Mai 2003                                       www.hermann-mensing.de                               

 mensing literatur

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Do 1. 05. 03 14:18

Unabhängig von politischen Entwicklungen, Geld und Ranküne ist dieser Monat allem gewidmet, was M. heilig ist. In einer Folge von Briefen (möglicherweise bis zu 31) wird er sein Herz überm Feuer der Reinigung braten. Vielleicht beginnt er noch heute. Machen Sie sich also auf einen Mai gefasst, wie Sie ihn noch nicht erlebt haben.

14:39

Liebe CIA,
Danke, danke, danke.

Am 1. Mai 1951 nahm das vom CIA finanzierte "Radio Free Europe" seinen Sendebetrieb in München auf. Ziel der Station war, die Hörer in den Ostblock-Staaten mit politischen Informationen aus dem Westen zu versorgen und für Demokratie zu werben. "Radio Free Europe" war damit Teil der Propagandaschlacht des Kalten Krieges und zielte mit seinen Programmen besonders auf die Staaten Ungarn, Polen und die Tschechoslowakei. Die größten Erfolge konnte der Sender wahrscheinlich in den Jahren bis 1956 verbuchen. Seit 1971 wird die Station nicht mehr vom CIA, sondern vom US-amerikanischen Kongress finanziert. Der Hauptsitz des 1975 mit "Radio Liberty" fusionierten "Radio Free Europe" befindet sich in Washington, das Sendezentrum zog von München nach Prag um.

 

Fr 2.05.03 17:16

Liebes Leid,
von dir hab ich die Nase voll.

20:12

Liebes Müh,
nichts ist vergeblich.

 

Sa 3.05.03   10:51

Liebes Arschloch,
ich habe lange überlegt, ob ich dich so ansprechen darf, ob es nicht besser wäre, sehr geehrter Anus zu sagen, aber da wir uns täglich nah sind, glaube ich, dass die erste Anrede richtiger ist.
Du als Endstation meines zweitwichtigsten Organs, du, der du neben meinen Sprachwerkzeugen als einziges Organ in der Lage bist, dich akustisch zu äußern, das Stadium der an Sprache gebundenen Lauterzeugung längst hinter dir gelassen hast und stattdessen auf die Wirkung reiner Töne setzt, die keiner muttersprachlichen Bindung unterliegen, weltweit verstanden und geachtet werden, bist, wenn ich es recht bedenke, die ehrlichste meiner Häute.

Du sagst, um es mit Wittgenstein zu deuten, was der Fall ist, und wenn ich es dir einmal untersage, antwortest du sofort mit innerer Verstimmung. Du lässt dich nicht vereinnahmen von den Eitelkeiten menschlicher Kommunikation, du hast keinerlei Vorurteile und neigst niemals zu Überheblichkeit.
Nur damals, als ich in Südamerika unterwegs war, hast du mich hier und da schändlich hintergangen. Auch in Indien und Nepal warst du nicht immer zuverlässig, aber im Großen und Ganzen hast du verdient, dass ich dich "liebes Arschloch" nenne und dich vor allen anderen Organen anschreibe, denn was wäre ich ohne dich!
Längst tot, nehme ich an, oder aber Träger einer dieser kleinen, schlecht riechenden Plastikbeutel, die ich während meines Zivildienstes bejammernswerten Menschen, denen du aufgrund einer furchtbaren Krankheit abhanden gekommen warst, mehrfach täglich anbringen musste.

Der Mai ist ein Wonnemonat, das Kind, das - noch keinerlei Konvention unterworfen - scheißen und furzen darf wie es mag, ist ein Wonneproppen, daher wünsche ich dir, liebes Arschloch, alles erdenklich Gute, und hoffe, dass es noch eine ganze Weile dauert, bis ich dich zusammen kneife.

14:44

Drei Dinge sind uns vom Paradies geblieben: Sterne, Blumen und Kinder. (1)

 

So 4.05.03     13:05

Sehr verehrtes jammerndes Volk,
ich weiß nicht, ob du es wissen willst, aber es gibt in der Welt kaum eine Gegend, die ähnlich privilegiert, rundum gesichert und mit allem versorgt ist wie deine. Du magst das anders sehen, ich bitte dich aber an diesem sonnigen Tag, einen Augenblick inne zu halten und deine tatsächliche Lage zu betrachten.
Der Himmel über dir wird unaufhörlich von Flugzeugen gekreuzt, die dich in alle Weltgegenden tragen, damit du dort rundum versorgt trinken, ficken und fressen kannst, als gäbe es außer dir niemand sonst.
Die Straßen, die dieses Land schnüren, sind von bester Qualität, kaum, dass man noch irgendwo einen Landweg fände, der nicht asphaltiert ist.

Die tatsächlichen Zahlen verübter Verbrechen stagnieren, die Zahl der Verkehrstoten geht zurück, und selbst die amtlich gewordene Korruption scheint sich - vergleicht man sie mit anderen Ländern - sehr in Grenzen zu halten.

Einzig deine geistige Verfassung scheint sich von Tag zu Tag zu verschlimmern. Schlägt man die Zeitungen auf, kann man kaum zu anderen Schlüssen gelangen. Mit nichts bist du zufrieden, alles soll sofort und jetzt sein, es soll möglichst nichts kosten, noch soll es Mühe machen.
Liebes Volk, ich fürchte, du hast den Verstand verloren.

Nichts verbindet mich noch mit dir, außer der Sprache. Und selbst ihr traust du nicht. Gibst dich lieber Englisch stammelnden jungen Sängern und Sängerinnen hin, die dich mit mühsam einstudiertem Hüpfen und jämmerlichem Gesang offenbar gut unterhalten, anders wäre mir nicht erklärlich, wie gut diese Menschen entlohnt werden.

Liebes Volk,
seit der Kapitalismus 1989 an allen Fronten gesiegt hat, haben die Begriffe unmerklich ihre Bedeutung gewechselt. Das, was man dir bis dahin immer als das Böse verkauft hat, hat längst Macht über dich gewonnen.
Es ist die Diktatur des Proletariats.
Lass dir das auf der Zunge zergehen: Diktatur des Proletariats.
Ärgere dich nicht. Ich glaube, du hast nichts Besseres verdient.
Wer sich nicht wehrt, muss sich nicht wundern.
Und so schaue ich zu, wie du dich in die nächste und übernächste Legislaturperiode jammerst, um deine kleinen Vorteile kämpfst und nicht begreifst, dass du auf dem Scheiterhaufen der Restwelt hockst, täglich fetter wirst, dich mit lächerlichen Fitnessübungen über Wasser zu halten versuchst, steinalt und älter wirst, während gleich nebenan gern um die vierzig gestorben wird.
Sehr verehrtes jammerndes Volk.
Du wirst sagen, das alles sei doch nicht wahr.
Glaub, was du willst. Mein Freund wirst du nicht.

 

Mo 5.05.03 10:04

Liebes Leben,
sag nicht, ich hätte schon früher schreiben sollen.
Wann denn? Ich war doch von früh bis spät damit beschäftigt, dich so gut wie möglich hinzukriegen. Also sei still jetzt und hör zu. Du hast mir einiges zugemutet in den letzten zwei Monaten. Ich wäre dir dankbar, wenn ich wieder in ruhigeres Fahrwasser käme. Wenn der Schlaf, den du mir vorübergehend als Tiefschlaf geschenkt - aber nach wenigen Tagen schon wieder genommen hast - wieder Tiefschlaf würde, Schlaf also, der seinen Namen verdient, Schlaf, der mich am Morgen ausgeruht entlässt und nicht zerschlagen und voller dunkler Gedanken.

