März 2019                      www.hermann-mensing.de      

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Fr 1.03.10 8:24 trüb und feucht

Keckernde Elstern, ein Hochdruckreiniger, gurrende Tauben, ansonsten die Stille des Westwindes, der suggeriert, dass es keine Autobahn gibt. Bleischwere Müdigkeit seit Tagen, die üblichen Verwerfungen eines alternden Systems, das sich an den Wechsel der Jahreszeit gewöhnen muss. Die Sonne scheint knapp fünfhundert Meter über mir, die naiv hergezeigten Brüste und Hinterteile der letzten Tage bleiben unter Textil. Wie jeden Tag fliegt mir die Zeit um die Ohren. Dass ich bald siebzig werde, zeigt, dass mein System verlässlich arbeitet, weist aber auch darauf hin, dass Fehlfunktionen mit jedem Tag wahrscheinlicher werden.


So 3.03.19 16:14 trübe und feucht

Man muss mutig sein als solchen Tagen. Am Besten, man verwandelt die regengestrichelte Luft langsam in Lebensfreude, die, das allerdings muss von vornherein klar sein, karnevalsfrei bleiben muss.

18:48

Das sagt man so einfach, hätte ich das vorher gewusst. Wenn ich es vorher gewusst hätte, hätte ich es nicht geglaubt.

20:21

Immer irgendwann kommt der Rückblick, und danach das Erstaunen, weil wieder etwas passiert ist, das ich nicht erwartet hatte. Die Radtour entlang der Weser. Das immer wechselnde Eins-Sein mit Land, Himmel, Wasser und vor Bremen die Ahnung vom Meer. Das Wandern im Sauerland. Die überm Tal liegenden Wolken. Buchenwälder in flammenden Farben. Regen in abgelegenden Dörfern. Ich lebe. Das Leben ist schön.


Mo 4.03.19 12:18 stürmisch und regnerisch

Die Narren tun mir ein bisschen leid. Da haben sie nun gehämmert, geschweißt und gestrichen, um ihre Karnevalswagen präsentieren zu können, und dann so etwas. Windböen. Regen. Keinen Hund möchte man auf die Straße treiben.


Di 5.03.19 10:09 bewölkt, acht Grad, höchstens

Ich träume außerordentlich viel in letzter Zeit. Vor ein paar Tagen traf ich meinen Vater, ein großer Sessel spielte eine Rolle, es war ein angenehmes Treffen, aber mehr weiß ich nicht. Manchmal weiß ich nach dem Aufstehen gar nichts mehr, aber im Tagesverlauf, oft auch erst einen oder mehrere Tage später, tauchen sie wieder auf. Fragmente, weichgezeichnete Bilder, die zwar zu sehen, aber nicht zu beschreiben sind. Es ist schön, daß die, die einmal waren und es nun nicht mehr sind, mich besuchen. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, ich messe Träumen keine metaphysische Bedeutung zu, es sind, so weit ich weiß, neuronale, durch die Tiefenentspannung beförderte, chemische Prozesse, aber sie sind in sich ebenso wirklich, wie meine Tage wirklich oder unwirklich sind. Abends lade ich meine Lieben oft ein, mich zu besuchen, aber sie sind wohl eigensinnig und haben eigene Pläne.


Do 7.03.19 11:39 bewölkt, kühl

Man wird siebzig, Essen wird serviert, allerbestes, selbstgemachtes Essen, die Familie ist da, das Wohnzimmer ist bis auf den letzten Platz besetzt, es wird dieses gesagt und jenes, es wird getrunken und geraucht, und als es gegen Mitternacht vorüber ist, heißt es: Weiter im Text. Dann wird man einundsiebzig und so weiter und so fort, dann stirbt man, darüber muss man sich nicht sorgen.

Einer, von dem ich gehofft hatte, er würde sich zumindest melden, war nicht da. Obwohl er nicht Familie ist, hat er seit fast drei Jahrzehnten immer dazugehört. Wir waren nach dem Tod seiner Eltern eine Weile fast seine Ersatzeltern. Immer kam er mit seinen Freundinnen her, die meist jünger waren. Damals fiel das noch nicht auf, aber als er älter wurde, und seine Freundinnen jünger, schon. Seit er mit einer mehr als 25 Jahre jüngeren zusammen lebt, und ich ihn einmal fragte, ob er sich vor Gleichaltrigen fürchte, hat er sich zurückgezogen. Meine Versuche, den Kontakt wieder zu beleben, sind fehlgeschlagen, er hat nicht einmal reagiert, so dass ich mich entschlossen habe, ihm die Freundschaft zu kündigen.


