Mai 2013                         www.hermann-mensing.de          

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Do 2.05.13 13:56

Instabile Lage heute früh, mut- und lustlos, aber drei Lesungen sind drei Lesungen, da gilt kneifen nicht, zumal ich wusste, warum die Welt instabil war, ich hatte es mir selbst zuzuschreiben. Tief durchatmen, wir sind Profi, nicht wahr, wir lesen auch, wenn vierzig Kinder keine Lust haben, aber natürlich läsen wir besser, wenn in ihren Gesichtern auch nur das geringste Interesse wahrnehmbar wäre. Stelle aber zunächst kein Interesse fest. Bitte, denke ich. Statt zu kämpfen, wie ich das sonst tue, halte ich mich zurück, warte, hoffe, meine Mutlosigkeit umdrehen zu können, achte auf noch so kleine Zeichen der Zuneigung ihrerseits, und langsam, ganz langsam, arbeite ich mich ein, bin aber erst in der dritten Lesung bei mir, wenngleich die Lehrerinnen der ersten und zweiten Lesung begeistert rückmelden, das hätte ich gut gemacht. Wäre mir da nicht so sicher. Hatte auch wieder schlecht geschlafen, das wird immer schlimmer mit dem Lampenfieber. Jetzt aber ist Feierabend. Heute abend sehe ich Jethro Tull, mal sehn, wie das wird.


Fr 3.05.13 11:08

Ich bin mit britisch/amerikanischer Popmusik sozialisiert worden, ohne je tiefere Einsicht in die Texte der Bands zu erlangen. Obwohl mein Englisch gut ist, fehlte und fehlt mir vieles. Heute bin ich neidisch, dass Engländer und Amerikaner mit Liedern aufwuchsen, die sie musikalisch und inhaltlich teilen konnten, während uns, denen man alle Lied zum Teufel gebombt hatte, nichts blieb, als die Hooklines zu konsumieren. Zum Glück gibt es seit zehn, fünfzehn Jahren auch bei uns wieder Lieder, die mehr sind als Schlager.

Gestern sah ich Ian Anderson's Jethro Tull. Von der Urbesetzung der Band, von der ich nie eine Platte besaß, war nur Ian Anderson übrig, dessen markante Stimme ich mag. Thick as Brick II hieß das Programm, und erst auf der Webseite von Ian Anderson las ich, worum es dabei überhaupt ging und geht. Damals wusste ich das nicht.

Der Brite hat Humor, Ian Anderson's Musik keltische Anklänge, in vielen Kompositionen hört man neben harten Riffs verspielt vertrackte Reels, was mir aber überhaupt nicht gefiel, war, wie wenig Druck von Bass und Schlagzeug ausging. Wieso war da keine andere Rhythmusgruppe am Werk? Schade, es hätte ein guter Abend werden können, so war es ein netter Abend mit einem älteren schottischen Sänger, Flötisten und Gitarristen.


Sa 4.05.13
14:40

Es ist soweit...






So 5.05.13
11:29

Rezensenten und Kritiker sollten zahlen, eh man sie auf Künstler los lässt, am Besten, man knöpft ihnen den doppelten Preis ab, damit sie das, was sie besprechen sollen, über den Preis schätzen lernen, denn über den Preis definiert sich der Respekt vor der Ware, egal, ob sie in Bangladesh oder sonstwo hergestellt wurde.

Ich musste nicht zahlen, ich hatte die Karten von einem Jugendfreund aus in der Roonstraße gleich ums Eck. Er gehört zu den Gründern des Festivals. Zwei Bands waren angekündigt in Gronau. Mezzo Forte und Earth Wind & Fire.

Mezzo Forte war mir in vager Erinnerung. Es gab einen Hit in den achtzigern, danach gab es nichts mehr, nur die Band gab es noch, aber ich habe sie nicht wahrgenommen. Earth Wind & Fire hatte ich Mitte der Siebziger in Essen gesehen. Ich war empfänglich für die Gimmicks des amerikanischen Showbusiness, vor allem für dieses Schlagzeugsolo, bei dem Schlagzeug und Schlagzeuger sich auf einem Podest um die eigene Achse drehten. Ich staunte. Schwarze Musik mit den Phoenix Horns, Sängern, Bläsern, Gitarre, Keyboards, Bass, Glitzerhemden und Funk.

