Juni 2013                         www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag

Sa 1.06.13 12:18

Gestern war der Himmel blau und weiß, ein kräftiger Nordost tanzte mit den Baumkronen und rollte in Wellen über die frische Gerste. An den Straßenrändern blühte hüfthohe Schafsgarbe, die vielleicht gar nicht Scharfgarbe ist, sondern Schirlingkraut oder Giersch, was mich, als wir darüber diskutierten, verwirrte, hieße das doch, dass ich in all den Jahren etwas benannt habe, das so gar nicht genannt werden will. Mist, dachte ich, aber natürlich hat das mein Vergnügen beim Fahren nicht geschmälert.

Stilles Rollen durch eine Landschaft, die mir so vertraut ist, dass ich mir nicht vorstellen mag, in einer Metropole zu leben, in der die Jahreszeiten nur am Rand wahrnehmbar sind, während ich hier jede Veränderung registriere.

Heute hingegen herbstliches Grau und Müdigkeit. In den letzten 48 Stunden hat das Leben gefeiert, das ist Tribut, den ich gern zahle. Werde mich in eine Sofaecke verkriechen und lesen. Oder einfach nur verkriechen und mich in Langeweile einmummen.

22:31

Das war sofort Thema, das Tattoo auf dem weißen Oberarm. Ich sprach mit einem Freund darüber und mit der, die ich früher für eine Spanierin hielt, ich sprach mit jemandem über Cuba und das Reisen, für das man lieber Geld ausgibt als für Häuser und Autos, fragte, ob es da Spitzel gäbe in Cuba, man wohne doch immer bei derselben Familie, ob man da etwas erführe, ja, sagte man und wie sehr es einem dort
gefalle, die weinten schon, wenn man wegführe.

Wir tanzten Bachata, ein Tanz, dem mich seit einem halben Jahr vorsichtig nähere. Mit ihr ging das gut. Dann sah ich sie. Ich fragte den Freund, ob das die Spanierin von vorgestern wäre. Er nickte, erstaunt, dass ich sie nicht erkannt hatte. Sie trug das Haar anders, glaube ich. Ich tanzte mit ihr. Sie sagte, du kannst gut tanzen, bist du Deutscher? Ja. Deutsche Männer können nicht tanzen, sagte sie. Blödsinn, sagte ich. Woher kommst du? Aus Israel. Wo da? Haifa. Ich war eimal in Aschdot. Ach? Ja, ich habe in einem Kibbuz gearbeitet. Wie lange? Sechs Wochen, sagte ich, aber es war nur eine Woche. Eine sagte, wie kann man sich sowas bloß freiwillig antun. Klitorispiercing, sagte ich. Oh Gott, sagte sie. Und dann dachten wir, dass dem Tattoo bloß noch die amerikanische Flagge fehlt.


So 2.06.13 9:25

Herr Mensing (Name geändert: die Redaktion) hatte nicht mit sich reden lassen.
Setzt euch da und nirgendwo sonst hin, hatte er gesagt, setzt euch, und zu seinem Erstaunen hatten sich alle gesetzt.
Der Krimischreiber, der Langweiler vom Niederrhein, der tote Angeber.
Mehr ernst zu nehmende Konkurrenten gab es in seinem Dorf nicht.

Die Möchtegerne vom Verband hatte er im Flur untergebracht.
Sie begannen sofort über die Streichung von Fördergeldern zu lamentieren, und dass es immer schwerer würde, Projekte zu realisieren, die niemanden interessierten, aber ihrer Eitelkeit ungemein gut taten.

Meine Damen und Herren, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten.
Ich freue mich, Sie zu sehen.
Nehmen Sie ruhig ein Plätzchen oder einen Schluck Wasser.
Wie Sie sehen, habe ich Ihre Werke dort auf dem Tisch alphabetisch geordnet.
Ich wollte niemanden bevorzugen oder benachteiligen, was aber nicht heißt, dass ich sie gelesen hätte.
Ich hätte es getan. Ich war guten Willens.
Leider bin ich bei keinem über die ersten fünfzehn Seiten hinausgekommen.
Bei manchen war mir schon nach den ersten Sätzen alles klar.

Deshalb wende ich mich heute mit einer Bitte an Sie.
Wäre es nicht vernünftiger, Sie gäben das Schreiben auf.

(Protokoll: Tumulte, erste Handgreiflichkeiten. Protokollführer: Hermann Mensing (kein Eintrag unter diesem Namen)

14:47

Zum Text mit Musik (ganz umsonst)




Mo 3.06.13 16:39

Millionärsbaden geht um diese Jahreszeit für vier Euro. Da hat man ein 50x25 Meter großes, mit kristallklarem Wasser gefülltes Becken für sich allein, der Wind streicht hinüber und kräuselt das Wasser, die Temperatur ist gewöhnungsbedürftig, mit 18 Grad hat es gerade einmal die Hälfte der eigenen Körpertemperatur, aber nach zwei Bahnen wird es langsam besser, es beißt nicht mehr und schließlich ist es angenehm. Nach fünfhundert Metern war mir genug für das erste Schwimmen im Freien in dieser Saison, jetzt warte ich auf wärmeres Wetter, um bald im Kanal schwimmen zu können.


Di 4.06.13 13:06

Da wunderte ich mich nun doch, dass auf dem Toilettenwagen Luder und Eugens Toilettenwagen stand. Wer, fragte ich mich, mögen Ludger und Eugen sein. Ein älteres Paar, dass auf seine Geschäftsidee abgefahren war und ihm im Überschwang einen solchen Namen gegeben hatte. Hermanns Scheißhaus, vervollständigte ich, oder: Mensings Kack- und Pissbude, ja, das ließe ich angehen, aber Ludger und Eugens Toilettenwagen? Nein, ich würde da nicht reingehen. Wer weiß, was Ludger und Eugen im Sinn hatten. Und so hielt ich's zurück, bis ich zuhause war auf Hermanns Schont, da ist es sicher.


