März 2005                                        www.hermann-mensing.de                               

mensing literatur


zum letzten Eintrag

Di 1.03.05   10:15

I don't want you to get the idea he was a goddam icicle or something, just because we never necked or horsed around much. He wasn't. I held hands with him all the time, for instance. That doesn't sound like much, I realize, but he was terrific to hold hands with. Most boys, if you hold hands with them, their goddam hand dies on you, or else they think they have to keep moving their hand all the time, as if they were afraid they'd bore you or something. He was different. We'd get into a goddam movie or something, and right away we'd start holding hands, and we wouldn't quit till the movie was over. And without changing the position or making a big deal out of it. You never even worried, with him, whether your hand was sweaty or not. All you knew was, you were happy. You really were. (1)

13:10

Natürlich. Mit dem Text stimmt etwas nicht. Ich habe ihn manipuliert. Aber wie?

18:05

Schneesturm.

 

Mi 2.03.05   9:31

Man überlegt. Man fragt sich, wann das angefangen haben könnte. Schließlich weiß man, dass es immer so war. Selbst, als man noch kaum übers eigene Ich reflektierte, sprach man schon mit ihm. War verstrickt in einen ewig währenden inneren Dialog, und wahrscheinlich haben nur günstige Umstände bewirkt, dass man ihn lautlos führt. Die weniger Glücklichen tun das nicht und werden belächelt. Aber auch der Lautlose beginnt früher oder später, laut zu werden. Er spricht mit Zahnbürsten. Er bestaunt anerkennend seine Exkremente. Er verflucht zu hart gebackene Brötchen. Er sagt sich, gut, bitte, so ist das, ich kann es nicht ändern. Er schaut hinaus in den Schnee und fragt sich, ob er schon wieder einen Roman schreiben soll. Und wenn ja, wozu eigentlich? Wäre es nicht besser, still und arbeitslos zu verharren, schließlich verdient jeder Sozialhilfeempfänger mehr als er. Fick die Landfrau! murmelt er, erfeut über sein unter der Oberfläche lauerndes Sortiment ordinärer Ausdrücke. Irgendwann wird er den hohen Ton hinter sich lassen und nur noch Scheiße schreien. Arschloch. Immer kalt Wetter. Du Arschloch. Ich scheiß in den Mund deiner Mutter.

11:20

Heute in Bergen aan Zee. C. und ich. In unserem Haus auf der Düne.

 

16:30

Langsam versinkt der Tag. Am Besten wäre, man schliefe ein und erwachte erst, wenn die Narzissen blühen.

 

Do 3.03.05   10:02

Ich wäre gern ein leichtes Volk.

13:37

Heute in Bergen aan Zee. Wer soll das verstehen?

 

Fr 4.03.05 8:20

LIEBE REDAKTION, hallo literaturmenschen

was haben sie eigentlich an dem literaten - falls es einer ist - HERMANN MENSING gefressen???
seine beiträge lese ich mit grosser zwiespältigkeit. der heutige, ins internet gestellte, haut mich mal wieder um.
ich bin nicht prüde, scheisse und arschloch kommen mir auch schon mal über die lippen. aber die letzten beiden sätze FICK DIE LANDFRAU und ICH SCHEISS IN DEN MUND DEINER MUTTER finde ich fäkaline aussprüche übelster art. sie diskriminieren mich als frau. ich hoffe, dass sie die texte, die sie empfehlen, gründlichst studieren. ich traue mich nicht, seinen neuen roman zu lesen. vielleicht sind sie nicht so einseitig und wechseln mal die autoren, denen sie ihre gunst schenken.

schöne grüsse

 

Liebe Frau Schöne Grüsse,

mit Besorgnis haben wir Ihren Beitrag gelesen.
Wie Sie sind auch wir der Ansicht, dass Mensing mit derartig fäkalinen Aussprüchen die Harmonie, den Frieden und die Schönheit der abendlichen Anschlagsserien, die Hunger- Misshandelten- und Katastrophen-Soaps nachhaltig stört.
Seien Sie daher versichert, dass wir ihn abmahnen werden.
Seine Honorare werden - Ihr Einverständnis vorausgesetzt - einem Heim für diskriminierte Frauen überwiesen.

Mit betroffenem, nichtsdestotrotz frohem Gruezzi in die blitzsaubere Schweiz...

verbleiben wir Ihre Redaktion....


17:35

Per Steinbrück, Ministerpräsident des Landes NRW auf die Frage, ob er die Sorge der Betroffenen angesichts der Rekordzahl von 5,2 Millionen Arbeitslosen verstehen könne:

Ich kann die Verzweiflung von Arbeitslosen verstehen. Ich kann aber nicht die Empörung der Opposition verstehen, die so tut, als habe die Arbeitslosigkeit seit Ende des Jahres dramatisch zugenommen. Tatsächlich sind etwa 360.000 erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger, die bisher in der Sackgasse der Sozialhilfe belassen worden sind, erstmals als arbeitslos registriert worden. Dass dieser statistische Zuwachs durch Hartz IV kommen würde, wussten alle. Hätte man zu Zeiten der Kohlregierung Anfang 1998, als wir 4,82 Millionen Arbeitslose hatten, so gezählt wie heute, dann hätte man die gleichen Zahlen gehabt.

 

Sa 5.03.05   21:07

Liebe Freunde: ich werde in drei Stunden 56 Jahre alt. Wer hätte das gedacht.

 

So 7.03.05   13:15

Es regnet, ihr Chef ist raffgierig und ungerecht, ihr Vermieter ein Idiot?
Von ihrer Familie wollen Sie gar nicht erst sprechen???
Fliehen Sie, schnell.
Machen Sie eine Weltreise.

