Mai 2011                                        www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag

So 1.05.011 16:04

Ich bin in den letzten 48 Stunden niemandem zu nahe getreten und habe meine Zunge gehütet, wenn sie unruhig wurde. Sie war zweimal unruhig. Sie hätte dem Taucher gesagt, er solle weniger brüsk sein und zuhören, dann ginge ihm auf, dass niemand ihm Böses wolle.

Dem Künstler aus der großen Stadt, der einen orangefarbenen Erwachsenenstrampler trug, gepunzte Cowboystiefel mit Sporen, ein junger Mann mit rund um Nase und Mund gepierctem Bauerngesicht, dem die Natur eine sexuelle Orientierung in den Leib gefräst hat, die man erst mühsam begreifen und akzeptieren muss in einer von Phobien geplagten Gesellschaft, dem also hätte ich gesagt, er solle sich nicht so aufspielen, seine Luftblase könne jeden Augenblick platzen. Aber das ist seine Kunst. Er verkauft den sehr liebevollen, schüchternen Jungen aus dem Achterhoek als schrillen, emanzipierten, homosexuellen Textilpopdesigner. Er macht Puppen, Taschen, T-Shirts und Mode.

Noch aber bin ich unterwegs. Fahre vor Düstermühle auf einer Birkenallee, die sich durch Wiesen schlängelt. Die Wiesen sind gesprenkelt mit leuchtendem Löwenzahn. In einer leichten Linkskurve höre ich ein dunkles, nicht zu identifizierendes Geräusch. Das liegt daran, dass ich mit geöffnetem Schiebedach fahre und sehr laut Musik
höre. Ich stelle sie ab. Das Geräusch erinnert an einen von hinten tief anfliegenden Hubschrauber, hat aber nichts mit meinem Motor zu tun. Ich fahre rechts ran, steige aus und gehe ums Auto: der hintere rechte Reifen ist platt.

Ich ziehe eine gelbe Warnweste an. Sie steckt seit Jahren unbenutzt in der Tasche hinterm Vordersitz. Ein Auto kommt vorbei, während ich den Reifen wechsle. Der Wind rauscht in den Birken. Ich hatte lange überlegt, mit dem Rad nach Holland zu fahren, mich aber gegen Mittag, als der Wind aufkam, dagegen entschieden. Ein Glück. Ich klopfe die Radkappe fest, verstaue Werkzeug und Reifen im Kofferraum und fahre weiter.

Das Uranzwischenlager Ahaus gleich um die Ecke ist aus gegebenem Anlass über die Toppen beflaggt, es wird warngekreuzt und hingewiesen. Ich weiß schon lange nicht mehr, was ich von Kernspaltung halten soll. Ich finde, es ist eine sehr clevere Methode, Energie zu gewinnen. Was ihre Gefahren anlangt, weiß ich, was man darüber lesen kann. Die einen sagen dies, die anderen das, beide sehr überzeugend. Wahrscheinlich haben sie Recht.

21:47

Die Stadt jedenfalls profitiert davon. Aber das war nicht das Thema. Ich bin unterwegs zu einem Geburtstagsfest. Oder sollte ich doch erst erzählen, dass ich mich heute morgen auf dem Rückweg auf der Umgehungsstraße um Ahaus verfahren habe. Ich habe mich noch nie verfahren. Dass es auf dem Weg von Enschede nach Münster passiert, macht es doppelt peinlich und kann eigentlich nur einen Grund haben: Ich habe geschlafen. Ich bin im Tran an einem der an der Umgehung liegenden Kreisverkehre (es sind insgesamt 3, glaube ich) falsch abgebogen. Als ich bemerkte, dass ich nicht weiss, wo ich bin, erschrak ich. Nichts, was mir bekannt vorkam, nicht einmal das McDonalds Schild. Ich drehte um, bis ich ein Hinweisschild auf die B70 nach Heek fand. Das ist ein Umweg, aber immerhin.

Mo 2.05.11 9:12

Erst mal setzen jetzt. Erst mal guten Tag sagen und eine Bionade trinken, die der Niederländer argwöhnisch beäugt. Er kennt eine große Auswahl ungesund eingefärbter Getränke, Bionade kennt er nicht, und es scheint auch nicht, dass sie ihm schmeckt. Neben mir sitzt der Nachbar des Gastgebers, ein Rocker mit silbernen Ringen an den Fingern beider Hände: Totenköpfe, Medusen, Halbedelsteine, Lederjacke, Jeans, kräftiger Bauch, mein Alter, ein für meinen Geschmack zu schmaler Mund. Er hat Frau und Tochter dabei. Die Frau ist aus Thailand importiert. Daneben sitzt der Poetry Slammer. Er ist der jüngere Bruder des Textilpopdesigners. Ich verstehe mich gut mit ihm. Die Griechin ist auch da, nach zehn Jahren Athen wieder heimgekehrt, es hatte ihr im Heimatland ihrer Eltern nicht gefallen, der Pfeifenraucher aus Essen ist da, der Landfreak aus Ottenstein, der verhinderte Mike Stern, den Rest muss ich kennenlernen.

Etwa die Frau vom Piloten, die ich für weitaus jünger gehalten hatte. Ich erfahre, dass sie nur fünf Jahre jünger ist und in dieselben Clubs fuhr, in die ich damals immer gefahren bin. Sie war dreizehn, ich achtzehn. Sie schlägt die Hände überm Kopf zusammen, wenn sie daran denkt. Sie habe oft LSD mitgenommen und in Deutschland verkauft, sagt sie. Ihr Mann, der Ex- Pilot, dreißig Jahre KLM, wird später space cake essen und langsam die Fassung verlieren.

Vorher aber, lange vorher, spreche ich mit dem Treckkastenspieler über die Vorzüge des Musikmachens. Wie man sich da ohne Worter näher kommt und versteht, ganz gleich, aus welcher Weltgegend man stammt. Er erzählt von einem Fest mit Musikern aus Tschechien, ich von meiner Begegnung mit Musikern in Acapulco. Wir stehen am Ende des schmalen Gartens am Zaun zur Wiese. Uns gegenüber eine Herde junger Kühe. Sie sind neugierig, aber näher herankommen mögen sie nicht. Ich strecke ihnen eine Hand voll Gras entgegen, eine macht einen langen Hals, reckt ihre Zunge, aber es fehlen zehn, fünfzehn Zentimeter, die traut sich die Kuh nicht. Weil wir gerade von der verbindenden Funktion der Musik gesprochen hatten, stelle ich den MP3 Player meines Telefons an und spiele den Kühen Talk Talk vor. Erst sind sie aufmerksam und gucken erstaunt, dann finden sie es eher unheimlich, eine dreht weg und gallopiert davon, die anderen gehen hinterher.

Seit ich die Griechin kenne, trägt sie Witwenschwarz. Sie ist im Sauerland geboren, könnte aber in jedem griechischen Dorf vor einem Haus sitzen, und die Witwe glaubhaft darstellen. Ich würde sie gern umkleiden. Aber ich nehme an, das will sie gar nicht. Damals wäre sie um ein Haar die Frau meines Neffen geworden. Ich hätte das gut gefunden. Alle hätten das gut gefunden, aber aus irgendwelchen Gründen hat es dann nicht geklappt.

Am vorderen Ende des Tisches sitzen die Deutschen, am hinteren die Niederländer. Ich mische mich unter die Niederländer. Ich fühl mich da wohler. Außerdem sitzen da die attraktiveren Frauen. Leider alle Jahrzehnte zu jung.

12:32

Grillgut ist aufgelegt, das Buffett reichhaltig, an der linken hinteren Ecke des großen Tisches steht ein grüner Kuchen. Grün wirkt ohnehin giftig, aber es liegt noch ein Zettel darauf: space cake. let op. Es ist an der Zeit, ein Stück zu probieren. Ein kleines erst mal, man weiß nie, man kann ja später noch eines essen. Eine halbe Stunde darauf beginnt die Welt grundgütig zu summen. Aha, denke ich. Das ist angenehm. Und nehme noch ein Stück. Knabbere mich durch die Nacht, bis ich gegen vier Luftmatratze, Isomatte, Schlafsack und zwei warme Decken nehme, und mich draußen zum Schlafen hinlege. Alle meinen, das wäre zu kalt, aber es ist angenehm. Die permanente Zufuhr von Sauerstoff beschleunigt die Ernüchterung. Getrunken habe ich zwei Gläser Wein und zwei Finger Bourbon. Und während ich da so liege und denke, hmmm, gemütlich, höre ich die Griechin lachen. Ihr Lachen klingt wie das Lachen meiner Frau. Mit dieser schönen Erinnerung schlafe ich ein.

13:36

Gegen halb sechs erwache ich. Es ist Koniginnendag, überall im Land finden Flohmärkte statt, ein paar Gäste wollen über die Dörfer fahren, Schnäppchen machen. Holländische Flohmärkte sind billig. Der Niederländer ist geizig, daran wird es liegen. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und schlafe weiter. Gegen neun brechen andere Gäste auf. Ich stehe auf, trinke einen Kaffee und lege mich wieder hin. Gegen elf frühstücke ich. Langsam kommen sie aus allen Ecken. Der große Tisch füllt sich. Der Taucher trägt einen nachtblauen Satinschlafanzug. Der Rocker liegt auf dem Dach eines Schuppens in seinem Garten und schläft. Der Kühe grasen am Waldrand.

