Mai 2012                                        www.hermann-mensing.de          

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Di 1.05.12 13:38

Seit vierundzwanzig Stunden blüht der Flieder. Die Blüten der japanische Kirsche beginnen sich aufzulösen. Ein Wind, und es schneit rosa. Maifahrer sind unterwegs, Bier ist dabei. Möglich, dass ich mich heute nicht mehr bewege.

Max hat die Bananenstauden auf den Balkon gestellt. Gleich setze ich mich auch hinaus, vorher mache ich mir einen Kaffee. Es war spät heute nacht, wir reden immer und reden und reden, wir wissen schon vieles, aber es fängt gerade erst an. Wir haben den Vorteil des Alters, sagen wir. Wir schätzen, dass wir manche Umwege nicht mehr gehen müssen. Zumindest hoffen wir das.

Heute vor neununddreißig Jahren haben Chris und ich beschlossen, ein Paar zu werden. Das bewege ich jetzt in meinem Herzen. Und wünsche natürlich einen schönen Tag. Es ist wundervoll draußen.

Ich hatte mein Auto über Nacht in einer Seitenstraße der Stadt geparkt, gleich vor der Zahnärztekammer. Als ich heute früh hin kam, sah ich schon von weitem, dass ich vergessen hatte, das rechte Fenster zu schließen. Es hatte nicht hinein geregnet, und niemand hatte etwas heraus genommen.


15:00

Der Weg hinterm Ponyhof Schleithoff führt am Bach entlang, es ist ein Sandweg, zertreten von den Pferden, nur rechts ist ein schmaler Streifen festgefahreren Sandes. Da radle ich. Links und rechts stehen Linden. Vom Buchwald, in den der Weg mündet, kommen mir Reiter entgegen. Gleich darauf eine Gruppe Radfahrer. Menschen meines Alters, zwanzig vielleicht. Ich bleibe auf meiner Spur und weiche erst im letzten Augenblick in die Mitte des knöcheltiefen Sandweges aus. Der Mann an der Spitze sagt halb entschuldigend, halb genervt, dass sie ja eine Gruppe wären und nicht ausweichen können. Die Gruppe und ich passieren einander in gegenläufiger Richtung. Eine Frau sagt, Vorsicht, Geisterfahrer und alle kichern. Ich sage: ihr blöden alten Säcke. Ihr blödes Rentnerpack! hätte ich sagen müssen, das wäre perfekt gewesen, wenngleich ich ja noch nicht verrentet bin. Im Buchenwald fing ich an, mich zu schämen.

File under: mein vulgäres Sprachgen.


Mi 2.05.12 10:11

Der TÜV hat mein Auto zwar nicht stillgelegt, aber die anfallenden Reparaturen sind in einer offiziellen Werkstatt nicht zu bezahlen. Wird also ein Schrauber zur Tat schreiten müssen. Ich könnte den Anlass natürlich nutzen und heraus treten aus meiner automobilen Gegenwart, eintreten in den Verein der Stadtteilautos, ich fahre sowieso nicht so häufig, wenn ich in die Stadt will, nehme ich in der Regel das Rad, aber der Gedanke, nicht losfahren zu können, wenn ich losfahren will, schmerzt. Ich bin noch zu jung zum Verzicht.


Do 3.05.12
16:01

Da war der schwere Herzschlag, gestern, als ich ins Bett ging. Ich wusste, dass er mich vom Schlafen abhalten würde.Ich nahm an, dass es der Kaffee war, den ich am späten Nachmittag getrunken hatte, nicht die Art Kaffee die ich mir immer koche, die kann ich bis spät in den Abend trinken, nein, es wird wohl der normal gebrannte Kaffee sein, den man im Supermarkt kauft, der also, dachte ich, und natürlich das Lampenfieber, dass mich gern anspringt, wenn am Tag darauf eine Lesung stattfindet.

Ich weiß nicht, wie oft ich auf die Uhr geschaut habe, aber gegen sechs heute früh war ich es leid, mein Wecker hätte mich um 6:30 geweckt, ich stand auf und ließ es langsam angehen. Ruhiges Frühstück an einem Morgen nach einem Abend mit flächendeckendem, schweren Gewitter über Westfalen, die Kirschblüte dahin, zerschlagen, aber bester Laune, ein wenig schwer die Glieder.

Vielleicht aber hatte es auch damit zu tun, dass mein Enkel, auf den ich gestern nachmittag acht gab, gar nicht mit mir einverstanden war, nachdem er anfangs sofort geschlafen hatte. Danach aber, kaum war die Mutter aus dem Haus, hatte er kein Auge mehr zugetan. Stattdessen hatte er geschrien wie am Spieß, so dass ich nach einer Stunde verzweifelter Versuche, ihn umzustimmen, schließlich seine Mutter anrief, um Tipps zu erfragen. Sie meinte, sie komme gleich, ich solle es in der Hängematte versuchen. Ich versuchte es, aber auch das half nicht. Kaum aber trat dann der Vater ins Haus, war all sein Kummer auf der Stelle davon, er fand den alten Mann mit Bart, seinen Opa, nicht mehr zum Heulen.

Um kurz nach sieben saß ich im Auto, eine Viertelstunde vor Lesungsbeginn war ich in der Schule und las zweimal vor etwa fünfzig Kindern. Wenn ich rund laufe, laufe ich rund, das weiß ich, deshalb habe ich die Müdigkeit während der Lesungen kaum gespürt, jetzt aber, ich habe zwei Stunden im Bett gelegen und geschlummert, bis dieser Rasenmäher mir in die Parade fuhr, jetzt bin ich zerschlagen wie ein Hund.


Fr 4.05.12
8:24

Gegen sieben, kaum auf den Beinen, schon Müll entsorgt und Kaffee im Anschlag, wird die Straße vor meinem Balkon zur Anfahrt für Rettungswagen jeder Art, Feuerwehr, Krankenwagen, Kranwagen, Polizei, alle in hohem Tempo zur Autobahn unterwegs. Menschen halten sich die Ohren zu, der Spuk dauert vier, fünf Minuten, auch aus anderen Stadtteilen höre ich sie heran kommen, dann ist wieder Ruhe.

