Mai 2007                                        www.hermann-mensing.de      

mensing literatur
 

Bücher von Hermann Mensing bei: Amazon.de  

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Mi 2.05.07   9:32

Schönes Wandern über Berg und Tal gestern, Picknick im grünsten Grün unter Eschen, Eichen und Buchen, Fleischlappen grillen am Abend, ansonsten keine Veränderung in Sicht, wie auch, wir sind ja nach wie vor hier und dieselben wie gestern.

Aber: noch immer liegt ein Hoch überm Land, das alles Tiefs in Gegenden ableitet, die bislang schönes Wetter gepachtet hatten. Billigflieger kehren von dort zurück und spucken frustrierte Urlauber aus.

Wurde aus Kalkutta angerufen, vorgestern.

Wie schön, die Stimme meines großen Sohnes zu hören, der so weit fort ist und doch so nah, weil es nicht mehr ist wie damals, als ich in Indien reiste und man für's Telefonieren drei Tage vorher einen Antrag stellen musste, und die Verbindung, wenn sie zustande kam, krachte und rauschte. Nein, heute ist das alles anders, heute telefoniert man selbst von dort mit Skype und es kostet so gut wie nichts.

Wussten Sie eigentlich, dass Kalkutta gar nicht am Ganges liegt?
Gehören Sie auch zu denen, die auf Vico Torriani reingefallen sind?
Und haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was man sonst so an Liedern im Radio hört?
Sind Sie sicher, dass Paris tatsächlich an der Seine liegt?

Mit solchen und ähnlichen Fragen starten wir in den Mai. Mal sehn, was noch kommt.

14:21

Gerade rief ich selbst in Indien an. Es funktionierte. Mein Sohn ist in Darjeeling, und für 5,28 Cent pro Minute konnte ich ihn dort erreichen. Die Verbindung war ein wenig wackelig, aber sie funktionierte. Unglaublich, wenn man mir das alles gesagt hätte, damals, als ich noch Science Fiktion Romane las ....

 

Do 3.05.07   9:53

Oh oh, schwere Sicherheitslücken.
GFVV: Gefahr für Volk und Vaterland.
Das darf nicht. Oder muss das? Sehen Sie selbst ...

 


11:45

Heute
ist mir so nach Poesie
Reime über die
in Dachrinnen so vogelfrei sind, spinnen,
und
im Freien Lieder singen.

Ach,
beginne nie mit ach,
schaue weiter hoch zum Dach,
wo der Sperlingsmann
die Sperlingsdame pitschert,
die leis zwitschert.

Er hält flügelschlagend Gleichgewicht,
sie tut's nicht.

Er muss immer wieder neu anfliegen,
sie wird siegen.

Er darf anschließend das Häuschen bauen,
sie wird schauen.

Ja, der Reimkuss
hat was, aber was denn
was wenn das denn noch mit rein muss,
ist dann Schluss?

Ja.

18:53

Späte Erkenntnis:

Der Name Mensing kommt insgesamt 900 Mal in 168 Landkreisen vor.
Es gibt schätzungsweise 2400 Personen mit diesem Nachnamen. Dies liegt über dem Durchschnitt für alle deutschen Familiennamen. Er liegt damit an 3847. Stelle der häufigsten Namen.

Die meisten Personen mit dem Familiennamen Mensing wurden in Landkreis Borken gefunden; der Name kam 113 Mal im Telefonbuch vor.

Die wenigsten leben in Enzkreis, mit 1 Telefonbucheinträgen.

Mensing: Niederdeutsche patronymische Bildung auf -ing zu »Mense.

Der erste Mensing "Bernhardus Mensing" ist ca. 1370 in Coesfeld bezeugt.

 

Fr 4.05.07   8:17

H. Mensing, der Desperate Housemen Schauspieler mag es fesselnd: er lasse sich gern mit Seidentüchern festbinden, sagte der 58-jährige dem People Magazin In Touch. Er möge es, wenn eine Frau die Führung übernehme. "Es kann sexy sein, sich zu unterwerfen", sagte M. "Fesselspiele finde ich toll." Im Juli will der Schauspieler seine Verlobte T. Parker heiraten. Um für ihre Zusammenkünfte sexy zu bleiben, trage er ausschließlich String-Tangas.

PS. Hätte Sie das gedacht? -
Also ich nicht, ich bin jetzt ein klein wenig schockiert, ehrlich ...

 

Sa 5.05.07   23.16

Seit zwei Monaten rauchfrei.

Wo ich heute gearbeitet habe, hat man Geld.
Und ich Idiot habe zu wenig verlangt. Man lernt nie aus.

 

So 6.05.07   19:22

Flog über die A 43, die A 40 und die A 52 gestern und heute, zweimal hin, zweimal zurück, flog in gebührendem Abstand bei ca. 130 KmH., fand die Stadt D. heute in großen Teilen gesperrt, weil ein Marathon war, hatte den Falkplan rechts neben mir und navigierte nach grober Übersicht, hin und wieder von hinter mir Fahrenden angehupt, weil ich eine Grünphase nicht mitbekommen hatte. Aber meine Art der Navigation war letztlich erfolgreich.

Zwei aufregende Tage in D. Zwei Tage mit fast 30 jungen Leuten aus aller Herren Länder (müsste man nicht eigentlich sagen: aus aller HerrInnen Länder? Ja. Bestimmt. Das müsste man wohl, ihr Gutmenschen.) und das Schönste daran ist, dass sie mich mögen, will sagen, sie erzählen mir Geschichten. Ab morgen also erhöhte Konzentration für die Arbeit am Stück.

Heute Abend aber (als Belohnung) heißt es:
Hoch die Tassen und Boom Shankar, wenn Sie wissen, was ich meine ....