16:41

Wir trudeln durch die vom Discolärm vibrierende Innenstadt. Ständig verlieren wir einander, dann telefonieren wir, treffen uns, stehen oft nur ein paar Meter auseinander, gehen wieder ein Stück gemeinsam, bis wir dieses ständige Verlieren und Wiederfinden leid sind und einen zentralen Treffpunkt vereinbaren.

Da treffen wir uns eine Stunde später, trinken Bier und lassen den Tag durch die Finger flutschen. Abends, als alle weg sind, sitze ich mit dem Gastgeber und rede. Und am Morgen darauf verirre ich mich in Ahaus. Aber das wussten sie schon. Wussten sie denn, dass es am space-cake lag?

Mein Telefon ist tot, mein Sohn meint, es läge daran, dass er beim Blumengießen Wasser über den Splitter gegossen habe. Ich testete das Gerät über den Anschluss des Nachbarn. Dort funktionierte es. Das Internet funktioniert auch, kann es also nur am Anschluss liegen. Gegen Mittag rief ich die Telekom an, die leitet eingehende Anrufe seitdem auf mein Handy um, und hat mir vor einer halben Stunde in einer SMS mitgeteilt, dass der Fehler geortet sei und man daran arbeite, ihn zu beheben.

22:59

Die mit den Krücken hatte ich letztes Jahr kennengelernt. Ich erinnerte mich nur nicht mehr daran. Dann sprachen wir miteinander, und so langsam kam ich drauf. Sie hatte mir damals erzählt, dass sie ein Hotel für junge Rucksackreisende aufgemacht hat, die Villa Pilla hinterm Bahnhof in Enschede. Ein Jahr später hat sie sich aus der Villa zurückgezogen. Die Villa ist sehr erfolgreich. Ihr aber wurde das zu anstrengend. Es war nicht das, was sie wollte. Sie hätte noch viele andere Ideen, sagte sie. Als ich fragte, welche, sagte sie, das würde sie beizeiten wissen. Ich bewundere sie für ihren Entschluss. Und sie mochte mich.


Di 3.05.11
12:08



der schlaf
schwappte träg gegen mein bett
als ich die augen aufschlug
und im spiegel
den schatten der toten sah
bleib rief ich
aber alle rufe waren gerufen
und unter blumen begraben
freunde hatten bier mitgebracht
platten ächzten unter der nadel
man konnte worte sprechen
und küsse küssen
mehr konnte man nicht
niemals mehr
so ist der tag aufgebrochen
er hat pläne und keine aussicht
doch dann hüpfte eine amsel heran
im schnabel
die jahrezeit aller liebenden
und da wusste ich
dass ihr schatten mein schutz ist
und so kochte ich mir einen kaffee


16:34

Ich weiß, ich habe den Eintrag von 9:28 gelöscht, ich hatte schon vor langem beschlossen, mich der Politik zu enthalten, aber heute früh hat es mich gejuckt. Gerade dann dachte ich, weg damit, ich kann es nicht ändern, Sie können es nicht, wozu also Statements blasen, ich bin ja kein Wal. Ich bin besser, wenn ich mit einem Hörnchen Eis in der Hand auf einer Bank sitze und zuschaue, wie ein kleiner arabischer Junge im Trainingsanzug am Rande des Pantaleonplatzes steht, dicklich, die Arme unverhältnismäßig lang, wie er da steht und den Platz mustert, auf dem zehn, fünfzehn Frauen zwischen 60 und 70 über den Maibaum diskutieren und altengerechte Wohnungen, wie er da steht, ganz und gar ungerührt und aussieht, als suche er wen. Eine Roma kreuzt, ihre Tochter starrt zu mir herüber, zerrt an der Hose ihrer Mutter und sagt Eis. Die Mutter ist jung, hat honigblond gefärbtes Haar und einen Schürzenbauch. Auf der gegenüberliegenden Seite hocken zwei Mädchen auf Stufen im Schatten und kichern. Jungs sind keine in Sicht. Der kleine Araber steht noch immer wie vom Donner gerührt. Es ist Nachmittag, ich habe eingekauft, ich gehe nach Hause, meine Katze wartet vorm Haus, sie streicht neben mir zur Tür herein und maunzt, als wolle sie einen Kater rufen.


Mi 4.05.11
15:21

Gestern abend schickte ich eine Mail an den Verleger. Sie lautete: Moin S., die Säfte steigen, der Mai treibt aus, was ist mit uns? Die Antwort kam heute früh. Er will, dass ich es besser mache und glaubt, dass ich das kann. Also alles auf Neuanfang. Den Roman in der Luft zerreißen, die Schnippsel aufsammeln, neu zusammenfügen, hoffen, dass es passt. Alle Zeit jetzt, immer mit der Ruhe, Material ist vorhanden.


Do 5.05.11
12:08




Es ist schön
zu wissen, dass ich endlich bin,
es ist unverschämt, und überlebensgroß,
es treibt manchmal Tränen wilder Wut,
aber letztlich tut es gut.

Es ist unverschämt und unausweichlich,
selbst der Zeitpunkt bleibt geheim,
aber werden wir nicht kleinlich,
Endlich ist das Sein.

Endlich.
Endlich klare Sätze.
Nie mehr vage Heilsversprechen,
endlich sind wir in der Lage,
mit dem Leben abzurechnen.

Ihm mit einem Schlage alles zu entreißen,
weg zu gehen, nie zurückzukehr'n,
Endlichkeit soll meine Sehnsucht heißen,
unendlich wär' ich nicht gern.

13:56

Das Tanzbein litt unter Weltekel gestern, es war zwar losgefahren, aber als es dann die ewig lächelnden, sich zu Begrüßung links, rechts, links (oder anders rum) wangenküssenden Frauen sah, hatte es den Kaffee derart auf, dass sich sein Gesicht verdüsterte. Gestern war mein "ich finde alles Scheiße Tag", bei aller Liebe zum Leben fand ich, dass wir es nicht weit gebracht haben, aber das ist keine Entschuldigung. Ich hab's dann einmal probiert, bin erwartungsgemäß nicht in Schwung gekommen und wieder nach Hause gefahren, hab mich ins Bett gelegt und getrauert. Das schwingt immer noch nach. Es liegt am Frühling. Sie fehlt und fehlt und fehlt und unsereins hockt hier und muss machen und tun.


Sa 7.05.11
11:49

Das Kind bringt mir eine verschlossene Plastikdose. Auf, sagt es und ich drehe den Deckel auf. In der Dose sind verschieden große Holzperlen, ein Haarband und eine Armkette aus schimmernden, erbsengroßen Perlen. Wow, sage ich. Das Kind nimmt Armkette und Haarband heraus. Zu, sagt es. Ich mache die Dose zu. Wir verbringen mehr als eine halbe Stunde mit dem Auf- und Zuschrauben dieser Dose, immer wieder von begeisterten Rufen begleitet, obwohl wir beide wissen, dass jedes Mal das gleiche drin ist, wenn wir sie öffnen, und wir jedes Mal das gleiche wieder hineintun, eh wir sie schließen.



Zu Anfang dachte ich, ob ich wohl noch weiß, wie das geht mit so einem knapp zweijährigen Kind, aber gelernt ist gelernt, und ich habe mich lange nicht mehr so wohl gefühlt. Wahrscheinlich, weil ich gebraucht war.

Wahrscheinlich, denn der Dichter haut ja nur raus und raus und keine Sau interessiert es. Wenn es gut ist, merkt es keiner, wenn es schlecht ist, merkt es der Verleger und macht kein Buch draus, was ich, wäre ich der Verleger, auch nicht täte. Was den Blog angeht, den mag beurteilen wer will. Ich mache einfach weiter, denn den Mut, damit aufzuhören, was wahrscheinlich die weiseste Entscheidung wäre, die ich treffen könnte, habe ich nicht. Ich bin seit zehn Jahren dabei, vielleicht bin ich zehn Jahren noch immer dabei und kriege das Bundesverdienstkreuz.

Arsch lecken.

Ich gehe lieber raus mit dem Kind, drehe eine Runde durchs Viertel und natürlich entdeckt es die einzige Pusteblume am Rinnstein weit und breit. Die Hammer Straße ist eine der lebendigsten Straßen in Münster, und da irgendwo wächst dieser Löwenzahn. Das Kind nennt ihn Bume, und als ich die Sporen anpuste und sie in alle Himmelsrichtungen davonfliegen, ist es begeistert.

Ab jetzt haben wir ein Augenmerk auf Bumen. Außerdem haben die anderen ein Augenmerk auf uns, denn ganz klar, wir beiden machen Spökes, und die anderen denken, aha, ein Opa mit Enkel, der Spökes macht. Schnell rennen, seltsame Töne machen, den Buggy, in dem das Kind zeitweise sitzt, nach hinten kippen, so dass das Kind kreischt und nommal ruft, und dann machen wir es noch mal, bis wir schließlich an diese Rampe kommen, eine Rampe für Rollstuhlfahrer vorm Wohnamt der Stadt Münster. Die schiebe ich hinauf und dann geht es mit Karacho wieder runter.

Das findet das Kind großartig. Ich auch. Ich finde Kinder großartig und ich finde großartig, dass ich Hausmann war, denn neben all der Arbeit, die man dabei hat und der fehlenden sozialen Anerkennung, hatte ich einen Höllenspaß, denn zu mehr als Spökes machen tauge ich nicht, irgendein Gen in mir ruft von früh bis spät, dass das Trara, das wir täglich veranstalten, nichts mit mir zu tun hat, es geht mir großflächig am Arsch vorbei, wieso, weiß ich nicht, aber so ist es seit ich denken kann, und so wird es wohl bleiben.

