März 2009                                      www.hermann-mensing.de      

mensing literatur
 

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So 1.03.09 10:45

Angesäuselter Autor mit seinem gerade eingetroffenen Roman ...


Mo 2.03.09   10:13

Sportler und Hochleistungsartisten haben Mentaltrainer, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten. Schriftsteller haben, wenn sie Glück haben (und ich habe Glück) eine Frau, auf die sie sich verlassen können. Der tobende Ehrgeiz, der Sportler drei hundertstel Sekunden schneller laufen, springen, fahren oder sonst etwas lässt, tobt natürlich auch in Schriftstellern, nur - die sagen so etwas nicht, das wäre unfein.

Schriftsteller sind Lügner. Als Handlanger der Kultur kann man ihnen nicht trauen.
Kultur ist das Hehre, Heilige, am Besten mit griechisch mythischen Wurzeln, dann schwafelt's sich besser. Ich bin kein Kulturträger. Ich bin ein ehrgeiziger Hochleistungsschreiber. Mein Ziel ist es, mich über Wasser zu halten. Mein größtes Glück wäre, eine Familie ernähren zu können mit meiner Kunst.

Heute ist der Startschuss gefallen, der Roman ist unterwegs und ich kann nichts mehr tun. Ich kann nur noch hoffen. Und mich um den Schlaf bringen lassen vor lauter Hoffnung. Am liebsten würde ich wieder mit dem Rauchen anfangen, damit meine Übersprungshandlungen Ritualen folgten, aber das werde ich nicht tun. Ich werde einfach auf die Tage starren und hoffen, hoffen, hoffen, bis ich tot umfalle.

Etwas Neues ist völlig außer Sicht. Aber natürlich habe ich noch Karten im Ärmel.
Und für den Übersprung gibt es neuerdings http://www.twitter.com/mensing49

15:19

Man müsste die Wolken wegschieben für'n Tag Frühling.


Di 3.03.09   9:57

Letzte Woche war es der Spätexpressionist, den er in einer Galerie gesehen hatte.
Er rief an und fragte, was ich davon halte. Ob er dem trauen dürfe, dem Galeristen?
Woher ich das wissen solle, fragte ich zurück, und ob ihm das Bild gefallen habe?
Ja, gefallen habe es ihm. Dann kauf es, riet ich, aber er wollte Sicherheit. Er wollte eine offizielle Bestätigung, dass es sich bei dem Künstler um einen Künstler handelt.

Da kann ich nicht helfen, sagte ich.

Gestern war es sein Mieter, der ihm unheimlich wird. Der sei so übel gelaunt, und ob es denn sein könne, dass der vielleicht Drogen nähme, im Müll fände er häufig Silberpapier, und die Treppe, ich müsse mal dessen Treppe sehen, seit Wochen nicht geputzt, und vor zwölf Uhr stünde da auch niemand auf. Ob ich glaube, dass das mit Drogen zu tun habe? Sein Bruder, der Sozialarbeiter ist, meine, ja.

Offensichtlich hält er mich für einen Spezialisten.Er selbst sitzt jeden Abend (und oft auch tagsüber) vor einer Flasche Rotwein. Aber natürlich käme er nie auf den Gedanken, dass das Drogen sind.

Ich sagte, ich könne ihm nicht helfen.


11:17

Vor einer Stunde tauchte Herr T. auf. Er kam nicht, um mich zu besuchen, sondern, weil seine Frau beim Augenarzt war und er nicht dort warten wollte. Ich kochte ihm Kaffee, ich zeigte ihm mein Buch, er nahm es, aber da er außer seiner Kunst nichts wahrnimmt, verstand er nicht einmal den Klappentext. Ein Wort gab das andere, und als er ging, hatte unsere Freundschaft Schaden genommen.

Der Himmel ist offen. Ich setze mich jetzt aufs Rad.

19:15

Seit Wochen mein Lieblingsgraffiti.




Mi 4.03.09   9:20

Natürlich ist es schade, dass ich mit Herrn T. aneinandergeraten bin. Ich mag ihn. Ich bewundere seine Arbeit, aber dass er sich so abfällig über Kinderbücher äußerte, war zuviel. Ich hatte gesagt, Pop Life sei der erste meiner Romane, dessen Cover ich ohne Einschränkungen gut fände, ich fände, es passe zum Inhalt und zu mir. Darauf kam dieser kurze Satz über Kinderbücher. Ich kann ihn nicht einmal wiedergeben, der Tenor war, ja, ja, Kinderbücher ...

Als müsse man Kinderbücher nicht ernst nehmen, als sei Kinderbuchautor eine nicht ganz zurechnungsfähige Tätigkeit, eine Meinung, die er mit all denen teilt, die glauben, Kinder seien noch keine Menschen, Kinder bewegten sich außerhalb. Es klickte, danach war ich giftig und wusste nicht mehr recht, was ich sagte.

Man findet diese Art von Missachtung von allem, was mit Kindern zu tun hat, überall. Man hat Kinder lieber in ihrem gezuckerten "Alle-sind-glücklich" Reich, anstatt wahrzunehmen, dass Kinder genauso glücklich und unglücklich sind, wie alle übrigen Menschen.

Ansonsten wird die Unruhe von Stunde zu Stunde größer. Morgen glücklicherweise zwei Lesungen, übermorgen noch einmal zwei, aber es könnten ruhig mehr sein, von mir aus täglich zwei bis in alle Ewigkeit, dann hätte ich gar keine Zeit, nachzudenken.

17:22

Wir drehen uns.
Wir leben im Schlaraffenland.
Im Traum
Voll Nichtigkeit und Leere.
Und wachen manchmal auf und denken, was denn wäre....


Do 5.03.09    16:09

Trug heute die Träume des Schriftstellers M. nach langer Pause zurück in die Wirklichkeit von über einhundert Kindern einer Schule im Ostwestfälischen, hatte zwei köstliche Stunden keinerlei Beschwerden, hatte alle Sorgen vergessen, alles Herzrasen war Einbildung, bis ich gegen Mittag wieder ins Auto stieg, um heimzufahren. Da war alles zurück, und ich fürchte, eh ich nicht weiß, wie sich dieses neue Buch macht, ob es ein geachtetes Kind wird oder nur wieder ein Sorgenkind, eines, das niemand so recht wahrnehmen will, obwohl viele wissen, dass es klug ist und sich lohnen würde, eh ich das alles (und noch viel mehr) nicht weiß, werde ich Baldrianperlen schlucken und wer weiß, wenn's so weiter geht, doch noch Betablocker, was Gott verhüten möge.