 

Mo 7.05.07   9:30

Weißer Bio-Wein der Firma Plus verursacht Kopfschmerzen, wenngleich ich die Tassen nicht geschwungen, sondern nur an einer genippt habe. Boom Shankar habe ich ganz ausgelassen. Bringt nichts. Es scheint, der älter werdende Herr Mensing entwickelt langsam aber sicher das ein oder andere Zipperlein.

Der gemeine Kopfschmerz drückt überm linken Auge.
Vielleicht liegt's aber auch am Wetterwechsel.

Endlich wieder das Wetter, das ich als Westfale gewöhnt bin:
Regen, stiller Regen überm ausgetrockneten Land.
Ich muss abends also nicht mehr den Schlauch ausrollen und sprengen.

Gleich geht es ans vorsichtige Sichten des Matarials von gestern.
Elf Seiten Protokoll, feine Arbeit, ich habe geredet und geredet und B., eine Praktikantin, hat protokolliert. Nicht schlecht, einfach so vor sich hin zu fantasieren, während jemand mitschreibt. Danke, B., supergut gemacht.

14:45

Leuchtes Grummeln am Horizont.
Der Autor hat eine Urheberpauschale für sein Theaterstück verlangt und das nimmt man ihm übel.

 

Di 8.05.07   9:09

Jeden Tag eine Szene, das reicht schon.

10:38

Sie gehen gern ins Kino?
Sie mögen Schimpansen? Dann klicken Sie hier, große Filme in Kurzversionen ...

16:13

Man sieht Bilder der Queen in Jamestown, wo vor 400 Jahren die erste britische Siedlung auf amerikanischem Boden gegründet wurde, man feiert das in historischen Kostümen und hält Reden, dass aber dieser Tag der Anfang vom Ende der indigenen Bevölkerung Amerikas war, davon hört und liest man nichts, ich jedenfalls nicht. Auch nicht, dass man sich entschuldigt für diesen Genozid, nein, das muss der Brite nicht, er war ja mal Weltreich.

 

Mi 9.05.07   8:38

Ich habe sechsundzwanzig junge Tänzer und Schauspieler zu versorgen. Jeder will eine Rolle, jeder will gern im Licht stehen und Applaus einheimsen. Daher habe ich mir zwei Listen gemacht, auf denen ihre Namen stehen, damit ich schneller auf mein Gedächtnis zugreifen kann, denn ich habe sie ja erst zweimal gesehen. Hinter die Namen notiere ich, in welcher Szene ich sie auftreten lasse, damit ich niemand vergesse.

Ich muss also nicht nur ein Theaterstück schreiben, ich muss auch besetzen, ich muss dramaturgische Bögen schlagen, eine Geschichte muss ich mir aus den Rippen leiern, und dazu kommt noch, dass ich die beiden Profis, die außerdem mitspielen sollen, weder kenne, noch weiß, ob sie überhaupt Deutsch sprechen.

Da dieses Projekt voller Unwägbarkeiten ist, versuche ich mich mit Bildern abzusichern.

So. Das war das.

Gestern abend war Session. Es war ein grauenhaftes Geplunkere. Ich bin nicht einen Zentimenter vom Boden abgehoben. Jeder musste in jedem Stück ein Solo spielen, ob er nun etwas zu sagen hatte oder nicht. Stücke, die man in drei Minuten hätte abhandeln können, dauerten plötzlich dreimal so lang und gingen jedem auf die Nerven. Wieso gehe ich da eigentlich noch hin? Gibt es keine Rock 'n Roll Band für ältere Herren?


Do 10.05.07 11:32

I. ist so, wie ich sie in Erinnerung hatte, verhuscht, Beschützerinstinkte wach rufend, ich glaube, sie isst zu wenig. Ihr großer Bruder ist Popstar und kann nicht in ganzen Sätzen sprechen. I. und er verstehen sich, hat I. gesagt, und das ist ja schon was, denn nicht umsonst schwebt Panik über dieser Familie. Fast alle sind ein klein wenig nervenkrank. Ob ich noch Kontakt zu V. hätte, hat I. gefragt, nein, habe ich geantwortet, die habe ich schon lange nicht mehr gesehen, ich bin kaum noch in Gronau, der Heimat.

War das nun ein Heimatfest gestern? Etwas ähnliches. Ein Zusammentreffen, weil S., der Bassist des Panikorchesters, 60 wurde. Viele Leute waren da, viele werden wie ich neugierig gewesen sein, denn schließlich würde der Popstar auftreten. Und all die anderen, all die, die keine Popstars geworden sind, würden auch da sein.

T. aus Burgsteinfurt etwa, ein ganz lieber Schlaks, den alle immer für einen Popstar gehalten hatten. Ich konnte ihm zur Geburt seinen zweiten Kinder gratulieren. T. ist ein Spätstarter, er ist so alt wie ich und schwärmt vom Vatersein, schwärmt und schwärmt und lacht dabei und sagt, du hast das ja hinter dir.

Als ich ihm von C. erzähle und wie sie abgerauscht ist (er kennt C. und mag sie), weil sie nicht allein sitzen wollte und dachte, ich müsse die ganze Zeit bei ihr sein, statt sich selbst unter die Leute zu mischen, als ich erzähle, dass es bei uns nach 34 Jahren noch immer gefährlich ist und dass C. kein Sozialmonster sei (was ich auch nicht bin, aber gestern fühlte ich mich relativ sicher, sprich: zuhause), lacht T. und erzählt, wenn er mit seiner Frau in Charlottenburg unterwegs sei, könne es sein, dass sie auf einer Strecke von hundert Metern so viele Menschen träfe und ins Gespräch käme, dass dieser Weg Stunden dauere.

G. traf ich, der mir gestand, er habe Die Hühner von Münster in einer Ramschkiste im Kaufhaus gesehen, gekauft, gehört und er sei begeistert, er., G., habe es nicht einmal bis in die Ramschkiste geschafft.