Von denen wollte ich mir den Schweiß aus den Poren treiben lassen.

Stattdessen eröffnen sechs Musiker aus Island den Abend, das eher für Geysire, die Elfe Björk, die ich eine Weile sehr schätzte und den Staatsbankrott als für den Funk bekannt ist. Und war tun diese sechs Männer? Nichts weiter, sie machen Musik.

Joe Zawinul hat propagiert, den Jazz singbar machen. Mezzo Forte tut das. Ihre Musik ist komplex, messerscharf phrasiert, an ihr ist nichts neu, sie bescheidet sich mit hoher Spielfreude und Qualität, so dass sie mir schon nach dem ersten Stück den verqueren Kopf, den ich seit Tagen mit mir herum trage, wieder instand setzt.

Triple A also für den Auftakt.
Feine, intelligente und groovende Soli, weit besser als das, was im zweiten Teil des Abends folgt.

Earth Wind & Fire.

Drei Bläser, zwei Keyboarder, Bass, Gitarre, Schlagzeug, Percussion, drei Sänger.
Alle tragen silbern paillettierte Hemden und sind, kaum dass sie Bühne betreten, die Hanseln des Unterhaltungsgewerbes.
Clap your hands. You wanna party? Kasperltheater. Einer machts vor, die anderen machen's nach.

Wenn man sich auf der Seite der Mehrheit wiederfindet, muss man vorsichtig sein, sagt Mark Twain.

Ein Keyboard Solo im dritten Stück, banal und schlampig gespielt, bringt mich zu der Überzeugung, dass der Saal, der ohne Zweifel gleich zu kochen beginnt, ohne mich kochen soll. Sollen sie ihre Choreographien tanzen und literweise Schweiß verströmen, soll der Gitarrist seine Zunge rausstrecken nach einem Solo, über Geschmack kann man nicht streiten. Ich fahre heim.


13:34

Vorm Küchenfenster




 

Di 7.05.13 8:44

Gestern habe ich mich mit meinem Rechner in den Hundekackwald verzogen, auf eine Bank gesetzt und ein neues Kapitel begonnen. Zunächst schien es nirgendwo hinzuführen, dann drehte es sich und bot Perspektiven für das Ende. Das wird nun ein wenig anderes, als usprünglich gedacht, bleibt aber der Grundidee treu.

In den letzten Wochen hatte ich mir den Kopf zerbrochen, wie ich mich ihm nähern könnte, ohne es zu zwingen, jetzt scheint es logisch und vor allem organisch. Heute werde ich also genießen. Trödeln. Auf dem Sofa liegen. Lesen. Musik hören. Heute abend vielleicht noch ein oder zwei Seiten hinzufügen, mal sehn. Es kommt, wie es kommt, aber dann und wann vergesse ich das und gerate in Panik.

10:31

Wind kommt auf, Kirschblüten wehen, die Katze schläft.



12:53

Fakt ist, dass Räusche manchmal
karthasische Wirkung haben.
Ich hatte gestern den Rausch, heute habe ich die Karthasis und fühle mich wohl.

18:54

Bahnhofsgrill Gronau.

Alles blitzblank hier, die beiden Grills mit ferkeldickem Stapelfleisch drehen sich, der Junior hinter der Theke, knapp zwanzig in orangefarbenem T-Shirt mit Bahnhofsgrill Logo, trägt seine Haare sehr kurz als schmalen Streif übern Kopf, die Seiten sind ausrasiert. Er spricht akzentfrei Deutsch. Ich bestelle einen Dönerteller.