Auch würde ich mich sehr freuen, wenn in den nächsten fünfzig Jahren niemand mehr stürbe, der mir nahe steht.
Ob ich mich auf den Erfolg freuen soll, der vor mir steht, oder sogar über den Erfolg, den ich bereits habe, weiß ich nicht recht. Ich weiß ja nicht einmal, weswegen ich überhaupt angetreten bin in diesem "rat race", so wenig wie ich über die Gründe meiner Herstellung weiß. Ich kann nur hoffen, dass man sich über mich freute. Allerdings, liebes Leben, kann ich mich sehr gut erinnern, dass die Umstände, unter denen ich aufwuchs, oft auf Gegenteiliges schließen ließen.

Liebes Leben.
Du bist wundersam und voller Überraschungen. Deshalb liebe ich dich. Du bist aber auch grausam und unberechenbar. Nicht, dass ich etwa von dir verlange, du solltest berechenbar werden, nein, nein, das wäre mir sicher zu langweilig. Freuen würde ich mich jedoch, wenn du es mir hier und da ein wenig leichter machtest, dich zu genießen. Manchmal kommt es mir vor, als hättest du Spaß daran, dich als hochgiftiger japanischer Kugelfisch zu präsentieren, der jeden innerhalb kurzer Zeit nach Verzehr tötet, weil er bei seiner Zubereitung nicht aufgepasst hat. Vielleicht hinkt der Vergleich, schließlich muss niemand Kugelfisch essen, aber Leben, liebes Leben, leben muss jeder. Und niemand wurde gefragt, ob er will. Deshalb meine eindringliche Bitte zum Schluß: mach es ein wenig leichter. Oder vielleicht nicht einmal leichter. Übersichtlicher. So dass man sagen könnte, aha, dies noch und das, und jenes vielleicht nächste Woche, dann hätten wir erst einmal wieder ein wenig Ruhe. Das wär's wohl, was ich mir im Augenblick von dir wünsche. Ein wenig Ruhe. Ein wenig mehr Klarheit. Ein wenig mehr Eindeutigkeit über das, was ich fühle und nicht fühle, was ich mir einbilde und nicht einbilde. Danach wäre mir leichter. Danach wäre vielleicht das Schwerste so leicht wie ein Luftballon, und ich schliefe besser.
Also, liebes Leben. Nach vierundfünfzig Jahren, die du mich ununterbrochen in Atem gehalten hast, nun dieser Brief. Studiere ihn in einer Mußestunde, und tu dann, was du tun musst. Aber verarsch mich nicht, hörst du!

 

Di 6.05.03 13:14

Sehr verehrte Lehrer,
euch liebe Lehrer zu nennen, will mir nicht über die Zunge, wenngleich ich auf der Stelle drei Lehrer hersagen kann, die in meiner 13 jährigen Schulkarriere kompetent und lieb waren. Die anderen waren allenfalls sehr verehrt, und auch das nur der Form halber.
Sehr verehrte Lehrer also.
Ich weiß, es geht euch schlecht. Die Kinder sind unruhig. Die Klassen sind zu voll. Das Leben ist gemein. Keiner liebt Euch.

Das kann aber doch wohl keine Entschuldigung dafür sein, dass ihr, wenn ihr in meinen Lesungen sitzt und still vor euch hin in die nächsten Ferien träumt, nicht einmal bereit seid, am Ende einer Lesung eure Klasse so zu führen, dass sie - sagen wir - einigermaßen geordnet zu mir kommt, um sich ihre geliebten Autogrammkarten abzuholen. Und auch keine Entschuldigung dafür, dass nicht einer von euch - und ich habe heute morgen dreimal gelesen, dreimal vor jeweils vier Klassen, also könnten insgesamt 12 Lehrer zugegen gewesen sein - dass also nicht einer von euch 12 Lehrern nach einer dieser drei Lesungen gekommen wäre, um mal zu sagen "Herr Mensing, das haben Sie aber gut gemacht", denn dass ich es gut gemacht habe, war deutlich. Das ist kein Eigenlob, sondern eine simple Feststellung, die ich aus dem Verlauf meiner bisherigen Lesungen und den heutigen ableiten kann. Nicht einer. Nicht einmal ein Guten Tag.
Nur vom Direktor und der Lehrerin, die diesen Morgen organisiert hat. Als ich kam. Als ich ging, kein Danke. Kein Auf Wiedersehen.

Sehr verehrte Lehrer,
glaubt nicht, ihr hätte nicht meine Sympathie. Nein, ihr habt all meine Solidarität, denn euer Beruf ist schwer und ihr werdet angefeindet von vielen Seiten, aber viele von Euch schlafen im Stehen.
Das wusste ich schon als Schüler (siehe oben: kompetent). Ich wusste, dass man in euren Reihen sadistische Kinderhasser findet, ich wusste, dass sich dort inkompetente Mogler verstecken, ich wusste, dass es hochmotivierte, Kinder liebende Menschen gibt, aber im Großen und Ganzen seid ihr erschreckende Langweiler.
Kein Wunder also, dass Kinder nichts weiter im Sinn haben, als euch für diese Langeweile zu bestrafen. Das ist ihr gutes Recht. Langweiler müssen bestraft werden.
Also beschwert Euch nicht.
Morgen werde ich wiederkommen und noch einmal lesen.
Mal sehn, ob ihr mir dann "Guten Tag", "Vielen Dank" und "Auf Wiedersehn" sagt.
Aloha....

15:24

Liebe Mutti,
lese gerade, Mutti sei heute eine fast ausgestorbene Koseform, lieber sage man Mama, immer häufiger aber wohl Mum. Nun, letztere Koseformen kommen aus einem Land, über das ich nicht mehr sprechen möchte. Mutti aber, so wird weiter ausgeführt, sei "elaborierter Code", wegen der beiden in der Mitte des Wortes sich befindlichen Konsonanten.
Mama kann jeder sagen.
Mutti nicht.
Bin ich also doch kein Arbeiterkind?
Habe ich in den 54 Jahren meiner Existenz elaborierten Code gesprochen?
Sind meine vulgären Ausbrüche nichts weiter als der Ausdruck meiner Sehnsucht nach einer nicht existenten Welt?
Mutti. Vatti. Was meint ihr dazu?

16:29

Schön wäre jetzt ein dreistöckiger Joint. Den würde ich rauchen, dann würde ich Kartoffeln raspeln (mit meiner uralten, auf dem Flohmark gekauften KM3 von Braun), Fett heiß machen und Kartoffelpfannkuchen backen. Die äßen wir, dann legte ich mich aufs Sofa, hörte eine meiner sechshundert Lieblingsplatten, ginge früh schlafen, führe morgen früh wieder nach B. und läse dort in zwei verschiedenen Schulen.
Warum gerade in B.? -
Ich weiß es nicht? Wie ich so vieles nicht weiß. Aber ich gebe mir täglich Mühe, mehr zu erfahren.

 

Mi 7.05.03 15:20

Der Himmel war kupferfarben, als ich gestern so gegen neun zur Session fuhr. Kupfer, mit einem Stich ins Rosa und Lila zum Westen. Der Osten hingegen brach gewitterschwarz ab. Und als ich das Auto vorm Hot Jazz Club parkte, krümmte sich ein Regenbogen über den alten Hafen und verriet mir, wo das Gold liegt. Fuhr hin, grub es aus und bin seither ein reicher Mann. So reich und so voller Schätze, dass man mich eigentlich unter Naturschutz stellen müsste.

Die Kinder müssen das wohl gemerkt haben heute. Sie waren süß. Aufmerksam und voller Fragen. Eines hatte eine Belohnung für mich. Ein Mädchen der ersten Klasse der Max Greve Schule in Bochum. Sie hätte Geburtstag, sagte sie mir, und ob ich einen Bonbon möchte. Ich nickte. Sie müsse ihn aber holen. Schon gut, sagte ich. Sie rannte los und kam mit zwei Bonbons zurück. Einen aß ich sofort. Den anderen später.
Morgen lese ich in Bielefeld. Mal sehen, wie sie da sind, die Kinder.

