Mai 2015                        www.hermann-mensing.de      

    

mensing literatur
 

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zum letzten eintrag


Fr 1.05.15 14:53

Die Fullmooners haben gespielt. Der Keyboarder kommt aus Hamburg, der Gitarrist aus Bechtrup, der Bassist aus Münster und ich aus Roxel: Hippies. Damals jedenfalls glaubten wir, dass wir so etwas ähnliches wären und versuchten, es in unsere Biographien einzuarbeiten. So ist aus dem Keyboarder ein weltweit erfolgreicher Erfinder geworden (eine Grammy Nominierung), aus dem Gitarristen ein Nachtarbeiter in einer Brotfabrik, der Bassist beschriftet und sortiert Scherben in einem Archäologenkeller, und ich bin Dichter.

Der Mond war zwar noch nicht voll letzte Nacht, so wie das abgemacht war bei der Namensnennung, aber er strahlte vom Himmel, so dass der umliegende Wald geheimnisvoll leuchtete. Derselbe Wald übrigens, in dem noch immer ein Frauenkopf vergraben ist. Keiner weiß wo, während die übrigen Teile der Frau, die der Russe im Streit vor einiger Zeit getötet hatte, gefunden wurden. Nur an den Verbleib des Kopfes konnte oder wollte er sich nicht erinnern. Er sagte, er wäre zur Tatzeit zu betrunken gewesen.

Ähnlich ging es gestern dem Gitarristen. Der Schlagzeuger hingegen (also ich) blieb nüchtern. Mir war danach, vielleicht, weil ich beim letzten Mal etwas zuviel getrunken hatte. So kam es, dass nach jedem Stück Diskussionen aufflammten, in deren Fokus der Gitarrist stand, der seit jeher alle Regeln missachtet. Ein ungeheurer Egoist, der manchmal zu unglaublichen Soli fähig ist, als Rhythmusgitarrist und Mitmusiker oft unbrauchbar. Er benutzt uns, um wegzufliegen. Wir sehen ihm das nach, aber manchmal muss man es ihm sagen. Er ist dann zwar immer ein bisschen eingeschnappt, weiß aber, dass wir recht haben.

Es ging auf zwei heute früh, als die Session zuende war. Der Bassist schlief auf dem Billiardtisch, der Dichter (also ich) auf dem Sofa, die zwei übrigen schliefen auf Matratzen am Boden. Alle ratzten innerhalb kurzer Zeit, nur der Dichter nicht. Nicht, dass er (ich) glaubte, Dichten zu müssen, nein, noch immer wogte das Adrenalin vom Vorlesen in ihm, Zweifel tobten hinsichtlich seiner Zukunft, eine Zukunft mit- oder ohne Frau, je nachdem, wie die Würfel fallen, und zuletzt fühlt er sich in Räumen, die nicht zuhause sind, immer ein wenig fremd, als müsse er sichern und acht geben, dass kein Feind sich einschleicht. Gegen neun heute früh war er zuhause und hat sich hingelegt. Jetzt ist er aufgestanden. Moin Hermann.



So 3.05.15 10:31

Goethe rät, komm, flieh die trübe Kammer,
Mensing weiß, dass draußen selbst der größte Jammer
gründlich sich in Nichts auflöst,
während er sich dem, der drinnen weiter döst,
unüberwindbar sich als Schreck aufbaut,
und dir ständig in die Fresse haut.


13:27

Hat man aber dann die Welt gesehn,
und bemerkt, ihr Zustand ist nicht gut,
will man lieber wieder in die trübe Kammer fliehen,
und dort saufen, bis es nicht mehr weh tut.

13:52




Mo 4.05.15 16:50

Mopsi ist heute gestorben.



Di 5.05.15 11:52

Beim Haustier diskutieren wir nicht, ob man töten darf oder nicht. Beim Haustier sagen wir, es würde leiden und das wollen wir nicht. Es würde ersticken, sagte der Arzt und gab meiner Katze eine Spritze. Sie war seit vier oder fünf Tagen kurzatmig, sie seufzte, wenn ich sie streichelte, sie schnurrte, aber sie schnurrte in einem Ton, den ich vorher nie gehört hatte. Sie hörte dann auch auf zu essen und zog sich zurück. Sonntagfrüh stand sie am Morgen fordernd vor der Tür, und ich dachte, nun ist sie übern Berg, aber dem war nicht so.

Gestern mittag fand ich es an der Zeit, mit ihr zum Arzt zu gehen. Autofahren mochte sie nie. Sie maunzte, aber es war eher ein Krächzen. Kein Wunder, ihre Lungen war voller Wasser, sie bekam nur noch schlecht Luft. Eine halbe Stunde später war sie tot. Ich fuhr mit ihr nach Hause, grub ein Grab unterm Busch im Garten, füllte es mit Blütenblättern der japanischen Kirsche, die seit zwei Tagen herumtaumeln wie Rosa Schnee, legte sie darauf, dachte, was für schönes Tier, dachte, ein Glück, dass sie kein Mensch ist, den sie an Schläuche hängten, schaufelte das Grab zu, verfestige den Boden und ging ins Haus.

Jetzt bin ich der Letzte derjenigen, die in den letzten 30 Jahren hier gelebt haben. Haustiere waren Legion. Katzen, Meerschweinchen, Mäuse, Ratten, einen Winter lang Weinbergschnecken, ein Kaninchen, ein Wellensittich und schließlich Mopsi. Alle haben Geschichten hinterlassen, alle sind im Garten beerdigt, ich weiß nicht mehr, wer wo liegt und ich habe die meisten Geschichten vergessen, denn es war soviel anderes zu tun in den Jahren. Nun also bin ich allein. Ich weiß wieder einmal gar nichts, aber das ist gut, wer nichts weiß, kann lernen. Wer glaubt, alles zu wissen, ist tot.