 

Mo 8.03.05   13:10

Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich habe die Nase voll. Ihr könnt mich.

17:20

Taube mit Nestbaumaterial im Anflug. Frühling???

 

Di 9.03.05 10:30

Hörte gestern Nachtigall, Fink und Amsel bei ihren Reviergesängen zu.
Also doch: Frühling!!!

11:00

Warum, Herr, stehst du so ferne, verbirgst dich in Zeiten der Not. Im Übermut verfolgt der Frevler den Armen, fängt ihn mit den Ränken, die er ersann. Denn der Frevler rühmt sich seiner wilden Gier, und der Ungerechte brüstet sich. Den Herrn verachtet der Frevler hochmütigen Sinnes. "Er rächt sich nicht, es gibt keinen Gott", das sind so ganz seine Hintergedanken. Sein schlimmer Wandel dauert immerfort. Fern von ihm sind deine Gerichte, alle seine Gegner verspottet er. Er denkt in seinem Herzen: "Nie werde ich wanken; von Geschlecht zu Geschlecht triff mich kein Unglück!" Sein Mund ist voll von Fluch, von Trug und Bedrückung, unter seiner Zunge sind Unheil und Unrecht. Er liegt im Hinterhalt der Gehöfte; im Versteck will er den Schuldlosen morden; seine Augen bergen Verruchtheit. Er lauert versteckt wie ein Löwe im Dickicht; er lauert darauf, den Armen zu fangen; er fängt den Armen, zieht ihn ins Netz. Dieser wird niedergeschlagen, sinkt zu Boden und fällt durch die Gewalt der Ruchlosen. Doch jener denkt in seinem Herzen: "Gott ist vergesslich! Er hat sein Antlitz verhüllt, sieht es nie und nimmer!" Steh auf, oh Herr und Gott, erhebe deine Hand, vergiss die Elenden nicht! Warum darf der Frevler Gott verachten, im Herzen denken, du rächtest es nicht. Du siehtst doch Unheil und Leid, blickst hin und nimmst es in deine Hand. Dir sei die Verruchtheit ausgeliefert, doch dem Verwaisten bist du ein Helfer. Zerbrich den Arm des schlimmen Frevlers! Suchst du seine Freveltat, sollst du von ihr nichts mehr finden! Der Herr ist König für immer und ewig. Die Völker verschwinden aus seinem Land! Das Verlangen der Elenden hörst du, o Herr; du festigst ihr Herz, machst dein Ohr geneigt. So schaffst du Recht dem Verwaisten und Bedrückten, dass nie mehr Schrecken verbreite ein irdischer Mensch. (Psalm 10 1-18)

Dies als Kontrakpunkt zu meinem Bibel-Kommentar. Vergessen??? Hier klicken.

 

Do 10.03.05    12:15

Das Schlimmst liegt hinter uns. Die Vögel wissen es auch. Es geht aufwärts. The headaches are all gone, and it is morning in this song.

 

Fr 11.03.05   12:55

Wohl den Tag vor dem Abend gelobt.

19:35

"Von uns bleibt nichts", sagte Ernesti, "wusstest du das? Wenn unsere Ehe scheitern, bleibt nichts von uns. Jetzt denken wir, dass unsere Frauen uns mehr lieben als wir sie, weil unsere Frauen unser Leben mitleben. Wenn wir Teil der Bundesbank sind, sind sie es auch. Wenn wir zum Judentum übertreten, werden sie Juden. Wenn wir Krebs haben, kriegen sie ihn auch. Frauen sind so. Aber wenn wir sie verlassen oder sie verlassen uns, dann haben sie eines Tages einen neuen Mann, und wenn er Teil von Karstadt ist, werden sie auch ein Teil von Karstadt. Verstehst du, was ich meine? Sie machen bei jedem Mann, den sie lieben, das Gleiche wie bei uns: Sie übernehmen das Leben, in das sie sich verlieben. Deshalb bleibt nichts von uns. Wir können uns in unseren Frauen nur verewigen, wenn wir ewig bei ihnen bleiben. Das ist unsere Tragik. Ist dir die Bedeutung davon klar? Wir müssen bei ihnen bleiben, weil wir sonst ausgelöscht werden. Mich macht das depressiv." (2)

 

Sa 12.03.05   17:10

Preise den Namen, deines Herrn, des Höchsten, der da geschaffen und gebildet, der bestimmt und leitet, der die Weide hervorbringt und sie zu dunkler Spreu macht. Wir wollen dich lesen lehren, und du sollst nicht vergessen, was Allah will, siehe, Er kennt das Offenkundige und das Verborgene. Und wir wollen dir's zum Heil leicht machen, drum ermahne, siehe, die Ermahnung frommt. Ermahnen lässt sich, wer da fürchtet, doch der Bösewicht geht ihr aus dem Wege, Er, der im größten Feuer brennen wird; alsdann wird er in ihm nicht sterben und nicht leben. Wohl ergeht es dem, der sich reinigt und der des Namens seines Herrn gedenkt und betet. Doch ihr zieht das irdische Leben vor, während das Jenseits besser und bleibender ist. Siehe, wahrlich, dies stand in den alten Büchern, den Büchern Abrahams und Mosis. (Koran, 87. Sure, 1-19)

 

So 13.03.05   12:50

Ignaz zupft den Bass biduuuuuu....

