März 2011                                        www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag

Di 1.03.11 00:11

Frau E. meint, es täte mir gut, öfter aus dem Haus zu geben, dabei weiß sie gar nicht, was ich tagsüber treibe. Sie hält alles, was ich im Netz veröffentliche, für bare Münze. Ich aber bin seit Monaten Kunde eines Fitness-Studios, hebe Gewichte, renne Laufbänder müde und trinke Energiedrinks. Auf auf dem Heimweg fahre ich meist zum Missionshaus im Industriegebiet hinter der Autobahn, um mich von der Physiotherapeutin Mai-Lin behandeln zu lassen. Da ich alle Zeitungen (ich hatte fünf abonniert) abbestellt habe, bleiben meine Kosten dennoch in etwa auf gleichem Niveau. Demnächst werde ich versuchen, den Geschwindigkeitsrekord für 60-65 Männer auf Damenhollandrädern zu überbieten. Ich trainiere täglich, bin aber noch nicht soweit. Erst muss ich alle Bücher von Peter Henisch lesen.

Nachdem ich gestern nachmittag meinen Gast zum Bahnhof gebracht hatte, fuhr ich in ein Blues Geschäft. Um diese Jahreszeit ist die Nachfrage groß, der Blues dementsprechend teuer, aber man kann ihn finanzieren. In den wenigsten Geschäften muss man ja heutzutage noch bar bezahlen. Man unterschreibt einfach etwas und darf alles mitnehmen. Der Blues liegt jetzt neben mir auf dem Sofa. Das ist beruhigend. Vorm Schlafengehen werde ich noch ein wenig trainieren. Mein Flur ist ziemlich lang und Mai-Lin hat mir ein paar Übungen gezeigt.


11:41



ich geb dich auf
ich gehe fort von dir
ich kann dich nicht mehr sehn
ich bleibe hier

ich denke nur an dich
ich bin nichts ohne dich
du bist mein stern ich dein planet
verwehen wir bis nichts mehr geht

16:39

Gerade ein Anruf vom Blues Geschäft. Mein Blues sei ein sehr böser Blues, die 45jährige Verkäuferin (Marion N., Sportfrisur, Vorliebe für Silberschmuck, ausgeprägte Bindungsfurcht und die emotionale Reife einer 18jährigen) sei nur Aushilfe, die hätte den Blues nur gegen Vorlage eines Krankenscheines verkaufen dürfen, ob ich ihn schon benutzt hätte.

Nein, sagte ich ich, oder, doch, denn er hatte ja mit mir auf dem Sofa gelegen. Aha, sagte der Anrufer, nun, das sei relativ ungefährlich, ob ich einverstanden wäre, wenn gleich jemand käme, der sich mit sehr bösem Blues auskenne, ihn einfange und mir stattdessen einen Blues da lasse, der auch ohne Krankenschein erhältlich sei. Nein, das gefiele mir ganz und gar nicht, antwortete ich, der Blues gefalle mir, ich hätte mir vorgenommen, ihn heute abend intravenös zu mir zu nehmen, wenn also ein Irrtum vorläge, sei das nicht mein Problem und legte auf.

Nun bin ich gespannt, was passiert. Es ist nämlich so, dass Mai-Lin später vorbeikommen will. Sie ist sehr klein, was bei asiatischen Menschen nicht ungewöhnlich, aber für manche ihrer Übungen sehr praktisch ist. Ich freue mich, denn mit Blues ist so eine Übung doppelt befreiend.

19:25

Zitat: Peter Henisch. Morrisons Versteck. Roman. Seite 283:

... wählt nicht zahlt keine Steuern widersetzt euch der Polizei verbrennt euer Geld zerstecht Autoreifen wälzt um und zerstört die sogenannte Kultur lasst die Vergangenheit fahren scheißt lieber auf alles als die sterile debile Reinigungsmaschine weiter zu betreiben eßt weniger zieht weniger an arbeitet weniger tut nichts das nicht direkt zur großen Umwandlung beiträgt Poesie bricht jedes Gesetz - ach Kinder, ihr sprecht mir aus der Seele!


Mi 2.03.11 10:54

Heute heißt es, Reichtümer beiseite schaffen. Es kann nicht angehen, dass nur die Immergleichen so etwas dürfen, unsereins hat schließlich auch etwas zu verbergen. Da meine Pensionierung am Horizont aufsteigt, ist es wichtig, solche Aktionen vorzunehmen, eh jemand Einwände erhebt. Mai-Lin hat Cousinen in Lichtenstein. Sie arbeiten im Finanzwesen, genauer hat sie es nicht erklären können, aber mit deren Hilfe habe ich einen Plan erstellt, Geld zu transferieren, was meinem Lebensabend ein wenig mehr Komfort sichert. Es wird also schon bald wieder möglich sein, alle zwei Tage eine warme Mahlzeit zuzubereiten und dann und wann einen kurzen Urlaub am Meer zu verbringen (Hinfahrt morgens in aller Frühe - Rückfahrt abends). Ich freue mich.

Nun aber beginne ich mit der Arbeit, sonst kommen mir andere zuvor. Ich habe Mai-Lin noch einen Euro zugesteckt, sie war gut gestern abend, jetzt muß sie zurück in ihr Missionshaus. Ihre Schwestern warten.

Was Frau E. anlangt, weiß ich momentan keinen Rat. Sie scheint unsicher, was ihre Funktion als Stalker angeht, obgleich ich sie gar nicht als Stalker wahrgenommen habe, sondern als Bereicherung meines langweiligen Daseins, in dem sich wenig bis nichts bewegt.

Ich könnte sie als Protagonistin eines Romans implantieren. Nach dem Training gestern habe ich lange darüber nachgedacht, aber wie das so ist nach schweißtreibenden Übungen, man sitzt, man raucht noch ein Pfeifchen, schon treiben die Assoziationen in jede Richtung, um sich bei Tageslicht betrachtet wieder nur als Illusionen zu entpuppen.

Morgen werde ich ein Interview geben.
Übermorgen treffe ich den Kaffeemillionär.
Vielleicht hat er Vorschläge zur finanziellen Sanierung.

23:00

Aus der Hand gelesen





Do 3.03.11 18:56

Ich glaube, ich hab ein gutes Interview abgeliefert. Der Rest des Tages wurde mir durch mein E-Mail Konto vergällt. Es weigert sich plötzlich, E-Mails zu versenden. Es gibt mir Fehlermeldungen mit eingebundenen Fehlernummern (E29). Nach einigem Hin- und Hertelefonieren mit der Hotline schickte man mir Anleitungen, denen ich folgen und die dazu führen sollten, das Programm zu reparieren.

Nichts davon hat funktioniert. Dinge, die ich anklicken sollte, waren nicht auffindbar, andere ließen sich nicht ändern, mir fehlten Passwörter, es war ein beschissenes Durcheinander. Ich fürchte, ich benötige professionelle Hilfe.

Ansonsten: man glaubt an mich.
Man findet, meine Arbeit habe hohes Niveau, ich solle nicht verzagen.
Ich verzage ja auch nicht. Ich will nur Bargeld. Nicht viel, aber genug.


Zitat Peter Henisch:
Hoffmanns Erzählungen - Aufzeichnungen eines verwirrten Germanisten,
Roman, Seite 229 ...

... Immer wieder versuchen sie, unsere Phantasie in Fesseln zu legen. In den Schulen, in denen man mehr verlernt als lernt, in Berufen, zu denen man sich nicht berufen fühlt, in einer Wissenschaft, die längst nicht mehr für, und einer Politik, die längst schon gegen den Menschen da ist etc. etc. Dann scheint sie (die Phantasie) darnieder zu liegen, man kann sich bald gar nichts mehr anderes vorstellen, als die Weltherrschaft der Philister. Kaum mag man mehr leben - und wenn man gerade tot ist, dann macht die Aussicht auf Reinkarnation überhaupt keinen Spaß mehr...

21:29

Sehr geehrte Frau E.

Ich vermisse die Schilderungen ihres progessiven Alltags, wenngleich mir nie klar wurde, was dahinter steckt, aber sie hatten sich in meinen Tagesablauf geschlichen, und so bin ich gespannt, wie Sie das von Ihnen getürmte Babylon entkernen.

Zu Ihrer und meiner Freude ein Foto, das mich im Innenhof meines Schlosses zeigt, in dem ich mich hin und wieder für ein verlängertes Wochenende aufhalte. Ansonsten lebe ich auf Ibiza. Ich habe dort ein kleines weißes Haus im maurisch Stil, in dem es sich leben lässt.

Sollten Sie verwundert sein, dass ich mir diese Extravaganzen leiste, seien Sie versichert, das hat nur mit Ihnen zu tun. Ich habe nämlich den Rat befolgt, den Sie mir damals gaben, und bin selbst Guru geworden. Das ist ein sehr einträgliches Geschäft. Selbst Ihnen könnte ich jederzeit den größten Mist erzählen, Sie würden es lieben und für ein Retreat im Anam Cara ohne mit der Wimper zu zucken 2000 Euro zahlen. Meine Klienten sind durchweg Frauen Ihres Alters. Frustrierte Schachteln, die gar nicht mehr wissen, warum sie verwirrt sind, aber das kann mir nur recht sein. Ich richte sie für kurze Zeit wieder auf, mache sie peu a peu abhängig von mir und meinem billigen Zauber und nenne das Kundenbindung.






Fr 4.03.11
16:48

Ich mag Furchen und Falten, Ringe unter den Augen und den Bart.
Ich bin ein Mann, der etwas hinter sich hat und wer weiß noch was vor, und am Sonntag werde ich 62.

Ich habe in den Tagen, als Frances hier war, einen Ausdruck gelernt, der etwas beschreibt, was im Englischen funktioniert, hier jedoch häufig holpert. To banter. Zwei Menschen treffen sich und haben einen kurzten, taktlosen Dialog, freundlich und mit schwarzem Humor. Gern auch
mit sexueller Konnotation.