Der Direktor der Schule dort hat mich schon vor Wochen gewarnt. Viele Russen, hat er geraunt. Die können kaum Deutsch. Na, dann werden sie's lernen. Morgen. Und was sie morgen nicht verstehen, verstehen sie vielleicht übermorgen. Freue mich schon ihr Russen. Aloha.

 

Do 8.05.03 13:49

Dabei waren es gar nicht nur Russen. Es waren auch: Türken. Kurden. Iraner. Araber. Thais. Russen. Polen. Und als ich denen vorgelesen hatte, ununterbrochen und zu großer gegenseitiger Freude, fragte mich ein Kind, ob ich auch andere Sprache spräche. Ich sagte, ja, ich könne gut Englisch, gut Niederländisch, ein wenig Französich und holperndes Italienisch für Pizza und Busse und wo ist das soundso, da sagte ein anderes Kind, ich solle doch mal etwas sagen. Ich sagte "I am a writer" und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Wer kann mir "Ich bin Schriftsteller" auf Polnisch sagen? fragte ich. Und Russisch? Und Türkisch? Und Kurdisch? Und Iranisch? Und Arabisch? Und Thailändisch? Ganz und gar wundervoll war das, und sogar ein kleiner Iraki, der noch kaum Deutsch spricht, meldete sich und sagte etwas und verbarg gleich danach sein Gesicht hinterm hochgehaltenen linken Arm, aber alle applaudierten ihm wild und da ging ein Lachen über und durch ihn dass es eine Freude war. Und der kritische Direktor, vor dem ich mich insgeheim ein wenig gefürchtet hatte, dieser kritische Direktor war schwerst begeistert und will mich weiter empfehlen. Seine Kollegin aus der Nachbarschule war da, um mich auszuspähen und wird mich buchen.

Buchen Sie mich auch! Ich komme sofort. Ich tue das gern.
Verteilte fast zweihundert Autogrammkarten, denn jeder hatte mindestens eine Schwester, einen Bruder, manche zwei, drei und so weiter. Gab Autogramme auf nagelneue T-Shirts, allerdings erst, nachdem mir die Träger glaubhaft versichert hatten, das gäbe keinen Ärger zu Hause.

Fuhr über Land Richtung Münster, bog irgendwann in den schmalsten Landwirtschaftsweg und machte die Strecke nach Himmelsrichtung, Wald und Feld. Ertrank im Grün der Buchenwälder, geblendet vom Gelb des Raps, überschlug mich im saftigen Gras vor Glück, ließ den Himmel über mir flattern und die Vögel extra Gesänge anstimmen, folgte der Sonne und bin nun zu Hause: müde und froh. War gut ihr Russen, stimmt's? Ja, sagten sie. War geil. War auch geil.

Anmerkung von Malte Bremer:

PPS: "ich bin ein Schriftsteller" heißt auf türkisch: ben yazarim
(wörtlich: ich schriftsteller-ich bin), wobei folgendes zu beachten
ist: y spricht sich wie j (immer), z steht für ein stimmhaftes s
(immer), das r muss gerollt werden mit der zunge (und zwar immer), das
i ist hier eigentlich ein i ohne den punkt darüber (was ich nicht
tippen kann) und steht lautlich zwischen i und u (diesen laut gibt es
nicht im deutschen, wohl aber im russischen: da sieht der buchstabe
dann aus wie ein kleine b mit angehängtem strich - kann ich hier auch
nicht demonstrieren); zum Üben: bringe den mund in die stellung eines
i und versuche ein u zu sprechen, dabei schön locker beleiben. Ich bin
gerne bereit, es dir am telefon vorzusprechen...

PPS: "ich bin ein Schriftsteller" heißt auf russisch: ja pissatil
(wörtlich: ich schriftsteller) wobei "ja" kurz gesprochen wird und bei
pissatil die betonung auf dem a liegt - also ganz einfach über die
assoziationskette von dem strauß'schen pinscher über pisser zu
pissatil. Die russen kennen übrigens kein "sein" in ihrer sprache,
dennoch gibt es sie offenbar, auch wenn sie nicht sind. was folgt aber
daraus? keine ahnung!

 

Fr 9.05.03 12:14

Liebe Begeisterung,
du hast mich derart erschöpft, dass ich bis gerade geschlafen habe. Danke. Das hat gut getan.

 

Sa 10.05.03 12:44

Liebe Vergangenheit,
hast du geglaubt, ich hätte vergessen?
Hast dir die Hände gerieben und dich gefreut, endlich nicht mehr im Scheinwerferlicht der Medien stehend - tun und lassen zu können, was du willst?
Du hast dich verrechnet.
Ich beobachte dich und deine Freunde (George W. Bush Dick Cheney, Jeb Bush, Lewis "Scooter" Libby, Dan Quayle, Donald Rumsfeld, and Paul Wolfowitz u.a ) genau. Wie ihr euch Tag für Tag mehr aufblast, euch selbstgerecht um euch dreht und euch das Blutgeld zuschachert, ihr amerikanischen Verbrecher.
Ihr gehört nach Den Haag. Vor Gericht und dann ins Gefängnis.

 

So 11.05.03    13:16

Liebe Hippies,
dass es euch noch gibt, wusste ich. Hin und wieder hörte ich, dass ihr euch im westlichen Westfalen verborgen haltet, euch auf nicht mehr bewirtschafteten Höfen eingerichtet habt, Märkte mit selbstgebackenem Brot und selbst Gearbeitetem aller Art überschwemmt, dass ihr kleine Erbe verzehrt und an verschwiegenen Stellen Gras anbaut, das ihr in kleinen und großen Portionen an die Stadtmenschen verkauft.
Gestern nun war ich eingeladen, einen dieser Überlebenden auf seinem Hof in Ostwestfalen zu besuchen. Da, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. In der Harskampsheide. Weite Kiefernwälder. Eichen. Buchen. Ein Idyll knappe 30 Minuten vom Stadtkern.

Ich hatte J. vor Jahren einmal getroffen und er hatte behauptet mich zu kennen.
Da ich mich nicht erinnern konnte, half er mir auf die Sprünge. Er sei dieser Saxophonist gewesen, der damals, 82 war es, in unserem Keller aufgetaucht sei und mit uns diese wundervolle freie Musik gemacht habe.
Freie Musik ist schwer einzuordnen. Der Laie weiß nie, ob es sich um dilettantischen Lärm oder um ausgeweitete Improvisationskunst handelt.

Ich hatte es damals für Improvisationskunst gehalten. Aber das war es nicht.
J. , der die Haare noch lang trägt, hat sich die Scheune eines ehemaligen Stiftshofes ausgebaut. Töpfert. Malt. Spielt verschiedene Instrumente. Spricht Dada-Gedichte.
Nennt das Kunst.

Nun ist es aber mit dieser Kunst genauso weit her, wie mit seiner Art, freie Musik zu spielen. Sie basiert nur auf dem Wunsch. Eine Grundlage, die auf Beherrschung irgendeiner Technik beruht, sei es Öl auf Leinen, Wasserfarbe auf Papier, sei es die Abstraktion von irgendetwas, das man tatsächlich malen oder zeichnen könnte, wenn man wollte, die Fähigkeit, eine Melodie zu spielen mit all ihren harmonischen Schlenkern, und sei es nur die simple Harmonik eines Popstückchens, diese Grundlage ist nicht oder nur rudimentär vorhanden.
Dennoch glaubt J., dass das, was er da tut, Kunst ist.
(Glauben Sie bloß nicht, M. wüsste, was Kunst ist. Er ist nur unverschämt. Er wertet. Er ist keiner dieser Liberalen, die alles gut finden und nichts. Das ist immerhin etwas.)
Er ist ein sehr unsicherer Mensch, ich mag ihn, ich staune, wie er sich diese Landidyllen immer wieder aufs Neue herrichtet und über die Zeit rettet, aber er verwechselt die Begriffe.
Seine Kunst ist es, sich solche Plätze zu schaffen.
Womit er sie füllt, hat mit Kunst nichts zu tun.