 

Mo 14.03.05   8:26

"Ich hab was Interessantes entdeckt", sagt Kasia. "Wenn ich mit jemandem rede, der dumm ist, werde ich sofort noch dümmer." (3)

10:43

Wir waren unterwegs nach Münster, zu Fuß, wie wir das gern tun, in meiner Jackentasche ein handliches Nikon-Glas 10x25, das die Welt nah bringt und zudem ein klein wenig aufhellt. Und was ich im Aa-Tal sah, braun gegen den Horizont erhoben, weit hinten auf einem Feld, stellte sich bei näherer Betrachtung als lebendig heraus. Vier Hasen saßen dort, wie sie das tun, wenn der Frühling naht. Sie sitzen beieinander, und irgendwann sticht sie der Hafer. Dann springen sie so hoch sie nur können, rennen um die Wette und manchmal boxen sie miteinander. Warum wird der Leser wissen. Es geht einzig und allein darum, der Häsin zu imponieren. Wer mehr über das merkwürdige Balzverhalten männlicher Erdbewohner erfahren möchte, sei auch auf meine Gedichte verwiesen, dort findet er den ein oder anderen Hinweis. Dass es mit dem Frühling nur noch eine Frage der Zeit ist, scheint jetzt klar. Auch der Rest wird besser. Alles wird besser. Wir haben mal wieder überlebt. Gott sei Dank.

 

Di 15.03.05   9:55

Ständig verändere ich Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Mit jedem Wort manipuliere ich. Alles Nichtsgesagte ist Lüge. Alles Gesagte nur Ausschnitt. Nirgendwo ist objektiv Wahrheit. Da lobe ich mir das Geschichtenschreiben. Das hat Hand und Fuß und ist wahr.

10:53

Hier meine bescheidenen Vorschläge zum Jobgipfel:

Totale Enteignung.
Alle Kapitalisten zur Landarbeit.
Bourgeoisie in Lager.
Intelligenz töten.

Ähhh....stimmt.
Alles schon da gewesen. Hat auch nicht funktioniert.
Tja dann weiß ich es auch nicht.

14:30

Saß auf dem Mäuerchen vorm Lack-Museum, schleckte ein Eis und ließ die Sonne den Rest tun. Autos in vorübergehendem Stillstand in beiden Richtungen, Menschen mit und ohne Koffer, junge und alte, meist in Eile. Eine junge Frau schaut mich im Vorübergehen an, sagt "die erste Sonne ausnutzen, nicht?" und lächelt. Ich nicke. Schön, dass ab und an einer das Schweigen bricht, das unter uns Menschen herrscht.

 

Mi 16.03.05   11:20

Zu singen auf: Horch was kommt von draußen rein...

Mensing ist ein Lumpenhund,
holla hiii, holla hooooo,
liebt die Frauen, schmal und rund,
holla hi ja hoooo....

Der Frühling ist da. Habe die Saison eröffnet und Wäsche im Garten aufgehängt.

11:50

...liebt die Frauen klug und doof,
holla hi, halla hoooo,
allen macht er gern den Hof,
holla hi ja hooo..... (to be continued)

11:54

Zitronenfalter taumeln herum.
Erstaunlich. Kaum zwei Stunden ist es erwähnenswert wärmer, schon sind sie da.
Wo haben sie die ganze Zeit gesteckt?

 

Do 17.03.05   8:45


Mtume wohnte in der 41. Straße. Im Parterre des Hauses war ein Friseur. Der Hof grenzte an eine chinesische Wäscherei mit schlanken, glänzenden Metallschornsteinen, aus denen Tag und Nacht weißer Rauch quoll. Mtume's Etage war spärlich eingerichtet. Ein Zimmer führte zum Hof, eins zur Straße, dazwischen war eine schmale Küche. Das Sofa, die Sessel, der Fußboden, alles war taubenblau, und überall standen Schallplatten.

Mtume saß auf der Feuertreppe zum Hof. Wind strich vom Hudson herüber. Es war laut. Nur einen Block südlich waren die Zufahrten zum Lincoln Tunnel. Im Hof wuchsen ein paar staubige Büsche und eine schmächtige Ulme. Mtume hatte sie im Central Park ausgegraben, und erst seit dem letzten Frühjahr kam sie langsam. Der Friseur und er wechselten sich in der Pflege ab. Sie brauchte eine Menge Wasser und Schutz vor den Straßenkötern, die versuchten, sie umzupissen.

Mtume saß mit übereinander geschlagenen Beinen gegen die Wand gelehnt. Neben der Tür hing eine Holzmaske: Chango. Chango hatte Macht über böse Geister.

Meier stellte sich vor, dies wäre sein Domizil in New York, dies wäre sein Platz, und von dort könne er die Stadt beobachten. Die Vorstellung war angenehm. So angenehm, daß er darüber die merkwürdigen Andeutungen vergaß, die Hannah am Telefon gemacht hatte. Sie klangen wie Drohungen.

"Wie wär's, wenn du im Sandwich-Shop ein paar belegte Brote holst?" sagt Mtume.
"Der auf der anderen Straßenseite?"
Mtume nickte. "Sag für Mtume. Dick schreibt es dann auf?"
"Irgendwelche Vorlieben?"
"Kaltes Huhn."

Meier stieg die eiserne Treppe hinab und ging über den Hof. Als er sich an der Ausfahrt zur Straße noch einmal umdrehte, sah er Mtume mit Bongos zwischen den Knien. Aus den geöffneten Fenstern der Wäscherei klangen Stimmen und Maschinengeräusche.

Es gibt Plätze, die einem auf Anhieb gefallen. Dies war so einer, und er wußte es. Er überquerte die Straße mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie er es zu Hause getan hätte und betrat den Sandwich-Shop. Dick, ein bärtiger Mann mit schulterlangem Haar (so bärtig, daß man von seinem Gesicht kaum etwas sah) begrüßte ihn wie einen alten Bekannten.
Noch ehe Meier sagen konnte, er wolle Sandwiches, sagen wir, sechs: zwei mit Salat und Mayonnaise, zwei mit kaltem Huhn, zwei mit Rostbeef und vielleicht eine Tüte Haselnußkerne, sagte Dick: "Sieh an, hat Mtume wieder einen Schüler? - Das wurde aber auch Zeit. Es finden sich kaum noch gute Schüler heutzutage."

