März 2015                        www.hermann-mensing.de      

    

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


So 1.03.15 12:56

Ich liege seit über vierzehn Stunden im Bett. Knapp acht Stunden davon in tiefer Bewusstlosigkeit. Nach Erwachen bin ich aufgestanden, habe ein wenig Hühnersuppe gegessen, habe Kaffee gekocht, mein Bett bereit gemacht für das Tablett, Zeitung, Kaffee, Laptop, und mich wieder hingelegt. Vorm Fenster scheint die Sonne, dann wieder regnet es. Ich habe noch Pläne für den Rest des Tages, aber die nächsten zwei Stunden werde ich nicht aufstehen. Ich müsste ja blöd sein.


Mo 2.03.15 10:27

Herr M. ist ins Haus gekommen und hat es gleich gesehen. Cubase ist da. Vom Erfinder persönlich liegt es im Flur und da denkt Herr M., hach, wunderbar, jetzt Kaffee ins System, Brötchen dazu und dann installieren. Aber halt: kein Aktivierungscode. Und: wie ging das nochmal, hat er das schon vergessen? Nein. Eigentlich nicht. Es ist nur, dass der Rechner die Programm-CD nicht lesen will. Oder nicht lesen kann, weil Blue-Ray und dieses CD Laufwerk kann kein Blue-Ray? Scheiße ist die Welt kompliziert. Da tut Herr M. doch lieber das, was er ursprünglich für heute geplant hatte: fährt zum Raiffaisen Markt, kauft Blumenerde, füllt die Blumenkästen und pflanzt Primeln. Sie wissen schon: der Mensch mag diese Frühjahrsboten. Und wenn es friert und die Primeln verrecken? -

11:29

Blumenerde ist im Haus, aber ich habe mich geweigert, für die Primel 99 Cent zu bezahlen, denn vorgestern habe ich auf dem Wochenmarkt 50 Cent bezahlt. Ja, die auf dem Markt, die müssen ja auch kämpfen, kommentiert der Verkäufer. Wir kaufen vom Zwischenhändler. Im Gartencenter vielleicht? Ich fahre ein Gartencenter an. Dort kostet die Primel 1,20. Nun leck mich doch. Kein Cubase, keine Primeln, also doch Suizid. Ich habe die Nase voll, trete hinaus auf den Balkon, Erdgeschoss, grauenhafte 2 Meter 20 und stürze mich in die Forsytien.

17:09

Herr M. hat am Nachmittag erstaunlichste Dinge erfahren. Um VST Installer und ISO Apps ging es und um's mounten. Nichts davon hat er praktizieren können, verstanden hat er es nur im Prinzip. Wie's wirklich ginge, stünde auf einem anderen Blatt, denn ein Blue-Ray-Player ist nach wie vor nicht in Sicht. Herr M.s Seele tut das nicht gut. Sie ... sagt sie, und will anheben zu einer ihrer langen Reden, aber da hätten Sie mal hören sollen, wie Herr M. sie angeraunzt hat.


Di 3.03.15 10:55

Der Meister, der Cubase erfunden hat, und von dem ich das Programm mit ISO und virtuellem Laufwerk bekomme, sagt, angesprochen auf meine minderen Fertigkeiten hinsichtlich der Computerei und meine Zweifel, ob ich das installieren kann: "Das ist ganz einfach. Du installierst das und ziehst die Iso Datei einfach drauf, dann tut das so, als hättest du ein Laufwerk mit der "DVD". Ist allemal einfacher als zu versuchen, das zu splitten, das geht auch garnicht, weil der Installer zu gross ist. Mach dir kein' Kopp, ich pack dir ein virtual drive mit drauf, das installierst du und ziehst dann das runtergeladene ISO drauf. Am besten kopierst du dann den gesamten Inhalt des "Laufwerks" noch mal in einen Ordner auf deine harddisk und installierst dann von da, ist sicherer. Danach kannst du das virtual drive Programm auch wieder de-installieren, wenn du willst, obwohl ich das generell ganz nützlich finde.

12:03

Haben wir das jetzt verstanden? Bei mir ist es so, dass ich es meist nicht verstehe, aber so lange herumprobiere, bis es funktioniert.


