März 2008                                        www.hermann-mensing.de      

mensing literatur
 

Bücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de  

zum letzten Eintrag

Sa 1.03.08 10:12

Dies zur Eröffnung...

Und sonst? - Mmm hmmm - Herrr Mensing wird 59.
Glückwünsche, Geschenke, Lobpreisungen etc. bitte zum 6. März an die bekannte Adresse.

14:56

Ich bin ein wenig schwach, denn gestern habe ich in einem der letzten sozialistischen Clubs Deutschlands, dem Club Courage in Münster, in dem sich junge Sozialisten bei der Diskussion über so beliebte Themen wie Der Faschismus in Deutschland freitags die Gurke wegpfeffern, mit Albert Early Bird & the Working Worms heftigst und in jede Richtung offene, von Herzen kommende Musik gemacht, etwa drei Stunden habe ich ohne Entgelt, aber voller Lebensfreude auf mein Set eingeprügelt, dass es eine Pracht war. Entgegen unserer sonstigen Gewohnheit, leise bis ganz leise zu spielen, haben wir den Sozialisten auch lautstärkemässig etwas geboten. Zum Glück hatte ich Ohrenstöpsel dabei.

Heute abend muss ich auf ein Familienfest, das heißt, ich werde den Tag nutzen, um mich zu erholen. Vorhin war ich in der Stadt, mein Auto holen, das ich gestern aus Gründen, die ich hier nicht erläutern möchte, stehen ließ. Liebenswerte Menschen, diese Sozialisten in ihrem Biotop. Etwas gestrig, ja, schon.

 

So 2.03.08   12:57

Noch fegt ein Grundrauschen ums Haus. Im Haus pfeift es und rüttelt an Türen, das ist gemütlich. Nicht gemütlich ist, dass ich mich zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit erkältet habe. Ich erwachte mit Kopfschmerzen, hatte dichte Stirnhöhlen, einen tief sitzenden Husten. Ich schätze, das ist die Rache der Sozialisten.

Das Familienfest war ein niederländisches Familienfest. Höhepunkt waren die kalten Platten, die in unregelmäßigen Abständen und in großer Eile durch den Raum getragen wurden: darauf Eierhälften mit Mayonnaise, in Kochschinken gewickelter Spargel, in zentimeterdicke Scheiben geschnittene Mettwurst (Boerenworst), Käsehäppchen, auf die Weintrauben gespießt waren, Windbeutel mit Fischfüllung, kleine Kroketten.

Dagegen waren die Feiern in der Bismarckstraße in den Fünzigern luxuriös.

 

Mo 3.03.08   10:33

Verbringe mehr Zeit im Bett. Nicht, weil ich müde bin oder es so gemütlich fände, sondern wegen eines Infekts mit verstopften Atemwegen und Husten. Schon der zweite in kurzer Zeit. Überall höre ich Ähnliches und ahne, dass das vielleicht nicht nur die Rache der Sozialisten, sondern der beginnende Endkampf gegen die Spezies Homo Saphiens sein könnte, der ja um 1920 (kaum war das große Morden vorüber) schon einmal eröffnet worden war und innerhalb eines Jahres 40 Millionen in einer weltweiten Grippewelle (Pandemie) dahinraffte.

Ich erwache mit Angstschweiß auf der Stirn, o Gott o Gott o Gott, und gehe zum Arzt.

Ich warte eine Stunde, obwohl ich einen Termin habe. Als die Ärztin (Frau Doktor Rübenzack: ich bin ein Zwerg (Selbsteinschätzung)) schließlich kommt und ich mich beschwere, sagt sie, sie habe mit dem Gärtner telefoniert und im Internet recherchiert wegen der Neubepflanzung ihres Gartens, täte ihr furchtbar leid, nähme sie alles auf ihre Kappe.

Sie erklärt den Befund der alljährlichen Untersuchung, der ich mich vor drei Wochen unterzogen hatte. Alles ist gut, nur Cholesterin wieder nicht. Soll ich also auch noch auf Butter verzichten? Am Arsch, Rübenzack. Trockenes Brot, wie?

Ich spreche mit ihr auch über dieses arme Lebewesen, das ich hin und wieder im Dorf sehe mit seiner Mutter: eine (könnte man sagen) junge Frau, die ununterbrochen jammernd und lamentierend unterwegs ist, in einer Sprache, die wohl nur die Mutter versteht, in einem Ton, der so entnervend ist, dass jeder, der sie sieht, sofort den Wunsch verspürt, sie zu töten, damit dieses Elend endlich vorbei ist. Sie war heute früh als Patientin da, und ich hatte schon immer gemutmaßt, sie sei das debile Ergebnis der Schwangerschaft einer Alkoholikerin, aber nein, dieses Wesen, erfahre ich, ist schizophren. Auch das noch.

Dann bin ich wieder zuhause, am Ort meiner alltäglichen Niederlagen, wieder ist keine Post da, wieder ist alles wie immer, wieder bin ich einen Tag älter geworden, wieder habe ich das Gefühl, dass ich in dieser Welt nichts, aber rein gar nichts verstanden, geschweige denn zu suchen habe, aber dieses Gefühl hat vielleicht nur damit zu tun, dass ich, wegen einer Hustenattacke gegen vier Uhr hellwach, Haruki Murakami gelesen habe, dem es in allen seinen Romanen letztlich um nichts anderes geht als das Fremdsein des Menschen in Sich und in der Welt.

Oi oi oi denke ich, was mache ich denn nun mit so einem Montag, hach, und dann fällt es mir ein: Wäsche waschen, aufhängen, bügeln, Müll raustragen, staubsaugen, aufhängen, aufhängen aufhängen, diesen ganzen verdammten Verein Welt aufhängen, Feierabend, Basta, Will-nicht-mehr, Habe-die-Nase-gestrichen voll.

 

Di 4.03.08   11:02

Mein Fahrrad steht im Hof, vorhin habe ich es gebraucht, um Leergut wegzubringen und neuen Saft zu kaufen. Ich hatte es draußen gelassen, weil ich dachte, ich würde mich noch bewegen. Jetzt aber bezieht es sich. Es beginnt nach Schnee zu riechen und ich glaube, dass ich mich nicht mehr bewege.

Ich werde auch keinen neuen Roman beginnen. Ich habe ja gerade erst einen abgeschlossen. Ich wüsste aber, was für einen Roman ich beginnen könnte. Ich denke jeden Tag drei bis fünf Sekunden daran, bin schwer begeistert und sehe alles vor mir.

Gewalt- und Blutorgien...

Ja, ruft eine innere Stimme, ja, das wäre die Antwort auf deinen Alltag in diesem dem stillen Tod durch Langeweile geweihten Stadtteil, in dem du (der freundliche Schriftsteller M. (ich)) deinem Lebensabend entgegenfieberst.

Und wo würde dieses Spektakel stattfinden? Richtig: in einer Familie.

In einer Familie in der Bismarckstraße 22 in Gronau Westfalen.
Dort könnte ich fortsetzen, was mangels Konsequenz und Mut damals nicht fortgesetzt, sondern immer nur in Ansätzen aufgeführt, dramatisch umspielt und dann wieder abgebrochen wurde.

Dort könnte ich die Sicherungen, die immer im letzten Augenblick verhinderten, was eigentlich hätte geschehen müssen, endgültig durchbrennen lassen, ich könnte nach klassischem Vorbild alle beteiligten Protagonisten, Schuldige wie Unschuldige, sterben lassen, ich könnte zeigen, dass sie sich dennoch liebten, aber nie gelernt hatten, diese Liebe auch nur ansatzweise auszudrücken, irgendwann wären alle tot und der Roman damit fertig, aber wie gesagt, heute nicht, morgen nicht, übermorgen schon gar nicht, nein, da leg ich mich doch lieber hin, das hat doch alles keinen Sinn, ich will, dass alles besser wird, dass endlich was passiert. (Ideal, 1980)

14:30

Dem weltweit bekannten Bürgerrechtler M. gelang heute ein heroischer Sieg. Er wartete in der Kassenschlange eines Discounters, wo er eine Sechsfachsteckdose gekauft hatte. Die vor ihm Wartenden wurden einer nach dem anderen von der Kassiererin nach der Postleitzahl ihrer Herkunft gefragt und gaben diese ohne weiteres preis. Der bekannte Bürgerrechtler M. jedoch bot der Kassiererin die Stirn und beantwortete deren barsche Frage: "Würden Sie mir bitte ihre Postleitzahl sagen, bitte?" mit einem beherzten: "Nö." "Woll 'Se nich. Dann gemwer 0000 ein", sagte die Kassiererin.

 

Mi 5.03.08   10:06

Münster, Landesmuseum und Dom in den späten 50igern....

 

 

 

12:25

Da war der alte Herr L. Der nahm Kinder auf den Schoss. Der hatte graues Haar und war lieb. Der hatte immer Äpfel dabei und kannte sich aus in der Natur. Der war ein netter Mann und ich mochte ihn gern, wenn er auch streng war, sehr streng, der alte Herr L.

Der in Polen so ein großer Held gewesen sein soll beim Töten, aber das wusste ich damals nicht.
Ich mochte ihn nur und ich mag ihn immer noch, obwohl er schon so lange tot ist und man ja nichts Böses sagen soll über Tote.

Ich weiß auch nicht, wer mit dieser Geschichte ankam. Aber irgendwann kam einer damit an und ich weigerte mich, ihn jetzt nicht mehr zu mögen, nur weil er so ein großer Held beim Töten gewesen sein sollte. Mich hatte er ja nicht töten wollen, und wieso er geholfen hatte, die anderen zu töten, konnte ich nicht verstehen.

Ich wollte nie jemanden töten. Ich hätte nie jemanden getötet, kann ich heute so leicht sagen, wo ich hier sitze und zuschaue, wie die anderen überall jeden Tag töten. Zwar nicht in Fabriken wie damals, die sie Lager nannten, dafür umso geschickter und viel besser getarnt. Von allen jeden Abend in der Tagesschau beobachtet, aber von niemandem gestoppt, weil niemand weiß, wo er ansetze sollte zu stoppen, falls noch etwas zu stoppen wäre.

Nein, nein, nichts gegen den altern Herrn L. Der hat mir seinen Garten erklärt und wie das mit dem Bienen ist und dem Honig, von Polen und was er da gemacht hat kein Wort. Der alte Herr L. war für mich nur ein alter Herr, die Geschichten dazu hat man mir später geliefert.

Die Geschichten von heute sind frisch und weil sie so frisch sind, liebe ich nichts von der Welt, gar nichts, so wie ich vielleicht den alten Herrn L. nicht hätte lieben können, wie ich ihn damals geliebt habe, als ich noch nichts wusste von seinen Geschichten.