Meier nickte überrascht. Dick ging zu einem großen Kühlschrank und nahm eine Platte heraus. Ein Radio spielte. Vor der Tür stand ein großer, hölzerner Mann in Form eines Sandwiches. Auf der Fensterbank wuchsen säuberlich eingetopfte Marihuana-Schößlinge, nicht sehr hoch, aber schon fest im Wuchs. Dick packte die Sandwiches ein. Ein Radiosprecher sagte, soeben werde gemeldet, David Jonathan Ellington alias Port Authority III. sei unter spektakulären Umständen aus dem Zuchthaus geflohen.

Der Friseur stand mit einer Tasse Kaffee in der Hand am Fenster und nickte Meier zu. Im Hof der Wäscherei flötete jemand. Irgendwo ging eine Sirene. Autos verließen in Scharen die Stadt, andere fielen über sie her. Eine Möwe stürzte aus dem Licht in den Hof und machte sich über die Mülltonne her.
Mtume trommelte noch.
Meier setzte sich auf den Treppenabsatz und packte die Sandwiches aus.
Hannah ging ihm nicht aus dem Kopf. "Noch einmal betrügst du mich nicht", hatte sie gesagt. (4)

17:20

Was tun??? - Der Auftakt meiner morgigen Lesung in Bramsche.

 

Fr 18.03.05   11:58

...
liebt die Frauen jeden Tag
hollahiii
hallahoooo..
kaum eine, die er nicht mag, hollahiahooo... (usw.)

12:43

...
pudert sie und geht dann fort
hollahiiii, hollahoooo...
knallt an einem andren Ort
hollahiahooooo.....

15:35

Das Gefühl vor der Lesung: leichte Benommenheit, Lustlosigkeit, der Wunsch, es wäre schon vorbei, Zweifel, ob es wieder funktionieren wird, ein wenig Angst, aber nicht viel, der tiefe Wunsch, man könnte auch ohne Schreiben.


Sa 19.03.05   9:15

Man hat letzte Informationen über den Verkehrsfluss eingeholt, hat erfahren, dass ein Großteil der Urlauber bereits gen Süden abgeflossen sein sollte, wenn man sich auf den Weg machen will, man zündet zur empfohlenen Zeit den Motor seines schon betagteren PKW und fährt los.

Augenblicklich verwandelt sich die grau-grieselige, friedliche Welt in ein Meer von Gischt, roten Hecklampen und auf linker Spur in atemberaubend kurzen Abständen bei 120 KMh und schneller hintereinander rasenden Heimkehrern, Suizid-Anwärter, selbst ernannte Herrscher des Welt.

Selbst bleibt man rechts zwischen großräumig sich auftuenden Lücken brummender LKW, hin und wieder setzt man den Blinker, überholt, um schnell wieder einzulenken in den nächsten, von kaum jemand befahrenen freien Raum.

Man fährt nach Norden.
Und wer da alles unterwegs ist! Man glaubt es kaum.
Woher kommen all diese Menschen und wohin wollen sie?
Haben sie keine Wohnzimmer, in denen sie sitzen und mit ihren Frauen essen und trinken können?
Haben sie Termine?
Möchten sie heute noch sterben, oder ist ihnen selbst das egal?

Links und rechts der Autobahn, die uns, folgte man ihr, ohne größere Komplikationen nordwärts bis fast an den Pol, südwärts bis ans Ende des geheiligten Europa mit seinen Schengener Grenzen brächte, tun sich, wann immer Städte sich nähern, endlose Gewerbegebiete auf.

Großräumige Möbelmärkte leuchten in die Abenddämmerung, Baumärkte, Logistikzentren, was immer erreichbar sein will, hat sich hier angesiedelt und gleicht in Architektur und Lebensmotiv dem Amerika, das schon vor dreißig Jahren so ausschaute.
Schnell gebaut, noch schneller wieder abgerissen.

Größte architektonische Fehlleistung: die überall gleichen McDonals Filialen, eine Mischung aus Ski-Hütte, Datsche und Hexenhaus, darüber, schon von weither sichtbar, der einladende, goldene Leuchtbogen des Firmen-Signets.

Abreißen! Wegsprengen! Dem Erdboden gleich machen!
Besseres könnte man zur Verschönerung dieses Planeten kaum tun.

Plötzlich (nach einem großen Autobahnkreuz) verengen sich die Fahrbahnen zu je zwei schmalen Spuren, auf denen die Höchstgeschwindigkeit auf 80 KMh herunter geregelt ist, was viele für 120 halten. Auf der Gegenfahrbahn erlebe ich in flüchtiger Vorbeifahrt das, was ich mir als GAU vorstelle: keine Haltebucht, zwischen den Leitplanken kaum Raum für einen Menschen, aber der Zusammenbruch des Systems: ein anthrazit-farbener Astra ist liegen geblieben.

Ich sehe, dass Menschen im Innenraum ihre Evakuierung vorbereiten. Ein Warnschild ist schon ausgeklappt. Aber wer bringt es jetzt aus? Und vor allem: wie soll er das tun?

Schon bin ich weiter. Hoffe, dass diese Menschen ein Handy haben, um Hilfe zu rufen.
Der Verkehr (dicht) rollt, immerhin, dann kommt meine Abfahrt, noch zehn Kilometer über dunkles Land, ich bin in Bramsche.