In diesen Breiten versuche ich so etwas dann und wann. Wenn jemand darauf eingeht, bin ich glücklich. Gerade etwa kaufte ich Brot und sagte zur Backfachverkäuferin Denise: Sie sollten einen doofen Hut aufhaben und eine rote Nase. Sie stutzte und sagte: das wäre sicher lustig, aber mein Kollege macht da nicht mit... Der mit dem langen Kinn? fragte ich. Sie lachte. Sie weiß, ihr Kollege ist hässlich, wahrscheinlich eine Zangengeburt, man weiß nicht, wo der Kopf aufhört und der Hals anfängt. Ich lachte auch. Sollte er mal einen Hut aufsetzen, sagte ich, sagen Sie Bescheid. Dann mache ich ein Foto. Sie zwinkerte mir zu, als ich gehe. Sie hatte auch gezwinkert, als ich kam, sonst hätte ich mich das nicht getraut.

To banter.

Ich stehe beim Ostberverner Kartoffelbauern, sage 5 Zentner, er nickt und sagt: Wie soll ich Sie eigentlich ansprechen. Herr Buchautor? Nein, Hermann Mensing, sage ich. Hermann? sagt er. Ich kenne Sie jetzt seit dreißig Jahren. Nichts dagegen, sage ich. Und selbst: Töns, sagt er. Also, Töns, sage ich. Guod goan. Jau, Hermann, sagt er.

So ist das in Westfalen. Man braucht dreißig Jahre, und dann geht alles ganz schnell.
Wir sprechen noch über's Geschäft. Er über seines, ich über meines, wir kommen überein, dass wir das Unsrige gern tun, das wir es so tun, wie wir wollen, egal, was andere denken, und dass das das Beste ist, was man tun kann, dann hat man ein gutes Gefühl, wenn man den Arsch zusammen kneift.

Ich liebe das Leben. Es gibt nur zu viele Idioten.


Sa 5.03.11 12:50

Rind oder Schwein? Chili con Carne oder Gulaschsuppe? Mein erster Plan hieß Chili con Carne. Beim Metzger schwenkte ich um, kaufte Rindfleisch, ging in den Supermarkt, kaufte Pilze, Paprika, trug alles heim und begann mit der Prozedur. Nun ist die Suppe angesetzt, muss aber noch köcheln, damit sie Geschmack aufnimmt. Ich werde mich aufs Sofa legen und ein wenig ruhen. Ruhen ist das Beste, was einem einfallen kann, wenn einem sonst nichts einfällt.

Gestern abend habe ich mich in meinen neuen Roman eingelesen. Es ist nämlich oft so, dass ich nicht mehr genau weiß, was drin steht, wenn er schließlich erschienen ist. Und da ich in vierzehn Tagen auf der Buchmesse Leipzig lese, dachte ich, wäre es nicht falsch, einen Blick hinein zu werfen und laut zu lesen. Im Interview hatte ich gesagt, Literatur müsse klingen. Sie müsse das haben, was die Hip-Hopper Flow nennen und der Germanist Jambe, Daktyle etc., und ich darf sagen, die Räuber haben Flow. Ich werde in Leipzig tun, was ich immer tue: ich werde auf Seite 1 beginnen und erst aufhören, wenn man mich von der Bühne schießt.


So 6.03.11
12:09

Ich bin sehr zufrieden.
Gegen vier war die Wohnung aufgeräumt, alles war gespült, ich saß auf dem Sofa und dachte, so ist das also, ich werde schon wieder Opa. Schade, dass ich das nicht mit dir besprechen kann.

15:45

Hier der Link zum Lied, das Sie sich textlich jedoch ein wenig umdenken müssen, ich werde 62.


Mo 7.03.11
13:16

heut tu ich mir leid
heut bereue ich dass überhaupt ich je
heut bin ich bereit
heut tut alles weh

15:41

Grüße aus der Hochburg des Frohsinns




Di 8.03.11 9:43


Ich erschrecke bei stabilen Wetterlagen mit Sonne. Ich frage mich sofort, was habe ich falsch gemacht. Liegt es am CO2 Ausstoß oder an Ergasborungen, hat es mit überhöhtem Mischungen aus THC, Nikotin und schottischen Hochlandwhisky zu tun, was zum Teufel ist hier los.

Schließlich bin ich nicht 62 geworden, damit nichts mehr zu wünschen übrig bleibt. Im Gegenteil, ich bin zu allem bereit, schüttle den Kopf über die Prinzipientreue ehemaliger Revolutionäre, bin stolz auf meine Söhne, die (einer wie der andere) - ähnlich prinzipientreu - auf Kursen unterwegs sind, die ich nur akzeptieren kann, mehr nicht, denn Väter haben Erfahrungen, die Söhne erst noch machen müssen, und wissen daher von vornherein alles besser.

Das ist das Schicksal von Vätern und Söhnen.
Anstrengend manchmal. Aber man liebt sich, und das ist die Hauptsache.

Das Wetter animiert, und da habe ich mich gestern auf dem Balkon besonnen lassen, bin in den späten Nachmittag geglitten wie die Hand in den Rindslederhandschuh, habe gelesen, geruht, habe die oben genannten Techniken im Hinblick auf stabile Wetterlagen genutzt, und genoß das Gefühl, dass der Tag Eins meines dreiundsechzigsten Lebensjahres nach dem Fest vom Samstag ganz allein mir gehört. Ich bin seit 21 Monaten allein. Die Tage, an denen mir das Alleinsein gefällt, häufen sich. Ich will dann niemanden sehen, nichts von deren Lebensentwürfen hören, ich habe genug mit mir zu tun.

Das Blau spannt von hier bis dort, Schneeglocken läuten, die Krokusse vorm Balkon ärgern mich wie im Vorjahr. Auf der Packung war sie farbenfroh ausgedruckt, in Wirklichkeit sind sie blass. Das (und die Welt) will erklärt werden. Da das unmöglich ist, ist es mein Job, zu berichten. Schöne Aufgabe, denke ich, wenn auch alles gesagt ist. Im Augenblick gibt es nichts aufzuschreiben, ich bin leer, ich muss leben.


Fangen wir also von vorn an? Ja. Natürlich, wo sonst.

Nichts ist abgeschlossen, alles vorübergehend, wir sind Gestalten in Time.


Mi 9.03.11 15:13

Nur noch Herztiere in meine Nähe.
Alle Menschen, die dem Primat kognitiver Lösungen (womöglich noch "objektiv") huldigen, bitte verschwinden.


Do 10.03.11 21:23

ich
ruhe
warte
träume
verweile
wo helfer
keine hand
mehr reichen
ich weiche nicht
und wenn es aus ist
macht mich zu asche bitte


Fr 11.03.11 10:03

Seit Tagen schmerzt mein linker Arm, aber nicht nur er, der rechte schmerzt auch. Manchmal schmerzen sie gleichzeitig. Natürlich denkt der vom Gesundheitswahn der Gegenwart geplagte Mensch sofort das Schlimmste: Infarkt. Schlaganfall. Notarzt. Er hat ja sonst nichts, worüber er sich aufregen könnte, er liest Zeitung, er weiß, wer warum woran wann stirbt und wann nicht, er weiß auf alle Verhütungs- und Lebensverlängerungsstrategien einen Reim. Während er also prüft, ob die Lebensversicherung zum 1.05.2011 erhöht werden sollte, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Man hatte ihn doch auf seiner Geburtstagsfeier zum Armdrücken aufgefordert. Er, der noch nie einen Arm gedrückt hatte, sah sich plötzlich mit einem über dreißig Jahre jüngeren, kräftigen Gegner konfrontiert, ein Rechtshänder. Die beiden kämpften einen ausgeglichenen Kampf. Rechts gewann er, links ich, denn ich bin Linkshänder. Meine Gäste waren erheitert, aber bis auf einen weiteren wollte keiner kämpfen. Den besiegte ich links und rechts.

12:48




jimi hendrix
hat sich verschluckt
brian jones ist ersoffen
buddy holly stürzte ab
und curt cobain schoss sich in den kopf
der man wurde von einer welle erschlagen
die frau sagte fragen sie lieber nicht
die welle war morphium
für die frau
die frau war glück für den mann
buddy holly hatte pech
curt cobain hatte sich überschätzt
der mann aber hatte alles auf einmal
und hat überlebt
so etwas nennt man ironie
nichts zählt mehr
außer jetzt
jetzt ist der ort
eins sein wäre schön
denkt der mann
und versenkt seinen hörsturz
im klo



23:10

Damals wollte der Millionär, dass ich seinen Maserati fahre. Ich lehnte ab. Heute erzählte er, dass er den Maserati verkauft und stattdessen einen Porsche Carrera S gekauft habe, aber zum Studio wolle er mit der Ente fahren. Er besitzt eine Ente, einen Citroen DS 21 Cabrio, einen Morgan, einen Audi A 8 und den Porsche. Mit einer Ente fahre ich nicht, sagte ich, das ist mir zu gefährlich. Gut, dann nehmen wir den Porsche, sagte er. Willst du fahren? Ja, sagte ich. Also spielten wir kleine Jungs. Auf Landwirtschaftswegen von Null auf Hundert in vier Sekunden. Die Wege werden dabei sehr schmal und der Horizont kommt schneller als man denken kann. Als wir das Studio erreichten, war ich sehr aufgeregt. Es macht Spaß, Porsche zu fahren. Auf dem Rückweg war ich schon mutiger. Da erreichte ich 150.



Sa 12.03.11 10:30

Wer an der Schnittstelle zwischen Stadt- und Land wohnt, weiß, was an einem Samstagmorgen, der ersten, zarten Frühling verheißt, geschieht. In vielen Gärten brüllen Verbrennungsmotoren, mit deren Hilfe der Handtuchgartengärtner verschiedenem Grün, Holz und Sonstigem zuleibe rückt. Da hilft nur, in die Stadt zu flüchten, auf den Markt, gleich.

15:23

Sie häckseln noch.
Ich erschieße sie jetzt, freue mich, dass Ruhe ist und beginne zu kochen.