Mi 5.06.13
10:15

Der Himmel strahlt. Ich sitze auf dem Balkon. Frühstücksgeschirr steht auf dem Tisch. Der Kaffee ist alle. Das Grün vorm Balkon ist sehr dicht. Ich kann schauen, ohne auf den ersten Blick entdeckt zu werden. Die Nacht war unruhig. Wie immer, wenn mich der Größenwahn anspringt.

Es ist nämlich so:

Ich hatte den Roman, an dem acht Monate gearbeitet habe, an einen unbestechlichen Leser geschickt und gestern korrigiert zurück bekommen. Er findet ihn großartig. "Am Schluss", sagt er, "wurde ich ganz betroffen. Was ein Glück, dass es kein Happy End gibt mit dem neuen Leben und Josefine, sondern Dordrecht definitiv vor dem Nichts steht. Dein Personal ist so lebendig, so eigen, die Handlung so vielfältig, so offen, was tatsächlich oder nicht passiert ist ... "

Bei allem Nichtwissen zu Beginn war mir dennoch der Schluss recht früh klar. Es sollte Wien sein, ein Ende mit Dordrecht und Josefine, aber dann hat es sich doch zerschlagen und ich habe alles auf eine Karte gesetzt. Darüber bin ich froh. Jetzt heißt es, einen Verleger zu finden.


Do 6.06.13
18:32

Heute ist Herr M. in Hochstimmung. Die Nacht vorher war er größenwahnsinnig. Und das alles, weil ein kompetenter Leser gesagt hat, der Roman sei großartig. Mag er sein, wie er sei, Herr M. sieht Land.

Fr 7.06.13 10:17

Jetzt habe ich also einen Roman, aber ich habe noch keinen Namen. Mir fallen zwar täglich welche ein, aber deren Halbwertzeit ist sehr kurz. Augenblicklich heißt er "Maria". "Nichts" wäre auch passend, "Endstation" auch, "Herr Dordrecht wollte glücklich sein" schließlich noch.


Mo 10.06.13 11:55

Der erste internationale Kongress für angewandte Wirklichkeitsverwechslung (hier) war ein heiteres Vergnügen, wo man doch sonst von Kongressen eher bleierne Müdigkeit erwartet, Trockenfutter für Hirntäter, aber nein, es wurde mit allen Mitteln der Kunst vorgetäuscht und behauptet. Der einzige echte Redner bewies, dass Chanel No.5, in einer Dose mit Riechlöchern herumgereicht, für die meisten wie Seife riecht. Den besonderen Geruch imaginieren wir uns erst durch den Auftritt in legendärer Flasche zusammen. So ist das mit vielem, was uns täglich die Sinne vernebelt (Frauen, Kunst, ALLES).

Das Fest der alten Herren im Schrebergarten, fast alle mit Rock 'n Roll Hintergründen, die aus dem ein oder anderen Grund nie zum Durchbruch reiften, war gar nicht so schlimm, wie erwartet. Ich konnte nach fünf sehr gut gemixten Caipirinhas und drei Kräuterzigaretten noch hervorragend Rad fahren, was ich immer an durchgezogenen Linien teste oder an Parallelfahrten zu Randsteinen, auch gern mit Freihändigfahren. Alles funktionierte, und selbst, als ich zuhause war, war ich noch zu vielem fähig.

Ja, ja, natürlich. Tanzen war ich auch. Ich tanzte mit meiner Lieblingstänzerin. Wir halten den Rekord mit zwölf Drehungen, aber das nur ganz nebenher, denn wir tanzen ja nicht, um Rekorde aufzustellen, sondern um uns zu bewegen.

Und was war ich noch?
Mensch? Ja, möglicherweise war ich auch Mensch, aber daran erinnere ich mich kaum.

23:01

Zack, da geht die Sonne unter. Ich glaube, das war Nina Hagen, als alle noch jung waren. Jetzt sind alle alt und nicht mehr zu sehen, nur ich bin noch da, und wenn ich tanze, sind die meisten jung, kein Wunder bei meinem Alter. Zum Glück tanzen die Jungen mit mir. Sogar gern, und ich tanze auch gern mit ihnen, aber ob sie alt oder jung sind, ist mir egal. Nicht egal ist mir, wie sie tanzen, deshalb weiß ich, mit wem ich am liebsten tanze. Am liebsten tanze ich mit den temperamentvollen, mit denen, die wissen, dass es außer der Eins auch eine Eins-und gibt, der Rest ist mir nicht wichtig.


Di 11.06.13
8:41

Wenn ich in der Küche sitze und der Tag heran rollt, kann ich keinen Schritt tun,
ohne meine Katze aus dem Blick zu lassen. Sie wartet nämlich darauf, sich auf die Butterdose zu stürzen. Oder auf Käserinden auf meinem Teller. Sie sitzt mir gegenüber, hin und wieder schaut sie voll Sehnsucht hinauf zum Schrank, wo das Trockenfutter steht. Manchmal blinzelt sie mir zu.

Ich habe Reisefieber. Und wenn ich Reisefieber habe, schlafe ich schlecht. Ich schlafe so schlecht, dass es mir vorkommt, als habe ich überhaupt nicht geschlafen. Hamburg wartet, drei Tage Hamburg, mal sehn, was es dort zu erleben gibt. Wahrscheinlich nicht mehr, als hier auch, aber da mir die Stadt fremd ist, reicht das schon. Also. Auf in die Hansestadt. Werde in bester Lage am Klosterstern wohnen und von dort Kreise ziehen.