M. traf ich, der Schauspieler geworden ist, obwohl er das nie gelernt hat, aber irgendwie ist er in so eine Nische gerutscht, nachdem er im Himmel über Berlin einmal eine Leiche gespielt hatte, irgendwie hat das eine das andere ergeben, nun lebt er in Köln, hat eine Agentin und hin und wieder sehe ich ihn im Fernsehen. Wenn ich ihn treffe, gehen wir meist in eine ruhige Ecke und rauchen Joints.

M. trat gestern mit der Stier Crew auf, ich habe an anderer Stelle schon von dieser Band gesprochen, auch sie hätten Stars werden können, wurden es aber nicht, weil - ja - weil - ich weiß es nicht. Die einen werden Stars, die anderen nicht, wenngleich die anderen oft so viel besser als die, die im Licht stehen, aber es ist wie es ist, und wie es G., die meinte, sie kenne mich, wisse aber nicht, woher, nicht glauben mochte.

G. hatte den Hippie-Filter noch nicht abgelegt, hatte so einen Weichei-Freund neben sich, sicher zehn, fünfzehn Jahre jünger war als sie, und sagte mit großer Emphase, als wir über Erfolg und Nichterfolg sprachen, "man müsse sich auch etwas gönnen können", worauf L., der Plattencover zeichnet und einen Menjou Bart hat, wie man ihn heutzutage kaum noch sieht, in schallendes Gelächter ausbrach, denn auch er ist nicht der geworden, wovon er geträumt hat, und ob er das nicht geworden ist, weil er sich nichts gegönnt hat, wagte er zu bezweifeln.

A. war da, der riesengroße, schwere A., der aus dem Badischen kommt und sich über die Jahrzehnte durch die Restaurants Münsters gekocht hat, bis hinauf in die höheren Gehaltsklassen, A., der schließlich zwei Schlaganfälle erlitt und jetzt im Rollstuhl unterwegs ist. Immerhin, er kann sprechen, er raucht noch, es schien, dass er seinen Humor nicht verloren hat, nur sein rechter Arm, der will nicht mehr, den kriegt er nicht mehr bewegt.

Und noch einer im Rollstuhl war da, A.S., auch ein Anwärter auf Ruhm, noch einer, der es nicht geschafft hat, einer, den ich in dieser Stadt als einzigen Konkurrenten akzeptiere. Wir saßen im Flur, wir tranken, wir rauchten noch mehr Joints und ich merkte, dass ich aufpassen musste.

Vor der Bühne schließlich stehe ich neben einer mich um einen halben Kopf überragenden schwarzen Frau und wir kommen über Neppi Noya ins Gespräch, der in den Siebzigern beim Panik Orchester gespielt hat, und jetzt vor der Bühne steht und darauf wartet, dass sie ihn hochholen, was aber S., das Geburtstagskind, wohl vergessen hat. Ich will S. Zeichen geben, denn Neppi scheint enttäuscht, schließlich hatte S. ihm vorhin im Flur versichert, dass er auf die Bühne kommen könne.

Wir sprechen über Sänger und Sängerinnen und über Bonnie Rait, die ich nicht kenne, ich fordere sie zum Tanzen auf, denn ringsum sind lauter stocksteife, mit Besenstilen im Arsch verharrende Westfalen und ich denke, ich tanze zwar sowieso, aber mit Frau wär es besser, aber sie lacht und ziert sich, also tanze ich weiter allein und schaue mich dabei um, wie sie sich alle nicht amüsieren wollen, diese Hohlköpfe, und dann steht sie plötzlich auf der Bühne und Leute sagen, dass es Joy Denalanie war, mit der ich tanzen wollte.

Aha, denke ich, interessant, wusste ich gar nicht. Sie ist wirklich eine hervorragende Sängerin, aber irgendwie singt sie überhaupt nicht wie Joy Denalanie, sonder eher wie Bonnie Rait (die ich nur vom Namen her kenne), sie ist eine Soul-Rock-Röhre und dann erfahre ich, dass sie gar nicht Joy Denalanie heißt, sondern Wrecia, Wrecia Ford. Ein Glück, dass ich nicht Joy zu ihr gesagt habe.

Zwischenzeitlich immer wieder im Flur, wo die Rollstuhlfahrer eine Art Basis bilden, um die sich verschiedene andere gruppieren, auch der emiritierte Professor mit dem Tatoo auf den Augenlidern, der auch, und der Rest of the Gang. Ich amüsiere mich, ja.

Nein, ich fahre noch nicht nach Hause, wenngleich N., den ich jahrzehntelang nur bei seinem Spitznamen Schwein genannt habe, weil ich seinen wirklichen Namen nicht kannte, mir anbietet, mich mitzunehmen, seine Tochter fahre, nein, ich bleibe noch, ich trinke noch was, ich rede noch mit jedem, der mir über den Weg läuft, ich trinke auf die Sauertöpfe und auf C., die an diesem Abend auch einer war, und schließlich, der Saal ist fast leer, die Taxen reihen sich vorm Haus, setze ich mich in eine, schildere meine Situation, ich habe noch vierzehn Euro, sage ich, dafür, sagt der Taxifahrer, käme ich nicht bis nach Hause, also müssen wir an einer Sparkasse halten, die am Wege liegt.

Als ich heute früh zum ersten Mal die Augen aufschlage, brummt mein Kopf.

Ich gehe auf die sechzig zu, das Fest, auf dem ich all die bekannten Gesichter sah, war keine Beerdigung, und mit allen war ich mir einig, dass die Geschwindigkeit, mit der jetzt immer mehr wegsterben, Krebs kriegen oder sich sonst irgendeine Scheiße an den Hals holen, zunimmt und wir, die Überlebenden, gut daran tun, die Feste zu feiern, solange sie noch fallen.

 

Fr 11.05.07   18:50

Lernte heute, dass es nicht nur den Ramadan gibt, sondern dass man auch so heißen kann. Da hast du aber Glück gehabt, Ramadan, sagte ich zu Ramadan, Schüler der G. Schule, in der ich heute las, Ramadan lachte und ließ sich noch ein zweites Autogramm in sein Buch schreiben, das erste Buch, das er besitzt. Bin also stolz heute, ich werde ich Ramadans Leben eine kleine Rolle spielen, vielleicht wird er als alter Mann sagen, dass die Sackgasse 13 sein erstes Buch gewesen sei und dass er den Autor gekannt habe.