20:59

Schade, dass immer Blut fließen muss. Ich zöge eine demokratisch legitimierte Entscheidung vor, aber eh da alle gefragt sind, vergehen Jahrhunderte. Darauf wollte ich nicht warten. Ich habe die Kleingärtner in ihren Gärten bestattet und fuhr, statt zu kochen, in einen Park der Südstadt, um meinen Enkel zu treffen.

Dort kann man (falls man nicht sofort unter Päderastenverdacht gerät und vertrieben wird) interessante soziologische Beobachtungen machen. Bildungsnahe glucken mit Bildungsnahen (Themen: Backen ohne Zucker, Essen ohne Fleisch, Kindererziehung ohne Kinder), ausländische Mitbürger mit ausländischen Mitbürgern, Ledige ohne Kinder mit Ledigen ohne Kinder undsoweiter. Man staunt, wenn ein Bildungsnaher plötzlich vom Grillen erzählt und feststellt, dass eines der anwesenden Kinder nach Rauch riecht. Womöglich hat das Kind Schaden genommen.

Mein Enkel hat mich wiedererkannt. Ich hatte ihn eine Weile nicht gesehen, weil mir einige Ansichten bildungsnaher Eltern (wer in Anwesenheit von Kindern im Park raucht, muss bildungsfern sein) nicht gefallen und Lebenslust vermissen lassen, aber ein Enkel ist ein Enkel. Als Hausmann kenne ich Kinder in- und auswendig und falle nicht mehr vor Begeisterung um, wenn sie etwas stammeln, das nur Eltern verstehen, aber wenn mein Enkel Opa sagt, bin ich gerührt.

Nun treibe ich in den Abend.
Mal sehn, was noch passiert. Wahrscheinlich gar nichts.


So 13.03.11
00:24

Ich hatte Recht. Es ist nichts passiert.

16:09

Letzten Monat im Nightsky Studio entstanden.
Ich hörte Carstens Musik, schrieb ein paar Zeilen, das Mikrofon stand bereit, Zack, hatten wir'n Lied.




Ich hatte einen schönen Tag,
gestern um kurz vor eins,
sie sagte, dass sie mich sehr mag,
ich sagte ich bin deins.

Um viertel zwei jedoch verschwand sie,
sie ließ nur ihre Wäsche da,
ich gab mir Mühe und verwand sie,
als Kaffeefilter etwa ihren Wonder Bra.

Seitdem schmeckt jeder Aufguss süß,
als hätt ich sie verzaubert,
ich hoffe nur, dass ich nicht büß,
denn sie hatte gezaudert.

Ich hoffe, dass wie wiederkommt
ich will sie nie mehr sehen,
ich weiß, nur wer sich selbst belohnt
kann nachher gerade stehen.

17:10

Interview zum neuen Roman

20:18

Herr Mensing, der uns von seinem Wohnzimmer zugeschaltet ist, möchte seinen israelischen Freunden zu der klugen Entscheidung gratulieren, neue Siedlungen auf palästinensischem Gebiet zu errichten. Wir als Volk ohne Raum verstehen das, ruft er. Weiter so.



Mo 14.03.11 16:47

Seidig die Luft, der Himmel mausgrau, alles was balzen kann balzt. Vorhin für Momente sogar Sonne.

19:54

Was nun das Funktionieren eines Atomkraftwerkes angeht, höre ich nichts als vertuschende, irreführende Informationen. Sind die Spaltungsprozesse in einem Reaktor erst einmal in Gang gebracht, kann man ihn nicht mehr abschalten wie eine Kaffeemaschine. So ein Brennelement hat eine Halbwertzeit von vielen tausend Jahren. Es ist wie ein VW: es strahlt und strahlt und strahlt.

Mein Nachbar, ein Geophysiker, brachte ein Beispiel, um die Idiotie dieser Technik zu verdeutlichen. Er sagte, stell dir einen Hubschrauber vor, der wieder und wieder in der Luft aufgetankt werden muss, denn wenn er landete, würde er explodieren und die Folgen wären verheerend. Ob das so stimmt, weiß ich auch nicht, aber mir gefiel das Bild.

Mit diesen beruhigenden Nachrichten verabschiede ich mich für heute.


Di 15.03.11
14:33

(neue version 28.03.11/20:02)

ich bin ein alter schriftsteller
und stelle schrift wie ich will
ich trage die volle verantwortung
ich bin ein alter schriftsteller
und hebe jedes wort
wenn es da ist
ich bin ein alter schriftsteller
und schreibe mich bis ans ende des lebens
das ist das schöne
das schreckliche ist
dass ich nichts weiß
alte schriftsteller sind immer da
und unterscheiden sich nicht
alte schriftsteller haben alte füße
alte köpfe und alte geschlechtsteile
aber sie sind nicht schlechter als junge
nur nicht mehr so schnell
ich bin ein junger schriftsteller
der jetzt alt ist und träumt
ich träume trümmer und neubauten
und weiß nichts von architektur
so ist das mit alten schriftstellern
alles andere stimmt nicht


20:35

Ein Künster tut gut daran, wenn er Kulturschwarz im Kleiderschrank hat. Wenn er eine Ausstellung eröffnet, lädt er natürlich all jene ein, die er fotografiert hat, die kommen, weil sie eitel sind, mindestens so eitel wie ich. Das garantiert schon mal 50 bis 60 Gäste, für eine Vernisssage nicht schlecht. Wenn er zudem Professoren bewegt, Reden zu halten, denken alle, die beim Betrachten der Fotos vielleicht noch gedacht hatten, na, das kann ich auch, nein, das kann ich wohl doch nicht und sind beeindruckt.

Ich habe kein Kulturschwarz im Schrank und will auch keines, denn Kunst ist kein Grund zur Trauer. Nach Betrachten der Fotos habe ich sofort Reißaus genommen, um mich im Netz über meine Eitelkeit, meine Unfähigkeit zu small talk, mein fehlendes Kulturschwarz, über die Professoren, das Parfum, das im Raum schwebt, über das falsche Lachen und die abzugreifenden Gratisgetränke zu ereifern. Deshalb wird aus mir nie etwas werden. Meine Abneigung gegen Vernissagen und Künstlertum steckt in mir und will nicht, dass ich sie relativiere. Dazu bin zu blöd/zu klug, das müssen andere entscheiden. Ich werde mich jetzt auf mein Sofa legen und lesen. Damit Sie aber zumindest ein Foto dieser Ausstellung sehen können, die etwas prätentiös (finde ich) faceII/stadtgesichter heißt, hier ist eines.






Mi 16.03.11 9:31

Die Frage, ob ich mit dem Auto oder der Bahn nach Leipzig fahre, ist noch nicht entschieden. Beim Autofahren kann ich nicht dichten. Beim Bahnfahren nicht Autofahren. Beim Autofahren könnte ich dem Land ringsum Besuche abstatten. Beim Bahnfahren säße der Besuch unter Umständen neben mir. Wie alle großen Fragen muss auch diese innerhalb der nächsten Stunden entschieden werden.

Ich denke, ich lasse mich inspirieren.

Wie Sie vielleicht längst ahnen, bin ich Meister der Inspiration. Sie überkommt mich fast täglich. Häufig kündigt sie sich mit Schaum vorm Mund an. Zuckungen kommen hinzu und dann bricht es aus mir hervor und siehe da, ein Roman ist geschrieben. Oder nicht eine Zeile, denn die Inspiration (samt Schaum vorm Mund, Zuckungen und was es sonst so an Merkwürdigkeiten gibt, nächtens, vor allem nächtens, wenn die bewussten Steuerungen abgeschaltet sind und das Unterbewußtsein übernimmt), diese Inspiration, auch Eingebung genannt, ist ein Wunder.

Ich nehme Tabletten, damit das nicht überhand nimmt, schließlich sehe ich nicht einladend aus, wenn ich so zucke und schäume. Das will (und soll) natürlich niemand sehen. Sehen sollen Sie höchstens die blank polierten Endergebnisse dieser qualvollen Prozesse, die sollen Sie sehen und kaufen. Den Rest erspare ich Ihnen gern.

Ich werde nun in mich gehen.

Sie werden verstehen, dass um diese Tageszeit verschiedene Spaltprozesse, die in den vergangenen Stunden stattgefunden haben, zu einer, nun, nicht gerade Kernschmelze-, jedoch zu gewissen Erleichterungen verbunden mit Kontaminationen der Luft führen, die, das weiß ich aus Erfahrung, oft zur Erleuchtung führen können, nicht müssen.

Von höchster Priorität ist auch die Kleidungsfrage. Kulturschwarz, das haben Sie begriffen, scheidet aus. Was aber zieht ein Mann, der tagein tagaus am liebsten seine Lieblingshosen und Pullover trägt, allesamt eher ältere, zeitlose Modelle in jungendfrischen Farben, was also zieht so ein Mann an, der am Freitagmorgen um 10:15 auf der Leipziger Buchmesse vor voraussichtlich fünf Zuschauern aus seinem neuen Roman liest? Sollten Sie Vorschläge unterbreiten wollen, verbitte ich mir das.

Und nun schreite ich zu weiträumigen Kontamination meiner direkten Umwelt.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

15:51

Es wird wohl das Automobil.
Die Kleiderfrage hingegen harrt noch einer Entscheidung.

