Juni 2012                                        www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Fr 1.06.12 10:25

Die weiße Kuckucksnelke mag ich besonders. Ich weiß, wo sie wächst, sie ist, was man neudeutsch Straßenbegleitgrün nennt. Wenn ich sie pflücken wollte, bliebe mir nichts als ein wagemutiges Haltemanöver an einer vielbefahrenen Straße, also lasse ich das, aber überall an den Wegen und auf den Wiesen wächst anderes, prächtig blühendes Kraut, dessen Namen ich meist nicht kenne, woraus sich jedoch wundervolle Sträuße zusammenstellen lassen.

Heute abend Probe für die Grünflächenunterhaltung am Samstag. Doc Heyne wird dabei sein, Steffi der Panikbassist, ich höre, dass auch Eddi McGrogan kommt, den ich längst zurück in Schottland vermutet hatte, ich freue mich, mal sehn, was das wird morgen, hoffentlich regnet es nicht. Überlege nämlich, mein Basisset mitzunehmen, Bassdrum, Snare, Hihat, ein Becken.

16:17

Freitagnachmittag,
ich habe keine Lust,
wenn bald Abend ist,
wird noch gemusst,
wenn dann Nacht kommt,
klappe ich mich ein und penne,
eh' ich blind ins Unglück renne.


Sa 2.06.12 11:00

Nach Gesprächen über die literarische Zukunft des Dichters M. sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass es, da schon alles gesagt ist, nur eine Möglichkeit gibt, den Themenkanon deutscher Dichtung noch zu erweitern. Es muss übers Ficken, Fressen, Saufen, Pissen und Scheißen gedichtet werden, diese menschlichen Grundbedürfnisse finden kaum je Beachtung. Ich werde natürlich mein Bestes geben, habe aber auch schon etwas vorbereitet, bitte hier. Danke.

Samstagmorgen,
und noch immer kein Motiv,
wenn bald Mittag ist,
hängt über M. das Mittagstief,
wenn ich nachmittags die Trommel schlage,
werd' ich vielleicht Herr der Lage.


12:40

Das ist Steffis Büro. Da haben wir geprobt.




20:52




hab am nachmittag cajon geschlagen,
buena sera senorita mich getraut zu singen,
hab die zuhörer belauscht und kann nun sagen,
es war leicht, sie zu beschwingen.

alle hatten lang gewartet, dass ein lachen kommt,
hatten still gehofft, dass irgendwo ein ton sie fängt,
ringsum wurde alles sanft besonnt,
und die kellerleichen wurden abgehängt.

ja, schlußendlich wurde auch die dunkle miene,
dieses großen starken mannes hell,
got my mojo working schaffte ihn im sinne
der gemütsaufklarung schnell.

andere, ja, die zwei in schwarz mit rad,
hatten fürze quer und wollten nicht,
er trug einen grauen bart,
klimakteriumrot ihr haar im licht.

einem kleinen, etwas über drei,
gab ich meine maracas,
er erschrak, war aber dann so frei,
rappelte davon und hatte spaß.


So 3.06.12
10:26



Von links nach rechts sehen Sie Nicolas Leibel, Herrn Mensing, Uwe Koch, Steffi Stephan, Charlie, Doc Heyne und in Orange den alten Schotten Eddie McGrogan.


Mo 4.06.12 10:27

An diesem kalten Junimorgen geht es um Strichcodes und Parkplätze. Beide haben nichts miteinander zu tun, aber ohne sie wäre unser Alltag komplizierter, als er sowieso ist. Gerade geriet die russische Kassiererin an der Nettokasse in Unruhe, weil die Weinbergpfirsiche einer Kundin keinen Code aufwiesen. Röte stieg in ihr Gesicht, so ein verfluchter Montagmorgen, die Kundenschlange wurde länger und länger, zum Glück murrte niemand, aber die herbeigerufene Kollegin wusste auch keinen Rat. Das Kassendisplay wurde durchforstet, irgendwo, da war man sich sicher, müssten Hinweise auf diese, seit einiger Zeit sehr in Mode gekommenen Pfirsiche zu finden sein. Zwei Örodreißig, meinte eine dritte Kollegin, auch sie slawischen Ursprungs und daher nicht in der Lage, diese Vokaldopplung korrekt auszusprechen. Dann tauchte die Filialleiterin auf und klärte die Lage.

Ich erinnere mich noch mit Staunen und Hochachtung an eine Kassierin bei Aldi, die - der Strichcode war in anderen Geschäften längst Alltag, nur Aldi-Nord schien ihm noch zu misstrauen - den Preis jeden Artikels auswendig wusste und mit einer Geschwindigkeit eintippte, die mir selbst bei Großeinkäufen keine Zeit ließ, die Waren noch vorm endgültigen Saldo in den bereitstehenden Wagen abzuräumen.

Samstag fuhr ich mit dem Auto in die Stadt, um bei der Grünflächenunterhaltung zu trommeln. Unter normalen Umständen wäre ich mit dem Rad gefahren, aber das Rad war kaputt. Ich ahnte, dass es nicht leicht werden würde, einen Parkplatz zu finden. Zweimal umrundete ich das Viertel, bis ich in der Neubrückenstraße eine von allen gemiedene Parklücke zwischen einem Audi A6 aus Essen und einem Polo aus Coesfeld fand. Mein Auto ist etwa vier Meter lang, die Parklücke schien kaum länger. Ich brachte meinen Wagen parallel zum Audi in Position und glitt rückwärts. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig blieben Menschen stehen, um zuzuschauen, wie ich scheitere, einer gestikulierte, aber da hatte ich die Ideallinie längst gefunden, zwei, dreimal vor und zurück, und ich stand in einer Entfernung von zwei Zentimetern parallel zum Randstein, vorn und hinten je eine Hand breit Platz, ich stieg aus und dachte, dass jetzt eigentlich nichts mehr schief gehen könne. Manchmal ist das Leben gut zu einem.

Und das war es dann auch. Es war ein sehr entspannter Nachmittag und die Musik war besser, als es die Proben am Freitagabend hatten vermuten lassen.


Di 5.06.12
14:09

Als ich vorhin mit dem Rad über Land fuhr, habe ich Blumen gepflückt. Ich tu das für mein Leben gern, ich habe es meist für sie getan und für sie waren nur die schönsten Sträuße gut genug, aber der von heute ist ein Strauß für mich, denn sie ist ja nicht mehr auf der Welt, aber ich habe an sie gedacht. Klee ist dabei, Butterblumen sind auch dabei, Kuckucksnelken, die Orangebraunen kenne ich nicht, ich weiß nur, dass oft dicke schwarze Fliegen darauf sitzen, und der Name des Krauts, das so großdoldig weiß blüht, fällt mir auf Teufel komm raus nicht ein. Am Friedhof habe eine wilde Rose geklaut. Sie duftet, ist blutorange und hat mich gestochen.


 

Do 7.06.12 12:43

Ich arbeite an einem neuen Projekt. Es geht langsam voran. Ich bin in der dritten Version, aber zufrieden bin ich noch nicht. In den letzten vierundzwanzig Stunden habe ich über die Erzählperspektive nachgedacht und kam zu dem Ergebnis, sie zu ändern. Also habe ich das Dokument geöffnet. Habe den ersten Satz umgeschrieben, festgestellt, dass diese Änderung dem Projekt gut tun wird, dann aber setzte mein Fluchtreflex ein, ich schloss das Dokument und vertagte mich auf später. Diesen Fluchtreflex kenne ich, seit ich schreibe. Wenn er einsetzt, will ich eigentlich nur eines: nicht schreiben müssen, nie mehr schreiben, stattdessen still in der Ecke hocken und mit mir zufrieden sein. Aber das wird nicht gut gehen. Mit mir wird so etwas nie im Leben gut gehen, deshalb bleibt mir nichts, als das Dokument zu gegebener Zeit wieder zu öffnen und weiter zu machen. Wie immer.