17:00

Zitat des Tages:

Das war also Afrika, der schwarze Kontinent,
irgendwie enttäuschend, wenn man Tarzanfilme kennt,
was sind das nur für Menschen, dachte Willi Moll aus Stommeln,
und warum hat der Neger diesen starken Hang zum Trommeln.

Refrain:

Dein Land ist das Rheinland, Willi,
da ist es gemütlich,
Afrika ist zu verschieden, Willi
und zu weit südlich.

Nun, liebe Leser, wer könnte das gesungen haben??? -
Richtig, sein Name endet auf pok. Die erste Silbe seines Namens ist mit dem Verkehrsschild verwandt, das den Verkehrsteilnehmer zwingt, sein Gefährt zum absoluten Stillstand zu bringen.

Er hat eine neue Platte und die ist gut.

17:14

Ich vergaß: sollten Sie sich in meiner Gegenwart wohl fühlen, sind Sie herzlich eingeladen, morgen Abend (6.03.2008, ab 20:00) zu meiner kleinen, improvisierten, intimen Geburtstagsfeier zu erscheinen. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren. Aber bitte nur, wenn Obiges zutrifft. Sollten Sie mich, was ich durchaus verstehen kann, für ein Arschloch halten, bleiben Sie lieber, wo Sie sind. Ich weiß dann ja, dass Sie mich für ein Arschloch halten.

 

Do 6.03.1949   14:36

Pro log.

Kleine Pause Sie
Egal, welcher Tag ist - auch egal, was Sie denken.
Wichtig ist, dass Sie da sind, denn erst dann beginnt dieses Buch, sich mit Leben zu füllen.
Sie sind da?
Sehr erfreut.
"Applaus, meine Damen und Herren! Applaus, die Produktion erreicht Vorkriegshöhe!"
Der das sagt
ist der Herr
und der weiß
wie es geht.
Beunruhigt Sie das?
Riechen Sie den vergossenen Schweiß?
Reizt es Sie, Fragen zu stellen? Bitten warten Sie.

So verzwackt, wie die Geschichte, die unserem Helden bevorsteht, ist das Wetter, das ihn empfängt. Die Bäume treibt grün wie verrückt, Kastanien blühen, sind weiße Meere - unzählige Häfen für Bienen.
Und doch ist März und seit Wochen schon Sommer.
Es ist Sonntag. Wir haben es eilig. Von der Kastanienallee biegen wir in die Pergola, sehen durch die efeubewachsenen Bögen den Stadtparkteich und die fetten Karpfen, die ihre gestülpten Mäuler emporstrecken. Über die Kamelbrücken hasten wir am alten Freibad vorbei und an den aufgeregt summenden Transformatoren des E-Werks nebenan. Wir müssen ins Krankenhaus. Schnell, durch den großen gepflegten Garten zum Empfang, in den Aufzug, der viel zu behäbig ins zweite Stockwerk knarrt.
Blitzblank ist es hier, und es riecht so.
Da ist der Kreißsaal.
Der Vater? - Ist gerade gegangen.
Ein wenig zu früh, ja, Sie haben recht, er hätte noch warten sollen.
Aber nun - Vorhang auf!
Die Republik wird geboren. Verschwiegen, versteht sich, denn nur Eingeweihten ist klar, was jetzt geschieht.
Also auf mit dem Vorhang, eine letzte Preßwehe noch.
DA! Zerknittert, käsig - das einzig noch funktionierende Wunder.
Das Gesicht? ... Ein ganzer Mann.
Noch ein Klapps, ja, er schreit. Schnell jetzt!
Eingepackt, weggelegt. Wir werden sehn, was draus wird.
Und die Bilder dazu?
Sie wissen doch, jede Zeit hat die Bilder, die sie verdient.
Erinnern Sie sich. KALKUTTA: Erstaufführung! Lockende Fernde, erregende Abenteuer, Juwelenschmuggel, verwegene Flieger, Spielhöllen, verschlagene Asiaten, Kampf auf Leben und Tod.
Stimmt. Die Bilder von damals machen noch heute mit uns, was sie wollen.
Doch jetzt geht es los.
Noch schnell Popcorn verdaut, es ist später - viel später!
Andere Filme werden gezeigt.
Moment!
Eh das erste Kapitel beginnt, gestatten Sie eine Frage:

Was tat Kontra?


(aus: Hermann Mensing, Der radikale Träumer, Rowohlt 1984)

 

Fr 7.03.08   9:20

Der erste Tag meines 60igsten Lebensjahres war angenehm. Ich hatte am Vorabend auf einer Session gespielt, danach noch lange zuhause auf dem Sofa gesessen und gelesen. Als ich schließlich ins Bett ging, nahm ich Buch und einen Achteldaumen Whisky mit, schaffte noch zwei, drei Seiten, legte das Buch beiseite, ließ den Whisky stehen und rollte mich ein.

Am Morgen umschritt ich den Geburtstagstisch. Er war wunderschön dekoriert und ich beschloss, mit dem Auspacken der Geschenke zu warten. Ich finde verpackte Geschenke viel spannender als ausgepackte. Dann fiel mir der Whisky ein. Es war zwar noch früh, aber ihn nur, weil er eine Nacht über offen gestanden hatte, wegzugießen, war mir zu schade.Also frühstückte ich mit Whisky und legte mich wieder hin. Meine Erkältung und der Morgenwhisky passten gut zueinander. Ich schlief gleich ein. Gegen Mittag stand ich auf und packte das erste Geschenk aus. Es lag gut in der Hand. Bis zum späten Nachmittag packte ich nach und nach auch die restlichen Geschenke aus. Was ich alles bekommen habe!!! Vielleicht sollte ich meinen Geburtstag nächsten Monat einfach wiederholen....

 

12:32

Noch mit 30 habe ich es für unmöglich gehalten, dass ich je Kinder in die Welt setzen würde. Nie, habe ich gesagt. Nie, nie, nie, nicht in diese Welt, und die andere ist noch nicht erfunden. Zwei Jahre später hatte ich den ersten Sohn. Vier Jahre später den zweiten. Jetzt beginne ich mein sechzigstes Lebensjahr und weiß, ich wäre ein alter Mann, hätte ich keine. Aber ich habe welche. Sie versorgen mich mit Ideen, sie schenken mir Filme, Musik, ich erfahre Dinge, die ich nie erführe, hätte ich keine Kinder. Sie erlauben mir, jung zu bleiben. Danke. Es war also doch eine gute Idee, Kinder zu haben.

 

Sa 8.03.08   18:45

Demnächst können Sie die ersten Kapitel meines Hörbuches Zuversicht süße Lüge hören.

 

So 9.03.08   14:09

Versuchte heute, Architektur zu fotografieren.
Wenn es etwas gibt, das schwierig ist, ist es Architektur.

Dabei hatte ich mir ein spektakuläres Gebäude ausgesucht. Auch das Wetter war, wenn man einigen Fotografen glauben darf, gerade richtig. Kein gleißendes Licht, sondern Westfalen unter graublauen Wolken. Von achtundfünfzig Fotos habe ich vierzig wieder ins digitale Nirvana geschossen. Es macht Spaß, mit der neuen Digitalkamera zu fotografieren, wenngleich mich vorm Kauf natürlich niemand darüber aufgeklärt hat, dass so ein Display im Freien reflektiert und an Kontrast verliert, sodass ich manchmal auf den Auflöser drücke, ohne das Objekt meiner Begierde genau erkennen zu können.


Freiherr vom Stein Gymnasium Münster

 

Mo 10.03.08   10:18

Romananfang 1:

Der Mann sah nicht aus, als habe er Pläne. Er sah auch nicht aus, als habe er aufgegeben. Der Mann sah aus, als versuche er, unauffällig zu sein, was einem scharfen Beobachter natürlich hätte auffallen können.

Er setzte sich in ein Café, er schaute, er las Zeitung, er telefonierte.
Ob die Wahl des Cafés zufällig war oder nicht, ist schwer zu sagen, aber es war ein Café in strategisch günstiger Lage. Ob die Zeitung ihm Profil geben sollte oder einfach nur eine Zeitung war, nach der er gegriffen hatte, weil sie in einem der Zeitungsständer stand, wissen wir auch nicht.

Wir wissen nichts von dem Mann, obwohl am Tag darauf die Zeitungen voll von ihm waren.
Viele hatte ihn gesehen. Manche konnte die genaue Tageszeit nennen, andere wussten, was er bestellt hatte, wieder andere erinnerten sich an die Zeitung, die er gelesen hatte. Es gab sogar jemanden, der meinte, gehört zu haben, der Mann habe mit seiner Mutter telefoniert, um sich von ihr zu verabschieden.

Erstaunlich, dass trotz der Gewalt der Explosion so viele Augenzeugen überlebt hatten. Von dem Mann jedoch war nichts übrig geblieben. Als man Tage später Reste eines Mobiltelefones fand und begann, aus den Überresten Adressbuch, geführten Telefonate, gespeicherten Fotos und SMS zu rekonstruieren und ein Profil zu entwerfen, stellte sich schnell heraus, das es sich bei dem Mann um den Schriftsteller K. gehandelt haben musste.

Dieser K., schrieben die Zeitungen, habe in den frühen Achtzigern ein wildes Leben gelebt. Er sei, las man, ein Punk gewesen, ein Punkliterat, der mit ausufernden Lesungen Furore gemacht, mit Selbstverstümmelungen Aufmerksamkeit auf sich gezogen, ein paar Jahre im Literaturbetrieb eine Rolle gespielt habe, seitdem aber in der Versunkung verschwunden sei. Weder sein Verlag noch sonst jemand wisse, wo er sich in all den Jahren aufgehalten, was er getan, wovon er gelebt habe.

Dann aber zerfiel dieses Profil wie Staub, denn der Schriftsteller, um den es sich handelte, meldete sich bei einer großen Presseagentur. Er meldete sich, um zu sagen, dass es sich bei dem Mann, der in jenem Café die Explosion verursacht habe, nicht um ihn handele, er könne das beweisen, ansonsten aber solle man ihn in Ruhe lassen.

Rückfragen liefen ins Leere, der Mann, von dem man angenommen hatte, er sei bei dem von ihm verursachten Anschlag ums Leben gekommen, der Schriftsteller K., der in den Achzigern ein wildes Leben gelebt hatte, dieser Mann hatte der Pressesagentur unzweifelhafte Beweise hinterlassen, unter anderem ein Foto, das ihn bei der Lektüre einer Tageszeitung zeigte, die zwei Tage nach dem verheerenden Anschlag erschienen war.