Irgendwann gegen neun kam eine Band. Es waren Kurden. Die Band spielte Sass, die türkische Laute, Gitarre, Keyboard, Percussion und jemand sang. DieMusiker diskutierten lange, sie stöpselten Gitarren ein und aus, schließlich begannen sie, ihre Melodien zu spielen. Liebeslieder. Lieder über das wilde Kurdistan.
Und wie es so geht auf Hippie-Parties, wer mitmachen will, macht mit.

Also saß der kleine Hermann schon bald mit einer Messingtrommel zwischen die Oberschenkel geklemmt und trommelte, was die kurdischen Metren hergaben. Sechserzählzeiten zumeist, Sechser zu Ostinati, zu denen wiederum dieser hervorragende Sänger seine Seele nach außen kehrte.
Wir schauten uns an, wir lachten viel und freuten uns, dass Musik keine Sprache benötigt, wenngleich die beteiligten Kurden durch die Bank einwandfreies Deutsch sprachen.

Und nun hat einer von ihnen meine Telefonnummer und hat mir das Versprechen gegeben, mich recht bald anzurufen, damit wir zusammen Musik machen können.
Darüber würde ich mich sehr freuen.
Während wir den zweiten Set spielten, hob J. das Saxophon an seine Lippen und A., seine Frau, die ein Cello besitzt und auch glaubt, alles zu können, ohne irgendetwas zu beherrschen, setzte sich an das zweite Keyboard.

Beide begannen, ihre weder an Metrik noch an Harmonik gebundenen, autistischen Geräusche zu machen. Und da, wo die Kurden gerade noch im Kreis getanzt hatten (die Band war mit mindestens zwanzig Freunden angereist), war die Tanzfläche innerhalb weniger Minuten leer.
Auch ich schlich mich davon, saß noch eine Weile vorm Haus, schaute in den Himmel und fuhr dann mit C. langsam über schmale Straßen nach Hause.
Die beiden überschätzen sich maßlos, sagte sie, und wie immer hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. (siehe auch: Frauen haben immer Recht.)

17:55

Liebe Revolution,
immer plötzlich und unerwartet lodert mein Sozialneid auf. Mein Hass auf die Besserverdienenden und dann blase ich deine Fanfare. So auch vorhin. Ich radelte am Reitstall des Ex-Weltmeisters Dr.R.Klimke vorbei, sah all die Sonntagsreiterinnen verzückt vom Galopp, der ihnen das Genital angenehm stimuliert, und schritt zur Tat. Zog meinen Schlotzeck (die Steinschleuder) aus der Hosentasche, suchte passende Kiesel, versteckte mich im Gebüsch, wartete auf die hochnäsigste der Besserverdienenden, nahm ihren Hengst ins Visier und jagte ihm einen Kiesel auf den glänzenden Pferdearsch. Sofort stieg er hinten auf. Ich hatte längst nachgelegt, schoss und traf ihn an der rechten Flanke. Nun stieg er vorn hoch und ging auf und davon. Die Besserverdienende hing halb zwischen Pferderücken und Turf und schrie entsetzt. Ich fühlte, dass ich Gutes getan hatte, steckte die Fanfare der Revolution wieder ein, verließ meine Deckung, stieß ein trotziges "Venceremos" aus, bestieg mein Rad und fuhr heim.

 

Mo 12.05.03    11:34

Lieber Zahnarzt,
damals in Portugal ließ es sich nicht mehr verhindern. Ich saß im Pimpampo, einem afrikanischen Restaurant, und konnte einen meinen unteren Schneidezähne fast in die Waagerechte klappen. So wie Kinder das mit ihren Milchzähnen tun. Das tat nicht weh, aber ich konnte so nicht mehr essen. Also ging ich noch am gleichen Tag zu dir und ließ mir den Zahn ziehen. Du hattest eine hübsche Assistentin und einen französischen Namen, und ich war ein wenig misstrauisch dir gegenüber. Man lässt sich nicht gern einen Zahn ziehen, so weit fort von zu Hause. Aber du hast es gemacht wie alle Zahnärzte heutzutage, mit Spritze und so gut wie schmerzlos. Seitdem sind vier Jahre vergangen. Nun sind auch die übrigen unteren Schneidezähne nicht länger zu halten. Spätestens übermorgen werden sie fort sein und mich einen Schritt näher dahin bringen, wo jeder endet. Ich versuche es mit Fassung zu tragen, aber insgeheim wünsche ich mir, dass die Gentechnik, der ich im Prinzip sehr kritisch gegenüber stehe, endlich den Trick findet, der Zähne nachwachsen lässt. Nieder mit den Tierversuchen. Stoppt den Gen-Mais. Nein zum Klonen. Etc. pp.

23:16

Und eh ich will ich bis es tagt. Und wenn es werde ich kaum essen. Und meinen Kopf nicht wenden. Und tragen sie mich lache ich sie, salben sie, werd ich Papier. Und steige ich verwundert werden sie. Doch dahin ist noch nicht. Und wenn es ist ist früh genug.

 

Di 13.05.03 11:04

Mensing liest gern. Wie er das tut und was auf Lesungen geschieht, erfahren Sie, wenn Sie auf Lesungen klicken.

 

Mi 14.05.03 8:43

Lieber Hochmut,
liebe Verkleidung meines immer in Bereitschaft stehenden Minderwertigkeitsgefühles,
liebe Hauptwurzel meiner Sünden.
Gestern hast du einen heftigen Dämpfer bekommen, wie?
Ha, ich seh dich noch vor mir!
Wie du da sitzt und glaubst, gleich mit hervorragenden Musikern spielen zu können. Christian K. ist da, der Trompeter, Kym, der australische Gitarrist, den Saxophonisten kennst du nicht, aber um so besser, wenn der herkommt, muss er gut sein.
Hach, denkst du, kein Trommler außer dir, wundervoll! Soll die Eröffnungsband ihren Set zuende spielen, dann bist du dran!
Leider öffnete sich gleich darauf die Tür des Hot Jazz Club und der kleine B. betrat den Raum. Ein Trommler. Ein Schwein am Set. Ein Tier. Ohne jeden Neid. Ein Profi.
Die Luft wurde dünn, das wurde dir sofort klar, denn alle würden mit B. spielen wollen.
Deine Tasche mit den Drumsticks?
Hängt noch da. Räum sie untern Tisch. Muss ja nicht gleich jeder sehen.
Hi B!
Die Verteilungskämpfe unter Musikern sind groß. Wer mit wem spielt ist immer eine Frage der Ehre. Nur wenige Musiker sind in der Lage, von ihrer Musik zu leben, sie kämpfen hart und beobachten einander mit Argusaugen.
Du giltst als begabter Autodidakt, ein wenig unberechenbar, allerdings mit einer Mördertime. Dass einer, der gar nicht studiert hat, so eine Time haben kann, beunruhigt die anderen Musiker manchmal, aber na gut, so etwas kommt vor. Sie wissen, dass du kein Profi bist, trotzdem sehen sie dich als Konkurrent, und die sind nie gern gesehen.
Einer weniger ist immer besser für die übrigen.
Da B. nun gekommen ist, heißt es für dich, zurücktreten, Demut üben. Warten, ob etwas übrig bleibt. Leider blieb nichts.
Die Gruppe um B. spielte lange (und gut, wenn auch nicht so gut, wie die Eröffnungsband um Ansgar und Wolfgang), doch die, die sich danach formierte, war nicht die, mit der du gern gespielt hättest. Also fuhrst du heim.

14:33

Frage:
Wenn man eine Visitenkarte in der Hand hält, und einem nicht einfällt, dass sie "Visitenkarte" heißt, ist das der Anfang von Alzheimer?