PS.

Kaum hatte ich die Rose ins Wasser gestellt, war sie auch schon verblüht.

14:32

Wer, wie ich, gern flieht, braucht einen Ort zur Besinnung. Ich dachte, ich setze mich auf's Rad und mache eine Tour, aber selbst dafür war ich zu faul, kreuzte die Straße, fuhr durch das Neubauviertel zur Autobahn, bog ab in die Felder und setzte mich auf eine Bank. Vor mir ein geschotterter Weg. Und da kam er, in hohem Tempo. Ein smaragdgrüner Käfer querte ihn, blieb zweimal bei Steinen seiner Größe stehen, verfolgte dann seine ursprünglich eingeschlagene Richtung bis vor meine Füße, pausierte, drehte ab und rannte wieder zurück. Wieso? dachte ich. Steckte ein Plan dahinter, oder rennt so ein Käfer planlos herum? Ich weiß es nicht, ich tendiere zu der Annahme, dass so ein Käfer nicht sonderlich klug ist, andererseits, gesicherte Erkenntnis klingt anders.




Fr 8.06.12
10:50

Schwer wiegendes Gedicht über das Sein



Menno, sagt das fette Schwein,
das entblösst bis aufs Kotelett,
schwer enttäuscht vom Hier und Sein,
gern ein zweites Leben hätt.

Zweifellos ist das nicht machbar,
denn sein Filet ist verkauft,
und das Eisbein in der Schlachtbar,
hatte sich den Fuß verstaucht.

Bliebe vielleicht etwas Hirn,
das in einer klugen Lösung
mit Elektrik, Nadel, Zwirn,
noch zurück fänd auf die Schonung.

Aber halt, was sollt es dort,
wäre gruselig, oder nicht,
wäre doch nur Geist vor Ort,
statt ein schmackhaftes Gericht.


Sa 9.06.12 12:03

Schwerwiegendes Gedicht über Gottes Werk



Obgleich immer in der Lage,
dickste Äste abzusägen,
hatte Gott an diesem Tage,
schwerstes Unwohlsein im Brägen.

Hatte einen flotten Stuhl,
und im Anschluss Unwohlsein,
legte sich in seinen Pool
und vergab dem Sein.

Als die Physiotherapeuten
ihn auf ihre Liege baten,
fingen Glocken an zu läuten
und er aß Oblaten.

Duchgeknetet fasst er neuen Mut,
glaubte, wieder hell zu sehen,
bat die Cherubim um einen Hut,
denn er wollte gehen.

Seitdem lebt er nur noch als Gerücht
in den Köpfen einiger,
taugt vielleicht noch für'n Gedicht,
und als Schreck für Peiniger.


Mo 11.06.12 7:50

Den einen, angeblich Dummen, schießen die Kartoffeln dicht an dicht stehend ins Kraut, den anderen verrecken sie, noch eh erste Sprossen die Erdkrume durchbrochen haben. Die einen sind Nachbarn des Schrebergartens, in dem ich mich hin und wieder aufhalte. Ich habe mir bei ihnen einmal Isolierband ausgeliehen und festgestellt, dass dort ein kindsgroßer Gartenzwerg steht, während ich unabhängig davon konstatieren kann, dass der Gartenzwerg in Schrebergärten auf dem Rückzug ist.

Die anderen kenne ich etwas besser. Zwei Herren, ein Paar. Ich habe gesehen, wie sie die Kartoffeln in flüchtig gebuddelte Löcher versenkten und hatte schon da meine Zweifel. Akademiker pflanzen Kartoffeln, habe ich gedacht, weil es so schön ist, zu sehen, dass Vorurteile sich gern bestätigen und dennoch Vorurteile bleiben. Akademiker also, keine Flucht, kein System, zwei linke Hände. Entsprechend sahen die Reihen der von ihnen gepflanzten Kartoffeln aus. Ein Jammer.

Einer der beiden feierte am Wochenende seinen 60ten Geburtstag und hatte ins Vereinshaus des Schrebergartens geladen. Kulturelle Beiträge seien erwünscht, hatte man an mich herangetragen, ob ich eventuell...? Nun, hatte ich gedacht, Akademiker, da kommen sicher andere Akademiker, vielleicht sogar einflussreiche Akademiker, man weiß ja nie, solche Akademiker kennen meist Hinz und Kunz, also ja, ich werde da was machen, hatte ich der Vermittlerin gesagt, nur was, wüsste ich noch nicht.

Und dann kam es, wie es kommen musste. Ich hätte das wissen können, besser, ich hätte es wissen müssen. So ein Gartenfestpublikum will essen und trinken, vielleicht will es auch ein Geburtstagslied singen, das ja, aber es will bestimmt keine Gedichte hören. Anfangs hatte ich noch davon geträumt, wie ich sie um mich scharen würde, um ihnen Stunden aus einem meiner Romane vorzulesen, aber diese Idee hatte ich glücklichweise aufgegeben. Ich hatte auch offen gelassen, ob ich überhaupt irgendetwas lesen würde, aber dann, der jüngere Partner des Geburtstagskindes hatte gerade seine Rückschau über dreißig Jahre Ehe beendet, verkündete das Geburtstagskind, man habe da noch einen Beitrag, und dabei wies es irgendwie auf mich. Gut, bitte, dachte ich, also dann, ging an meine frühlingslindgrüne Umhängetasche, holte die Gedichte heraus und las drei von ihnen vor.

Danach fühlte ich mich wie Arjen Robben, ich glaube, ich muss das nicht näher erklären. Wenngleich ich dennoch sagen muss, dass kurz darauf eine Frau mittleren Alters neben mir auftauchte und sagte, das wären sehr schöne Texte gewesen. Und ein Mann sagte, die hätten aber einen dunklen Humor.

Dann war das Grillgut gar und das Buffet wurde eröffnet. Ich, der anfangs noch dachte, nix wie weg hier, Deutschland - Portugal gucken, blieb bis zur Halbzeit, fuhr heim, erfuhr vom Siegtreffer auf der Straße, weil plötzlich aus alle Ecken Jubel aufstieg und sah dann noch die restlichen zwanzig Minuten.

Sollte demnächst wieder jemand an mich herantreten, weil er kulturelle Beiträge wünscht, würde ich sagen, Zahlemann und Söhne, sonst sage ich keinen Piep. Kultur darf nicht verschenkt werden, weil das niemand ernst nimmt.

16:27

ich spür, gleich nimmt es überhand,
hab aber keinen sprengsatz,
steh mit dem rücken flach zur wand,
und warte auf den einsatz.

ich hab die worte schon sortiert,
hab ihnen nie vertraut,
tief drinnen wütet's ungeniert,
ich weiß, gleich werd' ich vorlaut.

ich könnte jetzt die flucht ergreifen,
mich elegant entleiben,
ich könnte auch ein liedchen pfeifen,
nur eins nicht, länger bleiben.

ich muss jetzt raus, egal, wohin,
nicht einmal güte hilft noch,
die welt ist gänzlich ohne sinn,
ein bittersüßes arschloch.

ich schafft's zum auto, atme tief,
zum glück der warenwelt entkommen,
ringsum der alltägliche mief
des industriegebiets, verkommen.

nur ruhig, ich fass mir an die stirn,
ich hebele einen gang ein,
fast automatisch lenkt das hirn
nach hause, heim zum standbein.

da komm ich an, bin schweißgebadet,
hab wieder einmal überlebt,
ich staune, ich bin unbeschadet,
und spür', die erde lebt.