Ich war nie vorher dort.
Es gibt dort den Mittellandkanal, es gibt einen Fluss, die Rahe, es gibt eine Gartenstadt und eine Große Straße, es gibt eine gedrungene, sehr schöne Sandsteinkirche, es gibt die Internet-World (kein Mensch darin zu sehen), überhaupt: auf meinem kurzen Gang durch die Stadt treffe ich nicht mehr als zehn Menschen.

Aber ohne Zweifel lebt man hier.

Der einzige, der mich wahrnimmt, ist der Dorf-Schwule, ein Mann meines Alters, der trotz heftigen Nieselregens noch einmal die Große Straße hinab und hinauf paradiert. Ich kenne diese Blicke, ich weiß, dass homosexuelle Männer gern so paradieren, aber bei mir ist er an der falschen Adresse, ich habe nie Sex mit Männern, und hätte ich welchen, dann sicher nicht bei Nieselregen.
Arme Sau! denke ich.
Schwulsein im Bramsche kann nicht schön sein.

Ich lese in der Stadtbücherei.

Ein Fachwerkhaus, sicher ein historisches Gebäude, ich frage nicht nach, aber es atmet Zeit, Vergangenheit in den Wänden, Literatur wohin das Auge schaut. Auf den Emporen, in den Nischen zwischen Bücherregalen, hier und da, überall haben die Teilnehmer der Literatur- und Lesenacht, derentwegen ich gekommen bin, ihre Luftmatratzen und Schlafsäcke ausgelegt.
Dreißig Kinder, die Mädchen in leichter Überzahl, manche von ihnen schon in gemütlichen Nachtkapoltern, warten darauf, dass ich ihnen vorlese.

Und das tue ich.

Zum ersten Mal, seit ich kurz vor Weihnachten in einer geteilten Turnhalle viermal vor je 100 Kindern las, ein Veranstaltungsort, der mich im Vorfeld fast um den Verstand gebracht hatte. Dennoch gingen die Lesungen gut aus, besser, als ich mir hätte träumen lassen.

Fast drei Monate also, und da war es: das anspruchsvollste Publikum der Welt.
Hatte sich auf den Boden gefläzt und schaute zu mir hoch. Wusste, weil es so anspruchsvoll ist und daher das Recht auf jede Frage hat, nicht, was ein Schriftsteller ist, dachte zunächst wohl, ich wäre nur der Vorleser, aber das macht nichts, ich liebe sie ja gerade deshalb.

Ich erkläre es ihnen. Und beginne mit einem Gedicht.
Die jeweils letzte Zeile der Strophe lasse ich von der Kindern laut wiederholen. Das klappt, wenn auch nicht auf Anhieb. Aber immerhin: ich hatte mir vorgestellt, das Gedicht als eine Art Eisbrecher vorzuschicken.

Es ist nämlich so, dass der Schriftsteller (auch darüber habe ich schon gesprochen) selten ideale Auftrittsorte vorfindet. Die Privilegien, die der Schauspieler genießt, Vorhang, Licht, Bühne, das alles entbehrt er.

Der Schriftsteller kommt an einen beliebigen Ort (s.o.: Turnhalle), hat nichts als seine Geschichte, seine Stimme, ist ca. 45 Jahre älter als die meisten seiner Zuhörer, die (s.o.) oft nicht wissen, was ein Schriftsteller überhaupt tut (weshalb ich dazu übergegangen bin, mich als Geschichten-Erfinder vorzustellen), und muss nun sehen, dass er seine Kunden nicht langweilt.
Langeweile ist der Tod eines vorlesenden Schriftstellers.
Wenn er Langeweile verbreitet, entgleiten sie ihm innerhalb kürzester Zeit.

Das Vampir Programm benötigt eine Weile, eh es sich entwickelt. Es ist auch so, dass diese Geschichte nichts mit den Klischees der gängigen (gewohnten) Grusel-Ware zu tun hat. Will sagen: die Kinder müssen aufpassen und ich muss mich doppelt anstrengen, damit es funktioniert.

Meine Furcht, es könnte nicht klappen, verfliegt.
Irgendwann pupst einer. Die Mädchen (eh klüger und kultivierter, als die meisten Jungen) verziehen spitz ihre kleinen, überlegenen Gesichter. Die Jungen lachen sich kaputt. Der Dichter (ich) wirft ein "so'n Pups macht nichts, laute Püpse stinken nicht, aber die da schleichen, denen sollst du weichen" in die indignierte Damenrunde und liest unbeeindruckt weiter.

Nach einer dreiviertel Stunde macht er eine kurze Pause.
Es ist neun Uhr, die Kinder brauchen Atem, sie müssen einmal herum rennen, sie müssen sich die Aufregung aus dem Leib schütteln, schließlich schlafen sie hier, sind nicht zu Hause, das ist Abenteuer, kleines Abenteuer vielleicht, mag man meinen, aber wahrscheinlich ist es schon von größerer Natur.

Nach durchstandener Pause lese ich noch einmal eine viertel Stunde.

Und Schluss? -

Nein. Noch nicht.
Ich hatte für das Ende die Rückkehr des Eisbrechers eingeplant.
Also lese ich das Gedicht noch einmal, wieder sprechen die Kinder und ich die jeweils letzten Zeilen der Strophen, dann falze ich das Gedicht zu einer Schwalbe und werfe sie in mein Publikum.

Schon Peter Frankenfeld hat Ähnliches getan.
Ein Mädchen fängt das Gedicht und freut sich zu früh.
Es ist nämlich so, dass der oder die Fänger/in das Gedicht nun auch vortragen soll.
Das aber will das Mädchen nicht.

Ich werfe die Schwalbe erneut. Diesmal fängt ein kleiner Türke sie auf (der einzige in Bramsche? - nein, sicher nicht). Er heißt Mikail und hatte, als er hörte, dass der Fänger lesen sollte, gezippelt und gezappelt, er wolle, er wolle. Jetzt darf er.