10:49

Die Unterlagen für die Steuer 2011 sind beisammen, Ein- und Ausgaben berechnet und in Reinschrift gebracht, dennoch zögerlich, sie zum Steuerberater zu tragen, denn da beginnt sofort die Zahlspirale. Drei Jahre nach C.s Tod bin ich nicht mehr in der günstigen Steuerklasse Drei, sondern in Eins, oder war es umgekehrt? Egal.

Heute abend bin ich in Gronau und höre Georgie Fame.

11:37

Der Mann betritt die Post, die schon seit Jahren keine Post mehr ist, sondern nur eine Poststelle in einem Schreibwarengeschäft, die Post hat ja outgesourced, wie alle, die unter der Knute der Kostenreduktion leiden, der Mann ist etwa so alt wie ich, er ist korpulent, er trägt einen Plastikkasten voller Briefe, er trägt ihn, als wöge er schwer, was eigentlich nicht sein kann, und als er den Schalter erreicht, rutscht ihm die Hose, sein Allerwertester liegt frei, er kann gerade noch nachgreifen und die Hose wieder hochziehen, ich habe es gesehen, die Angstellte hat es gesehen, wir zwinkern uns zu und unterdrücken ein Lachen.

Auf dem Heimweg steht ein kleines Mädchen in einer Ecke der Außenanlagen des Kindergartens, sie steht etwas erhöht auf einem Holzgestell und ruft erbost, Anngret ist doof, und da frage ich mich natürlich, wer Annegret ist, habe für Bruchteile einen Roman im Kopf, der Annegret ist doof heißt, mehr weiß ich nicht, es ist nur eine Idee, die mir gefällt.

17:32



ich darf nicht lange denken,
lieber schaue ich hinaus,
ich kann mir alles schenken,
und bin doch nicht zuhaus.

da draußen die forsytie,
vorm kopf das fette brett,
im bett die allerliebstie,
ich singe im falsett.

ich werde weiter fahren,
mit dir und ohne ziel,
zuhause in den jahren
es ist so viel, so viel.

es schwirrt und es benebelt,
es hebt mich fort und drängt,
es kitzelt und es knebelt,
fühl mich wie ausgehängt.

wie eingepackt und luftig,
wie sonderangebot,
ach, nehmen sie mich duftig,
denn morgen bin ich tot.



Sa 5.05.12
11:19

Ich fuhr ein französisches Rad mit Hilfsmotor, ein schwarzes Ding, dessen Motor überm Vorderrad sitzt. Man kippt ihn herab, ein Schwungrad setzt auf dem Vorderreifen auf und treibt es an. Damit fuhr ich manchmal tief nach Holland hinein, um Freunde zu besuchen, die Platten besaßen, die ich nicht hatte. Auf dem Gepäckträger mein Tonbandgerät.

Warum erzähle ich das? Es geht um Georgie Fame und um ein Lied, an dem mir damals viel lag: Sitting on an fence. Ich dachte, dass es von ihm war, tatsächlich ist es von den Rolling Stones. Trotzdem. Ich wollte das aufnehmen.

Gestern fuhr ich nach Gronau, um Georgie Fame zu sehen. Er wurde in den 60igern als R&B Sänger verkauft, er hat eine entsprechende Stimme, noch immer. Tatsächlich aber war und ist er wohl nie etwas anderes gewesen als ein Jazzmusiker, der sich mit ein paar Hits die Grundlage schaffen konnte, die Musik zu machen, die er gern spielt.

Als ich las, er würde auf dem Jazzfest mit seinen Söhnen auftreten, war ich skeptisch. Söhne, die nicht aus dem Schatten ihrer ehemals berühmten Väter treten, tun mir eher leid, aber nachdem ich die Band nun gesehen und gehört habe, ist das nicht mehr von Belang, denn es waren ja nicht nur Vater und zwei Söhne, Schlagzeuger und Gitarrist, nein, Geoff Gascoyne war dabei, ein Bassist und Komponist, der Jamie Cullum entdeckt hat und in dessen Band spielte und spielt, dazu noch Nick Payne und Alan Skidmore, zwei britische Tenorsaxophonisten, die mit fast jedem dieser Welt schon einmal gespielt haben.

Die Bürgerhalle in Gronau ist ein trostloses Gebäude, als ich gestern kam, waren noch kaum Menschen da, gegen acht wurde es voller, aber ausverkauft war es nicht, ich hielt Ausschau nach mir vertrauten Gesichtern, schließlich bin ich dort aufgewachsen, sah aber nur drei.

Georgie Fame spielte sich durch ein Repertoire eigener und fremder Stücke, Zitate von Van Morrison, Procol Harum, Rickie Lee Jones, Coltraine, Miles Davis, Fame kennt sie alle und er kennt sie nicht nur vom Hörensagen, sondern hat sie wohl irgendwann und irgendwo einmal getroffen. Er erzählt auch davon, vor allem aber spielt die Band mit viel Freude.

PS. Falls es um Größte Hits geht, die Titelmelodie zu Bonny & Clyde ist von Georgie Fame.

Auf dem Heimweg hing ein voller Mond am Himmel. Ich trank im Dorfkrug ein Bier, besuchte M., die vertretungsweise Nachtwache machte, saß mit ihr eine Weile auf dem großen Sofa im Gemeinschaftsraum, eine autistische Patientin wehte herein, eine Nachteule, sagte M.

Sie setzte sich zu uns. Sie ist gehörlos und geistig beeinträchtigt, sie wollte ein Butterbrot und zu trinken, sie sagt das mit Gebärden, manchmal lachte sie, und wir fragten uns, worüber, sie nahm ein Bilderbuch übers Fußballspielen, blätterte sich durch, hielt dann und wann die Nase hinein und roch an den Seiten, dann wieder streckte sie beide Arme aus und flatterte mit den Händen.

14:30



Ich habe einen grauen Bart
und einen blauen Blick,
ich bin seit kurzem wieder sehr vernarrt
und überrascht vom Glück.

Ich atme ein, ich atme aus,
ich schau in dein Gesicht,
ich frage, und ich frage nicht,
und fühle mich zuhaus.

Ich überlasse mich dem Tag
und treibe obenauf,
ich ahne einen zweiten Lauf,
und spür, dass ich ihn mag.