17:50

Nach wie vor könnte es aber durchaus auch noch die Eisenbahn werden. Sie werden verzeihen, aber mich hat eine Verzagtheit angesprungen, die mit dem Frühlingsein und -abruch der letzten vierundzwanzig Stunden zu tun hat, ich weiß es nicht. Ich säße gern in südlicher Sonne, ich säße dort und neben mir säße die, die fort ist, wir also säßen dort, ich der noch Lebende, sie die Verschwundene, die Tote, wir säßen und die Welt wäre um uns und gleichzeitig fort, die Welt könnte tun und lassen, was sie will, wir wären in Frieden, wir hätten nicht viel, aber wir hätten genug, ich hätte Fragen und sie hätte Antworten, und wenn nicht, reichte es, dass sie neben mir säße, so sollte das eigentlich sein, stattdessen Buchmesse Leipzig, Wiener Kaffeehaus, Halle 4 D 211/E 210 Freitag, den 18.03. um 10:15 Uhr, wogegen nichts weiter zu sagen ist, Leipzig allein hin, Leipzig allein zurück, drei mögliche Routen mit dem Auto, eine mit dem Zug, allein mich dem stellen, was ich ganz und gar nicht mag, nur auf das Lesen freue ich mich, den Rest dürfte mein Avatar gern erledigen. Sie werden aber bemerkt haben, dass meine Schreiblust zurückkehrt. Noch ist nichts am Horizont, das nach Aufschreiben schreit, aber die Fingerübungen nehmen zu.


Do 17.03.11
1:09

Die Kleiderfrage ist entschieden.
Die Transportart noch nicht. Ich werde das überschlafen und hoffentlich am Morgen zu einem Konsens finden. Im Augenblick spricht wieder vieles für die Bahn.


So 20.03.11
10:56

Kaum im Haus gestern nach viereinhalbstündiger freier Fahrt durch Sachsen, Sachsen-Anhalt (1 toter Waschbär kurz hinter Halle), Niedersachsen und Nordrheinwestfalen klingelt das Telefon. Jemand mit osteuropäischem Akzent sagt wie er heißt, er habe meine Gedichte gelesen und er arbeite an einem Projekt, über das er mit mir sprechen wolle. Sind Sie Verleger? frage ich. Nein, sagt er, und beginnt zu erklären. Er habe Deutsch durch das Lesen der Bibel gelernt sagt er, und da fürchte ich, dass er mich bekehren will, stattdessen sagt er, dass er meine Reimkunst liebe und verehre und wickelt mich für die nächsten Minuten in meine Eitelkeit.

Ich erfahre, dass er die Ilias von Homer, die er in einer Übersetzung von Voß vorliegen habe, in Reime übertragen wolle, in russische Reime, und ich solle die deutschen schreiben. Sie sind sicher humanistisch gebildet? frage ich, und er bejaht. Ich nicht, sage ich, und ich sage auch, das hört sich nach viel Arbeit an. Ja, sagt er, viel Arbeit, ob er mich nicht einmal besuchen dürfe, seine Tochter studiere in Münster, da brauche er nur seinem Navigationsgerät folgen, das fände mich schon. Ich bin neugierig und sage ja. Also werde ich am Montag einen Russen treffen, der der Stimme nach weitaus älter ist als ich, eine griechische Heldensage in Reime fassen will und meine Reimkunst rühmt.

Soweit zunächst.
Die Sonne scheint, alles schreit hinaus hinaus.

Um ihre Neugier ein wenig anzuheizen, hier ein Foto meines Bettes in Leipzig.
Darauf ein Apfel der Erkenntnis und meine Mütze.
Ersterer führte zu nichts, die Mütze jedoch hielt den Regen ab, der Donnerstag bis tief in die Nacht fiel.



14:58

Wieso zum Teufel sollte ich die Ilias in Reimen packen? Sie interessiert mich doch gar nicht. Ich beschloss, den Russen anzurufen und das Ganze abzusagen. Ich hatte ihm ja erläutert, dass ich Autodidakt sei und stolz darauf. Seine Frau meldete sich. Ist ihr Mann da? Ich rufe ihn, sagte sie. Ich hörte Stimmen. Aber es war nicht eindeutig, ob Russisch oder Deutsch gesprochen wurde. Es entstand einiger Lärm und dann hatte ich das Gefühl, der Russe sei am Apparat, aber er sagte nichts. Ich sagte was. Ja? sagte er. Ich erklärte ihm, dass es besser wäre, er käme nicht, bestimmt könne ich seine Erwartungen nicht erfüllen. Ich sei mit Hexametern nicht vertraut, mein Sprachrhythmus speise sich aus anderen Quellen, worauf er erwiderte, er habe aber doch gesagt, er wolle nur, dass ich die Ilias in Reime brächte, ich könne so gut reimen, und Reime machten das Lesen um so vieles einfacher. Er habe geforscht. Es gäbe da nichts, weder im Russischen, noch im Englischen. Aber wieso ich? fragte ich. Was haben Sie denn von mir gelesen? Was da im Netz ist, sagte er, aber ich kann Ihnen jetzt nichts hersagen.

Ich, noch immer vor Eitelkeit sabbernd, sagte, aber machen Sie sich keine Hoffnungen. Ich mache nur, was ich will. So ein Projekt ist doch aussichtslos, nirgendwo ist nur ein Funken Hoffnung auf Gelderwerb. Darum geht es auch nicht, sagte er, es geht um die Ilias, es ist ein Projekt. Wer kann schon wissen, was daraus wird, das spricht doch nicht dagegen. Außerdem sei er auch ein wenig verrückt, ja, das gäbe er gerne zu, aber das müsse ich nicht fürchten, er freue sich, und auf morgen dann. Da es nun bei diesem "auf morgen" geblieben ist, könnte es sein, dass mir ein Romanheld ins Haus marschiert, ich werde ja sehen, morgen um drei, wenn der Russe kommt.

17:06

Einen Titel hätte ich schon:
Wenn der Russe kommt.

Titelschutz für alle Weltsprachen.

21:21

Vor zwei Stunden wieder das Telefon. Der Russe. Er habe nachgedacht. Sicher hätte ich viel zu tun. Er wolle nicht stören und komme lieber nicht. Schade, sagte ich. Ich hatte mich schon gefreut. Sie stören nicht. Sie müssen nur wissen, dass ich das wahrscheinlich nicht mache. Ich will Ihnen das Projekt ja auch nur vorstellen, sagte er. Dann kommen Sie, sagte ich. Gut, dann also bis morgen.


Mo 21.03.11 10:43


Leipzig Buchmesse 1

Um zu einer Entscheidung zu gelangen, blieb nichts, als die Münze zu werfen, denn die Argumente hatten längst Krieg begonnen, der, wie alle kleinen und großen Kriege, sind sie erst einmal losgetreten, nicht so ohne weiteres beendet werden konnte. Die Münze stieg auf, klebte für einen Sekundenbruchteil am Scheitelpunkt, fiel herab, ich fing sie auf, schlug sie in die Handfläche der anderen Hand und hatte ein Ergebnis.

Es regnete. Ich hatte mich vorbereitet. Es gab drei Routen, alle in etwa gleich lang, es wäre also egal, diese oder jene zu favorisieren, aber ich hatte mich für die Route durch den Harz entschieden, A2 bis Unna, A44 bis Kassel, A7 und dann auf die A38, hinein in den tiefen Osten, den ich noch immer als nicht mir zugehörig empfinde.

Dass so ein Navigationsgerät nicht alles weiß, wusste ich längst, ich ignoriere es, wenn ich etwas besser weiß, diesmal war es jedoch geradezu renitent und versuchte noch bis Paderborn, mich von der A44 diagonal zur A2 zu lotsen.

Die nagelneue A38 sticht in den Osten, am Kyffhäuser vorbei, der aussieht wie die Kupferschieferabraumhalden im Land, das sich nach den stärkeren Verwerfungen im Harz auf Leipzig hin sanft wölbt. Ich hätte gern weiten Blick gehabt, aber die Luft hatte den Aggregatzustand H2O, alles war Gischt.

Den Zielort findet das Navi ohne Problem, Leipzig offenbar linkerhand, vorbei an einem riesigen Freizeitpark, der unwirklich da liegt, verwaist in einer beigen Ebene durchsetzt von Birken, Grassteppe und kleinen Seen, unterwegs jedoch glaubt es kurz, dass die A38 bei Bleicherode aufhört, quasi im Nichts verschwindet, es fordert mich auf, die Autobahn zu verlassen, aber ich bin ja nicht blöd, ich fahre geradeaus. Ich lande gegen 14:30. Mein Hotel ist fünf Minuten vom Bahnhof und der historischen Altstadt. Jetzt erst einmal ruhen, ein bisschen ruhen, dann in Ruhe schauen.

12:33

Leipzig Buchmesse 2

Erster Kontakt mit dem ehemals sozialistischen Eingeborenen nahm ich in der Raststätte Rohnetal Süd auf. Wenn man dort sitzt und den Hals ein wenig verrenkt, sieht man den Kyffhäuser, in dem, wenn mich nicht alles täuscht, jemand hockt, möglicherweise der Kaiser Barbarossa. Dieser Eingeborene war weiblich und erklärte, dass die Bockwurst, für die ich mich entschieden hatte, erst noch erhitzt werden müsse. Aha, sagte ich, gut. Das dauere nicht lang und man werde sie mir dann an den Tisch bringen, sagte die Eingeborene. Danke, sagte ich und fragte, was das denn für spitzkegelartige Hügel wären, ringsum. Kupferschiefer, erklärte sie, und gar nicht weit gäbe es auch ein Bergwerk, da könne man einfahren, 238 Meter tief.

So etwas täte ich gern einmal. Einmal war ich in Bochum eingefahren, hatte mich schon gefreut, musste dann aber zu meiner Enttäuschung feststellen, dass der Schacht, in den man uns brachte, nicht etwa 1000 Meter unter der Erde lag, sondern höchstens zwei Stockwerke tief, ein Museumsschacht, Hollywood quasi, nicht echt.

Hier aber und an diesem Donnerstag war ich ja im Auftrag des Herrn unterwegs, ich hatte zu tun, man erwartete mich, möglicherweise würde ich Präsidenten und Könige treffen, ich hatte also keine Zeit und setzte mich in Fensternähe der Serways Raststätte, hochmodern, nicht einmal geschmacklos wie die meisten Raststätten, und starrte in den Niesel. Irgendwann kam die Wurst, wenn auch ohne Besteck und Senf, was ich nachforderte. Der Eingeborene, der ja Jahrzehnte Eigentinitiative nur entwickelte, wenn es um seine Datsche ging, entschuldigte sich wortreich und brachte das Geforderte. Ich aß und brach wieder auf. Noch 120 Kilometer bis Leipzig. Da alles Gischt war, konnte ich die Himmelsrichtung nicht erkennen, was mir nicht gefiel.