Fr 8.03.19 19:42

Zweimal bin ich ein wenig nass geworden, einmal hat es gehagelt. Es war frisch. Die Freitags Klimaprotestler vorm Rathaus haben einen Anheizer, der im Stimmbruch ist, man hört ihn von weitem, er klingt hysterisch, er geht einem auf die Nerven, aber natürlich tut er das für das Richtige, und es bleibt zu hoffen, dass man ihn und die Schüler hört. Aber damit allein ist es nicht getan. Jeder muss sein Verhalten ändern. Als ich heim kam, habe ich mir ein Bad eingelassen, das Geburtstagsbad für die großen Gefühle, und es scheint, dass es mich noch mehr erschöpft hat, als die vier Stunden auf der Kutsche. Der Körper verbrennt eine Menge Energie, wenn er auf dem Kutschbeck dem Wetter trotzt. Also keine Bewegung mehr. Nichts. Keinen Meter. Drömmeln. Film gucken. Durchschlafen, bis Frühling ist.


Sa 9.03.19 10:31

Man sagt, komm, Schmerz, setz sich und halt die Fresse, dann geht's.


Mo 11.03.19 12:09 Schneeregen, acht Grad, schätze ich

Samstag haben wir Freunde in Billerbeck besucht, Sonntag waren wir im Schauspielhaus Bochum. Mit Bahn und Bus hätte das für zwei Personen ca. 95 Euro gekostet. Ich fand das zu teuer, und habe nach Alternativen gesucht. Bei Hertz kostete ein Ford Focus von Samstag bis heute 54 Euro, hinzu kamen 19 Euro für Diesel. Das Auto ist voller Elektronik. Überall sind Knöpfe, deren Funktion ich nicht kannte. Beim Einfahren in die Tiefgarage in Bochum piepte es ununterbrochen, und ich wusste nicht, wie man das abstellt. Auf der Rückfahrt gelang es mir nicht, die Navigation abzubrechen. Man wird in solchen Autos zum Trottel und kann nur hoffen, dass die Elektronik nicht verrückt spielt, ansonsten aber angenehmes Fahren meist bei 100 KmH.

Im Schauspielhaus Bochum wurde "Plattform" und "Unterwerfung" von Michel Houellebecq gezeigt. 4 Stunden Theater. Ich bin mit großen Erwartungen hingefahren, vier Stunden, das muss man erst einmal füllen, aber Bochum traut sich so etwas, Bochum hat einen Ruf. Natürlich ist es schwer, Romane zu dramatisieren, ein Roman und eine Bühne sind zwei Paar sehr unterschiedlicher Schuhe. Der überzeugendste dramaturgische Einfall gleich zu Beginn war das aus dem Schnürboden herabstürzende Gerümpel, das in beiden Stücken das Bühnenbild dominiert. Danach dünnte es aus. Man bewegte sich in und auf diesem Müllhaufen, dieses und jenes wurde verschoben, aufeinander getürmt, fort- und umgeräumt, aber das schienen eher Übersprungshandlungen zu sein, die davon ablenkten, dass der Regisseur den dramatischen Schlüssel zu beiden Stücken nicht gefunden hat.

Ich kannte die Inszenierung der "Unterwerfung" aus dem Schauspielhaus Hamburg als Film. Darin macht das Bühnenbild erst gar nicht den Versuch, Realismus abzubilden, sondern beschränkt sich auf eine die Bühne in Höhe und Breite ausfüllende schwarze Wand mit einem ausgesparten kreisrunden Loch, einer Art Höhle, in der sich ein stilisiertes Kreuz dreht, in dem der Hauptdarsteller sitzen und liegen kann. Das hatte mich überzeugt.

In Bochum hingegen alte Plastikstühle und Tische, durchgelegene Matratzen, Kartons, ein hässliches Sofa, das Chaos nach einem islamistischen Anschlag. Die Schauspieler gaben sich Mühe, aber in beiden Inszenierungen wurde meist nur erzählt, was geschehen ist, obwohl das Theater doch die größte Kraft aus Spiel und Wort entwickelt. Bis auf den Hauptdarsteller standen die übrigen Schauspieler oft beschäftigungslos herum. Schauspieler müssen spielen, aber dazu müsste ein Regisseur sie führen. Ich hatte aufregendes Theater erwartet, aber es war nur interessant.