Mi 13.06.12 10:29

So eine deutsche Müllverwertungsanlage ist etwas Feines. Man staunt, wenn man schon einmal irgendwo war, wo der Müll in Flussbetten, kleinen Tälern, an Abhängen, vor, hinterm und ums Haus entsorgt wird.

Um hinzukommen, muss man die Stadt verlassen, das Land breitet sich aus, Königskerzen, Butterblumen, Kuckucksnelken, Mädesüß links und rechts der schmalen Straße, die Gerste wogt, die Kartoffeln stehen kniehoch, der Mais palmwedelt sich langsam in die Höhe, das Land ist eine Pracht, und dann sieht man den Berg, schon von weitem kann man ihn sehen.

Seit vierzig Jahren wird dort Abfall entsorgt. Der Berg ist begrünt, an seiner Südflanke steht eine große Solaranlage, das Abwasser wird in Kanälen abgeführt, und da, wo der Berg noch nicht begrünt ist, liegen Planen aus.

An so einer Anlage zeigt der Deutsche was er am Besten kann, korrekt sein, sorgfältig, fast beängstigend. Der Berg ist so hoch, dass man Ski fahren könnte, und ich wette, irgendwann wird man das auch tun, man hat ja Schneekanonen, und wenn das kolletive Vergessen erst einmal eingesetzt hat, in hundert oder zweihundert Jahren, werden vielleicht nur noch die Historiker und Archäologen wissen, dass dort Zivilisationsmüll lagert.

Auch möglich, dass man dann schon den Flux-Kompensator erfunden hat und alles wieder ausgräbt, um es in Energie zu verwandeln. Was denkbar ist, ist irgendwann machbar, den Gedanken denke ich gern, und dann auch wieder nicht, weil er erschreckend ist. Aber auch der Schreck ist Alltag.

Wir haben einen Fordtransit bis an den Rand mit der Hinterlassenschaft eines 84jährigen Lebens gefüllt, alles ist nur noch Schrott, nichts mehr hat Bestand, nichts kann mehr verschenkt werden, weil alle entweder schon alles haben oder niemand noch etwas will, das schon so lange belebt wurde.

Deprimierend ist das, ich hatte es ja schon prophezeit, aber heute muss alles raus. Rechterhand vorm Berg wird der Müll sortiert, da stehen Container für alle denkbaren Materialien, und man muss nicht einmal bezahlen, um sie dort loszuwerden. Nur für den Restmüll zahlt man eine Kubikmetergebühr, in unserem Falle waren das acht Euro. Alles andere, Holz, Metall, Glas, Kleidung, wirf man hier hinein oder dort. Auf meine Frage, was denn mit dem Restmüll geschehe, sagt einer der Angestellten mürrisch, das sei nicht seine Sache. Ja aber wie denn, insistiere ich, und dann antwortet er schließlich, dass es sortiert, auseinandergerupft und gepflückt und in dem Wiederverwertungskreislauf zugeführt werde. Danke, sage ich, aber auf meinen Dank scheißt er und geht davon.


Do 14.06.12 9:41



Heut schreib ich ein Gedicht,
jenseits von Licht und Schatten,
eins, dass ins Auge sticht,
und lasse mich begatten.

Lass mich fellationieren,
mich über Klingen springen,
sollt es nicht funktionieren,
werd' ich im Jenseits singen.

Ich säße da mit Engeln
und wüsste, wie ich's machte,
würde die Leier dengeln
und hörte das Gedachte.

Ich überträfe die Erwartung,
vergäb der Sauerei,
ich schisse auf Beratung,
und legt' noch schnell ein Ei.

Beim Abgang dann begriff ich,
dass meine Zeit nicht drängt,
mit stolzem Kamme säh ich,
wo jetzt der Hammer hängt.

Ich überlegte, dass nichts wichtig,
nichts von Belang und Eile ist,
ich macht' es falsch und richtig,
und stocherte im Mist.

Ich überwand den Ekel,
hatte davon gehört,
ich legte meinen Hebel
auf Fahrt, noch leicht verstört.

Im achten Vers erhöb sich
ein Raunen, wild und schrill,
und sagte, komm doch, lieb dich,
und sei dann endlich still.

Sei doch mit dir zufrieden,
hab nur ein bisschen Mut,
erlaub, dass sie dich lieben,
was nutzt dir deine Wut.

Was hat sie dir zu bieten,
sie kann doch nur zerstör'n,
raus aus den Feuchtgebieten,
lass lachen, lass es hör'n.

Gut also, Feierabend,
jawohl ja, abgehakt,
da sitz ich, Nektar labend,
und hab mein Beet geharkt.


Fr 15.06.12 15:42

Still und grau ist der Tag. Ich trödele.


Sa 16.06.12 10:53

Gestern hab ich die Blinde wieder gesehen. Ich glaube, sie geht hier zum Arzt. Wahrscheinlich geht sie zu dem Heilpraktiker am Dorfplatz, auf den so viele schwören. Sie ist sehr attraktiv, um die fünfzig, würde ich schätzen. Sie stakst mit ihrem großen weißen Blindenstock herum und das sieht für einen Sehenden immer gefährlich aus.

Das erste Mal traf ich sie vor zwei, drei Monaten, da irrte sie auf einem von Hunden zugekackten Grünstreifen unter Platanen herum, und ich hatte den Eindruck, sie sei völlig verloren. Also ging ich zu ihr, um ihr Hilfe anzubieten, und tatsächlich, sie hatte ein wenig die Richtung verloren, sagte, sie müsse zum Bus und ich bot ihr an, sie zur Bushaltestelle zu begleiten.

Auf meine Frage, ob sie neu im Blindengeschäft sei, lachte sie, was mir sehr gefiel, nein, nein, antwortete sie. Ich weiß ja nicht, wie das ist, wenn man durch die Welt geht, ohne die Welt zu sehen, man hört, riecht, fühlt, möglicherweise hört, riecht und fühlt man mehr, als ein Sehender je wahrnehmen könnte.

Als sie fort war, dachte ich, ich hätte sie zum Kaffee einladen sollen. Das dachte ich gestern auch, aber da saß ich im Auto auf dem Weg in die Stadt. Fünf Minuten später hätte ich fast einen Auffahrunfall verursacht, weil mit dieser Hintern aufgefallen war, ein Hintern in einer knallengen graublauen Hose, ein so gut gebauter Hintern, dass ich einfach nicht auf den Verkehr achten konnte. Als ich den Hintern mit seiner Besitzerin deckungsgleich gebracht hatte, aha, dachte ich, Afrikanerin, keine zwanzig, konnte ich gerade noch bremsen.


So 17.06.12 10:48

Chris 13.02.1953 - 17.06.2009 15:30




auch blumen
haben dich geliebt
wie alle und ich  

ein telefonat
hat dich besiegelt

mir gab man einen schein
einen eimer für tränen
und dir wünsche für die gute reise

seitdem
trage ich liebe herum
und tränen
und sehnsucht

wenn ich dich umarme, spüre ich nichts
wenn ich mit dir spreche, antwortest du nicht
worauf soll ich bauen
wenn deine antworten fehlen

wen soll ich lieben und wie

wo alles möglich war
ist alles unmöglich
obwohl es unmöglich ist
will ich dich zurück

bitte
komm einmal in meine träume
und sag, es ist gut
dann will ich es glauben
eher nicht


Mo 18.06.12
9:21

Nachtschwarz.
Mit wildem Wind zieht ein Gewitter heran.