Lernte noch etwas, vorgestern, auf Steffis Party. Sprach mit Olaf K., u.a. Lindenberg-Saxophonist und ein Mann meines Alters. Er frage sich, sagte er, welche Geschichten junge Musiker heute überhaupt noch erzählten, sie tränken nicht, sie rauchten nicht, sie lebten gesund, sie seien zwar technisch häufig brillant, aber heraus käme doch nicht mehr als moderne Langeweile, gespielt von Hochschulabsolventen, die Real-Books rauf und runter spielten und Jazz nur noch als klassische Disziplin begiffen, die man Note für Note nachspielt, sonst nichts.

Meine Rede.

 

Sa 12.05.07   13:44

Was bin ich doch für ein Weichei! Es ist zum Davonlaufen. Da lässt sich George Perez, ein amerikanischer GI, dem beim Einsatz vorm Feind 19jährig gleich in seiner ersten Irak Woche das linke Bein weggefetzt wurde, eine Prothese machen und ist schon wieder im Einsatz, diesmal in Afghanistan.

Und ich?
Nun gut, ich bin kein heldenhafter Amerikaner, aber ich hätte doch auch etwas für den Weltfrieden tun können!

Stattdessen habe ich Zivildienst gemacht, ja, ich wollte nicht mit Gewehren schießen, womöglich noch treffen, nein, das wollte ich nicht, aber jetzt, wo der Feind quasi überall ist und wahrscheinlich längst angegriffen hätte, wäre Wolfgang Schäuble, dem es die Beine ja auch quasi weggefetzt hat, wenngleich sie noch dran sind, wäre also Wolfgang Schäuble nicht, der putativ schon mal alle zu Weltgegnern und Terroristen hochfaselt und mit Rückendeckung der informativsten Zeitung der Welt Verhaftungen vorbereitet.

Irgendwie hat er sogar Recht, denn ich bin über die Jahre auch so ein Weltgegner geworden, wenngleich auch kein Terrorist, das nicht, nein, aber die kalte Wut schäumt schon in mir, das gebe ich zu.

Mitleid mit dem Rollifahrer Schäuble habe ich nicht, vielleicht, denke ich, vielleicht sollte sich Herr Schäuble bei den Amerikanern melden, die rüsten sicher bald eine Behindertenarmee, die können sie dann überall hinschicken, denn wen es einmal getroffen hat, der weiß, dass so ein abgeschossenes Körperteil keine Schmerzen verursacht, da ist der Schock vor, und so könnten die Behinderten furchtlos dem Feind entgegenhumpeln, Minenfelder räumen etc. pp.

Aber ich fürchte, dazu ist Herr Schäuble doch ein wenig zu feige.
Da verhaftet er lieber putativ und hört ab und lässt Fingerabdrücke nehmen, nicht, Wölfi.

Naja, ich wollte's nur sagen, es ist Samstag, Wind weht, Sonne scheint, heute nachmittag werde ich auf dem Sofa liegen und Fußball hören, Premiere habe ich nicht, muss ich also Radio hören und auf den Zusammenschnitt bei den öffentlich/rechtlichen warten.

 

So 13.05.07   11:38

Die Königin war da, sie war zum Bahnhof gekommen. Dort saßen wir, die Prinzessinnen und Prinzen und ich, wir hatten kalte Füße und ich fragte mich, ob ich wohl auch eingeladen wäre zu dem Fest gleich, dass die Königin, die übrigens die holländische Königin war, geben würde. Ich konnte sie zwar nicht sehen, aber ich durfte in ihr schwarzes, riesiges Auto schauen, in dem sie saß. Die Prinzessinnen waren seltsam unruhig und sagten, immer säßen sie so herum, das mache keinen Spaß.

Und dann war der Bahnhof plötzlich leer. Nichts mehr zu sehen vom ganzen Hofstaat, wohin der so plötzlich abgerauscht war, war mit ein Räsel. Ich beschloss, mit dem Träumen aufzuhören und aufzustehen. C. schnarchte, es war kurz nach acht, ich machte mein Gesicht ein wenig feucht, zog mich an, schlurfte in den Keller, hob mein Rad nach draußen und radelte lustlos eine kleine Runde.

Ich muss mich entscheiden und weiß nicht wie.
Soll ich die zweite Staffel der Soap schreiben, ja oder nein?

 

Mo 14.05.07   9:57

Wissen wir was?
Nein.
Trinken wir besser Kaffee, oder?

14:21

In die Vergangenheit telefonieren hilft auch nicht.
Vergangenheit ist vorbei, selbst mit K., meinem besten Freund damals, wüsste ich nichts mehr zu reden.
Also mutig sein, Herr M., die Gegenwart beim Schopfe fassen, wie das der Amerikaner tut, gewinnen wollen, ja, ge-win-hin-hin-nen.

Nächstes Bild bitte: Sehnsuchtsszene am Fluss.
Name des Stückes: Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann.
Premiere: 4. August 2007.

Au Scheiße.
Wäre lieber ein Vogel, denn siehe, er säet nicht und erntet trotzdem, während ich säe und säe und säe...

17:34

M. hat entschieden: die zweite Staffel der Soap findet ohne ihn statt.

 

Di 15.05.07   9:04

Ob's nun daran liegt, dass ich überhaupt eine Entscheidung getroffen habe, oder eine Entscheidung gegen die zweite Staffel der Soap, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass mir leichter ist.

Leichtigkeit kann nicht schaden bei aller Schwere, die mir in den letzten Wochen nachhängt.
Jetzt müssten nur noch die Verlage ihre Daumen recken bzw. senken, dann wäre auch das vom Tisch und ich könnte wieder entspannt ins Nichts starren.