13:33

Kopfhaltung und Blick sagten, bin ich schön?
Für andere vielleicht, dachte ich.
Sie stolperte und fiel fast.

22:32

Bald zieht wieder ein Sprachschüler bei mir ein. Der Letzte und für mich Erste kam aus einer Hafenstadt im südlichen Chile. Keine große Stadt. Viel holzverarbeitende Industrie, wenn Google Earth nicht lügt. Ein bisschen wie in Canada auf der Höhe von Vancouver Island sah es aus. Seine Mutter, hat er erzählt, wäre eine Faschistin gewesen, damals. Sein Vater arbeitet als Hochschullehrer. Er ist bei Verwandten groß geworden und hat sich das Zimmer mit zwei anderen teilen müssen. Ans studieren habe er lange nicht gedacht. Stattdessen habe er sich mit einer Straßengang rumgetrieben. Dieser Chilene, den ich immer Professor genannt habe, was ihm einerseits gefiel, was er aber immer auch abwehrte, diese kleine stolze Chilene in einer Straßengang? habe ich gedacht. Sie hätten Baseballschläger gehabt, sie seien rumgefahren durch Viertel, aber als das mit richtigen Waffen anfing, habe er aufgehört. Ein Foto seiner Eltern hatte er nicht. Seine Eltern möchten das nicht, sie ließen sich nicht gern fotografieren, oder gar nicht, hat er gesagt. Wieso, habe ich nicht verstanden und er hat es mir nicht erklärt oder erklären wollen. Er war klein, indigen, dachte ich, aber er sagte, er wäre Spanisch. Spanisch und ehrgeizig, sehr ehrgeizig. Jeden Morgen ohne Butterbrot aufs Rad und ab nach Münster, den Dezember und Januar hindurch, wo doch die Busse direkt vorm Haus hielten. Höchsten mal einen schnellen Aufgusskaffee. Er liebte AHA, Radiohead und Bob Dylan. Eh er einzog, hatte er sich bei mir vorgestellt. Er war da schon eine Weile in der Stadt, lebte bei einem anderen Vermieter, verstand sich aber nicht mit ihm. Eine Stunde saßen wir im November letzten Jahr beieinander und beschnüffelten uns.

Für mich war das Untervermieten ein Versuch, mit meinem neuen Leben zurechtzukommen. Ich teilte die Wohnung mit ihm, und er, bzw. sein Stipendium von der DAAD half bei meiner Miete. Wir mochten uns und sind uns nicht auf die Füße getreten. Ich habe mit Weihnachten gefeiert, ihn dann und wann bekocht, mit ihm getrunken und Joints geraucht, und nebenher ein bisschen von Westfalen gezeigt. Die schmalen Straßen, die Dörfer, paar Städte, und die Burg meiner Kindheit in Bad Bentheim. Dort war er fast zwei Stunden im Regen unterwegs, während ich in einem Café auf ihn wartete. Einmal hab ich ihn mit zum Salsatanzen genommen. Es gibt ein paar Chilenen dort, und natürlich erkennen sie sich innerhalb kürzester Zeit. Jetzt lebt er in Bochum. Dorthin ist er gezogen, weil er ein Promotionsstipendium in Witten/Herdecke hat. Als er Ende Januar bei mir auszog, kam seine Frau aus Chile nach.

Der Neue kommt Anfang Juni. Er ist Japaner, 25 Jahre alt, er will Ingenieur werden, Max meint, wahrscheinlich will er in Burgsteinfurt studieren, die Fachhochschule dort hat einen sehr guten Ruf. Möglich. Augenblicklich lebt er in Indonesien. Außer seinem Vornamen klingt eigentlich nichts an seinen übrigen zwei Namen Japanisch. Eher Armenisch. Aber ich werde es ja sehen, wie es wird.


Do 7.05.15 9:31

Bis spät in die Nacht sitzt Herr M. und ärgert sich. Seine Maschine unterstützt Bluetooth nicht. Was soll das überhaupt heißen, Bluetooth? Blauer Zahn? Trauriger Zahn? Wie kommt man auf so etwas? Und wieso sagt das System, Windows Server unterstützten grundsätzlich kein Bluetooth? - Herr M. hat sich doch einen Kopfhörer gekauft, der ohne nicht funktioniert. Ob er den Russen bittet, ihm zu helfen. Der Russe hat einen kleinen Laden an der Ecke Warendorfer/Brüderstraße und sieht genauso aus, wie Herr M. sich einen Russen vorstellt. Groß, kräftig, Kartoffelkopf. Da passt eimerweise Wodka rein. Ja, der ist freundlich, den wird er fragen, damit der Ärger mit dem System endlich aufhört. Ein System soll seinen Nutzer nicht verägern, sondern ihm sklavisch zu jeder Tages- und Nachtzeit dienen, das soll das System, aber das tut es nicht und hat es noch nie getan. Herr M. wird Kaffee trinken müssen, um klarer denken zu können. Wär' er doch damals bloß auf dem Baum geblieben, denkt er noch, während er nach seiner Katze Ausschau hält, aber die ist nicht da, die ist tot, jetzt fällt es ihm wieder ein.

Und dann wird er sich Gedanken über sein Auto machen müssen. Und über Frauen auch. Eigentlich, denkt Herr M., ist die Welt wundervoll. Was sie so kompliziert macht, sind Menschen. Wären sie bloß auf den Bäumen geblieben.