 

Do 15.05.03 8:44

Liebes Motiv,
die hast Namen wie Erfolg, Eitelkeit, Deutsche Meisterschaft, selten auch Liebe zu den Menschen, du heißt Ehrgeiz oder Neid, du bist Tag und Nacht unterwegs, aber manchmal verschwindest du. Bist so vollständig abwesend, dass man sich fragen könnte, ob die Welt nicht besser still stünde, bis du mit neuen Ausreden auftauchst.
Rettet die Welt! rufst. Seid gut zu Tieren! Errichtet die Demokratie!, oder Ähnliches.
Danach geschehen oft merkwürdige Dinge.
Gepanzerte Fahrzeuge machen sich auf den Weg, Flugmaschinen erheben sich in den Himmel, Landschaften werden umgepflügt, Ethnien ausgerottet, und immer steht dahinter einer der sagt, warum das so sein muss.
Vielleicht sollte man froh sein, wenn einmal kein Motiv zu erkennen ist.
Vielleicht ist das der Zustand, von dem die großen Weisen des Ostens sprechen, wenn sie entspanntes Verweilen im Hier und Jetzt empfehlen.
Mir aber, liebes fehlendes Motiv, treibst du schon lange tiefe Sorgenfalten auf die Stirn, denn mein Beruf verlangt geradezu nach dir.
Ohne Motiv keine Geschichte, ohne Geschichte schlechte Laune, mit schlechter Laune kein gutes Wetter, mit schlechtem Wetter keine gute Verdauung, mit schlechter Verdauung düstere Aussichten. So in etwa ließe sich diese sich in den Schwanz beißende, selbst erfüllende Prophezeiung beschreiben.
Es ist Morgen. Regen auf allem Grün.
Nicht einmal die Trainer berühmter Mannschaften (gestern der von Real Madrid) sind in der Lage, ihren Millionen schweren Angestellten ein Motiv zu vermitteln.
Der Kanzler hat auch keins. Und Gott behüte uns vor der Opposition. Nur dieser Yankee-Präsident, der hat eins. Sagt er. Wahrscheinlich hatte er gerade wieder eine Erleuchtung.

12:02

Habe aus Einträgen zu "Mutter" einige zusammengestellt. Sie basieren auf der Abfolge des Alphabets aller meiner Dateien im Web. Hier sind sie.

 

Fr 16.05.03 8:53

ruft flügellahm / schlaft / trägt vieles zusammen / hat / heut den mut einer schnecke / geht einher mit der liebsten / die sich ziert / sieht vor sich / heimathimmel / spricht mit sich fremd / und versteht und auch nicht / ist wie am vortag / gebunden an urteile / die aus der ferne / statt ihn aus träumen / zu freien / betrüben /oh meine zuversicht / süß ist die lüg / die mich brückt / und mich bringt / hin / wo der flügel klatscht / die parabel luft wirbelt / wo die schneck tiger heißt: / dies am morgen / am mittag / und wer weiß / ob es wird / wenn es zeit ist / und fort / ohne sorg / ohne plag / geh allein.

 

Sa 17.05.03 12:05

Unbedingt empfohlen:

Paulus Böhmer "Wäre ich unsterblich" Gedichte 1996 -1999
dtv 2001 ISBN 3-423-12892-5

An Angel

Licht, Dunkelheit,
Inseln von Dunkelheit,
Inseln von Licht.
Angie schleuderte
ihr dickes schwarzes Haar nach hintern, belehrte
mich über die Grausamkeit, alles,
was wir aus Liebe tun, wird
für niemals Bestand haben,
mischte mir, damit ich nicht mehr begehre,
das Hirn der Katze mit Schnipseln
von Briefen, schleuderte mir
ihr dickes Haar, durch=
stieß mich.

In Europas Städten schrieen die Geistesgestörten.
Kleine Jäger schleppten ihre Beute ab.
Vom Mond fiel das Licht wie Puder
und bedeckte die Orte.
Weiß
wie das Rauschen der Sprache,
Wie das Summen der Sonnensysteme.
Schiele umspielt die Scham
mit Beinen, die man nicht liebt.
Mit liegenden, knieenden rück=
wärtigen Positionen: Fremd
bleibt, was man liebt.
Teilchen vernichten einander im Blitz.

Nager wisperten
in den Krümmungen ihrer Gänge.
Das Schaben tektonischer Platten,
die zischende Auffächerung
der Säugetiere vor aller Zeit:
Ich hörte.
Ich schlief.
Korallen errichten Millionen
Kubikmeter Riff und verschwinden.
Die Spuren der Plünderungen verwischt.
Die Leichen seitwärts geschafft. So
tauchen die Sieger auf, als
Angie mich durchstieß.

Ich rede
von kleinen verlogenen Händen.
Vom Pochen der Pfortadern. Vom Oberst
mit den Gewehren. Aus der Ohm
wachsen Inseln. Gewitter wuchern. 
Der flache Atem der Tierkörper. Die
erschreckenden Innenauskleidungen
der Frau. Als eine Frau
das Kinn des Mannes berührt, um seinen Blick
aufzurichten, beginnt er zu weinen.
Zwischen den Zweigen
erscheint ein Gesicht und verschwindet
für alle Zeit.

Inseln von Dunkelheit,
Inseln von Licht.
Wie Brausepulver glitzerte Angie auf meiner Haut.
Es fiel ihr dickes Haar.
Es ist eine alte Geschichte.
Und meine Hände griffen
in einen Laut,
der schmeckte wie Erde,
griffen in Licht, das sich 
anhört wie Blut.
Für alle Zeit.

 

Mo 19.05.03 8:12

Liebe Panik,
du kommst, wann du willst, du gehst und hinterlässt uns erschöpft. Niemand weiß, was du willst, niemand will dich, also bleib, wo der Pfeffer wächst.

11:50

Hast du ein Haus. Hast du ein Auto. Hast du Kinder. Gehen deine Kinder zum Gymnasium. Hast du eine Lebensversicherung. Hast du gespart. Hast du Zeit. Hast du Lust. Hast du Kunst. Hast du Beine zum Weglaufen. Hast du zwei Autos. Hast du keine Kinder. Hast du einen Hund. Hast du erhöhtes Cholesterin. Hast du Krebs. Hast du keine Zeit. Hast du ein Grab. Hast du eine Idee. Hast du einen Glauben. Hast du ein Pferd. Hast du ein Hastu.

16:06

Hab ich nicht.

 

Di 20.05.03   9:41

Liebe Gäste,
möchten Sie wissen, wohin sich die Welt dreht, wo sie Sie hinweht, möchten Sie hören, was sich Gott sagt, wenn er sich fragt? Schwören Sie. Möchte Sie treiben, was niemand mit mir treibt, trinken Sie. Prost. Möchten Sie haben. Möchten Sie nicht. Möchten Sie weiter so tun. Bitte. Nur zu. Aber (das nur unter uns): genannter M. weiß nichts, was Sie nicht wüssten.

 

Mi 21.05.03 10:30

Lieber Herr Genazino (ein Nachruf)

gestern lasen Sie in der Buchhandlung Poertgen in Münster aus "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman". Als ich Ihnen vor einem Jahr, begeistert von der Lektüre Ihrer Romane, einen Brief schrieb (klicken Sie hier) , ahnte ich nicht, wie schnell Begeisterung umschlagen kann. Wie die Verehrung, die ich Ihnen entgegenbrachte, schon nach den ersten von ihnen gesprochenen Sätzen grundlos würde und in Wut endete.
Die wundervolle Melancholie, die mich in ihren Romanen sonst so tröstlich stimmt, veränderte sich auf eine für mich unerklärliche Art und Weise und ließ die Grundmerkwürdigkeiten des Lebens nicht mehr liebeswert scheinen, sondern ausgestellt und lächerlich gemacht.
Sie nannten das im anschließenden Gespräch "ironische Melancholie".
Sie sagten, der Abstand zu der erzählten Zeit stimme "heiter", ich konnte aber von Heiterkeit nichts entdecken.
Ich glaube nicht, daß ich ihren neuen Roman lesen könnte, wie alle anderen zuvor. Ich bin jetzt fast sicher, dass der Umschwung meiner Haltung zu ihrer Arbeit mit der Art ihres Vortrages zu tun hat. Der Hochmut, von dem Sie an einer Stelle des Romans den Ich-Erzähler berichten lassen, dieser Hochmut ist offenbar ihr eigener, uneingestandener Hochmut.
Ironie hätte ihn unterlaufen, aber nichts davon habe ich gestern gespürt.