Sa 15.06.13
11:51

Wenn es demnächst heißt, vor der roten Flora formiert sich der autonome Widerstand, weiß ich, wovon die Rede ist. Schräg gegenüber ist ein Hutladen. Er heißt Rock Hats. Dort werden Hüte verkauft, wie schon Jack Lemmon sie trug. Später wurden sie von der Ska Bewegung adaptiert und sind nun in der Gegenwart angekommen. Es gab sie in vielen Variationen, und ich musste mich sehr zurückhalten. Mein Portemonnaie ist zu klein für Seitensprünge. Aber da ich einen neuen Roman habe, wird es bald größer, und wenn es groß genug ist, wird es reichen.

Um die Ecke, in einer dieser quirligen Straßen im Schanzenviertel war ich in einer Boutique, um mir mit M. Kleider anzuschauen. Ich schaue mir gern Kleider an. Die Verkäuferin war indisch. Mitte Zwanzig, schulterlanges Haar, schlank, Schokoladenaugen, bildhübsch. Während wir herum schauen und dieses und jenes diskutieren, sagt sie zu mir: Sie riechen aber gut. Danke, sage ich, und sie will wissen, welches Parfum ich schon seit Ewigkeiten nutze. Ich glaube, das war mein schönstes Hamburg Erlebnis.

Auch schön ist, wie ich an diesen Geruch gekommen bin. Wir kamen aus der Kunsthalle und M. wollte sich im Alsterhaus Stoffe anschauen. Gleich hinterm Eingang war die Kosmetikabteilung. Ich hatte am Morgen nicht geduscht, fragte mich nach den Herrenparfums durch, und wurde, kaum angekommen, von einer ebenfalls jungen Frau gefragt, ob sie etwas für mich tun könne. Ich antwortete, ich wolle mich nur ein klein wenig parfümieren. Womit? fragte sie. Ich sagte mit L'Eau Dissey von Miyake. Die Sommeredition? Klassisch, antwortete ich. Sie nahm den Flakon, und da ritt mich das Pferd und ich sagte, dann dürfen Sie mich ansprühen. Sicher, sagte sie, wo denn? Ich zeigte auf meinen Hals, links und rechts.

Ja, Hamburg meinte es gut mit uns.

Wir waren mit allem versorgt, wir hatten Kunst in der Kunsthalle, Luft in der Luft, Wasser im Fluss, wir hatten zwei Beine und ließen uns treiben. Die großen Schiffe waren leider nicht unterwegs, die hatten entweder längst die offene See erreicht oder ankerten noch, wir saßen in der Strandperle, tranken Kaffee und hörten Hamburg laut und deutlich. Nachts tönte ein Schiffshorn laut und vernehmlich, ansonsten war die Elbe ein kaum befahrener Fluss, auch gestern, als wir sie in Glückstadt mit der Elbfähre überquerten. Ich sah Brokdorf, mit dem viele schlechte Erinnerungen an die Polizei, den Staat und seine Methoden verbinden. M. war da, ich nicht, Chris und ich hatten gerade das erste Kind, das war wichtiger.

Und wie hoch der Himmel ist überm alten Land, wie das Grün variiert, das helle der Maissaat, das blaugraue der aufstrebenden Gerste, das gelbgrün der gemähten Wiesen, welliges Land
bis zum Horizont, schmale Gräben dazwischen, Alleen, durch die man fährt, vornehmlich Linden, aber auch Ebereschen und Birken, das Grün in so vielen Variationen. Dazu prügeln die riesigen Flügel der Windkraftanlagen Strom aus dem Himmel, und die 85jährige alte Frau im Obsthof Balje, wo wir Kaffee tranken und selbst gebackenen Apelkuchen aßen, duzte uns gleich und sagte, dass wir die Erdbeeren nicht waschen müssten, früher hätte das auch niemand getan, heute täten das alle und wären krank, ach, da hätte ich gleich eine Ferienwohnung nehmen mögen und dort bleiben für eine Weile.

Ja, ich empfehle das alles sehr und von ganzem Herzen.

20:18

Version 1:

Man schrumpft, wenn man durch eine Großstadt streift, man verliert Gewicht, wird größer und schwerer, man vergleicht sich mit anderen, und am Abend ist man ganz durcheinander: mal war man ein Landei und jeder hat es gemerkt, mal war man allen um Längen voraus,tja (seufzend) was für ein schönes Leben, die Stadt gehört einem und man darf mit ihr machen, was man will, was für ein Segen, man hat ja auch überlebt, und das Überleben ist niemals selbstverständlich, alles kann jederzeit kollabieren, Mörder laufen frei herum und Schiffe versinken ohne Grund, aber nein, man hat überlebt und da feiert man, hebt sich einen, schaut man noch einmal auf, eh man die Augen zum Schlaf schließt, hört den Untergrund beben, denn die Stadt ist kreuz und quer untertunnelt, und dann küsst man noch und freut sich, dass man gekommen ist und noch bleibt.