Morgen aber fahre ich noch einmal zu dieser Schule und belese den Rest der Belegschaft.


Fr 6.03.09   17:44

Habe den Goldenen Deix geschenkt bekommen. Will jetzt nie mehr nach Österreich.




Sa 7.03.09  13:09

Nach wunderschönem Fest den Tag mit Ayurvedischem Schlafwohl Tee ausklingen lassen. Zwischendurch im Mantel auf dem Balkon sonnenbaden.


So 8.03.09   11:46

Als es irgendwann um Politik ging, wie es immer um Politik geht, staunte ich nicht schlecht, dass selbst gute Freunde glauben, der Islam sei eine grundsätzlich auf Konfrontation mit den Ungläubigen ausgerichtete Religion, die auszumerzen deren größtes Ziel sei.

Ich erwähnte nicht, dass es da ganz andere Wichsvorlagen gibt, das alte Testament etwa, die Grundlage der Thora, härtester Stoff, der auf den Index gehört, angenommen, man befürwortet Indexe und überlässt es nicht lieber dem Einzelnen, zu entscheiden, was er lesen will.

Ich hätte eh kein Gehör gefunden, zu erläutern, dass es immer die Fundamentalisten sind, die Schlaglichter werfen und andere glauben machen, sie wären die Mehrheit. Der Islam ist keine gewalttätige Religion, das habe ich in vielen Publikationen in den letzten Jahren gelesen, und das, was ich im Koran gelesen habe (zugegebenermaßen nicht viel) war nie gewalttätig. Dass Fundamentalisten gern gewalttätig sind, sollte nichts Neues sein.


Ich war ein wenig traurig, dass Freunde einer Propaganda aufsaßen, die uns weismachen will, der Muslim sein ein potentieller Gewalttäter. Dass Terroristen die öffentliche Meinung beeinflussen und jedem braven Moslem das Alltagsleben in anderen Gesellschaften schwer machen, ist schon schlimm genug. Natürlich sind Terroristen gewalttätig, aber erstens gibt es Gründe, es gibt immer Gründe, und zweitens gibt es welche, die hinter diesen Terroristen ihre Suppen kochen (das hat nichts mit Verschwörungstheorien zu tun), sie tun es und nutzen die Ängste einfacher Menschen.

Wer also mehr wissen will, kann Zeitungen lesen, sich informieren und Schlüsse ziehen, statt so einen Mist zu glauben. (Amen)

PS. Übrigens, wussten sie schon, dass Juden Kinder fressen?

Ansonsten bin ich bester Laune. Alle, die mein Buch bisher in der Hand gehalten haben (ich verschenke es nicht, wer es will, soll es kaufen, aber nicht geschenkt in den Schrank legen, dazu ist es mir zu schade), finden, dass es sich gut anfühlt. First impressions are often correct, und der wahrnehmende Mensch hat immer nur Bruchteile von Sekunden, um sein Gegenüber zu rastern, was er auch tut.

Ich wünsche also einen schönen Sonntag. Vielleicht sehen wir uns am Donnerstag, den 12.03.09 um 15:00 Uhr in Halle 5, Lesebühne der Independent Verlage, Buchmesse Leipzig. Ich würde mich freuen.

12:24

Bester Witz des Abends:
Wann hat Pinocchio bemerkt, dass er aus Holz ist? Als er beim Onanieren Feuer fing.

16:23

Nicht einmal die Krokusse lassen sich von dieser kalten Sonne täuschen.
Sie bleiben zu. Ich bleibe drin und gehe mache keinen Schritt. Basta.

16:43

Habe herausgefunden, dass ich mit meinem Festnetztelefon auch SMS senden kann. Interessant!


Mo 9.03.09   11:01

Im Februar und März kommt es zu auffälligen Geburtstagshäufungen in der Familie. Man kann daraus einiges schließen. Was, überlasse ich ihnen. Heute nur dies: als ich am Freitag in Rietberg vor 70 Erstklässlern meine Lesung aus dem 10. Mond im Gespräch vorbereitete und nebenher fragte, wo denn Sonne und Mond aufgingen, wurden bis auf den Osten alle Himmelsrichtungen genannt. Die schönste Antwort auf meine Frage lautete aber: Rietberg. Das war praktisch, klar und deutlich: natürlich gehen Mond und Sonne in Rietberg auf. Wo sonst?

12:09

Mein Geburtstag klingt nach.
Ich habe mich sehr wohl gefühlt und fühle mich immer noch wohl.
Deshalb lasse ich die Girlande im Wohnzimmer noch ein paar Tage hängen und den Tisch mit den Geschenken räume ich auch noch nicht weg.

16:22

Heute sah ich ihn zum zweiten Mal. Diesmal mit Hamburger Kennzeichen: ein camouflage green gespritzter Porsche Carrera. Er erregt offenbar Männer und Frauen gleichermaßen, jedenfalls schloss ich das aus den aufgeregt ihn umstehenden amerikanischen Touristen auf Münsters Prachtstraße, die eigentlich autofrei ist, aber das stört Porsche Fahrer nicht, sie zahlen.

Außerdem hörte ich, wie ein Spätpunk in den hygienisch einwandfreien Toiletten der Stadtbücherei den Hausmeister anschrie, ob er hier nicht mal in Ruhe scheißen dürfe. Offenbar nicht, denn der Hausmeister eskortierte den nicht mehr jungen Mann (Röhrenjeans, Palästinensertuch, hager, Zottelhaar mit Dreads), der weiter lautstark protestierte, vor die Tür. Dort hob der Punk die Arme und rief in den Griesel, dass die Menschheit vollständig den Verstand verloren habe und man niemandem mehr trauen könne. Ich beschloss, dass er nicht Unrecht hat, konnte ihm aber nicht weiter helfen.

Erste Presse, Dorfjournalisten titeln: Pop Life, Frage nach dem Sinn. Sie kündigen damit meine Lesung in Gronau am 13. Mai im Finanzzentrum der Sparkasse Gronau an.