Auf meine Frage (zu ihrem Roman "Das Licht brennt ein Loch in den Tag") wo denn besagte niederländische Insel sei, zu der man drei Stunden unterwegs wäre, so gut wie unbewohnt und ohne Hotel, antworteten Sie nach kurzem Stocken: Das sei aber eine Buchhalterfrage.
Ich verneinte.
Ich beharrte auf die Präzision in der Fiktion, ich beharrte darauf, dass, wenn einer einen Roman schreibt, er alle Freiheit habe, aber nicht die, eine niederländische Insel zu erfinden, die es nicht gibt, es sei denn, er schreibe Märchen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich längst andere in die Diskussion gemischt.
Jemand rief, dass so etwas in der Literatur schon seit .... (Fremdwort) nicht mehr nötig wäre, eine blonde Dame hinter mir, die vor Beginn der Lesung zu ihrer ebenfalls blonden Freundin gesagt hatte "ist das denn sein erster Roman?" belehrte mich und meinte, wenn ich eine präzise Schilderung wolle, solle ich mir einen Reiseführer kaufen.
Es ging hin und her, nur Sie, Herr Genazino, von dem ich gehofft hatte, Sie würden meine Frage mit einem "da haben Sie mich aber kalt erwischt", erledigen, sagten nichts.

C., meine Frau, heizte die allgemeine Stimmung noch an, in dem sie sich verwundert darüber zeigte, wie aus einem Schriftsteller, der sie beim Lesen so verzaubert habe, plötzlich ein kleiner, dicklicher Mann werden könne, der übers "Herumficken bei Betriebsfesten" (Kap.3 des neuen Romans) schreibe.
Breites Gelächter. Verdutztes Schweigen Ihrerseits.

Ich zischte meiner Frau ins Ohr, wie stolz ich auf sie sei, wie sehr ihr mutiger Satz ins Schwarze getroffen habe, hier und da hörte man zustimmendes Murmeln, vielleicht gab es sogar den ein oder anderen zustimmenden Blick, aber natürlich blieben wir eine Minderheit.

Die Lesung war vorüber und wir verließen sie mit einem schalen Nachgeschmack. Der Hochgepriesene, der von uns Verehrte, der Preisgekrönte, hatte nicht eine unserer Erwartungen erfüllt.
Nun könnte man sagen, dass das auch nicht zu seinen Aufgaben gehört. Es ist nicht zwingend, dass ein Schriftsteller gut Lesen kann, für mich aber gehört das Eine zum Anderen.

Ich weiß nicht, ob ich noch einmal Genazino lesen kann.
Ich fürchte, immer diesen etwas dicklichen Mann vor mir zu sehen, in der Sprache (wenn auch mit Mühe verschleiert) Herrn Kohl ähnelnd, aus Mannheim der eine, aus Oggersheim der andere, was bekanntlich dicht beieinander liegt.
Sie sehen, ich bin voller Vorurteile. Wer offene Hemden mit feinen schwarz - weißen Streifen trägt, kann mein Freund nicht sein.
Schade, Herr Genazino.

Ihr Ex-Verehrer
Hermann Mensing

PS:
Meine Frau und ich werden jetzt häufiger zu Lesungen gehen und dumme Fragen stellen. Dumme Fragen machen so vieles deutlich. Zum Beispiel, wie wenig Menschen bereit sind, selbst zu denken.

11:54

PPS:
Ja. Es ist abgemacht. Ich werde Sie nie mehr empfehlen. Ich glaube nämlich, dass Sie sich entlarvt haben. Ich glaube, Sie sind dieser kleine untentschlossene Spießbürger, der sich von der Frisöse Margot das Geschlecht lutschen lässt (Wilhelm Genazino "Ein Regenschirm für diesen Tag" S.54ff. ).
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde das nicht unmoralisch, es interessiert mich nur überhaupt nicht mehr.
"Ich bin verwickelt in die widerliche Arbeit oder in die Arbeit an der Widerlichkeit oder in die Widerlichkeit des Wirklichen, ich kann diese Momente im Augenblick nicht auseinanderhalten." (ebd. S. 171)
Neidlos erkenne ich die Wahrhaftigkeit dieses Textes, aber die Enttäuschung darüber, dass seine Größe nicht unbedingt auch ihren Urheber läutert, sitzt zu tief, als dass ich noch weiter mit Ihnen kommunizieren möchte.

 

Do 22.05.03 9:55

Sehr geehrter Bestatter,
nach dem Tod meiner Tante, deren Einsargung, Trauerfeier und Überführung Sie übernommen haben, und dem Tod meiner Mutter nur zehn Tage später, bei der die Firma Vredehof aus Holland dies erledigte, gibt es nun, da Zeit verstrichen ist, einiges zu sagen.
Vorrangig geht es um Fragen des Stils.
Zuallererst hat meine Schwester und mich der Zeitpunkt Ihrer Rechnungsstellung gestört.
Während Vredehof sechs Wochen verstreichen ließ, Wochen der ersten Trauer, in der man gern an anderes denkt, als an Geld, erhielten wir Ihre Rechnung noch kaum, dass meine Tante verstorben war.
Auch den Abtransport unserer Tante, den Sie in unserem Beisein durchführen ließen, empfanden sowohl meine Schwester als auch ich sehr verletzend.
Die zehn Minuten Zeit, die wir noch gebraucht hätten, um alle schriftlichen Formalitäten zu erledigen, hätten auch ihre Mitarbeiter sicher gehabt.
Wir hatten uns gelbe Blumen für die Trauerfeier unserer Tante gewünscht, vor Ort war ein Strauß roter Rosen. Nach der Trauerfeier war niemand ihrer Firma zugegen, der die Blumen zur Leichenhalle gebracht hätte. Wir mussten das selbst tun.
Hätten Sie gesehen, mit wieviel Würde die Firma Vredehof all diese Dinge erledigt hat, würde Ihnen das sicher zu denken geben.

Mit höflichem Gruß
Hermann Mensing

PS.
Fast scheint es, als seien Stilfragen auch Fragen der Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Land. Meine Affinität zu den Niederlanden ist nach meinen Erfahrungen mit Ihrem Unternehmen stärker als je zuvor.

 

Fr 23.05.03 8:48

Der Autor kurz vor der Extraktion von fast 50% seiner noch existierenden Zähne.