Die ersten 10 Bilder des schwarzen Mann sind fertig.
Klangen heute früh beim laut lesen nicht schlecht.
Und so, wie ich mir das auf der Bühne vorstelle, durchaus eindrucksvoll.
Das Ganze läuft auf eine Revue hinaus, ich habe einfach zu viele Akteure, sprich, zu viele Geschichten, die lassen sich nicht alle erzählen.

Übermorgen fahren wir für zwei Tage ans Meer. Das wird gut tun.

11:20

Wenn man glaubt, man habe schon ein ordentliches Stück Arbeit geschafft, lehnt man sich gern zurück und denkt, verdammt, jetzt lege ich das Bett tiefer. Das führte in meinem Zimmer (also das, in dem ich jetzt sitze, in dem ich schlafe etc.) innerhalb kurzer Zeit zu einem lebensbejahenden Chaos.

Ich musste: Oberbetten und Kissen wegräumen, Matratzen herausnehmen und in den Flur stellen, Lattenroste rausheben, links und recht Latten abschrauben, auf denen die Roste lagen, Schuhe in der Mitte der Kopfseiten abschrauben (falls die Halterungen für die Vierkant-Mittelbalken denn Schuhe heißen), alles eineinhalb Zentimeter tiefer wieder anschrauben, was absägen, im Schweiß stehen, eine dicke Blase in der linken Handfläche versorgen, Lattenroste wieder einlegen, Matratzen auflegen, fertig.

Siehe, nie mehr werden diese Matratzen nachts wandern, nie mehr werde ich erwachen, weil ich mit der Schulter in einer Ritze gelandet bin, nie mehr, nie, und das Internet funktioniert auch wieder.

Hallo Jan, ich denke viel an euch und freue mich, dass ihr da unten rumsaust.
Noch viel Spaß. Wir sehn uns. Alles Liebe. Papa.

 

Mi 16.05.07   11:08

Stiller Mairegen. Das färbt ab.
Die nächste Szene schwebt schon durchs Zimmer, kann sie aber noch nicht fassen.
Hilft also nichts. Hinlegen. Warten.

13:12

Betäuben, entkrampfen, töten, das sind Arnold Schwarzeneggers Vorschläge für eine verbesserte Hinrichtungpraktik in den USA. Das finde ich auch. Betäuben, entkrampfen, töten. Man kann sich ja seine Filme noch ansehen, wenn er dann tot ist, ich meine, wer will, aber wer will das schon ...

 

So 19.05.07   10:20

Also bei mir ist das so: ich sehe das Meer, ich setze mich an den Strand oder in ein Strandcafé und innerhalb kurzer Zeit ist alles weg, was auf meinen Schultern lag. Die ersten fünfzehn Minuten am Meer sind reinigend. Ich sehe die Erde als Kugel, ich spüre die Übermacht des Wassers, kein Ich mehr, das irgendetwas fordert.

Danach schwemmt der alte Mist langsam zurück an den Strand, aber das ist nicht schlimm, für diese ersten 15 Minuten und für die auch danach immer wiederkehrenden Momente der Leere während meines Aufenthaltes am Meer, das so angenehm für die Abwesenheit alles üblich Anwesenden steht, fahre ich gern 300 Kilometer.

Erstaunlich, dass ich das Rauschen des Meeres nicht als schlafstörenden Lärm empfinde, obwohl es sicher so laut ist wie das Autobahnrauschen zuhause.

Als Souvenir habe ich mir einen schweren Sonnenbrand auf der Stirn mitgebracht.
Macht nichts, wird Krebs und dann fällt die Rübe ab. Freu mich schon.

12:41

Verließ gestern früh das Hotel, das Handtuch über der Schulter, schlurfte schlaftrunken zum Strand, zog mich um und lief ins eiskalte Wasser. Soviel zum Thema Klimawandel.

13:17

Nachdem wir über eine Stunde am Strand gelegen, geschlummert (ich) bzw. geschlafen (sie) hatten, stellte sich plötzlich die Frage, ob Menschen, die jederzeit und überall leicht in den Schlaf fallen, früher sterben. Schließlich erfordert der kleine Bruder des Todes ja auch Loslassen, soll er sich einstellen. Tagsüber lasse ich so gut wie nie los, und selbst abends im Bett fällt es mir nicht immer leicht, in den Schlaf zu finden. Bei ihr ist das anders. Sie schläft schnell.

Interessante Frage, oder?
Ob es empirische Daten gibt, die Licht ins Dunkel brächten?

Gesichert ist, dass man den Tod hinauszögern kann. Jede Krankenschwester wird das bestätigen.
Im Sterben liegende Menschen, denen man gesagt hat, ihr Sohn oder ihre Tochter seien auf dem Weg zu ihnen, warten häufig mit dem Sterben. Kaum sind die Kinder da, lassen sie los.

Menschen, die nach Unfällen zwischen Leben und Tod schwanken, erhöhen ihre Überlebenschance, wenn sie ihren Willen aktivieren. Ließen sie los, wären sie so gut wie tot, halten sie fest, überleben sie.

Also, weiß jemand mehr?

19:12

Der große Sohn ist aus Indien zurück. Offensichtlich war es anstrengend dort, aber offensichtlich hat es auch Spaß gemacht, jedenfalls schließe ich das aus den Videos, die ich gesehen habe. Da kann man mal sehen, wie wichtig ein Partner ist.

 

So 20.05.07   18:00

Wie zum Gegenbeweis meiner Loslass-These schlief ich gestern gegen 21 Uhr ein. Hatte gedacht, ich würde einen kleinen Pausenschlummer nehmen und in einer halben Stunde zurück sein, aber nix da. Heute gegen Morgen (die Vögel vorm Fenster brüllten ihre Morgenlieder als hätten sie nichts Besseres zu tun) entledigte ich mich meiner Jeans und meines Hemdes und ruhte weiter bis halb zehn.