Die Ermittler versuchten alles, stellten aber fest, dass das Telefonat, das der Mann mit der Presseagentur geführt hatte, aus jenem Café geführt worden war, das es seit der Explosion nicht mehr gab, was Spekulationen anheizte, die dem Boulevard noch für Wochen erhöhte Auflagen bescherten, sodass schließlich ein für das BKA arbeitender verdeckter Ermittler zu dem Schluss kam, diese Geschichte sei rundum erfunden, weder habe es diesen Mann, dieses Café, noch diesen Anschlag je gegeben, man habe bei der Geschichte auf Fotos zurückgegriffen, die entstanden seien, als man das Gebäude, in dem sich besagtes Café befand, im Rahmen der Neugestaltung der Innenstadt abgerissen habe.

Kurz darauf meldete sich der Schriftsteller, dem man das Attentat zur Last gelegt hatte, in einer Kolumne einer angesehenen Wochenzeitung zu Wort. Er habe, sagte er, nach sorgfältiger Überlegung beschlossen, die Hintergründe dieser Geschichte öffentlich zu machen.

Über all die Jahre habe er im Stillen gearbeitet, ohne je wieder die Aufmerksamkeit erreichen zu können, die er in den Achtzigern erreicht habe, nur, weil er damals jung, wild und zu allem bereit gewesen sei, ja, sogar zur Selbstverstümmelung.

Die Einkünfte seines damaligen, kurzzeitigen Ruhms hätten es ihm jedoch gestattet, ein - wenn auch bescheidenes - Leben in der Stille zu führen. In all den Jahren habe er gearbeitet, ohne dass jemand von ihm Notiz genommen hätte. Dann aber seien diese Reserven langsam zur Neige gegangen, so dass er sich gezwungen gesehen hätte, erneut auf sich aufmerksam zu machen.

So sei er schließlich auf die Idee gekommen, ein Attentat zu inszenieren. Er habe eine Weile überlegt, ob er seine Gewalttat irgendeiner Sache widmen solle, dem Kampf gegen das Kapital etwa, dem Kampf gegen die Umweltzerstörung, dem Kampf gegen Bodenminen, dem Kampf gegen Massentierhaltung, dem Kampf gegen den Ziosnismus oder sonst irgendeinem Kampf, sei aber schließlich zu der Überzeugung gelangt, das Attentat als Kunstwerk an sich zu inszenieren und es dem Betrachter zu überlassen, welchem Kampf es gewidmet sei.

Der Presse nach dem Attentat habe er denn auch entnehmen können, dass sie - je nach weltanschaulicher Orientierung - schnell mit Zuschreibungen in diese oder jene Richtung bei der Hand gewesen sei, sodass er, der Schriftsteller, vollauf zufrieden sei mit der Wirkung dieses Attentates, das ja in Wirklichkeit nie stattgefunden habe.

Er bedanke sich für die Aufmerksamkeit und werde in Kürze (nächste Woche schon) mit einem neuen Roman an die Öffentlichkeit treten, der die Hintergründe dieses Attentates beleuchte, ein bewegender Roman (Zitat) über die Mediengläubigkeit der Gegenwartsgesellschaft und ihrer Sucht nach Gewalt.

10:56

Freiherr vom Stein Gymnasium


17:03

Romananfang 2

Da hinten stand die Limousine. Die Frau war etwa zwanzig, fünfundzwanzig Schritt entfernt, sie hätte die unter normalen Umständen auch geschafft, aber die Umstände waren nicht normal. Was sie von der Normalität unterschied, hätte niemand, der sie beobachtet hätte, sagen können, aber es gab niemanden, der sie beobachtet oder auch nur aus Zufall gesehen hätte.

Es gab niemanden auf dieser Straße und es gab keinerlei Anzeichen für das, was dann tatsächlich geschah. Und auch bei späteren Untersuchen fand man keinerlei Anhaltspunkte für die Urheber aller Verletzungen, mit denen die Frau gefunden worden war, vierundzwanzig Stunden später und etwas mehr als zweihundertfünfzig Kilometer von dem Standort ihrer Limousine entfernt.

Die Verletzungen der Frau schienen auf den ersten Blick durchweg oberflächlich: tiefe Schnitte, Schürf- und Brandwunden, Prellungen etc. Erst bei genauerer Untersuchung wurde klar, dass die Frau viel größere Verletzungen hatte hinnehmen müssen, Schäden, die man nicht sehen konnte. Schäden, die psychischer Natur waren.

Nicht nur, dass - wie sich bei Hinzuziehen nächster Angehöriger herausgestellt hatte - ihr Haar vollständig ergraut war, sodass die Angehörigen eine Weile gebraucht hatten, zu glauben, wen sie da vor sich hatten, nein, trotz durch Hirnstrommessungen festgestellt klaren Bewusstseins, trotz stabilen Kreislaufes und Funktionierens aller Vitalfunktionen gelang es der Frau nicht, auch nur ein Wort zu sprechen, wenngleich sie es versuchte.

Dieser Zustand hielt dreieinhalb Wochen. Dann begann die Frau plötzlich aus Leibeskräften zu schreien, um sich zu schlagen, sie schützend unter ihren überm Kopf zusammengelegten Armen zu verbergen, um schließlich, jetzt unter ihrem Krankenbett, leise wimmernd zu verharren, bis sich die Ärzte ihr unter gutem Zureden nach eineinhalb Stunden auf einen halben Meter nähern konnten und ihr eine Tasse Tee zuschoben. Der Tee war mit einem Beruhigungsmittel versetzt, sodass die Frau bald einschlief.

Als sie erwachte, sprach sie von hellem Licht. Sie reagierte weder auf Fragen noch auf die Anwesenheit ihrer Angehörigen. Sie sprach von nichts als hellem Licht.

Diese Phase dauert an.

 

Di 11.03.08   9:16

Romananfang 3

Van Dijk hätte Haare gehabt, aber er liebte Glatzen. Van Dijk hatte auch Schuhe, aber er liebte es, barfuß zu gehen. Die Saison mochte sein, wie sie war.

Als van Dijk noch in Amsterdam lebte, hatte er natürlich Schuhe getragen. Spitz zulaufende schwarze Stiefel mit hohem Absatz. Van Dijk war kräftig gebaut. Die Leute erzählten Geschichten, sie hielten ihn für gefährlich und natürlich kam ihm das entgegen. In seinem Beruf war man besser gefährlich.

Noch besser war es natürlich, man hatte Personal, das für die latente Bedrohung zuständig war, aber so weit hatte van Dijk es noch nicht gebracht. Er hoffte, eines Tages dort anzukommen, wo die, die er bewunderte, schon lange waren.

Dann aber kam ihm etwas dazwischen. Es war eine Frau und van Dijk, der Frauen nie länger als eine Nacht ertragen hatte, hatte plötzlich eine Geliebte. Eine aus besseren Kreisen. Eine, die Schulen besucht und studiert hatte, eine, die über seltsame Dinge redete und genau das mochte, was er nicht war und nie sein würde. Sollte einer die Frauen verstehen.

Zu Anfang hatte van Dijk gedacht, er könne das kontrollieren und sich die Liebe (schon wie er das Wort aussprach, klang seine ganze Verachtung für diesen Zustand mit) vom Halse halten. Aber schon nach kurzer Zeit spürte er, dass von dieser Frau eine Faszination ausging, die er nie gekannt hatte. Sie tat Dinge mit ihm, die er nicht für möglich gehalten hatte. Nichts davon war spektakulär, manchmal war es nicht mehr als ein Blick, doch van Dijk, dieser harte Hund, schmolz.

Sie nahm in mit ins Theater. Sie ging mit ihm ins Museum. Er hörte und sah Dinge, die ihm lächerlich und überflüssig erschienen, während sie das genaue Gegenteil behauptete. Abends schwor er sich, keinen Tag länger mit dieser Frau zu verbringen, aber dann kam der nächste Tag und wieder einer und van Dijk spürte, dass sein bisheriges Leben an Bedeutung verlor.

Eines Tages sagte die Frau, komm, wir fahren ans Meer, ich muss dir was zeigen. Van Dijk nickte. Sie fuhren in einen Badeort. Dort war großes Haus voller Asylanten. Die Frau sagte, das Haus werde demnächst geräumt und sie wolle es kaufen. Kaufen? fragte van Dijk, der sich nicht vorstellen konnte, was man mit so einem Haus anfangen sollte. Ja, sagte sie. Kaufen und in ein Hotel verwandeln.

Und genau das hatte die Frau getan. Van Dijk hatte nie gefragt, woher all das Geld käme, van Dijk hatte sich still gefügt, weil er sich wohl fühlte in ihrer Nähe und weil es ihr nichts auszumachen schien, dass er nach wie vor auf alle gefährlich wirkte, wenn auch nicht mehr so gefährlich, wie in seinen besten Tagen in Amsterdam.

9:34

Ein Grund mehr, hierher zu klicken...

10:58

Romananfang 4

Der Himmel hing tief. Seine Laune war trotzdem bestens. Sein Auto lag ruhig auf der Straße. Die Straße war belebt, aber nicht hektisch. Eine Stunde, prognostizierte das Navigationssystem. Er hatte seine Mutter lange nicht mehr besucht. Er freute sich auf sie. Seit sie verhaftet und verurteilt war, hatte er sie nicht mehr gesehen, höchstens in den Medien, die ihren Fall lang und breit verhandelt hatten.

Ein Fall, den man einer Mutter kaum zutrauen würde, der eigenen nie.

Als er ihr eineinhalb Stunden später im Besucherraum gegenübersaß, er fühlte sich unwohl in dieser Umgebung, beugte sie sich plötzlich vor und flüsterte ein Wort, das er noch nie gehört hatte. Wie bitte? Sie wiederholte das Wort und nannte ihm Ort, Datum und Uhrzeit.

Verstehe ich das richtig? fragte er. Ein Aufseher kam. Seine Mutter schaltete auf liebende alte Dame, unschuldig, natürlich unschuldig. Als der Aufseher wieder gegangen war, wiederholte sie das Wort, den Ort, das Datum und die Uhrzeit. Mehr nicht. Mehr könne sie nicht sagen, sagte sie, und dann war die Besuchszeit vorüber.

Er verließ den Besucherraum. Er setzte sich in sein Auto, notierte das, was seine Mutter ihm gesagt hatte und fuhr zurück. Drei Wochen darauf fuhr er an den angegebenen Ort. Es war ein Brunnen in der Einkaufspassage einer Provinzstadt im westlichen Friesland. Als er dort stand und sich umschaute, kam ein Mann auf ihn zu. Er hatte diesen Mann noch nie vorher gesehen. Der Mann fragte nach dem Wort. Er nannte es. Darauf zog der Mann eine Pistole und erschoss ihn.

13:00

Romananfang 5

Er hatte den Mantelkragen hochgeschlagen und sich eine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Er trug nie Mützen. Er kam sich verkleidet vor, und tatsächlich war er es auch. Er hatte sich Mantel und Mütze nur gekauft, weil er glaubte, der Zugang zu dem Ort, zu dem er unterwegs war, könne durch so eine Verkleidung leichter werden. Dabei hatte er keine Ahnung, wie es an jenem Ort tatsächlich aussah. Alles, was er je über den Ort und die Menschen dort gehört hatte, wusste er nur vom Hörensagen. Wenn das mal gut geht, dachte er.