Di 10.03.09   11:50

Grottiges Wetter. Man möchte davonlaufen. Frage: wohin?

Heute abend ab 18:05
Pop Life, Musik, Gespräch, Literatur im Internet

Live Stream: http://www.emsvechtewelle.de. Meister M. quasselt sich um Kopf und Kragen.

13:01

Aufschlagkrater auf dem Garagendach. Kann gar nicht so schnell hinschauen, wie die Tropfen aufschlagen, zerplatzen und kronenförmig aufsteigen. Sie müssten das sehen, so etwas sieht man sonst nur in Naturfilmen oder in dieser Reklame für Margarine. .

Unter so einem Wetter (das sich in der Wetterkarte als schwarze-graue Wolkenbank, die ganz Europa verdeckte, gestern abend heranschob) hat der Germane Jahrtausende gelitten, das hat sein Gemüt mitbestimmt, und das hat er jetzt davon.

Überall sieht man ihn Löcher graben, in die er zu verschwinden versucht, aber da die Zeiten modern sind, darf er das nicht, kriegt er sofort Ärger mit den Ordnungsbehörden, und dann wird er noch renitenter und säuft alle Vorräte weg.

Wenn er die erst mal aufgetrunken hat, sollten Sie mal sehen, was hier los ist, wo doch jeder immer nur denkt, die lieben treuen Westfalen, aber da hat Heinrich Heine damals nicht genau genug hingeschaut, wir sind lieb und treu, das stimmt schon, aber wir sind auch gefährlich, wir haben den Römern, den großen Imperialisten der ersten Jahrtausends nach Christus, gezeigt, wo der Hammer hängt, und falls jetzt noch jemand kommt, der das wissen will, bitte, nur zu.


Mi 11.03.09   11:17

Sie nennen ihn Waldemar. Er führt ein kleines Geschäft, dem nicht gleich anzusehen ist, dass man dort auch essen und trinken kann. Waldemar ist Portugiese. Einer der vielen Portugiesen, die in dieser Stadt geblieben sind, nachdem die Textilindustrie kollabierte. Ein Zwitter also, dieses Lokal, zwei Stehtische und ringsum an den Wänden, in Regalen: Wein, Lebensmittel, Fotos, Flaggen.

Alles weist auf Portugal hin und ist dazu da, das Heimweh seines Besitzers zu besänftigen und das Fernweh seiner Gäste zu befördern. Was es auch tut, bei mir jedenfalls, denn bei Waldemar fühlt es sich sehr portugiesisch an, obwohl wir doch im Süden Niedersachsens sind, kaum einen Steinwurf von der niederländischen Grenze entfernt.

Wir essen dort. Sehr rustikales Essen ist das, Portugals Küche scheint erdverbunden, bäuerisch eher, ohne die gestelzten Verwicklungen der französischen Cuisine, aber lecker. Dazu trinken wir weißen Wein aus einer Flasche ohne Etikett, als käme er vom Weinberg hinterm Haus.

Draußen zieht ein Wetter vorüber, dass man sich fürchten möchte.

Mein Gastgeber und ich haben schon alles Wichtige besprochen. Gleich geht es auf Sendung. Zwei Stunden Bürgerradio, dem Rundfunkgesetz Niedersachsen sei Dank, zwei Stunden, in denen wir machen können, was wir wollen.

Ich habe CDs mitgebracht, und angekündigt, dass ich meinen Roman demjenigen widmen und schenken werde, der sich im Internet schlau macht, uns im Studio anruft und uns die ISBN Nummer von Pop Life nennt.

Großes Gelächter. Ich glaube doch wohl nicht, dass das jemand täte, oder, ich könne froh sein, wenn überhaupt jemand anrufe, also, wir machen das so, der erste, der anruft, kriegt das Buch, einverstanden? sagt der Studioleiter. Eintrittskarten für Konzerte, alles mögliche werde hier über den Tag ausgelobt, aber glaube bloß nicht, dass jemand anruft, sagt der Studioleiter. Vielleicht ist er ein Sadist, der mich quälen will? Ich bin ein wenig desillusioniert, aber das macht nichts, der erste Anrufer kriegt das Buch.

Die Sendung beginnt. Wir reden über das Buch, wir spielen meine Musik, die Zeit geht dahin, nach einer Stunde massiver Propaganda hat noch niemand angerufen, dann aber, kurz nach 20:00 Uhr ist es soweit. Der Roman geht an einen Herrn S. Ich grüße ihn übers Radio und sage, dass er eines nicht weiß: er bekomme zwar meinen Roman, müsse dann aber all seinen Verwandten ein Exemplar schenken.

Hahaha...

Auf der Heimfahrt ist das Land verlassen und teils in so tiefe Düsterniss versunken, dass man sich fürchten könnte. Bei Bentheim blitzt eine Wolke auf, ich erschrecke, Donner ist nicht zu hören, aber ein UFO wird es wohl nicht gewesen sein, oder?

Ich bin gerüstet.
Morgen lese ich in Leipzig. Ich freue mich drauf.
Ich weiß, wie ich's mache, und ich weiß, dass ich's gut machen werde.

Aloha.


Sa 14.03.09   15:42

Zurück aus Leipzig.
Leipzig ist eine schöne Stadt.
Auch das Messegelände hat mir gefallen.
Die gesamte Reise hat Spaß gemacht.
Und was ich alles gesehen habe!
Nicht zu glauben. Später mehr.

16:06

Vorhin jedoch Katastrophe: jedes Mal, wenn sich mein D-Link-Adapter ins Netz wählen will, schmiert der Rechner ab. Versuche mir bekannte Tricks (De-Installation, Neuinstallation, Defragmentierung, Systemwiederherstellung), aber das alles hilft nicht. Dann erinnere ich mich an den D-Link Adapter meines Sohnes. Installiere die Sofware, definiere die Netzwerkverbindung, und siehe: es funkt.

Hatte schon ein wenig Sorge, der Rechner könne kaputt sein.