Dasdochschön, oder, das lässt hoffen, also kann ich doch loslassen. Träumte von besetzten Häusern in Amsterdam (sehr realistischer Traum, saß schließlich vorgestern schräg gegenüber von einem und trank Kaffee), drehte mich auf die andere Seite und träumte weiter, was, sag ich nicht.

Muss wohl die kurzzeitige Luftveränderung gewesen sein, die mich so müde gemacht hat.

Und was sehe ich, als ich zum Bäcker schlurfe? Einen Terrier von der Größe eines Brotes im Kampf mit seiner Leine. Er hat sich in sie verbissen, schüttelt sie hin und her als sei sie ein Beutetier, dieser bescheuerte kleine Hund denkt Gott weiß wer er ist.

Betäuben, entkrampfen usw.

Allgemeines Sonntags-Vertrödeln, Besuch eines Blumengroßmarktes in Billerbeck, weil Frau M. nach Bepflanzen der Blumenkästen vorm Balkon war, nachmittags Besuch von der großen Schwester, die mich immer daran erinnert, wie dominant ein Teil meiner Gene sein kann, wenn ich nicht aufpasse.

Sie bereitet gerade den Besuch von Großcousinen vor, die ich seit den später fünfziger Jahren nicht mehr gesehen habe.

Heute abend Konzert der Münchener Freiheit auf dem Domplatz. Umsonst und draußen.

 

Mo 21.05.07   9:00

Die Münchener Freiheit war langweilig. Alles korrekt, guter Satzgesang, sauber gespielt, nur leider kein Charisma. Noch eine Runde durch die Stadt. Überall wird schon abgebaut. Das Fest ist zu Ende. Schnell nach Hause, noch eine Weile auf dem Balkon gesessen und Denkmal gespielt.

11:09

Seit sieben Jahren hat er diesen Kopfschmerz.
Vor acht Jahren trennte er sich von seiner damaligen Freundin.
Ein Jahr später war sie schwanger von ihm und da sind sie wieder zusammen gezogen.
Alle wunderten sich und hatten das Gefühl, dass er das nicht hätte tun sollen.
Jetzt hat er zwei Kinder. Und Kopfschmerzen.

Cluster Kopfschmerzen, nur durch Zufuhr reinen Sauerstoffs in den Griff zu bekommen.
Schlimmer als jede Migräne.
Armer Kerl.
Sollte sich scheiden lassen und weit weit fort gehen.

Soviel zum Thema: Mein Leben ist gut.
Was das Leben von Paris Hilton angeht, betäuben, entkrampfen, Sie wissen schon ...

13:32

Hurtig zum nächsten Bild meines Theaterstücks. Bild 16 that is ...
Nicht gerade inspiriert, aber was macht das schon, andere Leute haben überhaupt keine Ideen, für die sie ihren Kopf hinhalten.

 

Di 22.05.07   10:03

Ein gewisses Unwohlsein hat sich meiner bemächtigt, seit ich gestern mit dem Regisseur obigen Stückes telefonierte. Nicht, dass ich nicht schon gewisse Vorinformationen aus dieser und jener Quelle gehabt hätte, nein, das nicht, jetzt aber habe ich sie aus direkter Anschauung und sie scheinen das, was ich vom Hörensagen wusste, zu bestätigen.

Er wolle kein Amateurtheater, sagte er im Verlauf des Telefonats, obgleich er doch wissen müsste, dass die jungen Leute, die bei dem Projekt mitmachen, Menschen mit Migrationshintergrund, um die herum man so vorzüglich Projekte stricken kann, die einen als engagierten und guten Menschen dastehen lassen, Amateure sind.

Stattdessen sollen wohl (wie beim letzten Projekt) zwei bis drei Profis die Geschichte erzählen, während die jungen Menschen mit etc. pp. links und rechts aus der Kulisse geschoben werden. Mit mir nicht, lieber Freund, der du zudem findest, die nähmen doch alle Drogen und kämen nicht aus dem Quark.

Mal sehn, wie sich die Dinge entwickeln, denn heute telefonieren wir wieder.

19:01

Habe telefoniert. Es scheint, dass unsere Positionen jetzt klarer sind. Er scheint, dass es überhaupt um nichts anderes ging als um diese Klärung. Es scheint, als hätte ich mich gut geschlagen. Gut gemacht, Mensing, ab jetzt müsste es eigentlich flotter vorangehen mit der Arbeit.

PS. Auch der von mir bei den Vertragsverhandlungen vorgeschlagene Kompromiss ist akzeptiert.

Was lernt Herr M.? -
Lass dich nicht um den Finger wickeln, nur weil du Schriftsteller bist.

 

Mi 23.05.07   11:27

Es ist warm. Ich arbeite.
Ich arbeite gern, aber noch lieber wäre ich faul.
Leider liegt mir Faulsein nicht. Es macht mich unruhig.
Also arbeite ich.
Ich arbeite am Stück.
Soll das Stück doch fertig werden.
Verfluchtes Stück, du!
Leck mich am Stück.

 

Do 24.05.07   10:12

Klimawandel.
Dichten bis der Arsch brummt.
Leckmichamstück.

 

Fr 25.05.07   10:15

Auch ich habe gedopt.
Das erste Mal, als mein Vater mit mir nach Bentheim fuhr und der Gildehauser Berg vor uns lag.
Mein Vater sagte, komm Junge, das ist nicht schlimm, nimm das. Also habe ich es genommen.

Als ich mit meinen Söhnen unterwegs war, die großen Touren, wie ich sie heute nenne, dopte ich auch. Bei der ersten, ich fuhr mit meinem Ältesten ans Meer, blieb mir nichts anderes, schließlich wollte ihm in nichts nachstehen. Bei der zweiten, ich fuhr mit meinen Jüngsten nach Friesland, musste ich dopen, denn der Wind kam von vorn und ich ging auf die 50 zu.