Mi 4.03.15
7:48

Romananfang/40315


Wenn man es nicht mehr aushält, sagte Freddi, muss man die Luft anhalten.
Keine Zeit, sagte Karl. Ich muss atmen.
Wenn du unbedingt durchdrehen willst, sagte Freddi. Bitte.
Ich dreh' nicht durch, sagte Karl und zeigte Freddi seine gute Seite.
Halt' die Luft an, sagte Freddi.

Karl atmete ein. Seine Brust hob und weitete sich. Das Einströmen der Luft tat gut. Aber dann fing es wieder an.
Tut sich schon was? fragte Freddi.
Hat sich was getan - kurz, sagte Karl. Ja. Aber dann ...
Karl sah aus, als würde er das aushalten können, fand Freddi. Er war zwar kein Goldapfel mehr. Schon lange nicht. Eher ein abgelagerter Boskopp. Aber nicht aushalten, nö. So sah Karl nicht aus.
Jetzt geht's wieder los, sagte Karl.
Wir kriegen das schon hin, sagte Freddi. Aber bis dahin bist du eben ein bisschen krank.
Ich bin nicht krank.
Wenn du nicht krank bist, wer ist denn dann krank?
Ich jedenfalls nicht. Mich kriegt man so schnell nicht unter, Freddi. Aber das Aushalten, das ist die Kunst und die macht mich verrückt.

Warum?
Woher soll ich das wissen? Vielleicht, wenn ich's mir vorher hätte aussuchen dürfen.
Aussuchen? sagte Freddi.
Karl nickte. Karl schwankte ein wenig. Ein Wind war herumgegangen. Karl schaute ihm nach.
Ja, sagte Karl. Wenn ich ein Wind wäre, könnte ich es aushalten. Ein Wind muss nirgendwo bleiben. Ständig saust er um Ecken.
Ich möchte kein Wind sein, sagte Freddi. Ich wär schon lieber ein Apfel. Dann möchte ich ruhig gelagert werden und irgendwann möchte ich Torte sein. Apfeltorte zum Beispiel. Apfelmus nicht so gern. Torte am liebsten. Wenn mir einer garantiert, dass ich Torte werde, das wäre fein.
Mit mir können sie machen, was sie wollen, sagte Karl. Ich will es nur aushalten können. Wenn ich aufwache, will ich in der Sonne liegen und prall und rot werden und Säfte haben. Und abends, wenn es kühl wird, möchte ich, dass ein bisschen Feuchtigkeit auf mir perlt. Das ist alles schön, das halte ich aus. Aber das Drumherum, das nicht.
Karl seufzte.

Was soll denn das Drumherum sein? Drumherum ist Luft. Ich kann die gut aushalten.
Ich eben nicht, sagte Karl.
Dann atme ein und halt die Luft an, sagte Freddi. Zähl bis vier. Lass sie wieder raus. Mach das den ganzen Tag. Du sollst sehen, danach bist du entweder total verrrückt, oder du kannst es aushalten.
Wieder kam der Wind. Er strich zweimal um Karl und sagte, du siehst aus, als könntest du es nicht mehr aushalten. Typisch. Goldäpfel denken immer, sie wären etwas Besseres und die Welt müsste gut zu ihnen sein, nur weil es sie gibt.
Ich bin kein Goldapfel, sagte Karl. Ich bin ein Mensch.
Ich mache jetzt Kaffee, sagte Freddi.
Der Wind zog weiter.

21:32

Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Als ich gegen fünf nachschaute, wie's um den 8 Gigabyte Download von Cubase steht, war er abgeschlossen. Der Rechner schlief, und der Mond hing fast voll hinterm Haus gegenüber, so dass ich ihn gerade noch sehen konnte. Da war ich beruhigt, und schob es auf den Mond. Man will ja nicht an allem Schuld sein, man braucht Ausreden. Jetzt ist es noch viel zu früh, sich hinzulegen. Das einzige, was ich jetzt tun kann, ist tippen. Es ist das Einzige, was ich je gelernt habe. Die einzige Disziplin, an deren Regeln ich mich halte. ASDF JKLÖ. Dazu lief Hendrix, was die Lehrerin gar nicht mochte, nich Herr Klopsch?