Vorhin noch hatte er Kaugummiblasen geblasen, hatte gepupst und hier und da gezappelt, jetzt aber verblüfft er mich und die anderen mit einem Vortrag, der sich gewaschen hat. Ich bin hin und weg! Wir beiden verbeugen uns, ich signiere ihm die Gedicht-Schwalbe, er freut sich ein Loch in den Bauch, ich habe fertig.

Ich spreche eine lange Weile mit dem Redakteur einer Zeitung, ich erkläre ihm die Abgründe und Himmelfahrten des Schriftstellerdaseins, er ist (scheint's) schwer beeindruckt und ich fahre heim.

 

Mo 21.03.05   9:00

Denken. Immer nur denken.
Wie langweilig. Hätten Sie nicht ein Viertelpfund Fühlen (fühle fühle fühle)?
Nein, einpacken müssen Sie's nicht. Ich nehm's auf die Hand. Was macht das?

 

Di 22.03.05   9:20

Wenn es um Öl geht, sagen sie, es ginge um Freiheit. Überfallen Länder, töten Unschuldige, opfern das Leben ihrer Soldaten (meist aus sozial niederen Schichten, ihre eigenen Söhne opfern sie lieber nicht), missliebige Gefangene exportieren sie in Drittländer, weil dort Folter möglich ist. In ihren Gefängnissen warten Hunderte seit Jahren auf den Tod. Ihre Exekutionstechniken sind ausgereift. Soll aber ein Komapatient endlich sterben dürfen, unterzeichnet ihr Präsident noch nach Mitternacht Eilgesetze, um es christlicher Werte Willen zu verhindern.

20:12

In den Abendnachrichten spricht der Anwalt des Ehemannes, der Bruder der Patientin, ein Regierungsvertreter, und eine Korrespondentin der ARD spricht vorm Weißen Haus ihren Kommentar. Zur gleichen Zeit sterben weltweit Tausende den Hungertod, den Aids-Tod, den Tod-Tod. Manchmal frage ich mich, was für ein Affenzirkus uns hier vorgeführt wird. Verbrecherpack!!!

 

Mi 23.03.05   16:17

Sieben Versuche über Worte.
Ziel: ein Gedicht (begonnen am 20.03.05 19:52 / beendet 22.03.05 23:54).

1.

Selten geht ein Abend zum Tag
kaum ein Tag erlischt ohne Zeichen
selten ein Tag ohne Stunde
und vergeblich steht oft ein Mittag im Weg.

2.

Kaum geht ein Abend zum Tag
selten ein Tag ohne Stunde.
Steht ein Mittag im Weg
oder ein Mann, der nicht will?
Gern reicht man Süßes im Schatten 
& ehrliche Häute
& Glanz.
Kein zweiter Schlag hält in Grenzen
gäbe gern Größe
doch ernsthaft
erwartet nur Meier noch Glück.

3.

Geht ein Abend zum Tag
steht ein Mittag im Weg
oder 1 Mann, der nicht will?
Gern reicht man Süßes im Schatten
& ehrliche Häute & Glanz.
1 zweiter Schlag gäbe gern Größe
doch ernsthaft erwartet nur Meier noch Glück.

4.

Geht ein Abend zum Tag
steht kein Mittag im Weg.
Ein Mann reicht Süßes im Schatten
& ehrliche Häute & Glanz.
Ein zweiter gäbe gern Größe
doch ernsthaft erwartet nur Meier noch Glück.

5.

Geht ein Mittag zum Tanz
steht kein Abend im Weg.
Ein Mann reicht Süßes im Schatten
ehrliche Häute und Glanz.
Ein zweiter gäbe gern Größe
doch ernsthaft erwartet niemand mehr Glück.

6.

Geht ein Mittag zum Tanz
steht kein Abend im Weg.
Ein Mann reicht Süßes im Schatten
ehrliche Häute & Glanz,
ein zweiter gäbe gern Größe
doch ernsthaft erwartet
nur einer noch Glück.

7.

Ein Mittag zum Tanz
ein Abend am Weg
jemand reicht Süßes im Schatten
jemand gäbe gern Größe
doch ernsthaft erwartet nur einer noch Glück.

 

Do 24.03.04 9:04

Flühring. Artel Loman in neuem Covel kündigt sich an.

 

 

14:30

Man kann diese schänden und jene zum Krüppel machen. Man lässt diese verhungern, jenen verweigert man Medikamente. Man löscht Völker aus. Jede Schandtat ist möglich, ohne dass ein Sturm der Entrüstung um die Welt fegt. Lästert man aber die Lehren der christlichen Kirchen, den hanebüchenen Unsinn der unbefleckten Empfängnis etwa, die idiotische Idee, Gott hätte es nötig, einen Sohn auf die Welt zu senden (wobei er, angenommen, er hätte es tatsächlich getan, Josef wie einen Trottel dastehen lässt), den Hickhack um Kreuzigung und anschließende Auferstehung, die mit christlichem Schnickschnack verbrämten österlichen Heidenbräuche, die christliche Idiotisierungskampagne der letzten 2000 Jahre, die zu nichts weiter gut war (und ist), uns am Boden zu halten, erpressbar und demütig, nicht das zu sein, was wir sind, Gottes Ebenbild, dann kann es kritisch werden. In diesem Sinne wünsche ich all meinen Kunden ein frohes Osterfest. Seid Gottes Ebenbilder. Bespuckt die Priester, die Knechte der Unterdrückung.