Di 12.03.19 11:22 bewölkt, schätze mal, kaum 10 Grad, App sagt 5

Als ich am Geburtstagsabend einem Gitarristen und einer Klavierspielerin My favourite things Noten zeigte und Fragen zum Bassschlüssel stellte, konnte mir keiner der beiden eindeutig Auskunft geben. Man redete von Erhöhungen um 2 Töne, gab komplizierte Erklärungen ab, die ich natürlich nicht verstand, und als ich am Tag darauf die Erhöhungen ausprobierte, klang das überhaupt nicht, so dass ich heute die Akkordsymbole, die über den Noten stehen, etwa Am7, einen nach dem anderen in Töne aufdröselte. Diese Recherche, mit dem Internet schnell zu machen, hat mich dem Lied deutlich näher gebracht. Die Melodie kann ich schon spielen, die Akkorde mit links haken noch, aber es muss ja nicht alles heute passieren.

Vor ein paar Tagen rief mich die Frau meines besten Freundes an. Er hat Parkinson und ist momentan in einer Spezialklinik. Als wir über Schmerzen und Schmerzlinderung sprachen, erzählte ich ihr von einem Artikel über eine alte Dame, die ihre chronischen Schmerzen, die sie über Jahre geplagt hatten, mit selbstgebackenen Cannabisplätzchen, von denen sie jeden Abend eines nimmt, besiegt hat. Vielleicht wäre das etwas, sagte ich. Sie hat keinerlei Erfahrung mit THC, ich riet zur Recherche. Zwei Tage darauf rief sie zurück und fragte, ob ich helfen könne. Ich sagte, ja, und habe gestern ein Backblech Heidesand plus THC gebacken. Jetzt folgt der Selbstversuch. Unspektakulär. Alles sehr ruhig. Ich arbeite konzentriert.


18:33

Kräftiger Wind aus Südwest rannte heran, als ich vorhin spazieren ging. Ich sah Krähen, Elstern und Bussarde, die halbschräg dagegen anflogen. Die haben's nicht leicht, dachte ich, aber bei genauerem Hinsehen fiel mir auf, dass sie nicht kämpften, im Gegenteil, sie spielten mit ihm, sie tanzten ihn aus, sie foppten ihn, ließen ihn unter ihre Flügel greifen, kippten nach rechts oder links, ließen sich zum Schein abtreiben, um im nächsten Moment pfeilschnell und gezielt vorzustoßen. Das war wundervoll, und ich beneidete sie.


Do 14.03.19 22:13

Regen, Sonne, Wind in flottem Wechsel, dazu überall Knospen, die auf den nächsten warmen Sonnenstrahl warten, um die Welt in grüne Raserei zu verwandeln. Braucht aber noch ein paar Tage.


Fr 15.03.19 11:50

Heute um 5.15 hellwach. Aufgestanden, Bütterken gegessen, Kaffee getrunken, aufs Rad zum Fotografieren, zurückgekehrt, gefrühstückt, Gesundheitsbad, und jetzt völlig kaputt. Hoffentlich keine Grippe.


14:49

Vielleicht war's eine Ahnung, die mich heute um 5 aus dem Bett warf. Stunden später nämlich erhielt ich eine Mail, in der das Center for Literature mich um die Erlaubnis bittet, einen Audio-Walk für das Schloss Hülshoff, der in einem Projekt, an dem im beteiligt war, entstand und 6 Minuten aus "Mein Prinz" erhält, zu nutzen und mir fortan eine jährliche Tantieme zu zahlen. Die ist nicht hoch, entledigt mich aber einer Monatsmiete mit Nebenkosten. Für einen verrenten Dichter eine feine Sache. Also feiere ich. Money for nothing & chicks for free.


15:40

Es ist grau und gießt. Ich könnte mit Schirm auf den Markt gehen, gutes Brot brauche ich, und vielleicht einen Fisch.


So 17.03.19 8:04 bewölkt, regnerisch

Manchmal bricht einem das Selbstvertrauen in Sekunden unter den Füßen weg und man fühlt sich wie ein Trottel. Ich werde heute die Deckung nicht verlassen. Die Meteorologen sagen, der Frühling sei in Sicht. Das wäre schön.