Also dopte ich: Schokoriegel. Intravenöse Cola, subkultan Fritten und Bratwürste, das schob ungeahnt an und ich fühlte mich gut.

Hin und wieder dope ich immer noch.

Mit schwarzem Afghanen, aber der tut mir nicht gut, mit Kaffee, das Nikotin-Doping habe ich aufgegeben, das Alkohol-Doping begrenzt sich auf zwei, drei Glas Wein pro Tag, das Bücher-Doping ist etwas für die kältere Jahreszeit, man dopt eben, man hat das so gelernt und darüber wird man alt und dann, naja, Sie wissen schon ...

Jetzt heißt es wieder: dichten bis der Arzt kommt.

PS. Oder sollte ich abhauen?

Gerade habe ich Post von Easy Credit bekommen.
Die sagen, mit der warmen Jahreszeit erwachten auch neue Wünsche.
Ob ich nicht ein schickes Cabrio kaufen möchte, eine neue Wohnung einrichten oder einfach nur am Meer den Sand durch die Finger rieseln lassen?

Und wie es denn ganz einfach mit 10.000 Euro zur Erfüllung meiner Wünsche wäre?
Ich bräuchte nur zu einem easy-credit Shop kommen, meinen Personalausweis und meine beiden letzten Lohn- u. Gehaltsabrechnungen mitbringen, dann erhielte ich meinen Wunschbetrag sofort auf mein Girokonto.

Wie sagt Arnie: betäuben, entkrampfen ....

13:18

Die Regenfront ist da. Aufatmen. Weiter dichten.

15:30

Es ist schön
zu wissen, dass ich endlich bin,
es ist unverschämt und überlebensgroß,
es treibt manchmal Tränen wilder Wut,
aber letztlich tut es gut.

Es ist unverschämt und unausweichlich,
selbst der Zeitpunkt bleibt geheim,
aber werden wir nicht kleinlich,
Endlich ist das Sein.

Endlich.
Endlich klare Sätze.
Nicht mehr vage
Heilsversprechen,
endlich sind wir in der Lage,
mit dem Leben abzurechnen.

Ihm mit einem Schlage alles zu entreißen,
weg zu gehen, nie zurückzukehr'n,
Endlichkeit soll meine Sehnsucht heißen,
unendlich wär' ich nicht gern.

 

Sa 26.06.07   13:24

Pro:

Jemand sagt: ich kann Sie nicht ausstehen. Könnten Sie nicht weggehen? Hmm, denken Sie. Interessant. So plötzlich? Sollte es möglich sein, dass Sie für andere fast so unausstehlich sind wie - sagen wir, ihr größter Lieblingsfeind? Ihre Schwester zum Beispiel oder ihr Bruder? Irgendein Verwandter?

Dabei hatten Sie doch gedacht, dass man Sie lang genug kennt?

Da hilft nichts. Da müssen Sie fliehen, richtig? Und wo landen Sie da? Auf einer Ü 60 Party. Das ist das Düsterste, was Ihnen je begegnet ist. Die Gäste: völlig unfuckable. Sie tanzen ihre Einsamkeitstänze auf schwarzem Parkett, während der DJ (Tim Ulrichs) bestgelaunt eine Single nach der anderen auflegt. Musik der späten Fünfziger bis zu frühem Motown der Sechziger, aber die Toten werden nicht mehr lebendig.

Sie denken, so weit musste es kommen, aber bitte, dazu leben Sie ja. Dazu hat der liebe Gott Sie ausgesucht, damit Sie hier sitzen und Bauklötze staunen und sich fragen, was Sie nach fast 60 Jahren noch alles zu sehen und zu hören bekommen werden.

Hauen Sie bloß schnell wieder ab, machen Sie, dass Sie weg kommen, lassen Sie sich auf nichts ein, alles andere wäre Selbstmord. Seien Sie vorsichtig mit Frauen/Männern. Frauen u. Männer sind unausstehlich. Sie passen nicht zueinander. Liebe ist nur ausgedacht. Er steht. Da ist ein Versteck. Sterben werden Sie sowieso.

13:57

Kontra

Jacqueline, Jacqueline,
oh du süße liebe Biene,
komm, ich bin dein Honigtopf,
schlürf mich, dreh mir meinen Kopf,
bleib, wir bauen uns ein Haus,
und ziehn' nie mehr aus.

 

So 27.05.07   12:24

Muss ich also doch noch raus aus meinem Loch heute, Scheiße.

 

Mo 28.05.07   17:10

Für einen Nichtchristen wie mich ganz schön viel Erleuchtung in den letzten 24 Stunden, die darin gipfelte, dass ich mich heute früh gegen vier, ich hatte intensivst Frank Zappa The Mud Shark (Live at the Fillmore East 1971) gehört und viel Bewußtsein erweitert, aufs Rad setzte und davon fuhr.

Eigentlich hätte es der Sonne entgegen gehen müssen, die schon den Himmel färbte, aber gen Osten hätte bedeutet, zwei Autobahnen zu über- bzw. unterqueren, so entschied ich, die Sonne hinter mir aufsteigen zu lassen, groß und orange, wie sie letzte Woche in Bergen aan Zee unterging.

Der weiße Neger Wumbaba stand in den Wiesen. Hin und wieder rannten Hasen in panischem Schreck davon. Fasanen schrien und flogen steif auf. Der verblühte Raps stand so dicht, dass kein Vogel vom Himmel hindurch fallen konnte. Ein Dammwildbock in einem Gehege im Brook warnte mit bellendem Husten. Die übrigen Tiere schauten angestrengt in meine Richtung.

Irgendwann färbte der Himmel sich silbern.
Im Dorf roch ich schon von weitem die frischen Brötchen.
Ich frühstückte vorm Café und verschlief den Tag.