 

Fr 25.03.05   12:15

Man erwacht, geht auf die Straße und überlebt. Das macht fröhlich. Sagt Max Frisch.
Was aber, wenn das Überleben dramatischer verläuft? Wie gestern Abend etwa.
Was macht es dann? - Überheblich? Verleiht es einem das Gefühl, unsterblich zu sein?

Ich weiß nicht recht.
Ich saß am Tisch des Malers G. Seine Freundin hatte Geburtstag. Ich erzählte ihrer Schwester von unserer Katze. Etwas splitterte und ich fand mich am Boden. Wie ein Astronaut im Stuhl liegend. Mein Hinterkopf keinen Zentimeter von der Ecke eines Bierkastens entfernt. Daneben mehrere leere Flaschen. Im Rücken jedoch die schützende Rückenlehne. Alle beugten sich besorgt über mich, aber mir war nichts passiert. Man half mir auf. Das hintere linke Stuhlbein war weggebrochen. Es wäre schön gewesen, so zu sterben. Ich hätte es nicht einmal gemerkt. Schrecklich wäre gewesen, ich hätte mir das Genick gebrochen und wäre halsabwärts gelähmt. All das hätte passieren können in diesem Bruchteil einer Sekunde meines Lebens gestern Abend, aber es ist nicht passiert. Vielen Dank. Ich weiß nicht, ob ich es verdiene. Aber es hat mich daran erinnert, wie flüchtig alles ist.

 

Sa 26.03.05   9:32

Über das Überleben

Das erste Mal, an das ich mich erinnere, fällt in mein zehntes, elftes Lebensjahr. Ein harter Winter klang aus. Noch war tragfähiges Eis auf dem Stadtparkteich, aber das Wasser war gesunken, das Eis vom Ufer gebrochen, es hatten sich große Schollen gebildet, man musste springen, um vom Land aufs Eis zu gelangen, einen halben Meter etwa. Ich war auf dem Eis und wollte an Land, sprang, rutschte aus und versank bis zum Hals im eiskalten Wasser. Ich versuchte, die Böschung hochzuklettern, fand aber keinen Halt. Ein Mann mit Krückstock zog mich heraus.


Wir badeten im Pazifik. Die Wellen lief hoch auf. Wir versuchten, herein zu schwimmen, um uns von ihnen an den Strand treiben zu lassen. Bei einer kam ich zu spät. Sie nahm mich von den Füßen her hoch, überschlug mich, schlug mich donnernd auf den Grund, schleifte mich über den Boden, ich krachte gegen einen Fels, ich kam nach Luft schnappend hoch, die nächste traf mich. Glücklicherweise warf sie mich an den Strand. (Nov. 1972)


Ich war mit einem Engländer und einer Amerikanerin zu Fuß auf dem Weg nach Machu Picchu, der berühmten Inka-Festung. Wir folgten einem Jahrhunderte alten Weg. Er war häufig überwuchert. Hin und wieder verloren wir ihn. Der Weg führte über mehrere Anden-Pässe. Einer war fast 5000 Meter hoch. Beim Abstieg stürzte ich, fiel, mich überschlagend, mehrere Meter tief und landete auf meinem Rucksack. Lag da etwas benommen wie eine Schildkröte auf dem Rücken, unversehrt. (Januar 1973)


Wir hatten unseren ältesten Sohn zu den Großeltern gefahren. Auf dem Rückweg, ich wollte von einer Landstraße links ab in eine andere biegen, sah ich im Rückspiegel einen Wagen in hoher Geschwindigkeit heran kommen. Ich war sicher, dass er uns seitwärts träfe, wenn ich abböge. Ich gab Gas und fuhr geradeaus. Der Wagen fuhr auf uns auf. Wir schossen nach vorn. Ich behielt den Wagen unter Kontrolle. (Juni 1986)

15:05

Ich spielte am Deutschen Theater in Göttingen. Wir waren eine semi-professionelle Truppe. Unser Stück, eine Revue mit Musik, hieß Simplicius Simplicissimus. 30 Jahre Krieg. Ich war als Schlagzeuger engagiert, trat aber auch in kleinen Rollen auf. Als Landsknecht etwa. Die Bühnenbildner hatten ein Brücke gebaut. Sie war etwa 180cm hoch, fünf Meter lang, links und recht waren Treppen. Unter dieser Brücke, ca. fünf Meter hinter der Rampe, standen unsere Instrumente. In einer Szene war ich ein Landsknecht. Ich sollte bis in die Mitte der Brücke gehen und dort ein Lied singen. Währenddessen kämen Landsknechte, um mir den Schwedentrunk einzuflößen. Ich begann zu singen. Die Landsknechte kamen. Sie begannen, mir den Schwedentrunk einzuflößen. Schnitt. Dieser wundervolle Moment des Nicht-Wahrnehmens, während das Unglück geschieht. Ein Moment der Gnade, ohne Zweifel. Schnitt. Ich öffne die Augen. Ich liege zwischen Snare und Stand-Tom. Die Bassdrum ist umgekippt. Wie bin ich dorthin gekommen? Jemand in meiner Nähe ruft um Hilfe. Der Gitarrist. Was ist geschehen? Die Brücke ist zusammengebrochen. Der Gitarrist (der darunter saß) hat einen gefährlichen Leberanriss. Ich bin unverletzt. (1980)

 