Mo 18.03.19 8:02 schüchterne Sonne

Sonntagmorgen, keine Milch im Haus, Capuccino ohne Milch ist Frevel, also verließ ich das Haus, um beim Bäcker welche zu holen. Kaum vor der Tür sah ich diese gigantische Wolke, kehrte um und holte meinen Fotoapparat. Bis zum Bäcker sind es kaum fünfhundert Meter, die Wolke zeigte sich in Nuancen jeden Augenblick anders, ich fotografierte aus verschiedenen Perspektiven, kaufte Milch, und als ich heimkam, stellte ich fest, dass ich meinen Haustürschlüssel drinnen hatte stecken lassen, ich müsste also nur jemanden finden, der mir die Haustür öffnet. Ich schellte bei J., dessen Auto vor der Tür stand. Keine Reaktion. Ich schellte bei B. und bei P. Niemand zuhause. Ich musste durchs hintere Fenster einsteigen.

 




22:59

Ich glaube nicht, dass Sie mich kennen. Ich wüsste nicht, woher. Vielleicht, wenn Sie im Ort wohnten, dann ja. Dann könnten Sie zu denjenigen gehören, die dies und das gehört hätten, mich hin und wieder sähen, und denen aufgefallen wäre, dass ich in der Öffentlichkeit ein höflicher Mensch bin. Ansonsten glaube ich nicht, dass Sie auch nur die geringste Ahnung von diesem Herrn M. haben. Wie sollten Sie auch. Sie sind ja in ihrem privaten Kosmos gefangen, von dem Herr M. wiederum nichts die geringste Ahnung hat. Herr M. ist eine Erfindung.


Di 19.03.19 22:58

Nein, sagt Frau Hulte, ein Mann kommt mir nicht mehr ins Haus. Ihrer ist vor vierzehn Jahren gestorben. Sie ist blind. Sie lebt allein. Sie liest gerade den "Stechlin" aus der Hörbücherei. Ich treffe sie oft beim Einkaufen. Hallo Frau H. ohne Sch, rufe ich dann, und sie sagt, ah, Herr Mensing. Wir sprechen über unseren Alltag. Sie erzählt mir, dass sie, wenn sie morgens aufsteht, Schritte zählt, damit sie genau weiß, wo sie ist. Und wie sie aufpassen muss, am Herd. So einen modernen Herd kann sie gar nicht bedienen, sie braucht einen mit Drehknöpfen, damit sie weiß, auf welcher Stufe sie kocht. Und wie ihr beim Frühstück die Marmelade vom Brot fällt. Macht ja nichts, Frau H. ohne Sch sage ich dann, Sie können das ja sowieso nicht sehen. Dann lacht sie. Sie ist 84, und so langsam macht sie sich Sorgen, wie lange das noch geht, ohne Hilfe. Vor kurzem war sie auf einem Blindentreff. Wie, hätten alle gesagt, die meisten so um die fünfzig, Sie leben noch allein? Wie machen Sie das denn? Ich mache es einfach, hätte sie gesagt. Genauso schreibe ich Romane, habe ich geantwortet. Ihr Mann war Kriminalkommissar. Der rote Hulte, habe sie ihn genannt. Wenn man vierzig, fünfzig Jahre mit einem zusammen war, passt da kein neuer mehr rein, sagt sie.


Fr 22.03.19 9:30 sonnig, heute wird Frühling


Sa 23.03.19 11:12 bewölkt, Frühling war gestern

Seit ein paar Tagen arbeite ich an einem Stehpult im Flur. Ich müsste Rollen darunter schrauben, damit ich nicht wie ein Trottel vor der Wand stehe, aber das Pult ist voller Manuskripte, Landkarten und elektronischem Krimskrams, so dass es selbst dann nur schwer zu bewegen wäre. Die Arbeit im Stehen beflügelt und tut meinem Rücken gut. Allerdings werden die Beine nach einer gewissen Zeit schwer, aber man kann auf der Stelle treten wie Flake, der Keyboarder von Rammstein. Also, es ist Samstag, die bilateralen Verhandlungen stocken, überall rüsten Nazis zu Tod und Verderben, selbst in Ländern, von denen ich lange Zeit dachte, sie wären liberal und fortschrittlich, ja Scheiße, das Volk fühlt sich überall überannt vom Fremden, verhöhnt von den Politikern, die im Bestreben, den Wohlstand der wenigen zu mehren und durch ihren Zugriff auf die Schätze der Erde ihrerseits Tod und Verderben in die Welt tragen. Ich weiß nicht, was ich tun kann, ich bin Fatalist, ich sage mir, wenn das zusammenbricht, bin ich tot. Aber was ist mit meinen Kindern? Was mit meinen Enkeln?