Do 5.03.15
11:50

Mich hat ein Pferd getreten. Sitzen geht, aufstehen ist schwierig, aber um nicht ständig daran denken zu müssen (Rollstuhl, Lebensabend, wen lade ich zu meiner Beerdigung ein, etc.pp.), habe ich begonnen, das Haus zu putzen. Das hat dazu geführt, dass der Schmerz phasenweise völlig verschwand und ich die Einladungsliste überarbeitet habe. McCartney ist gestrichen. Wenn Sie also in zwanzig, fünfundzwanzig Jahren nichts Besseres vorhaben, sind Sie auch nicht eingeladen.

Jetzt sind alle Fenster geputzt und die Toilette riecht nach Frosch Zitronenreiniger (fies). Ich könnte mich also wieder meiner Depression in die Arme werfen und Geschlechtsverkehr mit ihr haben, aber das ist mir zu anstrengend. Dann und wann finde ich es sogar albern, und von den Geräuschen, die sie und ich dabei machen, möchte ich gar nicht reden. Ich glaube, das Beste wird sein, jetzt die Türrahmen zu putzen, Staub zu saugen, und mir das Hirn auszubrennen.


So 8.03.15
18:55

Kaum hat man mal drei Tage offline zu tun,
ist man auch schon ein Jahr älter geworden. Ich konnte das nicht verhindern. Von einem Tag auf den anderen hatte ich plötzlich mein 66tes Lebensjahr beendet und das 67te begonnen. Und was alles zu tun war in diesem kurzen Zeitraum zwischen dem einen und dem nächsten Lebensjahr! Eine Torte musste gebacken werden, ein Kuchen und noch ein Kuchen.

Und was alles eingekauft werden musste, um diese Kuchen zu backen! Nachdem der erste Backvorgang (Löffelbiskuits) abgeschlossen und ein neuer begonnen werden sollte, stellten wir fest, dass die feine Haushaltswaage englische Gewichtseinheiten anzeigte. Es dauerte, eh ich den kleinen Schalter fand, der sie auf Gramm umprogrammierte. Die Löffelbiskuits sahen dennoch aus wie Löffelbiskuits, waren aber, wie sich nach ihrer Verarbeitung in eine Malakov Torte (schweres Gerät) zeigte, nicht aufnahmefähig genug, zu wenig Mehl, mutmaßten wir, eben wegen der englischen Maße.

Dann aber war alles getan und Herr M. wehrte sich mit Händen und Füßen gegen sein Glück. Am Tag darauf kamen Gäste, aßen alles weg und ließen stattdessen Geschenke zurück. Heute nun, nachdem aller Trubel vorüber ist, bleibt nur noch zu vermelden, dass Herr M. im Garten seiner Freundin M. (Buchstabengleichheit ist rein zufällig) zwei Beete umgrub und von einer Rasenfläche, die grob geschätzt 300 m2 groß ist, 42 Maulwurfshügel entfernte. Das ergab zwei hoch gefüllte Schubkarren. Hat das nun ein einziger kleiner Maulwurf erledigt, oder waren da viele zugange? Und wo wir schon einmal bei den komplizierten Fragen sind: wie trifft der Maulwurfmann die Maulwurffrau? Die müssen es doch im Dunkeln machen, oder? So ein Frühlingstag wirft schwierige Fragen auf.


Mo 9.03.15 12:41

Trotz Freundin, Weggefährten und der Freunde bleibt Herr M. beunruhigt und tief betrübt, ja, man kann sagen, seine Betrübnis nimmt mit jedem Tag Fahrt auf, eine Fahrt, die geradewegs ins Verlöschen führt. Diese körperliche Erkenntnis scheint ihm zumindest eine Erklärung für seinen Zustand. Das intellektuelle Pendant dagegen, "alle müssen sterben", ist plötzlich kaum mehr als eine Binsenweisheit. Vielleicht ist dieser Zustand der Midlife-Crisis ganz ähnlich. Ich nenne ihn Endlife-Crisis und beanspruche Urheberrecht auf diesen Begriff. Hach, schön zu wissen, das man was hat, was man benennen kann, oder?

20:54

Die Lösung lautet: beschäftige dich. Wenn du ruhst, wirst du rastlos. Wenn du beschäftigt bist, ruhst du.


Di 10.03.1511:22

Heute keinen Eintrag? - Nö. Keine Lust.