14:32

hatten wir ein wort zu viel,
oder keins zur hand,
hatten wir ein fernes ziel,
oder blieben wir an land?

machten wir es uns bequem,
waren wir zu schnell,
konnten wir das dunkel sehn,
oder war's zu hell?

gaben wir, was uns gehört,
teilten wir das bett,
hatten wir nicht zugehört,
oder waren wir zu nett?

sprechen wir noch bände,
oder lallen schon,
waschen unsere hände,
sind uns selbst ein hohn?

Nun, liebe Freunde der Literatur, das alles sind Fragen, die man besser nicht stellt. Man kann seine Zeit mit Besserem verbringen, kann auf dem Balkon sitzen und zuschauen, wie die Zeit vergeht, man kann von früh bis spät Mehrwert schaffen, Mutter Theresa werden oder Osama Bin Laden, jedem, wie es ihm gefällt. Ich jedenfalls wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Bei Fragen zu meiner Stellung in der Welt verweise ich auf das obige Gedicht, das nach jahrzehntelangem Brüten zu Papier kam, und da nicht einmal ich es verstehe, brauchen Sie sich auch keine Mühe zu geben.


22:59

gut, also noch eins zur nacht,
eh der kleine tod mich nimmt,
habe alles gern gemacht,
und war meisten gern verstimmt.

also, all ihr unsichtbaren,
und ihr namenlosen
kommt, lasst uns zur hölle fahren,
die matratze kosen.


Di 19.06.12
10:08

Ich war mit Rad unterwegs, hatte die Autobahnbrücke überquert, es ging abwärts, ich hatte einen Zacken drauf, wie man sagt, als hinter mir dieses Auto auftauchte. Statt mich zu überholen, folgte es mir im Abstand von zwanzig Metern, so das ich zunächst glaubte, es handle sich um die Polizei, aber es war ein roter Audi. Was will der bloß, dachte ich.

Nicht, dass ich mich gefürchtet hätte, nein, ich fühlte mich eher gestört, denn ich wollte Rittersporn stehlen. Er war Nacht und ich kenne da so ein Beet vor einer Gärtnerei. Auf der Autobahnbrücke war mir aufgefallen, dass die Straßenkreuzung, an der sich das Beet befindet, nicht dunkel ist, wie ich gedacht hatte, sondern von Peitschenleuchten erhellt wird. Mist, hatte ich gedacht, aber für einen kurzen Stopp würde es reichen, ich wollte ja nur einen kleinen Strauß für meine Frau, aber dieses Auto würde mir das vermasseln.

Kurz vor der Kreuzung überholte es. Alpha Team stand auf der Tür, worauf sich das bezog, konnte ich nicht feststellen, aber es saßen junge Leute drin, die sich vielleicht einen Spaß hatten machen wollen. Ich erreichte das Beet, schob mein Rad an die dunkelste Stelle, pflückte vier, fünf, sechs Blumen, während ich mit schnellen Blicken die Umgebung sicherte, alles blieb ruhig, stieg aufs Rad und fuhr zurück. Unterwegs kamen noch Mädesüß und eine Rose hinzu, die ich in einem Vorgarten brach.





Dieser Blumenklau hat Tradition. Schon mein Vater ging manchmal in der Dämmerung los und kam mit Pflanzen zurück, über deren Herkunft er schwieg. Man erzählt sich, dass er nicht einmal vor Friedhöfen zurückgeschreckt wäre, aber das kann ich natürlich nicht beweisen.

21:41

schon übermorgen wieder halbzeit,
ab samstag geht's auf weihnachten,
ich freu mich über meine faulheit,
und werde übernachten.

im winter kann ich arbeiten,
ich mag es kalt und feucht und grau,
im dunkel kann ich mit den worten streiten,
jetzt nehme ich's nicht so genau.

die beine hoch, die tassen dann und wann,
das leben ist zu wichtig,
das wort hört auf, ich fange an,
und manchmal mach ich's richtig.

amen/hell no


Mi 20.06.12
13:43

mal bin ich opti
und dann wieder pessi
mal kommuni, mal kapitali
mal ist das wetter gut
dann wieder ist es mist
doch meistens ist es
wie es ist


Do 21.06.12
10:40

Nach Griechenland, Spanien, Italien und Zypern erwägt nun auch der Dichter Mensing, auf Hilfen aus den Euro-Rettungsfond zurückzugreifen. Man sprich über einen formalen Antrag auf Hilfen von bis zu 100 Milliarden Euro.


12:10

Ich muss mich zusammenreißen. Der Saldo auf meinem Konto macht Sorgen, die vermeintliche Sicherheit einer einjährigen finanziellen Unterstützung meiner Arbeit durch einen Sponsor hat sich zerschlagen, also muss ich mir etwas einfallen lassen.

Vielleicht ist der Grund meines finanziellen Misserfolges fehlende Liebe zu meiner Arbeit, vielleicht bin ich zu schnell begeistert von dem, was aus mir strömt, ich weiß es nicht. Zu meiner Beruhigung habe ich mir meist gesagt, dass sich Rezensenten durchgängig sehr positiv über die Ergebnisse meiner bisherigen Arbeiten geäußert haben, die Käufer aber haben sich dennoch zurückgehalten. Mir deshalb ein Ohr abzuschneiden, mich aufzuknüpfen oder in tiefe Depression zu verfallen ist mir zuwider. Immerhin gibt es eine gesicherte Erkenntnis all der Jahre, die ich nun Dichter bin: wenn eine Tür sich schließt, geht eine andere auf, jedenfalls war das bisher so.

Das Fatale meines Berufes ist die Abhängigkeit von Verwertern und deren Lektoren. Hatte ich irgendwo ein Bein in der Tür, veränderte sich plötzlich die Struktur des Lektorates, vertraute Ansprechpartner verschwanden und wurden durch neue ersetzt, die eigene Seilschaften ins Spiel brauchten, sodass ich außen vor blieb. Ich nehme an, das ist alles normal und kein Grund, in großes Lamento zu verfallen.

Frage ist nur, was ich als nächstes tun kann, um eine Tür, die vielleicht aufzustoßen wäre, aufzustoßen. Was könnte ich schreiben? Halte ich mich an mein Kerngeschäft, das Schreiben von Literatur für Kinder? Schließlich habe ich damit bisher ein Großteil meiner bescheidenen Einkünfte erwirtschaftet. Nicht durch den Verkauf von Büchern jedoch, sondern durch den Verkauf von Lesungen.

Das Lesungsgeschäft aber ist in den letzten zwei Jahren zusammengebrochen. Überall werden Etats gekürzt, die Veranstalter, meist Schulen, leiden darunter ebenso wie ich, und die Eltern, in deren Interesse es liegen müsste, ihren Kindern Zugang zur Literatur zu ermöglichen, hocken auf jedem Euro. Lehrer berichten mir, dass sofort ein Aufschrei durch die Elternschaft geht, wenn etwa der Vorschlag gemacht wird, von jedem Kind einen Betrag von 5 Euro einzufordern, um eine Lesung zu finanzieren.

In guten Jahren habe ich bis zu fünfzig Lesungen veranstaltet. Die Gage jedoch hat sich in den Jahren seit Einführung des Euro nicht erhöht, das Gegenteil ist der Fall. Man engagiert lieber eine Mutter, die den Kinder umsonst „vorliest“, eine kreative Mutter, von denen es offenbar eine Menge gibt, als einen Profi. Und selten, äußerst selten, treffe ich auf Veranstalter, die sich ein Bein ausreißen, um eine Lesung zu ermöglichen.

Ruhe bewahren, schließlich kann ich immer noch arbeiten, egal was, Hauptsache gegen Geld. Mit dieser Erkenntnis lasse ich den Tag auf mich zurollen.


Sa 23.06.12
12:28

Weiß nix. Will nix. Wochenende.