So. 24.03.19 22:33

die hübsche hummel kann nicht fliegen
und tut es trotzdem sehr apart
herr mensing kann nicht richtig lieben
jedoch sein herz ist zart





Mo 25.03.19 19:51

Ein Bassist geht im Juli in Rente. Er hat schon jetzt einen 450 Euro Job. Einmal die Woche fährt er Krebsmedikamente zu Apotheken. 250, 300 Kilometer, niemand redet ihm rein, er hört Musik, und dann ist er wieder zuhause. Ein Beleuchter hat er geerbt. Jetzt ist er Privatier. Das gefällt ihm. Er weiß, was er mit der Zeit anfangen kann. Die Wohnung ist auch bezahlbar. Sein Vermieter war DKPist. Jetzt schämt er sich, weil er Immobilien besitzt. Ein Kellner des Marktcafés rief, willsten Kaffee, geht auf mich. Die Aachener wollten nicht viel wissen. Sie redeten über ihre Söhne, über Migranten, die für drei Kinder soundsoviel kriegen, und über die neue Hüfte von Werner. Die Töchter mit ihren greisen Müttern von der Mosel waren herzerfrischend. Die wolltlen alles wissen. Es hagelte, regnet, die Sonne schienen, ich habe das Verdeck auf und wieder zu, auf, zu, auf und zu gemacht und gelassen, ich habe gefroren, und hatte viel Freude.

ich war kaum dreißig jahr
als sturm den hut mir fort riß
es brauste es war wunderbar
doch jetzt bin ich ein filmriss





Fr 29.03.19 21:46 Frühling

Gegen halb elf habe ich mich aufs Rad gesetzt, um nach Everswinkel zu fahren. Falls ich dort im nächsten Jahr Dorfschreiber werde, was durchaus möglich wäre, da wichtige Dorf-Literaturvermittler, die meine Arbeit schätzen, im Hintergrund Fäden ziehen, falls also der Fall der Fälle einträte, und man mich knapp 30 Kilometer östlich von hier für meine Literatur bei gutem Salär verantwortlich machte, dachte ich, es wäre nicht schlecht, die erste große Tour des Jahres dorthin zu unternehmen. Ich hatte mir die Route auf der Karte angeschaut, ich wusste Bescheid, und kurz nach eins war ich dort. Was soll ich sagen. Ich sprach mit einem netten Bauern auf dem Markt. Mir fiel auf, dass die Kirchen und ihre Türme in Alverskirchen und Everswinkel, beide Orte zählten im Fall der Fälle zu meinem zu versprachlichenden Revier, sich baulich gleichen, einfache, quadratische Grundrisse mit spitzer, kurzer, grüner Haube, worauf ich dachte, hier will man nicht hoch hinaus. Eine gewisse Bescheidenheit herrscht hier, dachte ich, und war nicht unangenehm berührt. Wie das aber würde, wenn ich dort für drei Monate in einer 65 Quadratmeter großen Ferienwohnung lebte, das ist noch wieder etwas ganz anderes. Aber wir werden sehen. Die Tour heute war wunderbar. Seit an jedem Feldweg Hinweisschilder stehen, die den einen Fahrradwanderweg mit dem nächsten verbinden, kann man ohne Karte quer über Land fahren kann. Eine kritische Situation kurz vorm Heidbusch, ein Stieleichen und Hainbuchenwald zwischen Everswinkel und Telgte. Der Landwirtschaftsweg war aus großen Betonplatten gelegt, Panzerstraße, sagte man früher zu so etwas und ich dachte, was hier wohl war, damals. Diese großen Platten sind hier und da gebrochen, und manche Ränder stehen gefährlich hoch. Über einen dieser Ränder wäre ich um ein Haar gestürzt. Erstaunlich dann immer wieder, wie routiniert der Körper reagiert. Alle ausgleichenden Bewegungen, alle nötigen Handgriffe, Gewichtsverlagerungen, all das macht er in Sekundenbruchteilen, und schon ist die Gefahr vorüber und ich frage mich, wer da wieder seine Hand über mich gehalten hat. Wenn ich eine romantische Erklärung will, sage ich mir, das war Chris.

Morgen mehr zu dem grandiosen Analogues Konzert in Essen am Donnerstagabend.


Sa 30.03.19 22:50

Vorgestern 17.000 Kilometer auf dem Rad seit Juni 2015. Ansonsten heute nichts mehr. Feierabend. Wenn ich morgen aufwache, habe ich eine Stunde verloren. Jedes Jahr das gleiche, unnütze Procedere.