Mi 11.03. 15 10:59

Ich bin Humanist. Andersdenkende gehen mir am Arsch vorbei. Wenn ich kartoffelköpfige Russen von weitem sehe, wird mir schlecht. Amerika hasse ich für seine Propagandalügen, schon beim Wort Amerika wird mir schlecht. Ebenso ergeht es mir mit Israel, mit Iran, Irak, mit Merkel und IS, mit Boko Haram, mit eigentlich allem, sage bloß keiner Internationaler Währungsfonds, und ich schieße. Mir hängt diese verfickte Scheiße zum Hals raus.


Do 12.03.15 11:54

So ein blauer Märzhimmel ist frisch, hinter jeder Ecke lauert der Tod, alles kann einen anwehen, besser ist es also, das T-Shirt noch ein wenig zurückzuhalten. Dennoch sieht man sie schon. Ungeduldige, die den ersten Sonnenstrahl fehl interpretieren. Man ahnt, dass die mit Blaulicht durch die Straßen rasenden Einsatzfahrzeuge unterwegs sind, um diese Halbwahnsinnigen vorm Kältetod und sich selbst zu retten, bei manchen allerdings kommt jede Rettung zu spät. Zu schade auch, aber andererseits werden so Plätze frei für die Nachrücker, die täglich über's Mittelmeer kommen. Irgendwie muss ja Platz gemacht werden.

23:35

wenn das nächste wort sinn macht,
der die dunkelheit leuchten lässt,
und steine vom herzen wälzt,
wäre sinn wäre ein sehr schönes wort.

Fr 13.03.15 20:43

he is running for the shelter
of his mothers little helper ...

guten tag doktor,
ich bin ganz gesund,
ich lache und weine
ich habe gute träume und schlechte,
frohe tage und weniger frohe,
ich habe, was mir lieb ist,
und viel, was vergangen ist,
ich habe vergangenheit, die mir lieb ist
und gegenwart, doktor,
nur die dunkelheit, doktor,
und das alleinsein
das liebe ich nicht,
die wird nicht mein freund,
könnten sie da nicht was tun?

21:02



still geht meister m. zugrunde,
vorher jedoch lacht er laut,
legt zu festgelegter stunde,
sich auf seine faule haut,
bleibt dort, bis die wände wackeln
und die toten auferstehen,
sollen sie die welt abfackeln,
m. hat's nicht gesehn.


Sa 14.03.15 17:27

Natürlich könnte ich das Benutzerhandbuch von Cubase 6 lesen. Aber es hat weit über 700 Seiten, und das Wenigste davon ist in einem mir verständlichen Duktus geschrieben. Da aber die Bedienoberfläche von Cubase 6 meinem alten Steinberg Programm (Nuendo 39) in vielem ähnelt, habe ich also probiert und wieder probiert. Manchmal gerät man bei dieser Methode an seine Grenzen, dann wieder tun sich Türen auf und plötzlich funktionieren die Dinge. So kann ich also sagen, dass ich jetzt bereit bin, das erste Projekt mit Cubase 6 zu starten.


So 15.03.15 15:20



frost noch
himmel: blau mit abgasstreifen.
menschen: dicke jacken, autos, winterreifen.
vögel: keilförmig nach norden fliegend.
prominente: irgendwo im süden. liegend.

mensing dichtend. texte: winterhart.
ukulele spielend. töne: zart.
morgen in utopia.
m. im zentrum: wunderbar.


21:26



schreiben sie sich
ein gedicht auf den leib
riet herr mensing herrn m.
und ging an die arbeit

er begann am bizeps
des linken oberarms
schrieb sich bis zur zehenspitze
des großen zehs
wechselte auf rechts
und von dort wieder hinauf

auf brusthöhe stellte er fest
dass sein herz nicht mehr schlug
beunruhigt legte er den stift beiseite
und befragte das internet

ein schriftsteller ist erst tot
wenn er nicht mehr schreibt
antwortete ein admin des forums schreiben
schreibt er, ist er unsterblich

herr mensing fragte herrn m.
ob er sich darauf einen reim machen könne
dieser verneinte


Di 17.03.15 11:59



als ich mich grad erinnern wollte,
so gegen mittag, kurz nach eins,
war es, als ich's vom schreibtisch holte,
schon lange nicht mehr meins.