17:48

Die Regenerationszeiten werden länger und länger, wenn man auf die 70 zugeht. Daher nur noch Sofaliegen. Soviel sei jedoch schon verraten: sah im Osten zwei Nazis und einen Wartburg. Schätze, das ist eine gute Quote. Gebe aber zu bedenken, dass ich in der Stadt der Bewegung war, eine sehr lebendige, offenbar angesagte Metropole mitten in Sachsen, die dem Hardcore Ossi wahrscheinlich weniger Chancen einräumt als das sachsen-anhaltinische Dorf mit verfallenen LPGs am Ortsrand und schlecht asphaltierten Straßen.


So 15.03.09   11:19

Pop Life in Outer Mongolia, Leipzig

Kaum nähert sich der Bus einer Ampel, wird die Ampel rot.
Es ist 7:59, es bleiben knapp zehn Minuten, meinen Zug zu erreichen. Bis zum Bahnhof gibt noch vier oder fünf Ampeln. Ich bin ich kurz davor, aufzuspringen und die Busfahrerin anzuherrschen, endlich Gas zu geben, Rot zu ignorieren und an Bushaltestellen nicht minutenlang mit geöffneten Türen auf Zusteiger zu warten.

8:35
Als ich in Hamm in den Intercity nach Leipzig steige, wünsche ich mir, dass das Beamen endlich Wirklichkeit wird. Come on, Scotty, aber die Reise in den fernen Osten wird dann doch eine Reise zum Schauen, und das liebe ich, denn wer Objektivität zu seiner Lebensmaxime erklärt, verleugnet, dass es ein Leben vor dem Tod gibt.

8:50
Die deutsche Mosche steht gern in Industriegebieten.
Rührend, wie sie sich da zu behaupten versucht und den bleistiftspitzen Turm in den Regen reckt.

9:05
Das Land sieht aus, als versänke man knietief im Morast, stiege man aus.

10:02
Im Weserbergland findet mitten auf einem Feld eine Hasenkonferenz statt. Zehn Hasen und mehr sehe ich aufgeregt miteinander parlierend. Es geht um die Erhaltung der Art, und da zählt, wer die besten Haken schlägt, die gewagtestens Sprünge springt und die Konkurrenz knufft und pufft, bis sie davonläuft, also im Grunde ganz ähnlich, wie das, was mich auf der Messe erwartet.

10:45
Auf meine Frage, ob er Bionade im Angebot habe, nickt der Mann hinter der Theke des Bistrowagens (waren das Zeiten, als noch den Mitropa Speisewagen gab) und fragt, was es denn sein solle? Kräuterbionade, antworte ich.

Darauf verschwindet der Mann kopfüber in einem großen Kühlschrank, um gleich darauf mit zwei Flaschen wieder aufzutauchen. Ingwer und Holunder. Dings und Bumms, sagte er in einem Tonfall, der ihn zum ersten eindeutig identifizierbaren Ossi des Tages macht. Ingwer, sagte ich und gebe ihm 4 von 5 möglichen Punkten auf der Beliebtheitsskala für Bürger der ehemaligen DDR, bin aber bereit, aufzustocken.

11:15
Die Mutter von Uschi Glas steigt zu.
Alle halten den Atem an. Dass man mit 105 Jahren noch so gut aussieht!

11:40
Hinter Helmstedt dann dieser Wald, der früher einmal der Grenzwald war. Ist man hindurch, kommt Marienborn, aber man sieht die Grenze nicht mehr, nur der Wartburg vorm zugenagelten Plattenbau der ehemaligen Grenzschutztruppen hinterm Bahnhof spricht Bände.

11:50
Kurz vor Mageburg äsen zehn, fünfzehn Rehe ruhig unter einer noch fahlen Sonne.

12:01
Mageburg erweckt kein Vertrauen, und dann auch noch das. Ich schaue aus dem Fenster und sehe auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig eine Verlags-Reklame für einen Thriller. Heute ist der Tag, an dem du stirbst. Na danke, denke ich, da bleibe ich lieber im Zug.

12:10
Links und rechts ausgebreitete Industriebrachen zwischen weitläufigen Bahnanlagen. Dahinter Schrebergärten. Kaum eine Datsche ohne Satellitenschüssel. Ich hatte gehofft, die Elbe zu überqueren, aber daraus wird nichts. Stattdessen sehe ich sie schon bald in der Ferne. Das sachsen-anhaltinische Land ist flach wie ein Brett. Die Elbe liegt da und hat Platz, sich in alle Himmelsrichtungen auszubreiten.

Magdeburg, Köthen, Halle. Hoher Himmel, Land zwischen Elbe und Saale.

12:58
Ich kann den Ossi nicht identifizieren. Er mich?

13:08
Leipzig Flughafen. Von hier erobert der Sachse Thailand. Schrecklich, wo man ihn nicht einmal erkennt. Aber dass hier Ossiland ist, erkenne ich an zwei geparkten, riesigen Antonow Frachtflugzeugen.

13:13
Bot gerade einer jungen hübschen Sächsin Schokolade an. Sie lehnte ab. So weit ist es also nach fast 20 Jahren Einheit gekommen.

14:00
Es regnet. Es ist, als wolle Leipzig sich tarnen, denn es steht doch eindeutig fest, dass eine sonnige Stadt sich leichter Freunde macht, als eine verregnete. Aber nein. Leipzig regnet, die Straßenbahn Nummer 16 heult in den Kurven, und an der Dichte der Baumärkte stelle ich fest, dass wir uns dem Rand dieser sächsischen Metropole nähern.

15:00
Ich lese aus Pop Life, meinem neuen Roman auf der Lesebühne der jungen Verlage. Ringsum überschaubares Einhergehen, Stimmengewirr, vorm Lesepult (ich stehe) sitzen zwischen 30 und 50 Menschen.

Das Lesen auf dieser Bühne ist von ganz anderem Kaliber als das Lesen in Schulklassen. Die Promenierenden stimmen jederzeit mit den Füßen ab, manche setzen sich nur, um ein wenig auszuruhen, und dann steht da oben dieser Mann (ich) und liest vor.

Ich habe eine halbe Stunde. Vor Kindern zu lesen macht mehr Spaß. In ihren Gesichter spiegelt sich das Vorgelesene unmittelbar. In den Gesichtern der Erwachsenen spiegelt sich wenig bis nichts. Man sagt, ich wäre gut gewesen. Ich fand das auch.