Mo 28.03.05   11:32

Die dicken Kinder von Landau hatten es angekündigt. Vor einer Woche schon. Sie hatten überall Sticker geklebt. Unter der großen Eiche wollten sie ein Osterfeuer anzünden. Es gäbe Bier für einen Euro und Würstschen. Die dicken Kinder von Landau sind ein Kegelverein. Die Jugendfeuerwehr steckt dahinter. Vorgestern fuhr ich mit dem Rad zur großen Eiche. Mit Treckern waren man gerade dabei, das Osterfeuer umzuschichten. Als gestern Abend gegen 19 Uhr die Luft nach Feuern roch, machten C. und ich uns auf den Weg. Osterfeuer haben etwas Magisches. Schon als Kind habe ich sie geliebt. In den vergangenen Jahren sind wir am Ostersonntag oft mit dem Auto über Land gefahren, um die Feuer zu sehen, die überall brannten.
Wir waren aber kaum aus dem Haus gestern, als es zu regnen begann. Ein kräftiger Regen bei milder Luft. Im Nordwesten das Grummeln eines vorbeiziehenden Gewitters, das zweite in diesem Jahr. Wir liefen ortsauswärts. Der Regen wurde stärker. Nirgendwo war Feuerschein wie sonst um dieses Tageszeit an Ostersonntagen. Ich fürchte, sie bekommen das bei diesem Regen nicht in Brand, sagte ich irgendwann. Wir gingen noch ein Stück, gerade so weit, dass wir die große Eiche sehen konnten. Auch dort, kein Feuerschein. Also drehten wir um und gingen nach Hause zurück.

 

Di 29.03.05   11:02

Wir üben alle das assoziative Schreiben.
Wir verbessern nichts. Alles bleibt, wie es kam.
Wir sind kretativ.

8ung: wisch mob hattte eiha eih haeee bessern gestegeben und mit dem ersten anfang einen tag gesetzt.

9tung: pönkeln hat dien gleichbeträchti.

 

Mi 30.03.05   9:45

Hin und wieder klingeln Alarmglocken.
Warum, weiß man nicht genau, aber sie klingeln und bitten um Aufmerksamkeit.
Vor etwa drei Jahren kündigte man mich und meine Arbeit im Verlagskatalog als die Arbeit des dem Hause eng verbundenen Erfolgsautors M. an.
Hmmm, dachte ich, wie kann ich denn Erfolgsautor sein, wenn ich nicht einmal in der Lage bin, mein Leben zu finanzieren?
Gerade nun erhielt ich die in den nächsten Tagen auf meine Lesung am 6. April 2005 hinweisende Anzeige in den Tageszeitungen der Region. Ordentlich gestaltet. Und was steht darunter: ich läse aus meinem Erfolgsroman.
Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen.
Der Verlag ist ein anderer als der vor drei Jahren, die mildtätigen Lügen sind die gleichen, denn noch immer ist kein Geld auf meinem Konto. Ich bin ein Erfolgsautor ohne Geld. Mit diesem Erfolg finanziere ich praktisch allen Luxus, den man sich denken kann. Geil.

10:18

Ankündigungen wie "Erfolgsroman" - "Erfolgsmusical" etc. pp. sollten Sie niemals trauen. Sie dienen nur dazu, den Menschen zu suggerieren, sie verpassten etwas, wenn Sie nicht hingingen. Aber verraten Sie das erst nach dem 6. April 2005. Danke.

12:39

Wir hatten den Ostersonntag mit Freunden verbracht, eine Tradition, die wir seit fast zwei Jahrzehnten pflegen. Wir treffen uns zum Frühstück, wir sitzen beisammen, wir Großen und unsere mittlerweile erwachsenen Kinder, wir trinken Sekt, wir kiffen, wenn's was zu Kiffen gibt, wir lassen den Tag verfliegen und finden uns nachmittags auf unseren heimischen Sofas wieder. Ruhend.
Den Abend, falls wir ihn noch erleben, erleben wir fernsehend.
Oft ist der Morgen danach mühsam.
Diesmal läutete gegen 11 Uhr das Telefon und Lisa fragte, ob wir nicht Lust hätten, eine Wanderung zu unternehmen. Judith käme auch. Heidrun auch. Ja, sagten wir. Gern.
Trotz düsteren Himmels fuhren wir nach Ostwestfalen.
Je näher wir dem Ort unserer Wanderung kamen, desto besser wurde das Wetter.
Schließlich schien sogar die Sonne.
Wir wanderten über drei Stunden, Ostwestfalen ist wunderschön, wir lästerten über uniform gekleidete Golferinnen, retteten Kröten, aßen Mitgebrachtes und spürten nach und nach jeden Knochen im Leib, bis wir schließlich wieder dort ankamen, wo wir gestartet waren.
Das Seltsame an dieser Wanderung war, dass junge Leute uns eingeladen hatten.
Wir - Menschen um Fünfzig - inmitten junger Leute, die freiwillig mit uns wandern.
Viele unserer Freunde sind jung, meist Endzwanziger.
Oft fragen wir uns, woran das liegt.
Sind uns die Gleichaltrigen zu blöd, oder sind wir zu blöd für die Gleichaltrigen?

17:25

Mögliche Antworten:

1.Wir sind zu blöd für Gleichaltrige.
2.Wir können nicht alt werden.
3.Wir sind Avantgarde.

 

Do 31.03.05   10:51

Ich favorisiere Antwort Nr. 3.
Das enthebt uns jeder Kritik, denn Avantgarde darf alles.
Mit dieser Erkenntnis verabschiede ich mich aus dem März.
Wer weiß, ob es einen April gibt.
Wer weiß, was es gibt, falls es etwas gibt.
Wer weiß, ob uns gefällt, dass es gibt, was es gibt.

 

 

 

 

 

 

 


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1. J.D. Salinger, The Catcher in the Rye, Penguin Books 1974 // 2. Dirk Kurbjuweilt, Nachbeben, Nagel & Kimche 2004 // 3. Tomek Tryzna, Fräulein Niemand, btb Taschenbuch 1999 // 4. Hermann Mensing, Meier der Große, Unveröffentlicht 1995

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