Ein Gendefekt. Wahrscheinlich wäre augenblickliche Tötung ein Gnadenakt, damit die Übriggebliebenen weiter ungestört ihren Mist verzapfen können, den niemand benötigt, aber wer sollte das tun, ich? Nee, nee, Freunde, sowas mache ich nicht.

Ich leide still, natürlich, wie sonst sollte ein Leben verlaufen, wenn es nicht erlitten würde, aber ich freue mich auch, denn das Kind läuft auf Mäuerchen, das Kind schaut in vergitterte Kellerfenster und ruft Hallo, das Kind findet Steine toll, überhaupt ist die Welt eine ungeheure Attraktion, und das ist es, was ich von meinen Kindern gelernt habe. Die Welt zu feiern.

Halleluja.
Jeder Treppenaufgang ist ein Ereignis.
Jeder Fenstersims. Wir sind unterwegs.




Now for something completely different.

Ich habe in den letzten zwei Tagen zwei weltberühmte Gitarristen und einen Bassisten gesehen, und war dabei, als Preußen Münster den Aufstieg in die dritte Bundesliga perfekt machte. Großereignisse, Dinge, die manche meiner Nachbarn in hundert Jahren nicht erleben, weil sie etwas haben, was ich leider nicht mehr habe: stilles Glück, trautes Heim, jahraus, jahrein. Hermann van Veen sang das vor vielen Jahren, und wenn ich meine Frau ärgern wollte, sang ich es mit, denn die Ehe ist ja ein zweischneidiges Schwert. Man muss sie jeden Tag schleifen, sonst stirbt man am Wundfieber schlecht geschnittener Wunden und bemerkt es nicht mal.

Also der Reihe nach.

Al di Meola auf dem Jazzfest in Gronau, ein hochvirtuoser Gitarrist, dessen frühe Platten (Vinyl) ich vor fünfundzwanzig Jahren verkauft hatte, weil er schon damals von nichts als eben dieser Tonraserei erzählte, unsexy, wie Lui das nannte, den ich in Gronau traf, Lui Weltpölzer, mit dem ich damals im Groove Missiles Trio spielte. Unsexy. Und arrogant. Mit der Neigung zu hochdramatischen Crescendi zum Schluß seiner Stücke. Als wäre das witzig. Die Besetzung: Schlagzeuger aus Ungarn, zweiter Gitarrist aus Paris, Akkordeonspieler aus Italien.




Das Gegenteil war das Konzert von Richard Bona.

Hochsensibel, hochmusikalisch, sehr sexy, falls das Umschreibungen sind, mit denen Sie etwas anfangen können. Bona spielt Bass wie kein zweiter, er beherrscht alle Stile, das Beste an ihm aber ist, dass er sie nur benutzt und nicht ausstellt. Kürzlich habe ich Viktor Bailey gesehen, auch ein Großer seines Faches, aber er hat sein Instrument so in den Vordergrund geschoben, dass es schnell langweilig wurde.

Das war bei Bona nicht so.

Die Besetzung: Trompeter aus Seattle. Keyboarder aus Rotterdam. Schlagzeuger aus Havanna. Gitarrist aus New York. Bona selbst kommt aus dem Kamerun. Er singt wie ein Engel. Und er ist witzig.

Der Dritte wäre Scott Henderson. Kein schöner Mann, sehr schüchtern, dafür wuchtige Riffs und die Version eines meiner Lieblingsstücke von Weather Report, Mistyerous Traveller in Trio-Besatzung: Gitarre, Bass, Schlagzeug, die Basis allen gepflegten Radaus.





Gestern abend nach dem Preußen Sieg.



Gesehen habe ich hauptsächlich verschieden rasierte Männernacken, Tätowierungen, hin und wieder mal ein Ohh und Ahhh, von den drei Toren habe ich akkustisch erfahren, das dritte, der Elfmeter auf der gegenüberliegenden Seite, war einigermaßen nachzuvollziehen, ansonsten kann ich nur sagen, ich bin dabei gewesen.

Und jetzt: aus die Maus. Die Sonne scheint.

Ich habe noch zwei Maschinen Wäsche. Das jüngste Kind ist im Preußen Taumel unter- und noch nicht wieder aufgetaucht. Außerdem muss mir noch etwas zum Thema Essen einfallen. Genug zu tun also.


So 8.05.11 8:23


Ich sitze auf dem Balkon, trinke Kaffee und lese Zeitung. Eine Mittdreißigerin joggt vorüber. In der linken Hand eine Tüte mit frischen Brötchen. Sie schwitzt. Als sie mich sieht, ruft sie "Sie machen's richtig." "Sie also falsch?" rufe ich, aber da ist sie schon fort und jetzt sitze ich da und weiß nicht, was sie meint. Ist es richtig, morgens auf dem Balkon zu sitzen, statt mit einer Brötchentüte herum zu rennen? Ist es überhaupt richtig, morgens auf Balkonen zu sitzen, oder ist die Feinstaubbelastung nicht mittlerweile derart gefährlich, dass man besser drin bliebe? Weiß sie gar nicht, dass ich mich sorge? Mich quasi von früh bis spät um alles Mögliche sorge? Denkt sie, ich bin eine Art Gallionsfigur für richtiges Leben, die man zu jeder Tageszeit auf den Balkon setzt, damit die anderen daran erinnert werden, was sie falsch machen?

8:30 auf dem Balkon sind gefühlte 7:30, und ich hätte nichts dagegen, noch ein, zwei Stunden zu schlafen. Ich würde gern mal bis Mittag schlafen. Ich würde gern den Roman in Angriff nehmen, der links auf meinem Schreibtisch liegt und unablässig fragt, ob aus ihm noch ein guter Roman werden kann oder nicht. So verwirrt schleiche ich mich zur Toilette. Es ist 8:32, und wenn ich ihr Glauben schenke, mache ich etwas richtig, von dem ich nicht einmal weiß, was es ist. Die Welt ist kompliziert. Auch an so einem sonnigen Sonntagmorgen.

10:03

Im April letzten Jahres sah ich ein Theaterstück.
Kinder und Behinderte spielten grausige Geschichten aus dem Mittelalter.




der linke baum
ist spastisch gelähmt
er hat einen absurd großen kopf
ich weiß nicht
ob er ein idiot ist oder nur krank
oder beides
er steht da und starrt halbschräg
unter die stuckverzierte decke des festsaals
der saal ist schön
der saal ist hundert jahre alt
der rechte baum
ist nicht gelähmt
er bewegt kopf und hände
ist bekränzt und die kinder
die um ihn herum tanzen
finden ihn ganz normal
das publikum klatscht
die bäume sind glücklich
nie hat man glücklichere bäume gesehen
und selten kinder
die idioten normal finden
ich finde nichts normal
und alles normale abnorm
so sitze ich und denke
dass vielleicht gerade das abnorme
die norm wäre im anderen land
aber ich weiß nicht wo das land ist
falls es überhaupt existiert
und ob ich dort leben wollte
oder nicht längst dort lebe
ich weiß nichts
ich habe nur das raunen in meinen augen
das flirren im ohr das denken im mund
und das gefühl untern achseln
wenn bald frühling wird
wird sich der himmel klären
dann hoffe ich
dass die bäume grün werden
und die idioten revoltieren
damit endlich bestraft wird
wer strafe verdient hat
das denke ich
und joe zawinul spielt dazu
der weiß es auch

11:31

Zum Thema: Sie machen das richtig ....



11:52

Ich versuche mal zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn man nur noch Geist ist. Wie es ist, wenn man den Körper hinter sich lässt. Die Meister der Meditation können das. Ich konnte das nie, bis gestern, wenngleich nur für sehr kurze Zeit. Ich saß auf dem Sofa und hatte den Kopf in beide Hände gestützt. Aber weder das Sitzen noch das Stützen des Kopfes hinterließen körperliche Empfindungen. Ich wusste nur, dass ich saß. Ich spürte es nicht, mein Körper schien nicht mehr existent. Ein wundervolles Gefühl übrigens. Sehr zu empfehlen. Ein bisschen beunruhigend auch, wenn man so als Geist im Raum schwebt, was, wie ich jetzt weiß, dazu führte, dass ich in meinen Körper zurückkehrte, oder besser: ihn wieder als mir zugehörig verspürte. Wahrscheinlich muss man hundert Jahre meditieren, um diesen Zustand herbeizuführen. Ich meditiere so gut wie nie, deshalb nehme ich das gestrige Ereignis als ein Geschenk des Zufalls. Es stimmt also.


Mo 9.05.11
18:39

Vor Badewannen Jupps Haus stehen drei anderthalb Mann hohe Akazien, schöne Bäume mit dichter Krone. Jupp schneidet sie Jahr für Jahr, aber jedes Frühjahr zicken sie, eh sie austreiben. Letztes Jahr war es die linke, die auf sich warten ließ, dieses Jahr ist es die mittlere, die noch gar keine Triebe hat. Abends um diese Zeit steht Jupp oft davor und bespricht sie. Irgendwann, das weiß er, wird sie austreiben, aber es passt nicht in sein Weltbild, dass die Akazien nicht tun, was er will.