So 24.06.12
12:53



Das ist Bauer Loismann. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Dörenthe der Dortmund-Ems-Kanal ausgehoben. Der Aushub landete auf seinem Land, und Bauer Loismann überlegte, wie er dieses Areal nutzen könnte. Und dann hatte er eine Idee. Sein Hobbie waren exotische Pflanzen, und so begann er, sich Pflanzensamen zu besorgen. Dafü
r reiste er sogar nach Amerika, und nach und nach entstand auf einem Areal von 7 Morgen ein botanischer Garten. Er liegt abseits, und man findet dort eine Vielfalt verschiedenster Pflanzen. Es ist ein verwunschener Garten, ein wunderschöner Ort, an dem man kaum einmal einem Menschen begegnet, man kann herumgehen, hier und da stehen Stühle, Bänke und Tische, man kann einen Nachmittag dort verbringen, man hört Vögel singen, dann und wann fährt ein Schiff vorüber, man streckt sich aus in verschwiegenen Ecken und ist ungestört, deshalb meine Empfehlung, einmal dort hinzufahren. Ich war dort.

17:02

eh dieser sonntag abkackt,
noch schnell ein letztes wort,
der regen, der uns abhackt,
regnet in einem fort.

das grau ist heute mausig,
die freude aber lebt,
verdruss ist leider lausig,
nur lachen hilft, das hebt.


Mo 25.06.12 00:56



ich zwitsch're ungern kosenamen,
bevorzuge frau so und so,
ich jedenfalls muss keinen haben,
und in der halbzeit gehe ich aufs klo.

zu mir sagt man jetzt liebster herr,
mein süßer auch, manchmal,
ich lächele dann eher ungefähr,
und werd' vor freude fahl.

ich bin von allen sinnen,
mit allen mitten drin,
nicht einmal reime spinnen
vermittelt mir noch sinn.

man nennt das wohl verliebtsein,
man wünscht mir glück und staunt,
ich wünsche mir ein standbein,
und höre, wie es raunt.

8:30

Seit Tagen ist da dieser Schmerz im Rückgrat. Er wäre nicht weiter beunruhigend, hätte er sich nicht mit Schmerzen in den unteren linken Rippenbögen gepaart. Wenngleich ich sicher war, dass es keine inneren Schmerzen sind, war ich dennoch verunsichert. Gestern abend im Bett wurde mir plötzlich klar, woher diese Schmerzen stammen. Ich habe letzte Woche eine Wohnung ausgeräumt, viele schwere Schranktüren, Elemente und Bretter getragen, und da ich Linkshänder bin, habe ich sie unter den linken Arm geklemmt. Das war ein wenig zuviel für Herrn M. Jetzt therapiert er sich mit Wärmflaschen.


Di 26.06.12 11:49

Heute früh wurde ich von einer Amsel geweckt. Ich drehte mich zur Seite. Da lag jemand. Ich dachte, kenne ich die? Ja. Ich kenne die. Ich kenne die seit März. Ich weiß gar nicht, was ich in ihrem Bett zu suchen habe. Ich habe mich da einfach reingelegt und geschlafen. Ich muss mutig gewesen sein.

Jetzt brauche ich einen Kaffee, dann fahre ich nach Gronau. Ich führe da ein Gespräch. Vielleicht bringt es ein wenig Geld. Gronau ist trostlos, aber ich bin da geboren und liebe es. Wenngleich ich nicht sicher bin, was das bedeutet. Sicher hingegen bin ich mir, dass das Bett meinem Rücken nicht gut tut. Es täuscht Bequemlichkeit nur vor. Und die Amsel, die jetzt ihren Mittagsgesang singt, könnte eine akkustische Halluzination sein. Ich bin aber so sozialisiert, dass ich sie als real erachte. Ob es den anderen ähnlich geht, oder bin ich der einzige, der so gar nichts weiß und versteht, und ständig nur staunen muss?

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Mi 27.06.12 9:29

Immer wieder gelingt es Herrn M., sich mit Texten derart zwischen die Stühle zu setzen, dass man ihm kündigt. Vielleicht sollte er im Personalwesen arbeiten. Dort könnte er selbst Kündigungen verfassen. Könnte z.B. sagen, sehr geehrter Herr M., ihre Leistungen bezüglich Hingabe und Leidenschaft für unser Unternehmen lassen sehr zu wünschen übrig, daher müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass die zwischen uns geschlossenen Vereinbarungen ab sofort ungültig sind.

Die letzte Kündigung dieser Art liegt fast anderthalb Jahre zurück, Herr M. erinnert sich an ein Gefühl großer Erleichterung, als er durch fast knietiefen Schnee zurück zu seinem Auto lief, die Entlassungsurkunde in der Tasche. Nichts, was zu bereuen wäre. Herr M. hatte mal wieder alles gesagt und man hatte ihm die Rechnung präsentiert. Das, fand er, war nur fair. Hätte er nichts gesagt, wäre es ihm früher oder später wie ein Kloß im Hals steckengeblieben.


Do 28.06.12 8:43

Man nennt das Zwangshandlung. Noch beim Frühstück hatte ich mir vorgenommen, heute tu ich das nicht, heute mache ich einen weiten Bogen, heute mache ich alles anders, aber dann fällt mir ein, dass ich schon seit Menschengedenken nichts anders mache, dass ich seit damals Tag für Tag Phantomen hinterher renne und felsenfest glaube, irgendjemand müsse begreifen, dass hier etwas geschieht, das sonst nirgendwo geschieht, dass sich hier Worte zu Sätze zusammen brauen, die nicht käuflich sind, dass es zu Gedichten kommt, dass Dinge geschehen, die unplanbar, unvorhersehbar - ergo das Leben sind, Dinge, die ich Literatur nenne, das, glaube ich, müsste doch irgendjemand bemerken, aber schon beim Hochfahren des Rechners stellen sich Zweifel ein.

Spätestens jetzt, es ist 8:52, ich habe bis Mitternacht ein langweiliges Fußballspiel gesehen, wie überhaupt viele Spiele dieser EM durch das ausgeklügelt taktische Verhalten der modern spielenden Fußballnationen eher langweilig als mitreißend waren, sieht man einmal vom Spiel der Italiener gegen die Engländer ab, das über weite Strecken unterhaltsam war, spätestens jetzt, um 8:55, eine Boing 747 der Cargolux überfliegt, von Shanghai kommend auf dem Weg nach Luxemburg in siebeneinhalbtausend Metern Höhe und einer Geschwindigkeit von 730 KmH schon im Landeanflug den Ort der Handlung, spätestens jetzt, um 8:58 sind alle Zweifel zurück.

Das Leben ist, obwohl ich ein Gläubiger bin, ein Ort des Zweifels. Nicht einmal die Gegenwart ist sichtbar, las ich gestern in einem Artikel über die wissenschaftliche Ausforschung des Alls mit Hilfe riesiger Parabolantennen auf einem Plateau der Atacama Wüste in 5100 Metern über NN in Chile, nicht einmal die, denn wenn ich mich vor den Spiegel stelle, braucht es Bruchteile von Sekunden, eh meine reflektierte Gegenwart zurück auf meine Netzhaut prallt.

Nichts also, worauf ich mich verlassen könnte. Keine verbürgte Wahrheit, alles Schwingung und Welle, Atome, Elektronen, Neutronen, die umeinander kreisen und sich aus Gründen, die ich nicht verstehe, als, sagen wir, Tisch, Stuhl oder Tasse vor meinen Augen materialisieren.