22:20

Da war was los heute, das kann man
so sagen. Erstmal allerdings nichts, denn im Augenblick frühstücke ich gern im Bett und komme nicht vor zehn raus. Dann aber nahm es Fahrt auf, denn ich habe ja einen alten Benz, den ich loswerden muss, und ich hatte bei Ali einen Citroen gesehen, der interessant schien. Ich dachte, den tausche ich gegen den Benz. Ali, der Iskander heißt und einen Sohn hat, den sie immer Nixkander genannt haben, hat eine Halle an einem Dorfrand mitten im grünsten Westfalen. Früher hatte er eine viel kleinere neben der Werkstatt meines Lieblingsnachbarn, der Spezialist für Citroen aller Jahrgangsstufen ist. Daher meine Suche nach einem Citroen, denn, so mein Nachbar, der ist billig, den kann man reparieren, da ist kein Computerschnack drin. Ali zickte ein bisschen beim Benz, eins zu eins wollte er nicht tauschen, er meinte, ich müsse schon nach was drauf tun. Wir werden seh'n, sagte ich. Der Citroen fuhr sich gut. Er lag fein in der Spur. Mein Nachbar checkte ihn und meinte, den könne ich kaufen. Dann aber, nach Mittag, rief er mich an und sagte, er hätte noch ein bisschen im Internet gesucht, und da wäre dieser Citroen in Neustadt am Rübenberge, der sähe gut aus, den solle ich mir mal anschaun. Ich tat es und fand auch sofort, dass das ein besseres Auto als das von Ali wäre. Heute abend sprach ich mit meinem Nachbarn, und jetzt kommt die Pointe. Ich sagte ihm, weshalb ich glaubte, dass das das bessere Auto wäre. Es läge an der Art, wie der Verkäufer das Auto fotografiert habe. Ländlicher Raum, im Hintergrund ein Motorrad, bisschen Rasen, Wäschestangen, Bäume. Das hatte was. Mein Nachbar hatte das genauso gesehen. Wir sind jetzt so verblieben, dass er den Autoverkäufer anruft. Er sagt, er werde ihm ein paar Fragen stellen, aus deren Antworten er mit großer Sicherheit schließen könne, ob unser beider Annahme berechtigt ist. Ich erzählte ihm dann noch von den beiden Südeuropäern, die heute nachmittag bei mir waren, um sich meinen Benz anzuschauen. Irgendwann hatte ich einmal eine Visitenkarte von ihnen am Auto gefunden und eingesteckt. Möglich auch, dass es Araber waren. Der Handel mit gebrauchten Fahrzeugen scheint in fester Hand von Südeuropäern und Arabern. Die beiden sahen wild aus, aber wir wurden uns nicht über den Preis einig. Ich tu mich schwer, meinen Benz für weniger als 500 aus der Hand zu geben. In Afrika könnte ich damit noch Jahrzehnte fahren. Ja, so war das. Jetzt lege ich mich, lese noch ein bisschen und dann penn ich.


Fr 8.05.15
10:47

Herr M. öffnet den Rechner, lädt Word und beginnt. Er hat nichts Besonderes vor, nur noch ein wenig tippen, er will nicht nach draußen damit, er ist viel zu oft draußen mit Text und eitel auf der Jagd nach Likes, das ist eine Sucht, die außer ihn viele befallen hat. Kaum aber hat er Word geöffnet, sind auch schon die ersten Zeilen geschrieben und er staunt, was da steht. Es gefällt ihm. Er fährt fort und spürt, dass es fließt, aber Halt, es ist spät und Herr M. ist müde, Herr M. will nichts mehr sehen und hören von der Welt, aber jetzt hat er schon zwei Seiten geschrieben und denkt: Scheiße, Romananfang. Er wollte doch nicht schreiben. Er wollte nachdenken. Speichern also, denkt er, schlafen jetzt, Deckel zu und ab ins Bett. Aber so ein Text lässt sich nicht abschalten, so ein Text arbeitet weiter. Nach zwei Stunden mit beschleunigtem Puls und wüsten Fantasien hilft nur noch Baldrian, aber das hilft auch nicht, Herr M. schläft unruhig und als er am Morgen erwacht, will er gleich wieder ran an den Text. Der Himmel ist blau, Herr M. geht auf den Balkon und bindet sich am Stuhl fest. Dort wird er bleiben.


Sa 9.05.15 21:23

Niemand will mir glauben, das Antwort auf alle mir bisher gestellten Fragen weder 42, noch, wie letztlich vermutet, Emsland, sondern Bismarckstraße 22 heißt. Mehr ist dazu nicht sagen.


So 10.05.15 9:38

Herr M. möchte daran erinnern, dass es um 9:38 an diesem Sonntag nach wie vor erst 8:38 ist und sich auch so anfühlt, weshalb er noch längst nicht auf den Beinen ist. Kaffee im Bett, die erst halb durchforstene, hier und da angelesene Zeitung, der Rechner. Mehr benötigt er nicht. Den Text, den er vor mehreren Tagen schrieb, ein so genannter Romananfang, derer es viele auf seinen Festplatten gibt, hat er noch nicht wieder angeschaut. Er wird sich auch hüten. So dumm kann niemand sein, sich einen nur zum Teil sonnigen Maimorgen mit Literatur zu versauen. Nein, nein, in den nächsten Stunden wird es vorrangig darum gehen, sich zu duschen, ein vernünftiges, kräftiges Frühstück zu sich zu nehmen, wahrscheinlich Eier mit Speck, vielleicht auch auch Müsli. Den Rest des Tages wird er in die Aktentasche packen. Sollen sich andere um ihn kümmern. Er hat Wichtigeres zu tun. Er muss mit der Zeit fließen, das ist nicht einfach, aber es kann gelingen. In diesem Sinne allen ein schöner Sonntag.

16:31


16:39

Stunden das Rad bewegt, auch über Berge, atemlos aufgeben müssen auf halber Höhe, aber immerhin. Das Rad vorbei an einer mürrischen Familie zum Häusken geschoben, das wir uns mal kaufen wollten. Im Waldschatten bergab bis zu den Bänken mit Tisch und Blick auf den Nordrand des Ruhrgebiets.