 

23:41



meine abendseele altert,
meine nacht ist mild
mein verägerter nachtfalter
tanzt wie wild


Mi 18.03.15 21:43

Schlafen. Nur schlafen. Tagelang schlafen. Tief schlafen.


Do 19.03.15 15:42

Attitüde, Eitelkeit, ja, Schriftsteller, nein.


Fr 20.03.15 11:56

Mein Gazelle quietscht. Ich werde sie ölen, dennoch - sie läuft nicht mehr so rund, wie sie all die Jahre gelaufen ist. Als ich vom Posaunisten erfuhr, dass die Stadt Münster heute Fundräder versteigert, entschloss ich mich, hinzufahren. Große Halle, Industrieweg, hundert, hundertfünfzig Menschen, siebzig zur Versteigerung stehende Räder, zwei, die mich interessierten, letztlich dann doch nur eines, aber dessen Rahmen war zu niedrig.

Die Veranstaltung wurde eröffnet. Zunächst versteigerte man Tüten mit Modeschmuck. Vier gingen für 10 bis 25 Euro über den Tisch, dann kamen Tüten mit Uhren, fünf Uhren in jeder vielleicht, manche heil, andere nicht, aber auch die wurden schnell verkauft, ein Mann vor allem, groß, blond, kaum über dreißig, ersteigerte eifrig. Einer - ich schätze, Afghane - links neben mir, hob zwar auch immer wieder seine gelbe Karte, um mitzubieten, tat das aber sehr schüchtern, und zog bei allem, was über 20 Euro hinausging, nicht mehr mit. Vor der Pause kamen dann noch ein Hartschalenkoffer mit Inhalt (Schallplatten und ein Bouleset), ein weiterer Koffer mit Kleidung, der erste für 25, der zweite, viel kleinere, erstaunlicherweise für 35 Euro, und schließlich vier blaue Säcke mit Kleidung unter den Hammer. Markenware, sagte der Auktionator, man habe das zusammengestellt. Der blonde Mann ersteigerte Säcke zu 40 und 50 Euro, eine Frau Ende zwanzig ging bei weiteren Säcken bis 65 Euro. Das Publikum? - Gemischt. Eher Menschen bis vierzig, Migranten auch, aber nicht in Überzahl. Dann schließlich Pause. Da mich kein Rad interessierte, fuhr ich zu den Enkeln, aber leider fiel die partielle Sonnenfinsternis wegen Nebel aus.


Sa 21.03.15 9:24

Herr M. hat gestern den Herzcheck gut überstanden, allerdings war sein Blutdruck ein wenig hoch. Aber das kennen die Herzchecker schon, fast alle fürchten sich vor ihnen, Hilfe, Herzchecker! rufen sie, und das geht auf die Pumpe. Íst er ein Hypochonder, dieser Herr M.? Man weiß das nicht. Man hört aber so einiges. Er verspotte sich selbst, sagt man, er lache laut, wenn er sich im Spiegel sähe, lauter so
Dinge erzählt man sich, aber das muss alles hintanstehen, denn Freunde ziehen fort. Nicht weit fort, aber fort, und das ist schmerzlich, denn da geht eine Ära zuende, und was bleibt, ist Herr M. ganz allein in diesem beschissenen Kaff.


14:11

Letztens beschloss ich, meiner alten Ärztin Rübenzack (Name geändert), die nie etwas findet, und einmal, als es vieles zu finden gab, völlig versagte, den Rücken zu kehren und landete stattdessen in einer hochmodernen, von drei jungen Frauen im Eingangsbereich gemanagten Praxis, von denen eine mich nach meinem Begehr fragte. Ich antwortete: schlafe schlecht, Rentnerschock, Altersdepression. Aha, sagte sie, da sind sie bei Frau Maul (Name geändert) gerade richtig, die ist ja Psychoanalytikerin. Gut, sagte ich.

Fünf Minuten später saß ich vor ihr (viel hübscher als Rübenzack, jünger auch), schilderte mein posttraumatisches Leid durch Todesfall, Alleinsein, den Wunsch, vollständig zu verschwinden etc. pp. Ich hätte fast Tränen vergossen vor Rührung. So, sagte sie, aha, hm hmmm, dann nehmen Sie einfach mal das, und verschrieb mir Mirta TAD Filmtabletten (kein Film dabei, hab die Packung durchsucht, nix), mit dem Wirkstoff Mirtazapin. Abends eine, sagte Sie, damit erst einmal wieder richtig schlafen können.