Die Autobahnen im Osten sind dank unserer großzügigen Aufbauhilfe Ost in hervorragendem Zustand. Wie frisch gebügelt rollen sie über Land, der Verkehr war mäßig, das Fortkommen problemlos, und der erste Eindruck der Stadt positiv. Das Hotel, ein Artotel, gefiel mir. Die sonst übliche Depression, die mich in Hotels augenblicklich anspringt, sprang daneben.

Nach einer kleine Ruhepausemachte ich mich auf den Weg, ging herum, fand die Moritz Bastei, Ort des Lesungsmarathons am Abend, und als ich so da stand, um mich auf dem kleinen, innerstädtischen Plan, den man mir an der Rezeption gegeben hatte, zu verorten, fragte jemand, ob er helfen könne. Ich bedankte mich, nein, ich käme zurecht, aber so etwas stimmt doch froh. Jede Stadt sollte Menschen einstellen, die nichts weiter tun, als freundlich zu Fremden zu sein. So etwas klingt nach. Man erinnert sich und denkt gleich, dass alle in dieser Stadt freundlich seien.

Den Regen jedoch bringt auch das nicht fort, und das Essen in dem kleinen syrischen Bistro, in dem es viele Gerichte gab, die ich aus meiner Zeit als Kellner in einem syrischen Restaurant erinnerte, machte es auch nicht besser.

Auerbachkeller, Nikolai und Thomaskirche, Mädlergasse und Barfußgässchen, alles hatte ich schon gesehen, die Frage aber, ob ich mich später noch zur Moritz Bastei bewegen solle, hatte ich abschlägig beschieden. Sollten sich die Autoren doch ohne mich um Kopf und Kragen lesen. Alle würde da sein, so viel wusste ich, aber Reisen strengt an, ich hatte Lesestoff, und morgen würde ich selbst lesen müssen, also Ruhe.

Außerdem gab es ja diese fortlaufend spannenden Berichte über Fukushima und Libyen. Dem Anschein nach wollte ein wildgewordener französischer Präsident (kaum größer als Napoleon) einem wild geborenen Revolutionsführer endlich mal zeigen, was eine Harke ist. Na dann viel Vergnügen, dachte ich und wendete mich um, um den Apfel zu fotografieren, der auf meinem Bett lag, als ich das Zimmer betrat.




Und dann war da ja auch noch dieser Spruch überm Bett, der mich beschäftigte.




16:47

Der Russe war da. Der Russe kommt aus Westsibirien. Sein Dorf dort hieß Hofenthal. Seine Vorfahren stammten aus der Pfalz. Seit 1995 ist er im Westen. Die Russen, sagt er, sind ein korruptes Volk. Die Tschetschenen sagt er, können und wollen nicht arbeiten. Die Georgier schon mal gar nicht. Und die Kosaken erst, die hatten nur Spaß am Rauben und Plündern.

Er hat vierzehn Brüder und Schwestern. Er ist Protestant. Er hat grünbraune Augen, eine kompakte Statur, Arbeiterhände mit einem lädierten Fingernagel am Daumen der linken Hand. Im Winter, sagt er, wurde es dort manchmal minus 50 Grad und im Sommer plus 30. Im Winter, sagt er, lief den Pferden manchmal das Blut aus den Nüstern vor Kälte.

Zuhause, sagt er, hat er eine Bibliothek. Er hat vier Kinder. Alle studieren. Irgendwann, sagt er, hat er festgestellt, dass es die Ilias gibt und er sie noch nicht gelesen hat. Und da hat er sie sich besorgt, und dann hat er festgestellt, dass er die so kaum versteht und da hat er sich daran gemacht, sie in Verse zu setzen.

Sein Projekt, sagt er, sei ein großes Projekt. Er wolle links die russischen Verse und rechts die deutschen, respektive die Verse in anderen Sprachen. Mittlerweile, sagt er, sitzt er schon an der Odysee.

Sie sind verrückt, sage ich. Ja, sagt er, das sagen die Kollegen auch. Ich sammle nämlich auch Namen, die auf "...slav" enden. Schon über 250 habe er zusammen. Wieso er das tue, fragten ihn Freunde, du bist doch Deutsch, du hast doch mit Slawen nichts am Hut. Er habe geantwortet, weil er neugierig sei.

Der Russe schiebt mir Verse zu, die ich lesen soll. Ich lese sie. Sie lesen sich wie Verse aus Jubiläumsschriften von Schulabgangsjahrgängen. Er schaut mir gebannt zu, die Arme vor der Brust gekreuzt. Jetzt nur nichts Falsches sagen. Ihn nicht kränken. Ich rette mich, indem ich nachfrage, zu welchem Anlass er sie geschrieben haben. Für Freunde, sagt er.

Ich sage, dass ich die Ilias erst einmal lesen muss, eh ich entscheide. Ja, sagt er. Er erwarte ja auch nicht, dass ich mich an seinem Projekt beteilige. Er habe es nur einmal vorstellen wollen. Ich lese sie und dann melde ich mich, sage ich und notiere mir seine Adresse.

Er steht in meinem Arbeitszimmer und sagt: hier arbeitet also ein Schriftsteller. Ja, sage ich. Er sagt, dass er sich sehr gefreut habe, und dass er bisher auf wenig Gegenliebe und Interesse an seinem Projekt gestoßen sei, und ich sage, ich war neugierig, was Sie für ein Verrückter sind. Bekloppt, sagt er. Ich bin bekloppt. Und dann bietet er an, ihn mal zu besuchen, dann wolle er für mich kochen und ich träfe seine Kinder. Seine Töchter, sagt er lachend. Gut, sage ich. Danke für den Besuch. Und gute Heimfahrt. Dann fährt er heim, der Russe.



Di 22.03.11
8:42

Leipzig Buchmesse 3

Eine Plastikkarte mit Magnetstreifen sollte die Zimmertür öffnen. So etwas ist modern, und es funktionierte auch. Aber ich brauchte ich eine Weile, eh ich begriff, dass die Karte auch die Stromkreisläufe meines Zimmer aktiviert. Es gab da so eine kleine Vorrichtung an der Wand, in die man die Karte schieben musste.

Als ich aber nach einem Einkauf bei Aldi im Hauptbahnhof zurückkehrte, funktionierte die Karte nicht mehr. Wie der Ochs vorm Berg stand ich da, versuchte alle drehbaren Varianten, ohne Erfolg. An der Rezeption programmierte man die Karte neu, aber auch danach ließ sich die Tür nicht von mir öffnen. Ich erinnerte mich, dass mir Ähnliches schon in Braunschweig passiert war, in einem dieser großen Hotel, im Marriot, ein gräuslicher Kasten. Auch dort hatte zur Rezeption gehen und um Hilfe bitten müssen. Eine junge Frau war mitgekommen und hatte die Tür mit einem Lächeln geöffnet.

Ich hatte mich geschämt, mich alt gefühlt, und ahnte, dass dasselbe gleich wieder passieren würde. Aber mir blieb nichts, ich musste ja in mein Zimmer. Die junge Frau an der Rezeption kam also mit mir hinauf, schob die Karte in den Schlitz und gleich wieder hinaus, das grüne Licht blinkte, die Tür ließ sich öffnen. Das ist gemein, sagte ich. Ach, man muss das nur einmal wissen, sagte sie. Die Schlüssel früher waren viel besser. Schnell muss es also gehen, dachte ich. Nicht zögern, reinschieben und sofort wieder hinausziehen, das ist alles.

10:20

Leipzig Buchmesse 4

Vielleicht wiegt Aristoteles über mir etwas schwer. Vielleicht ist es aber auch die Aufregung. Das Bett ist bequem, dennoch schlafe ich flach. Ich erwache ein paar Mal. Ich denke, gut, ich schaffe das schon, morgen. Zwischendurch das dumpfe Poltern der Straßenbahnen, die Richtung Bahnhof fahren. Erst sechs. Ich drehe mich noch einmal um. Ich schaue Nachrichten. Auf NTV die Welle in Endlosschleifen. Ich kann sie nicht mehr sehen.

Dann ist Frühstückszeit. Gestern hatte ich im "Menschenflug" von Hans Ulrich Treichel gelesen (knochentrocken, der Mann, lakonisch sein Humor, ein Ostfale eben), dass die Häufigkeit bunter Oberhemden bei Männern ab Fünfzig zunähme. Mein orangenes Hemd ist ein sehr schönes Hemd, mit Alter kann das kaum etwas zu tun haben, eher mit meiner Renitenz gegebenüber Kulturschwarz. Außerdem bin ich über sechzig.

Im Frühstückraum erwartet mich eine Mischform aus absurdem Theater, Volksbühne und messerscharf pointiertem Gesellschaftsdrama, aber ich bin kein Zuschauer, ich stelle dar. Der Weg zu meinem Tisch wird von Augenpaaren gesäumt. Jedes mustert, taxiert und zieht Schlüsse. Es ist nicht einfach, diesen Catwalk zu laufen, ohne zu verstolpern oder Tischkanten zu touchieren. Früher wurde ich bei so etwas gerne rot.

Ich erreiche meinen Tisch. Der lange, wie ein Bummerang gebogene Frühstücksraum liegt hinter mir, vor mir das Buffett. Es sieht gut aus. Es ist von großer Vielfalt, so dass ich erst einmal nachdenke, eh ich meine Runde beginne. Die Wand hinterm und überm Buffett ist verspiegelt. Ich kann also alle beobachten. Prima.

Der Chef des Hotels, Mitte Dreißig, rosafarbener Pullover, enge schwarze Designer-Jeans, Halstuch, grüßt und sagt, er habe jetzt Zigaretten, wenn ich also wolle, später, gern. Danke, sage ich. Kaffee? Capuccino, sage ich. Gern, sagt er. Ihre Zimmernummer?