 

Di 29.05.07   11:05

Traf am Sonntag den Regisseur meines Theaterstückes. Saßen bis spät im Düsseldorfer Studio und sprachen Szene für Szene durch, dann fuhr ich zurück nach Münster. Im Zug traf ich den Totalkünstler Tim Ulrichs, auf dessen (Ü 60) Party ich letztens war.

Er erzählte mir von seinem Künstlergrab in Kassel.

Er hat einen Ganzkörperabguss von sich herstellen- und daraus eine Bronzeskultur gießen lassen, die er kopfüber in einen in die Erde eingelassenen Schacht versenkt hat. Dieser kopfüber stehende Tim Ulrichs ist mit einer Glasplatte luftdicht- und leer verschlossen, sodass man auf ihn hinab blicken kann. Nach seinem Tod wird man seine Asche in die Bronzeskultur füllen (sie ist an den Füßen zu öffnen) und den Schacht wieder verschließen.

Ulrichs Arbeit ist vielschichtig, im Kunstbetrieb ist er eher ein Außenseiter, seine Arbeiten eignen sich kaum zur Dekoration, ergo sind schwer verkäuflich, bis vor kurzem hatte er eine Professur in Münster.

Mir gefällt die Idee, sich ein Künstlergrab zu schaffen.
Sich bis in den Tod treu zu sein, schaffen nur wenige.

Was geschah, nachdem ich gegen 2:30 Uhr in der Früh wieder zuhause war, wissen Sie.
Was heute kommt, weiß ich noch nicht. Ich habe Notizen, aber mein Kopf brummt noch und es eilt nicht. Ich liege gut im Plan, die Fronten sind klar jetzt, ich kann in Ruhe weitermachen.

Zum ersten Mal in meiner Karriere bin ich in der Position des Stärkeren. Immer war ich bisher Bittsteller, angewiesen auf das Wohlwollen anderer, die den Daumen über mir reckten oder senkten. Diesmal bin ich derjenige, der sagt, das will ich und das will ich nicht. Bisher habe ich meine Vorstellungen durchsetzen können.

13:55

Erst sprachen wir über den Boxkampf, den wir gesehen hatten und darüber, wie gerecht wir es fänden, wenn einem Großmaul innerhalb von drei Runden gezeigt würde, wo sein Platz sei. Später sprachen wir über Fernsehserien und ihre Gesetze, und da sagte er, da könne er nicht mitreden, er habe ja keinen Fernseher.

Sie merken, da ist ein Widerspruch.
Und ich weiß jetzt, dass ich aufpassen muß.
Menschen, die mir an einem Abend so widersprüchliche Dinge erzählen, sollte ich nur bedingt trauen.

20:17

Weises vom Zentralrat der Juden:

Geschäfte mit Holocaustleugnern (Iran ist am Transrapid interessiert) sind verboten.
Hugh. Wir haben gesprochen.

PS. Was würden wir bloß ohne diese ständigen Zwischenrufe tun.

PPS. Ralph Giordano, den ich immer geschätzt habe, scheint auch so langsam den Überblick zu verlieren. Er macht sich für ein Verbot des Neubaus einer Moschee in Köln stark. Die Pinguine (er meint verschleierte Frauen) passten nicht in sein Weltbild, sagt er. Es ist zum Heulen.

 

Mi 30.05.07   10:32

Sechs große Tasch Leergut
der Wiederverwert ugefüt
drei Masch Wäsch wasch
Post und Kaffee längst drin
Absag verdau und jetz lo, dicht.

 

Do 31.05.07   9:57

Die Welt ist nicht untergegangen. Man hat mich also belogen, damals. Ständig hieß es, am 30. Mai wäre es so weit. Naja. Drehen wir eine Runde. Ein goldgelber Vollmond hängt zwischen den Wolken und erinnert mich daran, weshalb ich so unruhig geschlafen habe.

Der Mais am Ortsausgang steht unterarmhoch. Im Haus nebenan, das so lange leergestanden hat und eigentlich für uns reserviert war, ginge denn alles mit rechten Dingen zu, was es, wie wir wissen, ja leider nicht tut, in diesem Haus wohnt der neue Zahnarzt, den niemand der Familie als Nachfolger für unseren in den Ruhestand getreteten Zahnarzt akzeptieren mag. Er ist uns zu jung und ganz und gar nicht sympathisch. Einer dieser "Herr Lehrer ich weiß´was" Typen.

Wieder zuhause fällt mir ein, dass King Khan im Gleis 22 spielt. Ich trage mein Rad raus und bin eine halbe Stunde später vor Ort. Der älteste Anwesende, naja. Beim Bezahlen einer Bionade verwechle ich 50Cent mit 20Cent Stücken und ernte mitleidige Blicke einer atemberaubend schönen jungen Frau hinter der Theke. Ich oute mich als Brillenträger, aber das hilft auch nicht.

Ich setze mich und sehe zu, wie die Jugend einander anhimmelt oder auch nicht und freue mich, dass ich das alles hinter mir habe. Diese verzweifelte Suche nach einem Partner, dieses atemlose Unterwegssein, immer in der Hoffnung, dass man findet, schrecklich schrecklich.

Jugend ist überhaupt nicht witzig. Und von wegen "schönste Zeit meines Lebens". Alles dummes Zeug. Schönste Zeiten sind jederzeit und gar nicht, aber nicht auf Jugend beschränkt. Jugend ist eher die dramatischte Zeit, das könnte sein, aber beschwören will ich es nicht.

King Khan ist heute mit den Fabulous Shrines unterwegs und gibt den indisch-canadischen James Brown, was nach zwei, drei Stücken ermüdet. Dieses Schreien hat mich schon beim Großmeister schwerst genervt. Ich warte nicht bis aufs Ende des Konzerts und fahre wieder nach Hause.

Was den G8 Gipfel anlangt verweise ich auf Erich Kästners Konferenz der Tiere.

Die Konsequenz der Konferenz?

Bla bla bla bla blaaaa bla blaaaa bla bla blaaaa bla blaaaa

 

 

 

 


 

 

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