Lass gehen, sträube mich nicht mehr,
verstehen, nicht mehr hin und her,
lass lachen, hab genug geweint,
lass machen, bin wieder vereint.


Mo 7.05.12
8:25

Kleiner Exkurs über kluges Schreibtischmanagement.

Man legt hier ab und dort, über die Wochen bilden sich Stapel, man verringert die Höhe des einen zugunsten des anderen, fällt etwas herab, wirft man es in den Müll. Derweil akkumuliert ringsum weiter Papier, bis die Grenze der individuellen Akzeptanz erreicht ist. Man beschließt, aufzuräumen. Die anfängliche Ignoranz gegenüber all diesen Briefen erweist sich als grundrichtig, in keinem steht etwas, das uns Mehrwert gebracht oder unser Leben sonstwie hätte befördern können, also zerreißt man sie und wirft sie fort. Das ganze dauert (der Akkumulationsprozeß eingerechnet) zwischen drei Monaten und einem halben Jahr, dann aber, nach Beschlussfassung, sitzt man nach etwa einer halben Stunde vor einem aufgeräumten, staubgeputzen Schreibtisch und der Prozeß beginnt von vorn.


8:49

Er kam auf mich zu, nickte und sagte: Hermann Mensing, richtig? Ich nickte, hatte aber keine Entgegnung. Ich sagte, und du? Wir waren zusammen auf der Schule, sagte er. Realschule? fragte ich. Er verneinte. Höhere Handelsschule. Ahaus also, dachte ich, hatte aber kein Bild. Er sagte mir seinen Namen. Sein Name sagte mir was, aber darüber hinaus hatte ich noch immer kein Bild. Du und Ginger habt doch in der ersten Reihe gesessen, bei Kalmus, weißt du nicht mehr (nein), sagte er. Ich musste ein Referat über Camus halten, und ihr habt da gesessen und euch bepisst vor Lachen. Ach, sage ich. Ja, sagt er, offenbar noch immer gekränkt, denn er schiebt eine Entschuldigung nach. Bei dem Mist, den Camus geschrieben hat, sagt er. Ich sage nicht, dass ich nicht finde, dass Camus Mist geschrieben hat, ich denke mir, gut, aber dann sind wir mit unserem Latein auch schon am Ende. Zwei Jahre in einer Klasse, was bedeutet das schon. Ich seh ihn dann noch stehen mit verschränkten Armen, ich sehe seine Frau und überlege, ob ich die irgendwo einordnen kann, ich nicke zum Abschied, tu dich hin, sage ich, und dann ist er verschwunden, und wenn jetzt hier nichts über ihn stünde, würde er für immer in der Vergangenheit versinken, so bleibt er der Welt erhalten, wenngleich ich bezweifle, dass sie davon irgendeinen Gewinn hat.


13:08

Sonett für einen 16 Jahre alten Mitsubishi Galant

Hat das alte Auto Macken,
wird dem Halter sehr schnell klar,
dass der Japse, wunderbar zwar,
kurz davor ist, zu verkacken.

Muss ein Schrauber also schweißen,
flexen, hier und da was drehen,
muss er hexen und dann sehen,
und es aus der Scheiße reißen.

Hat er dies getan und jenes,
hofft er, dass der TÜV es liebt,
und ihm neues Leben gibt.

Klein und grün ist die Plakette,
gut ist, wer den Prüfer kennt,
und ihn vielleicht Willi nennt.


Di 8.05.12 17:35

Der kleine Japaner sagte, ja, ja, das Umbauen des Schlagzeugs wäre kein Problem, er wäre nur ein bisschen aufgeregt, weil er zum ersten Mal eine Session spielt. Er wäre nämlich Klassiker. Klassiker, so jung? dachte ich. Wahrscheinlich hat er früh angefangen. In Japan haben sie doch diese Schulen, in der Dreijährige Beethoven üben, oder? Aber ob er wirklich Japaner ist? Ich meine, einer, der in Japan lebt. Er spricht so gut Deutsch. Der kleine Japaner baut das Schlagzeug um, setzt sich, die Band beginnt. Der kleine Japaner spielt hölzern, aber dass er die Technik beherrscht, merke ich sofort. Mit Fortgang wird er mutiger, spielt Single-Stroke-Rolls übers ganze Set, landet meist einen Beat hinter der Eins, aber das macht ihm nicht wirklich Sorgen. Sein rundes Gesicht strahlt und strahlt. Als ich nach dem Set treffe, sagt er, ja, hätte Spaß gemacht.


Mi 9.05.12
9:45

Seit ich mit Reimen experimentiere, ist die freie Form in weite Ferne gerückt. Ich finde das ein bisschen schade, denn kaum habe ich eine Zeile, formiert sich schon eine zweite, wägt ab, ob sie in ein ABAB, ABBA oder AABB Schema münden will, und die Freiheit ist futsch.

Wahrscheinlich ist das ein Luxusproblem. Ein Luxusproblem ist es wohl auch, dass mir, auf dem Rad unterwegs, häufig Gedichte im Kopf herumspuken. Sie klingen gut, sie gehen rhythmisch auf, sie machen vielleicht sogar Sinn, aber allen ist eines gemein: sie lösen sich auf. Zuhause angekommen habe ich zwar noch eine Ahnung, wie sie geklungen haben, manchmal erinnere ich sogar das ein oder andere Wort, aber der Rest ist versunken.

So treibe ich durch die Tage. Vier Eisen sind im Feuer, drei Romane und eine Gedichtsammlung, die Hoffnung lodert und hält mich warm, die Verlage lassen sich Zeit, darüber werde ich jeden Tag älter. Witzig ist das nicht. Aber es gefällt mir.