Hier haben Chris, ich, Jan, Carsten und Iris mal Picknick gemacht. Schön war das, als noch alle beisammen waren, lebendig und mittendrin. Da habe ich pausiert und bin dann gedrosselt bergab bei Franz vorbei, wo ich früher gerast wäre, übern Lenker gebeugt gerast und vor Freude geschrien, aber das mach ich nicht mehr, zu gefährlich. Rechts zur Leopoldshöhe hoch, trinken, trinken, trinken, aber die Kneipe gibt es nicht mehr, jemand sagt, Haus Klute.

Also weiter, übern Kamm der Baumberge, abwärts durch Wald und schwieriges Gelände. Zur Belohnung schließlich der lange, kaum gedrosselt abgefahrene, bis fast zum Bahnhof Havixbeck sich hinziehende Weg.

Das Grün macht besoffen. Das Grün ist vielfältig wie 50 verschiedene Namen für Schnee. Ich kenne ein paar: Buche, Linde, Eiche, Platane, Rotbuche, Kastanie, Ulme vielleicht. Alles grün und anders. Dann noch ein Kibitz, der zwei Kinder auf dem Feld ausführt und aufsteigt, als ich vorbei radle, aufsteigt und schreiend über mir kreist, während die Jungen übers Feld laufen, wenig beunruhigt, scheint's.

Schließlich Haus Klute: 0,3 Radler im Rosengarten, vorzüglicher Apfelkuchen, und eine lautstarke Gruppe holländischer Sonntagsrocker mit Eisernen Kreuzen auf den Kutten und weiß gestrichenen Stahlhelmen, Harleys fahrend, keine unter 15000 Euro, falls man sie überhaupt dafür kriegt. Fette Holländer Ende Dreissig, Anfang Vierzig.

19:07

Auf dem linken Platz wird Dressur geritten, auf dem rechten bereitet man sich vor. Zwanzig, dreißig Mädchen zwischen 10 und 16 auf Pferden unterschiedlicher Größe reiten dort durcheinander. Hin kommt eines an den Zaun und wird vom Vater mit Cola versorgt, oder der Vater knöpft ihm die Jacke zu und streicht den Kragen ordentlich. An der Trennlinie zwischen den Plätzen stehen zwei Pferde, Mädchen drauf, möglich, dass sie gleich Dressur reiten müssen und warten. Ein Pferd macht plötzlich einen langen Hals und fährt den unterarmlangen Penis aus. Der hängt zunächst senkrecht, hebt sich aber dann und wann waagerecht bis unter die Bauchdecke. Was er wohl hat, denke ich. Nach etwa fünf Minuten zieht er den Penis wieder ein.

23:11

Blick vom Balkon




Mo 11.05.15 22:53

Zu warm.
Muss Unwetter her
Muss Baum umfallen
Muss Wasser steigen
Muss Katastrophe


Di 12.05.15 11:45


"Nun ist schon wieder etwas passiert." *1 Nichts Großes, nein, eine Nichtigkeit, niemand hat es bemerkt, aber es ist passiert und nun hat es Folgen. Irgendwo ist irgendetwas nicht mehr so, wie es vorher war. In den Zeitungen steht nichts, auch das Fernsehen schweigt, vom Internet ganz zu schweigen. Möglich allerdings, dass es in den Baumkronen wispert und von Wald zu Wald weht, dass es über die Berge kommt und über die See, das schon, ja, aber weil es so klein ist und von niemandem bemerkt, hat es Zeit, und dann ist es plötzlich groß, so groß, dass man es nicht mehr übersehen kann, und dann ist es zu spät. Aber wie gesagt, so weit ist es noch nicht. Höchstens, dass mal die ein oder andere Stirn des ein oder anderen aufmerksamen Menschen sich in Falten legt, aber auch die wissen nicht, wieso sich ihre Stirn in Falten legt. Wie die meisten haben sie vergessen, dass ihr Körper alles registriert, und dass sie ihn lesen könnten wie ein Zeitung. Stattdessen glauben sie, ihr Kopf könne alles entschlüsseln.
Irrtum auf Irrtum hat sich gehäuft, man hat Namen für sie erfunden, hat um diese Namen Denkschulen gebaut und Diskurse geführt, und das alles nur, um darüber hinwegzutäuschen, dass es in den Baumkronen wispert und bald zu spät ist, nur darum, nicht einmal aus bösem Willen, nein, aus Dummheit eher. Wie schade. * 1 Wolf Haas

23:10

Ich habe wichtige Lebenszeit damit verplempert, Bluetooth in mein System einzupflegen, und weder mir, noch dem Russen an der Warendorfer Straße ist es gelungen. Er hat alles probiert und Schlüsse gezogen: mit dem Kopfhörer ist was. Dein System ist in Ordnung, hat er gesagt, nachdem es ihm nicht gelang, ihn mit seinen Systemen zu koppeln. Heute daher Rücktausch und Kauf einer USB-Soundkarte mit Anschluss für Kopfhörer und Mikro. Und siehe, es funktioniert. Seitdem höre ich Radau der alten Männer. Genialer Krach. Nichtkönnen, Mut, Ablehnung aller Autoritäten, Klischees, vor allem aber: von vorne bis hinten ohne nach Mutter und Vater zu fragen improvisiert. Nichts ist peinlich. Alles darf.