Version 2:

Man schrumpft, wenn man durch die Großstadt streift, man verliert Gewicht, wird größer und schwerer, vergleicht sich mit anderen, und am Abend ist man ganz durcheinander: mal war man ein Landei und jeder hat es bemerkt, mal war man um Längen voraus, tja (seufzend) was für ein schönes Leben, die Stadt gehört einem und man darf mit ihr machen, was man will. Ein Segen, man hat überlebt, dabei ist Überleben nie selbstverständlich, Mörder laufen herum und Schiffe versinken, Rolltreppen zerquetschen Beine, Busse brennen aus, aber nein, man hat überlebt und da feiert man, hebt sich einen, schaut auf, hört den Untergrund beben, die Stadt ist kreuz und quer untertunnelt, dann küsst man noch, freut sich, dass man gekommen ist und noch bleibt und schließt die Augen.

21:49

Die schwarz gekleidete dicke Frau sah ich zweimal
. Trotzige Trauer in schwarzer, schäbiger Baumwolle, womöglich DocMartens, aber nicht sicher, sicher aber ein Nasenring und ein Backenpiercing zu einem runden, ratlosen Gesicht. Das erste Mal morgens fünfzig Meter vorm Bahnhof mit übereinander geschlagenen Beinen auf einem Stapel Pflastersteine sitzend, Stunden später vorm Eingang rechts auf der Erde, die Beine gestreckt, den Rücken gegen die Wand gelehnt. Wartend, dass etwas geschieht, was in Märchen geschieht, aber an Bahnhofseingängen, wo Bewegung und Gegenbewegung ein Höchstmaß an Koordination und Initiative erfordern, gibt es keine Märchen, wer da nicht mitwogt, kann zuschauen, aber sie schaute nicht einmal zu.

Ich überquere die Straße. Ich lese das große Plakat an der Unterführung. Dass die deutschen Soldaten aus Mali raus sollen. Darunter sitzt ein Gitarrist. Er hat einen kleinen Verstärker, ein Mikrofon und eine sonore Stimme. Ich gebe ihm einen Euro. Wir suchen jetzt das Café, in dass sie gern ging, als sie noch in Hamburg lebte, und wir finden es auch. Es ist an der gleichen Ecke, an der es immer war. Wir setzen uns zu zwei Frauen an den Tisch. Eine der Frauen sagt ihr, was für einen schönen Rock sie an habe.


So 16.06.13
12:05

Elbe bei Glückstadt




Mo. 17.06.13 11:24

In allem warst du mir voraus.




Chris 13.02.1953 - 17.06.2009

There are places I remember all my life,
Though some have changed,
Some forever, not for better,
Some have gone and some remain.

All these places had their moments
With lovers and friends I still can recall.
Some are dead and some are living.
In my life I've loved them all.

But of all these friends and lovers,
There is no one compares with you,
And these memories lose their meaning
When I think of love as something new.

Though I know I'll never lose affection
For people and things that went before,
I know I'll often stop and think about them,
In my life I'll love you more.

Though I know I'll never lose affection
For people and things that went before,
I know I'll often stop and think about them,
In my life I'll love you more.
In my life I'll love you more.



Di 18.06.13
9:22

Romanschreiben ist verhältnismäßig einfach. Man hat eine Idee und verwirklicht sie. Jeder, der etwas herstellt, was vorher nicht da war, weiß das. Ist es aber erst einmal hergestellt, will es an den Mann gebracht werden, und das ist kompliziert. Da kann es sein, dass man schon beim ersten Versuch abgewimmelt wird. Dass eine Frau am Telefon sagt, so etwas veröffentliche man nicht, ob ich das Programm des Verlages nicht gelesen hätte. Natürlich hatte ich es gelesen. Aber ich hatte sie nicht einmal dazu bringen können, den Namen eines Lektors herauszurücken. Beim letzten Mal im Herbst war mir das mit einem anderen Projekt gelungen. Ich hatte ein aufschlussreiches Gespräch, nur um Monate später feststellen zu müssen, dass ich mit einer Praktikantin geredet hatte. Diesmal aber, das habe ich mir geschworen, lasse ich mich nicht mehr abwimmeln. Diesmal werde ich so lange telefonieren, bis man mir den Arsch küsst. Es ist ein mein Alter noch wohl geformter Arsch, der, das schwöre ich, eines Tages vergoldet wird. Wer zuletzt lacht, lacht am Besten, heißt es. Ich lache gern, wenngleich es selten etwas zu Lachen gibt. Aber das ist eine andere Geschichte.

9:54

Deutsche Gründlichkeit

 

Mi 19.06.13 14:39

Nichts ist mehr wie es war. Noch bis vor kurzem herrschte die abweisende Tristesse der atlantische Tiefdruckausläufer, nun hat sich, ich nehme an, in Folge der Migrationsbewegungen, Afrika auf den Weg gemacht, uns zu besonnen. Das hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil in meiner Region ist die Möglichkeit, schon morgens um 9 im Kanal schwimmen zu gehen, der Nachteil ist, dass man, kaum hat man das Wasser verlassen, nasser ist als zuvor.

Meine Katze hat sich den kühlsten Platz der Wohnung ausgesucht, ich werde mich neben sie legen, während mein Drucker die ersten 30 Seiten meines Romans in dreifacher Ausführung druckt, die noch heute an führende Verlage Deutschlands, hach, was sage ich, der Welt, auf den Weg gebracht werden, um meinen ausstehenden Ruhm endlich in die Wirklichkeit zu übertragen. Bis dahin wird noch viel Wasser den Rhein hinabfließen, aber das stört mich nicht, denn ich bin ja ein Kind der herrschenden Oberschicht, ein Fingerschnipp, und die Banken tanzen nach meiner Pfeife, sogar Millionäre, die noch reicher sind als ich, küssen mir die Füße.