Seine Mutter hantiert, eine attraktive Frau Ende vierzig, nicht ganz so schwarzes Haar, von vorn links und rechts kommende Strähnen im Nacken zusammengebunden, so dass sie mit dem fallenden Nackenhaare eine Art Trapez bilden. Und dann ist da die Oma. Sie trägt ein blaugrau bedrucktes, weit fallendes, bodenlanges Baumwollkleid, sie ist korpulent, wirkt aber nicht fett, trägt links und rechts puffärmelige, weiße Armschoner mit Gummizügen und ein Kopftuch, das weit um ihre Schultern fällt. An dessen Saum schwingen weiße Bommel hin- und her. Bommeln eben. Sie ist für das Blitzblanke zuständig.

Während der Sohn am Salat arbeitet, schiebt die Mutter frikadellengroße Teigfladen in eine Maschine, die sie dessertellergroß presst. Kaum aus der Maschine, lässt sie die Fladen auf der rechten Hand kreisen, dass der Teig bis zum Ellenbogen schwingt, mit dem sie der Rotation zusätzlich Schwung gibt. Danach ist er doppelt so groß.

Ein gut gekleideter Mann kommt herein. Der Vater. Er hat eine sehr große Nase. Er geht quer durch den Imbiss, sagt kein Wort, wechselt nicht einmal Blicke, verschwindet hinten, kommt nach einer Weile wieder heraus und geht, wie er gekommen ist, gruß- und wortlos.

Das geschieht zwei- dreimal, während ich an meinem Dönerteller arbeite. Alles schmeckt lecker. Die Fritten, der Salat, das dünn geschabte Fleisch. Es ist viel zu viel, aber ich will nicht in Verdacht geraten, dass ich es nicht mag, also esse ich alles auf.

Er gibt noch ein etwa zehnjähriges, dickliches Mädchen in blauem Kleid, das Botengänge macht, einmal mit einem Topf fort und mit einer Haushaltsrolle wieder zurück, und ihre pubertierende Schwester, die eine hautenge, caramelfarbene Stretchhose trägt und genau weiß, dass der enge Pullover ihr steht. Sohn und pubertierende Schwester sind immer wieder mit ihrem Smartphone beschäftigt.


Do 9.05.13
19:35

Landkarte




Sa. 11.05.13 14:21

Blütenregen....


Di 14.05.13 8:27

Es ist still geworden im Alltag, aber es gibt ihn noch und bestimmt wird es bald wieder lebendig, denn mein Roman geht in die Zielgerade und wenn er beendet ist, werde nicht warten, bis ich meine fette Rente einstreiche oder in den Himmel der Literatur aufsteige. Ich werde wieder tun, was ich am Besten kann, mich umschauen und mir Gedanken machen, mich hinsetzen und aufschreiben, was die Welt bewegt oder nicht. Bestimmt werde ich auch wieder Texte vertonen, es sei denn, die guten Geister haben mich ein für alle Male verlassen, was durchaus möglich ist, denn diese Geister sind fahrig, man darf ihnen weder drohen noch kann man sie bitten, man kann nur anwesend und jede Sekunde hellwach sein, sonst verpasst man sie.

11:24

Mein letzter Roman (Pop Life) hat mir Herzrhythmusstörungen eingebracht. Die waren vorbei, als der Roman fertig war. Der, an dem augenblicklich schreibe, ist mir auf den Rücken geschlagen. Ich muss mich bewegen. Also gehe ich erst einmal spazieren.


Do 16.05.13 10:32

Vor etwa vier Wochen las ich in Mod's Hair aus Mein Prinz. Das war eine sehr schöne Lesung. Der Veranstalter und ich hatte Warentausch als Gage vereinbart. Ich erhielte eine Polynesia Wellness Behandlung. Zwei Stunden dürfte ich mich verwöhnen lassen. Vorgestern war es so weit. Ich lag auf einem Tisch, wurde mit Salzen gepeelt und mit Ölen massiert, wurde gedreht und gewendet, man schnitt und feilte mir die Fuß- und die Fingernägel. Als es vorüber war, roch ich nach Vanille und fühlte mich gut.