Also nahm ich eine. Ich schlief gut, ich erwachte am Tag darauf gegen 10 Uhr und fand die Welt unter einem dichten Schleier. Besser: der Tag war ansehnlich, aber der Schleier war ein Schleier, der über mir hing und die Welt seltsam dimmte. So fühlt sich sediert an, dachte ich. So, dachte ich, will ich weder leben noch sterben. Dennoch musste ich bis zum Abend warten, eh die Chemie sich halbwegs verflüchtigt hatte, und mir wieder einen Blick auf meine vielfältigen Erkrankungen ermöglichte.

Ich fühlte mich sofort besser und beschloss, solche Tabletten nie mehr zu nehmen. Stattdessen will ich lieber unruhig im Kreise laufen, die Welt verfluchen und weiter leiden. Für meine zarte Seele werde ich Jod S-11 Körnchen nehmen.

16:24

Der Umzug liegt hinter mir. Zunächst aber wollte er ganz und gar nicht beginnen. Es waren genügend jugendliche Helfer vor Ort, alle willig und bei guter Laune. Für die beiden älteren Menschen, die nach so langer Zeit ihre Behausung verlassen mussten, hätte es nicht besser kommen können. Sie hatten eine Wohnung gekündigt und eine neue angemietet, sie hatten auch schon Dinge fortgebracht und wieder andere fortgeworfen, allerdings stand noch vieles an altem Ort herum, und zwar kaum bis wenig geordnet oder halbwegs professionell für den Umzug vorbereitet. Das hatten die alten Menschen wohl locker gesehen als die jüngeren. So kam es anfangs zu unnützem Herumstehen, weil niemand wusste und auch niemand sagen wollte, was wohin zu tragen sei und in welcher Reihenfolge. Schließlich aber wurde doch ein Ford Transit auf eine Art und Weise beladen, die jeden Verpacker im Grabe hätte rotieren lassen. Die neue Wohnung der alten Leute ist übrigens schön. Da wird es sich leben lassen.



So 22.03.15 13:31

Jeder tut, was er kann, aber die meisten können nichts und tun deshalb nur so. Herr M. vorneweg. Das erschüttert uns, schließlich haben wir ihn dafür nicht auf die Welt gebracht. Wir hatten ihn mit einer gewissen Furchtslosigkeit ausgestattet, damals, als es darum ging, ein Modell in die Welt zu entlasslen, das Spuren hinterlässt und vielleicht sogar Maßstäbe setzt. Nichts davon ist eingetreten. Herr M. hat uns enttäuscht. Aber wir geben ihm eine Chance. Aus unserer Agenda (Teil der Matrix) haben wir heute zwei Ereignisse ausgesucht, auf denen er sich bewähren kann. Da wäre zunächst die Eröffnung einer Ausstellung in der städtischen Kunsthalle. So etwas ist immer peinlich, niemand weiß, was er sagen oder wie er sich bewegen soll, man kann sich also eigentlich nur daneben benehmen. Gleich darauf, aber an anderem Ort, das Konzert eines finnischen Tangotrios. Danach darf getanzt werden. Das wird Herrn M. fordern. Aber wir finden, dass das gut für ihn ist. Er soll sich bewegen. Stillsitzen bringt ihn nicht weiter.

21:31

Vernissage Kunsthalle Münster
Oliver Breitenstein / Tassilo Sturm: RTFM (Read The Fucking Manual)

Herr M. ist durch dieses etwas düstere, undurchsichtige Treppenhaus des Kunstspeichers am Hafen bis in die oberste Etage gestiegen, hat unterwegs einmal gedacht, das sind ja die Wilden hier, hat Gras gerochen, hat gedacht, glaubt ihr, ich wär blöd?, ist noch zwei Treppen höher und da war sie, die Kunsthalle, oder er war da, je nachdem. Sie war bis an den Rand gefüllt mit allem möglichen Müll, Bauten aus Holz, Plakaten, Beschriftungen, aus einer Ecke Musik, ziemlich laute Musik, hin und wieder unterbrochen von Sirenen oder durch das Megafon Gerufenes, etwa: "Anwesend". M. musste lachen.