Di 10.05.11
14:30

Das Wetter ist viel zu schön, um nachzudenken, aber ich denke. Ich habe heute früh ein Dokument geöffnet, habe ihm einen Namen gegeben, und mir überlegt, dass ein Ohrenbär daraus wird. Diese Entscheidung hat Gründe. Ich habe früher viele Ohrenbären geschrieben. Immer, wenn die Abrechnung kam, war ich hochzufrieden. Deshalb ist es an der Zeit, mal wieder für das Radio zu schreiben. Der Ohrenbär wird Das kleine Tier heißen. Es gibt ein gleichnamiges Gedicht, aber das hat nichts mit der Geschichte zu tun. Hören Sie es sich trotzdem an, es gefällt mir sehr. Klicken Sie hier.

21:47

Stilles Arbeiten den Tag über, immer mal unterbrochen, auf dem Sofa, zwischen zwei und drei eine halbe Stunde im Bett, Kaffee auf dem Balkon, Zeitungslektüre, immer mal eine Notiz, dann zurück an die Maschine. So ein Ohrenbär ist überschaubar. Eine, zwei Wochen Arbeit, Spaß macht es auch, während mich ein Roman für die nächsten Monate fesseln würde. Das will ich im Augenblick nicht. Ich bin längst nicht der, der ich war, als meine Frau noch lebte. Mir fehlt ihr Zuspruch und ich kenne niemanden, der das ersetzen könnte.

Es ist still. Dieser Mai ist mir ein wenig unheimlich. Ich bin anderes gewohnt, und ich liebe anderes, Regen in dicken Tropfen, auf den Straßen verdampfend, das Grün triefnass, ein Dschungel, mein Westfalendschungel, so liebe ich Mai, dieser Mai aber ist Steppe. Ich will, dass es kracht. Ich will Regen.


Mi 11.05.11 12:00

das meer
hat spiegelfolie übern strand gestreckt
darin steht deine welt
stehn du und ich kopfüber
die sonne hat am späten nachmittag
frisch eingedeckt
und ich hab dich am liebsten hier
kein vorhin
kein gestern und kein morgen
ich hab dich am liebsten hier
doch du bist fort
ich hätt' dich am liebsten hier
am liebsten hier bei mir


Do 12.05.11 18:22

 

Fazit....

Gereihert? -
viermal, höchstens acht.
Kontrollverluste? -
Heimbach, Juli 62: vor der Nacht.

Besuchte Länder? - Viele. Um die Uhr.

Vertane Chancen? - Ungezählt.
Berufe? - Dieser, selbst gewählt.

Worüber man nicht spricht: sehr gern.
Das Ende? - Hoffentlich noch fern.

Die Aussicht: mal getrübt, mal glänzend.
Die Einsicht: stets sich selbst ergänzend.

Die Fragen? Höchstens eine.
Die Antwort? - Meistens keine.


Fr 13.05.11
9:43

So sah das aus, gestern, als Herr M. in der St. Georg Grundschule Saerbeck las.
Aufgewacht war er in düsterer Stimmung. Die Einsicht, dass die, die ihn inspiriert hat über all die Jahre, die, ohne die er sich nicht denken mag, nicht mehr ist, hatte ihm Schlaf geraubt. Ein Verlust, der schwer wiegt, jeden Tag schwerer. Vielleicht ist das aber nur eine Ausrede, weil er spürt, dass nichts gelingen will, nichts will von der Hand, und das, was von der Hand will, ist immer das, was nicht käuflich ist und sein will. Sie würde das mit einem Schulterzucken parieren und ihm jede Sorge nehmen, aber sie ist fort. Ohne Muse macht das Leben nur halb soviel Spaß.

Herr M. entschied, über Land zu fahren. Er hoffte, das würde ihn aufmuntern, aber noch als er die Schule betrat war er düster und lustlos und wäre am liebsten zurück nach Hause gefahren. Dann aber kamen die Kinder und die Verwandlung setzte ein. Ein paar Blicke, die ersten Sätze, die Nacht löste sich auf.

Das funktioniert also immer noch, dachte er erleichtert.

Er sei der Erzähler mit der Ukulele, stand heute früh in der Zeitung, und da lachte er.
Die Ukulele ist ihr Geschenk. Und weil sie so klein ist und so leicht zu spielen, nimmt er sie immer dann, wenn den Kindern der Fokus schwer fällt, weil gerade die Pause vorüber ist oder ihnen noch Schlaf in den Kleidern hängt. Ein Lied, und er hat sie und kann mit ihnen machen, was er will. Und das hat er getan. Zweimal eineinhalb Stunden hat er ihnen aus Räuber, Schattengeister und ein Karpfen im Mühlteich und aus der Sackgasse 13 vorgelesen.

In der Zeitung klingt das dann so:

Dass der Kinder- und Jugendbuchautor Hermann Mensing irgendwann in seinem bewegten Leben selbst Lehrer gelernt hat, bekamen die Viertklässler der St.-Georg-Grundschule bei der Autorenlesung am Donnerstag schnell mit. Die anfängliche Unruhe unter den Kindern der 4c und 4d löste der Münsteraner auf pädagogisch korrekte Weise auf, ohne dass ein Eingreifen der Lehrerin erforderlich gewesen wäre. „Jetzt veranstalten wir alle noch mal so viel Rabbatz, wie wir können, und wenn ich ,Schschtt´ mache, dann ist Ruhe“, vereinbarte er mit seinen jungen Zuhörern. Es klappte.

Wen es nur selten auf seinem Platz vorn an der Tafel zwischen den Romanstapeln und dem Büchertisch hielt, war Hermann Mensing selbst. Die Nase zwischen die Deckel seiner Romane stecken und bewegungslos vorlesen, das scheint nicht sein Ding zu sein. Schon in den ersten Minuten nicht, da hatte er nämlich gar kein Buch in der Hand, sondern eine Ukulele. „Auf der spiele ich gern alberne Lieder“, bekannte das frühere Mitglied dreier Bands und tat es dann auch - wie in der folgenden dreiviertel Stunde stets im pädagogischen Wechselspiel mit seiner Zuhörerschaft. Er ging mitten rein, er begab sich auf Augenhöhe, er fragte, er ließ sich fragen. „Ich weiß was, hört mir zu. Du bist ein Esel und du ne Kuh. Die Kuh macht Muh, der Esel Iah.“ So begann sein Lied zum Spiel des kleinen Zupfinstruments - und als der Reim auf „Iah“ fehlte, waren die Kinder dran. „Das ist unglaublich, aber wahr“, so wurde ein Lied daraus. Und so hatte er die zwei Klassen eingefangen für den Einstieg in die spannende Gruselgeschichte „Sackgasse 13“, erschienen im Jahr 2001. Nur mit Zuhören kamen die Grundschüler aber nicht davon. Immer wieder forderte Mensing ihre Fantasie.


Sa 14.05.11
12:13

Sitze und probe Loops für meinen Gig auf dem Literaturfestival Leselust Aachen. Das macht Spaß. Aber wenn ich abends daran denke, geht mir der Arsch mit Grundeis. Macht aber nix, ich zieh das durch, und anschließend steinigen sie mich oder nicht.


So 15.05.11 10:01

Weiträumiges Durchfahren verschiedener Landschaften, unangekündigter Besuch bei Menschen, die mit sich selbst genug zu tun haben, stilles Verdämmern über Büchern und Zeitschriften, Saufen, Kiffen, liebevolles Miteinander im Schoße zerrütteter Familien oder eher furchtsames Starren auf den Wochenanfang? Es ist Sonntag. Sonntage haben hohe Suizidraten. Also Vorsicht.


18:33

Vor zwei Stunden in Westfalen (blühender Schnittlauch)

Kurz vorher im Dschungel


Di 17.05.11 8:54

Da tanzt der Herr M. stundenlang, ohne dass ihn ein Zipperlein plagt, aber kaum steigt er mal für einen Tag auf eine Leiter, um Wände zu streichen, fühlt er sich, als hätte ihn ein Pferd getreten. Macht aber nichts, denn das Erfolgserlebnis nach so einer in aller Pracht wieder hergestellten weißen Wand ist natürlich etwas ganz anderes als die Würgerei vor Texten, aus denen Romane werden sollen, da weiß Herr M. wenigsten was zu tun ist, die Wand ist so und so breit und so und so hoch und nachher ist sie immer noch so und so breit und so und so hoch. Nur die eine Wand, die er grün streichen sollte, die gefiel ihm überhaupt nicht, das Grün schien seine Pigmente nicht gleichmäßig zu verteilen, und da dachte Herr M., Pause jetzt, ich benötige einen Kaffee.

Also besuchte er Freunde, die ein Kind bekommen haben. Er hielt es im Arm, er gab ihm die Flasche, er streichelte es und das Kind hatte Freude daran, mindestens so viel Freude wie Herr M., der vor so viel jungem Leben dazu neigt, die Welt wieder als das zu sehen, was sie ja eigentlich ist: wundervoll.

Wie so ein junges Gesicht changieren kann. Wie alle zu durchlebenden Altersstufen in Sekunden über so ein Gesicht ziehen können. Einmal glaubt man, einen ganz alten Menschen zu sehen, vielleicht, weil ihm gerade ein Pup quer liegt, dann wieder strahlt es wie der jüngste Tag und nichts trübt die Aussichten.

Als er danach zurück in die zu renovierende Wohnung fuhr, waren längst jüngere Menschen bei der Arbeit, und da dachte Herr M.,
lass es für heute genug sein, morgen ist auch noch ein Tag, und morgen ist heute und gleich fährt er wieder los.