Do 10.05.12 17:19

Unerträglich schwül ist es, eigentlich sollte ich liegen und trinken, trinken und keine Gedanken verschwenden, sollte den Rest des Tages in Stille vertrödeln, während mein Kartoffelgratin noch im Backofen gart, nach neuem Rezept, sollte ich hinzufügen, nach höchst interessantem Rezept, denn man riet mir, die Kartoffeln in Milch und Sahne kurz aufzukochen, herauszunehmen, für das Gratin zuzubereiten und in eine gebutterte Auflaufform zu schichten. Den Restverlauf werden Sie kennen. Ich werde also noch essen müssen, das ja, essen, danach aber, wenn, wie ich hoffe, ein schweres Gewitter heranzieht, eines, das dicken Regen mitbringt, so wie es gestern um diese Tageszeit geregnet hat, danach also werde ich auf dem Sofa liegen und der Welt zuschauen. Das ist das Einzige, was mir im Augenblick zu ihr einfällt. Die Wirklichkeit ist interessanter als alles, was Literatur hervorbringt. Sie also abbilden zu wollen, ihr nachzuschreiben wäre müßig. In diesem Sinne habe ich vor einer Stunde einen flüchtigen Blick in die Sammlung meiner Gedichte geworfen, die seit Februar beim Verleger in Berlin liegen. Ich war nicht erschrocken. Im Gegenteil. Bleibt nur zu hoffen, dass es dem Verleger genauso geht.

21:40




allerdings steht alles auf der kippe,
rings um mich ist alles unentwegt,
neuerdings wird meine dicke rippe
wieder gern bewegt.

hätte ich doch, hätten diese,
wären alle, lebten viele,
stünden glücklich auf der wiese,
rosarote lebensziele.

doch stattdessen die beliebte raserei,
innen selten reines wasser,
mach die biege, einerlei,
haut euch weg, ihr hasser.

so könnte alles gut ausgehen,
und niemand käm zu schaden,
die meine wird nie untergehen,
die neue werd ich wagen.


Fr 11.05.12 10:55

Jahrelang bin ich Gazelle gefahren, ohne mir je einen Plattfuß einzuhandeln. Nun hat mich schon der zweite innerhalb einer Woche ereilt. Der erste hinten, der zweite - vorgestern - vorn. Und warum? Weil der junge Mensch gern seine Bierflaschen am Weg zerschlägt.

Lieber junger Mensch, rufe ich daher, lieber junger Mensch, der du die Hosen am Arsch trägst als gäbe es keine Gürtel, der du gern mit Bollerwagen unterwegs bist, auf denen Boom-Boxen stehen, mit denen du die Veltins Arena beschallen könntest, lass dir von einem alten Mann, der die Revolution noch am eigenen Leib erlebt hat, sagen: wenn ich dich erwische, hau' ich dir eine rein.

Du glaubst, das schaffe ich nicht? Bullshit. Du wirst doch vom Bier beherrscht, verlierst den Überblick, kannst nicht mehr koordinieren, ich aber, fast hundert Jahre alt, habe noch immer einen messerscharfen Blick und schnelle Reaktionen. Also - äh, wovon sprachen wir??? - Ach ja. Vorsicht. Ich bin - also ich war - hm hmmm - äh - als ich - ich - äh - jung war - - - habe ich - äh - so weit ich mich erinnern kann - gern Mercedes Sterne abmontiert, oder?


Sa 12.05.12 13:02

Die Kirschblüte - dahin, der Flieder - wird braun - gegenüber der Weißdorn allerdings leuchtet noch. Vorgestern Abend ein Gewitter, ringsum wurde der Horizont erleuchtet, ich saß auf dem Balkon, später unterm Fenster im Schlafzimmer auf der Rückseite des Hauses und schaute zu. Wusste ja nicht, dass das die Ouvertüre für das Wochenende würde.

15:32

Lasse also die Wolken ziehen und hoffe.


So 13.05.12 11:48



erst schlägt er sich den sonntag um die ohren,
dann mit dem hammer seinen kopf zu brei,
gestern gewonnen, heute grandios verloren,
und morgen steht ihm wieder alles frei.

die frage aller besten fragen lispelt,
die ruhigste aller stunden liegt bereit,
und unter seiner lieblingsdecke nestelt
der meister runzeln in sein neues kleid.

dem herz erklärt er die vertrackte lage,
es lächelt, denn es weiß es längst,
nichtsdestotrotz verschluckt er jede klage,
wiehert stattdessen wie ein hengst.

aus vollem halse, der zurückgebogen,
sich reckt und streckt ins irgendwo,
die wahrheit sagt er, ist auch nur gelogen,
viel einfacher, er sagte oooooh.

er tituliert, gibt namen preis,
sagt, ach, mein herz ist noch nicht frei,
er läuft sich an der freude heiß,
isst, trinkt und staunt dabei.

beschließt dann, dass er warten muss,
ein zustand, den er kennt,
erinnert sich an den genuss,
der ihn in stürme drängt.

18:16

Als ich dieses Gedicht vertonte, meldete mein Rechner mehrfach, IBC_C-Preload stünde zu wenig Speicherplatz zur Verfügung, bitte klicken Sie hier. Ich klickte, und das System schlug mir vor, unter Programme /Ändern /Entfernen Dateien zu entfernen, die nicht mehr benötigt werden. Ich scrollte mich durch die Anzeige. Hinter vielen Dateien stand: selten benutzt oder letztes Mal benutzt: 2009.

Gut, dachte ich, also weg damit, wenn Preload 200 MB will, kriegt es 200 MB.

Als dieses und jenes gelöscht war, funktionierte I-Tunes nicht mehr. Ich klickte hierhin und dorthin, erhielt verschiedene Vorschläge zur Lösung meines Problems, unter anderem den Hinweis, das System könne wegen Problemen einer I-Tunes-Library, die neueren Datums sei, mit der noch intallierten alten Library nicht kommunizieren. Also download eines I-Tunes-Library-Updaters. Half auch nicht, bis ich feststellte, dass ich zwei I-Tunes Install-Exe auf dem Rechner hatte. Deinstallierte beide, installierte I-Tunes ganz neu und das Problem war erledigt. Benötigte für den gesamten Vorgang fast drei Stunden. So ist das, wenn man nur wenig weiß von einem System, mit dem man täglich arbeitet.


Mo 14.05.12 13:20



ich habe einen auftrag,
liefere text für geld,
ein jahr lang, ohne abschlag,
ein jahr, das feld bestellt.

ich atme durch und freu mich,
spinne mir meinen tag,
erlaube mir mein ich-ich,
so lange wie ich mag.

ich bin mein präzedensfall,
bin ein chamäleon,
zuhause hier im weltall,
in personalunion.

als liebender mit herzschritt,
als tosender mit wut,
als hoffender mit durchschnitt,
als leidender mit hut.

ich liebe das ereignis,
vergöttere die frauen,
die nähe - mal verhängnis,
mal kein - mal urvertrauen.

so also, viel für heute,
nun schenk ich mir den tag,
ich machte kleine beute,
bin kleine leute, die ich mag.