Zwei attraktive Frauen auf dem Eingangslaufsteg lächelten. Sie waren aufgeregt. Die eine wollte hierhin, die andere dorthin. Kuratoren, dachte Herr M., grüßte und sie grüßten zurück. "Lustig hier", sagte Herr M. und das fanden sie auch. Die mit dem Akzent, sagte Herr M., als man ihn später in einem Interview fragte, wieso er plötzlich so laut geworden sei, alles umgeworfen und geantwortet habe, "die wollen das doch so, diese Typen", die habe gefunden, bei denen müsse man das vielleicht sogar."

Herr M. war früh dran, halbe Stunde noch bis zur Eröffnung, aber es gab schon Freibier. Hoffentlich viele Menschen mit dem Drang, sich durch Kleidung in Szene zu setzen, dachte Herr M. Er mochte Vernissagen auch wegen der Stenze.

Mittdreißig einer, grauhaarig, Ziegenbart, grüne Melone, Hemd mit (dass ich nicht lüge) fliederfarbener Krawatte, Sonnenbrille. Über sechzig ein anderer, taubenblaues Hemd, über der Hose bis zu den Waden, Weste, nehme ich an. So einer muss Künstler sein, wahrscheinlich Professor, auf jeden Fall aber einer mit Einfluss, warum sonst hätte ihm später jemand etwas "geschenkt" obwohl es schien, als wolle er gar nichts "geschenkt" bekommen.

Jetzt käme die Stelle, wo Herr M. laut wird und alles kaputt haut und trampelt, weil er mal sehen will, ob die Künstler Humor haben, aber da taucht schon wieder eine Frau auf. Herr M. freut sich. Das läuft gut, heute, denkt er. Er kennt sie seit fast dreißig Jahren. Auf eine Art sind sie vertraut miteinander. Er hat ein paarmal ihren Kuchen gegessen und ihren Kaffee getrunken in ihrem Café. Sie reden eine Weile.

Dann werden Reden gehalten. Eine kurz, die andere länger. Sie wird von den Künstlern immer wieder mit Schallereignissen verschiedenster Art übertönt. Aber der Redner lässt sich nicht stören und wird am Ende vom Publikum gefeiert. Da waren die Künstler ein bisschen eifersüchtig.


Mo 23.03.15 13:07

Alles schreit hinaus hinaus. Schätze, ich werde gehorchen.


Di 24.03.15 10:08

Gehört hatte Herr M. schon häufiger, dass der Finne den Tango pflegt und liebt, aber dass es solche Ausmaße hat, wusste er nicht. Dass es, nach Samstagabendfernsehunterhaltung aussehend, große Säle gibt, dekoriert wie Blumenläden, wo auf gewaltigen Bühnen Orchester mit bärtigen Männern und Frauen in Abendkleidern von langhaarigen Dirigenten in den Tangowahnsinn getrieben werden, wo Sänger wie Jouni Keronen oder Sängerinnen wie Johanna Debreczini auftreten und mit großem Pathos sentimentale Lieder singen, das erstaunt ihn nun doch.

Sonntag hatte Herr M. Gelegenheit, drei Stars des finnischen Tangos in Münster zu sehen und zu hören. Das Konzert von Tango Primo (Jouni Keronen, Johanna Debreczini und Sanuli Jokinen) war eine entspannte, augenzwinkernde Angelegenheit. Tango, sagte Jouni Keronen, Gitarrist und strahlender Tenor, könne alles sein, was vier bzw. zwei Zählzeiten hat. Also spielte man Tango: klassisch argentinisch, finnisch, oder als Pop. Musikalisch war das hochklassig.

Es wurde auch getanzt. Beim Beobachten der Tänzer dachte Herr M., bleibe lieber beim Salsa, denn ihm schien, dass es sich bei den Tangotänzern eher um ein akademisches, die Sache sehr sehr ernst nehmendes Publikum handelt. Das liegt ihm nicht. Während im Salsa zwar auch ständig über die Liebe gesungen wird (zum Glück versteht Herr M. kein Spanisch) lässt zumindest ein pulsierender Beat vermuten, dass Reste Lebensfreude vorhanden sind, während der Tango, der zwar auch pulsiert, mächtig sogar, eine melancholische Düsternis verbreitet, die nicht zu Herrn M. passt, der, wie Sie wissen, lebensbejahend und fröhlich ist.