Das mit den Zigaretten muss ich erklären. Obwohl ich seit einigen Wochen Pfeife rauche, ist mir hin und wieder noch nach einer Zigarette. Ich hatte ihn also beim Einchecken gefragt, ob er Zigaretten habe, hatte ihm dreißig Cent geboten, er hatte abgelehnt und mir eine geschenkt. Das Geld hatte ich ihm heimlich in die Schachtel gelegt.

Womit beginnen? Fruchsalat vielleicht. Erst einmal einen Capuccino, Fruchtsalat löffeln und die Inszenierung langsam begreifen. Der Frühstücksraum ist übersichtlich, funktionale Stühle und Tische, großformatige Bilder an den Wänden. Bunte Szenen aus Filmen scheinen das, auf einem steht Nicolas Cage und schaut mich herausfordernd an. Besser als Hirsche auf jeden Fall.

Im Spiegel hauptsächlich Frauen zwischen 30 und Mitte 40. Dunkle, lässige Kleider, fließende Stoffe, ein Hosenanzug, eine mit mädchenhaft hohen, schwarzen Schnürschuhen (früher Punk), zwei dunkelblaue Kostüme, Schals gegen erste Falten. Mein Bart ist auch Camouflage.

Ich esse ein Croissant, als ein junges schlankes Ding herein fliegt und ich vor lauter Schönheit augenblicklich nicht mehr weiß, wo ich hinschauen soll. Francoise Hardy, mein erster Starschnitt. Soll ich ihr sagen, dass sie in vierzig Jahren ein unansehnliches Gestell ist? Natürlich nicht. Ich mag Hungerhaken. Aber alte Hungerhaken sehen furchtbar aus. Sollte sie dicker werden, was ihrem Typ nicht entspräche, wäre sie ein dickes Ding und hätte auch Mühe, sich zu lieben. Sie setzt sich an einen Tisch rechts von mir und spricht Englisch mit einer Frau. Sie ist groß, kräftig, hat ein hübsches Gesicht mit Doppelkinn, schaut aber traurig drein.

Ich gehe davon aus, dass alle hier auf die ein oder andere Art mit der Buchmesse zu tun haben. Verlagsfrauen sollen am Besten jung sein und strahlen, sie sollen geschmackvoll gekleidet und dezent geschminkt ihren Kunden (u.a. mir) vorspielen, dass sich alles um sie (mich) dreht. Ich werde das glauben. Und damit sich ihre Vermutung über mich bestätigen, zücke ich mein Moleskine und mache Notizen.

13:11

Leipzig Buchmesse 5

Mein Navigationsgerät weiß nicht, dass die Nordstraße wegen einer Baustelle gesperrt ist. Ich könnte durchfahren, die Straße ist geschottert, aber noch nicht geteert, Anwohner PKW stehen in Buchten, aber ich kehre um und folge weiteren Anweisungen. An einer Stelle teilt sich die Straße. Das Navigationsgerät sagt, ich solle geradeaus fahren. Aber wo ist geradeaus, wenn sich die Straße halblinks und halbrechts gabelt. Ich fahre rechts und liege richtig.

Zehn Minuter später bin ich auf einem riesigen Parkplatz. Es ist der P1, das merke ich mir. Ich will nicht wieder so herumstolpern wie im Parkhaus am Flughafen Düsseldorf. Es ist halb zehn, ich lese um 10:15, ich betrete das Eingangsgebäude, ich werde eingelassen, aber den Zugang zur Halle verweigert man mir mit dem Hinweis, dass auf meiner Fachbesucherkarte nicht vermerkt sei, dass ich im Programm Leipzig liest aufträte, es täte ihnen leid, vor zehn könne man mich nicht einlassen. Ich gehe zur Information, schildere mein Problem, eine junge Frau sagt, sie will sehn, was sie tun kann, geht mit und verschafft mir Einlass.

Das Wiener Kaffeehaus in Halle 4. Ich werde erwartet. Einen Kaffee? Eine Melange, sage ich, denn so heißt das, was ich in Wien immer getrunken habe. Ich spreche mit einer jungen Frau vom Hauptverband des österreichischen Buchhandels. Sie hat mein Buch gelesen, sie hat Fragen vorbereitet, sie wird gleich ein paar Wort zur Eröffnung sagen, ein kurzes Interview führen, dann bin ich dran. Wir checken die Mikrofone. Test Test, sagt man, sage ich ihr. Test Test Test, sagt sie. Das übliche. Die Mikrofone haben einen sehr begrenzten Kegel, was den Sprecher zwingt, nah heran zu gehen. Zum freien Sprechen mag sich das eignen, zum Lesen ist es Kacke. So eine Stellung lässt wenig Gesten zu. Ich lese am liebsten stehend. Es atmet sich besser und der Körper kann mitlesen. Ein Headset hätte ich gern, aber das haben sie nicht.

16:15

Leipzig Buchmesse 6

Ich ruckle hin und her, ich lese aus meinem Roman und es dauert, eh ich die Position finde, in der das Mikrofon nicht ploppt. Die Gäste des Kaffeehauses sind weder Kinder noch wegen mir hier. Sie waren unterwegs, sie wollten einen Moment ausruhen mit Kaffee und Kuchen, und so sitzen sie da und ich lese und schaue. Schaut einer zurück, lese ich ihn an. Kommt jemand, sage ich Guten Tag. Bleiben welche unzuschlüssig stehen, fordere ich sie auf, sich zu setzen.

Mediale Aufmerksamkeit habe ich nicht. Auf so einer Buchmesse hat nur Gewicht, wer ein Gesicht hat, das jeder kennt oder eines, von dem jeder glaubt, es kennen zu müssen. Die Frau vom Verlag sitzt abseits, wir wechseln hin und wieder einen Blick. Ich bin zufrieden. Ich lese gern, sogar hier. Im bin stolz. Ich werde bezahlt, und mache es so gut es geht. Die Frau vom Verlag ist groß und schlank, ihre Augen sind schön. Nach der Lesung trinken wir eine Melange. Sie sagt, dass sie meinen Roman mag und dass die Signale der Vertreter vielversprechend klängen.

Wir sprechen über die Rezeption von Kinderliteratur. Besser, über die kaum stattfindende, denn in Feuilletons findet sie wenig Beachtung. Und dann gäbe es Menschen, die schicken uns Manuskripte und schreiben, sie trauten sich nicht, für Erwachsene zu schreiben, deshalb hätten sie erst mal ein Kinderbuch versucht, sagt die Frau vom Verlag. Und? frage ich. Solche Manuskripte gehen doch hoffentlich in den Schredder. Sie nickt lachend.

19:26

thermacare ist klinisch getestet
der himmel ist blau
japan weit weg
nebenan wird geschossen


Mi 23.03.11
12:21

Ich hatte den Wecker auf sieben gestellt, kurz nach sechs war ich wach, wankte zum Klo, die Katze saß vor der Tür, maunzte, stellte den Schwanz auf und sauste in die Küche, ich sagte ihr, dass sie noch warten müsse mit Essen, eine Mütze Schlaf noch, eine halbe, dreiviertel Stunde. Sie war entsprechend empört, aber sie wusste, wenn ich erst einmal wach bin, schlafe ich nicht mehr ein, vor allem nicht, wenn ich weiß, dass ich lesen muss und das musste ich heute.

Zweimal musste ich lesen, dieses Mal waren die Zuhörer Kinder und sie waren gekommen, weil sie mich hören wollten. Na ja, ganz richtig ist das auch wieder nicht, sie waren gekommen, weil die Bücherei der benachbarten Schule eine Lesung angeboten hatte und da waren sie eben gekommen.

Fünfzig Kinder aus zweiten Klassen, denen ich aus Der zehnte Mond vorlas, fünfzig Kinder aus vierten Klassen, und die erlebten eine Premiere: Räuber, Schattengeister und ein Karpfen im Mühlteich, der neue Roman. Ich war gespannt, was sich machen ließe mit dieser Geschichte, ich weiß, was sich machen lässt mit Kindern, eigentlich lässt sich alles mit ihnen machen, so lange man sie nicht langweilt.

Jetzt habe ich Geld verdient, mein Giro ausgeglichen, habe ein Spaghetti Eis gegessen, der Hochnebel, der heute früh über Land hing, hat sich aufgelöst, der Frühling strahlt, ich bin zufrieden mit mir, heute abend werde ich tanzen, bis dahin werde ich es mir gut gehen lassen.

14:54

Leipzig Buchmesse 7

Stimmen, Stimmen und ausdünstende Menschen, um die Fernsehstudios Trauben Neugieriger, Veronika Ferres sitzt unterm Scheinwerferlicht und erzählt von guten Taten, während überall junge Menschen in Manga Kostümen herumgehen, offenbar eine populäre Form des Exhibitionismus. Bunt sind diese Kostüme, schrill viele, manche offenherzig.

Als ich von einer Halle zur nächsten wechsle, geht neben mir eine Frau. Sie ist knapp über zwanzig, kalkweiß geschminkt, trägt ein gleichfarbiges Tüllkleid und läuft barfuß. Ob ich sie etwas fragen dürfe, frage ich und sie nickt. Wer sie sei, oder besser: warum sie so herumlaufe, ob sie eine dieser Mangas wäre? Im Japanischen gäbe es keinen Plural, sagt sie, sie studiere Japanologie, es müsse also Manga heißen, aber nein, sie sei kein Manga, sie sei ein Geist, Sofie, aus einem Roman gleichen Namens. Aha, sage ich. Sofie. Wie heißt der Autor. Das weiß die junge Frau nicht, und offenbar weiß sie auch nicht, warum sie so herum geht, was, schätze ich, kaum jemand der hier Anwesenden weiß und zu einer der Grundfragen der Philosophie führte, wollte man bohren.