17:12

Romananfang 6

Ja, mein Lieber. Das hast du jetzt davon. Ich mache dich posthum zur Schnecke, blöde Sau. Du, den ich am meisten liebte, den ich am höchsten achtete, du hast mir das eingebrockt, aber jetzt wird zurückgekeult. Jetzt sage ich es. Jetzt tue ich nicht mehr so, als müsste ich Rücksichten nehmen.

Rücksichten nimmt man nur auf die Lebenden. Aber ihr seid ja tot. Und du hast sie umgebracht. Das heisst, du hättest sie umgebracht, wenn ich dir nicht zuvor gekommen wäre. Du könntest einwenden, dass ich mich mit diesen Aufzeichnungen hinter Schloss und Riegel schreibe, aber das ist mir egal.

Es wird Zeit, dass jemand die Wahrheit erfährt. Und wenn es nur diese Datei ist, die ich Mord und Totschlag nenne. Zu lang? Gut. Ich nenne sie Mord. Totschlag ist etwas anderes. Ich wollte nicht tot schlagen. Ich wollte morden. Ich wollte, dass es vorbei ist und schließlich war es dann auch vorbei. Dass damals niemand auf den Gedanken kam, ich könne der Täter gewesen sein, wundert mich heute noch.

Sie haben wohl gedacht, so ein milchgesichtiger, links gescheitelter, lieber netter Junge ist zu so etwas nicht fähig. Falsch. Ich musste mich auch erst daran gewöhnen. Ich hätte selbst nie gedacht, dass ich zu so etwas fähig wäre. Aber (wie deines und noch ein paar andere Gräber beweisen) ich war es.

 

Mi 12.03.08   11:45

Sie trug einen elfenbeinfarbenen, grob gestrickten Pullover mit weit fallendem Rollkragen, sie hatte blondes Haar mit einem britischen Rotstich, eher milchweiße Haut und grüne Augen, nehme ich an, wenngleich das aus der Entfernung nicht eindeutig festzustellen war, aber es würde gut zu ihr passen. Sie war noch keine zwanzig und zart.

Ihr gegenüber saß ein Pianist. Mir war nicht aufgefallen, ob der Pianist und das Mädchen gemeinsam den Club betreten und sich an diesen Tisch gesetzt hatten. Ich kenne den Pianisten nur flüchtig, das Mädchen hatte ich noch nie vorher gesehen.

Der Junge hörte der Musik zu. Das Mädchen nicht. Das Mädchen hatte den linken Unterarm auf den Tisch gelegt. Ihre Hand reichte fast bis zur gegenüberliegenden Seite, wo der Junge saß.

Der Junge tat lange so, als bemerke er die Hand nicht. Das Mädchen tat weiter nichts, um den Jungen auf sich aufmerksam zu machen. Sie saß nur die ganze Zeit und hoffte. Als der Junge schließlich ihre Hand nahm, nahm er sie, als sei das eine eher lästige Pflicht. Vielleicht war er sich auch nur nicht sicher, was seine Beziehung zu diesem Mädchen anging. Er tätschelte die Hand, wie man eine Hand tätschelt, um zu beruhigen, aber darum ging es dem Mädchen nicht. Sie wollte, dass er ihre Hand hielt, damit sie weniger einsam wäre, aber entweder hatte der Junge das nicht begriffen oder es war ihm unheimlich.

Ich glaube, dass es ihm unheimlich war. Diese Berührung, das ahnte er, bedeutete mehr, als er sich zu diesem Zeitpunkt eingestehen konnte. Sie hätte ihn Verantwortung gekostet, und ob er die wollte? Das Mädchen war nicht glücklich, weil sie das alles spürte. Das Mädchen wäre sofort bereit gewesen für diesen Jungen. Sie hatte den Arm lang genug in seine Richtung gestreckt, eh er schließlich darauf aufmerksam geworden war. Die Hände der beiden lagen für kurze Zeit übereinander, als hätte sie jemand dort abgelegt. Blicke trafen sich nicht und so, fand ich, war das Bemühen dieses Mädchens eher traurig, denn ich fand, sie hätte mehr verdient als das.

14:13

Ist das Humor? Oder noch ein Romananfang???

23:57

Letzte Meldung: habe jetzt auch virtuelles Kaminfeuer im Haus.
Knistert schön. Beruhigt. Macht kein' Dreck.
Gute Nacht für heute.

 

Do 13.03.08   8:54

 

Habe ich Sie neugierig gemacht. Dann klicken Sie hier, hier oder hier.

 

Fr 14.03.08   11:49

Der eine war der Bruder, dann waren da noch der eine Freund und der andere Freund, die Frau des Bruders und dessen Schwester. Derentwegen waren der Bruder, die Frau des Bruders, der eine und der andere Freund gekommen. Die Schwester hatte Geburtstag. Da, wo sich diese fünf Menschen trafen, gab es leichte Salate mit zartem Hühnerfleisch, Heilbutt, verschiedene Nudelgerichte, rote und weiße Weine.

Nun muss man aber wissen, dass der eine und der andere Freund der Schwester sich nicht sehr mögen. Das liegt daran, dass der eine vom anderen glaubt, er sei zynisch und arrogant, während der andere den einen für einen Kindskopf hält, der zu allem in Opposition steht, als hätte er die Pubertät nie überwunden.

Der Kindskopf ist quasi mittellos, hat alles vergeigt, was zu vergeigen ist, er ist hochintelligent, Vater eines Sohnes, hat aber nie mit der Mutter gelebt. Sein Kind hat er kennengelernt, als es fünfzehn Jahre alt war. Der andere ist Single. Das hat Gründe, die hier nicht verhandelt werden sollen. Aber soviel kann man sagen: er pflegt dieses Single Image. Er verfügt über ein sicheres Einkommen der gehobenen Mittelklasse und macht es sich schön damit.

Der Bruder der Schwester mag beide. Zwar hält auch er den einen für zynisch und arrogant und den anderen für einen Kindskopf, aber das schmälert seine Sympathie für die beiden nicht. Das ist schon komisch, aber der Bruder glaubt, dass es daran liegt, dass beide gute Freunde seiner Schwester sind und so irgendwie zur Familie gehören, wenngleich sie natürlich nicht Familie sind.

Das Treffen liegt wenig mehr als 12 Stunden zurück, aber der Bruder kann schon jetzt nicht mehr sagen, worüber eigentlich geredet wurde. Es wurde viel gelacht, ja, das stimmt schon, aber worüber? Über den einen und den anderen? Jeder über sich selbst? Alle über die ganz anderen?

Womöglich könnten die, die einen Tisch hinter ihnen saßen, genauere Auskunft geben, denn es ist so gut wie sicher, dass höchst Kontroverses gesagt wurde. Der zynisch arrogante Freund und der Kindskopf, der Bruder, die Schwester und die Frau des Bruders sind allesamt Menschen, die sich eigenes Denken nie versagt haben. Also muss man davon ausgehen, dass Dinge verlacht wurden, die man nur im engsten Kreise verlacht, weil die Öffentlichkeit solche Dinge scheut und tabuisiert.

Als Beispiel könnte man den Judenwitz nennen. Da zucken natürlich alle zusammen und schauen woanders hin, wenngleich sie selbst auch Witze über Menschen anderen Glaubens, anderer Herkunft etc. erzählen, allerdings nie in der Öffentlichkeit.

Es wäre also nicht uninteressant, die Menschen vom Nebentisch zu fragen, denn man weiß ja, dass Menschen von Nebentischen gern zuhören. Leider blieben aber die Menschen vom Nebentisch unerkannt und so scheidet diese Möglichkeit aus.

Den Bruder ärgert, dass er seine kleine fixe Kamera nicht mitgenommen hat, denn die erlaubt Tonaufzeichnung. Man stelle sich vor, er hätte ein wenig von dem, was gesprochen und verhandelt wurde, aufgenommen. Dann hätte er es heute oder an einem der nächsten Tage transkribieren können, und hätte, mit ein wenig Fantasie und Korrekturen hier und da, schon das Fundament für ein Hörspiel, ein Drama, eine Erzählung gehabt, aber leider leider hat er nur mitdiskutiert, mitgespottet, mitgelacht und darüber vergessen, dass die Aufgabe eines Schriftstellers ja eigentlich eine andere ist.

Herrgott nochmal, sagt er sich, beim nächsten Mal passt du aber gefälligst besser auf, aber natürlich weiß er schon jetzt, dass er nicht aufpassen wird, weil, würde er aufpassen, hätte er weniger Spaß und müsste sich womöglich das nächste Glas Wein versagen, und das will er nicht.

Das wäre ja auch langweilig. Kackenlangweilig wäre das, und so kommt er nach reiflicher Überlegung zum dem Schluss, dass Bier Bier ist und Schnaps Schnaps, dass er das eine nicht mit dem anderen verwechseln darf, und es wohl so sein wird, dass das, was den Tag überdauern will, sich schon irgendwo in den Tiefen seines Speichers niedergelassen hat, um zur rechten Zeit wieder aufzutauchen. Ja, so wird es sein, denkt der Bruder der Schwester, so ist es schließlich immer gewesen und so ist es auch gut.

Und dann fällt ihm plötzlich noch ein, dass die Schwester erzählte, eine Kollege habe die Mutter eines Romajungen in die Schule bestellt, weil dieser einen Klassekameraden zusammengeschlagen hatte. Der Kollege wollte das mit der Mutter besprechen, aber die Mutter gefiel sich darin, ihm, dem Lehrer ihres Sohnes, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen, ihm, der alles andere sei, nur nicht das.

Darauf sagte der Zyniker, der Kollege hätte sagen sollen, wissen Sie liebe Frau, bisher war ich nicht fremdenfeindlich, aber wenn ich sie jetzt so höre, könnte ich es werden. Worauf der Bruder der Schwester feststellte, der Kollege hätte auch sagen können: Verpiss dich doch du blöde Romaschlampe! Vielleicht wäre das der Ton gewesen, den sie am besten verstanden hätte.

Nach diesen verwirrenden Neuigkeiten füge noch ein Foto bei, das mir sehr gut gefällt.

14:26

Und noch eines, das eine Katastrophe ankündigt....

 

Sa 15.03.08   10:19

Es ist Samstag, das Wetter spielt Frühling, aber Sie wollen nicht raus, Sie wollen faul sein, Sie wollen nichts als ihre Ruhe und ein wenig Fernsehen? Bitte, das verstehen wir gut. Also klicken Sie hier, erleben Sie unzenziertes Privatfernsehen, direkt vom Hersteller. I love to entertain you.