Sollte es also Veranstalter geben, die das Prinzip des Warentausches favorisieren, ich bin zu allem bereit. Sagen wir, eine einstündige Lesung gegen ein halbes Spanferkel, eine zweistündige Lesung gegen ein Wochenende auf Mallorca, alles ist machbar, wenden Sie sich vertrauensvoll an mich, wir finden bestimmt eine Lösung.


Sa 18.05.13 11:12

Kanpp zehn Grad, schwerer
Regen, granitfarbenen Wolken und wenig Lust auf den Pfingsteinkauf. Allzulang sollte ich nicht mehr warten, sonst sind die Discounter geplündert, als ginge es ums Überleben. Aber was kaufe ich ein, was koche ich, und wenn ja, wieviel? Niemand soll hungern. Pfingsten? Was war noch mal Pfingsten?


So 19.05.13 12:02

Ich hatte es dabei. Seit über dreißig Jahren habe ich es immer bei mir, nur konnte ich mich bis jetzt noch nicht entschließen, es einzusetzen. Aber dann war da heute nacht diese verwunsche Straße, das Grün ringsum fluoreszierte und in einem kleinen Teich balzten Frösche.

Es müssen hunderte sein, dachte ich, ich dachte an den Nachtschlaf der Menschen und beschloss, dass ich es nun endlich einsetzen würde. Ich zog es aus meinem Rucksack, zündete es und warf es ins Wasser. Es gab einen Knall, es gab eine haushohe Fontäne, und als sich das alles gelegt hatte, schwammen die putzigen Amphibien mit dem Bauch nach oben und sagten nichts mehr. Hach, bist du gemein, dachte ich, aber natürlich hatte ich mir alles nur ausgedacht und fuhr erleichtert heim.


Mo 20.05.13 14:58

der sonntag lügt, er ist ein montag,
er schlampt, die bäcker haben zu,
der himmel ist woanders und den zuschlag
für eine ruhige kugel hättest du.

bei dir wär ich heut aufgehoben,
aber du schläfst und sonst ist niemand da,
während im erdkern feuer toben,
ist auf der kruste alles wie es war.

aha, ich falle also jetzt hintüber,
und aktiviere meinen tattergeis,
ich gehe und ich werde nimmer klüger,
und weiß mit sokrates, dass ich nichts weiß.

da draußen ist es grün und feucht,
in mir ist alles raserei und blut,
und dass mir hin und wieder was entfleucht,
bestätigt, es ist alles gut.


Di 21.05.13 21:03



ich rauche nun ein viertel deutscher hecke,
und himmle kühlen regen an,
ich liege unter einer decke,
ergebens. mensing. ja. und dann?

bin ich so hin- und her gerissen,
so ohne anhalt, ob die arbeit gut,
nur abgeschlossen, bald vergessen,
oder ob sich vielleicht mal großes tut.

ich weiß nicht einmal, ob ich's wollte,
ich will es, sag es, aber ob das stimmt,
und wenn es mich dann überrollte,
wäre ich der, der's ruhig nimmt?

der furz des schützen beim elfmeter,
ich hab ihn nicht erfunden, doch er ist von mir,
ich lege mich ich einen bräter,
erwarte garung ruhig bei einem bier.


Fr 24.05.13
10:22

Die Katze sitzt mir gegenüber und starrt Löcher in die Luft. Ähnliches werde ich heute tun. Alles ist erledigt. Der Roman liegt als Stapel Papier auf meinem Schreibtisch und reift still. Wenn er zu stinken beginnt, werde ich mir Zeit nehmen und ihn verkosten. Dann wird hier und da noch ein wenig Blut fließen, bei Korrekturen bleibt so etwas nicht aus, ich werde ihn auf fünf bis zehn Sätze zusammenschnurren, mit denen ich die Lektoren hoffenlich überzeugen kann, dann beginnt das Warten, das Vergessen und alles andere auch. Das Starren von Löchern ist eine meditative Tätigkeit und schadet der Menschheit nicht. Im Gegenteil, ich wette, wenn häufiger Löcher gestarrt würde, ginge es uns besser. Die dummen Tauben haben wie jedes Jahr ihr erbarmungswürdig schlampiges Nest in eine Astgabel der japanischen Kirsche vor meinem Küchenfenster gebaut, hocken abwechselnd darin und gurren, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich je Jungvögel gesehen hätte. Mein albanischer Nachbar ruft. Er lädt mich zum Kaffee.