Mi 13.05.15 12:30



immer wieder find ich grund
mich aufzuschieben,
abzubiegen, links mich zu verlieben,
immer gleich darauf rechts nachzuschauen,
wo ich hinseh, frauen.

da, schon wieder neuer grund,
über den zu gehen sich nicht lohnt,
dünnes eis, ich weiß, es knackt,
gehe dennoch, singe oden an den mond,
bis mich das entsetzen packt.

immer wieder,
ich versteh' es nicht,
aufzuschieben ist mir eine pflicht,
abzubiegen eine qual,
gute nacht, bis nächstes mal.


Fr 15.05.15 11:04


Wundervollstes Überlandfahren nach Luttezand.





Sa 16.05.15
9:57

Romananfang 18

Herr Sellfisch sagt, ihm sei schwindlig. Wenn er so rumsitzt, rolle die Welt manchmal seltsam herum. Aber, sagt Herr Sellfisch auch, das mache ihm eigentlich nichts. Er würde nur gern wissen, woran das liegt. An der Welt, sagt sein bester Freund, der schon seit Jahren tot ist. Herr Sellfisch redet gern mit Toten. Ihn
interessieren die Ebenen der Realität, von denen Herr Hawking so gern spricht, sonst interessiert ihn eigentlich nichts. Er ist nämlich in einer komfortablen Lage. Er hat einmal, da war er noch jung, ein Lied geschrieben. Und das Lied hat einen derartigen Erfolg gehabt (und hat es noch immer), dass Herr Sellfisch nichts tun musss. Schwindlig? sagt der Tote, der Rotenbusch heißt, und der, kurz bevor er starb, einen Roman an einen Verleger verkauft hat, der der Sohn eines großen Waschmittelherstellers war, vielleicht des größten Waschmittelherstellers überhaupt, der zu Herrn Rotenbusch Kindertagen in den ersten Fernsehwerbespots kilometerlange Wäscheleinen über Berg und Tal spannen ließ, quasi eine kommerzielle Vorwegnahme der Herrn Sellfisch manchmal merkwürdig anmutenden Aktionen eines rumänischen Künstlers und dessen Frau mit den feuerrotesten Haaren, die die Welt je gesehen hat, klimakteriumrot, sozusagen. An den hatte Herr Rotenbusch einen Roman verkauft, sich vor Freude betrunken, und war dann mit dem Simca eines gemeinsamen Bekannten von Herrn Sellfisch und ihm genau an der Ecke verunglückt, in dem die Familie Bentink ein Restaurant betreibt, deren Sohn bei 9/11 in einem der Twintower starb, aber das ist eine andere Geschichte.

Weitere Romananfänge finden Sie hier....


Mo 18.05.15
22:22

So ein Auto ist leider geil. Man setzt sich rein und fährt los, so wie wir Donnerstag losgefahren sind. Man wählt schmalste Straßen, man hat ein Navigationsgerät, aber in Wirklichkeit fährt man nach Himmelsrichtungen und Instinkt, so dass das Navi nur bestärkt, was man tut, oder reguliert, falls man sich verschätzt hat. Auf solchen Straßen fährt fast niemand sonst, solche Straßen erreicht man mit keinem anderen Verkehrsmittel, es sei denn, es wären Straßen in näherer Umgebung des Wohnortes, die erreicht man auch mit dem Rad. Aber alles was über dreißig, vierzig Kilometer hinausgeht, wird kompliziert und mühsam. Ich überlege, ob ich meine automobile Existenz beenden soll. Man hat mir geraten. Es war ein guter Rat. Ich werde den Rat überschlafen. Und dann muss ich mich entscheiden.

Di 19.05.15 16:01

Schwerer Schlaf letzte Nacht, Halbschlaf wahrscheinlich, wie immer vor Lesungen. Nach über 400 Lesungen der letzten Jahren leide ich immer noch unter Lampenfieber, und werde in diesem Leben davon nicht mehr genesen. Zum Glück war die Reise zum Lesungsort kurz, 30 Kilometer nur. Ich bin nach solchen Nächten aber auch schon um 5 Uhr aufgestanden, um bei Niesel und Schneeregen im Februar 150 Kilometer bis ins Siegerland zu fahren, um dreimal zu lesen. Heute musste ich zweimal lesen. Und wie das auch immer so geht, kaum hat man begonnen, weiß man schon, wo das oder die schwierigen Kind/Kinder sitzt/sitzen. Man sieht es ihnen an der Nasenspitze an. Heute waren es zwei, ADHS, sagten die Lehrerinnen später, und einer, ein Junge in grünem T-Shirt, der gern und häufig dazwischen redete, stand nach der Lesung vor mir, zeigte auf meinen Hals und fragte, was schlabbert da so? Herzerfrischend, diese Kinder. Ich antwortete, das sei die alte Haut meines Halses, die werde er zu gegebener Zeit auch bekommen. Damit schien er zufrieden. Ansonsten sehr schöne Lesungen. Und falls mir nicht doch noch ein bezahlbares Auto vor die Füße fällt, das mit der Eleganz und dem Fahrkomfort meines durch den TÜV ausgemusterten Benz konkurrieren kann, bin ich als Besitzer eines Autos Vergangenheit, aber das scheint unwahrscheinlich. Ein Mäzen? Nicht in Sicht. Ich würde viel Geld sparen, soviel ist sicher. Nur der Schmerz über den Verlust könnte mich noch umstimmen.


Mi 20.05.15 11:48

Aus dem nachtschwarzen Himmel tauchen Landescheinwerfer, gleich dann ein Rauschen über den Kiefern, das erwartete Flugzeug. Ich schlage ein Kreuz, man kann ja nie wissen. Das Flugzeug setzt auf, noch immer kann alles passieren. Eine Viertelstunde darauf liegen wir uns in den Armen. Dann fahren wir heim. Ich nehme die Autobahn. Stupides Nachtfahren, erträglich nur, weil ich in Gesellschaft bin. Die Hinfahrt über Land war reizvoll. Immer nach Westen, ins Grün, im Abendlicht über den großen Fluss, am Horizont eine schwarzgraue Wetterfront, schließlich dieser Flughafen mitten im Wald, früher eine britische Airbase, jetzt in Händen der Iren von Ryanair.