Do 17.05.12 11:41

Seit das Elektrorad populär geworden ist, muss ich mich ständig von Senioren überholen lassen. Senioren sind Menschen meines Alters, die aus unterschiedlichsten Gründen aufgerüstet haben. Viele sind zu faul, ein gewisser Prozentsatz hat Zipperlein.

Ich strampele also gegen Wind oder mühe mich eine dieser eiszeitlichen Bodenwellen hinauf, die sich kaum sichtbar aber deutlich spürbar über ein, zwei Kilometer hinziehen, schwitze, denke, dass es bald gut ist, und dann kommt so ein Opa und flitzt an mir vorbei. Was mache ich jetzt? Nehme ich den Kampf auf? Für kurze Strecken wäre das machbar, über größere Distanzen eher nicht, also lasse ich die Tattergreise (mein Alter) klaglos ziehen.

Gestern stand ich an einer Ampel in Münster, als sich von hinten ein Rad näherte, das aussah wie der klassische Kabinenroller der Fünfziger, ein aus Kunstharz blau-weiß gestrichenes, möglicherweise selbst entworfenes, windschnittiges Ding. Der Kopf des Fahrers war unter einer salatschüsselgroßen Plexiglaskuppel sichtbar. Da frage ich mich natürlich, warum schließt sich ein denkender Mensch freiwillig in so ein Kunstharzei, wo ihm dass doch das Unterwegssein an frischer Luft, die Gerüche, den Wind, den schrankenlosen Himmel, die Horizonte mit ihren fernen Geräuschen vorenthält.

PS.

Habe in den letzten achtundvierzig Stunden allen Audiodateien von meiner Festplatte auf eine externe Festplatte transferiert. Das hat gedauert. Jetzt ist wieder Platz für Neues.

15:26

Ich sehe ihn manchmal am Laufband der Netto-Kasse. Meist hat er Bier gekauft, Schlösser Pils in Plastikflaschen, Chips, auch schon mal Gorbatschow Wodka. Er ist dunkelblond, kurzhaarig, Mitte Zwanzig, sieht aber älter aus, älter wegen der Lebensspuren im Gesicht, Ringe unter den Augen, mutlos auch, traurig, jedenfalls war er mir nicht unsymphatisch, ich dachte nur, was ihm wohl daneben gegangen ist. Vorhin liefen er und ein anderer Mann dorfeinwärts. Die beiden sprachen miteinander. Baseballschläger, hörte ich ihn sagen. Gerade näherten sich Schritte in meine Richtung. Jemand rief Sieg Heil. Ich ahnte, dass er das war. "Alles Spinner", sagte er, als er auf meiner Höhe war und wies auf die Bushaltestelle. "Da stehen wieder so zwei Schokokrossies."


Fr 18.05.12 20:39

Ich bin ja nur Nutznießer. Nutze, genieße, und weiß in der Regel kaum etwas von dem Innenleben der von mir genutzten Geräte. In diesem Falle mein sechzehn Jahre altes Auto. Der TÜV hatte verschiedene Dinge angemerkt. Die Werkstatt meines Vertrauens hatte mit achthundert Euro gedroht. Da fiel mir mein Nachbar ein, ein Ingenieur, ein Aussteiger, der jetzt eine Werkstatt hat. Ein Schrauber mit Akribie und Verstand. Dem hatte ich mein Auto Freitag letzter Woche gebracht. Seitdem ist es dort. Der Ingenieur ist norddeutsch, was ihn mir sympathisch macht, und er macht die Dinge ordentlich, das war mir nach dem ersten Gespräch klar.

Dass er sie so ordentlich macht, hatte ich nicht erwartet, aber eigentlich habe ich in der vergangenen Woche gelernt, dass ich eigentlich kein Auto benötige. Ich könnte eines mieten, wenn ich zu einer Lesung muss. Und auch die übrigen Landesteile könnte ich erreichen. Wie, würde ich dann schon herausfinden. Aber noch besitze ich eines, und ich freue mich drauf, dass ich es morgen zurück bekomme.

Gerade hat mir der Ingenieur erzählt, was es mit dem Pfusch, den ein Laie wie ich nie enttarnen könnte, in Werkstätten, also auch in meiner Werkstatt des Vertrauens, auf sich hat. Seine Diagnose lautete: falsches Motoröl, falsche Kühlflüssigkeit, ein nicht festgeschraubter Ölfilter, eine falsch verbaute Lichtmaschine, ein falsch gerichteter Zahnriehmen. Es gab noch einiges, das meinen technischen Verstand überschreitet, verstanden aber habe ich, dass Pfusch in vielen Facetten Alltag ist.

Und ich? Ich bin zufrieden.


Fr 19.05.12 13:08



die erste zeile liegt im dunkel,
und zeigt der zweiten ihr gesäß,
die dritte folgt dem taggefunkel,
senkt ihren blick, standesgemäß.

sie ist zu mittag noch nicht angekommen,
verfällt in einen wachen traum,
hat mit der vierten sich viel vorgenommen,
gähnt, lacht und glaubt es kaum.

dann hat sie es zu was gebracht,
der dritte vers geht mit kaffee ins rennen,
der hintergrund wird fein gemacht,
und vorne richten sich antennen.

auf sendung, ruft man, jetzt vers vier,
herr romeo - auf anfang,
vergessen sie die menschen hier,
und ignorieren ihren harndrang.

gut also, bitte, wie sie wollen,
ich kenn den text, ich bin bereit,
wenn ich kann, sollen auch die andren sollen,
auf wiedersehn, zu jeder zeit.


Mo 21.05.12 10:41

Max hatte sie entdeckt. Eine murmelgroße Kugel zwischen der Sprossen der Rückenlehne unserer Balkonstühle. Bei näherem Hinschauen entpuppte sie sich als eine Ansammlung sehr vieler, stecknadelkopfgroßer, gelber Spinnen. Ich zupfte an einem der Spinnwebfäden. Sofort begannen die Spinnen auseinander zu laufen, hierhin und dorthin, nur ein paar blieben zurück. Eine Stunde darauf hatten sie sich alle wieder versammelt. Heute sind sie fort.