PS. Ich allerdings gehe jetzt raus. Spazieren. Nach Münster. Jawohl.

 

So 16.03.08   17:03

Dies kam heute. Bin ganz verwirrt. Soll ich ja sagen?

Hallo mein deutscher Freund!

Verwundere sich uber meinen Brief bitte nicht. Ich sah dich auf
der deutschen Web-Seite der Singles. XXXXXX oder YYYYY. Ich denke dass
es du warst. Ich denke dass du und ich konnen wir versuchen, die
grosse Liebe zu schaffen.

Moglich irrte ich mich auch diesen e-mail anderen den Mann. Wenn ich
mich jenes irrte bitte ich, mich zu verstehen. Aber ich werde mich
uber deine Antwort freuen. Moglich bist du ein guter Mann. Und wir
konnen die guten Beziehungen wie der Mann und die Frau schaffen. Ich
werde glucklich sein, von dir den Brief zu bekommen. Und wir konnen
naher kennenlernen. Moglich ist es Schicksal was ich dir geschrieben
habe? Wir konnen es sehen. Ich schicke seines Foto jetzt nicht. Aber
ich muss dir seines Foto im nachsten Brief schicken.

Ich werde ein bisschen uber mich erzahlen. Ich die russische
gewohnliche Frau. In diesen Moment lebe ich in Kanada. Meine Eltern
sind abgereist, in Kanada das Jahr ruckwarts zu arbeiten. Fur die gute
Arbeit und des Einkommens. In Russland das kleine Gehalt. Mein Vater
der Bauarbeiter. Meine Mutti arbeitet den Designer der naturlichen
Landschaften. Ich bin zu Portugal 4 Monate ruckwarts angekommen. Um
zusammen mit den Eltern zu arbeiten. Ich arbeite in diesen Moment
nicht. Nur helfe ich der Mutti. Fruher lebte ich in Russland. Gebiet
Moskau. Die Stadt Himki. Aber ich und meine Eltern, abzureisen, in
Kanada zu arbeiten. Ich habe wenig uber mich geschrieben. Ich rege auf
mich dass mein Brief auf andere elektronische Adresse geraten kann.
Ich werde bis ins Einzelne uber mich im nachsten Brief schreiben. Wenn
du mir antworten wirst. Und wenn du wollen wirst, uber mich mehr zu
erfahren.

Warum die deutschen Manner? Meine beste Freundin hat den deutschen
Mann verheiratet. Sie leben zusammen etwas Jahre. Meine Freundin
beratete, nach dem Mann in Deutschland zu suchen. Moglich meine
befinden sich die Liebe und das Gluck in deinem Land. Und moglich kann
in Deutschland ich den geliebten Mann finden. Gut dass das Internet in
dieser Welt existiert.

Jetzt kann ich in Deutschland ankommen. Ich kann es jederzeit machen.
Ich habe das Visum fur ganzes Europa. Meine deutsche Freundin und ihr
Mann reisen in die Arbeitsdienstreise kurz danach ab. Sie reisen ab,
die Wettererscheinungen in Antarktika zu studieren. Der Mann meiner
Freundin lernt sich mit dem Studium der Wettererscheinungen. Er reist
auf Antarktika fur das Studium des Wetters und der Natur oft. Diesmal
reist meine Freundin mit ihm ab. Sie wird in der Arbeit helfen. Sie
reisen von der grossen internationalen Gruppe ab. Sie werden nur das
Internet fur die Verbindung haben.

Meine Freundin bat mich, in Deutschland anzukommen. Und sie hat mir
erklart dass ich den guten Mann finden kann, um die Liebe und die
Beziehung zu bauen. Meine Freundin und ihr Mann haben mir daruber
gesagt dass ich in ihrem Haus leben kann wenn ich wollen werde. Oder
ich kann im Hotel leben. Es ist nur erforderlich, ihr Haus manchmal zu
prufen. Moglich kann ich bei seinem den Mann leben wenn ich ihn
liebgewinnen werde. Meine Freundin wird das Geld geben, damit ich in
Deutschland leben konnte. Es ist nur manchmal erforderlich, das Haus
meiner Freundin und ihres Mannes zu prufen. Sie wird meine Reise
bezahlen und das Geld fur das Leben in Deutschland zu geben. Meine
Freundin will damit neben mir der gute Mann war. In der Stromung drei
Monate. Du und ich konnen wir drei Monate haben, um zu versuchen, die
Liebe und das Gluck zu bauen. Wir konnen welche Beziehungen wir sehen
wir konnen bauen.

Du sollst dich nicht wegen des Geldes aufregen. Ich werde bei dir das
Geld nicht bitten. Ich bitte das Geld bei dem Mann nicht. Es ist nicht
richtig. Meine Freundin wird mir die ausreichende Summe des Geldes
geben. Sie wird in Deutschland in drei Monaten zuruckkehren. Ich kann
mit dir bleiben wenn du wollen wirst. Wir konnen welche Beziehungen
sehen werden bei uns zu erscheinen. Und wir konnen wie unsere
Beziehungen entscheiden werden sich in Zukunft entwickeln. Aber fur
den Anfang sollen wir mehr einander erfahren. Du wirst uber mich
erfahren. Ich werde uber dich erfahren.

Wir konnen mehr uber uns in jedem Brief erfahren. Ich kann in
Deutschland in der Woche ankommen. Ich will glauben dass kurz danach
ich neben dem guten Mann sein kann. Moglich bist du ein Mann meines
Traumes? Ich glaube dass in der Welt die vorliegende Liebe und das
Gluck existiert. Ich glaube dass ich seine Liebe kurz danach finden
kann.

Ich warte deinen Brief und die Antwort. Ich werde sehr sehr glucklich
deine des Briefes bekommen. Du darfst mich glucklich machen.

Ich habe moglich, das Internet in seinen Suchen auszunutzen. Ich
begann, den Computer ganz vor kurzem zu benutzen. Ich versuche gut
nur, den Computer zu benutzen. Ich verwende das Internet im grossen
Geschaft. Supermarket. Hier gibt es das Internet im Teecafe. Ich habe
den Brief von allgemein e-mail der geschrieben wird in jedem Computer
verwendet. Ich habe seinen personlich e-mail auf yahoo registriert.
Schreibe mir seine des Briefes auf meinen personlich e-mail. Da die
Adresse meinen personlich e-mail:

Deine Elena

 

Mo 17.03.08   16:16

Mein Plan für heute war, auf diese Mail zu reagieren.

Lieber Herr Mensing,

haben Sie vielen Dank für ihr Exposé (und die ersten Manuskriptseiten) von "Das erste Haus Links"
Es klingt durchaus lustig, spannend, schwungvoll was Sie da vorhaben oder inzwischen längst in die Tat umgesetzt haben.

Wir treffen hier im Haus aber grundsätzlich keine Produktionsentscheidungen anhand von Exposès oder Manuskript-Teilen. Der ...produziert nur ein bis zwei Kinderhörspiele im Jahr. Da ist unsere Auswahl natürlich sehr eng und alles wird eher viermal überdacht als einmal zu wenig.

Falls das Hörspiel "Das erste Haus links" inzwischen fertig ist und falls es nicht längst bei einer anderen Anstalt produziert wird, können Sie es uns gerne senden.
Wir lesen es dann sicher mit Interesse.

Mit freundlichen Grüßen!

Schlag 10 hatte Herr M. den Hörer am Ohr, rief in der Redaktion an, führte ein Gesprach auf Augenhöhe mit einer freundlichen Redakteurin, erfuhr, wie lang das Hörspiel maximal sein- bzw. welche Länge es nicht unterschreiten dürfe und bis wann es beim Sender eintreffen müsse, da die Redakteurin nur noch bis dann und dann dort arbeite.

Aha, dachte Herr M., lud die entsprechende Datei und drömmelt seitdem vorm Rechner herum, tut dies und das und hat bis jetzt höchstens drei Sätze geschrieben. Aber immerhin, so fängt es meist an, und wenn Herr M. sich zusammenreißt, hat er das Hörspiel vielleicht bis Ende des Monats im Sack. Wenn sich dann auch noch Himmel und Hölle vereinten, wäre es ja durchaus möglich, dass es eines der beiden Hörspiele wird, die der betreffende Sender, der übrigens im Gebiet der sogenannten ehemaligen DDR liegt, pro Jahr produziert.

Hoffen Sie also mit mir, bis es wieder heißt: Tut uns Leid, Herr M., ....

 

Di 18.03.08   18:59

Während die Börse krist, das Kosovo schwankt, Tibet niedergeschlagen wird und die Nacht blau übers Dach stürzt, rüste ich auf: alle Romane sind jetzt in kurzen Lesesequenzen bei YouTube zu sehen.

 

Mi 19.03.08  11:22

Männer aus gutsituierten Einfamilienhäusern am Stadtrand haben gern Gärtner. Das dürfen Polen sein, Portugiesen oder auch deutsche Rentner, so genau kommt es nicht darauf an, Hauptsache, sie machen ihre Arbeit gut und billig.

Manchmal aber fühlen sie sich herausgefordert, selbst zum Spaten zu greifen.

Vielleicht, weil der Pole gerade nicht will, der Portugiese auf Heimaturlaub und der deutsche Rentner gestorben ist. So etwas sieht man ja nicht beim Vorbeigehen. Was man jedoch sieht, besser, was ich sehe, kann wie folgt beschrieben werden:

Der Mann hat noch nie einen Spaten in der Hand gehabt.

Mir selbst ist der Spaten auch nicht der nächste Verwandte, ihm jedoch ist er fremder als ein Migrant aus Afrika. Und er macht einen fundamentalen Fehler. Der normale Rechtshänder ergreift den Griff des Spatens mit der rechten Hand. Die linke Hand führt den Spatenstiel. Der linke Fuß treibt das Blatt des Spatens ins Erdreich.

Wir haben also eine Diagonale von oben rechts nach unten links.

Unser Mann jedoch bleibt rechts. Rechte Hand am Griff, linke Hand am Stil, rechter Fuß auf dem Blatt. Können Sie sich ein Bild machen? Es sieht nicht nur grausig aus, es führt auch zu nichts, denn wer den Spaten so führt, steht nicht stabil und verbraucht mehr Energie als nötig.

Hat dieser gutsituierte Mann gedacht, er könne seiner Frau imponieren? Die nämlich steht hinter ihm und begutachtet seinen Versuch, einen Busch mit Stumpf und Stiel auszugraben.

Der Schweiß tropft, obwohl schon erster Graupel vom Himmel klickert, der Mann hampelt rum und wenn man ihn so sieht, möchte man ihm auf der Stelle die Arbeitserlaubnis entziehen und ihn verpflichten, einen deutschen Arbeitnehmer zu Mindestlohn einzustellen.