Er verabschiedete sich. Als er gerade in sein Auto steigen wollte, sah er den Saxophonisten, der damals schon mit Manuela auf Tour war. Er kennt ihn seit dreißig Jahren. Er trug eine ausgebeulte Trainingshose, ein schwarz-weiß kariertes Flanellhemd, war schlecht rasiert, oben rechts fehlten Zähne, und seine Nase verriet, dass er zu viel trinkt.

Na du Israelit, sagte Herr M. und der Saxophonist sagte, Herman the German, Israelit bin ich nicht, ich bin Hebräer. Beim letzten Mal hast du gesagt, du wärst Israelit. Quatsch, sagte der Saxophonist, mit den Zionisten will ich nichts zu tun haben, ich bin Hebräer.

Die beiden standen eine Weile an der Ecke zusammen und erzählten sich, was in zwei Jahren, die sie sich nicht gesehen hatten, geschehen war. Der Israelit ist geschieden. Herr M. ist Witwer. Der Israelit hat Probleme mit dem Saxophonspielen. Seine Finger wollen nicht mehr. Herr M. hat Probleme mit dem Romaneschreiben. Seine Muse ist tot. So ging das hin und her.

Da Bilder mehr sagen, als tausend Worte, hier noch ein Foto von Herrn M. im flirrenden Licht.


 

Mi 18.05.11 15:10

Dass ich einer sechsten Hauptschulklasse nicht mir Räubern kommen könnte, war mir klar, aber der Deal war, dass die Veranstalterin Bücher verkaufen wollte, was also tun, nachdem die erste Lesung vor Fünftklässlern vorüber war. Fünftklässler im äußersten Nordzipfel Nordrheinwestfalens, kein einfacher Job, auch in fünften Klassen machen sie die Türen schon zu, halten sich schon für groß oder träumen davon, aber es funktionierte. Ich musste mir Mühe geben, was ich sowieso gern tue, ich musste wieder und wieder fragen und Antworten kamen eher spärlich, aber es war in Ordnung.

In der Pause dann saßen wir beim Kaffee. Die Veranstalterin war dabei und die Lehrerinnen der sechsten Klassen. Ich äußerte meine Zweifel, und die Lehrerinnen teilten sie. Wie wäre es denn, wenn ich aus Abends am Meer vorläse?, schlug ich vor. Ich habe zuhause noch einen ganzen Karton davon, ich lese also und wer das Buch kaufen will, der trägt sich in eine Liste ein, und ich schicke ihnen die entsprechende Anzahl Bücher. Die Veranstalterin war einverstanden. Also las ich aus Abends am Meer.

Mucksmäuschenstille. Höchste Aufmerksamkeit. Kichern. Rote Ohren, denn auch das Wort Sex fällt irgendwann.

Jetzt bin ich müde. Jetzt lege ich mich eine Stunde aufs Ohr. Jetzt sofort.

19:49

Ist man allein, wird das Leben klarer. Man kennt seine Geheimnisse. Man weiß, das Leben ist grausam. Es kennt keine Moral. Moral haben wir erfunden. Wir haben alles erfunden. Wir sind eine Projektion unserer Projektionen, wir können alles sein, haben uns aber in enge Korsetts gezwängt. Das mit anzusehen ist nur manchmal lustig. Mein Korsett gefällt mir. Ich muss nur davon lassen, zu glauben, es müsste anderen auch gefallen. Hauptsache, es gefällt mir. Sprach Herr M., las den Text noch einmal, heftete ihn unter: Herr M. scheißt klug ab und bereitet sich auf den Tanzabend vor. Aloha, wie wir Westfalen gern sagen.


Do 19.05.11
17:53

Baumärkte betrete ich stets als Vollidiot, das rührt Mitarbeiter zu Tränen, hebt ihr Selbstbewusstsein und tut mir nicht weh. Ich sage dann, was ich benötige und sie eilen durch Gänge mit bis unter die Decke reichenden Regalen mit für mich unüberschaubaren Angeboten für alle Fälle. Muffen, Schläuche, Spaxe, Schrauben, Badezimmerbeleuchtungen und Toilettendeckel. Alles da. Alles rein in den Einkaufswagen.Die blondierte Kassiererin fragt, ob ich eine Kunderkarte wolle, das sei günstig. Ich verneine. Ich will mich nicht binden. Ich binde mich nie mehr, falls doch, auf keinen Fall an einen Baumarkt.

Jetzt bin ich erschöpft. Ich war schon heute morgen erschöpft, denn ich habe getanzt, aber ich war als Opa im Einsatz, da zählte das nicht. Nun ist der Einsatz beendet. Alles ruft nach einem Nickerchen.


Fr 20.05.11
9:30

Gleich kommt der Clown. Wir wollen frühstücken. Und ein bisschen reden über die Vergangenheit, über die Zeit, als er aus Essen hierher gezogen war und wir dieses Trio hatten, aus dem ein Quartett wurde, weil plötzlich sein Fender Rhodes eine wichtige Rolle spielte, eine Band, die vor nichts zurück schreckte. Vielleicht sprechen wir auch über die Gegenwart, denn da sind wir ja. Seine Gegenwart ist, auf Kreuzfahrtschiffen vorwiegend ältere Menschen zu "bespaßen", auf Stadtfesten aufzutreten und in Varietes, meine heißt Ochsentour durch die Schulen, nur dass es leider keine Ochsentour ist, sondern eine eher ruhige Reise. Ich hätte nichts gegen Ochsentour, aber es ist, wie es ist, und ich komme rum.

Vielleicht erzähle ich ihm von den Tänzerinnen gestern. Etwa von der sehr kleinen, dicken Kolumbianerin in Schwarz auf lebensbedrohenden Stöckelschuhen und einem Dekollete, dem ich nur mit Mühe ausweichen konnte. Nicht, dass ich hätte hineinspringen mögen, nein, aber es tat sich halt unterhalb meiner Rippenbögen auf wie der Grand Canyon, und ich kann ja nicht ständig geradeaus schauen, manchmal knicke ich ein und dann habe ich dieses Gewoge vor mir.

Dass man so etwas mit sich herumtragen muss, wo doch die Schwerkraft täglich brutaler angreift. Sie hatte neben mir gestanden, draußen, wo die Raucher stehen und die blonden, nicht mehr so jungen einheimischen Frauen, die um die schwarzen Latinos schwirren wie Fliegen um Mist, da stand sie und hatte mir Feuer gegeben. Nachdem ich die Zigarette geraucht hatte, forderte ich sie auf. Keine schlechte Tänzerin, aber zu klein, viel zu klein, und ihrer Schuhe nicht gewachsen, denn einmal wäre sie mir fast weggeknickt.

Die Süßeste von allen, ein ganz junges Ding, war mir schon früh aufgefallen wegen ihres Kleides. Ein Brokatkleid mit eckigem Ausschnitt, sehr klassisch, kurze Ärmel und rankenartigen Stickereien in rot, blau, braun und schwarz auf sandfarbenem Grund. Die stelzte eher, statt am Boden zu sein, was vielleicht bei soviel Schönheit nicht verwundert, schön war sie, schön und noch keine fünfundzwanzig, und immer, wenn ich versuchte, sie in eine neue Figur zu führen, lachte sie bezaubernd und irgendwie entschuldigend.

Samstag werde ich mit dem Kugelblitz tanzen, darauf freue ich mich sehr, denn wir passen zueinander wie die Faust aufs Auge. Der Kugelblitz ist auch klein, aber sie tanzt gut. Mit ihr kann ich experimentieren. Ich habe eine neue Figur gelernt und bin scharf drauf, sie mit ihr zu tanzen. Samstag halb zehn hole ich sie ab, und dann werde ich tanzen, bis ich umfalle.

Literatur kommt im Augenblick kaum vor. Kaum ist ein Satz geschrieben, ruft es von irgendwo, dass er so nicht stimmt und wenn ich dran drehe, ist er tausendmal schon gesagt und ich kicke ihn.


Sa 21.05.11
17:37

Osama war da, Gitarren im Arm. Seine türkischen Arbeitskollegen nennen ihn so. Der Millionär mit den Keyboards war auch da, der gescheiterte Rockstar am Bass und der Schriftsteller M. Alles wie immer. Alles, wie schon vor vierzig Jahren im Hühnerstall. Bis auf den alten Bassisten, der starb vor drei Jahren.

Die vier wollen zunächst ihr Bewußtsein erweitern. Sie werden gehört haben, dass man in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts verstärkt zu so etwas neigte. Die vier sind rückwärtsgewand genug, um an dieser Tradition festzuhalten. Sie verarbeiten Zigarettenpapier zu Tüten, trinken, was trinkbar ist und den Stoffwechsel anregt, sie rauchen und saufen sich innerhalb kurzer Zeit in jenen Zustand, der eine ganze Generation verwirrte. Erst danach (und zwischendurch) begeben sie sich an ihre Instrumente und versuchen, mit rührendem Ernst gegen jede Regel zu verstoßen.

Diese Regelverstöße haben jedoch nichts mit Können, sondern mit Größenwahn, Inkompetenz und Faulheit zu tun. Das wissen die Herren, aber es stört sie kaum, denn dafür können sie etwas, was sonst kaum jemand kann: improvisiert und stundenlang ohrenbetäubenden Rock 'n' Roll spielen, bis der letzte zu seiner Schlafstätte kriecht.