Gartenkreuzspinnen, lese ich im Netz, frisch geschlüpft. Sie werden sich wohl in den Büschen ringsum in Position bringen und Insekten fangen, wenn sie erst einmal groß sind. Aber was fressen sie jetzt, wo sie noch so klein sind? Gefüttert werden sie ja wohl nicht, oder? Wie wenig ich weiß.




15:35

Max und waren im Praktiker Baumarkt und haben Blumen gekauft. Jetzt sind die Kästen bepflanzt, die Rose ist neu aufgestielt, die Bananenstauden werden größer und größer, es ist schön auf unserem Balkon, sehr sehr schön. In der Ecke stehen noch immer Chris Blumen. Ein Eimer voll vertrockneter Rosen. Chris ist mir sehr nah.

15:44

es ist so schwül,
ich habe keine lust,
will kein gewühl,
und keine warme brust.

will mich versenken,
tief in meine träume,
will nichts verschenken,
brauche sichere räume.

für morgen? kann ich noch nicht sagen,
schon möglich, dass ich wieder will,
nur heute kann ich nichts ertragen,
und eine bitte habe ich: seid still.


Di 22.05.12 11:05

Man sagt, dass die Dekra zum TÜV vorgeführte PKW schärfer beurteile als die GTÜ. Man sagt auch, dass es gewisse Quoten gäbe. Autos, die älter als neun Jahre sind, sagt man, sollen mit 50%iger Sicherheit durchfallen. Meines ist sechzehn. Heute früh war ich mit ihm bei der Dekra. Einiges, was der Prüfer hätte sehen können, hat er nicht gesehen. Dafür ist ihm anderes aufgefallen. Also beginnt das Spiel um die Plakette von Neuem. Werde versuchen, eines der Bilder meiner kleinen Kunstsammlung zu verkaufen, damit sich mein Konto nicht auflöst.

12:43

Nach wie vor nicht die leiseste Ahnung, was als nächstes zu schreiben wäre. Und ob überhaupt? Und wenn ja, warum?


Mi 23.05.12 10:39

hallallt
ruft der erschreckte homo sapiens
und sagt: öh, weiß ich nicht,
es könnte aber durchaus sein,
dass sie nicht richtig ticken,
ich meine, könnte doch, nicht wahr?
und wenn, dann hätten wir
auch eine passende erklärung:
die hitze, die ihr körper ausstrahlt,
das ständig können können,
wollen wollen und das hätten tätten,

häää?

sie sehen, ist es kompliziert,
sie hätten ganz bestimmt mit nichts gerechnet,
schon gar nicht damit, hab ich recht?

nun denn,
sie werden leben müssen,
sie werden dann im alter unbegreiflich schön,
sie können bunten pillen schlucken,
und weite strecken gehn,
sie hätten keinen buckel
und vor jahrzehnten schon erkannt:
ich weiß es nicht. (profund)
griechische schule: sokrates.

aloha heee. soviel für heute.


Do 24.05.12 16:56

Als ich den Saxophonisten zum ersten Mal traf, war unser erstes Kind ein Jahr alt, wir hatten die Stadt verlassen und waren in den Vorort gezogen. Wohnten in einem Einfamilienhaus mit einem Paar, das auch ein Kind hatte. Das Besondere an diesem Haus war ein voll isolierte Probenkeller. Er kam, um mit mir und ein paar anderen Musik zu machen. Er fuhr in einem jadegrünen Jaguar vor, was mich sehr beeindruckte, allerdings, sagte er augenzwinkernd, sei kein Jaguar-Motor drin, sondern ein Daimler-Diesel 190 D.

Es gab viele Geschichten um ihn. Er hatte mit deutschen Schlagerstars Tourneen gemacht, erzählte gern von Manuela (Schuld war nur der Bossanova), hergekommen aber war er mit der Englischen Armee.

Seit damals habe ihn immer wieder getroffen, mit ihm gespielt, mit ihm geredet. Ich mag seinen Humor. Er ist very british. Er hatte auch nie diese deutsche Furcht vorm rassistischen Witz, schließlich gehörte er zu denen, die über Jahrhunderte die Wellen beherrschten. (Britannia rule the waves)

Irgendwann verlor ich ihn aus den Augen, hörte, dass er mit dieser oder jener Frau zusammen sei, eine, die am Theater arbeitete, eine Zeugin Jehovas, und er nun auch ein Zeuge. Das hörte sich nicht gut an. Dann trennte er sich, trank zu viel, fand eine neue, viel viel jüngere Frau, sie hatten ein Kind zusammen.

Als sie ihn unter nicht schönen Umständen verließ, verfiel er. Trank nur noch, geriet an den Rand, man stellte ihm einen Betreuer zur Seite, der ihn schließlich in ein Altenpflegeheim einwies. Das hatte ich vorgestern erfahren und heute beschloss ich, ihn zu besuchen. Ich fand ihn in bester Verfassung. Er saß da neben einem Physiker, der, erzählte er, als wir draußen rauchten, völlig durch den Wind sei, die meisten hier haben einen Knall, sagte er, das hältst du gar nicht aus, alle dement, Opfer von Schlaganfällen, was weiß ich, aber mir geht es gut. Im Keller des Heims hat er einen verwaisten Raum, in dem er Saxophon spielen kann. Er ist, sagt er, bei mehreren Aufenthalten in Kliniken und in der Psychiatrie von Kopf bis Fuß untersucht worden, organisch gesund, hat das Trinken aufgegeben und hofft, bald wieder in eine eigene Wohnung ziehen zu können.


Fr 25.05.12 12:28

Schon im letzten und vorletzten Jahr zickten die drei Akazien vor seinem Haus. Immer war es die äußerst rechte, die früh trieb, während die anderen auf sich warten ließen. Badewannen Jupp strich herum, goss sie, betrachtete sie, sprach wahrscheinlich mit ihnen. In diesem Jahr ist es wieder die rechte, die schon ausgetrieben hat, während die beiden anderen kahl bleiben. Fast tut er mir leid, der Jupp, aber da ich ihn sowieso nicht mag, spare ich mir das.