Aber natürlich wäre das eine Bevormundung und das soll ja nicht sein.
Die globalen Märkte regulieren sich ja auf wundersame Weise so lange selbst, bis Verluste ins Haus stehen, dann ruft man (die Banker) gern nach der regulierenden Hand des Staates und verweist auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit.

Man ist eben gern auf seinen Vorteil bedacht, und das ist gut so, denn wer darauf bedacht ist, wer den Shareholder liebt, der sieht zu, dass er die Schäfchen treibt und schert, so lange es geht. Wenn es schwierig wird, kann man vielleicht noch auf die Schnelle Subventionen des Staates abschöpfen, wenn das nicht mehr geht, verbimmelt man den Salat an einen Konzern, der alles in mikrokopisch kleine Teile zerhackt, weiter verbimmelt und dann zusieht, dass er Land gewinnt.

Ein wenig Populärkapitalismus, ich weiß, aber so ähnlich machen sie's und so würde ich's auch machen, wenn ich es machen würde. Zum Glück aber mache ich es nicht. Ich sitze nur rum und schaue zu, ich ärgere mich über Lärm und Idioten, ich schreibe seitenlang in die Leere des Alls, ich schreibe seit dreißíg Jahren gegen die Wand und schreibe immer noch. Wenn das nicht mutig ist, weiß ich es auch nicht.

 

Do 20.03.08   12:11

Alle zehn Finger liegen auf der Tastatur, aber keiner weiß was.

 

Fr 21.03.08   11:34

Noch einmal zum Mitschreiben, weil viele, die gern glauben würden, ja nicht wissen oder längst vergessen haben, wie die ganze Geschichte denn eigentlich zusammenhängt. Also: Jesus ist der Sohn Gottes. Seine Mutter war Jungfrau. Sein Vater Josef, Palästinenser und daher wahrscheinlich heißblütig (jedenfalls heißblütiger als wir Westfalen), fand nichts dabei, als man ihm erklärte, seine Frau habe mit niemandem geschlafen, sei aber trotzdem schwanger.

Jojo, sagte er. Dassa schön.

Danach erfährt man eine Weile nichts mehr, frühe Kindheit, Pubertät (hat er oder hat er nicht), erste Liebe, das alles fällt irgendwie untern Tisch, bis der Sohn Gottes plötzlich langhaarig und ständig mit ausgebreiteten Armen palavernd im Einflussbereichs Roms (Jerusalem) auftaucht und für soviel Aufsehen sorgt, dass man sich keinen anderen Rat mehr weiß, als ihn ans Kreuz zu zimmern.

Da bleibt er aber nicht lang, sondern verschwindet irgendwie himmelwärts.

Seitdem hängen Sie uns mit dieser Geschichte in den Ohren.

Verfolgen uns und andere, sind immer noch eine der Großmächte dieses Planeten (und werden es wohl auch bleiben): irdische Vertreter des wahren Glaubens, gefährlich, skrupellos und fundamental wie die Vertreter des anderen wahren Glaubens und des dritten.

Alle sind auf dem Mist der gleichen Region gewachsen und beäugen sich eifersüchtig, denn jeder möchte der ERSTE sein.

Also, wählen Sie.
Wer wird gewinnen: Der Jude. Der Christ. Der Muslim?

Wir wünschen gute Besserung....

17:08

Er redet so laut, als müsse er sich vergewissern, dass er auf der Welt ist. Wann immer ich diesen kräftigen Mann sehe, der zehn, fünfzehn Jahre jünger ist als ich, denke ich: Dachschaden. Er hat wechselnd gefärbtes Haar (gern strohblond), im Sommer trägt er meist umgenähte kurze Jeans, Adiletten und weißen Frotteesocken. Vor dem Haus, in dem er wohnt, stakt er oft herum wie ein Storch und bückt sich nach jeder Zigarettenkippe, um sie zu entsorgen. Dabei spricht er gern Kommentare ins Leere.

Vorgestern sah ich ihn beim Bäcker, morgens beim Brötchenholen. Er wollte frühstücken und verhandelte über die Brötchen. Der Bäcker suchte welche aus und machte sich daran, sie zu schneiden, mit Butter zu bestreichen und Aufschnitt zu belegen.

Der Mann ging zu seinem Tisch und sagte: Da hast du mir aber die kleinsten ausgesucht. Das hab ich doch gesehen. Der Bäcker entgegnete, er habe die größten und schönsten genommen, aber der Mann war sich seiner Sache sicher.

Höhööööö. Glaubst du, dass ich so dumm bin? rief er.
Ja, brummte ich und fast synchron brummte das eine Frau, die links neben mir vor der Brottheke stand.

 

Sa 22.03.08   11:13

Ich saß in der Jugendherberge und zählte die Stunden herunter. Ich musste noch eine Nacht schlafen, war aber sicher, dass ich kein Auge zumachen würde. Ich machte kein Auge zu. Oder vielleicht machte ich doch eines zu, aber am Morgen fühlte es sich nicht so an.

Ich frühstückte und fuhr zum Flughafen.
Ich wusste nicht viel, nur, dass es kein Zurück mehr gäbe und ich acht Stunden später in New York wäre. Man hatte mir zugesichert, dass man mich vom Flughafen abholt.

Und dann?
Läge dieses riesige Land mir zu Füßen.
Ich würde es durchqueren.
Mein Plan hieß: hit the road, Hermann.

Ich war 23, und heute scheint es mir, als müsse ich mutig gewesen sein.
Vielleicht war das der Mut der Verzweiflung, aber New York war ja so gut wie sicher, alles danach jedoch stand in den Sternen.

Wo würde ich schlafen? Wie mich ernähren? Wie sollte das alles vor sich gehen?

Ja. Ich muss mutig gewesen sein. Mutig vor Angst.

Zehn Tage später war ich schon in diesem Land unterwegs.
Mit einem Ziel zwar, ja, ich saß in einem VW Bulli, der Fahrer und ich verstanden uns gut, unser Ziel war San Diego. Und dann? Mal sehn.

Meine Vorstellung von den weiteren Zielen änderten sich mit jedem Tag.
In San Franzisco glaubte ich kurze Zeit, ich könne auf einem Schiff anheuern und nach Australien fahren. Dann zog ich in Betracht, nach Wladiwostok zu reisen, um von dort mit der Transibirischen Eisenbahn langsam gen Westen zu fahren. Wieder etwas später hatte ich ein Flugticket nach Japan in der Tasche und flog tatsächlich los.

Ich hatte keine Ahnung, was mich in Japan erwartet. Es war einfach nur so, dass Japan erschwinglich war, also flog ich hin. Im Flugzeug lernte ich jemanden kennen, der einen Bruder in Tokio hatte. Also war das Problem der Ankunft erledigt.

Ich trampte kreuz und quer durch das Land. Da ich kein Japanisch konnte, ließ ich mir abends in den Jugendherbergen Schilder malen, die mein nächstes Tagesziel anzeigten.
Damit ich die Schilder nicht verkehrt herum hielt, markierte ich sie mit entsprechenden Pfeilen.

Vier Wochen später stellte sich heraus, dass mein Rückflug nach Los Angeles überbucht war.
Für etwa eine dreiviertel Stunde war ich sicher, mit meinem Ticket statt nach Los Angeles auch nach Indien fliegen zu können. Erst im letzten Augenblick stellte sich heraus, dass das doch nicht ging.

Man bot mir einen Platz auf einem Japan Airlines Flug nach San Franzisco an.
Acht oder zehn Stunden darauf landete dieser Jumbo auf Hawai und ich stieg aus.
Auf Hawai lernte ich Bruno kennen, der mit ähnlich hochfliegenden Plänen unterwegs war, und genauso wenig wusste, wo es ihn als nächstes hintreiben würde.

Wir beschlossen, gemeinsam nach Südamerika zu reisen.

Da war sie wieder, meine ursprünglich Idee, die mich von zuhause fortgetrieben hatte.
Drei Wochen später standen wir in San Franzisco an einer Autobahnauffahrt und die Reise begann.

Heute brachte ich M. nach Düsseldorf.
Er fliegt für eine Woche nach Malta. Wir fuhren schweigend.
Was soll ein Vater schon sagen, wenn sein Sohn sich auf den Weg macht.
Ihm Mut zusprechen? Nein, das muss er ja alles allein machen.
Also hält ein Vater den Mund. Er umarmt den Sohn.
Er wirft noch einen letzten Blick, wie er im Terminal verschwindet. Er fährt heim.

Kaum zuhause, checkt er die Abfluglisten des Flughafens Düsseldorf. Er sieht, dass der Flug sich verspäten wird. Er kennt seinen Sohn. Er ist froh, jetzt nicht in der Nähe zu sein. Dem Sohn geht der Arsch mit Grundeis. Dem Vater auch.

Wie vorletztes Jahr, als sein anderer Sohn sich auf den Weg nach Kambodschia machte und der Vater eine Webseite ausgoogelte, die die abgeflogenen Jets auf ihrem Weg zu fernen Zielen ortete und jeweils Standorte ausgab.

Auch damals: Arsch mit Grundeis.

Vätern und Müttern geht der Arsch immer mit Grundeis, egal, wie alt ihre Kinder sind.
Sie können das nur mühsam unterdrücken.

Wie das meinen Eltern bloß ging, damals, als die Telekommunikation im Vergleich zu heute, wo es in fast jedem Dorf ein Internet Café gibt, von dem man sich in real time mit jedem Ort der Welt verbinden kann, noch im tiefen Mittelalter steckte. Ozeanische Telefonleitungen, die krachten und Echos warfen, Kosten, die das schmale Budget, mit dem ich unterwegs war, in Nullkommanichts beachtlich geschmälert hätten.

In den USA war ich nach kurzer Zeit im Besitz einer, heute würde man sagen "gecrackten", Kreditkartennummer, die es mir erlaubte, kostenlos von jeder Telefonzelle nach Deutschland zu telefonieren. Die Kosten summierten sich auf einem Konto, dass nur virtuell existierte, aber das wusste der Operator, der mich verband, nicht. Ihm genügte, dass die Kreditkartennummer nach richtigem Code funktionierte.

Alle drei, vier Wochen ein Anruf.
Einer sogar von einer offenen Telefonzelle am Waikiki Beach.
Aus Südamerika nur noch Briefe.
Kein Wort über meine haarsträubende Verhaftung im Zug gleich am ersten Tag in Mexico.
Nichts über die Beschwernisse. Den Dünnschiss. Die Angst.
Nur gute Nachrichten wurden kommuniziert.

Ja. So war das.
Und nun eine gute Reise, meine Söhne.
Vater- und Mutterherzen machen was mit, das versichere ich euch.

20:33

Zur Nacht etwas zur Namensnennung von U-Booten.