In den Pausen sitzen sie beisammen, grillen Fleisch, warten auf den Mond, der an diesem Abend aus Gründen, die sie zunehmend beunruhigen, nicht über die Bäume steigen will, sie sprechen phrasenweise Plattdeutsch, was ihre Authentizität irgendwie erhöht und zu Lachsalven reizt, sie erzählen Herrenwitze und erinnern sich ihrer Jugend. Hundert Trips, sagt der Millionär. Da kann der Schriftsteller M. nicht mithalten, der hat das nur einmal probiert und war gerade dabei, eine Frau auszuziehen, als deren Freund in der Tür stand. Unschön, ja, aber was will man machen. Der gescheiterte Rockstar sah am Boden meist Ornamente in schillernden Farben. Jeder der vier könnte jeden Augenblick tot umfallen, aber dann steht einer auf, verschwindet im Probenraum und beginnt zu spielen. Meist folgen die anderen dann, und dann ist alles möglich.

Dieses Treffen fand zum achten Mal statt, und alle Teilnehmer sind sich einig, dass nur der Tod sie scheiden kann. Vorher aber wird es wieder lebendig. In ein zwei, drei Monaten, wenn sie sich das nächste Mal treffen. Lebendig ist es nämlich nur da, wo es schiefgehen kann.


So 22.05.11
10:06

Der Kugelblitz arbeitet von früh bis spät am Rande des Nervenzusammenbruchs, und da hatte ich sie (der Kugelblitz ist weiblich, verheiratet, zwei Kinder) auch noch Arsch genannt, weil sie einen Tanztermin auf den letzten Drücker hatte platzen lassen, Arsch hatte ich gesimst, und das fand sie nicht gut. So lasse ich mich von niemandem nennen, huäääääää. Mein Einwurf, es sei aber doch liebevoll gemeint gewesen, ließ sie nicht gelten.

Seitdem sind fünf, sechs Wochen vergangen, und ich hatte befürchtet, mir eine Tanzpartnerin auf immer vergrault zu haben. Der Kugelblitz ist eine hervorragende Tänzerin. Wenn ich mit ihr tanze, fühle ich mich nicht genötig, auch noch irgendetwas zu reden, da reicht schon, dass wir tanzen. Anfang der Woche dachte ich, hm, Herr M., es ist Wasser den Rhein hinab geflossen, schick eine SMS an den Kugelblitz, mal sehn, was passiert.

Tja, und dann hat sie ohne Umschweife ja gesagt, und so haben wir gestern fast drei Stunden getanzt. Es war unterträglich heiß in der Tanzschule Husemeyer, aber das Parkett war hervorragend, die Wände waren verspiegelt, die neuen Figuren funktionierten ohne große Diskussion, wir tanzten auf die Zwei, was die ganze Sache zusätzlich kickt, die Eins kann schließlich jeder. Wir neigen zum Freestyle, und alle, die gerade keinen Tanzpartner hatten (zu häßlich, Mundgeruch, Storch-im-Salat, sonstige Mängel) standen herum und waren neidisch.

Für Frauen ist es nicht immer einfach, so herumzustehen und zu warten, bis jemand sie zum Tanzen holt, aber denen, die ich schon etwas näher kenne, sage ich immer, wenn ihr tanzen wollt, fordert mich einfach auf. Ich muss auch los und sagen, wollen wir tanzen, das ist nicht witzig. Eine hat in den letzten Wochen dreimal nein gesagt, woraus ich schließe, dass sie mich grauenvoll findet, was in Ordnung ist, schließlich bin ich dreißig Jahre älter als sie, blicke eher ernst als heiter und wüsste nicht, worüber ich mich mit ihr unterhalten sollte, ich werde ich sie also nie mehr fragen.

Es gibt Salseros, die ein Wochenende in Dortmund und am nächsten in Wuppertal tanzen, das geht quer durch die Republik, und da wird geherzt, da werden Küsschen gegeben, da wird getratscht und geklatscht, da ist es also wie überall, aber ich kann so etwas nicht ausstehen, ich krieg es nicht hin und ich will es auch gar nicht hinkriegen, ich krieg Pickel vor diesem Getue, deshalb war ich so froh, dass der Kugelblitz mir verziehen hatte. Zumal der Kugelblitz und ich sowieso finden, dass es außer uns kaum Tänzer gibt, die zu erwähnen sich lohnen würde.

So. Sonntag. Wir (also Herr M. und ich) fühlen uns frisch gestärkt und fahren nachher nach Essen. Dort spielt Sufjan Stevens. Außerdem sind wir zum Kaffee eingeladen. Eine dicke Frau die Foxterrierfrisur, Hang zum kreativen Töpfern und Filzen, hat uns eingeladen. Da sind wir gespannt.

13:54

Programmhinweis: 07. Juli 2011, 20.00 Uhr Leselust Aachen

Hermann Mensing

Texte, Loops und Pop-Life (Prosa, Lyrik und Musik)

Hermann Mensing begann als Autor für Hörspiele, Theaterstücke, Gedichte, Geschichten und Romane für Kinder. Seine Arbeiten spiegeln den Alltag, sie überraschen mit Lösungen, die Mut zu Entscheidungen machen, sie sind banal, absurd, sie sind voller Humor und es gibt nichts, was es nicht geben könnte, bis auf billigen Zauber und kindliche Verniedlichungen. Seit 2005 schreibt er verstärkt für Erwachsene. Zu seinem 2009 erschienenen Roman Pop Life hieß es auf WDR 5: „Mit äußerst feinem Gespür für Humor wie für Melancholie - vermutlich zwei Seiten derselben Sache - bringt Hermann Mensing die großen Themen des Lebens so beiläufig und doch authentisch zur Sprache, dass man am Ende erschrocken und ergriffen ist vom Leben jedes einzelnen der drei Helden, weil sie beispielhaft für das eigene stehen. Davon möchte man gerne mehr lesen." Neben einer Lesung von Passagen aus Pop-Life wird Hermann Mensing dem Leselust-Publikum eine weitere Facette seiner kreativen Arbeit vorstellen, in der er Literatur und Musik verbindet, Texte zu fragmentarischen Musik-Schleifen (Loops) spricht.


Mo 23.05.11 14:15

Um zunächst eines richtig zu stellen: die dicke Frau mit Foxterrierfrisur ist überhaupt nicht dick. Sie ist auch nicht dünn, aber dick wäre etwas anderes. Was ich sonst von ihr, ihrem Mann und ihrem Haus wusste, hat sich bestätigt. Es ist ein sehr in die Jahre gekommenes Haus, aber was macht das, wenn darin freundliche Menschen wohnen, die einen vielleicht ins Krankenhaus brächten, wenn man über einen der vielen Simse gestolpert oder die schmale Treppe hinabgestürzt wäre, weil auf einer der Stufen der Hund lag, von dem ich so viel gehört hatte. Tippi. Er war eher enttäuschend. Nicht, dass er ausgesprochen dumm gewesen wäre, nein, aber im Vorfeld hatte die gar nicht so dicke Frau von einem Tibeter mit gefühlten 60 Kilo Körpergewicht gesprochen, und dann stand da ein kaum foxterriergroßer Hund.

Außer der gar nicht so dicken Frau und ihrem Mann, der mit Exoten handelt, Reptilien, Schlangen und Spinnen, gibt es noch eine dreizehnjährige Tochter, die drei silbern schimmernde Perlen im linken Ohr hat und rechts auch irgendwas, die ihre Fingernägel lackiert und geschminkt ist und zerschundene Beine hat, weil sie Fußball spielt. Die musste zur Oma, die in der Siedlung gleich um die Ecke lebt, aber das war komplizierter, als man sich denken möchte. Ständig fehlte noch irgendetwas, und ihre Mutter hatte mehr als eine Ermahnung hinsichtlich ihrer eigenen und der Kosmetika ihrer Tochter. Offenbar gibt es da häufig Verwechslungen. Dann aber war die Tochter fort, und wir fuhren Downtown ins Colosseum, um Sufjan Stevens zu sehen.

15:52

Hochgelobt, dieser Herr Stevens, ich kenne ihn von Aufnahmen, die einige Jahre alt sind, Weihnachtslieder, die er angeblich für Verwandte und Freunde aufgenommen hat, und von der CD Come on feel the Illinoise, von der man sagt, dass es nur eine von noch vielen CD's sei, die Sufjan über die amerikanischen Bundesstaaten schreiben will.

Ich nehme an, das sind eher Gerüchte, die das Geschäft ankurbeln.

Sufjan Stevens ist ein Multiinstrumentalist, er hat eine klare schöne Stimme und seine Lieder ähneln oft Kinderliedern, wäre da nicht seine Angewohnheit, eine Instrumentalspur über die nächste zu legen, um daraus Soundscapes zu bauen.

Dennoch bleiben es Lieder in Folktradition, auch und gerade wenn über Sexualverbrecher gesungen wird. Der amerikanische Folk, eine Tradition, die es bei uns so leider nicht gibt, zumindest nicht in einer Variante, die ein größeres Publikum anspräche und schon gar nicht in einer musikalischen Form, die die Gegenwart reflektiert, hat sich schon immer mit den Geschichten der Menschen des Landes auseinander gesetzt.