So 31.03.19 12:15 bewölkt

Wir hatten beschlossen, den RE42 (oder43) nach Mönchengladbach zu nehmen, der um 18:36 Münster verlassen würde und uns punktgenau nach Essen brächte. Als wir den Bahnsteig betraten, hieß es: Zug fällt aus. Unschön, denn unser Zeitkonzept war dicht. Was also nun? Wir beschlossen, mit einem ICE zu fahren, der wenig später einlief. In Gelsenkirchen würden wir aussteigen und von dort mit der S-Bahn weiterfahren. Wir hatten aber das Gute-Laune-Ticket der Bahn, das uns nicht erlaubt, mit ICEs zu fahren.

In Anbetracht der Tatsache, dass auch der nächstfolgende RExpress, der uns zum Ziel gebracht hätte, ausfiel, nahmen wir uns vor, bei eventueller Kontrolle im ICE großartige Reden über "sänk you voor trävellling with Deutsch Bahn" zu halten, aber das wurde nicht nötig. Wir missachteten einfach die Frage des Schaffners nach neu zugestiegenen Reisenden, freuten uns diebisch und dachten, so und genau so muss man sich verhalten, wenn man kriminell wird. Ruhe bewahren, nie rennen, Sie kennen das.

Mein Sohn hat ein smartphone, ist ein digital native, und hat, sofern die Bahn ein verlässliches Internet liefert, Zugriff auf DB Informationen, denen er entnahm, dass der Zug, der wegen Problemen Münster nicht erreicht hatte, sondern irgendwo vorher stehen geblieben war, dennoch von dort die Reise nach Mönchengladbach aufnehmen würde, was bedeutete, wenn wir in Recklinghausen ausstiegen, könnten wir mit dem Zug, der zwar Münster nie verlassen hatte, aber hätte verlassen sollen, fahrplangerecht nach Essen kommen. Gesagt, getan. Nach etwa zehn Minuten Wartezeit in Recklinghausen kam der RE, brachte uns nach Essen, und von dort folgten wir freundlichen Menschen und Wegweisern zur U-Bahn, die uns zum Berliner Platz brachte, dort folgten wir einem jungen Mann, der mit einer Flöte unterm Arm Richtung Collosseum ging.

Wir betraten das Collosseum in Essen um acht, hetzten durchs Foyer zur Tribüne, jemand wies uns den Platz, alle mussten aufstehen, sorry, Bundesbahn, sagte ich, und man lachte, wir erreichten unsere Plätze, setzten uns, und die Band begann. The Analogues, ein Projekt aus Holland, haben sich zum Ziel gesetzt, alle Alben der Beatles, die die Band nie live gespielt hat (Revolver, Sgt. Pepper, Abbey Road, The White Album, Let it be) werktreu aufzuführen. Die White Album Tour. Demnächst im Londoner Palladium und im Olympia in Paris.

Back in the USSR. Ein mächtige Zeitreise begann, dass mir Tränen liefen vor Glück, in einer Zeit jung gewesen zu sein, die eine Band hervorgebracht hat, deren Lieder fünfzig Jahre später noch wirken, als wäre sie gerade entstanden. Und natürlich weinte ich wegen ihr, sie war dabei. The Analogues verwenden Vintage Gitarren, Bässe, Schlagzeug, Amps. Alles ist aus der Zeit. Ein Cembalo wird es auf die Bühne geschoben, ein Wurlitzer, ein Melltontron. Zwei Musiker treten auf, spielen vier Takte Blöckflöte und gehen wieder. Bei Blackbird imitiert ein Musiker mit einer von Metall eingefassten Mebran, die ich mir als Kind auf die Zunge gelegt habe, die Amsel. Streicher und Bläser kommen und gehen, eine Harfe auch. Man muss nicht die Augen schliessen. Diese Show braucht keine lightshow. Die Musik schafft die lebendige Reise allein. Die Bühne ist ein zweistufiges Podest, dessen Vorderseiten mit von hinten ausgeleuchteten, rechteckigen Aussparungen versehen sind. Dahinter ist eine Projektionsfläche. Ruhig und klar, eine Augenweide. Die Musiker sind keine Beatlesdarsteller. Sie spielen nur ihre Musik. Falls Sie Gelegenheit haben, ein Konzert der Analogues zu hören, gehen Sie hin.

http://www.theanalogues.net