Möglich, dass es Sie nicht interessiert, aber warten Sie, es geht auch um den Testosteron-Präsidenten Sarkozy, dem es letztlich gelang, seinen nichtsnutzigen, langhaarigen Sohn in der Pariser Vorstadtpolitik zu etablieren. Wenig später eilte er dann ans Meer, um Le Terrible zu taufen. Die Eile war nötig, denn er wollte an Bord, um Carla zu bürsten. Unter Wasser, versteht sich, denn der Franzose hat Stil.




Wie anders ist da doch der Deutsche.




Er nennt seine U-Boote zB. U-32 - S 182.
Beachten Sie bitte auch die Satellitenschüssel, die sicherstellt, dass der deutsche Soldat auch im Einsatz die Bundesliga verfolgen kann. Und die ärmliche, am Rand ausgefranste Flagge.


Der Franzose hingegen protzt mit Trikoloren, die er nicht einmal mit an Bord nimmt, weil sonst die Ehre feucht würde, und das soll sie nicht. Dann doch lieber Frau Bruni, falls ihr überhaupt Zeit dazu bleibt, denn die Ex des Präsidenten sagt ja, dass er ein Rammler sei. .

Wie man so etwas über den Präsidenten einer stolzen Nation sagen kann, verstehe, wer will.

Den Deutschen kommt keine Carla an Bord. Höchstens eine Angela, aber nur offiziell.
Das Intime, das Andere, das leichte Leben, das kann eben nur der Franzose.
Der Franzose ist terrible, triomphant, vigilant, wie die Namen seiner U-Boote.

 

So 23.03.08 9:41

 

Mo 24.03.08   15:05

Nach einem entspannten Tag mit Ostergästen hatte ich noch eine schöne späte Stunde allein in der Sofaecke, die ich mit der Navigation durch die Ordner eines I-Pod verbrachte. Nettes kleines Spielzeug, kinderleicht (seniorenleicht) zu bedienen, sehr amerikanisch, alles mit Bildern. Stellte mir eine Liste zu kopierender Musiken zusammen, allesamt deutsche Bands: Kante. Olli Schulz und der Hund Marie. Die Sterne. Stoppok. Tele. Dziuk. Bosse. Fanta 4.

17:18

Zwischendurch immer mal wieder Blicke auf Malta Webcams. Ansonsten lese ich seit Tagen Sirius, eine Art Tagebuch von Kempowski. Wer hätte gedacht, dass ich noch mal auf den abfahren würde.

 

Di 25.03.08   11:59

Neil Aspinal ist mir als Roadmanager der Beatles eigentlich erst ins Bewußtsein gekommen, als ich mir die Beatles Anthology zulegte. Ich fand ihn ein bisschen arrogant und dachte, was erzählt er eigentlich, ich kenne ihn doch gar nicht, er ist keiner von meinen Beatles.

Als ich heute morgen las, dass er gestorben ist, spürte ich einen Stich irgendwo.
Nicht, weil ich Mitleid hatte, sondern weil ich an meinen eigenen Tod denken musste.
Apsinal war 66. Ich bin 59.

Wahrscheinlich Selbstmitleid, ja, aber kann ich 's ändern. Dabei habe ich den Tod als unausweichlich und ständigen Begleiter meines Lebens nie verleugnet, ich denke oft daran, manchmal kokettiere ich sogar mit ihm, sage, gut, Tod, okay, jetzt, hol mich, ich bin bereit, ich habe keine Angst, aber heute früh saß er direkt neben mir und da hatte ich Angst. Da wünschte ich mir, dass ich ihm gefasst ins Auge sehen könnte. Da wünschte ich mir, dass es nicht irgendein Krebs wäre, der mich fällt, sondern nur das Alter.

Das wünschte ich mir, als ich las, Paul McCartney wäre nach New York geflogen, um seinem Freund Neil beizustehen.

Wer steht mir bei? Meine Söhne. Meine Frau. Hoffentlich reden sie keinen Mist. Hoffentlich streichen sie mir übers Haar. Hoffentlich halten sie mich fest. Alles, alles, bloß keine Scheiße reden. So wie meine Schwester plötzlich damit rumkam, meiner Mutter auf dem Totenbett zu sagen, sie solle doch einfach loslassen. Sowas auf keinen Fall. Ich blitzte meine Schwester an, sie solle den Mund halten, und das tat sie dann auch. Sie hatte es gut gemeint, ich weiß, aber so einen Schmonzes braucht man nicht, wenn man das Leben verlassen will.

Okay. Soviel dazu.
Ich habe gebügelt, ich habe geschissen, ich habe schon wieder eine Zigarette geraucht, das Leben ist um mich, ich bin mittendrin.

Gestern abend war ich Kino und sah Juno. Sehr empfehlenswert. Das Publikum war durchweg 100 Jahre jünger als wir, hatte eimerweise Popcorn vor sich und verstand, glaube ich, nur die Hälfte, denn der Film ist leicht und schwer zugleich, seine Dialoge sind Alltag und intelligent, was nur selten der Fall ist, und vor allem war es mal wieder ein Film, der im wirklichen Amerika spielt, nicht in diesem hochglanzgebügeltem Propagandaland, das einem vorspiegelt, es sei das Beste der Welt.

Die politischen Kapriolen des Alltags registriere ich aufmerksam. Dass es in Tibet kracht, bedeutet nur den Anfang vom Ende eines Riesenreiches, das 56 Ethnien umfasst und in sein System presst. Aber die chinesischen Intellektuellen melden sich schon. Es gibt das Internet und somit gibt es tausendundein Schlupfloch, die Meinung nach außen zu tragen, und wenn sie erst einmal da ist, die andere Meinung, dann pflanzt sie sich fort. Dann ist sie nicht aufzuhalten, da können die Machthaber tun, was sie wollen. Irgendwann werden sie sich bewegen müssen.

Ob ein Boykott gut ist oder nicht? Ich weiß nicht. Ich erinnere mich an die Black Panther, die bei irgendeiner Olympiade (Mexiko, glaube ich) bei einer Siegerehrung die schwarzen Fäuste in die Luft reckten. Vielleicht recken ja diesmal andere ihre Fäuste in die Luft und alle Welt sieht es.

Also eher kein Boykott? Handelsboykott?
Ich weiß nicht. Die politische Welt ist so komplex und kompliziert, dass ich sie nicht begreife. Das, was mir logisch erscheint, führte wahrscheinlich zum augenblicklichen Kollaps und was dann los wäre, wage ich mir nicht auszumalen.

Also: hier ist das Leben und ich lebe es. Mein Ostern war wunderschön. Wie wir zusammen saßen, zusammen frühstückten, über nichts und alles redeten, Sekt tranken, Kaffee und Tee tranken, spazieren gingen, zusammen saßen, bis in den Abend hinein, mit denen, mit denen wir jedes Jahr Ostern zusammen sitzen, weil das für uns, die Generation, die jede Tradition abgeschafft hat, eine selbstgewählte, neue Tradition ist, eine, die nur uns gehört und mit der wir tun können, was uns gefällt. Keiner von uns ist Christ, trotzdem betreffen uns Fragen des Lebens und des Todes, keiner von uns kann mit den Antworten des Christentums etwas anfangen, weil wir nicht glauben, trotzdem bin ich gläubig, tief gläubig, ich glaube an das Leben und an die Regeln, die uns Menschen verbinden, ich glaube daran, dass wir gut und böse sind, ich glaube daran, dass wir kämpfen müssen, ich glaube an die Einsamkeit jedes Einzelnen und an die vage Chance, ihren Schrecken zu mildern, indem man sie mit Menschen teilt.

Ja. Das glaube ich. Wissen tu ich nix. Ich bin dumm. Und gebildet bin ich schon gar nicht.

19:15


Musik: Jan Mensing.
Steel Guitar: Volker Felgenhauer

Text und Gesang: Hermann Mensing

 

Mi 26.03.08   11:35

Die mir gestern spät übermittelte Nachricht lautete: es stürmt und die Russen sind gekommen. Nun ist es an Ihnen, herauszufinden, was es mit dieser Nachricht auf sich hat? Haben sich die politischen Verhältnisse über Nacht umgekehrt. Wird vom Sturm des Lebens gesprochen oder vom Sturm der Liebe, vom Sturm als meteorologischem Phänomen oder ist der Sturm eine Metapher für etwas, das wir nicht kennen?

15:56

Heute erfuhr ich, dass der Sturm Teile des Sandstrandes weggespült hat. Und dass die Russen in Bussen kamen. Der Barkeeper hat gesagt, dass niemand sie mag.

 

Do 27.03.08   10:12

Die Sonne scheint, Meisen rufen Pitüüt Pitüüüt, Bagger brummen vorm Haus und ich bin weg.
Stehe an der Theke, bestelle ein Glas spanischen Rotwein, zahle, unterhalte mich mit dem Pianisten und gehe dann zu dem Tisch, an dem ich meist sitze, wenn ich hier bin, gleich neben der Bühne, mit dem Rücken zur Wand, so bin ich nach hinten gedeckt und habe nach vorn gute Aussicht.

Die Band beginnt zu spielen, wir sprechen über den Schlagzeugriesen, der phasenweise sehr einfühlsam spielt, dann wieder wie jemand, der jeden Takt mühsam auszählen muss und die Schläge dazu. Während die Band spielt, schaue ich mich hin und wieder im Club um. Es scheint, dass ich einzige anwesende Trommler bin. Wenn sich das nicht noch ändert, werde ich endlich einmal mehr als drei Stücke spielen können, eh mich ein Wartender ablöst.

Als ich das Schlagzeug umbaue, ist noch immer kein Konkurrent in Sicht.
Niemand scharrt mit den Hufen, als wir zu spielen beginnen. Nach drei Stücken nicht und auch nicht nach fünfen. Ich bin endlich mal wieder im 7. Sessionhimmel.

Man kommt dort nur selten hin, zum einen, weil grauenhaft trötende Saxophonisten, piepsende Sängerinnen, die ihren Hosenbund knapp überm Venushügel tragen oder schleppende Bassisten einen daran hindern, die Erde zu verlassen, zum andern aus dem zuerst geschilderten Grund.

Heute abend aber ist alles richtig.
Genügend Freiraum für Improvisationen, ein solider Bassist, Hermann am Schlagzeug, der vor Freude fast hintenüber fällt und dieser Pianist: Burghard J., großartig.

Als ich später zahle, vergesse ich, dass ich den Rotwein schon an der Theke bezahlt hatte und zahle ihn noch einmal. Die junge Frau kassiert, dreht ab und schaut einen Moment auf ihren Kassenzettel. Während ich schon gehe, ruft sie mir hinterher und sagt: Hast du denn am Tisch noch einen Rotwein getrunken? Nein, sage ich. Siehste, sagt sie und gibt mir das zuviel gezahlte zurück. Über ehrliche Menschen freu ich mich tot.