Gerade erst musste ich wieder Tonnen Geld auf eine Karibik Insel transferieren, schließlich will ich nicht allein gerade stehen für die Kosten der Sintflut, die über weite, mir kaum geläufige Landstriche im Freistaat Bayern und in den östlichen Teilen der Republik, in der der Sozialismus so großartig scheiterte, niederging. Hätte man die Mauer stehen gelassen, wäre das alles nicht passiert, sie war ein großartiges Bauwerk, das nicht nur die Menschenflut von Ost nach West stoppte, sondern auch die Wassermassen zurück hielt. Aber nun, das ist eine andere Geschichte.

16:31

 

Do 20.06.13 11:29

Seit dem Aufstehen habe ich nichts zustande gebracht. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass ich bis zum Abend nichts zustande bringen werde. Wozu auch? Ringsum wird ja ständig etwas zustande gebracht. Allerdings bin ich in der Kunst des Nichtszustandenbringens noch Lichtjahre von den Fähigkeiten meiner Katze entfernt, aber ich arbeite daran. Rolle mich auf mein betreutes Sofa, schnippse dem Personal, scheuche es hierhin und dorthin, hopp hopp hopp sage ich, wofür bezahle ich euch, ich biete euch Perspektiven, also, bewegt eure Ärsche.

Es ist schwer, Arbeitgeber zu sein. Ständig muss man sich etwas einfallen lassen, von selbst tut der Arbeitnehmer ja nichts. Und so rennen sie denn für mich: Lektoren, Drucker, Buchbinder, Redakteure, Buchhändler und wem sonst ich Arbeit gebe, die rennen alle für mich. Wenn es mich nicht gäbe, hatten sie nichts zu tun und wären unglücklich, während ich den Tag verstreichen lasse. Das ist mühsam. Man muss ja atmen.

20:55

Herr, lass alle Idioten sterben und stirb dann selbst, denn wegen dir streiten sie ja.

 

Fr 21.06.13 9:36

Nachdem nun der Höhepunkt des Sommers erreicht ist, werde ich beginnen, mich auf Weihnachten vorzubereiten. Gestern war ja kurzfristig Herbst, und im Herbst kommen Winde, das weiß jedes Kind, und diese wehen mitunter kräftig, dann und wann treiben sogar ganze Straßenzüge vorm Fenster vorbei, so dass man sich verwundert fragt, wo das ganze Gedöns hinwehen will, in ein anderes Land oder vielleicht sogar in eine bessere Welt, wo es doch keine bessere Welt in der schlechten gibt, oder, wie es damals hieß, als mein Haar noch schulterlang war, es gibt kein richtiges im falschen Leben. Aber das ist eine andere Geschichte, die müssen die Soziologen aufarbeiten, ich nicht, ich bin nur ein Schreiber im Land der Dichter etc., ich habe nur eine Aufgabe, ich muss hinschauen, alles durch meine Mühlen mahlen und einen Brei daraus kochen, nahrhaft, unterhaltsam und mitunter wahr.

Wahr war, dass es gestern zwischen 14 und 15 Uhr in diesen Breitengraden plötzlich sehr dunkel, sehr windig und sehr sehr feucht wurde, tropisch geradezu, und dass sich der ein oder andere Baum derart verneigte, dass er zum Schluss nicht wieder hoch kam, so wie das bei Menschen ja auch hin und wieder geschieht, aber kaum war das vorüber, heulten schon überall die Sirenen und Kettensägen jaulten, denn wir sind ja ein praktisches und sehr effektives Volk, wenn wir ausrücken, bleibt kein Stein auf dem anderen.

Heute ist es verhalten, heute wird Mittsommer gefeiert, jeder tut das auf seine Art, ich werde wohl tanzen.

Bis dahin aber werde ich mir Gedanken machen über ein Projekt, das vom 3. bis zum 6. Juli im Kloster Frenswegen stattfindet: eine Jugendbegnung der Partnerstädte Nordhorns, die ich als Schrifsteller begleite. Da werde ich mir einiges einfallen lassen müssen, ohne die Teilnehmer zu kennen, das wird Spaß machen und anstrengend sein, aber ich freue mich darauf.


14:58

Rainer Maria Rilke



Starker, stiller, an den Rand gestellter
Leuchter: oben wird die Nacht genau.
Wir ver-geben uns in unerhellter
Zögerung an deinem Unterbau.

Unser ist: den Ausgang nicht zu wissen
aus dem drinnen irrlichen Bezirk,
du erscheinst auf unsern Hindernissen
und beglühst sie wie ein Hochgebirg.

Deine Lust ist über unserm Reiche,
und wir fassen kaum den Niederschlag;
wie die reine Nacht der Frühlingsgleiche
stehst du teilend zwischen Tag und Tag.

Wer vermöchte je dir einzuflößen
von der Mischung, die uns heimlich trübt?
Du hast Herrlichkeit von allen Größen,
und wir sind am Kleinlichsten geübt.

Wenn wir weinen, sind wir nichts als rührend,
wo wir anschaun sind wir höchstens wach;
unser Lächeln ist nicht weit verführend,
und verführt es selbst, wer geht ihm nach?

Irgendeiner. Engel, klag ich, klag ich?
Doch wie wäre denn die Klage mein?
Ach, ich schreie, mit zwei Hölzern schlag ich
und ich meine nicht, gehört zu sein.

Daß ich lärme, wird an dir nicht lauter,
wenn du mich nicht fühltest, weil ich bin.
Leuchte, leuchte! Mach mich angeschauter
bei den Sternen. Denn ich schwinde hin.

Aus: Die Gedichte 1910 bis 1922 (Ronda, !4. 1.1913)


Sa 22.06.13 17:55

Rainer Maria Rilke



Um jeden Gegenstand
nach dem ich griff, war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.