Sa 26.05.12 10:04



um fünf strahlt sonne durch sein fenster,
die vögel brüllen wie ein cargo-jet,
der meister denkt, er hört gespenster,
und findet nicht zurück ins bett.

um sechs ist wieder alles totenstill,
zum aufstehen ist es dennoch viel zu früh,
jetzt kann er machen, was er will,
die schönen träume sind perdu.

um sieben wankt er duhn zum topf,
entledigt sich verschied'ner abfallstoffe,
zupft sich den bart, streicht übern kopf,
und eine tote sagt, komm, hoffe.

um acht uhr steht er splitternackt,
duscht, salbt sich, und weiß wieder, wie er heißt,
um viertelnach hat er den tag gepackt,
die kleine welt ist schön und gleißt.


14:33

Wie kann das nur, denke ich an der ersten Ampel, wie kommt so ein junger Mensch hinters Steuer dieses hochpreisigen Cabriolets, was für eine Idee hatte er, die ihm das ermöglicht. Dann beruhige ich mich, das hat er von Papa, denke ich, da darf er mit rumfahren, Ideen hat der ganz bestimmt nicht, so sieht er nicht aus. Es wird grün, ich fahre an, bin auf dem Weg zum Bassisten einer der berühmtesten deutschen Bands. Wir wollen über seine Autobiografie sprechen, die ich unter Umständen schreiben werde. Vor seinem Haus dicht am Fluss unter Ulmen steht ebenfalls ein Höchstpreislimousine. Ich klingle, er öffnet. Wir gehen auf seine Terrasse. Ich habe Vorschläge, ich habe Ideen, aber er hört gar nicht zu. Er kann gar nicht zuhören, es sprudelt ihm aus unterirdischen Quellen, ständig braust Neues empor, manchmal passt es zum Thema, dann wieder führt es ganz woanders hin. In seinem Wohnzimmer hängen Goldene Schallplatten, zwei Wände voller Goldener Schallplatten, und in einem klimatisierten Schrank hängen Gitarren. Edle Instrumente, eine Gibson aus grauer Vorzeit, die jederzeit für hunderttausend Dollar veräußert werden könnte. Er redet, er telefoniert, nachher bin ich so klug wie zuvor. Meine vorsichtigen Hinweise auf Peinlichkeiten in dem Material, das er mir zugeschickt hat, schiebt er beiseite. Mal sehn, denke ich.

19:44



die erde hat den tag fast abgelegt,
die sonne hängt handbreit hoch überm horizont,
herr mensing wird zuweilen noch von trauer weggefegt,
dann wieder unverschämt besonnt.

für'n abend hat er sich was ausgedacht,
da steht das sofa, da ist ein roman,
er wartet, hat ihn angelacht,
herr mensing legt sich und geht's an.

verschwindet erst das licht, wird alles mild,
und die gedanken haben raum,
er hebt sich heute auf sein schild,
ganz stumm und glaubt es kaum.

zur nacht wird dann sein schwebebalken
ihn sicher in die träume führen,
wird ihn in festen händen halten,
kein nachtmahr kann ihn noch berühren.


Mo 28.05.12 13:21

Blitzblank der Himmel, gestern gegen sechs, als ich in den Garten kam. Alle waren da. Alle hatten wohl auch schon Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Ich grüßte ringsum und dann grüßte ich sie, und im gleichen Augenblick stand alles auf Messers Schneide. Es verschlug mir die Sprache, mir fiel kein Satz ein, den ich hätte sagen können, die Allgemeinplätze hatten sich in mir verborgen, meine Beine befahlen mir, umzukehren, aber da hatte ich mich schon gesetzt, und so blieb ich sitzen, unruhig, weil mein Kind seit vierundzwanzig Stunden ohne Nachricht verschwunden war, unzufrieden mit mir, weil dies doch ein schöner Platz war und das Wetter wundervoll und das Rotkehlchen auch wieder herumflatterte, alles könnte so einfach sein, aber ich kenne mich, mit mir ist es nur einfach, wenn ich arbeite, einfach, wenn ich Schlagzeug spiele, mit mir ist es einfach, wenn niemand etwas von mir will, dann laufe ich rund. Also saß ich da, eckig, aß Kuchen und später dann leckerstes Grillgut, rauchte vom dicken Pickel und verfluchte mich schon beim ersten Zug dafür, dass ich wieder nicht nein gesagt hatte, Zeit verstrich, Aufbruch wurde geblasen, abgeräumt, eingeräumt, aber die Frage, ob ich noch mitkommen wollte, beantwortete ich störrisch mit Nein. Falsche Antwort, ich wusste, dass das die falsche Antwort war, ich wusste auch, dass Ja die falsche Antwort gewesen wäre, mein Smartphone hatte noch immer keine Nachricht vom entschwundenen Kind empfangen, und so strebten wir eher wortlos zum Ausgang, Lippen wurde genetzt und ich fuhr davon. Eine halbe Stunde darauf wusste ich, wo das Kind ist, war kurz davor, alle Entscheidungen, die ich bis dahin getroffen hatten, wieder über den Haufen zu werfen, alle Ja und Nein zu entwerten, aber da war dann doch meine Faulheit vor und diese Grundfurcht vor allem, was weiblich ist und was ich nicht verstehe. Vergrub mich in Sünde Güte Blitz, den Roman, den ich im Augenblick lese, ein wundervolles, völlig unverständliches Buch über die Gegenwart der Menschen und ihr Ausgeliefertsein.

Gleich fahre ich zum Kaffeemillionär, um meine Zukunft für das kommende Jahr zu besiegeln. Im Herzen aber, tief drin, wo keiner mir reinredet, wo alles bewahrt ist auf alle Zeit, spüre ich meine Frau, als säße sie neben mir, vermisse sie und verstehe auch das nicht. Hineingeworfen ins Leben und wieder fortgerissen, das wird bleiben von mir, irgendeine ferne Erinnerung vielleicht, und die Romane in der Deutschen Bibliothek.


Di 29.05.12 15:21

Einer wie ich lebt ja von Ideen. Wo die immer herkommen, weiß ich nicht, ich muss halt acht geben. Ideen verstecken sich überall, sind im Grunde für jeden zugänglich, aber die meisten haben zu viele andere Dinge zu tun, die sehen sie nicht.

