt steht die Veröffentlichung eines Gedichtbandes für 2013 im Raum. Das trifft sich, denn ich bin gerade dabei, Gedichte zusammen zu stellen. Mit diesem Rückenwind werde ich also genau das tun, was ich mir vorgenommen hatte, nämlich anbieten, anbieten, anbieten.

23:17

Auf dem Weg zum Supermarkt meines Vertrauens, Ort verdrießlichen Anstehens vor Kassen, showroom für Tatoos und Piercings an meist weniger hübschen Menschen, Arbeitsplatz meiner fetten Ex-Nachbarin, Ort stiller Kontemplation zwischen Bio-Produkten (Bio-Bio) und Schweinebacke, kommt mir ein Ehepaar entgegen. Beide in den Mittsechzigern, beide mit Rollkoffern, so dass mir auf der Zunge liegt, zu sagen, der Flieger nach Mallorca wäre längst weg. Während sie vorbeiziehen, blicke ich über die Schulter zurück, und da stellt sich dieser Mann seelenruhig an den Kindergartenzaun und pinkelt. Ich pinkle auch gern draußen, suche dann aber stillere Orte.

23:33

Habe mir die Beatles auf die Festplatte geladen, wunderbare First Takes von den Anthology CD's, live-takes aus BBC Aufzeichnungen, Schätze. Werde also in den nächsten neunzehn Stunden nichts als Beatles hören und mich fühlen wie 14.
























































 




 


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