Ich könnte einen Joint bauen, wie das Poeten der Beat-Generation in den Fünfzigern taten, als Burroughs in einem Text klagte, was Amerika seinem Onkel Max angetan habe, aber auch das würde nichts ändern. Ich könnte das Telefon bemühen und mich mit einer Stimme verbinden lassen, die mir Trost zuspricht, aber Trost wozu?

ich könnte behaupten,
jetzt hier und inmitten der milchstraße,
sei ein mensch, der gedichte schreibt,
und nicht mal die schlechtesten,
das könnte ich behaupten,

wiederholte ich mich aber im Fließtext, hätten sie ein Problem und müssten entscheiden, ob sie das für ein Gedicht halten. Nur wenn sich's reimt, ist's ein Gedicht, reimt es sich nicht, ist es es nicht. Auch so eine schwer zu entscheidende Frage.

Niemandem und nichts ist zu trauen, kein Eindruck, auf den ich mich verlassen kann. Falls ich mir nahe komme, sind es die Augenblicke, in denen ich vorlese. Augenblicke, die mich ganz und gar mit der nicht existenten Gegenwart verschmelzen. In dieses Vakuum sticht der Seelenfänger. Hier holt er die Verzweifelten ab und seift sie mit Glauben. Und die Gläubigen werden mehr. In ihrer Verzweiflung hängen sie sich an abstruse Lehren, die sie (auch das ist so alt wie die Welt) legitmieren, gegen andere, nicht oder Andersgläubige Gewalt anzuwenden.

Da soll man nicht verrückt werden?

Ich glaube nicht, dass ich verrückt bin. Ich glaube, dass ich eine Geschichte habe, die mich und meine Wahrnehmung prägt. Zu dieser Geschichte gehören meine Eltern, meine Schwester, meine Straße. Dort bin ich gestartet und jetzt, 63 Jahre danach, prägt mich das noch immer und beeinflusst mein Ja, mein Nein, mein Vielleicht.

Frauen mögen kein vielleicht hören. Frauen behaupten sich in ihrer Fähigkeit zu Hingabe und Leidenschaft. Männer fürchten sich eher. Oder sagen wir besser, ich fürchte mich. Kapitulation, ruft Tocotronic, ich weiß, ich weiß, ihr seid jung. Ich kapituliere nur, wenn ich Schlagzeug spiele oder Klavier, die Gegenwart spürbar wird und mir ein Lächeln hervorzaubert. Manchmal dauert das, manchmal mache ich Stunden Musik, eh ein solcher Moment aufscheint. Manchmal passiert es überhaupt nicht. Sex ist ganz ähnlich. Aber ich könnte ohne Sex leben, ohne Musik nicht.

9:32
Die Geschichte schreitet fort. Gestern war es erbärmlich grau und mit keinem Gedanken kam ich irgendetwas auf die Spur. Ich weiß, dass ich solche Tage auffangen kann. Seltsam ist nur, dass ich es jedes Mal vergesse. Jedesmal fällt mir erst am nächsten Morgen wieder ein, dass ich nur drüber schlafen musste. Einmal drüber schlafen, und alles sieht anders aus. Das ist das Schönste am Leben. Das man so gar nichts weiß und ständig überrascht wird.

Das ist ein Wunder. Die einen nennen es Wunder Gottes, ich neige eher zur Naturwissenschaft, auch eine Kirche der unerklärbaren Wunder, aber ein Wunder bleibt es so oder so.

Ich stehe auf, gehe zum Kühlschrank, nehme eine Flasche Eistee heraus, nehme ein Glas aus dem Schrank, fülle es, stelle die Flasche zurück, und gehe wieder an meinen Schreibtisch. Die Sonne scheint. Es ist 9:41. Ich sitze seit 8:43 vor meinem Rechner. Dies ist ein Versuch. Er ähnelt in seiner Grundidee Zettels Traum, der in Wirklichkeit der Traum des Dichters Arno Schmid ist, Literatur und Gegenwart zu synchronisieren. So etwas kann nur schiefgehen, ist aber atemberaubend zu lesen.

Ich hätte, um dem vorigen Absatz gerecht zu werden, in der dritten Person schreiben müssen. Dann hätten Sie als Leser begreifen können, das da etwas in der Jetztzeit stattfindet, in der ersten Person geschrieben aber fällt sofort auf, dass ich nicht gleichzeitig schreiben und aufstehen und zum Kühlschrank gehen kann. Nichtsdestotrotz habe ich die Freiheit, jederzeit Zeit und Perspektive zu wechseln.

Die junge Frau flog zum ersten Mal allein. Ihr Fluglehrer saß zwar neben ihr, aber seit der Starterlaubnis vom Tower bis auf Flughöhe 1248 Meter, Fluggeschwindigkeit 195 KmH, Nordwest, hatte sie alles allein gemacht. Mit jeder noch so kleinen Turbulenz, die sie durch ihre Hände mit Hilfe des Steuerknüppel austarierte, nahm ihr Vergnügen zu. Sie liebte es.

Ich rauche eine Zigarette. Dabei fällt mir ein, dass ich schon einmal versucht habe, Gegenwart und Literatur zu synchronieren. Das ist zehn Jahre her, und vierzig Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal dachte, ich wäre Schriftsteller. Und weil ich das dachte, spannte ich Papier in meine Oympia und begann zu schreiben. Nach etwas über 30 Seiten verließ mich mein Mut und ich tat, was ich am besten kann: ich flüchtete nach Amerika, Japan, nach Central- und Südamerika und war erst nach einem Jahr wieder zurück.

Ich habe überlegt, ob ich den Tag durchschreibe. Mich öffentlich warm schreibe sozusagen, um meinem Zögern der letzten Zeit etwas entgegenzusetzen. Aber da ist ja dieses Problem.





Ich habe Ideal einmal erlebt. Ich fand sie arrogant, wahrscheinlich, weil ich ein Hippie war, obwohl ich das immer abstreite, aber wahrscheinlich war ich einer. Zumindest sah ich lange Zeit wie einer aus. Aber unter dieser Larve war ich ein Junge aus der Bismarckstraße, der blond war, blaue Augen hatte und nicht gern zur Schule ging. Einer, den sie Weißkohl hänselten, und der zu allem Überfluss zu seiner Lehrerin, Fräulein Schmieding, die, das erfuhr ich gestern, noch immer in Gronau lebt und sich vage an diesen Jungen erinnern kann, dieses Fräulein hatte gerade ihr zweites Staatsexamen und meine Klasse war ihre erste Klasse. In die hatte ich mich verliebt und einmal aus Versehen Mutti zu ihr gesagt.

10:31

Es hat nicht viele Bands gegeben, die derart dicht, frech und witzig waren. Gut, ja, ich habe sie dann doch gut gefunden, damals, aber nicht von Beginn an. Ein
Müllwagen randaliert, meine Katze schleicht an den Büschen entlang Richtung Sandkasten, plötzlich springt sie schräg in die Höhe. Sie hatte eine Pfütze übersehen.

Ich glaube, ich muss jetzt Kaffee trinken.

Die Geschichte von Fräulein Schmiedung erfuhr ich gestern. Ein Klavierstimmer, den ich während des Georgie Fame Konzertes in Gronau getroffen und dem ich erzählt hatte, das Dis der zweiten Oktave meines Klaviers scheppere, ob er vorbeikommen könne, wenn er in der Nähe sei, kam gestern. Ein Dreh mit dem Stimmschlüssel, und das Problem hatte sich erledigt. Ich hatte die Verkleidung des Klaviers abgenommen, spielte und war begeistert, wie der Klang an Prägnanz gewann, sodass ich überlege, sie ganz abzulassen.

10:51

Aber jetzt wirklich einen Kaffee. Und danach eine Improvisation auf dem Klavier.

11:02

Der Kaffee kocht, ich habe zwischenzeitlich die Post hereingeholt. Die Deutsche Rente erhöht meine monatlichen Bezüge um 12,64 Euro, und Amazon hat mir ein Buch von Jens Sparschuh geschickt, Im Kasten heißt es.