Sa 25.05.13 15:35

Graues Gebräu mit hoher Regenwahrscheinlichkeit. Soweit die äußeren Gegebenheiten. Die inneren sind komplizierter. Da kann kein Meteorologe Vorhersagen treffen. Da hat nicht einmal der Hirnträger Einfluss, weil er weiß, dass dieses komplexe Ding, das, wollten Menschen es voll funktionsfähig nachbauen, als Rechner etwa, die Größe Londons haben müsste. Nein, denn dieses Organ träumt die Welt, die nur ihm so und nicht anders erscheint, während sie anderen wiederum anders erscheint usw. usf.

Dennoch kann sich das Organ in die Gemütslagen anderer eindenken, es ist fähig, Hoffnungen mit ihnen zu teilen, und eine Hoffnung, eine ganz und gar nutzlose, niederträchtige und doch zutiefst befeuernde Hoffnung ist, dass Bayern heute abend in kleine Stücke zerlegt wird. Das hofft das kleine Hirn im Kollektiv mit vielen anderen. Sollte es enttäuscht werden, wird es die Lage neu berechnen. Dazu benötigt es ein wenig Energie durch zugeführte Speisen, Getränke, eventuell Drogen, mehr nicht, während das nachgebaute Hirn in Form eines Rechners der oben genannten Größe wahrscheinlich die Energie mehrerer Atomkraftwerke benötigte. Mit diesem kleinen Wunder lasse ich mein Hirn den Rest des Tages träumen und werde hoffentlich positiv überrascht.


So 26.05.13 18:29

Schade, ich wurde enttäuscht, aber ist ja ein Spiel und die Spieler wissen, dass sie mit Sieg und Niederlage leben müssen. Sie werden fürstlich bezahlt, mit vierzig haben die meisten, was ich jetzt noch nicht habe, kaputte Knochen, gedehnte Sehnen, Splitter und Ersatzteile, mich ärgert nur, dass der Teufel immer und immer wieder auf den größten Haufen scheißt. Aber das ist Showbusiness. Mutti mag das auch, sie hat Schweini geherzt und alles angelacht, was vorbei defilierte, wo sie doch heute schon mit China spricht und die Solarindustrie rettet, also, kein Grund zur Trauer, ich lache einfach drüber, ich spiele das gleiche Spiel, leider viel schlechter bezahlt.


Mo 27.05.13
15:01

Zweimal bin ich durch den Supermarkt gestreift auf der Suche nach Salz. Da, wo der Zucker steht, dachte ich, bei den Gewürzen, bei den Suppen, nein, da auch nicht, also fuhr ich ohne Salz heim, hatte den Einkaufswagen aber dennoch gefüllt. Jetzt kann der Mai auslaufen in den Juni, die Sonne scheint, es ist windig, der Dichter hat Pause.

Pause: Euphemismus für gefährliches Nichtstun.

Er ist leer gelaufen wie eine Talsperre nach einem Dammbruch, und nun sitzt er da und schaut auf den Grund. Was da alles rumliegt, denkt er, wer hat das bloß da reingeworfen? Und dann ist da auch noch die Sache mit den unnützen Worten, die ihn jedes Mal aus der Kurve werfen, diese gut gemeinten Worte, die ihn zu etwas stilisieren, was er ganz und gar nicht ist, oder nur einmal war, in seinem langen Leben vorher.

Und natürlich liegen da Fragen herum. Verrostet, verschlammt, man denkt, die können einem nichts mehr anhaben, aber kaum nähert man sich ihnen,
werden sie unbeantwortbar. Ein Scheißdreck, denkt der Dichter, was haben wir uns da bloß eingebrockt? Wer soll das alles auslöffeln? Ich? Ich doch nicht. Ich bin unschuldig.