Aber der wirkliche Test wird erst noch stattfinden. Der Ort wird kein Durchgangsort sein, sondern einer, der die Zuhörer für eine gewisse Zeit bindet, sodass ich die Chance habe, ihn zu fesseln. Nächste Woche (24.03.09) in Wien. Der Ort: Herrengasse. Österreichische Gesellschaft für Literatur. Zwei Tage später, ebenfalls Wien, Club International. Der Wirt, höre ich, sei ein österreichischer Berseker, das werde mir sicher gefallen. Ich bin gespannt.


mehr davon hier *** oder hier

13:17

Mittwoch wird es so weit sein. Da lese ich in der Buchhandlung Volk in Recke.
Nicht, dass das die Welt wäre, Recke ist klein, aber gerade deshalb wird das aufschlussreich. Möglich, dass nur zehn Zuhörer kommen. Auch möglich, dass nur fünf da sein werden. Aber denen werde ich's zeigen. Versprochen.

Jetzt aber lasse ich den Sonntag ausklingen. Diesen kühlen, verregneten Frühfrühlingssonntag, der mich frösteln lässt, denn ich ich habe eine neue Frisur. Sie heißt Glatze. Und daran muss ich mich erst einmal wieder gewöhnen.


Mo 16.03.09   15:18

Ich bin ein Navigationssystem. Ich bin so geboren, also kann ich nichts dafür, aber wenn ich mich Duisburg Kaiserberg nähere, wird mir dennoch jedesmal ein wenig flau. Da zweigt es hierhin und dorthin ab, und da es am Freitagabend auch noch regnete, war der Blick auf die entsprechenden Hinweisschilder durch die Gischt vorausfahrender Fahrzeuge ein wenig getrübt.

Zum Glück hatte ich mich vorher auf der Karte kundig gemacht. Google hatte vorgeschlagen, der A43 bis Herne zu folgen, dort auf die A42 zu fahren, die bei Kamp-Lintfort auf die A57 stößt, aber den Rat hatte ich ignoriert.

Zu weit um.

Ich nahm die A43, bog bei Marl auf die A52, die in die Bundesstraße 224 mündet, die wiederum zwei Kilometer weiter auf die A2 leitet, die in die A3 übergeht. Irgendwo in meinem Hinterkopf lauerte noch ein Hinweis auf Nijmegen, meine Richtung, denn ich wollte zum Flughafen Weeze, aber als dann ein Hinweis auf die A42 Richtung Venlo auftauchte (eigentlich nicht meine Richtung) fuhr ich in Erinnerung an mein Kartenstudium dennoch ab und wurde nach Überquerung des Rheins mit einem Hinweis auf Nijmegen bestätigt.

Kaum auf der A57, die an diesem Abend nur sporadisch befahren durch die düstere, niederrheinische Tiefebene führt, bemerkte ich, dass mir jemand folgte. Ich bin ein 120 KmH Fahrer. Nur in Notfällen beschleunige ich auf 140, 150, um dann in meinen alten Trott zurückzufallen.

Zunächst dachte ich mir nichts bei meinem Verfolger, aber er blieb mir auf den Fersen, keine zwei Autolängen hinter mir, sodass ich meinen ersten Ausreißversuch startete. Er folgte. Ich entschleunigte. Er tat das gleiche. Immer ein, zwei Autolängen hinter mir. Ich überlegte, ob ich die Polizei rufen sollte. Man weiß ja nie. Die Welt ist voll von Perversen. Ich überlegte, ob ich ihn mit einem kurzen Bremsmanöver aus der Fassung bringen könnte, unterließ es aber.

Und dann, kurz vor der Abfahrt Udem/Flughafen Weeze, scherte er links aus und fuhr mit hoher Geschwindigkeit davon.

Wie das klingt, Flughafen Weeze!

Der Flughafen Weeze lebt von Ryanairs Gnaden und verbirgt sich irgendwo tief tief im Land, sodass man, wenn man ortsunkundig ist und nur auf die Schilder vertraut, bald zu glauben beginnt, hier werde man vorsätzlich in eine Falle gelockt.

Aber dann endlich: eine Einflugschneise, rechtsab auf das weitläufige, ehemals von Engländern betriebene Flughafengelände. Man erkennt es an der Architektur. Aber wo ist jetzt das Terminal? Ach, endlich, da ist es. Es ist 22:00 Uhr, kein Mensch weit und breit, nur ein einsamer Polizist, der draußen eine Zigarette raucht.

Der Flug aus Marrakesch wird um 23:03 erwartet.

Bis 22:30 bin ich mit fünf, sechs Wartenden allein in der großen Halle, dann aber füllt sie sich zügig. Holländer, offenbar ist Weeze mit Ryanair ein Magnet für die Brabanter aus der Nachbarschaft, die sich von hier in die Welt hinaus fliegen lassen.

Der Flug landet in time, und mein Sohn, der an Bord war, bestätigt mir, was ich schon auf dem Weg hierher dachte: im Landeanflug kein Licht weit und breit. Man fürchtet, hier könne gar kein Flughafen sein, aber er ist da, ich war dort und kann es bezeugen.


Di 17.09.03   10:38

Morgen und übermorgen werden wieder Kinder belesen. Am Abend zwischen morgen und übermorgen allerdings eine kleine Premiere: Pop Life in Recke. Kaum jemand kennt es, es sei denn, er kennt den jungen Herrn Rolfes, Fußballprofi in Leverkusen, der kommt aus Recke. Ich werde in Recke übernachten. Nicht, dass ich das gern täte, aber es erspart mir die nächtliche Heimfahrt und die frühe Hinfahrt am nächsten Morgen.

17:15

Das Meer
hat Spiegelfolie
übern Strand gestreckt,
darin steht deine Welt,
stehn du und ich kopfüber,
die Sonne
hat am späten Nachmittag
frisch eingedeckt,
und ich
hab dich am liebsten.
Hier.
Kein Vorhin. Gestern. Morgen.
Hier.

17:44



Endlich muss Graf Theodor seine Reisen um die Welt nicht mehr selbst bezahlen. Er ist nämlich jetzt Bundeswirtschaftsminister, und da hat er sogar sein eigenes Flugzeug. Es gehört ihm nicht wirklich, es gehört eigentlich der Bundeswehr, letztlich also dem Volk (also uns, denn das sind ja wir), aber das ficht ihn nicht an und wir wollen ja auch nicht so sein.