12:44

Ich bin finanziell aus dem Schneider. Lesen Sie selbst:

Dear Friend
I am a member of the contract award committee of the republican ministry
of petroleum and
resources of iraq under the regime of sadam hussein. I am in search of an
agent to assist us in transfer of
seventeen million five hundred thousand united state dollars($17,500.000.00)
and subsequent investment in properties in your country, you will be
required to
(1) Assist in the transfer of the said sum
(2) Advise on lucrative area for investment
(3) Assist us in purchase of properties.
If you decide to render your service to us in this regard, 20% of the total
sum of the above will be for you, and 10% for any expenses incured during
the process.
Please if you are interested kindly sent an email to me so that i can give
you the modalities.Please note this transaction should be at utmost secrecy
for the safety of this transaction.
For further details in this transaction you can email me at
(isamoshoud2002@netscape.net) or telephone +31-623890508 and i await your immediate response as soon as
possible.
Yours faithfully,
ISA MOSHOUD

 

Sa 24.05.03 11:39

Liebe Leser,
nachdem mich im Februar die Kunde erreichte, das Land NRW wolle meine Lesungen in den nächsten zwei Jahren fördern, erreichte mich heute dies:

Sehr geehrter Herr Mensing
ich bedaure sehr, wegen einer inzwischen erfolgten über 20prozentigen Kürzung des Landeszuschusses im laufenden Haushalt unsere Förderungen von Lesungen im Zusammenhang mit dem aktuellen Autorenreader ab sofort nicht fortsetzen resp. den bereits ausgeschöpften Etat nicht erhöhen zu können,
Freilich wollen wir mit der Förderung im nächsten Jahr - vorbehaltlich der Genehmigung entsprechender Landesmittel - herzlich gern fortfahren.
Ich bin mir bewusst und traurig darüber, dass es in diesem Fall einmal mehr ein ebenso sinnvolles Programm wie auf die Unterstützung besonders angewiesene Empfänger trifft. Nur müssen, wenn es um den laufenden Haushalt geht, Bremsen immer dort gezogen werden, wo es aus juristischen Gründe gerade noch geht.
Mit den besten Grüßen und Wünschen ....
Kultursekretariat NRW

Das macht froh. Das stimmt zuversichtlich. Das bestärkt mich in dem Glauben, beunruhigend häufig immer dann irgendwo erfolgreich zu sein, wenn eine baldige Pleite ins Haus steht.
Es ist nun an Ihnen, auszuschwärmen und meine Bücher zu erwerben. Sie sollten es nicht bei einem belassen. Beschenken Sie ihre gesamte Verwandtschaft. Beeilen Sie sich. Wer weiß, wie lange das alles noch geht....

Mit leichter Verunsicherung forever yours....

15:04

Dass die Welt merkwürdig ist, werden Sie wissen. Von einigen Merkwürdigkeiten der letzten Tage will ich Ihnen berichten. Es war am Dienstag, als ich stadtauswärts fuhr und in einer Seitenstraße ein türkisfarbener Renault-Twingo auftauchte, sich bis auf die halbe Schnauzenlänge auf die Hauptstraße vortastete und stehenblieb. Am Steuer eine blasse junge Frau mit schulterlangem Haar Mitte 20. Ich fuhr vorüber. Gestern nun, auf gleicher Straße, gleicher Höhe, jedoch zu anderer Tageszeit wieder dieser Renault, wieder dieses Vortasten, Stehenbleiben und Vorfahrt achten. Wieder diese blasse junge Frau am Steuer. Hat das nun etwas zu bedeuten? Will die Farbe mir etwas sagen, mich darauf hinweisen, dass Türkis schon das Spektrum des Vor-Schreck-Erbleichens streift. Dass also den Schrecken der vergangenen Wochen neue Schrecken ins Haus stehen? Will die Synchronizität der Ereignisse eine Verbindung heraufbeschwören, von der ich noch gar nichts weiß?
Fragen über Fragen.

Doch nun zu etwas ganz anderem.
Vor etwa einem Vierteljahr kaufte ich mir neue Schuhe. Halbschuhe mit einer etwas ungewohnten Art der Schnürsenkel-Führung. Innen liegend und erst am Ende der zu verschnürenden Ösen nach außen tretend. Ganz gleich, wie fest ich diese Schuhe nun schnüre, ereignet sich immer wieder das Gleiche: die Zunge des linken Schuhs verschwindet innerhalb kurzer Zeit ganz hinterm linken Seitenleder des Schuhs. Auch dies, vermute ich, hat eine Bedeutung. Naheliegend ist natürlich, dass nie ein Fuß dem anderen gleicht, da ich aber hinter den Erklärungen, die die materielle Ebene der Ereignisse betreffen, immer auch geneigt bin, eine spirituelle Bedeutung zu vermuten, vermute ich, dass das Feng-Shui meiner Füsse gestört ist. Ich werde Hilfe benötigen. Ich weiß nur noch nicht, wer mir wobei helfen soll. Und warum? Aber der Gedanke an Hilfe ist trostreich.
Zum Schluß noch etwas über die Merkwürdigkeiten meines Berufes. Zum Beispiel darüber, dass übertriebener Ehrgeiz alles zerstören kann, was man sich über die Jahre erarbeitet hat. Andererseits wäre es niemals möglich gewesen, diese Jahre zu überstehen, wäre da nicht dieser ausbeuterische Antreiber gewesen.

 

So 25.05.03 13:59

Lieber Sonntag,
Wolken schiebst du im Überfluss über den westfälischen Dschungel, taubenblau, bleiern und bis zum Bersten gefüllt mit feuchten Drohungen. Lässt dich jedoch jedes Mal vom Wind überreden, sie weiter zu treiben. Sollen sie doch die anderen nässen, die östlich der Ems und westlich der Weser, die östlich der Weser und westlich der Elbe, die diesseits und jenseits der Oder und immer so fort. Und denen, die dich lieben, schenkst du ein Schwimmbad ohne jeden Besucher. Nur sie und er und das sich im kräuselnden Wasser spiegelnde Licht, das man auf Bildern von David Hockney auch sehen kann. Nur sie und er und beider Hoffnung, dass es nun, wo sie Bahn für Bahn ziehen, doch regnen möge, denn was kann es Schöneres geben, als im Wasser zu sein und der dicke Regen klatscht ringsum nieder. Man taucht und taucht auf und ist immer im Element. Aber es hat nicht geregnet und so sind sie ihre Bahnen gezogen. Nebenan stürmte die D-Jugend übers Spielfeld, vielstimmig unterstützt, und du warst wie immer, träg und ohne besondere Vorkommnisse.

 

Mo 26.05.03 10:35

Lieber Gott,
ein Glück, dass wir uns schon so lange kennen. Auch wenn ich dich ab und an aus den Augen verliere, du bleibst in der Nähe. Vielen Dank. Ein Glück auch, dass nur wir wissen, wie gut wir uns verstehen. Dass du meine Scherze verstehst und ich deine. Scherze, die sich nicht gleich jedem erschließen, das musst du zugeben, dein Humor ist gewöhnungsbedürftig. Ich mag, dass du alles weißt und dich nicht aufspielst. Mir gefällt, dass du mich alles tun lässt, ohne zu zicken, mir gefällt, dass ich dich immer und überall sprechen kann. Das hört sich an, als wärst du ein hochbezahlter Berater, ein Millionärs-Einflüsterer, aber das stimmt nicht. Ich bezahle keinen Cent für deinen Rund-um-die-Uhr Service. Ich verspotte dich und du lässt mich toben, bis ich es besser weiß. Ich fordere dich heraus, und du hast nichts dagegen. Alles in allem bist du das Beste, was mir bisher begegnet ist. Ich will dich für mich. Ich teile dich nicht, und da ich weiß, dass du weißt, dass ich eitel und hochmütig bin, erteile ich dir wie immer alle Vollmachten. Soll mich der Schlag treffen. Soll mich Teufel holen. Was immer du willst. In Demut.