15:44

schwere lyrik am nachmittag 1

heiteres, oh heiteres,
fließt nicht ohne weiteres,
heiteres benötigt blues,
dann erst hat es hand und fuß.

17:15

schwere lyrik am nachmittag 2

früher deckte man noch gern,
wenn auch selten apfelkuchen,
heute bleibt man lieber fern,
sollen's andere versuchen.

21:23

Ein Reisebüro, ein Beerdigungsinstitut und ein Blumenladen. Die einen bringen Reisende fort, die schon am Ziel sind, die anderen verschicken sie dahin, wo niemand ans Ziel kommt, der Blumenladen verkauft den Hinterbliebenen Sträuße und Kränze. Davor ein Parkplatz und zwei junge Kastanien.


Di 28.05.13 10:49

Der Roman will gelesen werden, es ist nur so, dass ich ihn im Augenblick nicht lesen kann.


Mi 29.05.13 11:42

Wäre ich mutig, wenn mir Kugeln um die Ohren pfiffen? Ich glaube nicht. Insofern verstehe ich die afghanischen Soldaten, die sich aus dem Staub gemacht haben. Andererseits geht das natürlich nicht. Wenn Kugeln pfeifen, müssen ja welche da sein, die Kugel zurückpfeifen lassen, sonst machte das alles ja keinen Sinn.

Wobei wir beim Kern der ganzen Angelegenheit wären: beim Bekämpfen des Terrorismus.

Als sie damals aufbrachen mit ihren Bombern, die, von Basen in England kommend, auch mich überflogen, um Afghanistan aus der Luft umzupflügen, konnte ich keinerlei Logik erkennen. Politiker konnten das. Sie sagten, dort würde meine Freiheit verteidigt. Aber meine Freiheit ist eine ganz andere, als die der Politiker. In meiner Freiheit hätte niemand interveniert, niemand würde überhaupt irgendwo intervenieren, aber wie gesagt, ich bin nur ein einfacher Mensch, der das alles nicht versteht, obwohl ich genau weiß, wie die politische Sachlage steht. Die politische Sachlage ist vertrackt, war schon immer vertrackt und wird es wohl bleiben, was darauf hinausläuft, dass das Töten nie aufhört. Und da war ich und bin ich und werde ich immer dagegen sein. Ich würde auch weglaufen, Sie nicht?


Do 30.05.13
14:55

Wie Sie vielleicht wissen, ist am 30. Mai der Weltuntergang (Refrain: wir leben nicht mehr lang, wir leben nicht mehr lang). Mir macht das herzlich wenig, dem ein oder anderen mag der Abschied schwerer fallen, daher hier ein kleiner Trost: lassen Sie sich nicht verrückt machen. Ich singe dieses Lied seit fast sechs Jahrzehnten, und die Welt ist noch immer nicht untergegangen. Was allerdings heute ein wenig verwundert, ist dieses dumpfe Brummen aus dem Erdkern, das habe ich in all den Jahren nie gehört. Möglicherweise ist es aber auch nur die Autobahn. Oder mein Magen. Vielleicht sollte ich essen.


Fr 31.05.13 13:51


Aldi hatte diesen Calvados im Angebot, 9,99 Euro, kann das denn was sein? Ja. Er rollte rund die Kehle, schmeckte eher wie ein Cognac oder ein Whisky, na ja, da stand also diese Flasche, auf einem Bein kann man nicht stehen, die Nacht war mild, die Balkontüre stand offen, man atmete und sprach über dieses und jenes, und da der Rausch ein verbrieftes, Jahrtausende altes Menschenrecht ist, machten wir uns auf den Weg. Gegen drei waren wir durch mit allem, was zu erledigen war, wir hatten es nach allen Regeln der Kunst erledigt, waren bester Stimmung, und heute früh war keinerlei Grund zu Reue. Jetzt ist es mild, die Sonne scheint, gleich fahre ich raus zu den Jungs und höre ein bisschen ihrer Probe zu, am Abend ist Hafenfest, da gehe ich Tanzen. Schönes Wochenende allerseits.


 






























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