Die Idee, die ich heute früh hatte, war ganz anderer Natur.
Es musste gestaubsaugt werden, Wäsche musste gewaschen und aufgehängt werden, trockene Wäsche von der Leine genommen und gebügelt werden, im Grunde also gar keine Idee, eher eine Notwendigkeit.

Ideen sind nicht notwendig, jedenfalls nicht immer.

Als ich mit dem Geschilderten fertig war, fielen mir auf der Decke, die über meinem Sessel im Schlafzimmer liegt, Motten auf, kleine, sich fett fressende Motten. Die Decke ist bordeauxfarben mit graublauen Ranken, Blumen und Arabesken.

Ich war erbost. Motten hatten mir schon einen Mantel zerfressen. Ich beschloss, ihnen zuleibe zu rücken. Zunächst mit dem Staubsauger. Großes Massaker. Dann zog ich die Decke ab, befüllte die Waschmaschine damit und wusste, sollten noch irgendwo Eier sein, das würden sie nicht überleben.

Als ich zwei Stunden später in den Keller kam, stand das Wasser halbhoch in der Trommel meiner Maschine, obwohl der programmierte Waschvorgang längst abgeschlossen war. Ich stellte den Strom ab, wartete, bis der Öffnungsmechanismus entriegelte und öffnete die Tür.

Tiefblaues Wasser durchsetzt mit dicken Flusen schoss mir entgegen, und da wusste ich, da ist noch mehr, und das hat sich alles im Sieb festgesetzt. Jetzt, nach etwa halbstündiger Arbeit vor der Maschine, nach erneutem Spülen mit ausgebautem Sieb, scheint die Maschine flusenfrei, dafür musste ich eine Weile mit dem Ablauf im Waschmaschinenkeller kämpfen, der die aufgequollene Wolle nicht schlucken konnte.

Jetzt ist alles getan, meine anfängliche Furcht, die Waschmaschine könne den Geist aufgegeben haben, hat sich zum Glück nicht erfüllt. Wenn ich nun nun einen kleinen Mittagsschlaf halten dürfte, ein halbes Stündchen vielleicht, wäre ich sehr dankbar.


Mi 30.05.12 9:54



wieder der kopf, der kapriolen schlägt,
der hier ruft, dort, vielleicht auch nicht,
keine gewissheit, die mich trägt,
das alles schlaff im morgenlicht.

wieder die unerfüllbar große sehnsucht,
die sich in falten legt und lamentiert,
kein klares wort hat mich gebucht,
ich habe nichts kapiert.

wieder ein tag, geschenkte lebenszeit,
die alles kann, wenn ich nur wollte,
kein großer wurf, nichts liegt bereit,
dem ich respekt und liebe zollte.

wieder und wieder, nenn es depression,
die weiten wege führen sturm,
kein anstand, flüchte mich in illusion,
die wendeltreppe endet hoch am turm.

wieder und plötzlich dann doch aussicht,
der horizont, gewelltes blei,
kein anderer trägt mein gewicht,
drum akzeptiere ich mein einerlei.


Do 31.05.12 18:05

Heute habe ich das dritte Mal eine Wohnung ausgeräumt und eine Ära beendet. Aber diesmal war niemand gestorben. Diesmal wurde die Wohnung geräumt, weil die Bewohnerin den Rest ihrer Tage in einer Demenz-WG verbringen wird.

Vorletzte Woche noch erschrak sie beim Zeitunglesen, als sie erfuhr, dass ein hoher Prozentsatz älterer Menschen demenzgefährdet sei. Wie schrecklich, sagte sie. Sie nimmt den eigenen Zustand nicht wahr oder will ihn nicht wahrnehmen. Sie hält die Fassade aufrecht, sagt ihre Tochter, die es wissen muss, denn seit Jahren schon kümmert sie sich um sie.

Jetzt hat die Tochter keine Kraft mehr. Und ihr eigenes Leben will sie auch wiederhaben. Sie will nicht mehr ständig in der Nähe sein müssen und nicht jeden Abend um zehn schauen, ob Mutti sich bettfertig macht. Zwei Transporter mit Möbeln und Persönlichem habe wir heute zur Alexianer-WG gefahren, und als wir zwischen den beiden Fuhren in der nun schon sehr leeren Wohnung saßen, war das Gefühl wieder da, das ich von den ersten beiden Malen erinnerte.

Eine bewohnte Wohnung lebt nur, so lange ihre Bewohner und deren Besitz anwesend sind. Alles zählt dazu, die Bilder an den Wänden, die Blumenvasen, die Bücher in den Regalen, die Sessel, das Sofa, die Stühle, der Tisch. Ist das fort, zieht sofort Trauer ein. Alles ist plötzlich schäbig, verlassen, verloren. Wo die Schränke, das Sofa, die Stühle, die Regale, die Stehlampen standen, sieht man deren dunkle Abbilder, die sie über Jahre in den Teppichboden gepresst haben, man sieht Staub, den dort nie jemand wegmachen konnte, Spinnweben, verlorene Knöpfe, Tempos, alles ist erbärmlich und könnte genausogut auf den Müll.

So jedenfalls war es, als der Mann meiner Frau gestorben war und wir die Wohnung auflösten. Nikotingelb hatte es sich in den Ecken festgesetzt, die Schrankwand mit den Büchern, den Gläsern und Untersetzern, fiel, als das alles in Kartons geräumt war, fast auseinander. Die Erkenntnis, dass niemand, nicht einmal der Trödler noch etwas für diese Einrichtung geben wollte, tat weh.

Als ich dann Jahre später mein Geburtshaus ausräumte, war es noch schlimmer. Da steckte ich in jeder Ecke. Jeder Gang war tausend Mal gegangen, überall hatte ich Spuren hinterlassen, die ich, hätte ich nur gut genug riechen können, wäre ich ein Tier und nicht ich, der ja seiner Nase kaum noch zu trauen gelernt hat, hätte ich Worte riechen können, jedes Wort hätte Spuren hinterlassen, süße und bittere Düfte, dazu bitterer Schweiß und die Mühe, die es gekostet hat, sich nicht gegenseitig tot zu schlagen, wenngleich es manchmal nicht weit davon entfernt war.

 

 
























 

 

 

 

 

 

 

 

 

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