 

Di 27.05.03 00:55

Ich fürchte, dass mit Erleuchtungen nicht gerechnet werden kann. Es gibt sie. Aber ihrem Wesen nach stellen sie sich nicht dann ein, wenn man sie braucht. Vielmehr scheint es, um wenigstens ein Minimum der täglichen Zeichen deuten zu können, nur um eines zu gehen: Sein Ahnungsvermögen intakt zu erhalten, indem man das Furchtgefühl schärft. Nur keine Hoffnung für Sicherheit nehmen. Nur keine Erkenntnis abqualifizieren. Nur nie dem Immunitätswert von Erfahrungen trauen. Es gibt die Ordnung der Welt. Doch es fehlt die Ordnung der Zeichen. Unscheinbares weist auf Großes, Unübersehbares auf Nichtiges hin. Der Beweis hierfür ist leicht zu erbringen, wenn auch fast immer zu spät: Nur sich umwenden muss man, und die unbeachtet gebliebenen Zeichen liegen weithin sichtbar am Weg. (2)

 

Mi 28.05.03 10:54

Liebe Illusionisten,
dass es noch großartige Täuschungen gibt, Täuschungen, die Kontinente in Taumel, Parlamente in Wehklagen und Militärs in Bewegung setzen, haben wir in den letzten Monaten zur Genüge erlebt.
Nun sind die Würfel für eine weitere Täuschung gefallen, an der vor allem die sozial Schwachen Europas ihre helle Freude haben werden: Oscar, die europäische Beschaffungsagentur, hat am Dienstag mit dem Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus den Vertrag über die Lieferung von 180 Militärtransportern vom Typ A 400M geschlossen.
Das von Krisen geschüttelte Deutschland tut sich mit einer Bestellung von 60 Maschinen für rund 8,3 Milliarden Euro besonders hervor.
Wie aber ist so eine Illusion zu verwirklichen? Wie schafft es der Illusionist, sein Publikum so geschickt abzulenken, dass es fast gar nicht merkt, was da vor seinen Augen geschieht?
Näheres dazu auf dem Illusionisten-Kongress in Evian.

 

Do 29.05.03 15:40

Liebe Halleluja-Brüder und Schwestern,
einem Eigenbrötler wie mir werdet ihr hoffentlich verzeihen, dass ich wenig Geschmack an Euren Veranstaltungen finde. Verzeiht, dass sie mir sogar ein wenig lächerlich erscheinen. Dieses gut gemeinte Händchenhalten ist einfach nicht meine Sache. Und wenn ich höre, dass ihr mit den Glaubensbrüdern der anderen Fraktion noch nicht einmal gemeinsam das Abendmahl einnehmen dürft, frage ich mich, wofür ihr dann so ein Aufheben macht um euren Verein. Ihr seid seltsam, vielleicht seltsamer als ich es bin.
Vor über zwanzig Jahren habe ich mit einem damals in der Kirchenszene sehr angesehenen Musiker verschiedene Kirchentage mit christlichem Liedgut beschallt. Betrommelt wäre der bessere Ausdruck, denn das war ich ja: der Trommler des Herrn.
Höhepunkt meiner Karriere war ein Auftritt während des Katholikentages in Berlin, möglich, dass es 1980 war. Wir spielten auf der Waldbühne. Als unser Konzert vorüber war, kam ein Bischhof, um zu den Menschen zu sprechen. Ich saß vorn rechts am Bühnenrand, schaute hoch ins Rund, stellte mir vor, wie es damals bei den Rolling Stones zugegangen war, zog an meinem Joint, dachte, was für ein schöner Tag es doch wäre, als der Bischhof, begeistert von sich oder emporgehoben von himmlischen Gefühlen, auf mich zustürmte und mir erfreut die Hand schüttelte.
Guten Tag, sagte ich.
Seitdem hat mich kein Bischhof mehr angefasst und ich lege auch keinen Wert darauf. Solltet ihr bei euren Beratungen doch noch zu Übereinkünften kommen, die euch das gemeinsame Bluttrinken und Leib-Christi-Essen erlaubt, gratuliere ich Euch schon jetzt. Aber glaubt nicht, dass ich an derart merkwürdigen Ritualen teilhaben werden.

 

Lieber Kultusminister von NRW,

Als im Herbst letzten Jahres Kunde kam, dass die Autoren Hanna Jansen, Hermann Mensing, Dr. Iris Anna Otto, Hans Dieter Stöver, Manfred Theisen und Sigrid Zeevaert zur Förderung in dem vom Kultursekretariat alle zwei Jahre neu aufgelegten Autoren-Reader vorgestellt würden, waren Freude und Stolz der Autoren groß.
Hieß das doch nicht nur Anerkennung ihrer Arbeit im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur, sondern auch Förderung derselben.
Förderung dergestalt, dass das Kultursekretariat im Auftrage des Landes NRW jedem Veranstalter der dem Kultursekretariat Wuppertal und Gütersloh angehörigen Städte zusicherte, jede Lesung mit den im Autoren-Reader vorgestellten Autoren in den folgenden zwei Jahren zu Zweidritteln zu fördern.
Im Februar 2003 wurde der neue Autoren Reader der interessierten Öffentlichkeit mit einem kleinen Festakt in der Krefelder Stadtbücherei vorgestellt. Und wie das so, Reden wurden gehalten, auf die Wichtigkeit der Leseförderung im Zeichen von Pisa wurde hingewiesen, und jeder Autor sonnte sich ein wenig im Glück, zu den Auserwählten dieser Landesförderung zu gehören.
Knapp drei Monate später dann dieser Brief: das Kultursekretariat bedauert, wegen einer inzwischen erfolgten über 20% Kürzung des Landeszuschusses im laufenden Haushalt seine Förderung von Lesungen im Zusammenhang mit dem aktuellen Autorenreader ab sofort nicht fortsetzen resp. den bereits ausgeschöpften Etat nicht erhöhen zu können.
Aus der Traum also.
Aus der Traum von Leseförderung, vergessen das öffentliche Geheul nach Pisa.
Die Autoren, die sich gerade noch geehrt fühlen konnten, fühlen sich nun verschaukelt und fragen sich, ob Kulturpolitik im Lande schon derart kurzsichtig agiert, dass sie im Februar des Jahres noch auslobt, was sie im Mai des gleichen Jahres nicht weiterführen kann.
Wir, die unterzeichneten Autoren, protestieren gegen den Wortbruch, der mit Erscheinen des Autoren-Readers öffentlich gemachten Versprechung.
Wir fragen uns, was wir den Veranstaltern sagen, die uns anrufen und fragen, ob wir nicht dann und dann da und dort lesen wollten?
Sagen wir, das Kultursekretariat hat uns verschaukelt?
Sagen wir, das war alles gar nicht so gemeint, oder stimmen wir ein in die landesweite Klage um knappe Kassen?
Es stimmt, wir Autoren sind in privilegierter Position, wir haben uns unseren Beruf selbst ausgesucht, unser Existenz steht und fällt mit Erfolg oder Misserfolg unserer Bücher. Erfreulich, wenn diese Arbeit gewürdigt und gefördert wird.
Desto unerfreulicher aber, wenn dann plötzlich so ein Rückzug erfolgt.
Wird die Qualität unserer Arbeit damit in Frage gestellt?
Wir glauben das nicht, aber ein weniger gut informierter Beobachter könnte durchaus zu so einem Schluss gelangen.
Wir fordern daher Herrn .... zu einer Stellungnahme und zur Rücknahme der Kürzungen auf.

 

Sa 31.05.03 00:24

Betr.: Mitteilung - Verrechnung des Depotpreises

Sehr geehrter Herr Mensing

Ihren Auftrag haben wir mit folgenden Daten vorgemerkt:
Verkauf aller Deka-Zins-International Anteile
Ausführungstermin 28.05.03
Überweisung auf ... 
Alle steuerlich relevanten Informationen und Daten werden Ihnen mit der Erträgnisaufstellung oder der Jahres-Steuerbescheinigung des Depot-Jahresauszuges zum 31.12.2003 übersandt, den Sie im Januar 2004 erhalten.
Das Depot wird nach Abrechnung Ihrer Order automatisch gelöscht.

Mit freundlichen Grüßen...

PS.
Das kann nur bedeuten, dass der Aufschwung vor der Tür steht.
Bestimmt.
Aloha

13:25

Neu im Angebot: Los Angeles, La Paz, Göteborg. Zugang hier...

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1. Dante Alighieri // 2. Wolfdietrich Schnurre "Ein Unglücksfall" Roman, München 1981 //

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