Er darf damit fliegen, und wenn es dann so kommt, dass es ihn in New York absetzt, freut er sich wie ein Schneekönig, unser Graf von und zu, der, das sieht man gleich, klug ist, aber wenn man ihn dann genauer anschaut, könnte man meinen, dass er vielleicht noch lieber Papst geworden wäre.

Die ausgebreiteten Arme, die zum Himmel weisenden Handflächen, das glückselige Aristokratenlächeln, Papst Karl-Theodor der Unfehlbare, ebenfalls Bayer, wäre das nicht ein schöner Titel.

Uns ist klar, dass so ein weltreisender, die Krisen in den Griff kriegender Graf abends noch Auslauf braucht nach all den schwierigen Gesprächen, und wir (also ich), ich könnte mir vorstellen, dass er da hinten gleich um die Ecke einer Nutte aufsitzt, die er dann mit in sein Flugzeug nimmt oder in sein kleines bescheidenes Hotelzimmer am East-River, und dann zieht er sich ein bisschen Schnee rein und tritt vor den Spiegel und sagt, na Loddar, haben wir es nicht weit gebracht, denn in Wirklichkeit (aber das wussten Sie selbst), in Wirklichkeit ist Graf Theodor nur eine der multiplen Persönlichkeiten unseren früheren Großfußballers Matthäus.

In diesem Sinne.


Do 19.03.09   16:54

Wer mich glücklich machen will, sollte mich zu Lesungen einladen.
Wenn ich lese, vergesse ich die Welt.
Wenn ich die Welt vergesse, habe ich buddhistische Leere in mir. Dann gelingt alles. Voraussetzung allerdings ist ein Publikum, das mitspielt oder zumindest mitspielen will.

Will es das nicht, wird aus der buddhistischen Leere Arbeit, schwerste Überzeugungsarbeit nämlich, wie heute früh, als ich in einer Schule las, die jede Höflichkeit, jeden Anstand, jede Art von Kooperation vermissen ließ.

Man beschränkte sich darauf, mich in eine Klasse zu führen, die Kinder hereinzulassen, um dann von der Bildfläche zu verschwinden. Nicht, dass ich Angst vor 80 Kindern hätte, das nicht, aber komisch ist es schon, einfach so alleingelassen zu werden. Die Kinder wussten nicht einmal, wie ich hieß.

Ich mühte mich.

Als nichts mehr ging, packte ich meine Ukulele aus und sang Lieder.
Das finden Kinder immer gut. Davon können sie gar nicht genug kriegen.
Dann schreien sie Zugabe Zugabe.

Eine Stunde später las ich in einer Schule nur drei Kilometer entfernt.
Da wusste ich schon auf dem Schulhof, dass es gut werden würde, denn die Kinder begrüßten mich.

Guten Tag Herr Mensing, sagten sie.
Oder: Sind Sie Herr Mensing, der Autor?
Ich: Nein, ich bin ein Millionär und will die Schule kaufen.

Man hatte sie also vorbereitet.
Ich durfte davon ausgehen, dass hier Lehrer an der Arbeit waren, die mitdachten.
Die mehr wollten als nur eine Freistunde.

Genauso war es. Die Kinder hatten sich Gedichte von meiner Webseite geladen. Sie hatten diese auswendig gelernt. Sie freuten sich wie Schneekönige, diese Gedichte aufzusagen. Ich begleitete sie auf der Ukulele. Und dann las ich und las und die Zeit flog.

Herrlich.

Gestern abend las ich in der Buchhandlung Volk in Recke aus Pop Life.
Die Konkurrenz war groß. Werder spielte. Dennoch waren zehn Erwachsene gekommen. In einer Stadt von 11000 Einwohnern ist das schon ein Erfolg. Drei Bücher wurden verkauft. Ist das nichts? Ich war zufrieden. Ich hatte eineinhalb Stunden gelesen. Jetzt ist die Stimme ein wenig angekratzt, aber das gibt sich bis Wien.

Nächste Woche also. Wien. Österreich.

Da, wo sie Kinder ficken, in Keller einsperren, wo Jörg Haider starb, Adolf Schicklgruber (A.H.) geboren wurde und Manfred Deix seine erschreckenden Karrikaturen malt. Da, wo Otto Mühl wütete, Egon Schiele seine beängstigenden Bilder malte, Freud den Penisneid erfand und die verrücktesten Schriftsteller Europas ihr Unwesen treiben. Das österreichische Karma muss ein schlimmes sein, anders ist das kaum zu erklären.


Also, Österreich, ich komme. Ich bin ein Piefke. Ich werdet schon sehen.


Freitag 20.03.09   9:22



Ein Schlafzimmer.

Gut, werden Sie sagen (falls Sie, was ich bezweifle, überhaupt etwas sagen und nicht längst weggeklickt haben), gut, aber was soll das? Was ist Besonderes daran?

Nun - Stoiber hat in diesem Bett geschlafen. Erst hat er sich in Rage gestottert, dann ist er ins Hotel gefahren und hat in diesem Zimmer gewohnt, in diesem Bett geschlafen.

Vorgestern schlief in in diesem Bett.

Mir war ein wenig unwohl. Schließlich wusste ich nicht, hat er links oder hat er rechts geschlafen. Hat er ins Kissen gesabbert und wenn ja, in welches? Hat er abends noch lang aufgesessen und sich durch die Kanäle gebeamt.

Er muss aufgewühlt gewesen sein nach dieser Aschermittwochsrede in Recke, schließlich ist er ein großartiger Redner und ein Bayer ist er sowieso, da wird er nicht schlecht gestaunt haben, dass ihn die nördlichsten Nordrheinwestfalen so haben hochleben lassen.

Es muss ihm also ganz ähnlich gegangen sein wie mir, schließlich sind unsere Berufe miteinander verwandt, auch ich rede das Blaue vom Himmel und bin erst zufrieden, wenn meine Zuhörer auf den Stühlen stehen und Zugabe skandieren.

Erstaunlicherweise schlief ich hervorragend in diesem Bett.