Mi 25.03.15 10:22

Vorm Zubettgehen gestern musste ich noch schnelle meine Mails checken, und da hatte ich den Salat. Peripatetic Media, ein kleiner Verlag aus New York, der mich im letzten Jahr angeschrieben und nachgefragt hatte, ob er einen Text von mir transponieren dürfe, worauf ich ja sagte, wenngleich ich damals noch keine Vorstellung davon hatte, wie das Transponieren eines Textes überhaupt vor sich geht, hatte mir erneut geschrieben, hatte gesagt, dass Dr. Priscilla D. Layne, eine Germanistin, meinen Text mittlerweile transponiert habe, und nun habe sich zudem "The Flexible Persona" gemeldet, ein "international literary journal", das Interesse an der Veröffentlichung meines Textes habe.

Offenbar gibt es in New York Menschen, die glauben, ich sei ein Autor, der experimentelle Literatur schreibe. Sie wollen nun ein Foto von mir und eine kurze Biographie. Sie werden beides bekommen. Folge dieser Mail war zwar keine schlaflose, aber doch unruhige Nacht, in deren Mittelpunkt die Lösung aller Probleme nicht 42 war, sondern "Emsdetten". Das konnte ich mir nicht erklären und erwachte. Da war alles noch seltsamer.


Fr 27.03.15 15:57

Während man in New York meine Arbeiten diskutiert, wartet man in Ostbevern darauf, dass ich endlich erscheine und mein Schlagzeug aufbaue, damit es losgehen kann. Die alten Männer gehen wieder ans Werk, um Radau zu veranstalten. The Real Fullmooners. Google them.


Sa 28.03.15 12:54


Letzte Nacht gegen 23 Uhr fiel Herr M. plötzlich und ohne Außeneinwirkung rückwärts von seinem Schlagzeughocker. Die Kollegen hatten es nicht bemerkt. Ja, ja, der Alkohol, dachte Herr M. beschämt und rappelte sich schnell wieder auf. Heute früh stellte er fest, dass zwei von vier die Sitzfläche haltenden Schrauben nicht mehr an vorgesehener Stelle waren, wenngleich er natürlich getrunken hatte, das war ja Bestandteil der Inszenierung: Single Malt, nicht zu knapp. Ja, auch THC wurde inhaliert, und dann auch noch (am Morgen mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung als Traum identifiziert) die Teufelsdroge Nikotin. Man kann also sagen, dass die alten Männer und Herr M. (keiner unter 60) einen schönen Abend verbrachten. Bis auf Sex gab es eigentlich alles, was man braucht, wenn man Rock 'n' Klischees dekliniert.


23:45

Jewrope bodytalk - Tanztheater über den Holocaust im Pumpenhaus. Weiß nicht, ob ich das gut fand. Zum Ende wird literweise Milch verspritzt, alle sind mehr und weniger nackt. Alle zucken am Boden. Sie rutschen auf dem Milchfilm. Meine Sache war das nicht.


So 29.03.15 13:58

zwei dohlen stelzen durch das feuchte gras
der tag ist trüb, die eine stutzt,
die andere schreit, sie findet was,
die stutzt, spreizt sich und putzt.




Mo 30.03.15 11:27

Auf dem Bauch liegend konnte ich Arme und Beine zur Seite wegstrecken. Das war ganz nach meinem Sinne, denn ich wartete. Ich wartete darauf, dass man mich mit Schokolade überzog. Soweit ich weiß, war ich in Indien. Gegen Abend sollte ich mein Zimmer räumen, weil neue Gäste kämen, um mit Schokolade überzogen zu werden. Aber nichts geschah. Niemand ging an die Arbeit. So erwachte ich schließlich und fragte mich, ob das vielleicht mit Ostern zusammenhängt. Schon während des Traums hatte ich mich das gefragt, denn es schien mir doch seltsam, mit Schokolade überzogen zu werden. Hach, ich liebe Träume.


Di 31.03.15 12:05

in scherben liegt noch märz herum,
die letzten sätze hängen in den bäumen,
bald sind die illusionen stumm,
zeit, träume wegzuräumen.

23:28

in scherben liegt der märz,
paar sätze hängen in den bäumen,

die illusionen werden stumm, mein herz
hat zeit, sich neu zu träumen.