Aus: Die Gedichte 1910 bis 1922 (Weihnachten 1914)


23.06.13 14:49

Rainer Maria Rilke




Natur ist glücklich. Doch in uns begegnen
sich zuviel Kräfte, die sich wirr bestreiten:
wer hat ein Frühjahr innen zu bereiten?
Wer weiß zu scheinen? Wer vermag zu regnen?

Wem geht ein Wind durchs Herz, unwidersprechlich?
Wer faßt in sich der Vogelflüge Raum?
Wer ist zugleich so biegsam und gebrechlich
wie jeder Zweig an einem jeden Baum?

Wer stürzt wie Wasser über seine Neigung
ins unbekannte Glück so rein, so reg?
Und wer nimmt still und ohne Stolz die Steigung
und hält sich oben wie ein Wiesenweg?

Aus: Die Gedichte 1910 bis 1922 (München, Frühjahr 1919)



Di 25.06.13 21:52

Wegen kühler Witterung heute geschlossen.


Mi 26.06.13 12:29

Ich weiß nicht mehr, was sie sagte, ich weiß nur, dass sie Kaugummi kaute und natürlich weiß ich noch, dass sie mir aufgefallen war, vorher schon, eh sie sich zu mir auf das Sofa setzte, denn nur wenige trauen sich so einen Auftritt: lemonfarbenes Kleid, in sich gerafft, schulterfrei jedenfalls, handbreit über den Knien, hochhackige Schuhe mit Tigerfellmuster, schwarzes Haar, rote Lippen, Kajal um die Augen und offensichtlich gepimpte Brüste.

Was sie von mir will, weiß ich nicht. Sie redet und redet, ich komm gar nicht mit, sie legt ihren Kopf an meine Schulter, sie sagt, dass sie mich gut findet, ich tanzte so toll, aber ich will nicht, dass irgendwer denkt, wir hätten was, schließlich bin ich doppelt so alt wie sie und kenne sie überhaupt nicht. Aber das stört sie nicht. Sie erzählt, woher sie kommt, was sie tut, und fragt, ob ich sie hübsch finde. Ja, ich finde sie hübsch, aber sie ist viel zu dünn, sie müsste Torte essen und Fritten, man kann ihre Rippen zählen.

Wie ich ihre Brüste finde, fragt sie, und ich sage, hübsch, aber nicht echt. Du bist süß, sagt sie und erzählt, wo sie die hat machen lassen, teure Klinik, beste Implantate, 250 Gramm pro Seite, sehen die gut aus? Ja, die sehen gut aus, sage ich, die würde ich mir gern mal anschauen. Sie lacht. Sie versteht das. Schließlich sind sie ihr ganzer Stolz. Als ich ihr aber sage, dass sich die Jungs deshalb bestimmt nicht an sie heran trauen, so, wie sie aussähe, steil, sage ich, so steil wie du gehst, nickt sie. Das stimmt, sagt sie. Und wie findet deine Mutter das und dein Vater, deine Brüder, wie finden die das? Die finden das nicht gut, sagt sie, aber sie sei schließlich 32.

Ob ich mit ihr tanze? fragt sie dann und ich sage, ja, lass mal tanzen. Ob sie ihre Arme um meinen Hals legen dürfe, fragt sie und ich sage, ja, nur zu, und dann halt ich sie so und zähle die Rippen und sage, du wiegst doch höchstens 50 Kilo. 45, sagt sie. Ich kann sie mit einem Arm hochheben, ich hebe sie mit einem Arm und sie quietscht ein bisschen dabei. Aber wir tanzen nicht lang. Wir setzen uns wieder aufs Sofa und reden. Das heißt, hauptsächlich redet sie. Sie ist unterhaltsam. Sie erzählt, wie gehässig die anderen sie kommentieren, und wie man hier aufpassen müsse, wie einer über den anderen rede, und ich sage, ich weiß. Alle reden über alle, das ist überall so, aber hier ganz besonders, hier wird beobachtet und genau registriert, alle wissen längst, alle haben schon die Messer gezückt und lästern, dass ich da mit so einer sitze, aber je länger ich da so sitze, desto besser gefällt es mir, denn sie ist eine nette junge Frau, vielleicht sind manche Dinge naiv, die sie sagt, manches verstehe ich nicht recht, aber das macht ihr nichts, ich darf ruhig sagen, dass ich es bescheuert finde, sich Brüste machen zu lassen, das stört sie nicht. Und dann ist sie plötzlich weg.

14:55

Man fröstelt gern
man liebt den Sommer grau
man fühlt in wärm
eren Gefilden sowieso sich mau.

Man hat ja Heizung
und man hat ein Bett
hat Unterhaltung
und die Ehefrau ist nett.

Man trinkt gern Grog
der wärmt und würzt den Sommer
man ist kein Frog
schon gar kein frommer

Heilsverkünder oder Wettergott
man liebt doch Nieselregen, liebt den flot
ten frischen Wind bei dreizehn Grad
belächelt den, der Hitze hat.

Man weiß doch, was ein Hitzekoller kann
man hat gesehn, wie sowas endet
darum ist Kälte für den Mann*
viel besser, weil sie Wärme spendet.

*natürlich auch für die Frau, aber auf die kann sich kaum jemand einen Reim machen.

Do 27.06.13 10:25

Lähmungserscheinungen in den Unterarmen. Die Finger wollen keine Zigarette mehr drehen. Jetzt geht es los. Aber es ist nicht das, was Sie denken. Es ist nur eine Erscheinung, die auftritt, wenn man vierzig Meter Hainbuchenhecke mit einer elektrischen Schere geschnitten hat. Ich hatte so etwas vorher noch nie getan. Seit meiner Kinderheit hatte ich Gärten nicht mehr von innen gesehen, geschweige mir Gedanken über Wuchs und Schnitt einer Hainbuchenhecke gemacht, aber es ist wie es ist: man wird alt, das Schicksal schlägt zu, man geht zu Boden, rappelt sich langsam auf und landet schließlich in einem Schrebergarten.