23:08

Es ist nichts mehr zu tun.
Alles ist gut, das meiste ist liegengeblieben.
Husch husch jetzt, im Bett wird es schön.


Fr 22.05.15
16:03

Muselmanische
Autohändler wollen für meinen Mercedes kaum mehr als ein Handgeld zahlen. Lieber überschütte ich ihn mit Benzin, zünde ihn an und melde ihn der Versicherung. Seltsam, bald kein Auto mehr zu besitzen. Aber es wird für alle besser sein, nicht nur für mich. An Schreiben ist nach wie vor nicht zu denken. Manchmal fühlt es sich an, als wäre auch das zuende.


Sa 23.05.15
11:03

Eines Tages geht das erste Kind aus dem Haus. Die Eltern bleiben wehmütig zurück, wissen aber, dass alles gut ist. Sie leben schon lange zusammen, manchmal sehr glücklich und manchmal nicht. Plötzlich stirbt ein Ehepartner, im Grunde von heute auf morgen. Der Zurückgebliebene kämpft um sein Leben danach. Das dauert, aber es gelingt halbwegs. Dann geht das andere Kind fort. Zum Glück ist noch ein Haustier da. Irgendwann stirbt auch das. Niemand sitzt mehr im Flur und beobachtet, wenn der Zurückgebliebene morgens aus dem Schlafzimmer kommt. Soll das bis ans Ende so weitergehen?



So 24.05.15
11:06

Schon seit Jahren gibt es dieses Taubennest in der japanischen Kirsche vor meinem Küchenfenster. In der Mulde von drei auseinander strebenden, unterarmdicken Ästen ist es armselig zusammen geschustert. Obwohl ich dort Jahr für Jahr Tauben beobachte, die Balztänze aufführen, habe ich noch nie eine junge Taube gesehen. Bei Menschen gibt es eingebildete Schwangerschaften. Gibt es die bei Tauben auch? Jedenfalls flattern sie jede Saison mit den Flügeln knatternd heran und machen sich zu schaffen. Eine sitzt auf dem Nest, die andere gurrt, Schichtwechsel kündigt sich an, aber Jungtauben - keine Meldung. Ich weiß also nicht, was das zu bedeuten hat, und ich weiß auch nicht, ob die Tauben, die dort auftauchen, die gleichen Tiere sind wie im Vorjahr. Falls, wären sie mittlerweile schon ganz ziemlich alt. Oder sind es doch Jungtauben, die gleich nach dem Schlüpfen heimlich verschwinden, um als erwachsene Tauben in das verschissene Nest ihrer Eltern zurückzukehren? Dieses Nest macht mich regelrecht wütend. Ich verstehe nicht, wie eine so nachlässige Ansammlung von Stöckchen, die ohne jede sichtbare Sorgfalt dort wie abgelegt scheinen, über Jahre Wind und Wetter trotzen. Manchmal wünsche ich mir ein Gewehr.

21:50

Ich esse so gern Lakritz.
Manchmal allerdings, wenn mein Herz zu poltern begann, nachdem ich eine Tüte gegessen hatte, fragte ich mich, ob das mit den Lakritz zu tun haben könne. Heute las ich in einem Artikel der Süddeutschen, dass eine Frau, die täglich 400 Gramm Lakritz gegessen hatte und zunehmend Herzprobleme davon bekam, Haribo verklagt hat. Solche Klagen sind eine seltsame Sache, ich finde. Wenn man jeden Tag fast ein Pfund Lakritz isst, muss man sich nicht wundern, dass das Folgen hat, welche auch immer, aber ich habe nun beschlossen, meinen Lakritzkonsum einzuschränken, falls nicht ganz herunter zu fahren. Womit einmal mehr bewiesen wäre, dass alles immer weniger wird, bis schließlich nichts mehr bleibt. Heute allerdings war es wunderschön, Salsa auf der Aaseebühne, ich habe kaum einen Tanz ausgelassen. Das liegt aber nicht an den Lakritzen.


Mo 25.05.15 11:24

Der Himmel hängt tief. Zum Glück ist alles im Hause, was ich brauche. Kaffee also, und frische Literatur. Damit kann ich mich auf's Sofa verziehen. Ich muss mich nicht einmal anziehen, Morgenmantel reicht, Socken noch, damit die Füße nicht kalt werden, Decke drum und dann lesen. Zwischendurch denken, hach, war das schön auf dem Aasee, dankbar sein, dass die Knochen das mitmachen, dass alles wie geschmiert läuft und ich sogar eine gute Figur mache. Hach ja. Ja, ja, jaaa. Und heute abend gibt's leckeres Lamm.


Di 26.05.15 11:27

Es hatte noch kaum angefangen am Sonntag ...



12:57

Ich träumte, ich müsse zwei Sätze sagen, zwei Sätze in einem Film, einem Theaterstück, ganz klar war das nicht, klar war nur, dass ich irgendwo stand, diese Sätze las und wusste, ich würde sie nicht sagen können, vielleicht, weil ich sie schon während des Lesens vergaß, vielleicht aber auch, weil ich zu faul wäre, sie auswendig zu lernen oder sie mir einfach nicht über die Lippen wollten. Dann kam ein gewaltiges Wetter heran, eines mit so düsteren Wolken, dass alles möglich schien. Ich war erleichtert, denn bei diesen Aussichten blieb keine Zeit mehr, die Sätze zu sagen.