Nur einmal, so gegen drei oder vier, sah ich ihn im Schlafanzug von der Toilette zurück ins dunkle Zimmer stolpern. Er brummelte irgendetwas, er hatte seine Zähne herausgenommen und wirkte älter als sonst.

Er sah mich, stockte, erschrak, er schaute sich um, er machte Licht, aber da war ich schon fort oder anders herum, da war er schon wieder fort, seine Aura hatte sich in Nichts aufgelöst, schließlich ist sie eine hochbeschäftigte Aura, die heute hier und morgen dort ist und für die Hotelzimmer nichts Neues sind, während ich höchst selten in Hotels übernachte, ich schlafe meist bei Groupies, das ist biliger und macht weniger einsam.

Am Morgen fand ich eine Feder im Bad.
Sicher eine Feder von seinem Trachtenhut, dachte ich.
Jetzt habe ich sie bei Ebay eingestellt und warte auf das höchste Gebot.


Sa 21.03.09   16:47

Der hatte von HISS geschwärmt, die auch, dann noch der und der, und ich hatte auch schon über Konzerte der Band gelesen, ich wusste, dass sie im Hot Jazz spielten, war aber bis in den frühen Abend noch zu keiner Entscheidung gelangt.

Dann spielte der jüngste Sohn Arschloch, wie er das manchmal tut, um rauszukriegen, ob man ihn noch liebt, dabei steht das doch sowieso außer Frage, aber er tut es nun mal, und da ich spürte, dass mir der Kamm schwoll, entschied ich mich und fuhr los.

Der Club war schon bummsvoll, als ich kam, aber vorn rechts neben der kleinen Bühne war ein freier Tisch. Ein Fotograf saß dran, ich fragte, ob ich mich setzen dürfe, er sagte nichts, sondern wies brummig auf ein Reserviert Schild. Ich setzte mich dennoch und dachte, wenn die, die reserviert haben, kommen, stehe ich auf.

Aber sie kamen nicht, und so hatte ich beste Sicht, hatte ein Bier und lies die Band für mich spielen. Eine Polka jagte die nächste, Herr Hiss machte höchst arrogante, aber äußerst witzig trockene Ansagen, sprach über dieses und jenes, dem folgte der nächste 2/4tel und wieder einer, manchmal mit kraftvollen, polka-untypischen Gitarrensoli garniert.

Langsam fiel mein Kamm in sich zusammen und die Polka breitete sich aus.

Irgendwann fiel mein Blick auf ein knapp 18jähriges Mädchen mit überm Knie eingerissener Jeans und einer dieser Hängeblusen, unterm kleinen Busen gerafft, wie sie augenblicklich modern sind. Sie trug ihr brünettes Haar kurz, fast wie ein Junge und schaute gelangweilt bis hochmütig.

Was hat sie denn, dachte ich. Und dann fiel es mir auf: sie konnte nicht tanzen.

Sie tanzte zwar, aber sie war nicht in der Lage, ihren Körper mit dem Rhythmus zu synchronisieren, alles an ihr war eher hysterischen Zucken, hin- und herwerfen des Kopfes und merkwürdig zappelnde Hände auf ihren Oberschenkeln.

The beat goes on and I'm so wrong, dachte ich. Zappas Kommentar zu Dancing Queens ihrer Art.

Die Band spielte zweieinhalb Stunden. Als ich heimfuhr, war ich guter Laune.
Sollte also jemand irgendwann in ähnlichem Zustand sein wie ich gestern abend, rate ich zu einem HISS Konzert. Ich garantiere Muskellockerung, falls vorher Muskeln verspannt waren, ich garantiere angenehme Kopfleere, falls dort vorher zuviele Gedanken kreisten, und guten Schlaf.

Also, woraus warten Sie. HISS auch bei You-Tube.


22.03.09   13:00

Vielleicht erinnern Sie sich. Es liegt knapp zwei Wochen zurück.
Auf der Heimfahrt von Nordhorn sah ich einen Blitz und wunderte mich, dass ich den darauffolgenden Donner nicht hörte.

Vorgestern kam die Erklärung für dieses Naturphänomen.

Sie kam in Form einer schriftlichen Verwarnung.
Ich sei, hieß es, am 10.03.09 um 21:10 in Bad Bentheim auf der B 403 innerhalb geschlossener Ortschaften 15 km/H zu schnell gefahren und solle nun 25,00 Euro zahlen.

Wie man sich täuschen kann!


23.03.09   13:01

Schon zweimal hat der Doktor sie eingerenkt, zweimal war danach ihr Lachen zurück, aber heute früh war es fort, heute früh waren da Tränen und Zweifel, ob mit sie mitfliegen könne, jetzt hat der Doktor ein drittes Mal gearbeitet, hat noch eine Spritze gesetzt, hat Tabletten verschrieben, und jetzt machen wir's wie geplant, stromern durch Wien und sind das, was wir schon lange sind, Liebende, die gemeinsam älter werden, was will man mehr, wir sind es, wir bleiben es, das soll uns erst mal jemand nachmachen.

Erste Reaktion auf meine Lesung aus Pop Life. Eine bilderreiche und überaus anschauliche Sprache, fesselnd prononciert vorgetragen ... Nicht mein Mann, aber immerhin. Eine spiralförmige Reise durch drei Leben. Bin gespannt, was ich noch zu hören kriege.

19:15

Hab noch was zu hören gekriegt.

Lieber Hermann Mensing,

zunächst einmal meine volle Anerkennung für Ihren hervorragenden Roman POP LIFE, den ich vor
zwei Wochen in 2 Tagen & Nächten gelesen habe. Ein äußerst stilsicheres, kurzweiliges und sehr
berührendes Buch, jenseits irgendwelcher Moden, aber ganz auf der Höhe, was seine Intensität,
Gehalt und Form angeht. Gratuliere! Mich als Luftschacht-Autor stimmt´s zuversichtlich, in einem
Verlag zu publizieren, in dem u. a. auch solche Werke erscheinen.

Einen schönen Wien-Aufenthalt, die besten Grüße und Alles Gute Ihnen und Ihrem neuen Buch:

Manfred Rumpl

Manfred Rumpl ist Luftschacht Autor wie ich (zuletzt erschien von ihm: Ihr Mann und der Fremde )

Das macht Mut.
Also Leute, Mensing ist offline.
Bis Freitag.