11:06

Ich habe den Kaffee auf den Balkon getragen und bin off.

11:56

Die letzte halbe Stunde habe ich Klavier gespielt.




12:00

Mein Klavier ist etwa siebzig Jahre alt. Vorletztes Jahr, ich arbeitete als Lehrer und hatte Geld, hatte ich den Klavierstimmer kommen lassen. Er hatte die Mechanik ausgebaut, mit nach Hause genommen, hatte sie getrimmt und die Filze - jetzt fehlt mir ein Wort - die Filze abgeschmirgelt, richtig, er hatte die Filze abgeschmirgelt, war wiedergekommen, hatte die Mechanik eingesetzt und das Klavier gestimmt.

Ich hatte es vor zwanzig Jahren von Uli gekauft. Der wohnte in einem abbruchreifen Haus an der Weseler Straße. Wir mussten das Klavier hochkant stellen, um es von der Wohnung in den Flur zu bringen und von dort die Treppe hinab. Es hat mal im Wohnzimmer gestanden, dann in meinem alten Arbeitszimmer, das auch Chris und mein Schlafzimmer war, jetzt steht es hinter mir, und immer, wenn mir nichts Besseres einfiel, habe ich es gespielt. Aber ich habe nie geübt. Ich übe nie. Ich bin dem Wahn verfallen, alles allein herausfinden zu müssen, ich will, dass niemand mir in irgendetwas hereinredet, ich will Fehler über Fehler machen, erst dann fühle ich mich echt.

Ich spiele meist langsam, weil ich die Töne suchen muss, ich kann keine Lieder nachspielen, nur Akkorden und Tönen nachhängen, und wenn ich es tue, ist alles gut. Danach setzt der Schmerz sofort wieder ein, denn das Leben ist schmerzhaft, nicht nur, wenn jemand stirbt, nein, es ist grundlos schmerzhaft, und die einzige Möglichkeit, es zu ertragen, ist es zu leben.

12:18

Ein Gedicht



der mann
liebte kuchen
die aussahen wie brüste
er buk selbst
an wochenenden
bog sich sein vertiko
er buk sophia loren
und lara croft
die buk er besonders gern
da gab er sich mühe
und ließ der fantasie keinen lauf
vor allem bei brustwarzen
hatte er eine technik entwickelt
die die kunstwelt in den frühen siebzigern
photorealismus nannte
er buk mit durchscheinend feinen adern
selbst haare wurde nachgebildet
aber das größte das allergrößte
was er je gebacken hatte
(und nie aufgegessen, wie er nie kuchen aß, die er buk)
waren die brüste von dolly buster
in die war er vernarrt
die hatte er wieder und wieder gebacken
als kleine törtchen als große törtchen
selbst in plätzchenform tauchten sie auf
eines tages
der mann hatte photos seiner kuchen
im internet veröffentlicht
schellte es
der mann hatte es nicht gern
wenn es schellte
er zögerte zur tür zu gehen
doch dann hörte er diese stimme
diesen slawischen akzent
und da wusste er
was die stunde geschlagen hatte
er öffnete
seitdem hat er nie mehr brüste gebacken
weil er einsehen musste
dass die natur selbst für ihn
noch überraschungen bereit hielt
von denen er nie im leben geträumt hätte


12:18

Das war in den Tiefen meiner Festplatten nicht ganz einfach aufzuspüren, aber es gibt zum Glück hilfreiche Funktionen, die das erleichtern, zwei, drei, vier Aktionen waren nötig, schon hatte der digitale Scout meine Arbeit der letzten zehn Jahre durcheilt und wartete mit einem Ergebnis auf.

Ich poste das jetzt, damit Sie, falls Sie anwesend sind, zeitnah informiert werden.

12:23

Ich rauche meine sechste Zigarette, obwohl meine Frau vor drei Jahren an Lungenkrebs starb. Wir sterben alle, also ist es egal, ob ich rauche oder nicht. Außerdem gibt es Stimmen, die von genetischer Determination sprechen. Ich kann nicht entrinnen. Ich kann nur tun, was ich tue, ich kann den Augenblick feiern, ich feiere diesen Augenblick, dann ist alles gut. Und ich will doch, dass alles gut ist.

Dennoch lese ich jeden Tag Zeitung, höre jeden Tag Nachrichten, und denke jeden Tag, hör auf damit. Es nutzt dir nichts, ob du weißt, dass in A. Menschen verhungern, sich in B. mit Hackmessern zerstückeln oder in C. bis zum Hals im Wasser stehen, es nutzt nichts, dass virtuelle Milliarden den Erdball in Lichtgeschwindigkeit umkreisen, ich kann nur mein Zeugnis ablegen und das ist notwendig, damit die Welt auch das weiß, noch etwas, was ihr nichts nutzt, aber da es Literatur ist, eine solitäre Leistung und mein Beitrag zur Weltkultur, nutzt es vielleicht doch.

Der Schmerz in den Rippen vom Umzug vorletzte Woche ist mit Wärmflaschen einzudämmen, aber es wird noch eine Weile dauern, bis er sich verzogen hat. Vom Sitzen kommt das nicht. Ich spüre, wo es weh tut und es tut genau da weh, wo ich die Bretter untern Arm geklemmt und an den Körper gedrückt hatte. Es war die Wohnung der Mutter meiner Freundin, die in eine Demenz-WG gezogen war.

12:39

flach hält der ball
sich unter meinem himmel,
das mittelgrau tendiert zu blau,
auf himmel - richtig - reimt sich ...
narhallmarsch. helau.

Kein großes Werk, aber Sie haben richtig assoziiert. Es geht also nicht um Größe, es geht darum, dass es getan wird, banal oder nicht banal, es geht darum, dass der Text von niemandem, nicht einmal von mir (die schwierigste Übung) zensiert wird. Es hat ein Recht auf Existenz, wie alles, was sich auf der Erde befindet. Wir aber, die Dummen der Dümmsten, haben, seit es uns gibt, nichts weiter getan, als Anderen die Existenz zu erschweren. Wir sind Affen.

Nehmen Sie dies, es kam gerade von meinem Ältesten herein.


12:50

Das ist so eine Spielart zeitgenössischen Rock n Rolls, die in ganz ähnlicher Form in meiner Jugend schon aus den Boxen polterte. Ich weiß noch, wo und welches Stück ich zum ersten mal in Stereo hörte. Es waren die Beatles mit I feel fine. Ich war begeistert.




Das war die Bravo Beatles Blitz Tournee. Ich war im zweiten Lehrjahr und hatte beim Reisebüro Stratmann an der Umflutbrücke ein All-Inclusive Ticket gekauft: Reise von Münster mit dem aus dem Bremen kommenden Sonderzug bis vor die Grugahalle, Cola, Kotelett, Brötchen. Meine Arbeitskollegen hielten mich für verrückt.

12:59

Verstehen Sie mich richtig, das, was ich seit 8:43 tue, ist das, was ich am Liebsten tue. Ich möchte mit niemandem tauschen. Während ich schreibe, läuft Musik im Hintergrund. Ich höre meine vertonten Gedichte. Das könnten Sie auch. Und zwar hier.

Nun gibt es Kritiker, die sagen, dass das Unterfüttern von Texten mit externen Links sinnerfassendes Lesen erschwert. Ich kann das verstehen, begreife aber Links nicht als Unterbrechung eines Textes, sondern als eine hinzugefügte Option, die das Gesamterlebnis verfeinert. Ich mag das Internet. Ich halte es für einen Windfurz, aber ich mag es, denn es ermöglicht mir Dinge, die nur möglichlich sind, weil es existiert.

Pause jetzt. Ich lege mich eine Stunde aufs Sofa.