Das Konzert im Colosseum Essen aber ist das Konzert zur 2010 erschienenen CD Age of Adz, hymnisch besprochen überall, die Frage ist nur, was erwartet uns, denn diese CD ist ungewöhnlich. Ungewöhnlich und interessant nennt man gern Dinge, die man nicht oder nur schwer einschätzen kann, weil sie sich dem leichten Zugriff erwehren oder gar hermetisch verschließen. Eine komplexe Platte also, nennen wir sie einmal so und dann geht der rote Vorhang auf und hinter einer Gaze steht, das kann man zunächst nicht erkennen, muss es aber vermuten, eine durch Schwarzlicht angestrahlte und seltsam widerscheinende Ansammlung von, nimmt man an, Musikern mit ihren Instrumenten, aber wie gesagt, das erkennt man nicht, man hört nur diesen komplexen Radau, der plötzlich herrscht und sieht im Hintergrund futuristische Videoprojektionen.

Später erfährt man, dass die über die Leinwand flimmernden Raumschiffe und kryptischen Zeichen Kopfgeburten eines von Herrn Stevens hochgeachteten schwarzen Amerikaners sind, der Vision und Realität nicht mehr auseinander halten konnte.

Mich erinnern sie an den Pulp der Fünfziger in den USA, den man mag oder nicht, ich mag ihn nicht. Statt Musik zu machen, hält Herr Stevens zwischen den Liedern zunächst Vorträge über die Beweggründe seines Schaffens und erklärt Bedeutungszusammenhänge. Alles drehe sich um Liebe, Leid und das Ende der Welt, das Prinzip zufälligen Schaffens habe ihn motiviert, er lebe in diesen Liedern eine zweite Puberbät aus.

Ich beginne zu befürchten, er will mich zu einer Sekten bekehren, aber dann hören die Zwischenreden auf, die Band spielt, das macht sie gut und das muss sie auch, denn die Stücke dieser CD sind verzwickt und verschachtelt. Zwei Schlagzeuger, ein Pianist, ein Keyboarder, zwei Bläser, ein Bassist, alle haben alle Hände voll zu tun, dazu noch zwei Sängerinnen, die auch tanzen, was sie besser gelassen hätten, denn Age of Adz ist nur schwer tanzbar, falls man es also dennoch tut, sollte man Tänzer sein.

Offenbar ein Konzept, dieses Konzert, Showbusiness, Art-Rock.

It don't mean a thing if it ain't got that swing, sagt man im Jazz, aber das gilt für alle Sparten der Kunst, auch für die von Sufjan Stevens gewählte, wenngleich immer wieder durchschien, wie klar und schön die Melodien sind, die er komponiert.

Ich war mit den Liedern der Zugabe, die erst nach fast zehnminütigem Klatschen des Publikum zustande kam, besser bedient als mit den meisten vorherigen. Das Publikum hingegen war begeistert. Ich bin noch immer ein bisschen ratlos, gelohnt hat es sich allemal, aber wie es gesagt, es ging mir nicht ans Herz, falls Sie das mit dem Swing Zitat nicht verstanden hatten.


Di 24.05.11 16:59

Das Jahr über lege ich Rechnungen, Quittungen und Belege in eine Schublade und seit Wochen denke ich schon, er wird Zeit, langsam wird es Zeit, diese Schublade herauszuziehen, auf den roten Tisch zu stellen, einen Beleg nach dem anderen zu nehmen, zu sichten, und zu kleinen, nach Ausgabenart sortierten Haufen zu stapeln.

Danach staple ich Einnahmen, nehme einen Taschenrechner, addiere, trage alles in Listen ein, die ich zu Carla bringe, die mir die Steuern macht. Jedes Jahr staune ich, was da wieder zusammen gekommen ist. Trotz Weltwirtschaftskrise bin ich nach wie vor ein Schriftsteller, der Geld verdient, man sollte es nicht glauben, aber so ist es, und natürlich wird Carla versuchen, alle Tricks anzuwenden, die sie kennt, um diese Einkünfte auf ein Minimum zu reduzieren.

Man nennt so etwas Einkommenssteuererklärung, eine legale Lüge. Ich bin für die Abschaffung aller Tricks bei diesem Geschäft. Kürzlich hörte ich, dass Neuseeland eine radikale Steuerreform durchgesetzt habe. Seitdem zahle dort jeder 25% seines Einkommens an Steuern. Niemand, vor allem die großen Konzerne, könne durch geschickte Manipulationen seine Bilanzen so manipulieren, dass sie steuerfrei blieben. Ich erzählte jemandem davon, der das ungerecht fand. Wer mehr verdient, müsse mehr Steuern zahlen, fand er. Ich finde das nicht. Ich finde, alle müssten Steuern zahlen, nur ich nicht.

Der Tag zieht vorüber und ich schaue in den Himmel. Ob das Arbeit ist? Es ist jedenfalls nicht das, was die meisten Menschen jeden Tag tun. Aber ich habe mir dieses Leben ausgesucht und trage die Konsequenzen. Die letzten Wochen waren anstrengend, aber ich habe keine Zeile geschrieben. Ich habe gelebt. Das Schreiben soll warten. Ich will die Zeit, die mir bleibt, vertun. Ich will sie wegschenken. Ich will genießen. Und ich genieße. Ja. Ich bilde mir ein, zu genießen. Ich trage mich herum und meine Geschichten arbeiten ohne mein Zutun im Stillen. Ich bin sicher, dass sie sich melden, wenn es an der Zeit ist. So war es immer. Dass das, was immer so war, immer so bleibt, bezweifle ich. Aber es schreckt mich nicht. Es schreckt mich nicht, wie es etwa den Kugelblitz schreckt, der Tag für Tag mit der Angst lebt, morgen könne alles vorbei sein. Natürlich kann morgen alles vorbei sein. Na und?

By the way: der Himmel in aller Pracht.




Mi 25.05.11 9:13

Nicht, dass ich Profi wäre, nein, mein Vater war Profi und ihm war nur schwer etwas recht zu machen. Er hatte das Anstreichen von der Pieke auf gelernt. Ich habe mir einiges von ihm abgeschaut. Erstaunlich, was man vom Abschauen lernen kann. Aber das mit dem Kleckern ist etwas anderes. Vielleicht hat mein Vater auch gekleckert, das weiß ich nicht, gepfuscht hat er gern. Ich kleckere. Wenn ich anstreiche, kleckere ich. Ich brauche keine Viertelstunde, schon bin bekleckert. Sie hätten mich letzte Woche sehen sollen. Mein ältester Sohn und ich renovierten dessen neue Wohnung. Eine einfache Arbeit, die Decken waren nicht sehr hoch, die Rauhfaser nicht verschmutzt, hier und da musste ein wenig gespachelt werden, mehr nicht. Einmal überrollen reichte, aber kaum hatte ich die Farbrolle angesetzt, war ich schon voller Farbspritzer. Noch kaum auf der Leiter sah ich aus wie ein Mann, der seit Jahrzehnten nichts anderes getan hatte, als Wohnungen anzustreichen. Mein Sohn hingegen hatte nur einen einzigen Flecke auf der Hose, den hatte ich ihm beigebracht.

12:35

Stand vorm Fischwagen. Die neuen Matjes waren da. Es sind dänische, die holländischen kommen ein paar Wochen später. Ich spreche Holländisch, wenn ich Matjes kaufe, und wenn ich an Heimat denke, ist Holland mir näher als Deutschland. Ich stand also da, den Matjes "op de staart" "am Schwanz" gefasst, den Kopf in den Nacken gelegt, senkte ihn, aß, als zwei Männer vorbeikamen, lachten, nickten und zu mir sagten, das sähe lecker aus. Ist es auch, sagte ich, nur mit dem Küssen ist es danach vorbei. Noch mehr Lachen. Ich muss ja nicht küssen. Ich küsse nicht mehr, schon seit längerer Zeit. Ich wüsste nicht einmal, wen ich küssen könnte, wollte ich küssen.

Ich erledigte meine Einkäufe und ging ins Café. Die Zeitungen waren ausgeliehen, mir blieb nur die Na dann, eine studentische Wochenschau. Es gibt sie seit zwanzig Jahren. Ich hatte lange keine mehr in der Hand. Ich schlug sie auf. Warum der Mensch, der in unseren Breiten ja von links nach rechts liest, dennoch so gern von hinten anfängt zu lesen, muss ein Rätsel sein.

Kurse/Workshops stand auf der letzten Seite und die dritte Kleinanzeige lautete: Orgasmus lässt sich lernen. Workshops und Einzelarbeit zu Lust, Nähe und Sexualität für Frauen. Ich hatte gedacht, derartiger Humbug hätte sich über die Jahre erledigt, aber gefehlt. Die Hälfte aller Kleinanzeigen beschäftigte sich mit tantrischen Heilverfahren, schamanischen Praktiken und immer wieder mit Körperarbeit. Es scheint, dass Arbeit das eigentliche Heilsversprechen dieser Welt ist. Masturbartion ist demnach Arbeit. Lust auch. Na danke schön. Die Welt ist tatsächlich in einem erschreckenden Zustand.

Radelte heim. Unterwegs überall Blumen. Kuckucksnelken, Margaritten, Mohn, Kornblumen. Ich dachte an meine Frau. An die Blumensträuße, die ich ihr immer gepflückt habe und nach wie vor pflücke. Bitter ist das, hatte M. gesagt, den ich im Café traf. Ja, bitter, sagte ich. Bitter und süß. Das eine kommt mit dem anderen.

19:58

Geriatrische Fahradgangs machen Münster unsicher.
Sie zu fotografieren, ist gefährlich, daher die unscharfe Aufnahme.