Was so ein Schrebergarten will, sieht man, wenn man da ist.

Wobei ich kurz zu Herbie Hancock abschweife, der ein Stück geschrieben hat, dass "You know, when you get there" heißt.
Mehr ist dazu nicht zu sagen. Es bündelt die philosophischen Erkenntnisse seit dem Sündenfall.

Nun aber zurück zum Schicksal, zum Garten und dem weiteren Verlauf der Lähmung, die mich sehr erschreckte, weil ich ja für Momente nichts wusste, weil ich dachte, Kacke, was ist das, wieso tun die Finger nicht, was ich will, ich hab' ihnen doch den Auftrag gegeben?

Man muss, wenn man so eine elektrische Schere hält, nicht nur ein bestimmtes Gewicht in der Waagerechten oder Senkrechten halten, sondern simultan einen Sicherheitsbügel drücken und einen Startknopf. Das sorgt dafür, dass man sich nicht aus Versehen ins Bein schneidet, was sehr vernünftig ist, sonst hätte man womöglich unschöne Wunden und verlöre über die Maßen Blut, und was daraus resultiert, will ich mir lieber nicht ausmalen.

Natürlich hätte es auch sein können, dass die Sonneneinstrahlung, der man ausgesetzt ist, wenn man so vor sich hin schneidet, hier ein bisschen und da noch, weil's schön und möglichst in einer Linie geschnitten sein soll, ähnliche Auswirkungen hat, lähmungstechnisch meine ich, so ein Schädel ist sehr fragil und ein Hirn ungeheuer komplex, so etwas weiß man als Laie nicht so genau, man hat das lange Kabel hinter sich und hat die Tricks verinnerlicht, die verhindern sollen, dass man sich selbst von der Energiezufuhr trennt, man muss also an viele verschiedene Dinge denken, nebenher sogar an den Lohn, den versprochenen Lohn für das Heckeschneiden, DM, Euro, Fellatio, Dollar, wir nehmen alles in Zahlung, also schneidet man, dass die Fetzen fliegen, und dann macht man zwischendurch Pause, schweißnaß, rote Birne, setzt sich, tja, und dann das. Man könnte nicht einmal Wasser abschlagen, die Finger würden's nicht hinkriegen, man muss also warten, und also wartet man, und dann löst sich die verkrampfte Muskulatur, man trinkt einen Kaffee, raucht eine Fluppe und macht den Rest der Hecke nieder.

Wenn man sich dabei noch vorstellt, wem man so en passant die Rübe abfetzt, wird das alles noch schöner. Schließlich liegt die gesamte Liga der Bösewichte dieser Welt am Boden, gut, sagt man, bitte, auf einem Bein kann man nicht stehen, machen wir das andere auch noch ab, wir haben ja gewisse anatomische Kenntnisse, und dann schließlich, am späten Nachmittag, werde sie alle davon getragen, die Weltverbesserer ebenso wie die Schlächter, weil fast jeder Schlächter ja mal das Gute wollte, das zieht sich durch die Geschichte wie ein Bandwurm, deshalb kann man eigentlich gar nichts verkehrt machen, man ist fertig, geht in die Hütte und erwartet seinen Lohn.

In diesem Sinne. Venceremos.


13:02

Man muss aufpassen. Man tut, als wäre man freundlich, man ist aber nicht freundlich, man hat Antennen bis nach Timbuktu und ist ein gefährlicher Multiplikator. Man multipliziert die ganze Welt und spinnt ein Netz. Jemand sagt, da ist sie, hach ist die süß, die hing ja an dir. Man sagt nichts mehr. Das süße Ding hat auf sein I-Phone gestarrt, gelächelt und ward nicht mehr gesehen. Währenddessen schauen die Perser zu wie die Welt sich dreht. Sie würden gern mitdrehen, vor allem die Frauen, die blicken ganz sehnsüchtig auf die Rotierenden, aber das dürfen sie nicht, das haben die Mullahs verboten. Aber Bier trinken sie schon. Ein Mullah kann ja nicht alles verbieten und überall kann er auch nicht sein, hier kann er nichts ausrichten. Hier fließt der Schweiß in Strömen, wo man denken sollte, bei 13 Grad Außentemperatur kann das gar nicht sein, aber es ist so. Regen fällt auch, zum Glück fällt er nicht hier unten hinein, das wäre auch noch schöner, wenn der Regen das dürfte, man würde protestieren. So protestiert man nicht. Und das süße Ding, was trug das süße Ding heute? Hautenges schwarzes Leder, ja, ja. Die hing ja an dir. Ja, ja, die hing ja an mir.


Fr 28.06.13 9:25

Prächtige 10,5 Grad, steter, vom Atlantik kommender, großtropfiger Regen, ein Himmel von erhabenem Grau, die Menschen Inkarnationen des Glücks, die eilend und gegen den Wind sich wappnend die Köpfe hängen lassen, das alles unterlegt von beruhigendem Brummen der nahen Autobahn, dazu die Verlockungen der Sonderangebote in diesem mediterranen Paradies, besser hätte ich es auf meinem Balkon nicht treffen können.