Ich war auf dem Weg zum Literaturcafé, um Wolfgang zu treffen, der gerade ein Interview mit Mathieu Carriere hinter sich hat, in dem dieser von seinem gerade veröffentlichten, etwas wirren Roman erzählte. Auch so ein Gesicht, das sich der Synergieeffekte bedient, die öffentliche Gesichter generieren, schnell ein Buch schreiben oder eines schreiben lassen, es gibt ja genügend Schreiber, die am Hungertuch nagen, und dann Kasse machen.

Kaum zurück im Hotel erfahre ich, dass das Treffen mit der Lonely Husband ausfällt. Die Veranstalter des Revue Theaters haben nicht genügend Karten verkauft, das ist schade, einer der beiden ist ein langjähriger Freund, wir sehen uns ein, zweimal im Jahr, früher spielten wir in einer Band, die Groove Missiles hieß, heute abend wäre unser erstes Treffen seit einem Jahr geworden, er lebt in Berlin, aber daraus wird nun nichts.

Das heißt, es ist Freitagabend, ich bin frei und kann tun und lassen, was ich will. Ich wüsste, was ich am liebsten täte, aber das werde ich nicht tun. Die Vernunft sträubt sich, die Stimmen, die rufen, ich solle drauf scheißen, sind laut, aber ich beuge mich der Vernunft. Das ist vernünftig. Und was war es, was ich nicht tat, aber eigentlich hätte tun wollen? Ich weiß es nicht mehr. Wird wohl so wichtig auch nicht gewesen sein.

Ich habe (das reicht ja) heute einen guten Eindruck hinterlassen. Jetzt heißt es ruhen. Fern der gewohnten Umstände ruhen, das Zimmer ist zu ertragen, was in Hotels selten ist, denn meist kann man in diesen Zimmern kaum mehr tun, als wie Falschgeld herumliegen. Die Wahl war also eine gute Wahl, der Preis ein happiger, aber der österreichische Hauptverband des Buchhandels zahlt ja.





Ich werde allerding noch essen müssen, und später werde ich um den Block ziehen. Die jungen Verlage schmeißen eine Party in der Alten Hauptpost, ein Gebäude aus DDR Tagen, das Modernität suggerieren sollte. Was den Verlag meines vorletzten Romans angeht, habe ich Zweifel, ob die Kraft noch reicht, das Unternehmen zum Erfolg zu führen. Scheitern wäre schade, denn er macht so gute Bücher.


Was Herr M. überhaupt nicht beherrscht, ist der gepflegte Schlaf am Spätnachmittag. Er kann schon liegen und nichts tun, das schon, ja, aber das Bewußtsein verliert er nicht, das bringt er nicht hin, offenbar hängt er zu sehr an seinem kleinen Schriftstellerleben. Seit er die Messe verlassen hat, sind gut zwei Stunden vergangen, ein kurzer Blick auf Ntv hat ihm versichert, dass die Katastrophe noch längst nicht ausgestanden ist, die Bekämpfungsmethoden scheinen ein wenig unorthodox, die Welt ist heillos verwirrt und Herr M. denkt, vielleicht sollte ich duschen.

18:49



da geht einer raus
der schon alles hat
nur das eine nicht
deshalb war er reingekommen
hatte sich umgeschaut
ob es da ist
aber es war nicht da

dann
hatte er diese flasche gesehen
auf der flasche stand schnaps
aber solche flaschen gibt es gar nicht
auf schnapsflaschen steht nie schnaps
auf solchen flaschen steht korn oder whiskey
oder bei den armen steht wermut drauf
aber auf dieser flasche stand schnaps
da war er neugierig geworden
und hatte sie eingesteckt

jetzt geht er zum bahnhof
wo die züge kopf stehen
und die weinenden freudentänze aufführen

er setzt sich auf eine bank in der nichtraucherzone
und beginnt zu trinken
gleich nach dem ersten schluck weiß er
dass etwas nicht stimmt
nach dem zweiten fällt er vornüber
die züge entspannen sich
die vor freude tanzenden greifen zu baseballschlägern
die sonne hat kein mitleid
und sein blut fließt über den bahnsteig zum meer

so ist sein besuch ausgegangen
wenn er noch lebte
würde er davon erzählen
wie er einmal wo rein kam
wo keine krähe saß
und die buchstaben aus den regalen fielen
aber das meer ist rot jetzt
und der bahnsteig wurde zusammen gefaltet
die krähen rupften den himmel
und die schnapsflaschen treiben
mit nachrichten für die liebenden
auf der flut



Do 24.03.11 12:51



ich bin ein buddha des alltags
ich schweige
ich atme in zyklen
bis mir das herz stockt
und die sinne flügel bekommen
mein kopf ist ein bastard
wo andere pläne hatten
hatte er flausen
als ich geboren wurde
blühten kastanien
vielleicht liegt es daran
ich weiß nichts
und will es nicht wissen
ich will drehen
vergessen im tag und im traum
jeden tag bauen in grün gelb und rot
aus augen funkeln und lachen
für mich ist aller tage morgen
und hoffnung ist da wo du bist
hoffnung ist anfang und ende
wie sehr wir uns lieben wissen nur wir
die anderen wissen nichts



Fr 25.03.11
12:00

Mittagsschlaf jetzt. Ich meine, hinlegen, ob's ein Schlaf wird, bezweifle ich, aber es besteht das dringende Bedürfnis, den Donnerstag mit allen geführten Reden, besprochenen Schicksalen, gerauchten Tüten und getrunkenen Weinen abklingen zu lassen.


Sa 26.03.11 10:56

Leipzig Buchmesse 8

Ziegenkäsemedaillon auf Kirschtomatensalat, Kräutercrostinie und Ahornhonig als Vorspeise. Danach gebratene Bachforelle auf mediterranem Gemüseragout, Flußkrebse und neue Kartoffeln. Ich speise im Fürst. Ich denke, ich bin im Barfußgässchen, anders ließe sich diese von Sonnen(regen)schirmen überdachte, mit Heizpilzen befeuerte, von vielen Touristen begangene kleine Straße kaum erklären.

Sie werden wissen, dass so ein Heizpilz soviel CO2 ausstößt wie eine mittlere Ochsenherde, ich hoffe, Sie sind empört, aber ich bin in der Stadt der Bewegung, die Stadt, deren Bürger schon zu DDR Zeiten während der Messe Kontakte zum Klassenfeind knüpfen konnten und offenbar Lehren daraus gezogen haben.

Eine blonde Sächsin bringt mir auf meine Bitte eine Zigarette und weigert sich, 30 Cent anzunehmen. Der Trick funktioniert. Jeder Süchtige fühlt solidarisch mit einem anderen. Bis das Essen kommt, werde ich den paradierenden Menschen zuschauen. Ich trinke Riesling aus sächsischem Anbaugebiet. Saale-Unstrut sagt die Sächsin und ich sage, Wein aus Sachsen, das hätte ich nicht gedacht, und Sie sagt, da können Sie mal sehen, selbst ein Wessie kann dazulernen. Wir freuen uns über diesen kleinen gelungenen Satzwechsel und finden uns sympathisch.

Auf dem Weg hierher fragte ich einen bärtigen Mann meines Alters, ob er Leipziger sei und ich ihm eine Frage stellen dürfe. Er sagte ja und ich fragte ihn, ob der Leipziger stolz sei auf seine Stadt, in der ja vor 20 Jahren etwas begann, was im Augenblick ganz ähnlich (wenn auch blutiger) in arabischen Ländern stattfindet. Er nickte lachend, ich glaube aber, dass er den Grund für Stolz gar nicht in den politischen Impulsen verortete, sondern einfach nur grundstolz war.

Das Ziegenkäsemedaillon wird gebracht, und während ich koste, taucht Herr Moor auf. Kameraleute wollen filmen, wie er ein Restaurant verlässt. Also geht er einmal hinein und kommt wieder heraus, und ich überlege, ihn anzusprechen. Vor eineinhalb Jahren hatte er in einer Schule irgendwo in der Uckermark aus Flanken, Fouls und fiese Tricks gelesen (einer meiner Romane), ich war im Internet darauf gestoßen, da könnte ich ihn doch ansprechen, oder? Eh ich mir ein Herz fasse (was sagt man denn in solchen Fällen), ist er auch schon wieder fort, rauchend. Macht nichts. Ich sitze, esse und bin gespannt, wer sonst noch vorbeikommt.

14:42

Version 1



Version 2




ich betrete jetzt häufig ein haus
es ist hundert jahre alt
und die räume sind hoch
das haus ist aus sandstein
es hat tausend zimmer
und träumt vor den bergen
die nachtmare vieler verwirrter
die das leben von hinten aufrollen
und das land sehen
als trüge es tiefe schnitte im fleisch
es ist noch nicht lange her
da hätte man sie
schamlos ins gas getrieben
jetzt: kreuze über türbögen
nehmen ihnen den atem
wege sind angelegt
damit sie herumgehen können
die gesichter verzerrt
von allem
was männer wie ich alltag nennen
wenn ich sie sehe
grüße ich
und sie reißen die augen auf
fragen sich wann der mond auf sie fällt
und warum oder fragen sich
ob das leben
eine tonne ist die bergan rollt
und ein sack der sie ersäuft
ich kann nicht antworten
aber ich habe kleine geschenke für sie
die verstecke ich unter büschen
mache knoten in schneeglöckchen
und dirigiere vögel auf simse
damit sie nicht so allein sind
denn heute und morgen
wird in den reisebüros ihre zukunft all inclusive verkauft
sie lachen noch
und sie wissen bestimmt
das das letzte lachen
das beste ist
sie haben keine namen
für davor und danach
und ich bin mir sicher
dass es auch keine gibt
hin und wieder halte ich ihnen türen auf
und sie gehen hindurch
oder bleiben im rahmen stehen
und versuchen ein wort zu sagen
ein wort nur
aber sie triefen aus mundwinkeln
und ihre wörter sind anderen sprachen entlehnt
und so bleibt es dabei
das haus wird sie fressen
man wird ihnen löcher graben dahinter
und ein priester wird sagen
dass sie mühselig waren
beladen
wie containerschiffe ohne kapitän
auf einer see die so groß ist
dass keiner mehr weiß
nur der priester weiß noch
der hat sie gefickt


So 27.03.11
10:54

Heute faul.