So. Ich glaube, das reicht zum Warmschreiben. Vielleicht später mehr.

11:29

Motto des Tages: ich will nicht ich kann nicht ich habe keine Lust....

11:45

Zur Präzisierung: es war Mexiko 1968.

18:25

Nehmen Sie doch mal ein bisschen Zeit. Es lohnt sich. Klick.

18:36

Seit dem Pitüüt heute morgen habe ich mir den Tag mit Übersprungshandlungen um die Ohren gehauen. Erst, als ich mich heute mittag für ein halbes Stündchen aufs Ohr legte (was nicht einfach ist, denn Hinlegen heißt für mich Faulsein und faul sein darf ich nicht, I must deliver), erst, als ich mollig warm so auf der Seite lag, fiel mir ein, wie ich die nächste Szene für das Hörspiel, an dem arbeite, aufbauen könnte. Dann hat es noch einmal eine Stunde gebraucht, dann habe ich die Szene in weniger als einer dreiviertel Stunde geschrieben. So geht das oft.

 

Fr 28.03.08   10:33

Eigentlich habe ich mir geschworen, den letzten indipendent Buchhändler, der eine Buchhändlerin ist, zu unterstützen. Der Rosta, der links/linke Ursprünge hat (ich erinnere mich noch gut an die teils selbst zusammengetackerten, marxistisch-leninistischen, maoistischen, feministischen (etc. pp.) Pamphlete, die man dort kaufen konnte) ist heute ein kleiner, feiner, gut geführter Buchladen in der Stadt.

Ihn zu Fuß zu erreichen, dauert eineinhalb Stunden, mit dem Rad etwa eine halbe Stunde, mit dem Bus 20 Minuten, mit dem Auto etwa 15, und dann müsste ich auch noch zurück. Je nach Reiseart ginge dabei maximal ein halber Tag drauf.

Bisschen viel für ein Buch, dessen Titel mir morgens plötzlich einfällt.
Da ich gerade ein anderes Buch des gleichen Autors gelesen habe und scharf darauf bin, möglichst schnell mehr von ihm unter die Finger zu bekommen, logge ich mich bei Amazon ein.

So gegen zehn, gestern.
Bestelle, erhalte gleich darauf per E-Mail die Bestätigung.
Gegen 14 Uhr kommt die Nachricht, das Buch sei unterwegs.

Ich bewundere die Logistik dieses Unternehmens. Ich würde gern mal durch die riesigen Lager wandern und mir anschauen, welchen Weg so ein Auftrag vom Mail-Eingang bis zum Versand drei Stunden später geht. Noch erstaunlicher ist, dass es nichts kostet. Nicht, weil der Warenwert über 20 Euro läge, dann kostet es nie etwas, nein, dieses Buch ist versandkostenfrei.
Weiß ich wieso? Nein. Ich bin ja nur Kunde und freue mich drüber.
Dass es da für einen Buchhändler schwer wird, ist verständlich.

Wahrscheinlich würden Sie jetzt noch gern wissen, um welchen Autor es sich handelt, richtig?

Es geht um Walter Kempowski.

Ich habe ihn einmal getroffen. Ich saß mit Peter Rühmkorf am Rowohlt Stand auf der Buchmesse und sprach mit ihm über eines seiner Gedichte. Ich fand, dass es rhythmisch nicht aufging. Hmmm, sagte Rühmkorf, wenn das jetzt im status nascendi (???) wäre, dann könnte man noch was machen, aber so isses ja fertig. Dann drehte er sich zu Kempowski und sagte, das hier ist ein junger Kollege, der sich mit Rhythmen auskennt.
Tach. Tach.

All die Jahre habe ich Kempowski für einen liberalen Bürgerlichen gehalten, der meines Interesses an seiner Arbeit nicht würdig wäre. Was für eine Irrtum! Was für ein hinrissiger Irrtum. Ich habe bisher nur Sirius gelesen, sein Tagebuch von 1983. Und das ist so voll von trockener Komik, von scharfen Alltagsbeobachtungen, so voll von Wirklichkeit, dass es eine Freude ist. Jetzt warte ich auf die Hundstage, ein Roman.

So. Warmgeschrieben. Ran ans Hörspiel.

PS. Ein Text wie dieser wird in der Regel über den Tag mehrfach redigiert.
Die Aufmerksamen unter ihnen mögen das bemerken. Wahrscheinlich aber ist niemand aufmerksam.

16:44

Wir haben nette Nachbarn aus dem Kosovo, wir mögen uns, wir würden gern mit ihnen zusammen sitzen und Tee trinken, Kuchen essen und reden, aber sie können kaum Deutsch. So bleibt es beim Grüßen und rudimentären Sätzen. Alles gut? Alles gut.

Ich habe nichts hingekriegt heute. Nur gesessen und die Reise dieses 26 jährigen Deutschen verfolgt, der im November letzten Jahres zu Fuß in Peking aufbrach, um zurück nach Deutschland zu laufen. Falls Blogs (dies ist kein Blog, dies ist ein literarisches Tagebuch, Sie Armleuchter) überhaupt irgendeine Berechtigung haben, dann dieser (oder dieses).

Egal. Lesebefehl. Thelongestway.com

 

Sa 29.03.08   10:37

Gegen 16:30 stand der Paketbote vor der Tür. Normalerweise wäre er gegen zehn gekommen, sagte er, aber da unsere Straße im Augenblick Großbaustelle und Einbahnstraße sei, habe er seine Tour anders organisiert. Hundstage also. Bis Mitternacht darin gelesen. Gelacht. Mich gefreut, dass der Autor sich nicht schont, sich ironisch ins Licht stellt mit all seinen Eitelkeiten, seinen Heimlichkeiten, seinen Macken. So etwas findet man bei den Helden der deutschen Literatur selten. Die ersten 150 Seiten liegen hinter mir. Amazon hat gehalten, was es versprach. Es ist Samstag. Morgen kommt M. aus Malta zurück. Das Leben bleibt spannend.

PS.
Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Seit nun 48 Stunden ist mein E- Mail Konto Spam-Frei. So etwas hat es noch nie gegeben. Ich rufe mehrfach täglich Mails ab und immer sind zwei bis fünf Spams dabei, am Morgen oft bis zu 20, Viagra meist, aber seit vorgestern: Null.
Ob die alle verhaftet worden sind, die Spammer?
Bin ratlos und fühle mich umgangen.

14:33

Winterfrisur  Frühlingsfrisur

 

16:14

Der aufmerksame Leser unter Ihnen wird wissen, dass ich trotz dieser in vielen Belangen so Betrübnis erregenden Welt von ihren Wundern, die es gleichwohl an jeder Ecke gibt, fasziniert und begeistert bin. Zwei solcher Wunder durfte ich gerade erleben.

Eines ist ein Wunder der Propaganda, verharmlosend Werbung genannt.
Im nahe gelegenden Extra-Markt wurde ich Zeuge folgender Durchsage:

Sehr geehrte Kunden.
Heute im Angebot der Ferrari unter den Hackfleischsorten....

Natürlich habe ich mich sofort gefragt, was ich mir darunter vorstellen soll.
Ist das Hackfleisch etwa so rot wie ein Ferrari?
Beschleunigt es die Verdauung in einem Tempo, das sonst nur im Ferrari zu erreichen ist?
Oder sind dem Werbetexter die (Ferrari) Pferde durchgegangen?

Ich weiß es nicht. Vielleicht wissen Sie es.

Das zweite Wunder ist ein Wunder nonverbaler Kommunikation.
Während ich vorm Joghurt-Regal stehe und meinen Lieblingspudding suche (Roma: Sahne-Soft Pudding Schoko), kommt ein sehr kleiner, sehr kompakter Mann mit seiner Mutter heran. Wir schauen uns an.
Ich denke: Mann, ist der klein. So ein Furz. Und auch noch mit Mutti.
Er denkt: Verdammt, der denkt, ist der klein. So ein Furz. Und auch noch mit Mutti.

Wir denken also zeitgleich das Gleiche, verständigen uns aber nicht weiter darüber.
Dennoch ist eine gewisse Verärgerung in seinem Gesichtsausdruck nicht von der Hand zu weisen.

Dann muss er schon weiter, denn Mutti sagt was und er antwortet brav.

 

So 30.03.08   13:35

Man weiß nicht, wo er seine Garderobe kauft. Vielleicht im Theaterfundus. Oder in Paris? Eher nicht. Von seinen Schuhen ganz zu schweigen. Privatanfertigung möglicherweise. Hat auf jeden Falle große Füße. So rausgeputzt steht er dann da und vor ihm sitzt ein Liechtensteiner, der gewettet hat, er könne aus 25 Fußbällen fünf per Zunge identifizieren.

Der Kanditat hat eine grüne Schwimmbrille auf. Die Durchsicht ist ihm durch vorgearbeitete grasgrüne Fußballfelder verstellt, das muß so, damit er nicht mogelt. Zwei Bälle hat er schon identifiziert, hat dran rumgeleckt wie ... naja, sag ich jetzt nicht ... jedenfalls hat er immer nach einer Weile gesagt: Adidas Soundso. Jetzt ist er beim dritten und der scheint etwas schwieriger, Suspense Musik im Hintergrund, und da sagt der Moderator plötzlich: Wenn jetzt eine Brille kommt, ist es Uwe Seeler.

Für derart unverhofft abgeschossene Spontanimprovisationen liebe ich diesen Moderator.
Aber diesmal ist sein Witz so schnell und trocken, dass der Saal ihn kaum begreift, wir aber liegen und rollen vor Freude fast vom Sofa.

Ob uns Uwe wohl zugeschaut hat? Ob er sich ärgert? Fühlt er sich geschmeichelt?

Wir wissen das nicht. Der Kandidat aber ist schon weiter, hat den Ball nicht als UNSUWE, sondern als Fabrikat der Firma XY identifiziert, der Saal klatscht, der Höhepunkt der Sendung ist, was uns angeht, überschritten, mehr kann kaum noch kommen, und nur wir haben's gemerkt.

Später dann beim Boxen im Ersten dieser grandiose K.O. durch linken Uppercut.
Habe selten einen Boxer so jenseits von Gut und Böse mit außer Kontrolle geratenen Extremitäten flatternd zu Boden gehen gesehen.

M. ist aus Malta zurück und hat es genossen. Ab jetzt wieder Alltag.

14:58

Und kaum zu glauben: immer noch Spamfrei.

16:14

Hummel, Biene, Zitronenfalter.

 

Mo 31.03.08   9:16

Ich verabschiede mich von Ihnen und diesem März mit einem dreifach kräftigen: Hipp hipp hurraaa, oder ein wenig präziser: Wäsche waschen, Wäsche aufhängen, anfangen...

 

 

 

 

 

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