Die Tagespresse liegt vor mir, ich habe meinen Zobelmantel angezogen, der kühlt und sieht gut aus, ich grüße diesen und jenen und bin zu allem bereit. Meine Laune ist grob gekörnt und voller Zuneigung zu der Schöpfung, hach, möchte ich rufen, seid umschlungen Millionen, aber selbstredend kann ich sie nicht umarmen, ich habe sie, wie Sie vielleicht zu erahnen vermögen, längst transferiert, bin Herr eines verschlungenen Imperiums wertvollster Worte und lyrischer Akkrobatik, wünsche Ihnen einen ebenso vergnüglichen Tag auf Ihren Balkonen, Terrassen und an Ihren Pools wie mir, und verbleibe hochachtungsvoll: ihr Dichter.


11:11




der kleine wecker
hat mich vergessen
vielleicht hat er zu viel gesehen
und bemerkt
dass die zeit nur erfunden ist
ich weiß nicht
ich spreche jeden morgen mit ihm
wenn schatten vorm fenster vorbeifliegen
und das knistern der zeitung
mich anspringt und fragt
ob noch jemand normal ist
wenn martinshörner die sonne verdunkeln
und hungernde erde essen
ich warne ihn
einmal noch sage ich
und der hammer holt dich
und dann lege ich dich in den gelben sack
und verschiffe dich
es gibt deponien in afrika
da warten sie nur auf solche wie dich
da prügeln sie sich um jede minute
die ihnen die reichen vorwerfen
also überleg es dir gut
dies ist deine letzte chance

So 30.06.13 10:20

Dem Enkel macht die Höhe gar nichts. Er schaut hierhin und dorthin, sagt, sieh mal da und da, aber mir, mir ist die Höhe nicht geheuer. Ich fahre nie Riesenrad, mir wird unwohl, ich sehe den Rost der Splinte und sorge mich um den Enkel, der sich überhaupt nicht sorgt, sondern aufmerksam registriert, wie wir da oben leicht schräg hängen und den Teutoburger Wald sehen können.

Die Stadt liegt uns zu Füßen, und ich erinnere mich, dass ich mit dem Vater des Kindes auch einmal im Riesenrad saß, das ja, um die anderen Fahrgäste zusteigen zu lassen, zunächst immer nur stückweise hoch fährt, bis man ganz oben hängt. Damals war der Vater meines Enkels so alt wie sein Kind jetzt, und wir hingen also da oben und ein Graupelschauer fuhr heran und wir mittendrin. Der Vater meines Enkels fühlte sich überhaupt nicht wohl, er wollte da raus, so dass ich, als das Rad sich endlich zu drehen begann, dem Bremser Zeichen gab, uns aussteigen zu lassen und der Bremser Zeichen gab, dass wir noch eine Runde mitfahren müssten, eh er bremsen könne, und dann drehten wir noch eine Runde, was nur halb so beunruhigend ist, als da oben zu hängen, und dann ließ er uns aussteigen.

Mein Enkel würde stundenlang fahren, aber das Rad dreht nur viermal, und dann sind wir wieder am Boden und strolchen herum, denn von dort oben hat er die Wilde Maus gesehen, eine Achterbahn, deren Wagen sich um die eigene Achse drehen, die will er sich genau anschauen und ich hoffe nur, dass er nicht sagt, da will ich auch rein, aber das sagt er nicht, er setzt sich auf eine Bank und schaut sich alles genau an, während ich auf einem Schild die technischen Daten der Bahn studiere: Höchstgeschwindigkeit 60kmH, Länge der Schienen 460 Meter, maximale Höhe 15 Meter, Gewicht der Anlage 110 Tonnen. Da sitzen wir also, die Wagen sausen vorbei, ihn interessiert, wo man aussteigt und einsteigt, wir sitzen und sitzen und könnten wahrscheinlich den Nachmittag dort verbringen.

Ich will aber noch ein bisschen weiter, ich bin als Opa unterwegs und trage Spendierhosen. Der Enkel fährt hier einmal und dort zweimal, und ich frage mich, was eine Familie mit zwei Kinder das durchsteht, die hier herum geht, denn so groß können die Hosen gar nicht sein, dass man nicht arm wird. Nicht, dass wir große Sprünge gemacht hätten, nein, aber das Geld fliegt nur so davon.

Als wir schließlich heim fahren, bin ich voll von Trauer, denn die Oma fehlte, und die, die mich begleitet hatte zu Anfang, war nicht die Oma, und dumm wie ich bin, zitierte ich einen Satz aus einer Sitcom der Achtziger des vorigen Jahrhundert, die Dinos, in der, wenn der Vater heim kehrt, die Kinder immer nur sagen, "nicht die Mama", also sagte ich zu ihr "nicht die Oma", was sie vertrieb. Ja, so dumm kann ein Witwer sein, aber ein Witwer kann es nicht ändern, die Wahrheit bleibt, entweder man lebt damit oder man lässt es.


13:54



zum frühstück
saß ich am fenster
und sichtete briefe
die ich nie beantworten würde
nur einen an sie
die meinte
ich wäre süß
den rieb ich mir in den schritt
und verlangte insgeheim mehr

aber wie sollte das gehen
sie war kein geheimnis
und schon gar keine hoffnung
ich hatte kaum augen
und lippen
zwischen die ich zigarren schob
die sündhaft teuren
die kamen in hübschen kartons
aus der ferne

ich blieb still
und verheimlichte meinen wunsch
nach erlösung
schaute hinaus auf die eilenden
und verwarf den plan
gabeln ins fleisch aller zweifler zu rammen
zählte mein kleingeld ab
und warf es hinaus auf passanten
die verwundert den himmel priesen
ohne ahnung von ihr
und ähnlichen wundern

 

 

 

 

 




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