Zum Vergleich, zwei Wetterlagen.

Ameland

Ibiza

13:11

Pause hatte ich gesagt. Da gibt es ein Angebot.




14:27

Die Mittagspause ist vorüber, aber ich lag nur da, den Kopf zum Fenster, ich hörte die Vögel und das Tagesraunen, mein Herz schlug und war in Aufruhr. Ich dachte an meine Söhne und wie die ihr Ding machen, jeden Tag tun sie das, und sie tun es gut, ich dachte, wie stolz ich auf meine Söhne bin, die mit mir den Verlust ihrer Mutter - meiner Frau - ertragen haben, wie stolz ich auf ihren Mut bin und wie verwundert ich beobachte, dass sie ganz andere Dinge favorisieren als ich und ich diese Dinge gut finde, weil es ihre Dinge sind. Das dachte ich, ich dachte aber auch, dass ich heute Mettbrötchen auf den Tisch bringen werde, dazu Tomaten mit Mozarella, Olivenöl, Thymian, und für mich (mein Jüngster isst eh nur Fleisch) eine Avocado, das dachte ich und beschloss, aufzustehen und nachzuschauen, was ich bisher geschrieben hatte und ob es nicht Fehler gäbe, die zu korrigieren wären.

Natürlich gab es Fehler. Ich korrigierte. Und schrieb eine SMS.
Ich schrieb, M., falls das Wetter sich hält, würde ich im Hot Jazz Club Halbfinale gucken.
Interesse? Dann gegen acht vorm Club.

Noch keine Antwort. M. hatte mir vorgestern gekündigt und ihre Kündigung am Morgen darauf zurückgezogen. Falls Sie sich Ideal angeschaut haben, die Lieder haben mit ihr und mit mir zu tun. Kaum zu glauben, dass ein 63jähriger Mann noch in derartige Turbulenzen gerät. Aber es ist wie es ist. Ich kann mich gar nicht entscheiden, ist alles so schön bunt hier.

14:46

Vorhin, beim Kaffee auf dem Balkon, tauchte meine Katze auf. Ich hatte sie zuletzt durch den Garten schnüren sehen. Manchmal bleibt sie über Stunden fort, dann wieder ist sie einfach nur fort und steht wie aus dem Nichts plötzlich vor mir, ohne dass ich weiß, woher sie gekommen ist und wo sie die ganze Zeit war. Sie sprach mich an. Rrrrrrrt, machte sie, und ich machte grrrrrrt, ein paarmal ging das hin und her, dann sagte ich, also, bitte und stand auf. Sie stellte ihren Schwanz auf und ging langsam vor mir her. Wäre die Sache dringlich gewesen, sie wäre schneller gelaufen, so aber nahm sie sich Zeit, ging durchs Wohnzimmer in den Flur in die Küche, ohne sich nach mir umzuschauen. Sie wollte essen, aber sie hatte ja längst ihr Morgenmahl zu sich genommen, und bei uns gibt es nur zweimal, einmal am Morgen, einmal gegen 18 Uhr. Ich bog ab.

Ich werde ich mich rasieren und anschließend einkaufen.

16:37

Auf dem Rückweg vom Dorf kam mir Herr Döring entgegen, ca. 175, grauhaarig, Mitte sechzig. Er hat zwei Enkelinnen, beide hat er bei Unglücken verletzt. Der Jüngsten ist er mit dem Rasenmäher in die Beine gefahren, sie war da noch ganz klein, der zweiten hat er bei Vorbereitungen fürs Grillen aus Versehen die Haare geflämmt. Letzteres verlief glimpflich, die Folgen des ersten aber ziehen sich bis in die Gegenwart. Mittlerweile ist die Enkelin 19. Mindestens ein Dutzend Operationen hat sie über sich ergehen lassen müssen, immer wieder wurde gestreckt, war ihr linkes Bein mit Furnieren und Stangen verschraubt, immer noch ist es steif, aber sie läuft, fährt Rad, fährt Auto. Früher habe ich manchmal mit ihr gesprochen, habe ihr gesagt, wie stolz sie auf sich sein könne, wie gut sie das mache, seit ein oder zwei Jahren aber schaut sie weg, wenn sie mir begegnet. Auch ihre Mutter schaut lieber fort, als zu grüßen. Wenn ich Herrn Döring sehe, frage ich mich, wie er sich fühlt.

18:11

So, ich beende den Tag. Falls Ihnen das ein oder andere gefallen/missfallen hat, lassen Sie es mich wissen.


Fr 29.06.12 12:10

Keine Reaktion.
Das nennt man Erfolg.
Heute daher stilles Dämmern.

14:02

Zwischendurch aufmunternde Mails:

leider kann ich für das nächste Schuljahr die Finanzierung unserer
geplanten Lesung nicht sichern. Ich werde im nächsten Schuljahr
Einsparungen einplanen und würde gerne wieder für das darauffolgende
Schuljahr (13/14) auf Sie zukommen, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden
haben.


Sa 30.06.12 10:16

ich mag den regen
sein trommeln aufs dach,
die blumen im beet, das lächeln danach,
vor allem das sehnen, das fahle licht,
das leichte vergeh'n, das weiche gesicht,
das letzte wort, das milde verzeihn,
im kleinen das große ins leben reih'n,
die fragen, die lösung, den weisen verzicht,
nur den schmerz durch verlust vergesse ich nicht.


12:59

Wenn sich die europäischen Granden treffen und tagen, ist das ja kein einzigartiges Erlebnis, sie jagen ja von einem zum nächsten Treffen und tragen schwere Last im Gepäck. Kaum haben sie ein Wort gesagt, schlägt es Wellen, vielleicht war es ein unbedachtes Wort, vielleicht einfach nur eines, um der Reportermeute zu entkommen, sei's drum, es umkreist schon den Globus, Kurse fallen, Rating-Agenturen stufen herab, und so erwächst aus dem einen Wort die nächste Last und wieder eine, und dann sitzen die Granden schon wieder im Helikopter, der sie zum Flughafen bringt oder brausen in Limousinen durch nächtliche Städte, immer sind sie auf dem Weg von hier nach dort, und während es Hier noch Zeter und Mordio schreit, warten dort die nächsten Krakeler. Eine Nacht schlagen sie sich um die Ohren, diese Männer und die vereinzelten Frauen, sie alle sind in den Fünfzigern, manche sind älter, und wie das so ist nach durchwachter Nacht weiß jeder am nächsten Tag. Für uns Alltagsbürger fällt vielleicht Schlaf ab, ein freier Tag, oder man hatte so disponiert, dass danach Samstag war oder Sonntag oder vielleicht irgendein Tag, an dem man seine Überstunden abfeiert, falls man Mut hat im Jetzt der globalen Erpressungen durch Arbeitgeber, überhaupt darauf hinzuweisen, dass sich im letzten Vierteljahr schon fünfzig Überstunden angehäuft haben. Den Granden aber wird keine Atempause geschenkt. Geschichte muss gemacht werden, die wartet nicht, und es gibt nur zwei Tage, an denen man nichts tun kann, gestern und morgen. Also muss es heute geschehen. Dennoch muss der Grande schlafen, er scheißt, pisst, er wird müde, Körper und Geist rebellieren. Was tut er da? Welche Droge wird ihm verabreicht, dass er das alles durchsteht, dass er nach einer historischen Sitzung, die morgens um fünf endete, um acht schon wieder vor irgendeinem Parlament, vor irgendeiner Kamera steht und Sätze aufsagt, die klingen, als wären sie für die Ewigkeit gemeißelt, am Besten, ohne Bedeutung. Welche Drogen kreisen in solchen Nächten, denn es sind ja nur Menschen, das frage ich mich.

























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