Ich träumte, wir saßen bei Fandrich, eine Kneipe in Gronau. Udo war auch da. Er brauchte einen Trommler. Drei standen zur Auswahl: Berte (der seit über zwanzig Jahren sowohl bei Udo also auch bei Maffay trommelt), Olaf, der frühere Trommler der Stier Crew und ich. Udo sagte, lass Hermann trommeln. Das Schlagzeug wäre im Graben. Wir müssten das holen. Der Graben war vorm oder im Schloss. Auf dem Weg dorthin tauchte Detlef P. auf. Er saß auf einem Rollbrett, das aussah wie die Bodenplatte eines großen Flightcase. Er saß wie auf einem Liegerad, und trug eine Mütze mit dem Schirm nach hinten. Seltsam, dachte ich. Was will der hier, der ist doch tot. Detlef und ich hatten mal eine Band. Sie hieß Neo Deo. Eh wir auftraten (wir traten nicht oft auf) meditierten wir. Detlef war Gitarrist, ich Trommler. Detlef war ehrgeizig. Sein Vater hatte ihm das Herz gebrochen. Seitdem sehnte sich, u. a. nach Wahrheit. Er wurde Scientologe. Die Scientologen nahmen ihn aus wie eine Weihnachtsgans.


Mi 27.05.15 11:03

ich gehe hinten rein,
doch vorn spielt die musik,
ich lasse alles sein
für diesen trick,
ich habe einen hut,
kaninchen hab' ich nicht,
ich meide übermut,
pflege das gleichgewicht,
und eines tages dann, schon morgen,
bezwinge ich den bann, die sorgen.


Fr 29.05.15 12:35

Gestern in Nijmegen.

"Wachteres" Paul de Swaaf





13:28

Gleich hinter der Grenze bei Oeding stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Messerschmidt Kabinenroller. Aufgeklappt, quietschgelb, der Fahrer daneben. Irgendetwas war mit dem Motor, er schien bemüht, den Schaden zu identifizieren und eventuell zu beheben. Da, rief ich meiner Begleiterin zu, guck mal, und dann sah ich, dass mich ein Uniformierter rechts heran winkte. Ich hielt. Ich öffnete das Fenster. Ich sagte zu ihm, was habe ich denn getan? - Das wissen Sie nicht? - Nein. - Darf ich denn mal Ihren Ausweis sehen? - Ja, natürlich. Zu schnell bin ich nicht gefahren, oder? Er lächelte. Ich weiß nicht, sagte er. Denken Sie doch mal nach? - Wie, nachdenken? - Der Uniformierte lächelte. Und dann fiel es mir auf. Er war Zöllner. Ach so, sagte ich. Zöllner. - Ja, sagte er. Haben Sie denn etwas zu verzollen? - Was sollte ich zu verzollen haben? - Kaffee, Zigaretten... sagte er. Nö, sagte ich, wohl wissend, dass meine Begleiterin nicht ohne Kraut hatte reisen wollen. Eulen nach Athen tragen, hatte sie am Morgen gesagt, als wir nach Holland einreisten. Marihuana zum Beispiel? sagte er. Oh ja, sagte ich, alles voll, hinten. Sagen Sie das nicht, sagte er, das hatten wir schon, aber Sie sind ja wohl nicht meine Klientel. Nö, sagte ich. Wir verabschiedeten uns und fuhren weiter. Wenn du wüsstest, riefen wir aus sicherer Entfernung.







15:26

Wir sahen die Baumreihe. Dahinter floss der Rhein. Dumm nur, dass wir nicht dorthin durften. Naturschutz. Wir hatten einen gut gefüllten Picknickkorb, und das Picknick sollte am Fluss stattfinden. Wir überlegten und akzeptierten schließlich die Bitte, das Gebiet nicht zu betreten. Wir setzten uns auf eine Wiese, wir tranken Kaffee, schauten uns an und sagten: oder doch? Doch, sagten wir, wir tun doch nichts, wir bleiben doch auf dem Weg. Also gingen wir los. Kaum hatten wir die Absperrung überklettert, tauchte am Himmel ein brüllender Militärjet auf, und wir dachten sofort, der kommt wegen uns. Dummes Zeug natürlich, aber doch witzig, denn wir dachten es beide. Wir schafften es bis fast an den Fluss, aber um ganz zum Ufer zu gelangen, hätten wir durch einen Streifen hüfthoher Brennnesseln gehen müssen. Ich hätte das geschafft, sie in ihrem Rock nicht. Also gingen wir zurück. Wieder auf dem offiziellen Weg, kam uns ein Jeep der Forstverwaltung entgegen. Ich fragte Fahrer, ob er einen Platz wisse, wo man direkt am Fluss picknicken könne, hier dürfe man das ja nicht. Er sagte, ja, ja, und erklärte uns, wie wir dorthin kämen.


18:58




Am Fluss aßen wir fast alles auf. Wir ließen flache Steine über das Wasser hüpfen. Bei meinem besten Wurf hüpfte der Stein zweimal, danach tat mir der Arm weh. Die Freundin behauptete, ihrer wäre sieben Mal gehüpft, aber das glaube ich nicht. Für sieben Mal war das Wasser viel zu unruhig.


Sa 30.05.15 00:09

1967 fuhr ich mit dem Moped nach Nijmegen. Ich nehme an, weil dort eine Band spielte, die ich sehen wollte. Vielleicht aber auch wegen einer Frau. Ich erinnere mich nämlich, dass ich mit einer unter die Waalbrücke ging, und wir dort einiges taten. Fein, wenn man so jung ist, einen zuverlässig arbeitenden Organismus hat, und wenn man, so wie ich jetzt, drüber lachen kann. M., ein cubanischer Bekannter, meint, dagegen gäb es doch etwas, und er wäre erst 52. Für mich nicht. Mir geht's gut.