Do 26.05.11 12:34

Ob das nun richtig oder falsch war, weiß ich nicht, ich hab's einfach getan, ohne weiter darüber nachzudenken. Morgen oder übermorgen wird das Buch im Kindle-Amazon-Shop für den Download bereitstehen. Der Download kostet 6 Euro. Nachdem ich seit über zehn Jahren alles umsonst rausgehauen habe, muss jetzt bezahlt werden.

18:40

Das Buch heißt Zuversicht süße Lüge.


Fr 27.05.11 10:47

Ich kann literweise Kaffee trinken und schlafe wie ein Bär, aber eine Tasse Tee wirft mich aus der Bahn. Ich hatte sie gegen 19:00 getrunken. Ich saß mit dem Enkel am Tisch, Mama und Papa waren da, wir spielten das Ohren-Spiel, linkes Ohr anfassen, rechtes Ohr anfassen, beide Ohren, Mama auch, Papa auch, Opa auch, so ging das reihum, ich hatte große Freude, zu sehen, wie der Enkel den Käse vom in Würfel geschnittenen Brot nahm und aß, während er das Brot verschmähte, ich kann ihm meine Liebe zuwerfen wie einen Ball und er genießt das, ganz offensichtlich genießt er das, und ich freue mich daran, ich wüsste sonst nicht wohin mit meiner Zärtlichkeit. Am Tag vorher hatte ich mit ihm im Sandkasten gesessen und gestaunt, wie mutig er auf das Klettergerüst steigt, wie er selbstbewußt Hilfe ablehnt, wenn er sie nicht will, aber Hand sagt, wenn er sie nötig hat, ich saß da, beobachtete und dachte, wir haben es richtig gemacht damals, als Chris und ich uns entschlossen, das Leben auf den Kopf zu stellen. Kinder sind mir nah und ich liebe sie, Kinder sind aufregend und fordern höchste Konzentration, Kinder sind große Lehrmeister. Ich staune, wie sie die Welt Wort für Wort begreifen, jeden Tag kommt ein neues hinzu, ungelenk zunächst, so dass nur Mama und Papa sie verstehen, aber dann hört man sich sehr schnell ein und weiß, was sie sagen. Sonne etwa sagte der Enkel, als ich die Wohnung betrat. Erst wusste ich nicht, was er meinte, es war früher Abend, aber dann zeigte er auf die Lampe unter der Decke, eine Sonne. Und wie glücklich er war, als er mit Wasser und Sand matschte. Ja. Ich bin glücklich, wenn ich ihn um mich habe, er versöhnt mich mit der Welt, aber er erinnert mich auch daran, wie gefährlich und unberechenbar alles ist. Ich blieb lange auf, gestern, sah zum ersten Mal seit Jahren wieder Clockwork Orange, ein umwerfender Film, aber als ich ins Bett ging, rumorte der Tee und hielt mich noch lange wach.


Sa. 28.05.11 14:17

Nachdem ich zehn Jahre Texte in der Hoffnung online gestellt habe, es würde den ein oder anderen animieren, eines meiner Bücher zu kaufen, ist es damit vorbei. Ich habe die Nase voll. Einer bleibt gleicher etwa, ein Roman, der als PDF online war, wurde in den letzten fünf Jahren mehr als fünftausend Mal heruntergeladen, aber nicht einer hat sich bedankt, geschweige denn, Geld überwiesen. Daher nutze ich ab sofort Amazon Kindle als Plattform. Seit gestern ist Zuversicht süße Lüge online. Er kostet 6, 90. Ich wünsche viel Vergnügen und mir viel Erfolg.


So 29.05.11 11:43

Flächendeckende Ernüchterung über die Zustand des Alleinlebenden M. Er will sich nicht mehr binden, er fürchtet sich, geht keine Risiken mehr ein, er kapselt sich ab und ignoriert, dass er weniger wird, und wenn er mit zunehmendem Alter auch noch an physischer Attraktivität verliert, wartet auf ihn nur noch der Rollator.

Ich ahne ein düsteres Verdämmern, das ich im Augenblick noch mit Übersprungshandlungen fülle: Tanzen, Musik machen, lesen, Musik hören, alles schön und gut, aber nichts im Vergleich zu dem stillen Glück, das dahin ist und nicht wiederkehrt. Ich hatte mir das anders vorgestellt. Wir hatten gehofft, zusammen alt zu werden, jetzt werde ich allein alt. Das ist längst nicht begriffen. Die Trauer ist nicht vorüber, im Gegenteil, es gibt Tage, die sind so schmerzhaft und dunkel, dass ich Mühe habe, sie zu überstehen.

Wenn die Nachfrage nach Lesungen stimmt, ist alles einfacher. Lesungen generieren Energie für Tage und Wochen, aber auch darauf kann ich mich nicht verlassen. Es ist ganz einfach, Romane zu schreiben, aber Romane zu verkaufen ist eine Wissenschaft für sich, eine, die ich nicht beherrsche.

Jeder, der eine Ware herstellt, weiß, dass sie ohne den fähigen Verkäufer schnell zum Ladenhüter verkommt. Ich erinnere mich an eine Ausstellung in meiner Heimatstadt Gronau, die fast ein Jahrhundert lang von der Textilindustrie dominiert war, und diese wieder von zwei, drei Fabrikantendynastien. In dieser Ausstellung las ich den Kommentar des Fabrikanten M. van Delden, der seinen Söhnen verriet: Das Herstellen der Ware ist kein Problem. Das Verkaufen aber ist ein großes Problem.

In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts brach die Textilindustrie zusammen. Sie hatte zwar produziert, aber die Produktion war nicht mehr zu verkaufen. Die Produkte wurden woanders billiger hergestellt, zudem waren es Produkte, die niemand mehr wollte. Man hatte den Markt verschlafen. Ob ich den Markt verschlafen habe, weiß ich nicht. Ich denke nicht in solchen Kategorien. Das ist wahrscheinlich falsch.

Noch eine Ernüchterung im Hinblick auf Inszenierungen und deren Wahrheitsgehalt. Seit Wochen schon fällt mir beim Tanzen eine sehr attraktive Frau auf. Sie ist groß, dunkelhaarig, sie wirkt elegant und tanzt auch so, sie wirkt auf mich ein wenig einschüchternd, so dass ich mich nicht getraut habe, sie aufzufordern, und sie schielt ein wenig, was Frauen immer etwas Geheimnisvolles gibt, wenngleich das doch nicht mehr ist als ein biologischer Fehler.

Also, diese attraktive Frau stand gestern abend an der Bar im Interdance und wir kamen ins Gespräch. Was für eine Ernüchterung. Wie nach zwei von ihr gesprochenen Sätzen die Inszenierung samt elegantem Kleid und geheimnisumwittertem Blick auseinanderfiel, dahin schmolz wie Schnee unter der Sonne, und das nur, weil mir ihr Dialekt nicht gefiel. Ich kann Dialekte in der Regel sehr schnell regional verorten, aber ihrer gehörte nicht dazu. Fernes Sauerland, dachte ich, vielleicht, aber weg war der Zauber, falls vorher Zauber da war.

Nun, es ist Sonntag. der Himmel hängt ein wenig tief, wir nehmen noch einen Kaffee und fordern erneut dazu auf, Romane eines gewissen Herrn Mensing zu kaufen.

(file under: selbstmitleid)


Mo 30.05.11 18:56

Die eine kommt in den Kernspin und scheißt sich ins Hemd, der andere liegt auf der Intensivstation und es sieht nicht gut aus, ein dritter fliegt nach Amerika, und ich bin fast auf See. Mittwoch fahre ich nach Sneek, Segeln mit vier Männern, von denen ich nur einen etwas näher kenne. Das wird spannend.

19:50



Gleich bescheiße ich die Steuer,
mach's dem Fiskus extra schwer,
mogle möglichst ungeheuer:
Fast nur Kosten, bitte sehr!

Kaum Erträge - Rezession!
Meine Rente - Illusion!
Bleibt nur wenig - insgesamt,
mit ergeb'nem Gruß zum Amt.

Seht, so soll Beschiss nun werden
auf Papier wie jedes Jahr.
Will beim Antrag formlos sterben -
danke, ihr wart wunderbar.


Di 31.05.11 15:54

Noch keine Tasche gepackt, aber den Weg gecheckt. Festgestellt, dass Kunst nur Kunst wird, wenn sie ohne Absicht entsteht. Absicht mag sie nicht. Da bockt sie. Da sagt sie, wie, du willst ein Hörspiel schreiben? Was geht mich das an. Ich bin die Kunst. Wenn's ein Hörspiel wird, gut, aber komm mir nicht so. Mach mir keine Vorschriften.

Gute Feststellung. Hatte das vorübergehend vergessen. Hatte vergessen, dass ich geschworen hatte, ihr keine Vorschriften zu machen. Wiederhole den Schwur. Hoffe, dass sie mich dann wieder liebt.

Muss jetzt über das Abendessen nachdenken. Was kommt auf den Tisch? Grün darf ja nicht, grün ist gefährlich im Augenblick. Was mit Wurst und Kartoffeln? Bratwurst? Currywurst? Fritten vom Blech? Hm hmmm. Ja. Ich glaube, darauf hätte ich Appetit. Fritten vom Blech, selbstgemachte Mayonnaise, Nachtisch. Ich hätte auch gern einen Nachtisch. Apfelmus?

Auf Wiedersehn, liebe Leser. Wir sehen uns im Juni.




 


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