Sa 28.03.09   12:45

Ich bin zurück.
Hier mein Bericht.

Wie der Schriftsteller M. einmal nach Wien flog,
zweimal aus Pop Life las und zum K.u.K. Hofrat ernannt wurde.
mehr

17:42

Bilder aus Wien
















29.03.09  11:40

Was sonst noch in Wien geschah:

im Stephansdom steht eine Gruppe Chinesen. Offensichtlich ist man ein wenig ratlos im Angesicht dieser düsteren Kirche. Man redet lautstark, dann fällt die Gruppe auseinander, einer geht hierhin, einer dorthin, einer aber bleibt stehen und furzt ohne Hemmung.

Im Café Aida am Praterstern steht ein Mann mit grauem Vollbart und furchterregendem Blick. Er steht mitten im Raum, als wolle er eine Rede halten. Vor ein paar Minuten hatte er sein Gesicht von außen an die Scheibe gedrückt und war von zwei Männer drinnen verjagt worden wie ein Spuk.

Jetzt steht er hier, schaut auf die Menschen (vorwiegend Türken, Jugoslawen), hält dann doch keine Rede, setzt sich an den letzten Tisch hinten links, sitzt mit dem Rücken zur Wand, starrt und schlägt dann und wann große, ausladende Kreuze vor seiner Brust, hebt anschließend beide Arme, Daumen und Zeigefinger aufeinander, Handflächen nach vorn.

Die schöne blaue Donau ist nicht blau sondern braun. Sie ist sehr breit, sie fließt sehr schnell, aber Schiffsverkehr findet nicht statt. Jedenfalls nicht, als wir an der Reichsbrücke saßen und auf den Fluss schauten.

Und was haben sie uns damals erzählt, als sie diesen Kanal durchs Altmühltal durchdrücken wollten (und durchgedrückt haben), wie wichtig das wäre, Schifffracht vom Rhein bis ins Schwarze Meer.
Ja, ja, Pustekuchen.
Kein Schiff weit und breit.

Süßspeisen kann der Österreicher. Deshalb ist er auch gern so dick.
Zum Beispiel die Buchtel: Germteig mit Marillenmarmelade gefüllt, im Wandl flamig gebacken. Mit Vanillesauce warm serviert.

Starsichtung im Cafe Landtmann:
Herr Brandauer, Staats- Hof- und Was-ich-was-Schauspieler.
Erkenne ihn an seiner fetten Warze.

Es scheint, jeder Dichter in Wien hat sein Stammcafé.
Dort wird er verehrt wie ein Heiliger, vor allem, wenn er schon tot ist.
Man stellt dann sein Foto ins Fenster.

Und heute, jetzt, wieder hier:
seltsame Schwindel, weiß auch nicht, was los ist.
Versuche es mit Kaffee.

Morgen Lesung in Ostwestfalen.
Ganz gleich, wie man es dreht, ob man nun über Land fährt oder über die Autobahn, unter 1:40 ist nichts zu machen. Man sollte da gar nicht hinfahren.
Aber nun, Geld ist Geld.

17:25

Es kriecht von innen heran, so ein Schauer, der suggeriert, dass gleich alles Blut fort ist, aber es ist dann doch nicht fort, es zirkuliert, und seit ich zwei Kannen Kaffee getrunken habe, fühle ich mich schon besser, wenngleich noch so ein fernes Flirren nachklingt, als hinge das Leben (wie jedes Leben) an seidenem Faden.

Habe hin und her überlegt, welcher der beste Wege nach Lage ist Ostwestfalen wäre, und mich jetzt entschieden, der A1 bis Ascheberg zu folgen, dort an Ahlen und Beckum vorbei auf die A2 zu fahren und dann Vollgas bis zur Abfahrt 27, Zack, bis nach Lage. Nicht schön, aber nach allen, was ich weiß, wahrscheinlich die flüssigste Variante.


31.03.09   12:11

Als ich ins Auto stieg (es hatte gefroren, ich musste erst die Scheiben frei kratzen), entschied ich mich für eine weitere, noch im Halbschlaf der unruhigen Nacht entworfenen Variante über Wolbeck, Freckenhorst, Oelde, A2, Bundesstraße 66.

Eine Stunde 50 Minuten.

Die Schule am Rand des Dorfes (Straßennamen: Afrikaweg, Kamerunweg), ein modernes, lichtdurchflutetes Gebäude, Blick über weite Felder, am Horizont ein Höhenzug des Weserberglandes, auf den Türen zum Schulhof DIN-A-4 große Ausdrucke: Rasen betreten verboten.

Die Kinder nett, zappelig und (wie meist) völlig unvorbereitet.

Ich also wieder als Pausenclown.
Gewünscht der mindest gemeinsame Nenner: Grusel. Sackgasse 13.

Ich zelebriere mein Repertoire, ich weiß ja, wie's geht, und es geht.
Ich war schon besser, aber das wissen die ja nicht.

Abdul neben mir ist der zappeligste Zappler von allen.
Hin und wieder lege ich ihm einfach die Hand aufs Knie und dann weiß er schon: aufhören.
Hinten rechts sitzen drei Mädchen, die ihren Freundinnen die Haare flechten.
Ständig muss jemand Pipi.

Ich lese, wir machen Geräusche, wir singen, ich gebe Autogramme, verkaufe Bücher und dann steht so ein Mädchen vor mir und sagt in vollem Ernst: kann ich deine Telefonnummer haben?

Ich schätze, das hat sie irgendwo gelesen. Ich antworte: Nein.

Und fahre ich wieder nach Hause.

Was nun die Reise nach Wien angeht, gibt es noch einen Nachtrag.
Das heißt, vielleicht gibt es noch viele Nachträge, aber dieser dreht sich schon seit zwei Tagen im Kopf und ist einfach zu schön, um weiter aufgeschoben zu werden.

Beim Eintritt in die Albertina (Gerhard Richter Retrospektive) komme ich zum ersten Mal in meinem Leben in den Genuss der Senioren Ermäßigung. Ich zahle 8 Euro statt 9,50. So hat das Alter auch schöne Seiten.



 



 

 

 

 

 

 

 

 

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