Später war ich noch einmal in Nijmegen. Diesmal waren unsere Kinder schon auf der Welt, und als ich mit ihnen ans Ufer des Waal unterhalb der Stadt kam, an die Waalkade, eine drei, vier Meter hohe Kaimauer, ließ ich sie keinen Schritt von der Hand, weil ich mich um sie fürchtete. Mir selbst aber war die Kaimauer auch nicht geheuer, ich hatte das Gefühl, jeden Augenblick herunter zu fallen, besser noch, springen müssen, in den Knien konnte ich's spüren und im Bauch, schrecklich. Das Foto vermittelt davon nichts.





Vorgestern kam ich als Witwer, der mit seiner Freundin über Land fährt. Die letzte Reise mit meinem Benz, den nächste Woche der TÜV holt. Es ist mir gelungen, ihn 50 Euro unterm Kaufpreis an Mahmud zu verkaufen, der ihn nach Afrika verschiffen wird. Ich überlege, eine Nachricht mit meiner Adresse im Wagen zu hinterlegen, in der Hoffnung, dass mir der zukünftige Besitzer einmal schreibt, wo mein Auto herum fährt, denn ich hatte nie einen komfortableres. Wir setzten uns auf eine Bank, gut zwei Meter von der Kaimauer entfernt, aber selbst da hielt ich es nicht lange aus.


9:08




Bredevoort ist ein Bücherdorf. In Höfen, an Hausmauern, in Vorgärten stehen Regale und Tische mit secondhand-Büchern, Ramsch, den der Holländer für kleines Geld unter die Leute bringen will. Zwei, drei Antiquariate gibt es auch, zu Pfingsten veranstaltet man einen großen Büchermarkt, und irgendwie ist es den Bredevoortern gelungen, sich damit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Bredevoort ist es ein hübsches Dorf zwischen Winterswijk und Aalten. Achterhoek heißt dieses Gegend in der Provinz Gelderland, die hinterste Ecke, am Arsch der Welt. Es ist grün hier, sehr sehr grün, es gibt große Waldflächen, und es gibt Angus Young, den Gitarristen der weltberühmten Band AC/DC, der hier irgendwo wohnen soll, hatte mir ein Rockgitarrist vor einer Weile geflüstert. Wo genau, wollte ich wissen? Ich dachte, sicher hat er sich auf dem platten Land ein feines Haus mit Studio und allem Zick und Zack hingesetzt, aber nein, er wohnt, sagte mir die Bedienung eines Cafés, mitten in Aalten. Mit AC/DC verbindet mich nichts, aber interessant finde ich's doch, dass ein Weltstar dort lebt. Er ist mit einer Holländerin verheiratet ist.


10:47




Schenkenschanz lag vor 400 Jahren direkt am Rhein. Es war eine Verteidigungsanlage. Die Franzosen waren da, die Spanier, weiß Gott, wer sonst noch marodierte und schoss, es ging jedenfalls hin und her, bis der Fluss seine Richtung wechselte und Schenkenschanz seine Bedeutung verlor. Von einem Deich umgeben kann man es mit Fluttoren dicht machen. Es liegt auf einer Warft inmitten von Polderland. Es gibt eine Kneipe dort, die steht zum Verkauf, es gibt eine Kirche, einen Fußballverein gibt es auch, aber das stelle ich mir schwierig vor, es leben dort kaum mehr als hundert Menschen. Für die Überfahrt zahlte ich drei Euro. Privatfähre Michael S. stand auf einem Schild an der Kajütenwand. Man muss Philosoph sein, wenn man eine solche Fähre betreibt, sonst könnte man wahnsinnig werden.

Schenkenschanz - Wikipedia - hier

15:19

Mit einer Freundin zu reisen, ist schön. Ich überrasche sie, indem ich mich überrasche, und überraschend, umwerfend war es, Schloss Varlar zu entdecken. Schon vor tausend Jahren hat es dort ein Kloster gegeben, eine Gemeinschaft der Prämonstratenser, bis es schließlich in die Hände des Adels gelangte. Wir hatten noch nie davon gehört. Nicht ein Wort hatte man uns davon erzählt, in keiner Schule, obwohl zumindest ich noch mit Heimatkunde groß geworden bin. Das Schloss ist ein klassizistischer Bau, kaum 150 Jahre alt, die Anlage, wie man sie heute sieht, sicher auch, aber mitten im tiefsten Westfalen so ein unverschämtes Haus zu bauen für sich und seine Familie, so etwas leistete sich nur der Adel. Heute traut sich so etwas nur noch ein türkischer Präsident, Oligarchen, afrikanische Potentaten. Widerliches Volk also.

Kaum 40 Kilometer von zuhause, ein paar Geraden, Kurven, Berge, eine Stadt, ein paar Schlenker, ein Schild nach Lutum, was in meinen Ohren sehr nordisch klingt, und dann das. Schöner hätte die Reise nicht anfangen können. Allerdings musste ich die ganze Zeit kacken und konnte erst in Bredevoort auf die Toilette. Die war, wie das ganze Restaurant, auf Mittelalter getrimmt. Ich bekam die alte Holztür nicht auf, kriegte sie von innen nur schwer zu, und beim Öffnen musste mir die Bedienung von draußen zurufen, dass ich an dem kleinen Bändchen ziehen müsse. Anschließend erzählte sie mir von Angus Young.





mehr zu Schloss Varlar



So 31.05.15 12:07

Deutschland wird immer schwärzer. Vor dreißig war das nicht so. Vor dreißig Jahren waren hier weniger Ausländer und die waren ordentlicher gekleidet. Der das sagt, ist selbst schwarz, stammt aus Cuba, ist als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen und hat dort Trabants gebaut.

Soviel zu einem viel zu kühlen Mai.