Mo 28.03.11
9:58

Die Bibel preist Vögel, die nicht säen und dennoch ernten, unsereins aber muss sich im täglichen Wettbewerb messen. Wer faul ist, macht sich verdächtig. Wer, wie der ehemals populäre Dichter Wolf Wondratschek, von langen Konzentrationsphasen spricht, die nötig seien, um etwas zu schreiben, das publikationswürdig sei, redet in den Augen der Misstrauischen auch nur um den heißen Brei.

Ich beharre darauf, faul sein zu dürfen. Irgendeiner muss dieses Faulsein aushalten, denn es kann nicht angehen, dass man das Glück nur fände, wenn man von früh bis spät arbeitet. Was, frage ich stattdessen, ist denn Arbeit? Das, was bezahlt wird? Ich hatte das letztes Jahr und will es unter keinen Umständen zurück.

Also preise ich den Tag und die Sonne und gehe Schritt für Schritt in den Lebensabend. Manchmal nehme ich mein Fahrrad zur Hilfe. Setze mich drauf und fahre los. Als ich ins Aa-Tal rolle, weiß ich, wen ich besuchen muss, um die Welt aufzulösen. Das hat Tradition. Man besucht jemanden, weil man weiß, dass man dort einen kriegt. Gute westfälische Tradition. Mein Onkel Hans hat sich auch oft darauf berufen, wenn er meinen Vater besuchte. Er kriegte dann einen, aber er kriegte nicht das, was ich kriegte.

Der faule Tag, die faule Woche, das faule Leben lässt sich gut an. Wir reden, wir bereden, dann bedanke ich mich und fahre wieder davon, trenne mich vom suburbanen Land, den kleinen Eichenwäldchen, dem ungeworfenen Land, dem Singen der Vögel, dem Land, das von einer Autobahn durchschnitten wird und nähere mich behutsam der Stadt.

Hier draußen leben die, von denen die guten Menschen glauben, man müsse sie (sie müssten sich) integrieren. Die guten Menschen aber leben hier nicht. Die leben in dem Viertel, das ich nach einer halben Stunde erreiche. Dort zu leben ist teuer, die Menschen sind auf den ersten Blick als Besserverdienende zu erkennen, das Café, in dem ich mir einen Sonnenplatz sichere, schwirrt von besorgten Stimmen, denn die Welt ist in keinem guten Zustand und muss gerettet werden.

Am Nebentisch sitzt eine attraktive Siebzigerin mit eisgrauem Haar. Sie trägt ein mintgrünes Kostüm, einen blau-grünen Seidenschal, trinkt gesunden Tee und notiert, während ich in die Sonne blinzle, ständig Dinge in ein kleines Notizbuch. Während ich spekuliere, was so wichtig sein könnte, kommt Frau Huber, offenbar eine Bekannte der Dame. Hach, ruft sie, sie sei auf dem Weg zum Yoga, habe aber noch einen Moment, ob sie sich setzen dürfe? Die Dame will nicht unhöflich sein, wäre aber besser gefahren, hätte sie nein gesagt. Frau Huber sitzt kaum, als sie von Blut im Urin und vertrauens- und nicht vertrauenswürdigen Ärzten zu sprechen beginnt, und die Dame möchte sich, dass ist offensichtlich, am liebsten in Luft auflösen.

Ich fahre weiter in die Südstadt und komme in einen Park. Im Piratenschiff auf dem Spielplatz sitzen mein Sohn und mein Enkel. Ich schleiche mich heran, ich will sie überraschen. Ich komme ganz nah. Mein Sohn bläst Seifenblasen für meinen Enkel. Irgendwann schaut mein Enkel in meine Richtung, stutzt und sagt Opa.

Was will ein Opa mehr. Das Glück ist vollkommen. Eine Weile streifen wir durch den Park. Der Enkel liebt es, treppauf und treppab zu steigen, und es gibt viele Treppen in diesem Park, überall sind kleine künstliche Hügel.

Eine Stunde später stehe ich Schlange vor einem Kassenhäuschen, um eine Karte für das Spiel Preußen Münster gegen Kaiserslautern zu kaufen. Die Schlange vor mir ist etwa zehn Meter lang. Als sie auf fünf oder sechs geschrumpft ist, fällt das erste Tor für die Preußen und das Kassenhäuschen macht dicht. Man hat keine Karten mehr. Ich breche den Versuch ab, und radle Richtung Roxel.

Unterwegs fällt mir ein, dass ich noch nicht genug habe vom Tag und besuche Freunde am Weg. Dort geht es hoch her und so verbringe ich die Nacht auf deren Sofa. Als der Morgen anbricht, gratuliere ich mir zu diesem Tag, zu dem Luxus meines Lebens, denn ich weiß ja, dass alles jederzeit vorbei sein kann.

11:38

Leipzig Buchmesse 9

Als ich letztes Jahr durch Schwerin streifte, kam ich in eine Straße, wo an einem Haus Fotos aus der Vorwendezeit hingen. Das Schwerin, das ich gesehen hatte, war aufs Feinste renoviert, die Fotos aber zeigten dieselben Häuser in erbarmungswürdigem Zustand.

Wie es wohl hier ausgesehen haben mag, dachte ich, all die prächtigen Häuser der Leipziger Altstadt, die Bürgerhäuser in der Mädlergasse und rings um die Thomas- und die Nikolaikirche. Und während ich so sitze, grüble und schaue, fällt mir auf, dass der selektive Wahrnehmer in mir längst umgeschaltet und schon drei oder vier Pfeifenraucher aus der Menge gefischt hat. Selektive Wahrnehmung ist ein interessantes Phänomen.

Noch ist der Abend jung, es regnet nicht, die beiden rumänischen Akkordeonspieler gehen auf und ab und spielen zerhackte Versionen beliebter Melodien. Ich vermeide, sie anzuschauen, ich will nicht geben, ich will nur sitzen und meine Ruhe haben, das ratlose Schweigen des Ehepaares am Nebentisch deuten, die lautstarke Fröhlichkeit der sieben, acht jungen Männer vor mir und das unruhige Flackern der beiden Blondinen weiter rechts. Die einzigen, die ich beneide, ist das Paar ganz außen rechts, knapp über zwanzig, glücklich aus allen Poren, sie schauen, sie küssen, sie wollen sich nah sein.

Als der Abend älter zu werden beginnt, mache ich mich auf den Weg zu Alten Hauptpost am Augustaplatz. Die jungen Verlage haben zu einer Party geladen. Aber der Abend ist noch nicht alt genug, junge Verlage laufen erst gegen Mitternacht zur Form auf, also bleibt noch Zeit, unbehelligt herumzugehen in diesem Gebäude, dass vom Modernismus der DDR künden sollte. Diskokugeln drehen dem Beton der Siebziger lange Nase, in Nischen wird Flaschenbier verkauft, zwei DJ's legen auf. Irgendwann tanze ich. Tanze und beobachte, während ich von den Herumstehenden beobachtet werde. Was die junge Frau mit More than love & peace T-Shirt wohl ausdrücken möchte, fragt sich der alte Herr Mensing in mir, denn ich müsste es doch eigentlich wissen, ich bin schließlich Zeitzeuge. Nichts, denke ich schließlich. Das Alleintanzen ist fad. Morgen habe ich einen weiten Heimweg vor mir. Ich gehe. Auf dem Platz vor der Nikolaikirche kommt mir ein verwachsener Mann im Elektrorollstuhl entgegen und meint, ich müsse Schriftsteller sein. Er sammle Flaschen, erzählt er, er spricht von seinem Hund, einem Malteser, und als ich ihm sage, ich stamme aus Münster, meint er, das sei doch die Stadt der Radfahrer.

Am Morgen fahre ich heim.
An der A14 zwischen Halle und Magdeburg liegt ein toter Waschbär.
Ich bin immer noch nicht berühmt. Sauerei.


Di 29.03.11 12:54



die ampeln waren grün
und ich dachte
das wird ein guter abend
aber es drehten sich
hauptsächlich paare
an die traute ich mich nicht heran
und mit der ganz in schwarz
klappte es nicht

sie tanzte achtel
wenn ich viertel tanzte
so kamen wir nicht über einen tanz hinaus
und ließen den rest

16:06

schreiben sie sich
ein gedicht auf den leib
riet herr mensing herrn mensing
und ging an die arbeit

er begann am bizeps
des linken obernarms
schrieb sich
bis zur zehenspitze des großen zehs
wechselte unter verwendung
verschiedener artikel auf rechts
und von dort wieder hinauf

auf brusthöhe stellte er fest
dass sein herz nicht mehr schlug
beunruhigt legte er den stift beiseite
und fragte das internet
ein schriftsteller ist erst tot
wenn er nicht mehr schreibt
antwortete ein admin des forums schreiben
schreibt er ist er unsterblich

herr mensing fragte herrn mensing
ob er sich darauf einen reim machen könne
dieser verneinte.

17:07



gleich reißen sie mich aus den träumen
und sagen bezahlen
ich habe gezahlt
sage ich
ich zahle noch jeden tag
und meine hoffnung schwört lügen
sie lässt mich leben
doch das entscheidende fehlt
ich mache einen mittagsschlaf
sagtest du und erwachtest nicht mehr

seitdem bin ich wach und entsetzt
ich bin schwach und verletzt


Mi 30.03.11
18:48

Haben wir heute gar nichts erlebt? Doch. Aber wir verraten nicht, was.


Do 31.03.11
11:56

Bleibt nur noch zu sagen, dass dieser Monat sprachlos endet. Was noch erzählt werden könnte, wird hier nicht erzählt. Was erzählt worden ist, war ein Versuch. Ob im nächsten Monat erzählt wird, werde ich sehen.








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